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In Bezug auf die Wirkung von Krieg wiesen Marx und Engels einerseits auf die vielen äusserst negativen Aspekte hin, welche der Krieg in Form von Tod, Leiden, Not und Elend für den einzelnen Arbeiter und Bauern mit sich bringe. Andererseits betonten sie – und diesen Gesichtspunkt gewichteten sie stärker – , welch überaus positive Auswirkungen Krieg für die Sache des «Proletariats» als Ganzes haben könne. Krieg könne nämlich den revolutionären Prozess beschleunigen und so den Triumph des Kommunismus näherbringen. Auch Lenin und Stalin hoben in der Folge den Wert von Krieg als «Hebamme» für die Verbreitung des Kommunismus beziehungsweise für die Stärkung der sowjetischen Machtposition hervor. Anders Chruščev: Er gelangte im Lauf der 1950er-Jahre zur Erkenntnis, dass ein Weltkrieg im Kernwaffen- und Raketenzeitalter wohl einer Selbstvernichtung gleichkäme oder doch den ohnehin unvermeidlichen kommunistischen Sieg unnötig erschweren und verzögern würde. Seiner Ansicht nach konnten nun nur noch die «nationalen Befreiungskriege» revolutionsbegünstigende Wirkung entfalten. Die Bedeutung von Krieg als Faktor, welcher die proletarische Revolution förderte, ging während dieser Periode somit grossenteils verloren. Nach Chruščevs Sturz wurde diese Entwicklung dann zumindest teilweise wieder rückgängig gemacht.
Die Einstellung der Marxisten-Leninisten zum Krieg war im untersuchten Zeitraum geprägt davon, dass sie ihn nie generell ablehnten. Vielmehr unterschieden sie stets zwischen guten beziehungsweise «gerechten» und schlechten beziehungsweise «ungerechten» Kriegen. Zur ersten Kategorie zählten Kriege, die zum Zwecke der Verbreitung oder Verteidigung des Kommunismus geführt wurden, zur zweiten Kategorie Kriege, die nur den Interessen der «Kapitalisten» dienten.
Die Frage nach dem Aggressor in einem Krieg wurde von Marx, Engels und Lenin als irrelevant angesehen. Eine prinzipielle Verurteilung des Aktes der Aggression war für sie kein Thema, im Gegenteil: Sie hielten es für richtig, selbst Kriege zu beginnen, wann immer es ihnen schien, dass die Sache des Kommunismus dies verlange. Nach der Gründung Sowjetrusslands allerdings wurden die Äusserungen zu diesem Thema immer zurückhaltender, und spätestens Anfang der 1930er-Jahre kam es zu einer regelrechten Kehrtwende: Stalin stellte nun jegliche Absicht eines offensiven «revolutionären Krieges» entschieden in Abrede und setzte sich für ein weltweit geltendes generelles Aggressionsverbot ein. Der Grund für diese Haltungsänderung war freilich kein ideologischer, sondern ein politisch-taktischer: Angesichts der exponierten Lage der Sowjetunion als einziger sozialistischer Staat sowie ihrer relativen militärischen Schwäche fürchtete Stalin Angriffe der kapitalistischen Staaten auf sein Land. Um diese zu verhindern, versuchte er, einerseits die UdSSR gegenüber der Weltöffentlichkeit als friedliebend darzustellen und andererseits institutionelle Sicherungen gegen Aggressionen zu erreichen. Da sich die Sowjets auch nach dem Zweiten Weltkrieg gegenüber den Westmächten nicht in einer Position der Stärke fühlten, führten sie die Propaganda gegen jegliche Art von Aggression – unter Chruščev eingebettet in die Politik der Friedlichen Koexistenz – fort. Das Verhalten der Sowjetunion während des Zweiten Weltkriegs sowie 1956 in Ungarn und 1968 in der Tschechoslowakei weist allerdings darauf hin, dass die offiziell postulierte Ablehnung des Aktes der Aggression stets nur eine scheinbare war und in Tat und Wahrheit die ursprüngliche marxistisch-leninistische Haltung zum Beginnen eines Kriegs in Kraft blieb.
Obwohl für Marxisten-Leninisten keinerlei moralische oder ethische Hinderungsgründe für die Anwendung von Krieg existierten, mussten für einen solchen Schritt doch gewisse Voraussetzungen erfüllt sein. Die von Marx und Engels formulierten Grundbedingungen lauteten: Es muss ausgeschlossen werden können, dass das angestrebte Ziel mit friedlichen Mitteln erreicht werden kann, und der Sieg in diesem Krieg muss als sicher angesehen werden können. Nach der Entstehung der Sowjetunion gesellte sich dazu noch eine dritte Voraussetzung: Die zu erwartenden negativen Begleiterscheinungen eines Sieges für die Sicherheit und die Macht der UdSSR – als staatlicher Verkörperung des Kommunismus – durften nicht zu schwerwiegend sein.
Unterschiedlich bewertet wurde im Verlauf der Zeit die Rolle der militärischen Gewalt für den Sieg der Revolution: Während Marx’ und Engels’ Äusserungen zu diesem Thema uneinheitlich ausfielen, war nach Meinung Lenins für die weltweite Errichtung des Sozialismus auf jeden Fall bewaffnete Gewalt notwendig. Diese Haltung blieb bis Mitte der 1950er-Jahre unverändert. Dann unternahm Chruščev unter dem Eindruck der Gefahr eines nuklearen Weltkriegs eine ideologische Kehrtwende: Er stellte die Behauptung auf, dass eine kommunistische Revolution auch mit rein friedlichen Mitteln – das heisst auf parlamentarischem Wege – bewerkstelligt werden könne. Der Rückgriff auf Waffengewalt blieb allerdings eine Option – für den Fall, dass sich der friedliche Weg als nicht gangbar erwies. Chruščevs Ansichten behielten auch nach seiner Entmachtung Gültigkeit: Dem evolutionären, gewaltlosen Übergang zum Sozialismus wurde weiterhin Priorität eingeräumt.
Der wichtigste den Verlauf und den Ausgang eines Kriegs beeinflussende Faktor war sowohl für Marx und Engels als auch für Lenin die wirtschaftliche Basis einer Gesellschaft. Vor allem von Letzterem wurde daneben auf die zunehmende Bedeutung der «Moral» der Bevölkerungen der an diesem Krieg beteiligten Staaten hingewiesen. Stalins Vorstellungen zu diesem Thema waren inhaltlich praktisch dieselben wie die seiner Vorgänger, in der Form unterschieden sie sich jedoch: Stalin nannte – wohl aus innenpolitisch-taktischen Gründen – nicht das wirtschaftliche Gesamtpotential eines Staates als Hauptfaktor für den Sieg in einem Krieg, sondern bezeichnete fünf «ständig wirkende Faktoren» als entscheidend. Nicht zu diesen gehörte – trotz dem Aufkommen von Nuklearwaffen nach dem Zweiten Weltkrieg – der Faktor «Überraschung». In den ersten Jahren nach Stalins Tod blieb die zentrale Bedeutung der fünf «ständig wirkenden Faktoren», wenn auch nun anders bezeichnet und strukturiert, grundsätzlich erhalten. Gleichzeitig wurde dem Faktor «Überraschung» etwas grössere Wichtigkeit zuerkannt. Im Jahr 1960 jedoch erfolgte ein vollständiger Bruch mit den bisherigen Vorstellungen: Chruščev betonte nun erstmals den Vorrang der Feuerkraft, das heisst der nuklearen Waffen, gegenüber dem Menschenpotential, also in erster Linie der konventionellen Landmacht. Gemäss Chruščev waren fortan die strategischen Nuklearraketen das bestimmende und entscheidende Element eines künftigen Kriegs, wohingegen die konventionelle Bewaffnung zunehmend an Bedeutung verlieren würde. Unter Brežnev wurde diese Entwicklung dann teilweise wieder rückgängig gemacht.
Der Marxismus-Leninismus geht – basierend auf Clausewitz – davon aus, dass die Anzahl und die Art der von einer Kriegspartei in einem militärischen Konflikt eingesetzten Mittel vom politischen Ziel, welches diese Kriegspartei verfolgt, bestimmt werden. Je wichtiger dieses Ziel, desto mehr und effizientere Mittel würden verwendet. In Bezug auf den Krieg zwischen zwei antagonistischen Klassen galt bis zur Chruščev-Periode der Leitsatz, in einem solchen Fall bestehe das Ziel jeder der beiden Klassen zwangsläufig in der kompletten Zerstörung des gegnerischen Gesellschaftssystems, und dementsprechend würden beide Seiten sämtliche ihnen zur Verfügung stehenden Mittel zum Einsatz bringen. Nach dem Sturz Chruščevs wurde diese Einschätzung – unter dem Eindruck des amerikanischen Konzepts der flexiblen Reaktion – jedoch «entradikalisiert»: Von nun an wurden unter der Voraussetzung, dass beide Kriegsparteien beschränkte Ziele verfolgten, «begrenzte Kriege» zwischen dem Kapitalismus und dem Kommunismus für möglich gehalten.
Zur Beendigung eines Kriegs von Seiten der Kommunisten kam es gemäss der stets gleichbleibenden marxistisch-leninistischen Auffassung genau dann, wenn die dem Krieg zugrunde liegenden politischen Ziele vollständig erreicht waren. Eine Fortsetzung des Kriegs «um des Krieges willen» wurde schärfstens abgelehnt.
Die Ansichten über die Vermeidbarkeit von Kriegen unterlagen von Marx bis Brežnev einem recht starken Wandel. Dies gilt insbesondere hinsichtlich der Kriege zwischen Kapitalismus und Kommunismus. Ob solche Kriege als vermeidbar anzusehen waren oder nicht, wurde nämlich weniger auf der Grundlage der Ideologie entschieden als vielmehr aufgrund der jeweiligen inneren und äusseren Lage der Sowjetunion beziehungsweise in Abhängigkeit von den momentanen politischen Zielen der sowjetischen Führung. Die ursprüngliche marxistisch-leninistische Haltung zum Thema Vermeidbarkeit von Kriegen war die, dass, solange der Kapitalismus – der als Klassengesellschaft ja von Natur aus kriegerisch-aggressiv sei – bestehe, Kriege grundsätzlich unvermeidlich seien. Diese Aussage wurde nach der Entstehung des Sowjetstaats jedoch relativiert: In den 1930er-Jahren liess Stalin im Rahmen seiner auf die Verhinderung einer deutschen oder japanischen Aggression gegen die Sowjetunion abzielenden Friedenspropaganda die These von der Vermeidbarkeit von Kriegen verkünden. In erster Linie waren damit natürlich die Kriege zwischen der kapitalistischen Welt und der UdSSR gemeint, doch wurden auch die innerkapitalistischen Kriege nicht explizit davon ausgenommen. Nach einer durch den Zweiten Weltkrieg ausgelösten teilweisen Rückkehr zur Auffassung, dass Kriege bei Fortbestehen des Kapitalismus unvermeidlich seien, folgte zu Beginn und dann vor allem in der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre eine neuerliche Betonung der Vermeidbarkeit von Kriegen: Im Kontext der Doktrin der Friedlichen Koexistenz erklärte Chruščev ab 1956, dank den stark gestiegenen Einflussmöglichkeiten des «sozialistischen Lagers» in der Welt könnten nun sämtliche «imperialistischen Kriege» verhindert, wenn auch nicht gänzlich ausgeschlossen werden. Als unvermeidbar stellte Chruščev – ebenso wie nach ihm Brežnev – nur noch die «nationalen Befreiungskriege» hin.
Bezüglich der gänzlichen Beseitigung des Phänomens «Krieg» galt lange Zeit der Grundsatz, dass diese möglich sei, jedoch erst dann, wenn der Gegensatz zwischen unterdrückenden und unterdrückten Klassen überall aufgehoben worden sei, sprich: nach der Errichtung des Kommunismus auf der ganzen Welt. Erst dann nämlich sei die für die Entstehung von Kriegen verantwortliche Ursache endgültig beseitigt. Unter Chruščev wurde diese These – im Zusammenhang mit der Behauptung vom rasanten Aufstieg des «sozialistischen Weltsystems» – abgeändert. Von nun an hiess es offiziell, der Krieg werde bereits dann gänzlich «aus dem Leben der Völker verschwinden», wenn sich der Sozialismus im grösseren Teil der Welt durchgesetzt habe, also schon vor dem völligen und endgültigen Verschwinden des Kapitalismus in der ganzen Welt.
1.3.2 Die Ansichten bezüglich Frieden
Bedingt durch die Geschichtsphilosophie des Marxismus-Leninismus gilt in dieser Ideologie der Grundsatz, dass Inhalt und Charakter eines Friedenszustandes immer der jeweiligen ökonomischen Gesellschaftsformation entsprechen.268 So wird ein dauerhafter, «echter» Frieden in der Klassengesellschaft für unmöglich gehalten. Der materielle Interessengegensatz zwischen der «Ausbeuterklasse» und der «ausgebeuteten Klasse» sei nämlich unversöhnlich und führe zwangsläufig immer wieder zu Konflikten. In der Klassengesellschaft sei Frieden somit stets nur «ein Zustand des Nichtkriegs, eine Pause zwischen den Kriegen, in der die herrschenden Klassen beziehungsweise Klassenfraktionen neue Kriege vorbereiten und versuchen, andere Staaten und Völker mit nichtkriegerischen Mitteln zu unterwerfen».269 Ein «echter», «ewiger» Frieden sei nur in einer Gesellschaft möglich, in der es keine «Ausbeuterklasse» gebe. In dieser klassenlosen Gesellschaft sei Frieden dann nicht bloss möglich, sondern geradezu unvermeidbar: «Er ist die notwendige Folge des gesellschaftlichen Eigentums an den Produktionsmitteln und der dementsprechenden gesellschaftlichen Verhältnisse und inneren Gesetzmässigkeiten der sozialistisch-kommunistischen Produktionsweise.»270
Die Erkenntnis, dass nur in der klassenlosen Gesellschaft des Kommunismus «echter» Frieden möglich sei, erklärt, warum für Marxisten-Leninisten das Herstellen von Frieden als Zustand nie ein eigenständiges Ziel bildete. Sie nannten dieses immer nur im Zusammenhang mit der Errichtung des Kommunismus: Für Lenin bedeutete Frieden einfach die Erreichung und Umsetzung der eigenen, kommunistischen Ziele. Die Forderung nach Frieden sei inhalt- und sinnlos, wenn damit nicht die Forderung nach einer sozialistischen Revolution verbunden sei.271 Auch für Stalin war Frieden kein eigentliches Thema. Er erklärte, dass Frieden dann herrschen werde, wenn der Kapitalismus überwunden und der Kommunismus errichtet sei: «Erst im Reiche des Sozialismus kann völliger Friede hergestellt werden.»272 Diese Auffassung, in welcher der Begriff des Friedens mit jenem des Kommunismus zusammenfiel, vertraten ebenso Chruščev und Brežnev: Das unter ihnen gültige Konzept der Friedlichen Koexistenz von Kapitalismus und Kommunismus hielt vollständig am grundlegenden marxistisch-leninistischen Ziel der proletarischen Weltrevolution fest und ebenso an der Idee, dass erst diese Revolution den «echten» Frieden mit sich bringe.273
Die marxistisch-leninistische Einstellung zum Frieden in einer Klassengesellschaft beziehungsweise in einer Welt mit kapitalistischen Staaten ist eng mit der Einstellung zum Krieg verbunden.274 Wie Krieg wird im Marxismus-Leninismus nämlich auch Frieden in Clausewitz’schem Sinn als ein Instrument zur Durchsetzung einer bestimmten Politik gesehen: «Der Krieg ist die Fortsetzung der Politik, die die herrschenden Klassen der kriegführenden Staaten lange vor dem Krieg getrieben haben, mit Mitteln der Gewalt. Der Friede ist die Fortsetzung der gleichen Politik, unter Berücksichtigung jener Veränderungen im Kräfteverhältnis der Gegner, die durch die Kriegshandlungen eingetreten sind.»275 Mit anderen Worten: Ob Krieg oder Frieden herrscht, hänge davon ab, welche der beiden Möglichkeiten von einem Staat oder einer Bevölkerungsgruppe in der jeweiligen Situation als das zweckmässigste Instrument zur Erreichung der eigenen Ziele angesehen werde.
Aus marxistisch-leninistischer Perspektive ist Frieden somit grundsätzlich weder ein positiver noch ein negativer, sondern ein wertneutraler Zustand. Frieden ist zwar das Gegenteil von Krieg, aber nicht a priori «besser» als Krieg.276
Aus dem bisher Gesagten wird klar, dass das marxistisch-leninistische Verständnis von Frieden mit jenem des Pazifismus nicht übereinstimmt. Die Vertreter des Marxismus-Leninismus nahmen gegenüber der pazifistischen Bewegung denn auch stets eine klar ablehnende Haltung ein:
Lenin machte deutlich, dass ein «Friede ohne weiteres»,277 wie ihn die Pazifisten anstreben, keinen Sinn mache: «Pazifismus und abstrakte Friedenspredigt sind eine Form der Irreführung der Arbeiterklasse. […] Eine Friedenspropaganda, die nicht begleitet ist von der Aufrufung der Massen zu revolutionären Aktionen, kann in der gegenwärtigen Zeit nur Illusionen erwecken, das Proletariat dadurch demoralisieren, dass man ihm Vertrauen in die Humanität der Bourgeoisie einflösst, und es zu einem Spielzeug in den Händen der Geheimdiplomatie der kriegführenden Länder machen. Insbesondere ist der Gedanke grundfalsch, dass ein sogenannter demokratischer Frieden ohne eine Reihe von Revolutionen möglich sei.»278 Wer «einen dauerhaften und demokratischen Frieden» wolle, der müsse «für den Bürgerkrieg gegen die Regierungen und die Bourgeoisie sein».279 Dementsprechend forderte Lenin: «Es gilt zu wählen: Für den Sozialismus oder für die Unterwerfung unter die Gesetze der Herren Joffre und Hindenburg, für den revolutionären Kampf oder Liebedienerei vor dem Imperialismus. Einen Mittelweg gibt es hier nicht.»280
Stalins Urteil über den Pazifismus war ebenfalls unmissverständlich: «Manch einer glaubt, der imperialistische Pazifismus sei ein Instrument des Friedens. Das ist grundfalsch. Der imperialistische Pazifismus ist ein Instrument der Kriegsvorbereitung, er dient zur Bemäntelung dieser Vorbereitung mittels pharisäischer Friedensphrasen.»281
An der grundsätzlichen Ablehnung des Pazifismus änderte auch die Einführung des Prinzips der Friedlichen Koexistenz Ende der 1950er-Jahre nichts, denn Chruščev sowie anschliessend Brežnev unterschieden das Konzept der Friedlichen Koexistenz deutlich vom Pazifismus: Der Pazifismus betrachte «das Problem Krieg oder Frieden» fälschlicherweise nicht von dessen «Wesen», das heisst von dessen «sozialökonomischen Wurzeln», sondern bloss «von der Erscheinung» her.282 Er lehne deshalb nicht nur «lokale und Weltkriege», sondern – zu Unrecht – auch «nationale Befreiungskriege und revolutionäre Volksaufstände» ab: «Die Pazifisten […] negieren völlig, dass die Gewalt auch eine progressive Rolle spielen kann, und wenden sich gegen alle, also auch gegen gerechte und revolutionäre Kriege.»283
Insgesamt wurde der Pazifismus als «bourgeoise» beziehungsweise «kleinbürgerliche ideenpolitische Richtung und sozialpolitische Bewegung» bezeichnet, «welche den konkreten historischen Zugang zu den Kriegen und zur Verteidigung verkennt».284 Der Pazifismus übersehe, dass Kriege ohne Beseitigung ihrer Quelle, das heisst ohne Überwindung von Privateigentum der Produktionsmittel, nicht abgeschafft werden könnten. Deshalb zeige er auch keine realen Wege zur Kriegsverhinderung auf. Trotz dieser grundsätzlichen Kritik am Pazifismus schlossen Marxisten-Leninisten eine Zusammenarbeit mit Pazifisten nicht a priori aus.285 Im Kampf gegen den Imperialismus konnte eine solche Kooperation durchaus von Nutzen sein.
Zusammenfassend lässt sich somit festhalten, dass der Marxismus-Leninismus zwei Arten von Frieden unterscheidet: einen «Frieden auf Zeit», auch «Friedliche Koexistenz» genannt, sowie einen «ewigen Frieden». Letzterer gilt als unerreichbar, solange auf der Welt unterschiedliche gesellschaftliche Klassen existieren. Der «Frieden auf Zeit» wird wie der Krieg als ein Mittel zur Durchsetzung der politischen Interessen einer bestimmten Klasse beziehungsweise eines bestimmten Staates angesehen.
1.3.3 Die Verwendung des Begriffs «Kalter Krieg» im Ostblock286
Stefan Wiederkehr
Die Definition und die Verwendung des Begriffs «Kalter Krieg» [russ. «cholodnaja vojna»] im Ostblock unterlagen während der hier interessierenden Periode einem historischen Wandel. Dieser widerspiegelte die Entwicklung der marxistisch-leninistischen Ideologie im sowjetischen Herrschaftsbereich nach dem Zweiten Weltkrieg sowie das aussenpolitische Verhältnis zu den Vereinigten Staaten.
Die eben gemachte Aussage beruht auf der Analyse von Begriffsdefinitionen in sowjetischen Enzyklopädien und Lehrbüchern. Offizielle Begriffsdefinitionen haben in geschlossenen Gesellschaften – wie der sowjetischen – normativen Charakter. Daher lässt sich anhand des Eintrags «Kalter Krieg» in Referenzwerken die offizielle sowjetische Sicht auf den Kalten Krieg rekonstruieren. Als besonders aufschlussreich erweisen sich dabei die feinen Veränderungen zwischen verschiedenen Auflagen desselben Werkes.287
Der Terminus «Kalter Krieg» ist im Russischen eine Entlehnung. Er wurde
1946/47 nach dem Auseinanderbrechen der Siegerkoalition des Zweiten Weltkriegs im angelsächsischen Sprachraum geprägt und hatte sich noch vor Ende der 1940er-Jahre in der westlichen Publizistik fest etabliert. Die sowjetischen Enzyklopädien und Wörterbücher der Stalin-Zeit enthielten noch keinen Eintrag «Kalter Krieg». Der Vorwurf, die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten bereiteten einen neuen Weltkrieg gegen die Sowjetunion und die sozialistischen Staaten vor, wurde in Reden und Leitartikeln zwar oft und vehement vorgetragen, aber der Ausdruck «Kalter Krieg» wurde in diesem Zusammenhang kaum je benützt.
Der Grund dafür ist in der Tatsache zu sehen, dass Stalin grundsätzlich an Lenins These festhielt, «heisse» Kriege seien unausweichlich, solange kapitalistische Staaten existierten. Es blieb daher kein ideologischer Raum für die Vorstellung von einem fortdauernden Zustand des «Kalten Kriegs».288
Zwei Jahre nach Stalins Tod fand der Begriff «Kalter Krieg» erstmals Aufnahme in ein sowjetisches Referenzwerk. Das «Enzyklopädische Wörterbuch» definierte «Kalten Krieg» 1955 als eine «Erscheinungsform der aggressiven Abenteurerpolitik, die der Block der imperialistischen Staaten unter Führung der USA, die nach der Weltherrschaft streben, seit Beendigung des Zweiten Weltkriegs (1939–1945) führt». «Ziel des ‹Kalten Kriegs›», so hiess es weiter, «ist die Vorbereitung eines Kriegs gegen die Länder des demokratischen [d. h. sozialistischen, d. Vf.] Lagers.»289 Wie stets in der sowjetischen Periode kennzeichnen an dieser Stelle Anführungszeichen den Begriff «Kalter Krieg» als Sprachgebrauch des Gegners.290
Bereits zwei Jahre später, nach der «Geheimrede» Chruščevs am XX. Parteikongress der KPdSU, die die Entstalinisierung einleitete, erschien der Vorwurf an die andere Seite in deutlich abgeschwächter Form: Die «Grosse Sowjetenzyklopädie» bezichtigte in ihrer zweiten Auflage (1957) nicht mehr die Staaten selbst, sondern nur noch die «reaktionären Kreise der imperialistischen Mächte» eines «aggressiven politischen Kurses». Dem kapitalistischen Lager wurde nicht mehr unterstellt, die Weltherrschaft anzustreben und einen Krieg «tout court» vorzubereiten, sondern nur noch die Absicht, «keine friedliche Koexistenz zwischen Staaten mit unterschiedlichen Gesellschaftssystemen zuzulassen» und die «Umstände für die Entfesselung eines neuen Weltkriegs» vorzubereiten. Schliesslich wurde die gegnerische Politik nicht mehr als «Abenteurerpolitik» qualifiziert, sondern daran gemessen, ob sie die nach sowjetischer Lesart «allgemein anerkannten Normen der diplomatischen Beziehungen zwischen Staaten» verletze.291
Es war ein ideologischer Wandel, der es der sowjetischen Seite nach dem Tode Stalins möglich machte, die westliche Nachkriegspolitik als «Kalten Krieg» zu bezeichnen: An die Stelle der These von der Unausweichlichkeit des Kriegs, solange der Imperialismus als höchste Stufe des Kapitalismus existiert, trat unter Chruščev die Doktrin der «Friedlichen Koexistenz» der sozialistischen und der kapitalistischen Staaten. Das Parteiprogramm der KPdSU von 1961 erklärte diese zur «objektiven Notwendigkeit in der Geschichte der menschlichen Gesellschaft».292 Die sowjetische Führung bewältigte auf diese Weise ideologisch die Tatsache, dass die Gefahr eines Atomkriegs die beiden Supermächte zu einer begrenzten Zusammenarbeit und zu einem Nebeneinander der gesellschaftlichen Systeme zwang.
Im Gleichschritt mit der Verringerung des Rückstandes im Rüstungswettlauf wuchs in den folgenden Jahren das Selbstvertrauen der sowjetischen Seite. Die sowjetischen Referenzwerke stellten die Entspannung des Verhältnisses zwischen den beiden Supermächten als Resultat der Friedensbemühungen des sozialistischen Lagers und als Folge seines Machtzuwachses dar. In der «Grossen Sowjetenzyklopädie» war bereits 1957 die Rede «von der konsequent verfolgten friedliebenden Politik der Stärkung der internationalen Sicherheit und der Entspannung»293 der Sowjetunion und ihrer Verbündeten. Die Verfasser des «Diplomatischen Wörterbuches» formulierten aber sieben Jahre später noch immer im Konjunktiv, dass der «Triumph» der Politik der Friedlichen Koexistenz «die Völker von der Drohung des Kriegs erlösen würde».294 In der nächsten Auflage (1973) hingegen stellten sie befriedigt fest, dass «die USA und die übrigen westlichen Mächte unter dem Einfluss […] der Veränderung des Kräfteverhältnisses in der internationalen Arena gezwungen waren, ihre Politik immer mehr den neuen Realitäten des Friedens anzupassen und von den hinfälligsten Dogmen des ‹Kalten Kriegs› abzurücken».295 Nach der Unterzeichnung der Schlussakte von Helsinki sollte 1978 die dritte Auflage der «Grossen Sowjetenzyklopädie» den «Kalten Krieg» gar als beendet bezeichnen.296
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die sowjetische Seite den Terminus «Kalter Krieg» erst nach dessen erstem Höhepunkt überhaupt aufgriff und dass sie diesen sehr früh aus der Retrospektive betrachtete – als ein Phänomen, das dank den eigenen Friedensanstrengungen im Abklingen begriffen war oder deswegen zumindest prinzipiell überwunden werden konnte. Allerdings muss betont werden, dass der Ostblock jederzeit mit einem Rückfall des Westens in aggressives Verhalten rechnete und mit Vehemenz auf internationale Krisen wie beispielsweise den Abschuss eines amerikanischen U-2-Aufklärungsflugzeuges über Sverdlovsk 1960 reagierte.297




