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Eine ähnliche automatische Justierung geschieht beim Autofahren – über die Hände am Lenkrad realisiert der Fahrer den Reibungsgrad der Straßenoberfläche und steuert sein Auto dementsprechend. Ich schlage nicht vor, dass Sie die Augen schließen, während Sie die Gültigkeit dieser Behauptung testen, möchte aber, dass Sie zumindest den Kräften Aufmerksamkeit schenken, die über das Lenkrad Ihre Hände erreichen, und dass Sie die unsichtbaren Justierungen beachten, die Ihr Mechanismus daraufhin ständig ausführt. Ähnliche sensitive Justierungen bei Spannungsänderungen unterscheiden den geschickten Reiter vom Amateur. Er hält über die zum Maul des Pferdes laufenden Zügel ein sehr feines Spannungsgleichgewicht aufrecht und exakt dieses Spannungsgleichgewicht ist das Kommunikationssystem zwischen Reiter und Pferd. Genau so sollte es beim Osteopathen sein. Seine Hände stehen über das sehr feine Spannungsgleichgewicht der Gewebe mit den so genannten „Hauptquartieren” der Vitalität des Patienten in unmittelbarer Kommunikation. Das Pferd, die Zügel und der Reiter werden zu einer Arbeitseinheit; genau so werden Patient, Gewebe und Osteopath zu einer Funktionseinheit.
Praktische Übung
Hauptziel dieser Übung ist, das Instrumentarium auf das Objekt einzustellen und die Fähigkeit zu entwickeln, diese funktionelle Osteopath-Patient-Einheit zu diagnostischen und therapeutischen Zwecken zu etablieren.
Der erste Schritt in diese Richtung ist die Untersuchung eines direkt zugänglichen anatomischen Objektes, etwa des Unterarmes.
Der Student sitzt bequem seinem Partner gegenüber, der seinen Unterarm mit der Beugeseite nach oben vollkommen entspannt und bequem auf den Tisch legt. Der Student legt seine Hand auf den Unterarm und konzentriert sich mit maximaler Aufmerksamkeit auf die Palmarflächen seiner Finger. Seine andere Hand legt er simultan auf die Tischoberfläche und palpiert diese mit den Flächen seiner Finger. Die Ellbogen des Studenten ruhen auf dem Tisch und sein Körper sollte bequem und entspannt sein. Der Student richtet seine Konzentration und Aufmerksamkeit mit geschlossenen Augen durch die Finger hindurch, um sich selbst auf die Oberfläche des Arms des Untersuchten einzustellen. Nach und nach lenkt er das „palpatorische Auge” auf die Gewebeschichten der Oberflächen, dann der Weichteile und schließlich der Knochen. Er wendet sich von Gedanken an Strukturen ab und ist bestrebt, sich selbst auf die innere Funktion einzustellen. Variieren Sie die Intensität der Palpation, achten Sie aber immer darauf, dass die Finger ins Gewebe des Untersuchten „eingestimmt“ sind.
Mit dem Schließen der Augen werden äußere, ablenkende Stimuli reduziert und es ist einfacher, die erforderliche intensive Konzentration aufzubringen. Halten Sie diese Konzentration für mindestens fünf Minuten aufrecht und erforschen Sie die innere Funktion der Extremität unter Ihrer Hand. Erinnern Sie sich, dass bei dem Untersuchten keine nach außen hin sichtbare Bewegung der Arme auftritt. Während Sie die inneren Aktivitäten untersuchen, achten Sie hin und wieder auf die Aktivität in Ihrer eigenen Hand, im Handgelenk, Unterarm und Schulter. Beeilen Sie sich bei dieser Wahrnehmungsübung nicht. Braucht das Einstimmen schon seine Zeit, erfordert die Wahrnehmung und das Analysieren noch bedeutend länger.
Warum liegt die inaktive Hand auf dem Tisch? Zum Vergleich. Sie hilft dem Studenten, eine Region mit Bewegung von einer bewegungslosen Region zu unterscheiden.
Im zweiten Schritt wird das Sakrum untersucht. Der Patient befindet sich in Rückenlage, entspannt und bequem. Der Student lässt seine rechte Hand unter das Sakrum gleiten, die Fingerspitzen an der Sakrumbasis, der Daumen und kleine Finger jeweils über dem linken und rechten Iliosakralgelenk, das Steißbein ruht im Handballen. Unterarm und Ellbogen des Studenten ruhen bequem auf der Liege. Ist der untersuchende Student groß wird er entspannter sein, wenn er seitlich neben der Liege sitzt. Nehmen Sie sich einen Moment Zeit und machen Sie es sich in Ihrer Position bequem. Schließen Sie die Augen und konzentrieren Sie sich auf die Empfindungen Ihrer Hand. Spüren Sie irgendeine Aktivität an bzw. in ihr? Gibt es irgendeine Bewegung im Zusammenhang mit der Atmung? Falls ja, bitten Sie den Patienten, den Atem anzuhalten und beobachten Sie mit Ihrer Hand, was passiert. Die wahrzunehmende Bewegung bei angehaltener Atmung wurde mit dem sanften Rollen eines verankerten Bootes auf ruhiger See verglichen. Können Sie, wenn der Patient wieder und weiter atmet, die zwei festgestellten Bewegungen unterscheiden? Welche Veränderungen geschehen in der Muskulatur in Hand und Arm des Untersuchers, um die eine oder andere Bewegung wahrnehmen zu können? Nehmen Sie sich, wie bei der ersten Übung, auch für diese viel Zeit. Sowohl Dr. Still als auch Dr. Sutherland haben sich häufig länger mit der tiefgehenden Untersuchung der Gewebe eines Patienten beschäftigt. Was brauchen wir noch, um auf die Gewebe eingehen zu können und bis wir das, was sie uns mitteilen, verstehen?
Zusätzlich zu den beiden in diesem Kapitel beschriebenen praktischen Übungen sollte jede Übungseinheit eine Phase enthalten, in der frühere Übungen wieder aufgegriffen werden. Dazu zählt insbesondere die Palpation eines exartikulierten Knochens mit verbundenen Augen, des gleichen Knochen in situ am lebenden Menschen, mehrerer unbelebter Objekte verschiedener Textur, Form etc. und verschiedene Regionen am lebenden Organismus.
(Falls sich die Gelegenheit ergibt, palpieren Sie Gewebe von Tieren und stellen Sie Unterschiede zu den menschlichen Geweben fest.)
Diese Übungen sind ein äußerst wichtiger Auftakt für das Studium der Kunst der Osteopathie. Sie wurden zur Ausbildung der Instrumentarien entwickelt, die für den osteopathischen Wissenschaftler und Künstler unverzichtbar sind.
Teil IV
„Das Gefühl der Gewebe sticht wie ein Leuchtfeuer hervor, vorausgesetzt wir haben den taktilen Sinn gründlich entwickelt und wissen die Befunde zu interpretieren. Diese Befunde sind genauso Teil der Realität wie objektive Manifestationen, etwa individuelle Symptome oder Laborergebnisse.“ (Carl P. McConnell12)
Im Verlauf der Palpationsuntersuchungen wird ein Fortschritt deutlich, von der palpatorischen Differenzierung, bei der eine unbelebte Substanz von einer anderen unterschieden wird, über die dimensionale Differenzierung mittels Palpation, bei der eine Form von einer anderen unterschieden wird, bis hin zur palpatorischen Wahrnehmung der Motilität, welche die physiologischen Qualitäten eines lebenden Organismus von einem anderen unterscheidet.
Jetzt ist es unser Ziel, uns tiefer mit den physiologischen Manifestationen zu beschäftigen und zu beleuchten, wie sie mit der trainierten, sensitiven Palpation erforscht werden können. In keinem Bereich menschlichen Bestrebens ist das alte Kindheitsaxiom wichtiger „Übung macht den Meister!“ McConnell schrieb 1924: „Hierin liegt die mögliche Finesse ätiologischer, pathologischer, diagnostischer, prognostischer und therapeutischer Befunde, der man sich allgemein nicht mit einer anderen Methode, Messung oder einer Methodenkombination nähern kann. Und immer noch ist jeder und sind alle von uns noch weit, sehr weit vom Anfang entfernt, selbst das meiste herauszuholen.“13
H. V. Hoover versuchte bei seiner Darstellung der Funktionellen Technik den Osteopathen mit den inhärenten dynamischen Qualitäten des menschlichen Mechanismus vertraut zu machen.14 Rollin Becker beschrieb in seiner Studie über Schleudertraumata die Reaktionen dieses dynamischen Mechanismus auf die Verletzungen von außen und wies darauf hin, was zur Wiederherstellung der normalen physiologischen Aktivität dieses Mechanismus getan werden muss.15 In ihrer Publikation The Expanding Osteopathic Concept16 stellte die Cranial Academy die physiologischen Mechanismen und deren strukturelle Basis einzeln dar, bevor sie Beispiele der komplexen Störungen lieferte, die sie kollektiv beeinflussen und simultan mehrere klinische Manifestationen auslösen.
Es ist wichtig, intellektuell zu verstehen, wie diese physiologischen Funktionen wirken und was passieren kann, wenn sie durcheinander geraten. Allerdings ist es jedoch etwas vollkommen anderes, selbst in der Lage zu sein, die Hände auf den Patienten zu legen, die Natur und das Ausmaß der Desorganisation zu analysieren und zu wissen, was getan werden kann, um die normale, unbehinderte, rhythmische Physiologie wieder herzustellen. Unsere Aufgabe besteht zunächst darin, zu wissen, was den Geweben unter unseren Händen passiert ist und passieren wird, daraufhin zu wissen, was dafür getan werden kann und schließlich, die entsprechenden Maßnahmen durchzuführen.
Für die weitere Erörterung dieser tiefgehenden Thematik wird das Thema in drei Abschnitte geteilt. Jeder Teil steht mit den anderen beiden in Verbindung und jeder ist tatsächlich ein integraler Bestandteil des Ganzen. Im letzten Kapitel wurde die vom menschlichen Wahrnehmungsapparat durchgeführte Selektivität beschrieben und die Aufmerksamkeit auf die Unfähigkeit des Bewusstseins gelenkt, mehr als eine Manifestation auf einmal zu untersuchen. So verhält es sich auch bei dem Studium der inneren Rhythmen.
Die Unterteilungen sind:
A. Inhärente innere Motilität
B. Spontane äußere Bewegung
C. Im Inneren eingeschlossene Kräfte und ihr Release
A. Inhärente innere Motilität
Die inhärente Motilität der Herzmuskulatur, genauer gesagt deren Kontraktilität, die einen rhythmischen Kontraktions- und Entspannungszyklus ausführt, solange wie der Mensch lebt, ist ein allgemein akzeptiertes physiologisches Konzept. Die rein muskulären rhythmischen Kontraktionen sind in der vierten Woche der Fötalentwicklung feststellbar.17 Die inhärente Motilität der Gastrointestinalmuskulatur ist ein weiteres, allgemein akzeptiertes, physiologisches Konzept. Die inhärente Motilität des Zentralen Nervensystems ist uns weniger vertraut, da sie der direkten Beobachtung weniger zugänglich ist. Sie wurde jedoch beobachtet und deren strukturelle Basis wurde vor Kurzem enthüllt.18 Gehirn und Rückenmark stehen über Nervenbahnen mit fortschreitend feinerem Durchmesser in unmittelbarer Kommunikation mit den äußersten Grenzen des Körpers. Gehirn und Rückenmark werden von der Zerebrospinalen Flüssigkeit umgeben, umspült und ernährt, die über die perineuralen Lymphbahnen und Kollagentubuli des Bindegewebesystems in engem fluidem Kontakt mit jeder Zelle im Körper steht.19 Die rhythmische Bewegung, die im Unterarm und in der Schaukelbewegung des Sakrum zu fühlen waren, sind nur Projektionen der inhärenten Motilität des Zentralen Nervensystems und der Fluktuation der Zerebrospinalen Flüssigkeit in ihm und um es herum.
Bei dieser Beschreibung wurden die physiologischen Erklärungen auf ein Minimum reduziert, aber die sorgfältige Durchforstung der Bibliografie wird Ihnen einen umfassenden Hintergrund des Konzeptes vermitteln.
Die beschriebene Bewegung wurde bereits im Unterarm beobachtet. Mit was für einer Technik kann dieses Phänomen bewusst erfasst werden? Die untersuchende Hand stellt einen sicheren Kontakt mit dem zu untersuchenden Gewebe her. Achten Sie auf den Ausdruck „dem zu untersuchenden Gewebe“. Hier könnte ein Fragezeichen auftauchen und behauptet werden, dass die untersuchende Hand ja nur in Kontakt mit der Haut gebracht werden kann. Vergleichen Sie diese Untersuchung einen Moment lang mit der Untersuchung eines Patienten, der Kleidung trägt. Falls die Finger tatsächlich nur in der Lage sind, den Stoff an der Oberfläche zu berühren, wie kann der Untersucher sich dann des Zustands des jeweiligen Gewebes des Patienten bewusst sein? Es handelt sich dabei in der Tat um einen komplexen Mechanismus, wobei man sich das fokussierte Gewebe durch mehrere Schichten hindurch mit derartiger Konzentration und Genauigkeit bewusst machen kann, dass die für die aktuelle Untersuchung bedeutungslosen Schichten kaum bemerkt werden.
Für eine informative Palpation ist eine Analyse der beteiligten Techniken erstrebenswert. Der Untersucher muss gleichwertige und gegensätzliche Kräfte zu denjenigen des Gewebes aufbringen, das untersucht werden soll. Der Druck im Augapfel kann etwa geschätzt werden, indem ein Gleichgewicht zwischen dem untersuchenden Finger und dem intraokularen Druck erreicht wird. Der Entwicklungsgrad eines Abszesses kann auf gleiche Weise eingeschätzt werden. Aktion und Reaktion müssen sich entsprechen. Das gleiche Prinzip gilt für die Untersuchung eines jeden anderen Körpergewebes. Um sich auf ein spezifisches Gewebe einzustimmen, muss der eingesetzte Druck auf das Gewebe abgestimmt werden.
Bis hierhin wurden in die Beschreibung lediglich natürliche und statische Gewebe einbezogen. Bevor wir uns der inhärenten Gewebsmotilität zuwenden, kann eine kritische Untersuchung der Technik zur Evaluation des Radialispulses sehr hilfreich sein. Stellen wir uns einen Patienten mit einem systolischen Blutdruck von 120 mm Hg vor. Übt der untersuchende Finger einen höheren Druck als 120 mm Hg aus, wird der Impuls obliteriert. Ist der eingesetzte Druck sehr leicht, vielleicht 10 mm Hg, wird ein schwaches „Murmeln“ eines Impulses feststellbar sein. Er kann tatsächlich beinahe übersehen werden. Wird jedoch der Druck graduell erhöht, sind verschiedene Qualitäten festzustellen, bis der Druck eventuell stark genug ist, um den Impuls zu unterdrücken. Das ist die ursprüngliche Methode der Blutdruckmessung, bevor das Blutdruckmessgerät zur Standardausrüstung zählte.
Kehren wir nun aber wieder zur inhärenten Motilität zurück. Die im Kopf festzustellende Motilität wurde Kranialer Rhythmischer Impuls genannt. Er kann als rhythmische fluktuierende Bewegung definiert werden, die normalerweise 10 - 14 Mal pro Minute auftritt und in jeder Region des Kraniosakralen Mechanismus als Anstieg und Abfallen palpierbar ist, ähnlich, aber nicht genau gleich wie die rhythmische Bewegung der Brustwand bei der Atmung. Der Kontakt muss sicher sein, sanft aber bestimmt, wahrnehmend und nicht obliterierend. Das wird am Besten mit den Palmarflächen der Finger erreicht.
Der erforderliche Druck kann sowohl von Patient zu Patient als auch von Ort zu Ort am selben Kopf variieren. Er liegt etwa bei 60 - 120 Gramm. Die Wahrnehmung dieser Bewegung ist jedoch mehr als eine Frage des Drucks. Es ist eine Frage des „Einstimmens“ in einen Mechanismus, der immer in Bewegung ist. Bei der Pulsuntersuchung konzentriert sich die Aufmerksamkeit auf einen eingeschränkten Bewegungsbereich, der einen begrenzten Einflussbereich für den untersuchenden Finger darstellt. Nun hingegen muss ein Kontakt mit der Gesamtheit aller Bewegungen hergestellt werden, die unter diesen anderen örtlich begrenzten Bewegungen wie Puls und thorakaler Atmung liegt. Dies entspricht den Gezeitenbewegungen, die unter den lokal begrenzten Aktivitäten der Ozeanwellen liegt. Die Gesamtheit der Bewegungen wird von der ganzen untersuchenden Hand wahrgenommen.
Neurologen haben bei den ersten Untersuchungen des Zentralen Nervensystems entdeckt, dass Temperaturänderungen nur von spezialisierten hitze- bzw. kältesensitiven Nervenendigungen festgestellt werden. Bei Licht sind spezialisierte licht-sensitive Nervenendigungen erforderlich und so weiter. Das gilt für alle Formen von Empfindungen. Keineswegs überraschend ist es daher, zu erfahren, dass der besagte rhythmische Impuls vom bewegungssensitiven Anteil des Zentralen Nervensystems entdeckt werden muss, insbesondere den Propriozeptoren. Zuvor wurden die Propriozeptoren primär genutzt, den Reflexmechanismus des Körpers über die Position der verschiedenen mechanischen Körperteile und deren Bereitschaft zur Aktivität zu informieren. Jetzt ist es notwendig, sie zur Informationsweitergabe über den Bewegungszustand der Struktur, mit der der Kontakt hergestellt wurde, zu trainieren. So müssen die Propriozeptoren, die zuvor mit der inneren Umgebung des strukturellen Mechanismus beschäftigt waren, jetzt dazu erzogen werden, Berichte über die Änderungen der dynamischen inneren Umweltfaktoren eines externen Organismus weiterzuleiten, die entstehen, wenn der Mechanismus des Untersuchers auf den des Patienten eingestimmt wird.
B. Spontane Bewegung
Hippokrates lehrte vor über 400 Jahren vor Christus, dass innerhalb des menschlichen Körpers zur Korrektur bereite Instanzen existieren, die aktiv werden, wenn der normale Zustand eines Organismus durcheinander gebracht wird.iv Verhielte es sich anders, zeigte sich der menschliche Körper entstellt, deformiert und desorganisiert. Im 20. Jahrhundert nach Christus wurde der Begriff Homöostase verwendet, um einen Zustand zu beschreiben, der zwar variieren kann, aber innerhalb eines engen Spektrums durch die koordinierten physiologischen Prozesse aufrechterhalten wird, die jedes Körpergewebe interagierend involvieren. Mechanische, fluide, chemische, elektrische und magnetische Änderungen finden kontinuierlich statt, um die Homöostase aufrecht zu erhalten. Im vorliegenden Diskurs geht es allerdings nur um die mechanische Phase. Diese mechanische Homöostase kann jedoch als eine Art Generalschlüssel für die Homöostase des gesamten Mechanismus beschrieben werden. Das effiziente Funktionieren aller anderen Phasen der automatischen Stabilisation hängen von ihr ab. „Mit dieser anerzogenen Taktilität hält der Osteopath den Schlüssel zu den Laboratorien in der Hand, die den Körper nähren.“ (Dr. Sutherland)
Die inhärente rhythmische Bewegung des Zentralen Nervensystems, der fluktuierende Rhythmus von Zerebrospinaler Flüssigkeit, Lymphe, Inter- und Intrazellularflüssigkeiten und die rhythmischen Bewegungen des Kraniosakralen Mechanismus wurden als Bewegungen beschrieben, die persistieren, bis das Leben aus dem Menschen weicht. Ihre Frequenz, Rhythmus, Amplitude, Form oder Kraft können sich ändern, aber sie müssen weiter bestehen. Ist die Behinderung der Bewegung groß genug, wird der Körper sie mit äußeren Bewegungen kompensieren, wie etwa bei einem Baby mit einem unbeweglichen Sakrum, das seinen Kopf anschlägt, wenn es schlafen sollte, oder beim post-traumatischen Syndrom, bei dem der Patient mit einem blockierten Sakrum die Bewegung von Kopf und Nacken spürt, sobald er im Bett liegt. Die homöostatischen Kräfte streben konstant danach, die normale Physiologie wiederherzustellen und wenn dass sie behindernde Hindernis entfernt werden kann, wird die Normalisierung eintreten können.
Eine sehr einfache Analogie dafür ist das verwickelte Telefonkabel. Während der Hörer aufliegt, können sich die Verwicklungen nicht verändern; jeder Versuch ihn mittels „direkter Handlung” zu entwirrenv, erscheint sinnlos. Zwar wird das akribische Entwirren Drehung für Drehung zumindest teilweise zum Erfolg führen, aber es ist äußerst mühsam, arbeitsintensiv und zeitaufwendig. Eine einfachere Methode besteht darin, den Hörer vom Apparat zu nehmen und ihn hängen und ausbaumeln zu lassen. Während das proximale Ende des Anschlusskabels festgehalten wird, entwirren die normalisierenden inneren Kräfte das Kabel, bis es den Neutralpunkt durchläuft. Dann wird es sich in entgegengesetzter Richtung entwirren, um den Neutralpunkt erneut zu passieren, dieses Mal zu einem geringeren Ausmaß. Das wiederholt sich einige Male, bis letztendlich der Prozess der Entwirrung stoppt und der Hörer ruht. Die Rotation, positiv oder negativ, wird nicht aufhören, bis alle „unphysiologischen” Muster beseitigt sind. Kommt die Bewegung an ihr Ende, wird das Kabel entwirrt sein. Das ist das gleiche Prinzip, mit dem der menschliche Körper auch seine mechanischen Störungen korrigieren will.
Der menschliche Körper besitzt eine feine integrierte, dynamische Struktur, bei der jede Einheit sich in enger Beziehung mit jeder anderen bewegt und ebenso funktioniert. Obwohl sich die mechanischen Störungen des menschlichen Körpers daher sehr komplex gestalten, ist das Behandlungsprinzip so einfach wie der Umgang mit dem verwickelten Telefonkabel. Ein Beispiel mag das veranschaulichen: Ein Patient ist aus einer Höhe von ca. 3,5 m mit solcher Kraft auf Beton gestürzt, dass am rechten Fuß mehrere Fußwurzelknochen gebrochen waren. Die Brüche wurden zunächst von fachkundigen Orthopäden versorgt und nach gebührender Zeit berichtete der Radiologe, dass Heilung und Ausrichtung gut verliefen. Dennoch war es für den Patienten einfach weiterhin viel zu schmerzvoll, den Fuß zu belasten. Schambein, Iliosakral- und Lumbosakralgelenke wurden „korrigiert”, aber der Patient konnte immer noch nicht gehen. Eine Osteopathin übte mit ihren Händen einen ganz sanften Zug auf den Fuß aus. Innerhalb weniger Sekunden rotierte und entwirrte sich der Fuß, kurz darauf folgten der Unterschenkel im Kniebereich und schließlich das gesamte Bein ab dem Hüftgelenk. Schließlich beruhigte sich das Bein nach einem bemerkenswerten Spektrum spontaner Bewegungen. Eine ähnlich spontane Entwirrung trat auch in der anderen unteren Extremität auf, bis auch dieses sich beruhigte. Seit dieser Erfahrung im Jahre 1957 geht der Patient schmerzfrei. Diese Art von Aktivität ist die Basis für eine akkurate strukturelle Korrektur der artikulären, membranösen, ligamentären und Faszien-Strains, an welcher Stelle sie auch auftreten mögen. Die Korrektur ist akkurat, da die Veränderung, der Normalisierungsprozess, von den inneren Kräften her erzielt wird und nicht durch äußere Kraftanwendungen geschieht. Solange irgendein Strain besteht, werden diese Kräfte sich weiterhin in Form von Bewegung manifestieren, ebenso wie sich das verwickelte Telefonkabel solange entwirrt, bis eine perfekte Balance vorliegt.
Es gibt zwei Ausdrucksformen für diese spontane Bewegung. Während sie von außen her relativ unterschiedlich erscheinen, kann man bei näherer Untersuchung feststellen, dass sie sich grundsätzlich entsprechen. Wir haben bereits die sichtbare Bewegung einer Extremität erwähnt. Diese Art der Entwirrung kann bei jedem Gelenk oder allen Gelenkgruppen stattfinden, etwa an Kopf und Nacken, Regionen oder Segmenten der Wirbelsäule, Phalangealgelenken oder einer Extremität und sogar am gesamten Körper. In allen Fällen liegen die Vermittlungsstrukturen für Bewegung, die Muskeln, Ligamente und Faszien, an der Außenseite der ossären Strukturen. Die zweite Manifestation dieser spontanen Bewegung geschieht innerhalb des Kraniosakralen Mechanismus. Diese Bewegung ist nicht als aktive Bewegung eines Teils in Relation zu einem anderen sichtbar, von einem geübten Osteopathen dennoch leicht zu palpieren. Sie repräsentiert eine Bewegung, die von inneren membranösen Systemen angetrieben wird, etwa der Falx cerebri, dem Tentorium, der Falx cerebelli, der spinalen Dura mater mit ihren verschiedenen Ausläufern. Nun bestehen aber Verbindungen zwischen den inneren und den äußeren Vermittlungsstrukturen, sodass häufig nach außen hin sichtbare Bewegungen in der Peripherie produziert werden, während im Innen der Release der Strain-Muster stattfindet.
Die Technik, um diese Kraft nutzbar zu machen und sie zum Einsatz bringen, ist für alle Körperregionen grundlegend die gleiche. Der Behandler sollte sich zunächst auf den Patienten einstimmen, sodass die inhärente innere Motilität des Patienten untersucht und analysiert werden kann. Anschließend sollte er diese Bewegung in Richtung der Barriere begleiten, in die es sich am leichtesten bewegt und dort sanft, aber bestimmt einschränken. Nach und nach wird die Motivation einer anderen Bewegungsrichtung spürbar, ein innerer Impetus, sich in eine bestimmte Richtung zu bewegen. Der Maschinist geht mit ihm mit, ohne ihn einzuschränken bzw. zu lenken. Dies kann in Abhängigkeit von der Komplexität des beteiligten Läsionsmusters von ein paar Sekunden bis zu 15 Minuten oder sogar darüber hinaus weitergehen. Nicht selten wird ein Teil des Körpers durch ein Bewegungsspektrum hindurchgetragen, das weit über das Spektrum der freiwillig ausgeführten Bewegung hinausgeht. Die Bewegung kann einen schmerzvollen Bogen erreichen, aber die Bewegung wird weitergehen, insofern der Patient in der Lage ist eine freiwillige Muskelspannung zu inhibieren, bis hin zu einer inneren Balance bei dem die inhärenten Kräfte wieder durch einem einfachen, sanften Rhythmus, ohne irgendeine Dominanz einer direktionalen Kraft über eine andere repräsentiert werden. Diese Bewegung kann sowohl innerhalb des Kranialen Mechanismus als auch in distalen Körperregionen beobachtet werden. Die Bewegung innerhalb des Kranium kann spontane Bewegungen in anderen Körperregionen aktivieren und beide werden solange weiterlaufen, bis der besagte Balancepunkt bzw. eine „Balancierte Spannung“ aufgebaut ist. Derartige Bewegungen können selbst bei gelähmten Extremitäten eines Hemiplegikers nach Apoplex auftreten. Sie entstehen nicht in einer aufgrund Poliomyelitis gelähmten Extremität. Derartige Beobachtungen werfen viele Fragen auf, welche die Autorin an dieser Stelle nicht beantworten kann. Wie Dr. Sutherland feststellte, kann man sagen, dass die innere „unfehlbare Potency” eine inhärente Motilität bewirkt, um eine mechanische Homöostase einzurichten und aufrechtzuerhalten.




