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3 Palpieren Sie die rhythmische Bewegung innerhalb des Körpers. Legen Sie anschließend eine Hand auf diejenige Region der Wirbelsäule, die das neurologische Versorgungsgebiet der von der anderen Hand untersuchten Region repräsentiert. Möglicherweise baut sich dabei eine fluidale Welle zwischen den beiden Händen auf.
Schlussfolgerung
Palpieren Sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Je mehr Sie üben, desto sensitiver werden Sie werden.
Teil II
„Technik ist eher eine Sache der Bewusstheit als eine Aufgabe der Finger. Um Extremitäten bei ihrer Tätigkeit so zu lenken, damit deren Ziel akkurat erfüllt wird, ist es notwendig, die Kraft der Muskeln mental zu erfassen. Das erste wichtige Element ist, physisch (etwa mental) zu lernen, wie ausschließlich die erforderlichen Beanspruchungen der Extremität unterstützt werden können, ohne dass unerwünschte Reaktionen den Prozess beeinflussen.“8
Die erste Lektion bestand darin, einen disartikulierten Schädelknochen palpatorisch zu untersuchen. Analysieren wir jetzt diese Methode.
Erstens: Durch das Fühlen der leichten Berührung hat sich der Student vergewissert, dass das Objekt in der Hand tatsächlich ein Knochen ist – ein toter Knochen. Hätte man ihn von einer Plastikimitation unterscheiden können? Der Unterschied zwischen beiden ist subtil, aber da Knochen im lebenden Zustand aus zwei Platten mit dazwischen liegender Diploe besteht und auch nach der Verarbeitung weiterhin ein Maschenwerk an Knochen bestehen bleibt, entsteht das unverwechselbare Gefühl einer geringfügigen Resilienz des Knochens, ein Gefühl von Leichtigkeit, das ihn von festen Imitationen unterscheidet. Darüber hinaus war bislang kein Stück Plastik erfolgreich darin, die für die Schädelknochen typischen feinen Verzahnungen zu imitieren. Hätte der Knochen von einem anderen ähnlich harten Material unterschieden werden können? Ja. Durch langjährige Erfahrung hat jeder von uns die Unterscheidungsmerkmale von Holz, Metall, Plastik usw. kennengelernt. Wir sammeln diese Eigenschaften automatisch mental, sodass sie integriert und gespeichert werden, um die bewusste Wahrnehmung der Natur einer Substanz zu ermöglichen. Wird eine bestimmte Stelle des Zentralnervensystems geschädigt, so geht diese Fähigkeit verloren und der Patient ist nicht mehr in der Lage, Metall von Holz oder Seide von Wolle zu unterscheiden.
Zweitens: Die einzelnen Knochen wurden durch Palpation voneinander unterschieden, etwa ein Os temporale, ein Os occipitale, ein Os frontale usw. Darüber hinaus war es häufig möglich, den Knochen zu positionieren. Um dies auszuführen zu können, muss zunächst eine Kenntnis der allgemeinen Anatomie des Kopfes vorhanden sein und die Fähigkeit zur Wahrnehmung der Knochenform. Das Studium der Form eines Objektes wiederum erfordert Bewegung, die Bewegung der untersuchenden Finger. Dieses durch die Finger laufende Bewegungsmuster, wird über den Weg der Propriozeptoren ins Bewusstsein übertragen, wobei diese dabei das Konzept der Form vermitteln. Es wurde festgestellt, dass man zum Erlangen der schärfsten Formwahrnehmung den Arm auf einer fixierten Unterlage ruhen ließ, sodass die Finger sich vom Gewicht des Armes unbeeinflusst und unbehindert bewegen konnten.
Nachdem der disartikulierte, tote Knochen erforscht war, wurde der gleiche Knochen in situ am lebenden Menschen untersucht. Ähnlichkeiten wurden festgestellt, aber keiner konnte leugnen, dass auf dem Weg der Palpation deutliche Unterschiede beobachtet werden konnten. Können Sie diese Unterschiede definieren und beschreiben?
An keiner Stelle des Körpers ist es möglich den Knochen direkt zu palpieren, er ist immer von unterschiedlich dicken Schichten Haut, subkutanem Gewebe, Faszien, muköser Membranen und Periost sowie in den meisten Regionen von Muskeln umgeben. Gleichermaßen wurde auch der isoliert palpierte Knochen zuvor von einer Hülle lebender Gewebe eingewickelt, die ihrerseits wiederum besondere Eigenschaften besitzen. Darüber hinaus werden die Qualitäten dieser Gewebe vom Knochen selbst modifiziert. Denken Sie etwa an die Veränderungen der Weichteile im Gebiet um eine osteopathische Läsion herum.
Bei der Palpation des lebenden Knochens, muss also Bindegewebe von Knochen unterschieden werden und genauso müssen eventuell die verschiedenen Zustände und Qualitäten des Bindegewebes, bishin zum Knochen wahrgenommen werden. Darüberhinaus, muss zusätzlich zu all den bisher erwähnten Qualitäten, der notwendige Unterschied, der Charakter von lebendem Gewebe hinzugefügt werden, nämlich Bewegung.
Fassen wir nun auch die weiteren Ergebnisse zusammen: Beim Palpieren des lebenden Knochens nimmt der Wahrnehmungsapparat des Untersuchers Eigenschaften wie Temperatur, Feuchtigkeit, Turgor und Spannung auf und er wird mittels Propriozeption Form und Bewegung feststellen. Wird ein sensitives elektronisches Aufzeichnungsgerät am Kopf angebracht, können drei Bewegungen gleichzeitig aufgezeichnet werden: Puls, Atmung und eine rhythmische Bewegung, die langsamer ist als die anderen. Modifiziert man den Druck des Kontakts auf dem Kopf, intensiviert dies ein Signal, während ein anderes reduziert wird. Die menschliche Hand führt derartige Adjustierungen aus, um die Bewegungsarten unabhängig voneinander zu beobachten. Dies geschieht jedoch so automatisch, dass es sehr schwer ist, einem Studenten beizubringen, wie man das macht. Lassen Sie mich zum Vergleich ein Beispiel nennen. Eine Patientin wird wegen eines Knotens in der Brust untersucht. Sie liegt auf dem Rücken, ihre Arme liegen über dem Kopf. Sie ist vollkommen entspannt und in Ruhe. Bei der Untersuchung sind die verschiedenen Charakteristika der oberflächlich liegenden sowie der subkutanen und tieferen Gewebe feststellbar. Der Knoten lässt sich aufgrund seiner besonderen Eigenschaften, die sich von denen der benachbarten Gewebe unterscheiden, exakt vom eigentlichen Brustgewebe differenzieren. Darüber hinaus ist der Knoten fassbar und seine Mobilität und Verschieblichkeit lässt sich im Vergleich zu dem ihn umgebenden und darunter liegenden Gewebe testen. Während der gesamten Untersuchung hat sich der Knoten in rhythmischen Bewegungszyklen bewegt, denen der Untersucher wahrscheinlich wenig oder gar keine Aufmerksamkeit geschenkt hat. Es handelt sich dabei um die Atemzyklen sowie Zyklen, die synchron mit dem Kraniosakralen Rhythmus verlaufen. Es eignet sich gut, an dieser Stelle inne zu halten und sich die Frage zu stellen, warum der Untersucher diese Bewegungen nicht bemerkt. Die Antwort lautet natürlich, dass der Behandelnde bei dieser speziellen Untersuchung nicht an ihnen interessiert ist. Die automatische Selektionsinstanz in seinem Bewusstsein vernachlässigt daher diese Beobachtungen und schenkt nur denjenigen Aufmerksamkeit, die sie aus Erfahrung seinem Ziel gemäß als notwendig erachtet. Unsere Herausforderung besteht dann darin, die automatischen Kontrollen im Selektionssystem des Zentralen Nervensystems so zu adjustieren, dass es für uns genauso leicht ist, uns auf diese rhythmischen Bewegungen einzustimmen, wie es bei der Gewebetemperatur, Spannung usw. der Fall ist.
Beschäftigen wir uns noch einmal mit dem Brusttumor. Welche Veränderung ist notwendig, um die menschliche Wahrnehmung von der Gewebestruktur auf die Gewebebewegung zu lenken? Ist ein Wechsel von einer Wahrnehmung zu einer anderen notwendig? Können Sie nicht beide simultan wahrgenommen werden? Sie können nacheinander wahrgenommen werden und mit der Erfahrung kann dieses Aufeinanderfolgen automatisch ablaufen, aber ich werde Ihnen zeigen, dass es unmöglich ist, Form und Bewegung gleichzeitig zu untersuchen. Um die Bewegung der Brustwand zu beobachten, werden die Beobachtungen der Gewebespannung etc. temporär vernachlässigt. Darüber hinaus ist eine Bewegung innerhalb der Bewegung zu beobachten. Wenn die zuvor beschriebene Patientin sich etwa für den Wechsel in die Seitenlage entscheidet, sind Sie in der Lage, die Atembewegungen wahrzunehmen, während sie sich gerade dreht? Das ist sehr schwierig, ausgenommen, ihre Hand hat die Drehbewegung aufgenommen und bewegt sich mit der Patientin mit, als ein Teil von ihr. Sie haben auf diese Weise die relative Bewegung im Raum zwischen der Brustwand und der Hand eliminiert und sind daher immer noch in Kontakt mit der inhärenten Bewegung der Brustwand. Hier könnte eine weitere Analogie sinnvoll sein: Ein Fahrzeug beginnt sich zu bewegen. Sie stehen auf der Straße und entscheiden sich, ins Auto einzusteigen. Sie beginnen zu laufen, um Ihre Geschwindigkeit der des Autos anzupassen. Sie springen ins rollende Fahrzeug. Falls der automatische Adjustor gut funktioniert, werden Sie Ihre Geschwindigkeit schnell auf die des Fahrzeugs einstellen und sie werden mitfahren können. In ihm sitzend, werden Sie seine inhärente Bewegung fühlen, wenn es um die Kurven fährt, sie werden seine Spannungen spüren, wenn es einen steilen Berg erklimmt, oder den Spannungsabfall, wenn es den Berg hinunterrast. Die Bewegung ist im Insassen genauso aktiv wie im Fahrzeug. Woher wissen wir das? Und falls das Auto plötzlich stoppt, was passiert dann mit den Insassen? Sie werden mit der gleichen Geschwindigkeit nach vorne geworfen, die sie von der Bewegung des Fahrzeugs übernommen haben. Bei Ihnen kommt keine Bremse zum Einsatz, also bewegen Sie sich weiter wie zuvor, bis sich Ihnen ein mechanisches Hindernis in den Weg stellt oder der Bewegungsimpuls aufgehoben wird.
Folglich geht es um die Wahrnehmung der Bewegung im menschlichen Körper. Wir müssen „aufspringen” und uns auf den inhärenten Bewegungsimpuls des Körpers einstellen, mit ihm fahren und Teil von ihm werden. Die Bewegung ist wie die Ewigkeit, sie hat keinen Anfang und kein Ende: Sie ist so permanent wie die Gezeiten eines Ozeans. Muster, Amplitude und Intensität können sich ändern, sie können von einer Richtung in eine andere umgelenkt werden, aber die Bewegung kann solange wie das Leben weitergeht niemals aufhören. Wie bei einem Ozean kann während eines bestimmten Zeitpunktes mehr als nur eine Bewegung stattfinden. Die Wellen steigen und fallen, rhythmisch bewegen sie sich voran und weichen zurück über und unter dem viel langsameren aber gleichwertigen rhythmischen Gezeitenzyklus von Ebbe und Flut. Übertragen Sie das auf die Lungenatmung und das Zwerchfell, die sehr schnell auf den Sauerstoffbedarf des Körpers reagieren sowie auf den relativ unveränderten Zyklus des Primären Respiratorischen Mechanismus.
Perzeption ist unser Ziel: Wie kann sie entwickelt werden?
1 Da wir danach streben, uns die Wahrnehmungen der Finger bewusst zu machen, ist es wichtig, alle anderen Faktoren so weit wie möglich zu eliminieren, die eine solche Wahrnehmung beeinträchtigen können, etwa die Kleidung. Palpieren sie Gewebe wann immer möglich direkt. An und für sich sollte es uns lächerlich erscheinen, einen Patienten mit wollenen Handschuhen zu palpieren, dennoch ist es eine übliche Praxis, den Körper durch mehrere Lagen an Kleidung hindurch zu palpieren. Die Wahrnehmung wird sich verbessern, wenn die Finger Kontakt mit der Haut aufnehmen oder wenn sich nur eine Lage dünner Baumwolle dazwischen befindet.
2 Kultivieren Sie die Kunst der Entspannung. Entspannung impliziert a) die Vermeidung aller unnötigen Anstrengungen, b) das Justieren der benötigten Impulse im richtigen Moment und c) einen Gewichts-Release, respektive das Aufheben der Unterstützung der Extremitäten um Gewichtsmanifestationen besser zu spüren, wo und wann immer es nötig ist. Die Kunst der Entspannung ist von vorrangiger Bedeutung. Spannungen blockieren die Wahrnehmung.
3 Lassen Sie uns den Anwendungssinn entwickeln. Damit meine ich, sich der notwendigen Menge an Gewichts-Release bewusst zu sein, um Kontakt mit der gewünschten, zu untersuchenden Ebene aufzunehmen. Sie müssen sich langsam bis zu diesem Punkt „durchfühlen”, an dem Sie auf die Gewebeebene eingestimmt sind, an der sie in diesem Moment interessiert sind. An diesem Punkt haben Sie Kontakt mit dem Gewebe oder den inneren Flüssigkeitsspannungen – oder Sie sind mit der inneren Bewegung in Einklang. Durch Ihre Propriozeption können Sie den Gewebewiderstand erfassen. Es handelt sich nicht bloß um einen Kontaktsinn, einen Berührungssinn. Es ist ein Gefühl, das sich vorrangig von der Muskelarbeit ableitet. Das ist Propriozeption im eigentlichen Sinn.
Solange Sie nicht auf der selbstkritischen Beurteilung jeglicher palpatorischer Erfahrung beharren, werden Sie keine wahre praktische Fähigkeit in der nicht schneidenden operativen Behandlung entwickeln. Ohne die Übung dieser Beurteilung wird es zu einer lediglich zufälligen Leistung. Eine kurze Redewendung fasst das alles zusammen und bringt es auf den Punkt: die Entwicklung der Finger, die fühlen, sehen, denken und wissen. Denn die Finger sind lediglich Verlängerungen der sensorischen Neurone im Gyrus postcentralis des Gehirns, mit nur ein oder zwei dazwischen geschalteten Umschaltstationen.
Praktische Übungen:
1 Palpieren Sie mit verbundenen Augen unterschiedliche Knochen.
2 Sind die Augen des Studenten verbunden, bringt der Dozent eine Hand des Studenten mit verschiedenen Objekten in Berührung. Der Student wird dann nicht nur die Natur des Materials, aus dem das jeweilige Objekt besteht, identifizieren, sondern auch alle Eigenschaften beschreiben, die es von allen anderen unterscheidet – Modellierton, Knöpfe, tote Knochen, eine Puppe.
3 Arbeit in Zweier-Gruppen. Nehmen Sie sich viel Zeit. Analysieren Sie jede ausgeführte Bewegung, jede erhaltene Antwort. Nehmen Sie sich dazu einen kleinen Ausschnitt des Körpers vor und gehen Sie auf Entdeckungsreise, indem Sie alle Ebenen der Gewebe palpieren.
Notieren Sie Ihre Beobachtungen auf einem Blatt Papier, ohne dass Sie sich mit Ihrem Übungspartner austauschen. Jeder sollte für sich arbeiten. Es ist weitaus wichtiger, selbst zu schauen und zu finden, was da ist, als etwas zu erwarten und zu finden, was da sein sollte. Der Dozent wird sich anschließend die Körperregion und die schriftlichen Aufzeichnungen ansehen. Eventuell wird er Ihre Aufmerksamkeit auf etwas lenken, das übersehen wurde. Wenn noch Zeit bleibt, untersuchen Sie eine zweite, unterschiedliche Region und verfahren Sie auf gleiche Weise.
Im Anschluss daran versammelt jeder Dozent seine Studenten um sich und führt eine offene Diskussion mit allen Beteiligten über die verschiedenen Beobachtungen, damit eine Identifizierung des lebenden Gewebes im Vergleich zu anderen begutachteten Materialien möglich wird. Können Sie inzwischen lebende Gewebe von toten Geweben unterscheiden? Das Unterscheidungsmerkmal ist Bewegung.
Teil III
„Die erste und wichtigste physische (d. h. mentale) Lektion besteht darin, lediglich die erforderlichen Dinge zu tun, ohne sich dabei von unnötigen beeinträchtigen zu lassen.“9
Bei den Palpations-Workshops wird die bewusste Förderung der Entwicklung unterscheidungsfähiger, palpatorischer Instrumente anhand lebloser Substanzen geübt; zunächst durch das Studium anatomischer Objekte ohne Zuhilfenahme der Augen, dann durch das Studium der gleichen anatomischen Objekte am lebenden Körper und schließlich durch das Erforschen der Qualitäten, die lebende Objekte von allem Anderen unterscheiden. Nachdem das lebende Gewebe untersucht ist, werden entsprechende Schlussfolgerungen gezogen. Zusätzlich zu Temperatur, Feuchtigkeit, Textur, Turgor, Spannung, strukturellen Beziehungen und Konturen kann festgestellt werden, dass Bewegung eine besondere und inhärente Eigenschaft eines jeden lebenden Gewebes ist.
Nun wird die Bewegung detaillierter untersucht. Bewegung, ein Bewegungszustand, kann in zwei Hauptkategorien unterteilt werden.
Die erste Kategorie ist die Bewegung eines Teils in Relation zum Raum, mit der eine Änderung der Beziehungen zu seinen benachbarten Teilen einhergeht. Das kann weiter in a) aktive und b) passive Bewegung unterteilt werden. Mit aktiver Bewegung ist die Bewegung eines Teils des Körpers in Relation zu einem anderen Teil durch bewusste Muskelaktivität gemeint: Es handelt sich um eine willkürliche Bewegung. Daher hängt sie ab von
1 effizienter mechanischer Struktur der beteiligten Gelenke;
2 effizienter Ausstattung mit Muskeln, die an den verschiedenen, zu bewegenden Regionen ansetzen;
3 intakten, kommunizierenden Nervenbahnen zu und von unbewussten Arealen des Zentralen Nervensystems zu den Muskeln, die an der erforderlichen Bewegung beteiligt sind;
4 intakten, kommunizierenden Nervenbahnen zu und von unbewussten Arealen des Zentralen Nervensystems, um nötige Kreislauf-, Lymph- und Tonusänderungen in den agonistischen und antagonistischen Muskeln, die mit dieser Handlung in Beziehung stehen, zu bewirken;
5 intaktem Bewusstsein und intaktem Gehirn zur Erzeugung notwendiger Befehle, welche die gewünschte Bewegung hervorbringen.
Diese gezielte, wohl durchdachte, aktive Muskelbewegung ist eine komplexe Lebensfunktion, an der viele physiologische Aktivitäten beteiligt sind.
Passive Bewegung ist andererseits nichts weiter als die Bewegung eines Körperteils in Relation zum Raum durch eine äußere Krafteinwirkung. Damit das gesamte Spektrum zur Verfügung steht, bedarf es lediglich einer intakten Struktur der betroffenen Gelenke und die Absenz eines überhöhten Muskeltonus. Es sind weder Nervenbahnen noch irgendeine bewusste oder unbewusste Kommunikation mit dem Zentralen Nervensystem erforderlich. Passive Bewegung ist in der Tat lediglich für den Diagnostiker von gewissem Wert, hat aber kaum Bedeutung bei der Erfüllung der Lebensbedürfnisse.
Die zweite Hauptklassifikation von Bewegung ist die innere, inhärente Bewegung, die Bewegung der Elektronen und Protonen innerhalb des Atoms, die Bewegung der Atome innerhalb des Moleküls, die Bewegung der Moleküle innerhalb der Zellen, die Bewegung der Zellen innerhalb der Gewebe, der Gewebe innerhalb der Organe, die Bewegung der Gestirne innerhalb des Universums und schließlich die Bewegung der Bestandteile innerhalb des großen Ganzen. Diese Bewegung ist keine bewusst ausgelöste Bewegung, die von Nervenimpulsen initiiert wird und mithin ohne sie ausgeführt wird. Es ist eine vollkommen unbewusste und bis jetzt unkontrollierbare Aktivität, die von innen generiert wird.
Sie bezeichnet auch die Kraft, welche die Homöostase aufrechterhält, welche die Schutzfunktion der Bindegewebe bewirkt. Sie stellt die „unfehlbare Potency“ innerhalb des menschlichen Körpers dar, die von Dr. Sutherland beschrieben wurde. Diese „unfehlbare Potency” bewirkt eine inhärente Motilität. Während das menschliche Instrument die Wahrnehmung der „Potency” und dieser inhärenten Motilität entwickelt, wird es graduell dessen gesamte Eigenschaften bewusst machen. Dr. Sutherland hat spezifische Anleitungen hinterlassen: Es ist notwendig „Finger mit Gehirnzellen in den Fingerspitzen, Finger, die in der Lage sind, zu fühlen, zu denken und zu sehen” zu entwickeln. Zeigen Sie daher zuerst den Fingern, wie sie fühlen, wie sie denken, wie sie sehen können, und berühren Sie erst danach.”10 Folglich muss es ein Finger-Gefühl, ein Finger-Denken, ein Finger-Sehen geben, mit denen man die Funktionen und Dysfunktionen des Körpers erkennen kann. Die Kräfte, welche die Elektronen innerhalb des Atoms oder die Zellen innerhalb der Organe bewegen, liegen jenseits des Beschreibbaren: Mangels einer spezifischeren Erklärung bezeichnen wir sie als inhärente Qualität der Materie. Es ist die Lebenskraft, die Vitalkraft dieses Moleküls, dieser Zelle, dieses Organs oder Universums.
Folgendes ist demnach unser Ziel: den Fingern zu zeigen, wie sie fühlen, wie sie denken, wie sie sehen. Wenden wir uns noch einmal T. Matthay zu, „da auch der Musiker die Empfindungen kennen lernen muss, die zu einer korrekten Beanspruchung oder Bewegung der Extremitäten gehört, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen”.11 Wenn Sie Ihren eigenen Wahrnehmungsapparat entwickeln möchten, der die verschiedenen inneren Aktivitäten wahrnehmen, unterscheiden und analysieren kann, werden sie von nun an anerkennen, dass jeder Patient Ihr Lehrer sein wird.
Lassen Sie uns gemeinsam einen Weg zur Umsetzung finden. Streben wir danach, uns die beteiligten, automatischen Belastungen und Justierungen der Extremitäten bewusst zu machen. „Verwechseln Sie Beanspruchung und Bewegung einer Extremität nicht miteinander, es ist nicht das Gleiche. Es handelt sich um zwei vollkommen verschiedene Dinge. Es ist möglich, eine Bewegung ohne Anstrengung auszuführen, etwa wenn Sie Ihre Hand oder Ihren Arm durch sein eigenes Gewicht nach unten fallen lassen. Genau so ist es möglich, dass Sie eine Körperregion beanspruchen, ohne dass eine Bewegung im Außen sichtbar ist, etwa wenn Sie etwas fest in Ihrer Hand halten – das kann mitunter eine beträchtliche Beanspruchung bedeuten – und dennoch ist diese nicht ersichtlich erkennbar.“ T. Matthay stellt eine weitere Behauptung auf, die so treffend auf die osteopathische Technik angewandt werden kann, dass ich ihn hier vollständig zitieren möchte. Er bezieht sich hier auf den alten Trugschluss der „reinen Finger-Berührung”, die, so sagt er, „vom törichten Versuch stammt, den Vorgang des Klavierspiels durch Beobachtung der Fingerbewegungen zu diagnostizieren” und „kaum einen Hinweis darauf gibt, was wirklich geschieht – keinen Hinweis auf die ständigen Veränderungen bei der Beanspruchung und Entspannung der Extremitätenmuskulatur (ohne eine beGleitbewegung und nicht entschlüsselbar) und welche Bedingungen und Zustände einer Extremität die wahre Ursache einer jeden Technik darstellen, sowohl damals als auch jetzt und in Zukunft. Es ist essenziell, diesen Punkt von Anfang an zu meistern.” Er betont weiterhin, dass „es daher außerordentlich wichtig ist, dass Sie die radikale Unterscheidung zwischen Zustand und Bewegung verstehen – der Zustand Ihres Fingers, Ihrer Hand und Ihres Armes während des Berührens, und die Bewegungen, die derartige muskuläre Zustandsveränderungen optional begleiten – und meistens sind diese zuletzt Genannten relativ unsichtbar … Bis diese Unterscheidung klar erfasst werden kann, können Sie sich nicht erhoffen, sich den Berührungsvorgang oder die Technik rational vorzustellen (oder vernunftmäßig zu erklären).” Ich bezweifle, dass die ersten osteopathischen Lehrer in der Lage waren, dies besser zu erklären.
In vorangegangenen Abschnitten wurde bereits auf die Notwendigkeit hingewiesen, auf den besagten beständig aktiven menschlichen Mechanismus ”aufzuspringen” und sich auf das uns im jeweiligen Moment interessierende Studienobjekt „einzustimmen”. Ich möchte Ihnen ein paar weitere Gedanken dieses großen und glänzenden Lehrers mit auf den Weg geben, bevor ich einen spezifischen Zusammenhang seiner Prinzipien mit unserer Arbeit herstelle. „Es ist jetzt wichtig, zu realisieren, dass Aktion und Reaktion immer gleichwertig sind. Sobald Sie also Ihre Fingerspitzen gegen die Taste nach unten belasten, entsteht eine gleichwertige Reaktion (oder ein Recoil) am anderen Ende dieses Fingerhebels, dementsprechend am Knöchelgelenk nach oben. Dieser unsichtbaren nach oben gerichteten Reaktion (oder Recoil) am Knöchel muss wiederum am Knöchel etwas entgegengesetzt werden, etwa indem eine ausreichend stabile Basis (oder ein Untergrund) für die gewünschte Handlung der Finger zur Verfügung gestellt wird.”
„Kurz gesagt, der beanspruchte Finger benötigt eine Basis am Knöchelgelenk, die der Kraft entspricht, welche gegenüber der Taste aufgebracht werden muss. Die Beanspruchung der Hand – am Knöchelgelenk – muss zeitlich präzise mit der Beanspruchung des eigentlichen Fingers übereinstimmen. Vergegenwärtigen Sie sich noch einmal, dass keine Bewegung der Hand sichtbar sein muss – wie deutlich die Beanspruchung des Fingers „dahinter” auch ausfällt. Auch hier benötigt die Hand ihren eigenen angemessenen Bezugspunkt bzw. eine entsprechende Basis – sonst würde das Handgelenk durch die Reaktion oder den Recoil überbeansprucht und die Kraft und Genauigkeit … wäre dahin. Nun, zuletzt, muss die Basis für die Beanspruchung der Hand vom Arm selbst gewährleistet werden.“
Hierin liegt das Geheimnis der Wahrnehmung und des therapeutischen Einsatzes der „Potency” und der manifesten inhärenten Motilität des menschlichen Körpers. Es geht um das Erkennen der Gleichwertigkeit von Aktion und Reaktion und das Einstellen des Mechanismus innerhalb der Finger, der Hand und des Arms auf die inneren Kräfte des Patienten.
Betrachten Sie einen Moment lang diesen Kräfteausgleich und seinen Einsatz im Alltag. Wie testen Sie etwa den Reifegrad einer weichen Frucht? Übersteigt die von Ihren Fingern ausgeübte Kraft jene innerhalb des Fruchtgewebes, wird das Fleisch je nach Grad der Überbelastung eingedellt, verletzt oder zerrissen. Andererseits werden Sie, wenn die Kräfte innerhalb einer unreifen Frucht die Kräfte einer sehr schüchternen, untersuchenden Hand übersteigen, keine Informationen über den Zustand dieser Frucht bekommen. Justieren Sie jedoch vorsichtig die Kräfte Ihrer Hand mit den Kräften innerhalb der Frucht, werden Sie sich ihrer Textur und Reife bewusst, ohne sie dabei in irgendeiner Form zu beschädigen. Wie viele Menschen können eine gute reife Cantaloupe-Melone, eine saftige Orange und eine reife Birne mit Gewissheit auswählen?




