Falling Skye (Bd. 1)

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So schnell ich kann, renne ich zwischen den Bäumen hindurch und gelange innerhalb von wenigen Minuten zum Ufer. Anders als in unserer kleinen Bucht neigt es sich hier steil hinunter zum See, dessen Strömungen Elias und ich an dieser Stelle aus gutem Grund immer gemieden haben. Ich bleibe stehen und klammere mich gerade noch rechtzeitig an einem Ast fest, um nicht den Halt zu verlieren. Der Vollmond wirft seinen Schein auf die Schwärze unter mir. Ein paar losgetretene Steine rollen dumpf den Abhang hinunter. Und da höre ich es. Ein Keuchen, dann schlagende Geräusche, als würde sich jemand mit rudernden Armen verzweifelt über Wasser halten. Mit angehaltenem Atem erkenne ich eine Gestalt. Sie wird vom Sog des durch den See führenden Flusses hinausgetrieben, dahin, wo der Staudamm das offene Wasser in eine Todesfalle für ungeübte Schwimmer verwandelt. Ein paar Sekunden lang lähmt mich der Anblick des immer wieder untergehenden Körpers. Rentnerin im Upperlake-See ertrunken: Naturparadies wegen tödlicher Strömung zur Sperrzone erklärt. Das war die Schlagzeile, nach der niemand je wieder einen Fuß in das Gebiet des Sees gesetzt hat. Niemand außer Elias und mir. Zumindest bis heute.
Die Spitzen meiner Sandalen ragen über den Abgrund. Ich sollte Hilfe holen, aber die Bewegungen des Menschen da draußen werden immer schwächer. Bevor ich es mir anders überlegen kann, springe ich in die Tiefe.
Das kühle Wasser des Sees umfängt meinen Körper. Für einen kurzen Moment verliere ich die Orientierung, aber als meine Finger den sandigen Boden berühren, stoße ich mich mit aller Kraft nach oben ab. Augenblicke später durchbreche ich die Wasseroberfläche und schnappe nach Luft. Wo ist er? Ich recke den Hals, während die Strömung mich in die Richtung ihres ersten Opfers treibt. Da! In einiger Entfernung sehe ich seine Arme. Meine Strickjacke hat sich mit Wasser vollgesogen und zieht mich nach unten. Ich habe nicht daran gedacht, sie auszuziehen.
Ich habe überhaupt nicht nachgedacht.
Halt durch, flehe ich den Ertrinkenden innerlich an, während ich verbissen gegen die Strömung ankämpfe, die mich zum Staudamm zieht. Doch die rudernden Arme werden immer weiter von mir fortgetrieben und Panik schnürt meine Kehle zu. Wenn ich denjenigen, der da draußen um sein Leben ringt, noch rechtzeitig erreichen will, muss ich mich mitreißen lassen. Das bedrohliche Rauschen des Staudamms in meinen Ohren, beginne ich, mit der Strömung zu schwimmen. Ein Kopf taucht vor mir auf, blonde Haare glänzen im Mondlicht, aber der Junge hat aufgehört zu kämpfen. Energisch stoße ich mich vorwärts und gelange schließlich auf seine Höhe. Ich bekomme seinen Arm zu fassen und ziehe den bewegungslosen Körper mit aller Kraft zu mir heran. Panisch versuche ich, zu Atem zu kommen, während der Fluss uns immer schneller mit sich forttreibt. Wir müssen aus der Strömung heraus! Ich schlucke Wasser, während ich den Jungen um den Bauch fasse und seinen Kopf auf meine Schulter lege. Der Blonde ist schlank, doch sein Gewicht ist zu viel für mich. Wir beginnen zu sinken, aber ich weigere mich aufzugeben, obwohl ich das Gefühl in meinen Beinen schon lange verloren habe. Das ist nur ein weiterer Wettkampf, rede ich mir ein.
Wenn Elias doch nur hier wäre!
Verzweifelt versuche ich, mich an die Rettungsgriffe des Schwimmteams zu erinnern. Ich bringe uns beide mühsam in Rückenlage und halte den Kopf des Blonden mit einer Hand. So kräftig es geht, stoße ich uns mit den Beinen Richtung Ufer. Ich schaffe es, nicht weiter abgetrieben zu werden. Langsam, entsetzlich langsam strample ich uns aus dem Sog heraus. Minuten dehnen sich zu Stunden, als ich endlich eine der Baumwurzeln zu fassen bekomme, die vom Ufer aus in den See ragen. Ich setze meine Füße auf festen Grund und versuche keuchend, meinen Atem zu beruhigen, während ich meine Last an Land ziehe. Wenigstens wurden wir weit genug abgetrieben, um am flachen Ufer zu landen. Doch meine Erleichterung darüber verschwindet, als ich in das kalkweiße Gesicht unter mir im Sand blicke.
»Colin!«, flüstere ich und schlage ihm gegen die eiskalten Wangen, während ein erneuter Strudel droht, mir den Boden unter den Füßen wegzureißen. Nur langsam beginne ich zu begreifen, wen ich gerade aus dem verbotenen See gefischt habe. »Verdammt, Colin!«
Elias’ bester Freund trägt noch immer den hellblauen Pullover der Serenity-Schuluniform. Ich denke an gestern Abend, als ich ihn von meinem Fenster aus beobachtet habe. Den arroganten Colin, den Goldjungen unserer Schule, den ich noch nie leiden konnte. Zitternd vor Anstrengung, reiße ich den Stoff seines engen Pullovers am Kragen auf und ziehe ihn ihm über den Kopf. Dann lege ich meine Hände auf seine Brust und drücke ruckartig zu. Einmal, zweimal.
»Komm schon«, flüstere ich, doch Colin rührt sich nicht.
Eine ungekannte Art von Angst steigt in mir hoch, schlimmer als alles andere, was ich jemals empfunden habe. Colin könnte sterben. Er könnte tot sein, weil ich nicht gut genug war, um ihn zu retten. Ich muss mich konzentrieren. Ich muss es schaffen. Ich muss! Ich lege meine Hand unter sein Kinn und beuge mich über ihn, um ihn zu beatmen. Da spüre ich mit einem Mal, wie die Kontrolle zurück in seinen Körper fährt. Hustend übergibt er das Wasser, das er geschluckt hat, während ich seinen Kopf hastig zur Seite drehe.
»Es ist okay, alles ist gut«, höre ich mich stottern und weiß nicht, ob ich ihn oder mich selbst meine.
Colins Finger krallen sich in meine Schultern, als würde er noch immer sinken, und ich bin nicht herzlos genug, um mich zu befreien. Langsam begreift sein Körper, dass Luft in seine Lungen strömt, und Colin lässt mich los. Sein Brustkorb hebt und senkt sich in kurzen Abständen, während er allmählich zu sich kommt.
»Der Bescheid.« Colins Stimme ist kaum hörbar, doch ich lese die Worte von seinen farblosen Lippen.
Plötzlich steigt eine schreckliche Vorstellung in mir auf. Hat Colin sich absichtlich in den See gestürzt? Hat ihn der Testungsbescheid so sehr aus der Bahn geworfen, dass er sein Leben aufgeben wollte? Nein, das kann nicht sein. Colin ist der rationalste Mensch, den ich kenne. Er braucht keine Angst vor dem Urteil des Konsiliums zu haben.
Aber wenn er so rational ist, wie du glaubst – was macht er dann halb ertrunken am Ufer eines gesperrten Sees?
»Skye?«
Bei dem entfernten Klang von Elias’ besorgter Stimme fahre ich zusammen und schaue an mir herunter. Meine Schlafanzughose klebt an meinen von Schrammen übersäten Beinen, aus meiner Strickjacke und meinen Haaren tropft das Seewasser.
»Dir ist klar, dass niemand erfahren darf, was heute Nacht passiert ist?« Colin rappelt sich mühsam auf. »Nicht einmal Elias.« Seine Stimme klingt noch ein wenig rau vom Wasser, doch das kaschiert ihren drohenden Unterton nicht im Geringsten.
»Skye!«
Ich höre, wie Elias uns immer näher kommt, und wünsche mir, seinen Namen in die Nacht rufen zu dürfen, damit er mich findet und das alles hier ein Ende hat.
Ich fixiere Colin. »Bist du gefallen?«, bricht es aus mir heraus.
»Was denkst du denn?«, erwidert Colin. »Ich wollte bloß den Kopf frei kriegen und habe die Kante übersehen. Selbstmord ist was für Emotionale.«
»Natürlich.«
Rationale finden für alles eine Lösung. Colin würde nicht einmal daran denken, sich derart von seinen Gefühlen überwältigen zu lassen.
Und warum war er dann überhaupt hier?
Ich streiche mir die nassen Haare aus der Stirn.
»Hör mir zu, Skye. Niemand von uns sollte in einer gesperrten Zone sein. Du hast eine gewaltige Dummheit begangen.« Colin scheint nicht zu bemerken, dass er meinen Arm gepackt hat. Sein fester Griff schmerzt.
»Ich habe eine Dummheit begangen? Ich habe dich gerettet!« Aufgebracht reiße ich mich los. Behandelt Colin mich ab und an herablassend? Ja. Sieht er mich nur, wenn ich im Doppelpack mit Elias auftauche? Normalerweise. Trotzdem hat er noch nie versucht, mir Angst zu machen. Ich weiche einen Schritt zurück.
»Sie werden erfahren, dass wir emotional gehandelt haben.« Colin senkt seine Stimme zu einem Flüstern. »Wenn Elias es weiß, werden sie es erfahren.«
Ich spüre dasselbe Adrenalin zurück in meine Adern fließen, das mich gegen die Strömung gewinnen ließ. Colins Worte ergeben keinen Sinn, aber warum fühle ich mich dennoch, als wäre ich jetzt in größerer Gefahr als in den Strudeln des Sees? Durch das Unterholz dringen eilige Schritte an mein Ohr.
»Halte dich links, wenn du ihm nicht begegnen willst«, sage ich tonlos und Colin nickt.
»Ich nehme das als Einverständnis.« Er ist schon fast zwischen den Büschen verschwunden, als er sich noch einmal umdreht. »Skye? Danke.«
Unsere Blicke kreuzen sich. Während ich beobachte, wie er geräuschlos im Wald verschwindet, frage ich mich, ob Colins Worte weniger eine Drohung als eine Warnung waren. Er mag über dem Bescheid die Beherrschung verloren haben, aber Hals über Kopf in einen See mit tödlicher Strömung zu springen, wie ich es getan habe, war nicht weniger impulsiv. Eine Rationale hätte nicht zwei Leben riskiert, sie hätte Hilfe geholt, klar gedacht, die Situation analysiert. Schaudernd schlinge ich meine Arme um meinen Oberkörper.
Nie zuvor in meinem Leben habe ich ernsthaft daran gezweifelt, wer ich bin. Bis jetzt.

Skye!«
Elias tritt aus dem Schatten der Bäume und ich laufe ihm entgegen. Er nimmt mich wortlos in den Arm, und für eine Sekunde durchströmen mich Elias’ Wärme und ein Gefühl von Sicherheit, bevor er den Reißverschluss seiner Jacke aufzieht und sie mir um die Schultern legt.
»Warum hast du nicht am Baumstamm gewartet?« Seine Stimme überschlägt sich nicht mehr, seit er sieht, dass es mir gut geht.
»Ich habe ein Geräusch gehört«, sage ich zögernd. Niemand darf erfahren, was wir getan haben. Nicht einmal Elias. »Dem bin ich gefolgt.«
»Jemand anders war hier?«, fragt Elias alarmiert und schiebt mich ein wenig von sich, um mir in die Augen sehen zu können.
»Nein. Es muss ein Tier gewesen sein. Und dann bin ich ausgerutscht.« Ich vertreibe das Bild von Colins totenblassem Gesicht gewaltsam aus meinem Kopf.
»Ein Glück, dass du nicht in die Strömung geraten bist. Da wärst du allein nie wieder rausgekommen.« Elias reibt mit beiden Händen über meine Arme. »Wird dir langsam wieder warm?«
Ich beiße mir auf die Innenseite meiner Wangen, um die Tränen zurückzuhalten, die in mir aufzusteigen drohen. Wenn das Konsilium von den Ereignissen dieser Nacht erfährt, könnte ich alles verlieren. Elias’ samtgraue Augen suchen meine, doch ich weiche seinem besorgten Blick aus. Ich könnte ihn verlieren.
»Willst du zurückgehen?« Ich schüttle den Kopf. Allein sein ist das Letzte, was ich jetzt will. Elias denkt einen Moment nach, dann greift er nach meiner Hand. »Komm. Ich kenne einen Ort, der dich den Schreck vergessen lässt.«
Ich folge ihm über Wege, die mit bloßem Auge nicht erkennbar sind. In meinem Gedächtnis sind sie jedoch noch genauso tief eingegraben wie in seinem. Langsam lichten sich die Bäume um uns herum, und wir gelangen zu einer kleinen Bucht, die von Felsen gesäumt in den See mündet. Ich ziehe Elias’ Jacke enger um mich und fühle mich auf einmal wieder wie die Zwölfjährige, die diesen versteckten Strand zum ersten Mal sieht.
»Wir können hierbleiben. Sie werden uns nicht finden.«
»Meine Eltern machen sich bestimmt Sorgen. Und dein Dad wird ja schon wahnsinnig, wenn du zehn Minuten zu spät von der Schule nach Hause kommst.«
»Vielleicht hast du recht.«
In dem Sommer, als meine Mutter uns verließ, schien in meiner Erinnerung an jedem einzelnen Tag die Sonne. Es war das Jahr nach dem großen Skandal. Während Dad vor dem Fernseher im Wohnzimmer saß und mit starrem Blick die Wiederholung der Parade verfolgte, zog ich einen widerwilligen Elias hinter mir her durch die Lücke in der Hecke, entschlossen, meinem freudlosen Zuhause zumindest für ein paar Stunden zu entfliehen. Früher an diesem Tag hatte Dad den großen Kleiderschrank im Schlafzimmer ausgeräumt und Mums Bilder in die Mülltonne geworfen.
»Sie kommt nicht zurück. Nie wieder.« Es ist das einzige Gespräch, das wir jemals zu diesem Thema geführt haben.
Für einen Moment flackert mein Blick zu den beiden ineinander verkeilten Felsen am Rande der Bucht, die weit genug von der Wasserkante entfernt liegen, um vor den Wellen geschützt zu sein. Sicher in dem Felsspalt verborgen befindet sich eine Kiste, die ich damals ohne Elias’ Hilfe versteckt habe, denn ihr Inhalt war selbst für meinen besten Freund zu privat: meine einzigen Andenken an Mum, die ich vor Dads Wut retten konnte.
»Bist du sicher, dass alles in Ordnung ist?«
Ich löse meinen Blick von den Felsen. Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt, um Erinnerungen nachzuhängen.
»Ja«, erwidere ich. »Es war bloß der Schreck, wie du gesagt hast.«
Wir laufen eine Weile am Ufer des Sees entlang. Als wir das Ende des kleinen Strandes erreichen, klettert Elias als Erster auf die Klippe. Ich fahre mit den Fingern über den kühlen grauen Stein, dessen Plateau uns früher so hoch erschienen ist, bevor ich mich ebenfalls heraufziehe. Elias lässt seinen Blick über den See schweifen, in den sich das Licht des Vollmonds wie flüssiges Silber ergießt.
»Übermorgen ist verdammt bald«, sagt er in die Stille hinein.
Ich nicke und hoffe, dass er glaubt, der vorgezogene Testungsbescheid wäre alles, was mich so durcheinanderbringt.
»Ich wünschte nur, wir wüssten mehr darüber, als dass wir vier Wochen lang mit einer Gruppe von Psychologen im Athene-Zentrum eingesperrt werden, irgendwo im Nirgendwo«, sage ich.
Genau wie die Aufgaben selbst wird auch der Standort der Zentren geheim gehalten. Es gibt in jedem Bezirk eines und alles, was ich aus Cara herausquetschen konnte, ist, dass sich unseres ein wenig außerhalb von New York befindet, mit dem Zug kaum eine halbe Stunde von Manhattan entfernt.
»Wenigstens bleiben wir zusammen.« Ich betrachte Elias’ ruhigen Gesichtsausdruck und setze mich neben ihn auf die Felskante. »Die Testung macht dir keine Angst, oder?«
Elias schüttelt den Kopf. »Und sie würde dir auch keine Angst machen, wenn du bei den ganzen Horrorgeschichten weghören würdest«, fügt er lächelnd hinzu.
»Kelly hat sich ziemlich besorgt angehört, als sie von dem Geländemarsch erzählt hat.«
»Vielleicht stimmt das tatsächlich«, sagt Elias mit todernster Miene. »Ich schätze, die Testleiter setzen uns mitten in der Einöde aus, bis wir so einen Durst haben, dass wir in einer Fata Morgana unseren Trait erkennen.«
Ich boxe Elias gegen den Oberarm. »Ich meinte es ernst!«
Unser Gerangel hat einen Schwarm Vögel aufgeschreckt, der sich flügelschlagend in die Luft erhebt. Elias sieht mir fest in die Augen.
»Die wollen dir doch nur helfen zu verstehen, wer du bist! Das ist alles. Niemand wird uns irgendwo aussetzen, und ich bin mir sicher, dass ein Überlebenstraining im Großraum New York kläglich an den vier Supermärkten pro Straßenecke scheitern würde.«
Mühsam bringe ich ein Lächeln zustande. Wie gern würde ich Elias sagen, warum die Horrorgeschichten über das Zentrum nicht mehr das Einzige sind, was mich beunruhigt. Aber er würde nicht verstehen, warum ich es getan habe. Er, der immer einen kühlen Kopf bewahrt, hätte niemals bei einer gedankenlosen Rettungsaktion sein Leben riskiert.
Schweren Herzens gestehe ich mir ein, dass ich Elias seit heute Nacht nicht mehr alles anvertrauen kann.
»Selbst wenn es furchtbar wird und wir nur Schullandheimessen bekommen oder schreckliche Zimmernachbarn haben«, sagt Elias, »es sind nur vier Wochen, okay? Und danach fängt unser Leben erst richtig an.«
Ich erlaube mir, für einen Moment zu glauben, dass er sich das Gleiche vorstellt wie ich: dass er davon träumt, neben mir durch die Gänge der Cremonte-Universität zu schlendern. Dass er in mir mehr als nur eine Freundin sieht. Dann dürfte es auch endlich offiziell sein, schließlich haben wir ja bei der Testung bewiesen, dass wir unsere Gefühle zurückstellen können. Später werden wir uns erst Ringe und dann Häuser ansehen. Wer weiß, vielleicht verreisen wir zur Feier unserer Verlobung, obwohl Elias zu diesem Zeitpunkt bestimmt schon furchtbar mit seinem Parlamentarieramt beschäftigt ist und ich als Volontärin bei CrystalClear News alle Hände voll zu tun habe …
Eine Welle berührt meinen herabbaumelnden Fuß, und ich schnappe nach Luft, als die Erinnerung an Colins schlaffen Körper mich erneut unter Wasser zu ziehen droht. Die Bilder meines Kampfes mit der Strömung prasseln auf mich ein. Gefangen im Sog, höre ich Elias nach mir rufen, dann hallt Coach Verses Stimme durch meinen Kopf. »Pass auf dich auf.«
Ich versuche, mich an die Oberfläche zu kämpfen, um den Coach zu fragen, wovor ich mich in Acht nehmen muss. Die Welt vor meinen Augen dreht sich, doch ich schwimme und schwimme. Und dann sinke ich.
»Skye?« Elias’ besorgtes Gesicht beugt sich über mich und ich spüre den Felsen unter meinem Rücken. »Was ist denn los?«
»Es ist nichts«, lüge ich ein zweites Mal an diesem Abend und atme tief durch. Ich habe einem Ertrinkenden das Leben gerettet. Das ist nicht emotional, das ist menschlich! »Ich habe mich nur gefragt, wann wir das nächste Mal die Chance haben werden hierherzukommen.«
Das ist immerhin die Wahrheit.
Ich spüre Elias’ Blick auf mir ruhen. »Ich kann mich noch an das letzte Mal erinnern, als wäre es gestern gewesen.« Ein Lächeln liegt in seiner Stimme, und ich stütze mich auf meinen Ellbogen, um ihm in die Augen zu sehen. »Du hattest schreckliche Angst vor dem ersten Tag an der Serenity.«
»Angst ist übertrieben«, korrigiere ich ihn. »Aber ich war trotzdem froh, dass du da warst.«
»Ich werde immer da sein, falls du das noch nicht gemerkt hast.« Elias rückt ein wenig näher an mich heran. »Was würdest du auch ohne mich machen?«, flüstert er in mein Ohr.
Ich öffne den Mund.
»Du musst jetzt nichts sagen.« Elias nimmt meine Hand, doch auf einmal wird mir seine Nähe zu viel.
Ich greife an ihm vorbei und ziehe ein altes Tau heran, das neben uns von einem dicken Ast herunterbaumelt. »Sieh mal«, lenke ich ab. »Glaubst du, das ist unseres?«
Ich atme auf, als Elias aufsteht und mir das Tau aus der Hand nimmt. Was ist nur los mit mir? Es muss an Colins Unfall liegen und allem, was zuvor geschehen ist.
»Ich wüsste nicht, wer außer dir sonst auf die Idee gekommen wäre, hier Tarzan zu spielen«, lächelt er.
Ich entspanne mich, als ich daran denke, wie wir das Seil an einem Julimorgen vor vier Jahren an den Baum geknotet haben. In diesem Sommer haben wir nichts anderes gemacht, als vom Felsen um die Wette in den See zu springen, um uns nachher von der Sonne trocknen zu lassen.
Elias zieht prüfend an dem altersschwachen Tau.
»Du willst doch nicht etwa –« Ich versuche ein Lachen, doch der Gedanke, zurück ins dunkle Wasser des Sees zu springen, schnürt mir die Kehle zu.
Elias bemerkt nichts davon. Er zieht mich auf die Beine und legt seinen Arm um meine Taille. Funken strömen durch meinen Körper, die für einen Moment jeden Zweifel in mir auslöschen. Elias ist meine Zukunft. Elias und das R, das uns beide verbinden wird. So habe ich es mir immer vorgestellt und so wird es passieren. Mit seiner freien Hand greift er nach dem Tau.
»Elias –«, beginne ich panisch, doch da rennt er schon los und zieht mich mit sich über die Kante des Felsens. Das Seil reißt mit einem hässlichen Geräusch und ich tauche zum zweiten Mal an diesem Abend in den kühlen See. Wild schlage ich um mich. Ich muss hier raus! Eine Hand zieht mich nach oben und ich spüre steinigen Boden unter meinen Füßen.
»Wie früher, oder nicht?« Elias lächelt mich an, während ich huste.
»Und wie früher mag ich keine Überraschungen!«, werfe ich ihm wütend entgegen, als ich wieder atmen kann.
»Mit irgendetwas musste ich dich doch von der Testung ablenken.« Elias greift nach meiner Hand, die im nassen Ärmel seiner Jacke beinahe verschwindet. »Weißt du noch, wie du dachtest, der Karpfen an deinem Bein sei ein Hai?«, fragt er.
»Stell dir vor, ich weiß auch noch, wie du so getan hast, als wärst du untergegangen, und das, obwohl ich unter Wasser meine Augen nicht aufmachen kann!« Ich schaue ihn böse an, doch er bemerkt meine Wut nicht.
»Du hast dich blind durch den See getastet. An einer mindestens fünf Meter tiefen Stelle.« Er grinst und streicht mir die Strähne aus dem Gesicht, die nass an meiner Wange klebt.
Ein Zittern fährt durch meinen Körper, obwohl mir nicht mehr kalt ist. Ich hebe den Blick und schaue ihm in die Augen, deren Farbe im Mondschein einem Gewittertag ähnelt. So wie jetzt hat er mich noch nie angesehen. Bewundernd, als wäre ich ein seltenes Wesen, das ihm noch nie zuvor begegnet ist.
»Die anderen halten dich vielleicht für unnahbar, aber ich wünschte, sie könnten dich so sehen, wie ich es tue«, murmelt Elias. Er hat seine Hand nicht von meiner Wange genommen und lässt sie nun langsam hinunter zu meinem Hals wandern. Ich spüre meinen Herzschlag unter seinen Fingern pulsieren.
»Ich kann mir nicht vorstellen, jemals ohne dich zu sein«, flüstert er.
Sind es nicht diese Worte, die ich mir so oft aus seinem Mund vorgestellt habe? Unter Wasser verschränken sich unsere Finger ineinander und ich spüre Elias’ Daumen über mein Handgelenk streichen. Dasselbe Handgelenk, auf dem bald zu sehen sein wird, was für ein Mensch ich bin. Rational. Emotional. Ich schließe die Augen. Und dann sehe ich mich, wie ich in den See springe, ohne auch nur eine Sekunde lang nachzudenken. Mich, die ich mitten in der Nacht in eine gesperrte Zone schleiche, weil meine Nerven mit mir durchgehen.
Wie weit kann ich gehen, bis das Konsilium mir die Kontrolle über meine Gefühle abspricht?
Elias zieht mich enger an sich heran, doch meine Beine stolpern instinktiv zurück.
»Alles in Ordnung?«
Weg. Ich muss weg.
Der verwirrte Ausdruck seiner grauen Augen ist das Letzte, was ich sehe, bevor ich mich mit hastigen Bewegungen ans Ufer kämpfe. Nichts ist in Ordnung.
»Skye!«
Am Strand angekommen, ziehe ich seine Jacke aus und werfe einen Blick zurück. Elias steht bis zur Hüfte im Wasser, unschlüssig, ob er mir folgen soll oder nicht. Im Mondlicht erkenne ich den verletzten Ausdruck seiner Augen.
»Ich muss nach Hause«, bringe ich heraus und wende mich zum Gehen, bevor meine Stimme endgültig versagt.

Sie läuft so schnell über die Trackbahn, dass mir schon vom Zusehen schwindelig wird. Ihre langen rabenschwarzen Haare fliegen in einem geflochtenen Zopf hinter ihr her. Es ist kein Geheimnis, wovor sie davonlaufen will. Bescheid zur Testung für Skye Anderson.
»Ich bin genauso wenig bereit für diese Sache wie du«, murmele ich, während sich meine Polaroidbilder auf der vom Morgentau feuchten Bank der Tribüne entwickeln. Samuel Anderson sah vorhin gar nicht glücklich aus, als die hübsche Läuferin aus Skyes Team sich zu seinem Autofenster herunterbeugte, direkt nachdem seine Tochter durch das Schultor verschwunden war. Ich nehme die Schnappschüsse in die Hand und sehe mir noch einmal an, wie Jasmine Samuel triumphierend ihr Handy entgegenstreckt, wie Skyes Vater es ihr aus der Hand reißt und ein angespannter Wortwechsel beginnt. Womit auch immer sie Skye bei ihrem Vater anschwärzen wollte, Jasmine hat ihre Rechnung ohne Samuel Anderson gemacht. Skye könnte gegen jeden einzelnen Artikel der Ordnung verstoßen – für ihren Vater wäre sie nie die Schuldige. Er wird sie schützen. Und vor allem wird er nichts und niemanden zwischen seine Tochter und das R auf ihrem Handgelenk kommen lassen. Zumindest eine Sache, bei der wir uns einig sind.
Ich betrachte das letzte Foto, auf dem Samuel Jasmine mit einem verkniffenen Gesichtsausdruck die Hand schüttelt. Ihr Lächeln lässt mich stutzen. Es sieht nicht so aus, als hätte das mächtige Parlamentsmitglied sie eingeschüchtert, sondern fast, als wäre vor Schulbeginn am Fenster des Elektroautos ein Plan entstanden.



