Falling Skye (Bd. 1)

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»Mach deine Sache gut, Skye«, höre ich die Stimme des Coachs durch das Stadion hallen. »Die Cremonte-Uni zählt auf neue Talente.«
Skye lächelt, und ich frage mich, was in ihr vorgeht. Ist ein Leben, das von einem Buchstaben bestimmt wird, wirklich alles, was sie will?
»Ich werde mein Bestes geben«, erwidert sie.
Enttäuscht schüttle ich den Kopf und versuche, die Stimme zu ignorieren, die mir zuflüstert: Wer hat ihrem Vater denn die Gelegenheit gegeben, sie zu einer Puppe des Systems zu erziehen?
Ich nehme die Polaroidkamera und springe von der Tribüne, bevor Beths Informant und Skye mich bemerken können. Grimmig betrachte ich beim Überqueren des Schulhofs den Kristall auf dem Logo der Serenity-Highschool. Ich werde wiedergutmachen, was in der Juninacht vor vier Jahren geschehen ist. Und dann werde ich aufhalten, was niemals hätte beginnen dürfen.
Während ich mich ungesehen aus dem Tor der Serenity stehle, streiche ich über meine neue Kleidung und spüre mit einem Anflug von schlechtem Gewissen den fremden Schlüssel in meiner Tasche. Es war ein notwendiges Übel, Alexander Dome aufzulauern. Immerhin wird er es in einer unserer sicheren Wohnungen besser haben, als es ein Testleiter verdient.
Erschöpft von der langen Nacht, will ich gerade in Richtung Innenstadt verschwinden, als ich das silberne Elektroauto bemerke, in dem Skye von ihrem Vater zur Schule gebracht worden ist. Samuel ist nirgendwo zu sehen. Was macht er noch hier?
Schritte dringen an mein Ohr. Mir bleiben nur Sekunden, um mein Gesicht abzuwenden, als hinter der Ecke eine Stimme erklingt, die ich nur zu gut kenne. Samuels Stimme.
»Ich habe gehört, deine Eltern sind endlich zur Vernunft gekommen und lassen sich kristallisieren?«
»Ja.«
Ich riskiere einen Blick und bin nicht überrascht, den dunkelhaarigen Jungen zu sehen, der Skye niemals von der Seite weicht. Also sind seine Eltern nicht ganz so blind wie er selbst. Das erklärt Samuels Kälte gegenüber dem besten Freund seiner Tochter. Der Sohn von Unkristallisierten ist in seinen Augen wohl nicht gerade der beste Umgang für Skye.
»Du weißt, dass ich den ganzen Prozess ein wenig beschleunigen könnte. Schließlich haben wir Erwachsene nicht das Glück einer Testung, und Ämter brauchen ja immer ihre Zeit, sogar bei der Kristallisierung. Seit gestern wird die Administration von Anträgen überschüttet.« Samuels Lachen klingt unecht. »Und so lange ist es ja jetzt nicht mehr hin, bis du dich an der Cremonte-Universität bewerben willst.«
»Meine Eltern wissen, dass sie sich einem Trait zuordnen lassen müssen, damit ich studieren kann. Das ist ein nettes Angebot, Sir.«
»Ich bin ein netter Mensch. Aber es gibt etwas, worum ich dich bitten muss. Im Gegenzug, sozusagen.«
Ein Summton ertönt in meiner Jackentasche, und ich fluche leise, während ich mich hastig von der Ecke entferne.
»Nicht jetzt«, zische ich in das Klapphandy. »Wir sprechen später.«
Ich lege auf und blicke zurück. Weder Samuel noch der Junge scheinen mich bemerkt zu haben. Gut so. Aber etwas ist zwischen ihnen geschehen.
»Ich verstehe das nicht.« Die Wangen des Jungen haben sich vor Aufregung rot gefärbt. »Sir, Skye bedeutet mir alles, Ihre Tochter …«
Samuel schneidet ihm das Wort ab. »Du hast gehört, was ich gesagt habe. Skye kann jetzt kein zusätzliches Risiko gebrauchen.« Seine Stimme hat einen drohenden Klang angenommen. Es ist dieser Ton, dessen Schärfe sich bis zum heutigen Tag in mein Gedächtnis eingebrannt hat.
»Ja, Sir.«
Ohne mich zu bemerken, geht Samuel an mir vorbei, öffnet die Tür seines Wagens und lässt mit zufriedenem Gesichtsausdruck den Motor an. Der Junge sieht dem davonfahrenden Auto hinterher, bevor er mit ratloser Miene durch das Schultor verschwindet.
Meine Finger fahren auf der Suche nach einer Zigarette in die Tasche meiner Jacke, finden aber keine. Ich erinnere mich, vor zwei Wochen beschlossen zu haben, mit dem Rauchen aufzuhören. Eine wirklich dumme Idee. Ich krame das Klapphandy hervor, das ich eigentlich gestern schon entsorgt haben wollte, und wähle die Nummer, die meinen kleinen Spionageausflug unterbrochen hat.
»Sorry wegen eben. Aber ja, ich habe alles, was ich brauche. Es kann losgehen.«
Nachdenklich sehe ich dem Jungen hinterher, während ich begreife, wozu Skyes Vater ihren Freund zwingt. Nichts soll seine Tochter von der Testung ablenken. Und was verdreht Teenagern schon leichter den Kopf als eine Romanze?
Ich hole die Polaroidkamera wieder aus meiner Tasche und schleiche mich ein zweites Mal an diesem Morgen durch das Schultor der Serenity. Es tut mir leid für Skye, aber Samuel Anderson und ich verfolgen bei ihrer Testung das gleiche Ziel, zumindest vorläufig. Es kann also nicht schaden, seinem Plan ein wenig nachzuhelfen – so niederträchtig er auch sein mag.

In der Cafeteria stelle ich mein Tablett auf unseren Tisch neben dem Fenster. Der Riemen meiner Tasche schneidet dabei in die Blutergüsse auf meiner Schulter und ich hole scharf Luft. Meine hochgeschlossene Uniform verdeckt die Spuren des Überlebenskampfes im See, doch die Beweise meiner gefährlichen Kopflosigkeit spüre ich bei jeder Bewegung. Vorsichtig lasse ich mich auf den Stuhl sinken und öffne meinen Joghurt. Wenn ich die Zeit doch nur um vierundzwanzig Stunden zurückdrehen könnte! Zurück zu einem Leben, in dem ich noch nicht wusste, was das Wort Problem eigentlich bedeutet.
Immer mehr Schüler strömen durch die geöffneten Doppeltüren der Cafeteria, doch der einzige, den ich sehen will, ist nicht unter ihnen. Ich lehne meine Stirn gegen die kühle Fensterscheibe. Elias wollte mich küssen … Was ist nur in mich gefahren, als ich gestern Nacht einfach weggelaufen bin? Elias und ich, das ist das perfekte Leben, das ich mir immer ausgemalt habe. Ich will ihn, genauso wie ich das R auf meinem Handgelenk will. Aber ich musste uns vor einem Fehler bewahren, der vielleicht unsere Zukunft zerstört hätte. Küsse in einer gesperrten Zone sind schließlich alles andere als zurückhaltend und kontrolliert – und das ist es, was die Gläsernen Nationen von Rationalen erwarten. Ich nicke, wie um diese Erklärung für meine überstürzte Flucht zu bestätigen. Eine andere kann es schließlich nicht geben, oder?
Meine Fußspitze wippt auf und ab. Sobald Elias kommt, werde ich ihm die Wahrheit sagen. Über alles, was gestern Nacht geschehen ist. Über ihn, mich, Colin. Er wird mich verstehen. Und er wird uns eine zweite Chance geben. Schließlich ist er in mich verliebt, oder nicht?
»Ist der Platz noch frei?«
Klirrend fällt meine Gabel zu Boden. Ich hebe sie hastig auf, während mein Blick von Fionas fragendem Gesicht zur Essensausgabe huscht, wo nur noch wenige Schüler anstehen. Die Pause ist fast zu Ende. Wo bleibt Elias?
»Klar«, seufze ich.
Fiona setzt sich und beißt in ihr Sandwich. »Coach Verse war ganz schön gnadenlos – dafür, dass heute sowieso unser letztes Training war.« Sie lächelt mir zu, schon wieder oder immer noch, und ich frage mich, wie Fiona so ruhig bleiben kann. Aber wahrscheinlich hätte auch ich mich längst von dem Schock der vorgezogenen Testung erholt, wenn ich noch dieselbe wäre, die gestern auf diesem Stuhl gesessen hat. Wenn ich inzwischen nicht wüsste, dass ich in den vier Wochen im Zentrum alles verlieren kann, was mir wichtig ist. Ich muss herausfinden, was mich gestern dazu gebracht hat, in eine tödliche Strömung zu springen. Ich muss diesen gefährlichen Teil von mir unter Kontrolle bringen, und zwar, bevor ich morgen früh in den Zug steige!
»Ist es wegen Jasmine?«, fragt Fiona, die bemerkt hat, dass etwas nicht stimmt. »Mach dir keine Sorgen. Sie wird sich schneller ein anderes Opfer suchen, als du glaubst.«
Ich mache eine vage Bewegung mit dem Kopf. Soll Fiona doch glauben, dass es mir etwas ausmacht, wenn Kelly, Zahra und der Rest von Jasmines Hofstaat hinter meinem Rücken über mich lästern. Ich wusste, was ich mir einhandele, als ich ihr im Duschraum die Meinung gesagt habe.
»Wenn sie nicht aufpasst, wird diese Impulsivität noch ihre Testung ruinieren«, fährt Fiona nachdenklich fort. »Für euch kommt ein E auf dem Handgelenk ja einem Weltuntergang gleich.«
Ich mustere Fionas rundes Gesicht und ihre blonden Korkenzieherlocken. Ihre Stimme klang fast, als würde sie sich über uns lustig machen.
»Ich hoffe bloß, dass meine Eltern bald ihre Anträge auf Kristallisierung stellen, sonst kann ich die Hochschule für Erziehung vergessen.« Fionas Lächeln verschwindet, und zum ersten Mal frage ich mich, welche Alternativen denjenigen bleiben, deren Eltern kein Einsehen haben. Fast alle Berufe, ob im emotionalen oder rationalen Sektor, verlangen ein Studium oder eine schulische Ausbildung.
»Bestimmt tun sie das.« Ich drücke Fionas Hand.
Dad hat mir beigebracht, dankbar für die Emotionalen zu sein. Ohne ihre natürliche Fürsorge würde unsere Gesellschaft nicht funktionieren, genauso wie niemand ohne die Leitung und den Weitblick der Rationalen zurechtkäme. Trotzdem kann ich mir ein Leben nicht vorstellen, das zum Schutz vor meinen eigenen Gefühlen von anderen gelenkt wird. Ein Leben ohne Elias an meiner Seite. Zum hundertsten Mal an diesem Morgen kontrolliere ich mein Handy, aber er hat mir keine Nachricht geschrieben. Ein Kloß formt sich in meinem Hals.
»Sag mal, weißt du, wie das jetzt mit unserem Abschluss geregelt wird?«, fragt Fiona. »Normalerweise werden ja nur fertige Absolventen zur Testung einberufen. Wir haben doch noch gar nicht alle Prüfungen –« Sie stockt und auf einmal verstummen auch die anderen Gespräche um uns herum.
Mit pochendem Herzen drehe ich mich zu dem großen Bildschirm über der Essensausgabe um, auf dem stumm die Morgennachrichten laufen. Jemand stellt den Ton an.
»Teile einer Schuluniform der Serenity-Highschool wurden in der gesperrten Zone des Upperlake-Sees gefunden. Wird ein Schüler vermisst?«
Es erscheint ein Bild desselben himmelblauen Pullovers, den jeder Junge hier im Raum trägt. Nur wurde dieser hier vom Kragen abwärts aufgerissen. Und zwar von mir.
»Wir müssen davon ausgehen, dass ein Junge am See in Gefahr geraten ist. Unsere Ordnungswahrer werden in Kooperation mit der Polizei alles tun, um den Fall aufzuklären.« Der Mann, der diese Worte in das Mikrofon spricht, ist mein Vater. Er steht auf den Stufen des Weißen Hauses, oder besser gesagt seiner detailgetreuen Nachbildung im Herzen unserer neuen Hauptstadt. Eine Windböe fährt durch die Baumwipfel des Central Park und die Reporter halten ihre Mikrofone noch dichter vor Dads Gesicht. »Der See ist ein unsicheres Gebiet, aber sollte es einen Vermissten geben, haben wir noch eine realistische Chance, ihn lebend zu bergen.«
Das Summen von hundert Stimmen erfüllt die Cafeteria, während ich wie gelähmt auf meinem Stuhl sitze. Ist der See doch nicht so unbeobachtet, wie ich immer geglaubt habe? Am Nebentisch starrt Colin mit schreckgeweiteten Augen auf den Bildschirm, obwohl der Bericht längst durch das Wetter ersetzt wurde. Ich weiß, dass er sich die gleiche Frage stellt wie ich: Welche Schlüsse werden die Behörden ziehen, wenn sie herausfinden, dass es gar keinen Vermissten gibt?
»Es ist nichts«, fährt er Kelly an, die ihre Hand besorgt nach ihm ausgestreckt hat und sie nun erschrocken zurückzieht.
»Fiona, hast du Elias heute schon gesehen?«, frage ich mit blecherner Stimme. Was auch immer er über gestern denkt, ich brauche ihn jetzt.
Fiona nickt. »Klar, du nicht? Ich dachte, ihr nehmt immer den Bus zusammen.«
»Mein Vater hat mich heute mit dem Auto gebracht«, erkläre ich und schlucke bei dem Gedanken an Dad. Ist es purer Zufall, dass er heute darauf bestanden hat, mich zur Schule zu fahren, oder ahnt er, was ich getan habe?
»Elias ist auf jeden Fall nicht vom See verschlungen worden, mach dir keine Sorgen«, sagt Fiona und lächelt schon wieder. »Wir hatten heute Morgen zusammen Chemie. Er wirkte ein bisschen mitgenommen, wenn du mich fragst.«
»Hat er irgendetwas zu dir gesagt?«
Fionas Lächeln gefriert und ich senke den Blick. Was für eine dumme Frage. Natürlich spricht Elias nicht mit ihr. Oft genug habe ich mich darüber geärgert, wie er sich von seinen Freunden beeinflussen lässt, die auf alle herabsehen, die keine Rationalen sein werden. Oder keine Rationalen werden wollen, füge ich nach einem Blick auf Fiona hinzu.
»Er hat Colin gefragt, wann unser Training vorbei ist«, sagt sie mit undurchdringlicher Miene. »Er muss dich danach wohl verpasst haben.«
Der Gong beendet die Pause, und meine Hände zittern vor Erleichterung, als ich mein Tablett in die Ablage für das dreckige Geschirr schiebe. Elias will mit mir reden. Er hat nach mir gesucht! Vielleicht habe ich gestern Nacht ja doch nicht alles zwischen uns ruiniert. Ich folge Fiona zum Ausgang der Cafeteria.
»Hoffentlich schaffen wir es noch rechtzeitig in die Aula«, sagt sie und wirft einen besorgten Blick auf die Schülermassen, die sich durch die Gänge drängen.
Ich hätte die Versammlung fast vergessen, obwohl Coach Verse beim Training angekündigt hat, dass deshalb für unseren Jahrgang heute die letzte Unterrichtsstunde entfällt. Jetzt wird der Direktor uns also erklären, was aus unserem Abschluss wird. Angespannt rücke ich meine Uniform zurecht. Wir müssen eine Chance bekommen, an die Serenity zurückzukehren. Ich habe doch nicht jahrelang mein Bestes gegeben, nur um am Ende nach der zehnten Klasse von der Schule abzugehen! Ich schiebe mich hinter Fiona durch den überfüllten Flur, dann biegen wir ab und laufen hastig die Treppenstufen in den zweiten Stock hinauf. Auf einmal wird Fiona langsamer. Sie wirft mir einen besorgten Blick zu, und als ich zum Ende des Flurs sehe, weiß ich auch, warum. Vor uns stolziert Jasmine, gefolgt von Kelly und Zahra, durch die Tür der Aula. Früher hätten sie auf mich gewartet, aber jetzt würdigen sie mich keines Blickes. Doch seltsamerweise macht es mich nicht traurig, auf einmal die Geächtete zu sein. Im Gegenteil, ich fühle mich, als könnte ich endlich ein schlecht sitzendes Kostüm ausziehen.
»Komm, wir wollen doch nicht den Anfang verpassen«, sage ich und gehe, ohne zu zögern, auf die Holztür der Aula zu. Ob Elias schon da ist? Ich werfe Fiona einen ungeduldigen Blick zu, die einem Jungen den Vortritt lässt, bevor sie selbst durch die wuchtige Holztür tritt. Wenn ich ihm erst einmal alles erklärt habe, schwöre ich mir in diesem Moment, werde ich ihm auch von Jasmines miesem Verhalten erzählen. Vielleicht sieht er dann endlich, dass ich über all die Jahre seine einzige echte Freundin gewesen bin. Die Einzige …
Fiona winkt mir von einem Platz in der vorletzten Reihe aus zu. Gedankenversunken bin ich mitten in der Tür stehen geblieben. »Skye? Hier drüben.«
Ich gehe durch den Mittelgang. Auf der Bühne steht unser Direktor schon am Rednerpult, doch es ist nicht sein tadelnder Blick, der mich mit einem Mal mitten in der Bewegung einfrieren lässt. Nur ein paar Schritte von mir entfernt haben sich Jasmines sorgfältig manikürte Finger mit denen eines großen dunkelhaarigen Jungen verschränkt. Halt suchend greife ich nach der Lehne eines Stuhls vor mir. Das kann nicht wahr sein! Der Junge neigt sich zu Jasmine, um ihre gewisperten Worte besser zu verstehen, und ich erkenne dieselben grauen Augen, in denen sich gestern Nacht das Mondlicht gespiegelt hat.

Ich bemerke das Ende der Versammlung erst, als Fiona sich vorsichtig räuspert. Um mich herum sind die anderen Expektanten, wie wir ab jetzt bis zu unserer Kristallisierung genannt werden, längst aufgestanden.
»Entschuldigung«, murmele ich und recke den Hals, um Elias in der Menge nicht zu verlieren. Sieh mich an! Ich konnte mich auf keines der Worte des Direktors über die regulär stattfindende Zeugnisverleihung im Juli konzentrieren, und der Gedanke, dass unser Jahrgang nach der Testung an die Serenity zurückkehren wird, beruhigt mich lange nicht so sehr, wie er sollte. Aber anstatt zu fragen, warum niemand uns erklären kann, weshalb unsere Testung vorverlegt wird, habe ich eine Stunde lang Löcher in Elias’ Hinterkopf gestarrt und an seine Hand in Jasmines gedacht. Es muss irgendein grausames Missverständnis sein. Eine andere Erklärung will ich nicht zulassen.
Um mich herum strömen die anderen Expektanten zielstrebig zu den Ausgängen, und ich fühle mich, als würde ich einer fremden Spezies angehören, die nichts zwischen den anderen Schülern verloren hat. Normalerweise genügt ein Lächeln von Elias, eine zufällige Berührung, und ich weiß, dass er mich versteht. Aber jetzt muss ich zusehen, wie er seine Hand um Jasmines Taille legt, während sie nebeneinander durch die Menge zum Ausgang gehen, und etwas in mir erstarrt, als hätte jemand einen Eimer Eiswasser über mein Herz geschüttet.

Wir sollten uns beeilen, wenn wir den Bus noch erwischen wollen«, sagt Fiona wenig später und räumt den Inhalt ihres Spindes eifrig in ihre Tasche.
Ich hingegen lehne apathisch an der Wand. Wie oft habe ich mich darüber geärgert, dass mein Spind in einem anderen Korridor liegt als der von Elias. Heute bin ich dankbar für diese Fügung, denn er ist der letzte Mensch, den ich im Moment sehen will. Vielleicht ist ja gar nichts zwischen ihnen passiert. Ein Teil von mir klammert sich an diese Hoffnung, aber trotz allem hat Elias mich gedemütigt. Egal, was gestern Nacht zwischen uns geschehen oder wohl eher nicht geschehen ist – wir sind immerhin beste Freunde. Und beste Freunde rächen ihr verletztes Ego nicht mit den Erzfeinden des anderen.
Ich stelle meine Zahlenkombination ein, doch das Schloss meines Spindes öffnet sich nicht. Entnervt rüttle ich an der klemmenden Metalltür.
»Probleme?« Colin lehnt sich an den Spind neben meinem, ausgerechnet Colin. Er stemmt sich ungefragt gegen die Tür und öffnet die widerspenstige Verriegelung ohne Aufwand. »Kein Grund zur Dankbarkeit.« Colins gewohntes, überhebliches Grinsen ist zurück, als hätte er nicht vor weniger als vierundzwanzig Stunden halbtot in meinen Armen gelegen. Im Gegensatz zu mir kann er verdammt gut schauspielern.
Während Fiona damit beschäftigt ist, den Reißverschluss ihrer vollgestopften Tasche zu schließen, ziehe ich Colin hinter die Tür meines Spinds.
»Ich werde dafür sorgen, dass mein Vater die Ermittlungen einstellt«, flüstere ich. Niemand darf diesen Fall mit uns in Verbindung bringen. Nicht, wenn wir mit einem R aus dem Zentrum zurückkehren wollen.
Colin wirft einen raschen Blick über seine Schulter. »Ich habe nicht die geringste Ahnung, wovon du sprichst.« Der drohende Unterton seiner Stimme ist zurück. Er dreht sich um und wäre fast auf einem rechteckigen Stück Pappe ausgerutscht. Er bückt sich. »Das muss aus deinem Spind gefallen sein.« Einen Moment lang berühren sich unsere Hände. »Dann sehen wir uns am Zug.« Nach einem Blick auf seine Armbanduhr fügt er hinzu: »In ziemlich genau dreizehn Stunden. Fiona.« Mit einem Nicken in unsere Richtung dreht Colin sich um und geht davon, als würden wir morgen in einen Sommerurlaub auf brechen.
Ich nehme meine Tasche aus dem Spind und will das heruntergefallene Papier gerade in den Mülleimer werfen, als ich bemerke, dass es ein Polaroidfoto ist. Ich stocke. Solche Bilder habe ich zuletzt vor vier Jahren gesehen, als ich die Sachen meiner Mutter aus dem Müll gerettet habe. Ich betrachte das Foto und hätte es beinahe fallen gelassen.
»Ist alles okay?« Fionas besorgtes Gesicht erscheint hinter der Spindtür und ich presse das Polaroidfoto reflexartig an meine Brust.
»Ja. Lass uns gehen.«
Hastig räume ich meinen Spind aus und folge ihr die Treppen hinunter zum Ausgang. Als niemand hinsieht, riskiere ich einen zweiten Blick, aber meine Augen haben sich nicht getäuscht. Noch einmal sehe ich dabei zu, wie Elias Jasmine küsst, die Hand an ihrer Wange. Genau, wie er mich gestern Nacht gehalten hat.

Die U-Bahn wäre eine gute Möglichkeit, den Blicken der anderen aus dem Weg zu gehen, aber nach dem seltsamen Erlebnis von gestern steht mir nicht gerade der Sinn nach einem erneuten Ausflug in die New Yorker Unterwelt. Stattdessen gebe ich vor, etwas in der Schule vergessen zu haben, während die anderen in den Bus steigen. Endlich allein, lasse ich mich auf einen der Metallgittersitze an der Haltestelle sinken und starre auf das Foto. Auf seine Finger in ihren Haaren, auf ihre Lippen, die mit seinen verschmelzen. Es interessiert mich nicht, wie das Polaroid in meinen Spind gelangt ist und wer mich offensichtlich genauso sehr verletzen will wie Elias selbst.
Als der letzte Schulbus vor mir hält, steige ich ein und lasse mich auf einen Fensterplatz fallen. Ich setze meine Kopfhörer auf, ignoriere die Lautstärkewarnung und lasse die Musik meine Gedanken betäuben, während draußen die Hochhäuser Manhattans an mir vorbeiziehen. Ich mag die Wolkenkratzer meiner Heimat, in denen niemals jemand stillzustehen scheint. Die vier symmetrischen Türme der Administration erstrecken sich hinter der schmutzigen Fensterscheibe des Busses ebenso wie das Spiegelkarree, dessen Bildschirme noch bis zum Beginn der Sperrstunde in die Nacht scheinen werden. Ich denke an das New Yorker Athene-Zentrum, das in den nächsten vier Wochen mein Zuhause ersetzen wird. Die Zentren sollen an Modernität nicht zu übertreffen sein, habe ich gehört. Wenn dort nicht gerade Testungen stattfinden, werden sie genutzt, um die neueste Technologie zu entwickeln und Dinge Wirklichkeit werden zu lassen, die vor Kurzem noch der Stoff von Filmen waren. Und ich bin eine der Ersten, die an diesem Ort kristallisiert wird. Ich, Fiona, Colin, Jasmine – und natürlich Elias, der in diesem Moment ganz sicher keinen einzigen Gedanken an mich verschwendet.
Die Ansagestimme verkündet meine Ankunft in Upperlake. Draußen atme ich den schweren Fliederduft ein und lasse meinen Blick über die akribisch gepflegten Vorgärten schweifen, über die Elias und ich uns immer lustig gemacht haben. Wer werde ich sein, wenn ich sie das nächste Mal sehe?
Vor den Stufen unserer Veranda bleibe ich stehen, unfähig, zum letzten Mal hineinzugehen.
»Skye?«
Elias’ Mutter setzt die Gießkanne ab und winkt mich in ihren wild wuchernden Garten herüber, in dem überall Wasserschalen für die Vögel stehen.
»Hallo, Deirdre!«
In diesem Moment ist es mir egal, was zwischen Elias und mir vorgefallen ist. Deirdre und Tom sind für mich noch immer so etwas wie eine zweite Familie. Ich lasse meine Tasche fallen, laufe den Gartenweg entlang und falle in Deirdres feste Umarmung.
»Du dachtest wohl, du kannst einfach so verschwinden, ohne dich zu verabschieden!« Deirdre lässt mich los und hält mich eine Armeslänge von sich entfernt. »Du siehst erschöpft aus, Liebes. Versuch, heute Nacht ein wenig Schlaf zu kriegen. Und versprich mir, im Zentrum genug zu essen, ja?«
Ich nicke und Deirdre nimmt meine Hand in ihre. Rauer Verbandsstoff streift meine Haut, und ich drehe ihren Arm, sodass ein quadratisches Pflaster mit dem provisorisch aufgedruckten E zum Vorschein kommt. Erst als Deirdre mir ihr Handgelenk entzieht, merke ich, wie starr ich den Buchstaben fixiert habe, vor dem ich mich am meisten fürchte.
»Ihr wart also bei der Administration?«, stottere ich.
Die Testung der Erwachsenen verläuft weit weniger aufwendig als unsere, immerhin kann man die arbeitende Bevölkerung nicht einen Monat lang in ein Zentrum stecken. Nein, Erwachsene müssen ihre Kristallisierung lediglich bei der Administration beantragen und eine Menge Fragebögen ausfüllen. Von Dad weiß ich, dass zusätzlich der komplette Lebenslauf der Antragsteller analysiert wird: Welchen Job haben sie gewählt und wie erfolgreich sind sie darin? Neigen sie zu Wutausbrüchen oder emotionaler Fragilität? Wie unabhängig leben sie? Sechzehn Lebensjahre reichen dagegen noch nicht aus, um die Persönlichkeit eines Menschen auf diese Weise einzuordnen. Leider.


