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In Anbetracht der bisherigen Ausführungen stellt sich die Frage, ob sich denn die Sowjetunion mit dem im November 1956 erfolgten Einmarsch ihrer Truppen in Ungarn nicht selbst einer Aggression – im Sinn ihrer eigenen Definition – schuldig machte?190 Die Sowjets verneinten dies zwar mit dem Hinweis darauf, dass die Rote Armee auf Ersuchen der ungarischen Volksregierung nach Budapest geschickt worden sei, um jener zu helfen, einen Aufstand zu unterdrücken und die Ordnung wiederherzustellen.191 Diese Begründung war jedoch alles andere als hieb- und stichfest, denn die Sowjets bezogen sich hierbei offensichtlich auf die von János Kádár geführte, unter sowjetischem Einfluss stehende Gegenregierung, welche zum Zeitpunkt ihres «Hilferufs» weder die rechtmässige ungarische Regierung war, noch den Volkswillen verkörperte. Zu behaupten, die Sowjetunion habe gegenüber Ungarn auch nach ihren eigenen Massstäben eine Aggression verübt, ist somit sicherlich gerechtfertigt.
(6) Chruščev widersprach dem Vorwurf, «die Sowjetunion habe das Prinzip der friedlichen Koexistenz nur aus taktischen, konjunkturbedingten Erwägungen aufgestellt»,192 scharf: «Es ist […] bekannt, dass wir uns mit der gleichen Beharrlichkeit auch früher, seit den ersten Jahren der Sowjetmacht, für die friedliche Koexistenz eingesetzt haben. Folglich ist das kein taktischer Schachzug, sondern das Grundprinzip der sowjetischen Aussenpolitik. Wenn also eine Gefahr für die friedliche Koexistenz von Ländern mit verschiedenen sozialen und politischen Systemen besteht, so geht sie keineswegs von der Sowjetunion, keineswegs vom ‹sozialistischen Lager› aus. Hat ein sozialistischer Staat auch nur den kleinsten Beweggrund, einen aggressiven Krieg zu entfesseln?»193 Chruščevs Beteuerung, die Sowjetunion beabsichtige keinen Angriff auf die kapitalistische Welt, kann aufgrund des heutigen Wissensstandes194 als durchaus glaubwürdig bezeichnet werden. Sein Versuch jedoch, einen solchen Angriff als grundsätzlich – das heisst für immer – unmöglich darzustellen, erscheint fragwürdig, steht er doch im Widerspruch zu den Aussagen der marxistisch-leninistischen Lehre zum Beginnen eines Kriegs: Wie weiter oben gezeigt wurde, lehnt diese Ideologie einen solchen Akt nicht generell ab, und es spielt aus ihrer Sicht auch keine Rolle, wer in einem Krieg der Angreifer ist. Auch wenn diese Aussagen nun in den Hintergrund gerückt wurden, so hatten sie unter Chruščev doch weiterhin Gültigkeit.195 Es muss somit davon ausgegangen werden, dass die Voraussetzungen dafür, dass die Sowjets einen Krieg begannen, letztlich nach wie vor die gleichen waren wie bis anhin:196 Erstens musste ausgeschlossen werden können, dass das angestrebte Ziel mit friedlichen Mitteln erreicht werden konnte. Zweitens musste man sich des Sieges in diesem Krieg sicher sein. Und drittens durfte der politische Preis für den Sieg nicht zu hoch sein, das heisst, die «Errungenschaften» sowie die weitere Entwicklung des Kommunismus durften nicht gefährdet werden. Letzteres bedeutete konkret vor allem, dass die Sicherheit und die Macht der Sowjetunion nicht gefährdet werden durften, denn die sowjetischen Entscheidungsträger erachteten die Interessen der proletarischen Revolution als identisch mit jenen der UdSSR, wobei sie den Interessen der Sowjetunion in der Praxis zunehmend Priorität einräumten – entsprechend dem schon unter Stalin geltenden Grundsatz: «Was gut ist für die UdSSR, ist gut für den Kommunismus.»
(7) Die Frage, ob der Weg zur Errichtung des Sozialismus auf der ganzen Welt ein evolutionärer oder ein revolutionärer sein würde, wurde von Chruščev anders beantwortet als von seinen Vorgängern.197 Um trotz der Doktrin der Friedlichen Koexistenz weiterhin am grundsätzlichen ideologischen Ziel des weltweiten Sieges des Kommunismus festhalten zu können,198 brach Chruščev mit der These vom notwendigerweise gewaltsamen Übergang zum Sozialismus199 und stellte stattdessen die Behauptung auf, dass eine kommunistische Revolution auch mit rein friedlichen Mitteln – das heisst auf parlamentarischem Wege – bewerkstelligt werden könne. Diese Haltung fand 1961 Eingang ins neue Programm der Kommunistischen Partei der Sowjetunion: «Die Kommunisten waren nie und sind auch heute nicht der Auffassung, dass der Weg zur Revolution unbedingt über Kriege zwischen den Staaten führt. Die sozialistische Revolution hängt nicht unbedingt mit einem Krieg zusammen. Obwohl beide von den Imperialisten entfesselten Weltkriege mit sozialistischen Revolutionen endeten, sind Revolutionen durchaus ohne Krieg möglich. Die grossen Ziele der Arbeiterklasse können ohne einen Weltkrieg erreicht werden. Heute sind die Bedingungen dafür günstiger denn je. […] Unter den modernen Verhältnissen hat die Arbeiterklasse mit ihrer Vorhut an der Spitze in einer Reihe von kapitalistischen Ländern die Möglichkeit, […] die Staatsmacht ohne Bürgerkrieg zu erringen […]. Wenn sich die Arbeiterklasse auf die Mehrheit des Volkes stützt und den opportunistischen Elementen, die von der Politik des Paktierens mit den Kapitalisten und Gutsherren nicht lassen können, eine entschiedene Abfuhr erteilt, kann sie den reaktionären volksfeindlichen Kräften eine Niederlage beibringen, eine stabile Mehrheit im Parlament erringen und dieses aus einem Instrument zur Verteidigung der Klasseninteressen der Bourgeoisie in ein Instrument des werktätigen Volkes verwandeln; sie kann den ausserparlamentarischen Kampf der breiten Massen entfalten, den Widerstand der reaktionären Kräfte brechen und die notwendigen Voraussetzungen für eine friedliche Verwirklichung der sozialistischen Revolution schaffen.»200 Chruščev war der Überzeugung, dass der Kommunismus sich in einem friedlichen Wettstreit der Gesellschaftssysteme weltweit durchsetzen werde. Diese Überzeugung beruhte auf seinem Glauben an die grundsätzliche Überlegenheit des kommunistischen beziehungsweise sozialistischen Systems: «Wenn wir davon sprechen, dass im Wettbewerb der zwei Systeme – des kapitalistischen und des sozialistischen – das sozialistische System siegen wird, so bedeutet das keineswegs, dass der Sieg durch die bewaffnete Einmischung der sozialistischen Länder erreicht wird. Unsere Zuversicht in den Sieg des Kommunismus gründet sich darauf, dass die sozialistische Produktionsweise gegenüber der kapitalistischen entscheidende Vorteile besitzt. Eben darum dringen die Ideen des Marxismus-Leninismus immer tiefer ins Bewusstsein breiter Massen der Werktätigen der kapitalistischen Länder ein, wie sie ins Bewusstsein von Millionen Menschen in unserem Lande und in den Ländern der Volksdemokratie eingedrungen sind.»201
Der friedliche Übergang zum Sozialismus wurde von der sowjetischen Führung nun nicht nur für möglich gehalten, sondern klar bevorzugt. Gleichzeitig wies sie allerdings darauf hin, dass «Revolutionskriege und Volksaufstände» weiterhin «nicht ausgeschlossen» seien,202 müsse doch damit gerechnet werden, dass «die herrschenden Klassen die Macht nicht freiwillig abtreten»203 und «gegen die Völker Gewalt anzuwenden versuchen»204 würden. Deshalb wurde die Forderung aufgestellt, dass alle kommunistischen Revolutionäre prinzipiell darauf vorbereitet sein müssten, den Übergang zum Sozialismus nicht nur mit friedlichen, sondern auch mit gewaltsamen Mitteln herbeizuführen: «Der Erfolg des Kampfes der Arbeiterklasse für den Sieg der Revolution wird davon abhängen, inwiefern sie und ihre Partei es lernen, sich aller Formen des Kampfes zu bedienen, der friedlichen wie der nichtfriedlichen, der parlamentarischen wie der ausserparlamentarischen, und ob sie zur schnellsten und überraschendsten Ersetzung einer Kampfform durch eine andere bereit sind.»205
Um seine These von der nun bestehenden Möglichkeit, den Klassenkampf gegen die Kapitalisten auch ohne gewaltsame Konfrontation zu gewinnen, ideologisch zu untermauern, versuchte Chruščev, sie auf Lenin zurückzuführen,206 was allerdings fragwürdig erscheint angesichts der Tatsache, dass Lenin stets die Wichtigkeit der Rolle des Kriegs für die kommunistische Revolution betont hatte.207 Chruščev scheint sich dieser Problematik selbst bewusst geworden zu sein, grenzte er sich doch später eher von Lenin ab, indem er betonte, man könne heutzutage aufgrund der veränderten Weltlage nicht mehr einfach mechanisch wiederholen, was Lenin vor vielen Jahrzehnten gesagt habe.208
(8) Die Ansichten bezüglich der über den Ausgang eines Kriegs entscheidenden Faktoren unterlagen während der Ära Chruščev einem Wandel.209 Von 1953 bis 1959 galten grundsätzlich unvermindert die von Stalin als «ständig wirkende Faktoren» bezeichneten Einflüsse als entscheidend. Allerdings rückte man nun von deren Verabsolutierung beziehungsweise Dogmatisierung ab und trennte sich – im Zuge der Entstalinisierung – auch von der bisherigen Formulierung. Statt von den «ständig wirkenden Faktoren» wurde ab 1956 meistens schlicht von den «entscheidenden Faktoren im Krieg» gesprochen. Und anstelle der stereotypen Aufzählung der fünf von Stalin definierten Faktoren war nun in allgemeinerer und flexiblerer Form von den drei Faktoren «wirtschaftliches Potential», «moralisches Potential» sowie «militärisches Potential» eines Landes die Rede.
Mit «wirtschaftlichem Potential» meinten die Sowjets jene Einrichtungen eines Staates, welche den Streitkräften die zur Kriegführung erforderlichen Mittel zur Verfügung stellen. Die Hauptelemente dieses Potentials sind die Industrie und das Transportwesen. Aus sowjetischer Sicht war es in einem modernen Krieg von zentraler Bedeutung, dass die militärische Produktion und Versorgung während des gesamten Verlaufs dieses Konfliktes aufrechterhalten werden konnte. Dies deshalb, weil die zu erwartenden massiven Nuklearschläge voraussichtlich einen Grossteil des vor Kriegsbeginn bereitgestellten Materials zerstören würden, der Krieg jedoch trotzdem von langer Dauer sein würde. Als das wichtigste Mittel, um das fortgesetzte Funktionieren der «Militärwirtschaft» in Kriegszeiten zu ermöglichen, erachteten die Sowjets – neben militärischen Abwehrmassnahmen – eine möglichst dezentrale Verteilung der Industrie. Hierzu fügten sie an, dass die Voraussetzungen für eine Streuung der Produktionsstandorte in sozialistischen Staaten dank der dort vorherrschenden Planwirtschaft sehr viel besser seien als in kapitalistischen Staaten, wo sich die «Monopole» einem solchen Vorhaben widersetzen würden. Die Überlegenheit des sozialistischen Wirtschaftssystems beschränkte sich nach Ansicht der Sowjets übrigens nicht nur auf den eben genannten Bereich, sondern war eine generelle. So behaupteten sie, bei gleichem wirtschaftlichem Gesamtpotential sei das militärwirtschaftliche Leistungsvermögen eines sozialistischen Staates immer grösser als jenes eines kapitalistischen Staates.
Wie dem «wirtschaftlichen Potential» kam nach sowjetischer Auffassung im Zeitalter von Nuklearkriegen auch dem «moralischen Potential» eines Landes erhöhte Bedeutung zu: Angesichts der verheerenden Auswirkungen von Atomwaffen, von denen höchstwahrscheinlich auch das Hinterland der kriegführenden Staaten betroffen sein würde, wären die Anforderungen bezüglich Standhaftigkeit, Ausdauer und Disziplin sowohl an die Truppe als auch an die Zivilbevölkerung in einem zukünftigen Krieg extrem hoch. Damit ein Volk diese Anforderungen erfüllen konnte, war es in den Augen der Sowjets unabdingbar, dass sich dieses voll und ganz mit den Kriegszielen seiner Regierung identifizieren konnte. Diesbezüglich seien die sozialistischen Länder gegenüber den kapitalistischen klar im Vorteil, denn die Moral der Streitkräfte eines Staates mit einer «fortschrittlichen» gesellschaftlichen und politischen Ordnung, welcher einen «gerechten Krieg» führe, werde immer höher sein als die Moral der Streitkräfte eines Staates mit einem «reaktionären» System, welcher einen «ungerechten, aggressiven Krieg» führe.
Unter «militärischem Potential» schliesslich verstanden die Sowjets Quantität, Qualität, Aufstellung von sowie Reserven an militärischem Personal (Mannschaft und Kader) und Material (vor allem Waffen). Da sie der Überzeugung waren, dass ein zukünftiger Krieg zwischen Weltmächten lange dauern und äusserst verlustreich sein würde, betonten sie nun vor allem die gestiegene Wichtigkeit des ununterbrochenen Nachschubs an Waffen und Munition sowie von zahlenmässig starken und gut trainierten Reservetruppen.
Nicht zu den «entscheidenden Faktoren» gezählt wurde nach wie vor der Faktor «Überraschung». Dies mag auf den ersten Blick erstaunen, waren doch im Verlauf der 1950er-Jahre durch das Aufkommen nuklearer und thermonuklearer Waffen sowie von Hochgeschwindigkeits- und Langstrecken-Trägermitteln (Düsenflugzeuge und Raketen) die Möglichkeit und die Wirkung von Überraschungsangriffen objektiv gesehen deutlich grösser geworden. Tatsächlich anerkannten nun – im Unterschied zur Stalin-Zeit – auch die Sowjets die gestiegene Bedeutung des Faktors «Überraschung» in modernen Kriegen. Sie räumten sogar ein, dass ein Überraschungsangriff mit strategischen Nuklearwaffen unter gewissen Umständen – wenn der angegriffene Staat klein oder schlecht vorbereitet war – den Zusammenbruch des attackierten Staates verursachen konnte. In einem Krieg zwischen gut vorbereiteten und wachsamen Weltmächten jedoch war dies ihrer Meinung nach nicht möglich: Der Umfang der Streitkräfte und die voraussichtliche territoriale Ausdehnung der Kriegshandlungen wären zu gross, als dass der Einsatz von strategischen Nuklearwaffen zu einem direkten und raschen Ende des Kriegs führen könnte.
Im Januar 1960 gab Chruščev eine Änderung der in der Sowjetunion geltenden Haltung bezüglich der kriegsentscheidenden Faktoren bekannt:210 «Heutzutage wird die Verteidigungsfähigkeit des Landes nicht dadurch bestimmt, wie viele Soldaten wir unter den Waffen halten, wie viele Menschen die Uniform tragen. Wenn man von den allgemeinen politischen und wirtschaftlichen Faktoren absieht […], so hängt die Verteidigungsfähigkeit des Landes in entscheidendem Mass davon ab, welche Feuerkraft und welche Zustellungsmittel diesem Land zur Verfügung stehen.»211 Mit anderen Worten: Die entscheidende Rolle in einem zukünftigen Krieg würden nun die Nuklearwaffen und die Raketen spielen. Wenn diese Kriegsmittel in Form von strategischen Nuklearschlägen gegen militärische, wirtschaftliche und politische Objekte auf dem Territorium des Gegners am Anfang eines Kriegs zum Einsatz gelangten, seien die langfristig wirkenden Faktoren – insbesondere das wirtschaftliche Gesamtpotential eines kriegführenden Staates – nicht mehr länger von ausschlaggebender Wichtigkeit.
Dass die Schläge der strategischen Raketen- und Kernwaffenkräfte kriegsentscheidend waren, bedeutete gemäss Chruščev nicht, dass automatisch jene Seite den Krieg gewann, welche als Erste und überraschend solche Schläge ausführte. Er behauptete, es sei sehr wohl möglich, dass der Sieg an den angegriffenen Staat gehe, vorausgesetzt, dieser verfüge über ein genügend grosses Territorium und habe sich in Friedenszeiten ausreichend darauf vorbereitet, den gegnerischen Nuklearschlag auszuhalten sowie umgehend selbst noch heftiger zurückzuschlagen. Chruščev zeigte sich überzeugt, dass die Sowjetunion diese Voraussetzungen erfüllte: «Das Territorium unseres Landes ist riesengross, wir haben die Möglichkeit, die Raketentechnik zu streuen und sie gut zu tarnen. Wir schaffen ein solches System, dass man immer, wenn die einen für den Gegenschlag bestimmten Mittel ausser Gefecht geraten sind, die zweite Garnitur einsetzen und die Ziele von Ersatzstellungen aus treffen kann.»212 Der Faktor «Überraschung» – so wichtig er nun, im Zeitalter von Nuklearraketen, sein konnte – war nach Ansicht Chruščevs somit weiterhin nicht notwendigerweise von entscheidender Bedeutung für den Ausgang eines Kriegs. Dieses Herunterspielen der Rolle des Überraschungsmoments erscheint angesichts des den strategischen Nuklearraketen zugeschriebenen Zerstörungspotentials sowie angesichts der zu Beginn der 1960er-Jahre de facto gar nicht vorhandenen sowjetischen Zweitschlagskapazität fragwürdig. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Chruščev sich dessen durchaus bewusst war. Einige Autoren vermuten jedenfalls, dass er in Wirklichkeit dem Überraschungsfaktor nun sehr wohl entscheidende Wichtigkeit beimass, dass es ihm aber zu gefährlich erschien, dies offiziell zuzugeben. Ein solcher Schritt hätte nämlich – gegen aussen – die Abschreckungswirkung der UdSSR geschwächt und – im Innern – die Moral von Bevölkerung und Armee untergraben.213
Was war der Grund dafür, dass Chruščev im Jahr 1960 plötzlich die qualitative und quantitative Stärke des Arsenals an atomaren Raketen eines Landes als den kriegsentscheidenden Faktor bezeichnete? Er selbst begründete diesen Schritt mit den waffentechnischen Veränderungen in der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre: Die Entwicklung und Einführung von Atom- und Wasserstoffwaffen sowie vor allem von ballistischen Trägerraketen sowohl im Westen wie im Osten habe aufgrund der ungeheuren Zerstörungskraft dieser neuen Kriegsmittel zu einem grundlegenden Wandel des Charakters des modernen Kriegs geführt und habe somit die bisherigen Annahmen bezüglich der kriegsentscheidenden Faktoren obsolet werden lassen. Dieser Erklärung folgte unter anderem die Feststellung, dass die nukleare und thermonukleare Feuerkraft eine Verkleinerung der Streitkräfte ermögliche, «durch deren Verwirklichung ein bedeutender Teil der Soldaten und Offiziere zur Arbeit in den Betrieben, auf den Baustellen, in den Kolchosen, in den wissenschaftlichen Institutionen und Lehranstalten»214 zurückkehren könne. Damit wies Chruščev auf ein wirtschaftliches Motiv für seine Hervorhebung der Nuklear- und Raketenwaffen hin: die Revitalisierung der zivilen Wirtschaft durch Arbeitskräfte, die bis anhin in den konventionellen Streitkräften gebunden gewesen waren. Mit dem Bekenntnis zum Primat der strategischen Raketentruppen und der damit verbundenen Absicht, die übrigen Streitkräfte zu verringern, dürfte Chruščev auch noch andere Zwecke verfolgt haben: Einmal ging es ihm wohl darum, ein Ansteigen der Militärausgaben zu verhindern; dann wollte beziehungsweise musste er wahrscheinlich der demographischen Entwicklung in der Sowjetunion – die Anzahl der für die Armee zur Verfügung stehenden Männer ging zu Beginn der 1960er-Jahre stark zurück – Rechnung tragen; und schliesslich könnte er – durch die Zurückstufung des Offizierskorps der traditionellen Waffengattungen – auch einen machtpolitischen Gewinn angestrebt haben.
Chruščevs einseitige Betonung der Bedeutung von Kern- und Raketenwaffen stiess bei den meisten sowjetischen Militärs auf Ablehnung. Sie waren weiterhin der Meinung, dass auch in einem Nuklearkrieg grosse Truppenmassen und konventionelle Waffen nötig und zumindest mitentscheidend seien. Der Widerstand der Militärs führte 1961 zu einer teilweisen Modifizierung der von Chruščev im Jahr zuvor gemachten Aussagen. Verteidigungsminister Malinovskij ergänzte den zentralen Leitsatz, dass die entscheidende Funktion in einem künftigen Krieg den strategischen Nuklearraketen zukomme, um die Anmerkungen, der endgültige Sieg über den Gegner könne nur durch gemeinsame Operationen aller Waffengattungen erreicht werden und es würden mehrere Millionen Mann starke Armeen benötigt. Diese Kompromissformel stellte nun die offizielle sowjetische Auffassung dar und wurde dementsprechend auch im 1962 erstmals erschienenen Standardwerk «Militär-Strategie» verwendet. Die in der «Militär-Strategie» bezüglich der kriegsentscheidenden Faktoren gemachten Ausführungen waren allerdings zum Teil widersprüchlich oder zumindest ambivalent,215 was darauf hindeutet, dass dieses Thema keineswegs abschliessend geregelt war und nach wie vor unterschiedliche Standpunkte dazu bestanden.
(9) Das Ausmass beziehungsweise die Form der Austragung eines Kriegs wurde Chruščevs Ansicht nach durch die politischen Ziele der Kriegsparteien bestimmt – so wie es Lenin auf der Grundlage von Clausewitz postuliert hatte.216 In Bezug auf den Krieg zwischen zwei antagonistischen Klassen galt unter Chruščev weiterhin der Leitsatz, das Ziel jeder der beiden Klassen bestehe nicht nur in der Besiegung des Gegners, sondern in dessen Vernichtung. Ein solcher Krieg stelle für beide Seiten also einen Kampf um die eigene Existenz dar, und dementsprechend würden sie alle ihnen zur Verfügung stehenden Mittel einsetzen, um den Krieg zu gewinnen beziehungsweise um ihren Untergang zu verhindern. Mit anderen Worten: Ein solcher Krieg sei ein «unbegrenzter Krieg». Komme es zu einem Krieg zwischen den kapitalistischen USA und der kommunistischen UdSSR, so sei dies «die höchste Form des Klassenkampfes», denn die beiden Kriegsparteien verfolgten darin «die entscheidendsten aller Ziele», nämlich – die USA – die Zerstörung des kommunistischen Gesellschaftssystems der östlichen Welt sowie – die Sowjetunion – die Zerstörung des kapitalistischen Gesellschaftssystems der westlichen Welt. Um ihr jeweiliges Ziel zu erreichen, würden sowohl die Amerikaner als auch die Sowjets zwangsläufig ihre mächtigsten Waffen zum Einsatz bringen. Während der Herrschaft Chruščevs waren dies die strategischen Nuklearraketen. Chruščev war dementsprechend der Überzeugung, dass jeder Krieg, in welchen die USA und die UdSSR involviert waren, mit strategischen Nuklearwaffen geführt werde.
(10/11) Während sich die Ansichten über die Voraussetzungen für die Beendigung eines Kriegs unter Chruščev nicht änderten,217 ging mit der Einführung der Politik der Friedlichen Koexistenz die Revidierung der bis anhin gültigen These, dass in einer Welt mit kapitalistischen Staaten Kriege grundsätzlich unvermeidbar seien, einher.218 Chruščev stellte sich zwar weiterhin auf den Standpunkt, solange «der Imperialismus» bestehe, bleibe die ökonomische Grundlage der Kriege erhalten. Und dementsprechend würden die «reaktionären Kräfte, die die Interessen der kapitalistischen Monopole vertreten, auch weiterhin kriegerische Abenteuer und Aggressionen suchen» und «danach trachten, einen Krieg zu entfesseln».219 Erst «mit dem Sieg der Arbeiterklasse in der ganzen Welt, mit dem Sieg des Sozialismus» würden «alle sozialen und nationalen Ursachen für das Entstehen von Kriegen beseitigt sein» und würde es «der Menschheit möglich, sich für alle Zeiten von dieser furchtbaren Geissel zu befreien».220 Gleichzeitig zeigte sich Chruščev aber überzeugt, dass es «eine schicksalhafte Unvermeidbarkeit der Kriege»221 nun nicht mehr gebe. Seiner Meinung nach konnten grundsätzlich alle von Kapitalisten geführten Kriege verhindert werden – vorausgesetzt, es gelinge, «sowohl die Kräfte des sozialistischen Lagers als auch die Völker aller Länder, alle friedliebenden Kräfte zum Kampf für die Verhütung aggressiver Kriege» zu mobilisieren.222 Mit anderen Worten: Nicht nur die Kriege zwischen kapitalistischen und kommunistischen Staaten erschienen Chruščev nicht mehr länger unvermeidlich, sondern ebenso die Kriege innerhalb der kapitalistischen Welt sowie die (Kolonial-)Kriege zwischen kapitalistischen Staaten und unterentwickelten Staaten.223
Es ist an dieser Stelle zu betonen, dass Chruščev diese Arten von Krieg zwar für vermeidbar, aber keineswegs für ausgeschlossen hielt.224 Als «am wahrscheinlichsten» bezeichnete er Kriege «der Imperialisten» gegen die sozialistischen Staaten,225 denn anders als Stalin, der zu Beginn der 1950er-Jahre die Gegensätze zwischen den kapitalistischen Ländern sowie die Unvermeidbarkeit von innerkapitalistischen Kriegen hervorgehoben hatte, behauptete Chrušˇev nun, die Widersprüche zwischen dem kapitalistischen und dem sozialistischen Lager seien gegenwärtig grösser: «Natürlich bestehen auch jetzt unter den imperialistischen Ländern akute Gegensätze und Antagonismen, besteht der Wunsch, sich auf Kosten anderer, schwächerer Länder zu bereichern. Die Imperialisten müssen aber dabei die Sowjetunion und das ganze sozialistische Lager im Auge behalten, und sie hüten sich, untereinander Kriege anzuzetteln. Sie sind bestrebt, ihren Differenzen die Schärfe zu nehmen. […] Kriege werden hauptsächlich von den Imperialisten gegen die Länder des Sozialismus und vor allem gegen die Sowjetunion als den mächtigsten sozialistischen Staat vorbereitet. Die Imperialisten möchten unsere Macht erschüttern und damit die einstige Herrschaft des Monopolkapitals wiedererrichten.»226
Wie im eben angeführten Zitat beispielhaft zum Ausdruck kommt, begründete Chruščev seine These von der Vermeidbarkeit kapitalistischer Kriege mit den stark gestiegenen Einflussmöglichkeiten des «sozialistischen Lagers» in der Welt: Die friedliebenden Kräfte seien nun – anders als vor dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg – mächtig genug und verfügten über die nötigen Mittel, um «die Imperialisten» davon abzuhalten, Kriege zu beginnen.227 Tatsächlich war es jedoch nicht so sehr diese Verschiebung in der Machtkonstellation zwischen dem kapitalistischen und dem kommunistischen Lager gewesen, welche den ideologischen Wechsel zur Doktrin der Vermeidbarkeit von Krieg ausgelöst hatte, sondern vielmehr Chruščevs Bedürfnis, die Ideologie mit der auf die Verhinderung eines nuklearen Weltkriegs ausgerichteten Politik der Friedlichen Koexistenz in Übereinstimmung zu bringen.




