Falling Skye (Bd. 1)

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Ich höre auf, an mich selbst zu denken, als ich bemerke, wie Deirdre das E auf ihrem Verband unbewusst mit der anderen Hand verdeckt. Ich habe nie daran gezweifelt, dass Deirdre und Tom Rationale sind. Aber wenn ich darüber nachdenke, ist es gar nicht mal so abwegig, denn seitdem ich denken kann, vertraut Deirdre ihrem Bauchgefühl mehr als jedem klaren Gedanken. Sie kennt keine Grenzen zwischen sich und der Welt. Wenn jemand weint, weint sie mit, und wenn Elias und ich einen Wettkampf gewannen, freute sie sich, als wäre es ihr eigener Erfolg. Forschend sehe ich sie an. Sie wirkt nicht unglücklich.
»Uns blieb nichts anderes übrig, als den Antrag auf Kristallisierung zu stellen«, erklärt Deirdre, als sie meinen Blick bemerkt. »Ich würde niemals etwas tun, was Elias schadet, auch wenn …« Sie stockt, als würde sie sich auf einmal daran erinnern, mit wem sie spricht. Ihr rasch aufgesetztes Lächeln kommt nicht gegen die feinen Sorgenfalten an, die sich um ihre Augen ziehen. »Vielleicht willst du noch mit reinkommen?« Deirdre deutet auf ihre Veranda. »Samuel hat mich gebeten, dir auszurichten, dass es heute spät wird. Sie haben den armen Jungen nirgendwo in der Umgebung des Sees finden können und folgen jetzt dem Flusslauf.«
Bei dem Gedanken daran, dass Dad die Suchaktion in der Sperrzone leitet, breitet sich ein flaues Gefühl in mir aus. Was, wenn ihm ein Ordnungswahrer meldet, dass die Schülerlisten der Serenity überprüft wurden und niemand fehlt? Wird er die Ermittlungen fallen lassen, oder wird er herausfinden wollen, wer sich in der Nacht des Bescheids in eine gesperrte Zone geschlichen hat?
»Danke, aber ich muss noch packen«, bringe ich heraus.
Deirdre nickt. »Na gut. Wenigstens geht ihr beiden dann ausnahmsweise einmal früh ins Bett, anstatt noch Ewigkeiten auf der Fensterbank zu sitzen.« Sie wirft einen Blick die leere Straße hinunter. »Zumindest, solange Elias bald mal auftaucht.«
Ich stelle mir vor, wie er in diesem Moment mit Jasmine in ihrem weißen Cabrio sitzt.
»Du bist ein kluges Mädchen. Du musst ab jetzt an dich denken, hörst du?« Deirdres Parfum umfängt mich, als sie mich erneut in den Arm nimmt. »Nicht an deinen Vater, nicht an uns, auch nicht an Elias.« Ihre Haare kitzeln meine Wange. »Du wirst im Zentrum merken, dass die Wahrheit nicht so einfach ist, wie wir sie uns wünschen. Sei vorsichtig, Skye. Und vergiss da drinnen nicht, wer du wirklich bist, in Ordnung?« Sie lässt mich los und presst die Lippen aufeinander, als müsste sie sich davon abhalten, noch etwas hinzuzufügen. Ich nicke abwesend.
»Wenn Elias nach Hause kommt –« Ich atme tief ein, um den Knoten in meiner Brust zu lösen. »Sag ihm, ich warte auf ihn. Am Baumstamm. Er wird wissen, was ich meine.«
Elias schuldet mir die Wahrheit. Ob sie mir gefallen wird oder nicht.
Die Nachtluft fühlt sich wärmer an als gestern, als hätte ein einziger Tag den Frühling mit aller Macht heraufbeschworen. Nie hätte ich geglaubt, dass mein Leben in nur zwei Tagen so unwiederbringlich aus den Fugen geraten könnte.
Zu Hause habe ich den Inhalt meines Kleiderschranks eher schnell als ordentlich in einen der Koffer vom Dachboden geworfen. Meine Lieblingsshirts, ein paar der Jeans ohne Löcher und Unterwäsche haben zusammen einen beachtlichen Berg ergeben, schließlich weiß ich nicht, ob es im Zentrum einen so banalen Alltagsgegenstand wie eine Waschmaschine überhaupt gibt.
Ich rutsche vom Baumstamm, laufe den Pfad zu unserem Strand entlang und klettere auf den Felsen.
»Ich werde immer da sein«, hat Elias gestern hier zu mir gesagt. Wie rasch sich Versprechen in Luft auflösen können. Der Rest des Seils, mit dem wir uns in den See geschwungen haben, hängt noch an dem Baum, sein abgerissenes Ende flattert lose im Wind. Ich wickle grübelnd die harten Fasern um meinen Zeigefinger, bis sie mir das Blut abschnüren. Nichts von alldem, was seit gestern Abend geschehen ist, ergibt einen Sinn. Elias ist ein aufmerksamer, nachdenklicher, sanfter Mensch. Er würde mir niemals absichtlich wehtun. Ich taste nach dem verfluchten Polaroidfoto in meiner Hosentasche, als müsste ich mich davon überzeugen, dass ich mir seine Existenz nicht bloß eingebildet habe, und springe vom Felsen hinunter in den Sand. Auf einmal kann ich diesen Ort nicht mehr ertragen, an dem ich so glücklich war und dessen Erinnerungen mir nun den Boden unter den Füßen wegziehen. Jedes Blatt, jeder Stein um mich herum trägt Elias’ Spur, sein Lächeln, seine Witze. Es gibt nur eine einzige Sache am See, die ganz allein mir gehört.
Ich bin nicht wegen dieser Bilder hergekommen. Ich sollte das nicht tun! Meine Füße bewegen sich eigenmächtig, zählen die Felsen ab, bleiben vor dem dritten von rechts stehen. Angespannt schiebe ich meinen Arm in die Öffnung im Stein und drehe mein Handgelenk, bis ich die scharfen Kanten der Plastikbox spüre, dann ziehe ich sie hervor. Mit dem Rücken gegen den Stein lasse ich mich zu Boden sinken und kümmere mich nicht darum, dass die Nässe des Sandes durch meine Jeans tritt. Das Klebeband verschließt die Box, in der ich damals wahllos alles versteckte, was ich von Mums Sachen aus der Mülltonne retten konnte, nach vier Jahren nur noch lose. Meine Fingernägel ziehen es mühelos ab. Als ich den Deckel anhebe, spüre ich den Schmerz wieder so frisch wie in jenem Frühling, den Dad und ich so angestrengt versuchen zu vergessen.
Das Gummiband, das den Stapel Polaroids zusammenhält, zerbröselt bei meiner Berührung. Die Fotos sind ein wenig verblasst, aber ansonsten sehen sie noch genauso aus wie damals, als Mum und ich in einem Meer aus Bildern auf dem Boden saßen und sie der Reihe nach ansahen: ein Marienkäfer auf den Metallstreben der Brooklyn Bridge, ein einzelnes Rosenblatt im Wasserbecken des Ground Zero Denkmals. Mum hat ihre alte Polaroidkamera überallhin mitgenommen, und ich habe es geliebt, die Bilder zu beobachten, während die Dunkelheit ganz langsam Konturen wich und sich in Farben verwandelte. Die monströse Profikamera, die sie für ihre Arbeit bei der Times nutzen musste, würde den Aufnahmen die Seele rauben, hat sie gesagt.
Je mehr Fotos ich herausnehme, desto enger zieht sich mein Magen zusammen. Dabei sind nicht einmal welche von uns dreien dabei. Bilder von meiner Einschulung oder von Dad und mir, wie wir verunglückte Geburtstagskuchen an Mums Bett bringen, hat er damals als Erstes weggeworfen.
Die unteren Fotos sind noch nicht so stark verblichen. Sie müssen zu einer von Mums Recherchearbeiten gehören, für Voraufnahmen hat sie auch oft ihre eigene Kamera benutzt. Das erste Bild zeigt eine gertenschlanke Dame um die siebzig, die aufrecht hinter einem wuchtigen Schreibtisch sitzt und der strengen Schuldirektorin in jedem Kinderroman gleicht. Auf dem nächsten lächelt eine Frau mit streichholzkurzem Haar selbstbewusst in die Kamera. Ich blättere mich durch weitere Fotos, bis ein Porträt mich innehalten lässt. Die dunklen Haare der Frau fallen locker auf ihre Schultern, und ihre Lippen verziehen sich zu einem Lächeln voller ehrlicher Zuneigung, das jeden Betrachter sofort dasselbe empfinden lässt.
Mum.
Ich fahre zusammen, als ein Rascheln ertönt und mich daran erinnert, weshalb ich mich noch einmal zum See gewagt habe. Ich stehe auf und spähe ins Unterholz, aber trotz der Stunden, die ich nun schon hier draußen bin, ist noch immer keine Spur von Elias zu sehen. Das Bild meiner Mutter zittert in meiner Hand.
Sie hat dich verlassen, genau wie Elias dich verlassen hat.
Ich schleudere die Box von mir und schlage mir die Hände vors Gesicht. Es war eine dumme Idee, die Kiste zu öffnen. Es war eine dumme Idee, überhaupt wieder hierherzukommen!
Hastig sammle ich die verstreuten Fotos ein, als mir ein hauchdünnes Papier in die Hände fällt, das an der Oberfläche eines der Polaroids haftet. Ein Zeitungsausschnitt aus der New York Times, mehrfach gefaltet, sodass die gedruckten Buchstaben an manchen Stellen schon nicht mehr lesbar sind. Ich halte mir den Artikel dicht vor die Augen.
»Kristallisierungsprozess gelangt ins Rollen«, flüstere ich, während ich den Artikel im Schein des Mondes überfliege. »Das Weiße Haus bestätigt erste Gespräche über die Klärung von Traits, den bleibenden Persönlichkeitseigenschaften eines Menschen, anhand derer individuell angepasste Lebensmodelle geschaffen werden könnten. Führende Psychologen sind der Ansicht, dass politische Eklats wie der Cremonte-Skandal durch die Einordnung der Bevölkerung in Rationale und Emotionale in Zukunft vermieden werden könnten. Aber mit welcher Konsequenz? Was würde eine solche Regelung für das Recht jedes Einzelnen auf freie Entfaltung der Persönlichkeit bedeuten?«
Unter dem Artikel steht der Name meiner Mutter, Elizabeth Anderson. Dabei war Mum doch Fotografin! Ich will den Zeitungsartikel gerade zurück in die Kiste legen, als ich meine geschwärzten Finger bemerke. Verwirrt drehe ich das zerknitterte Blatt um und entdecke mit Kohlestift gekritzelte Buchstaben auf der Rückseite. Eine Namensliste. Sie ist ein wenig verwischt, aber ich kann sie trotzdem lesen:
Marike Donalds, 25. August
Anna Nebrova, 11. November
Sofia Smith-Carlson, 4. Dezember
Sol Riviera, 26. Januar
Und schließlich:
Elizabeth Anderson, 4. Juni
Was hat das zu bedeuten? Ich ziehe den Karton heran und kippe mir den Inhalt erneut in den Schoß, wühle mich noch einmal durch die Aufnahmen auf der Suche nach einem weiteren Zeitungsblatt oder einer Erklärung. Doch bis auf einen einsamen Kohlestift in der Ecke der Box finde ich nichts. Keinen Hinweis darauf, warum meine Mutter, eine Fotografin, Artikel für die Times geschrieben hat oder wer diese Frauen sind. Und was soll der seltsame Zusatz über die Konsequenzen der Kristallisierung am Ende des Berichts bedeuten?
Ich falte den Zeitungsartikel vorsichtig zusammen, sodass die Namen auf der Rückseite nicht noch mehr verwischen, und stecke ihn zusammen mit dem Stift in meine Jackentasche. Vorsichtig streiche ich über das Lächeln meiner Mutter auf dem Polaroid.
»Wer bist du?« Kopfschüttelnd lege ich das Bild zurück in die Schachtel.
Ich wünschte, ich könnte mit jemand anderem als einem Gesicht auf einem modrigen Foto sprechen. Meine Gedanken schweifen automatisch zu Elias, doch die Vorstellung, mich ihm anzuvertrauen, fühlt sich nun falscher denn je an. Ich werfe einen letzten Blick auf den See, in dessen Wasser das Mondlicht einen schwankenden Weg zum Horizont zeichnet. Mein bester Freund – der Junge, der mein Herz so beängstigend leicht in der Hand hält – wird nicht mehr kommen, so viel steht fest. Doch anstelle von Verzweiflung spüre ich plötzlich ein Feuer in mir aufsteigen, ein wütendes Brodeln, das rein gar nichts mehr mit dem zarten Flattern von gestern Abend zu tun hat.
Ich laufe den Pfad zurück, schwinge meine Beine über den quer liegenden Baumstamm und ducke mich schließlich unter dem Absperrband vor der Hecke hindurch, die die Sperrzone von der Siedlung trennt. Ab morgen werde ich dem Konsilium beweisen, dass meine Gefühle für mich zweitrangig sind. Durch meine Mutter, die sich dafür entschieden hat, mich zurückzulassen, und meinen besten Freund, der mich aus gekränktem Stolz verletzt hat, habe ich heute Abend endlich verstanden, was Rationalität wirklich bedeutet. Es geht nicht nur um einen Job mit viel Verantwortung oder einen Platz an einer besonderen Uni. Es geht darum, mich selbst vor dem Schmerz zu bewahren, in dem Gefühle unweigerlich enden, wenn ich ihnen die Macht dazu gebe.
Eilig gehe ich die Straße hinunter, ohne einen Blick zurückzuwerfen. Deirdre hat recht. Jetzt ist die Zeit, um an mich selbst zu denken.

Regen prasselt auf den sauberen Asphalt und färbt die Straße dunkel. Ich ziehe meine Jacke enger um mich, während Dad mit meinem Koffer zum Auto eilt.
»Der einzige Haken an der neuen Hauptstadt ist ihr Wetter«, seufzt er und zieht hinterm Steuer seinen Regenüberwurf aus.
New York hat Washington im selben Moment als Sitz des Präsidenten abgelöst, in dem Amerika zu den Gläsernen Nationen wurde. Seitdem gibt es auch keine Bundesstaaten mehr, sondern Bezirke. Für mich ist es normal geworden, von F und J und L zu reden, aber die meisten Erwachsenen tun sich schwer damit, die alten Namen zu vergessen.
Mein Vater tritt aufs Gaspedal und ich werde in den Sitz gepresst. Sobald sich der Autopilot eingeschaltet hat, erscheinen auf der Windschutzscheibe die Frühnachrichten.
»Hat die Suche am Fluss etwas Neues ergeben?«, frage ich beiläufig.
Mein Vater schüttelt den Kopf. »Wir haben die Fahndung noch heute Nacht eingestellt. Es gab ja auch keine Vermisstenmeldung. Der Junge muss also überlebt haben, aber ich mache mir trotzdem Sorgen um ihn.« Auf der Windschutzscheibe schaltet das Studio zu den anstehenden Beitrittsfeierlichkeiten in Kanada, doch Dad beachtet sie nicht. Stattdessen sieht er mich forschend an. »Wenn du diesen Jungen kennst, Skye –«
»Tue ich nicht«, falle ich ihm ins Wort.
Mein Vater nickt. »Ich weiß, dass du deine Freunde für Rationale hältst. Aber es ist nicht jeder wie wir. Wer sich von dem Bescheid so sehr aus der Bahn werfen lässt, dass er sein Leben aufs Spiel setzt, ist ein Musterbeispiel für die Impulsivität, die ihn selbst und andere gefährdet. Vor der wir und bald auch du ihn schützen müssen. Ein Rationaler hätte sich niemals in solch eine Gefahr gebracht.« Dad wendet seinen Blick nicht von mir ab, während das Auto sich selbst durch die Straßen manövriert. »Der Administration läge viel daran, so bald wie möglich mit ihm zu sprechen. Du weißt also wirklich nicht, wer er ist?«
Ich denke an Colins starren Blick auf den Monitor der Cafeteria, während die Regentropfen auf das Autodach prasseln. Die Testung ist seine Chance zu beweisen, wer er wirklich ist. Genau wie meine.
»Nein«, sage ich und bemühe mich um einen lockeren Tonfall. »Ich habe keine Ahnung.«
Die Central Station nimmt hinter den dichten Regenschleiern langsam Gestalt an und Dad parkt ein wenig abseits vom Eingang des alten Gebäudes.
»Hier steht, dass du zu Gleis 4 musst«, sagt er mit einem Blick auf den Bescheid auf meinem Smartphone.
Meine Fingerknöchel umklammern den Griff meines Rucksacks so fest, dass sie weiß werden. Um uns herum halten immer mehr Autos, Eltern steigen mit ihren Kindern aus und bleiben mit unterschiedlichen Gesichtsausdrücken zurück. Stolz, Selbstsicherheit, Besorgnis. Ich beobachte die anderen Expektanten, beladen mit Koffern und Taschen, die Lippen fest zusammengepresst. Sie sehen ebenso nervös aus, wie ich mich fühle. Meine Finger tasten nach dem Kohlestift in meiner Jackentasche. Ich hasse meine Mutter nicht. Auf ihre seltsame Weise hat sie mich geliebt, glaube ich, genauso wie mein Vater mich liebt, obwohl er es nicht zeigen kann. Bestärkt von dieser Gewissheit, öffne ich die Autotür.
Dad hält sich zum Schutz vor dem prasselnden Regen die Hand über die Augen, während er meinen Koffer vom Rücksitz auf die Straße hebt. »Soll ich ihn für dich reintragen?«, fragt er, aber ich schüttle den Kopf.
»Ist nicht nötig, danke.«
Einen Moment lang stehen wir uns unschlüssig in der Dämmerung des frühen Morgens gegenüber. Ich weiß nicht, wann wir uns zum letzten Mal umarmt haben, aber selbst in diesem Moment würde es sich unpassend anfühlen. Zum Glück scheint mein Vater das ähnlich zu empfinden. Doch als ich schon den ersten Schritt in Richtung der roten Markisen vor dem Bahnhof gemacht habe, hält seine feste Stimme mich noch einmal zurück.
»Als meine Einwanderung nach Amerika bewilligt wurde, habe ich mich sofort an der Cremonte-Uni beworben. Natürlich hieß sie damals noch anders, aber ihren guten Ruf hatte sie schon zu meiner Zeit. Ich musste mit drei Koffern vier Mal umsteigen und zwei Stationen hatten auch noch defekte Rolltreppen.« Dad lächelt. »Habe ich dir jemals erzählt, wie nervös ich war? Damals hatte ich noch einen ordentlichen schwedischen Akzent und glaubte, niemals mit dem Tempo der Professoren mitzukommen.«
Du hast mir nie etwas von alldem erzählt, denke ich mit einem Anflug von Traurigkeit. Auf einmal spüre ich die Hand meines Vaters auf meiner Schulter.
»Du bist wie ich, Skye, das warst du immer schon. Du schaffst alles, was du dir vornimmst. Wenn du willst, fahren wir in den Sommerferien zusammen nach Long Island und schauen uns schon mal auf dem Campus um. Die Aufnahme an der Cremonte-Uni könnte unsere Familientradition werden, was hältst du davon?«
Eine Lautsprecherdurchsage dringt aus dem Inneren des Bahnhofs heraus, und ich greife nach meinem Koffer, um die Hitze auf meinen Wangen zu verbergen.
»Klingt gut, Dad. Aber wenn ich jemals an der Cremonte landen will, sollte ich den Zug jetzt nicht verpassen.« Ich lächle ihm zu.
Mein Vater tritt zurück und öffnet die Fahrertür, bevor er es sich doch noch einmal anders überlegt und mich über das regennasse Autodach hinweg mit einem ernsten Blick bedenkt. »Sie werden es euch nicht leicht machen, Skye, aber du darfst nicht vergessen, wer du bist. Was auch immer im Zentrum passiert, verteidige deinen Platz. Nur weil –« Er stockt und sieht mich an. »Gib ihnen einfach keinen Grund, an dir zu zweifeln, in Ordnung?«
Diese kryptischen Andeutungen passen so gar nicht zu meinem Vater, der mich normalerweise mit seinen überkorrekten Befehlen nervt. Er steigt ins Auto.
»Dad?« Ich hämmere gegen das Fenster der Beifahrertür und kümmere mich nicht um die dicken Regentropfen, die mir in den Nacken laufen. »Was soll das heißen, Dad?«
Der Motor des Wagens brummt ungeduldig, aber mein Vater lässt die Fensterscheibe noch einmal herunter. »Geh in den Bahnhof.«
Ich rühre mich nicht vom Fleck, obwohl der Regen nun mit voller Wucht auf meinen Kopf prasselt. »Warum soll ich meinen Platz verteidigen? Was passiert im Zentrum?«
Mein Vater löst meine klammen Finger von der Scheibe. »Wir wollen doch nicht so aussehen, als würden wir aus diesem Abschied eine Szene machen, oder?« Sein vertraulicher Ton von eben ist fort und seine Stimme klingt so nüchtern wie immer. Frustriert schultere ich meinen Rucksack.
»Skye?« Ich drehe mich ein letztes Mal um. »Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.«
Das Auto fährt mit den Antworten auf meine Fragen davon und lässt mich inmitten einer Herde von Expektanten zurück, die mich schicksalsergeben mit sich ins Bahnhofsinnere zieht.

»Bescheid und Identifikation.« Zwei Mal pro Eingang hallt diese Anweisung durch die weitläufige Bahnhofshalle. »Bescheid und Identifikation.« Ich halte der Frau, auf deren Anorak ein rundes O prangt, mein Smartphone mit den geöffneten Dokumenten entgegen.
»Gleis 4, der Zug nach Bezirk F«, sagt die rothaarige Ordnungswahrerin und gibt mir mein Smartphone zurück.
Bezirk F?
»Ich komme aus New York«, stelle ich verwirrt klar. »Ich werde hier getestet.«
»Das ist wegen der dreifachen Anzahl von Expektanten in diesem Jahr nicht möglich«, erwidert die Ordnungswahrerin gelangweilt, als hätte sie diesen Umstand heute schon tausend Mal erklären müssen. »Hier in Bezirk A bleiben nur die Expektanten, die dieses Jahr regulär zur Testung einberufen worden wären. Die Sechzehn- und Siebzehnjährigen mussten wir aufteilen. Sieh es positiv, in F scheint wenigstens die Sonne.« Sie tritt zur Seite und winkt den Jungen hinter mir heran, sodass mir keine andere Möglichkeit bleibt, als weiterzugehen.
Um diese frühe Uhrzeit brummt es in der Ankunftshalle sonst von Pendlern, doch heute sehe ich nur Jungen und Mädchen in meinem Alter, die alle zu wissen scheinen, wo sie hinmüssen, während mein Koffer und ich völlig durchnässt in unserer eigenen Regenwasserpfütze stehen. Auf einer Anzeige wechseln sich das Wetter, die Zeit und das Datum ab. Der dritte Juni. Du bist jetzt sechzehn Jahre alt, denke ich und dränge die heißen Tränen zurück. Entschlossen laufe ich los und steuere auf den Bahnhofsplan zu, vor dem sich bereits eine Traube von Expektanten versammelt hat. Einige von ihnen tragen das Logo der Serenity auf ihren Rucksäcken oder Jacken, und ich klammere mich an die Hoffnung, nicht als Einzige nach F geschickt zu werden. Ein paar bekannte Gesichter würden allem, was hier vorgeht, wenigstens einen Hauch von Normalität verleihen.
Helles Licht blendet mich von oben. Mein Blick fällt auf die Ordnungswahrer, die von der Ballustrade aus auf uns hinabschauen. Durch die exakt gleichen Abstände, mit denen sie sich postiert haben, erinnern sie mich an Spielfiguren, die ein besonders ordentliches Kind aufgestellt hat. Jeder zweite von ihnen kehrt uns den Rücken zu, und ich begreife, dass die Hälfte von ihnen die Parkstreifen rund um den Bahnhof beobachtet, wo wir uns von unseren Eltern verabschiedet haben. Auf einmal ergeben Dads Eile und die fehlende Umarmung einen Sinn. Ich senke meinen Kopf und tue so, als hätte ich die Augenpaare über uns nicht bemerkt. Wir sind zwar noch nicht im Zentrum angekommen, aber unsere Testung hat schon längst begonnen.
Ich folge den Pfeilen, die mir den Weg zu Gleis 4 weisen. Um mich herum werden Reiserucksäcke und Koffer durch die Gegend getragen. Ich klammere mich an den Griff meines eigenen, bis ich vor den Stufen einer Rolltreppe stehen bleibe.
»Zweifel in letzter Minute?«
Beinahe wäre ich gestolpert, aber jemand schiebt meinen Koffer und mich auf das Band und ich finde gerade noch rechtzeitig mein Gleichgewicht wieder. Als ich mich umdrehe, empfängt mich ein breites Lächeln.
»Manchmal ist ein kleiner Anstoß alles, was nötig ist«, fügt das blonde Mädchen auf der Stufe unter mir augenzwinkernd hinzu.
Ich werfe einen Blick zurück auf die Traube von Expektanten unter uns. »Es tut mir leid, wenn ich den Verkehr aufgehalten habe«, entschuldige ich mich.
Sie macht eine wegwerfende Handbewegung. »Kein Problem. Ich habe es nicht besonders eilig, für unbestimmte Zeit in einen Zug voller aufgedrehter Jugendlicher gesperrt zu werden.« Sie grinst mich verschwörerisch an, als würden wir beide nicht zu dieser verwerflichen Gruppe zählen, und ich lächle zurück. Eine Art träumerische Selbstsicherheit umgibt sie, die überhaupt nicht angeberisch wirkt. Ich mag sie auf Anhieb.
Wir folgen einem langen Gang, durch dessen Fenster die ersten Sonnenstrahlen des Tages fallen.
»Bezirk F, nehme ich an?«, fragt das Mädchen und ich nicke. »Ich bin übrigens Luce.«
Mit ihrer durchscheinend hellen Haut und den weißblonden Haaren, die ihr wirr über den Rücken fallen, gibt es keinen Namen, der besser zu ihr passen würde.
»Skye«, sage ich und halte Luce die Hand hin, was mir im selben Moment furchtbar albern vorkommt. Doch Luce ergreift sie mit völliger Selbstverständlichkeit.
»Na dann, auf in den Kampf«, verkündet sie, als sich die letzte Schiebetür zum Bahnsteig öffnet und einen silbernen Schnellzug enthüllt, der auf den Schienen liegt wie eine gigantische schlafende Schlange.
Ich folge Luce hinaus und kontrolliere ein letztes Mal, ob wir am richtigen Gleis angelangt sind. Hier draußen in der kühlen Morgenluft, fernab der klammen Abschiedsstimmung der Halle, fühle ich ein Kribbeln in mir aufsteigen. Ich werde verreisen, vielleicht sogar das Meer sehen – auf jeden Fall aber an einen Ort kommen, an dem mich nichts an die Vergangenheit erinnern wird. Und nach diesen vier Wochen bin ich eine Traitträgerin. Eine Rationale, ergänze ich in Gedanken. Eine Rationale, die endlich frei von jedem Zweifel sein kann.
»Da vorne ist der Gepäckwagen.«
Luce verschwindet zwischen den anderen Expektanten, die mehr oder weniger aufgeregt umherlaufen oder in Gruppen zusammenstehend auf die Abfahrt des Zuges warten. Ich versuche, sie nicht aus den Augen zu verlieren, als mein Koffer an einem fremden Fuß hängen bleibt.
»Entschuldigung«, murmele ich und will mich weiter durch die Menge schieben, doch eine Hand hält mich fest.
»Skye!«
Beim Klang von Elias’ Stimme erstarre ich. In verwirrender Folge strömen Wut, Sehnsucht und Scham durch meinen Körper. Und die traurige Gewissheit, dass es zwischen uns nie wieder so werden wird wie vor der Nacht am See, selbst wenn ich es wollte. Dafür hat sein dummer Stolz gesorgt.



