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Es stellt sich nun noch die Frage, ob Chruščev seine Vermeidbarkeitsthese nur auf die von Kapitalisten initiierten Kriege bezog oder ob er sie auch für die sogenannten «nationalen Befreiungskriege», also für Kriege der «unterdrückten Klassen», als gültig erachtete. Seine Antwort darauf veränderte sich im Lauf seiner Herrschaftszeit: In der ersten Phase von 1956 bis Anfang der 1960er-Jahre scheint er tatsächlich alle Kriegskategorien für vermeidbar beziehungsweise für zu vermeidend gehalten zu haben. Darauf jedenfalls lässt seine stets undifferenziert geäusserte Erklärung, dass «die Kriege» vermeidbar seien, schliessen. Zu Beginn der 1960er-Jahre kehrte Chruščev dann aber – wohl unter dem Eindruck der massiven chinesischen Kritik an der bisherigen Haltung – zur ursprünglichen marxistisch-leninistischen Auffassung zurück und stufte die «nationalen Befreiungskriege» wieder als gänzlich unvermeidbar ein: «Befreiungskriege wird es geben, solange der Imperialismus existiert, solange der Kolonialismus existiert. Das sind revolutionäre Kriege. Solche Kriege sind nicht nur zulässig, sondern auch unausbleiblich, da die Kolonialherren den Völkern nicht aus freien Stücken die Unabhängigkeit gewähren.»228
Die bisherigen Ausführungen legen den Schluss nahe, dass die vollständige Abschaffung von Krieg auch unter Chruščev erst nach dem weltweiten Sieg des Sozialismus für erreichbar gehalten wurde. Dem war jedoch nicht so: Den Sowjets erschien es nun möglich, dass unter gewissen Voraussetzungen «noch vor dem vollen Sieg des Sozialismus-Kommunismus im Weltmassstab der Krieg gänzlich aus dem Leben der Völker verschwinden»229 werde. Die Voraussetzungen dafür wurden dann als gegeben erachtet, wenn sich der Sozialismus im grösseren Teil der Welt durchgesetzt hätte.230
1.3.1.5 Die Anpassung des marxistisch-leninistischen Kriegsverständnisses an die Bedingungen der westlichen «flexible response»-Doktrin unter Brežnev
Nach Chruščevs Sturz im Oktober 1964 bildete sich im Kreml eine «kollektive Führung» mit Leonid Il’ič Brežnev als Parteichef und Aleksej Nikolaevič Kosygin als Regierungschef.231 Die neuen Machthaber – beziehungsweise in erster Linie der sowjetische Generalstab – gelangten Mitte der 1960er-Jahre zum Schluss, dass die USA dem Einsatz von Nuklearwaffen nun abgeneigt seien.232 Dieses Fazit beruhte auf einem – durch die Absetzung Chruščevs ermöglichten und durch die in den Nato-Staaten geführte Diskussion um die Glaubwürdigkeit der US-Nukleargarantie für Westeuropa geförderten – neuen sowjetischen Verständnis des amerikanischen Konzepts der flexiblen Reaktion («flexible response»). Das Konzept der flexiblen Reaktion hatte im Jahr 1961 die starre, auf strategischen Nuklearwaffen basierende US-Abschreckungskonzeption der massiven Vergeltung («massive retaliation») abgelöst und sah vor, einen tatsächlichen oder angedrohten Angriff mit einer an die Bedrohung angepassten Mischung aus konventionellen und nuklearen Potentialen zu beantworten.233 Bis Mitte der 1960er-Jahre waren die Sowjets trotz dieser veränderten strategischen Ausrichtung der USA der Ansicht, dass die Amerikaner und ihre Bündnispartner in einem Krieg in Europa immer taktische Nuklearwaffen und spätestens im Fall einer sich abzeichnenden Niederlage auch strategische Nuklearwaffen zum Einsatz bringen würden. Nun jedoch deuteten die Sowjets das Konzept der flexiblen Reaktion dahin gehend, dass die Nato in einem Krieg in Europa die Anwendung von taktischen Nuklearwaffen so lange wie möglich hinausschieben wolle und dass die Amerikaner – aus Furcht vor Nuklearschlägen gegen ihr eigenes Territorium – nicht mehr länger bereit seien, zum Schutze Europas in jedem Fall strategische Nuklearwaffen gegen die Sowjetunion abzufeuern. Dass die amerikanische Nukleargarantie für Westeuropa in Frage gestellt war, liess sich aus sowjetischer Sicht auch aus dem von den Amerikanern 1964 angenommenen Konzept der garantierten Zweitschlagkapazität («assured second strike capability») ableiten. Dieses konnte als Absage an einen strategischen Erstschlag interpretiert werden beziehungsweise als Indiz dafür, dass die USA nur dann zum Mittel strategischer Nuklearwaffen griffen, wenn sie selbst direkt attackiert würden.
Ausgehend von diesen neuen Vorstellungen über das mutmassliche Verhalten des potentiellen Gegners in einem künftigen Krieg folgerten die Sowjets, dass ein solcher Krieg nicht mehr zwangsläufig zu einem atomaren Schlagabtausch zwischen ihnen und den Amerikanern führen müsse. Mit anderen Worten: Die – bislang als unvermeidlich erachtete – nukleare Verwüstung der Sowjetunion könne unter Umständen nun verhindert werden. Voraussetzung dafür, dass dieses Ziel erreicht werden konnte, war allerdings, dass die Sowjets auf strategische Nuklearschläge gegen die USA verzichteten und damit das Ziel der vollständigen Zerstörung des kapitalistischen Weltsystems aufgaben. Dieser Schritt wiederum bedingte – wie im Folgenden ausgeführt werden wird – eine teilweise Revision der kommunistischen Kriegstheorie, konkret die Revision der Lenin’schen These, dass Kriege zwischen kommunistischen und kapitalistischen Staaten immer von beiden Seiten mit dem Ziel der kompletten Zerstörung des gegnerischen Gesellschaftssystems und unter Einsatz aller verfügbaren Waffen geführt würden.

Abb. 14: Leonid Il’ič Brežnev. (Osteuropabibliothek, Zeitschrift Ogonëk. Jahrgang 1966)
(1) Bezüglich der Ursache von Krieg galt unter Brežnev weiterhin die These, dass Krieg ökonomisch bedingt sei: «Der Krieg […] entsteht mit dem Privateigentum an den Produktionsmitteln, den antagonistischen Klassen und dem Ausbeuterstaat und verschwindet mit ihnen.»234 Dementsprechend sei Krieg «eine historische Erscheinung, die nur während der Dauer der Existenz der antagonistischen Klassengesellschaften auftritt.»235 Im «imperialistischen Stadium des Kapitalismus» diene der Krieg «der Monopolbourgeoisie als Mittel, die bereits aufgeteilte Welt von Zeit zu Zeit entsprechend dem sich aufgrund der ungleichmässigen ökonomischen und politischen Entwicklung des Kapitalismus ständig verändernden Kräfteverhältnis zwischen den imperialistischen Staaten neu aufzuteilen und Völker, die sich von ihrem Joch befreit und den (sozialistischen oder auch nichtsozialistischen) Weg einer selbständigen nationalen Entwicklung beschritten haben, erneut zu unterwerfen.»236 Mit dem weltweiten Sieg des Sozialismus werde die Menschheit «für immer von der Gefahr eines Krieges befreit, da es in der sozialistischen Gesellschaft keine gesellschaftlichen Kräfte – Klassen oder Schichten – gibt, die an der Unterdrückung und Ausbeutung anderer Völker und somit an einem Krieg interessiert sind».237
(2) Hinsichtlich der Funktion von Krieg fand demgegenüber eine Veränderung in der sowjetischen Einschätzung statt:238 Die während der Chruščev-Zeit vorhandene Tendenz, anzuerkennen, dass ein Nuklearkrieg wohl militärisch nicht führbar beziehungsweise nicht eindeutig gewinnbar wäre, und daraus zu folgern, dass Lenins auf Clausewitz beruhendes Diktum vom Krieg als Fortsetzung der Politik obsolet geworden sei, wurde nun – unter anderem angesichts des zunehmend für möglich gehaltenen «begrenzten Kriegs» – von verschiedenen Militärtheoretikern als fatalistisch und politisch gefährlich kritisiert. Als Folge davon erlangte die Clausewitz-Formel wieder verstärkte Gültigkeit. Gemäss Meissner war ab dem XXIII. Parteitag der KPdSU im Frühling 1966 die offizielle sowjetische Auffassung die, dass «auch der Krieg mit Raketenkernwaffen ein Mittel der Politik sein könne».239
(3) Die eben beschriebene Entwicklung hatte direkte Auswirkungen auf die unter Brežnev vorherrschenden Ansichten bezüglich der Wirkung von Krieg:240
Die Gültigkeit der These, dass Kriege den Prozess in Richtung Weltkommunismus unterstützen und beschleunigen würden, welche während der Herrschaft Chruščevs stark eingeschränkt worden war, wurde nun auch auf Nuklearkriege ausgedehnt. So schrieb beispielsweise Oberstleutnant Evgenij Ivanovič Rybkin: «Wenn diese wissenschaftliche Lehre in der Zeit gültig war, als Kriege nur mit konventionellen Waffen geführt wurden, so verliert sie unter den Bedingungen des nuklearen Raketenkrieges keineswegs ihre Gültigkeit […].»241 Dies bedeutete allerdings nicht, dass die Sowjets den «revolutionären Fortschritt» nun mittels eines nuklearen Kriegs gegen das kapitalistische Lager herbeiführen wollten, sondern muss vielmehr als Zeichen verstanden werden, dass sie sich nicht durch eine zu eng formulierte Doktrin die Hände binden wollten. Jeder Konfliktfall sollte individuell analysiert werden, um das konkrete sowjetische Vorgehen festzulegen.
Generell sahen die Sowjets – insbesondere die Militärs – im Vergleich zur Chruščev-Periode grössere Möglichkeiten zur Einflussnahme im Bereich der «nationalen Befreiungskriege».242 Diese erschienen ihnen nach wie vor als deutlichster Beleg für die revolutionsbegünstigende Wirkung von Krieg, war doch im Zuge von Kämpfen während der Entkolonialisierung in zahlreichen Staaten der Sozialismus eingeführt worden. Ab Mitte der 1960er-Jahre beobachteten die Sowjets dementsprechend erwartungsvoll, welche Auswirkungen der amerikanische Misserfolg im Vietnamkrieg hatte – speziell auf die USA selbst. Eine eigentliche Revolution konnten sie dort zwar nicht ausmachen, immerhin aber eine grosse politische Krise und schliesslich massive Veränderungen in der Struktur der amerikanischen Gesellschaft. Dies schien ihnen Grundlage genug zu sein für die Folgerung, dass auch die USA wegen eines Kriegs der proletarischen Revolution einen Schritt nähergerückt seien.243
(4) Die generelle Einstellung zum Krieg veränderte sich nach dem Sturz
Chruščevs nicht.244 Es wurde weiterhin betont, dass der Marxismus-Leninismus «im Gegensatz zu den dogmatischen Auffassungen vom Krieg als einem absoluten Übel» zwischen «gerechten und ungerechten, reaktionären und revolutionären Kriegen» unterscheide: «Kriege, die dazu dienen, die von der herrschenden Klasse eines Landes betriebene Politik der Unterdrückung und Ausbeutung des eigenen Volkes wie auch fremder Völker mit den Mitteln des bewaffneten Kampfes fortzusetzen, den Herrschaftsbereich von Ausbeuterklassen gewaltsam auszudehnen und die Macht der reaktionären Kräfte gewaltsam aufrechtzuerhalten, sind ungerecht. Gerecht sind Kriege, die die Völker für ihre Befreiung von nationaler und kolonialer Unterdrückung und die die unterdrückten und ausgebeuteten Klassen um die Befreiung vom Klassenjoch führen.»245
Chruščevs simplifizierende Kriegstypologie jedoch wurde nicht beibehalten, sondern vielmehr offen angegriffen: Die sowjetischen Theoretiker kritisierten, Chruščev habe nicht genügend scharf zwischen gerechten und ungerechten Kriegen unterschieden und so zu wenig deutlich gemacht, dass «das einzig richtige Kriterium für die Definition des Wesens von Kriegen […] ihr sozio-politischer Inhalt»246 sei. Neu wurden nun meistens fünf Arten von Kriegen aufgeführt; drei eindeutig «gerechte» und zwei eindeutig «ungerechte». Zu den Letzteren gehörten zum einen «Weltkriege zwischen einander entgegengesetzten Gesellschaftssystemen» – denn solche Kriege wurden nach sowjetischer Auffassung immer von den «Imperialisten» begonnen – und zum anderen «Kriege zwischen imperialistischen Staaten». Als «gerechte» Kriege wurden demgegenüber die folgenden charakterisiert: Erstens «Kriege zur Verteidigung des sozialistischen Vaterlandes», womit Kriege gemeint waren, die zwar von ihrer Form her ebenfalls global und zwischen entgegengesetzten Gesellschaftssystemen geführt wurden, in welchen es aber um die historische Pflicht des «Weltproletariats» ging, die Errungenschaften des Sozialismus zu verteidigen; zweitens «Bürgerkriege», worunter bewaffnete Kämpfe der unterdrückten Klassen gegen die Unterdrückerklassen innerhalb eines Staates verstanden wurden; und drittens «nationale Befreiungskriege», das heisst bewaffnete Kämpfe «der Völker der kolonialen und abhängigen Länder für ihre Befreiung vom imperialistischen Joch auf jede Art und Weise»247 oder Kriege «der jungen Nationalstaaten gegen die Restauration des Kolonialjochs».248
(5) Unverändert in Kraft blieb unter Brežnev die Doktrin der Friedlichen Koexistenz zwischen Kommunismus und Kapitalismus.249 Sie wurde weiterhin für die der gegenwärtigen, gemäss sowjetischer Darstellung vom «Kampf um den Frieden»250 geprägten Weltlage angemessenste Form der Aussenpolitik erachtet. Dementsprechend wies die sowjetische Führung die Idee, dass die UdSSR einen oder mehrere kapitalistische Staaten angreifen könnte, nach wie vor weit von sich und hielt stattdessen am Axiom fest, dass ein Krieg zwischen Kapitalismus und Kommunismus nur durch das kapitalistische Lager begonnen werde könne. Die Behauptung, in der sozialistischen Gesellschaft gebe es «keine Klassen und andere Kräfte, die an einem Krieg interessiert sein könnten»,251 auch nicht an einem «revolutionären Krieg» gegen die kapitalistischen Staaten,252 stand aber ideologisch noch immer auf wackeligen Beinen. Dasselbe gilt für die ebenfalls weiterhin praktizierte generelle Ablehnung des Aktes der Aggression. Diese Ablehnung wurde unter Brežnev – besonders nach dem Einmarsch der Sowjets in die Tschechoslowakei 1968 – übrigens weniger stark betont als unter seinen Vorgängern. So gab die sowjetische Führung Ende der 1960er-Jahre die Formel, dass keine politischen, strategischen oder wirtschaftlichen Erwägungen eine Aggression rechtfertigen könnten, stillschweigend auf.253 Ganz offensichtlich war sie zur Auffassung gelangt, dass diese Formel den sowjetischen Interessen nun nicht mehr entsprach. Wie schon im Fall Ungarns war der Sowjetunion nach der Intervention in der ČSSR nämlich vorgeworfen worden, selbst nach ihren eigenen Massstäben eine Aggression verübt zu haben.254 Die Sowjets hatten zwar erneut versucht, diesen Vorwurf unter Verweis auf einen angeblichen tschechoslowakischen «Hilferuf» zu entkräften,255 dürften sich aber selbst bewusst gewesen sein, dass diese legalistische Argumentation alles andere als überzeugend war. Um derartige «Unannehmlichkeiten» in Zukunft zu verhindern, proklamierten die Sowjets von nun an, Aggressionen könnten nur von «imperialistischen» Staaten begangen werden.256 Gleichzeitig verkündete Brežnev die These von der «begrenzten Souveränität der sozialistischen Staaten», welche besagte, dass die «internationale Pflicht der Kommunisten» ein – notfalls auch militärisches – Eingreifen gebiete, wann immer in einem kommunistisch beherrschten Land der «Sozialismus» bedroht sei; denn es gelte, eine Schwächung des gesamten «sozialistischen Lagers» abzuwenden.257 Mit dieser sogenannten «Brežnev-Doktrin» sowie der erwähnten neuen Definition von «Aggression» verschaffte sich die sowjetische Führung praktisch eine Blankovollmacht, jederzeit gegen alle ihr missliebigen Entwicklungen in ihrem Einflussbereich vorzugehen, ohne dabei nach ihren eigenen Massstäben eine Aggression zu verüben.
(6) Obwohl die Sowjets auch unter Brežnev die Möglichkeit eines von ihnen begonnenen Kriegs gegen das kapitalistische Lager offiziell klar verneinten, sprach rein ideologisch weiterhin nichts Grundsätzliches dagegen.258 Die einzigen möglichen Hinderungsgründe für einen sowjetischen Angriffskrieg dürften nach wie vor die drei folgenden gewesen sein: erstens die Erkenntnis, dass das angestrebte politische Ziel ebenso gut mit nichtkriegerischen Mitteln erreicht werden konnte, zweitens die fehlende Gewissheit des eigenen Sieges in diesem Krieg und drittens eine zu grosse Furcht vor negativen Begleiterscheinungen eines Sieges für die Sicherheit und die Macht der Sowjetunion – konkret insbesondere vor massiver nuklearer Zerstörung des eigenen Territoriums.
(7) Als Folge der andauernden Gültigkeit des Konzepts der Friedlichen Koexistenz zwischen kommunistischen und kapitalistischen Staaten blieb unter Brežnev auch die von Chruščev aufgestellte These weiter in Kraft, «dass der Sozialismus ohne Krieg über den Kapitalismus zu triumphieren vermag».259 Dieser Grundsatz bedeutete – wie schon zu Chruščevs Zeiten – nicht, dass die Sowjets den Krieg als Mittel zur Förderung der Weltrevolution gänzlich ausschlossen. Dem friedlichen, evolutionären Übergang zum Sozialismus wurde zwar Priorität eingeräumt, doch für den Fall, dass sich dieser Weg als nicht gangbar erweisen sollte, blieb der Rückgriff auf Waffengewalt eine Option. Die Sowjets schätzten dabei die Möglichkeiten zum Einsatz von gewaltsamen Mitteln nun als etwas grösser ein als während der Ära Chruščev: Als zulässig angesehen wurden nicht mehr nur nationale Befreiungskriege sowie Bürgerkriege in Gestalt der Bürger-Befreiungskriege, sondern verschiedene Formen der Einmischung, die grösstenteils den Charakter einer Intervention besassen. Nicht in Frage kamen demgegenüber nach wie vor die sogenannten «internationalen Kriege», das heisst der atomare Weltkrieg und begrenzte, lokale Kriege, bei denen Eskalationsgefahr bestand.
(8) Die sowjetischen Ansichten bezüglich der über Sieg und Niederlage in einem Krieg entscheidenden Faktoren waren nach Chruščevs Sturz geprägt von einer deutlichen Relativierung der Vorrangstellung der strategischen Nuklearraketen gegenüber anderen, insbesondere langfristig wirkenden Faktoren.260 Wie in Punkt 9 ausgeführt werden wird, setzte sich in der Sowjetunion um die Mitte der 1960er-Jahre die Erkenntnis durch, dass zukünftige Kriege zwischen West und Ost unter Umständen ohne den Einsatz strategischer Nuklearwaffen ausgetragen werden konnten. Als Folge davon wurde Faktoren wie der Mobilmachung, den Reserven an militärischem Personal und Material sowie dem «wirtschaftlichen Potential» eines Landes nach Kriegsausbruch nun wieder grössere Wichtigkeit zuerkannt. Auch die Bedeutung des «moralischen Potentials» wurde verstärkt betont: «Man darf […] die Kernwaffen nicht zum Fetisch erheben, wie einige bürgerliche Militärideologen dies tun. Bei der Beurteilung der Auswirkungen von Kernwaffen und technischem Gerät auf die Methoden der Kriegführung hat man stets die Frage zu berücksichtigen, in welchen Händen diese Waffen sich befinden. Wie die Erfahrungen der Geschichte zeigen, wird von neuen Methoden und Formen des bewaffneten Kampfes, von neuen Waffen und technischen Geräten zur Errichtung des Sieges über den Feind dann der beste Gebrauch gemacht, wenn sich ihrer dasjenige Volk und diejenige Armee bedienen, die einen gerechten Krieg, einen Befreiungskrieg führen, die den Wert der Freiheit und Unabhängigkeit, die Errungenschaften des Sozialismus und Kommunismus verteidigen und sich durch hohe sittlich-politische Qualitäten auszeichnen. In dieser Hinsicht wird auch ein möglicher Weltkrieg mit Raketen-Kernwaffen keine Ausnahme bilden. Auch in ihm werden sich die schöpferischen Fähigkeiten jener Völker, die sich zu einem gerechten Kampf erhoben, die Ziele und Aufgaben des Krieges begriffen und sich entsprechend auf ihn vorbereitet haben, mit ungebrochener Kraft offenbaren. Es kann keinen Zweifel daran bestehen, dass die der Aggression die Stirn bietenden Völker dem Feind mit Kampfmethoden entgegentreten werden, die den seinigen überlegen sind.»261
(9) Die Frage nach der Form der Austragung eines Kriegs zwischen zwei einander entgegengesetzten Klassen – insbesondere eines Kriegs zwischen kommunistischen und kapitalistischen Staaten – wurde in der Brežnev-Periode anders beantwortet als während der Stalin- und der Chruščev-Zeit:262 Wie zu Beginn dieses Unterkapitels erwähnt, gelangte die sowjetische Führung unter dem Eindruck der amerikanischen Konzepte der flexiblen Reaktion sowie der garantierten Zweitschlagkapazität Mitte der 1960er-Jahre zur Auffassung, dass ein militärischer Konflikt zwischen kommunistischen und kapitalistischen Staaten nicht – wie seit Lenins Zeiten behauptet – zwangsläufig von beiden Seiten mit dem Ziel der vollständigen Zerstörung des gegnerischen Gesellschaftssystems und unter Einsatz aller ihnen zur Verfügung stehenden Kriegsmittel geführt werden müsse. Selbst ein Krieg, in welchen gleichzeitig die Supermächte UdSSR und USA involviert waren, müsse nicht mehr unbedingt zur letzten Entscheidungsschlacht zwischen den beiden Weltsystemen werden. Mit anderen Worten: Die Sowjets hielten nun «begrenzte Kriege» zwischen dem Kapitalismus und dem Kommunismus für möglich, also Kriege, in denen die Konfliktparteien nicht alle verfügbaren Mittel einsetzten, sondern beispielsweise auf die Verwendung von strategischen Nuklearwaffen oder von Nuklearwaffen überhaupt verzichteten. Voraussetzung für einen solchen «begrenzten Krieg» war aus sowjetischer Sicht, dass die in diesem Krieg verfolgten Ziele beschränkt und somit die Folgen einer Niederlage für den Verlierer von relativ geringer Bedeutung waren. Falls dies nicht der Fall war, der Verlierer die Konsequenzen einer Niederlage in einem Krieg also als existenzgefährdend einstufte, dann, so waren die Sowjets überzeugt, komme es weiterhin zu einem «unbegrenzten Krieg», in welchem auch Atomwaffen – taktische und strategische – eingesetzt würden. In den Augen der Sowjets konnte nur ein bezüglich seiner regionalen Ausdehnung beschränkter Krieg, das heisst ein sogenannter «lokaler Krieg», ein «begrenzter Krieg» sein. Hatte sich ein Krieg auf den Grossteil oder die Gesamtheit unseres Planeten ausgebreitet und war somit zu einem globalen Krieg, zu einem «Weltkrieg», geworden, so standen nach Ansicht der Sowjets sowohl für die kapitalistische als auch für die kommunistische Seite unweigerlich derart wichtige Interessen auf dem Spiel, dass es zu einem «unbegrenzten Krieg» kommen musste.
(10/11) Die von Lenin formulierte Auffassung, dass für die Beendigung von Kriegen das vollständige Erreichen der ihnen zugrunde liegenden politischen Ziele nötig sei, blieb unter Brežnev unverändert in Kraft.263 Dasselbe gilt für die von Chruščev entwickelten Thesen über die Vermeidbarkeit beziehungsweise die endgültige Überwindung von Krieg. So hiess es weiterhin, dass «imperialistische Kriege in der heutigen Epoche nicht mehr unvermeidlich» seien, da «es auf Grund der Existenz der sozialistischen Staaten, der ihre Friedenspolitik unterstützenden jungen Nationalstaaten und aller an der Erhaltung des Friedens in den kapitalistischen Ländern selbst interessierten gesellschaftlichen Kräfte heute objektiv möglich» sei, «den Imperialismus an der Entfesselung eines neuen Weltkriegs zu hindern und ihn zur Einstellung begrenzter imperialistischer Kriege zu zwingen».264 Ausgenommen von der Vermeidbarkeitsthese blieben die «nationalen Befreiungskriege» und die «Bürgerkriege».265 Bezüglich der Möglichkeit der gänzlichen Abschaffung von Krieg lautete der Grundsatz nach wie vor, dass «mit dem Sieg des Sozialismus im Weltmassstab […] die Menschheit für immer von der Gefahr eines Krieges befreit» werde, «da es in der sozialistischen Gesellschaft keine gesellschaftlichen Kräfte – Klassen oder Schichten – gibt, die an der Unterdrückung und Ausbeutung anderer Völker und somit an einem Krieg interessiert sind».266 Dazu wurde allerdings – wie schon unter Chruščev – angefügt, die mit der Politik der Friedlichen Koexistenz einhergehende «Veränderung des Kräfteverhältnisses zu Gunsten der Kräfte des Friedens, der Demokratie und des Sozialismus» schaffe allmählich Bedingungen, unter denen «noch vor dem vollen Sieg des Sozialismus und Kommunismus im Weltmassstab der Krieg gänzlich aus dem Leben der Völker verschwinden wird».267
1.3.1.6 Fazit
Das Kernstück der marxistisch-leninistischen Lehre vom Krieg ist die These, dass der Krieg seinem Wesen nach ein Produkt des Kapitalismus beziehungsweise des Imperialismus sei. Sowohl Marx und Engels als auch alle ihre ideologischen Nachfolger erachteten als Ursache von Krieg nämlich das Privateigentum an den Produktionsmitteln beziehungsweise die Aufteilung der Gesellschaft in unterdrückende und unterdrückte Klassen.
Die Funktion von Krieg beschrieben die Begründer des Marxismus-Leninismus – speziell Lenin – in Anlehnung an Clausewitz als «Fortsetzung der Politik mit gewaltsamen Mitteln». Krieg im Allgemeinen war für sie demzufolge ein grundsätzlich wertneutrales Instrument zur Durchsetzung bestimmter politischer Ziele einer Klasse. Das Aufkommen von Nuklear- und Raketenwaffen und die daraus erwachsende massiv erhöhte Vernichtungsgefahr im Fall eines Kriegs führten unter Chruščev zur Infragestellung der weiteren Gültigkeit der Clausewitz-Formel. Nach der Machtübernahme Brežnevs wurde dieser Theoriestreit jedoch zu Gunsten der Ansicht entschieden, dass auch der Krieg mit Raketenkernwaffen ein Mittel der Politik bleibe.




