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In der schweizerischen Botschaft in Prag wurde ich wohlwollend unterstützt durch den Herrn Botschafter Jean-François Kammer und vor allem durch Frau Dr. Soňa Kritzlerová, die mir neben «Türöffnerdiensten» zu den verschiedenen Ministerien auch den Kontakt zu den beiden überaus kompetenten und belastbaren Übersetzern, den Herren Bambula und Janoušek, vermittelt hat.
Im Militärhistorischen Institut der Slowakei in Bratislava durfte ich auf die aktive Hilfe des Direktors, Prof. Dr. Jozef Bystricky, seiner beiden Abteilungsleiter Dr. Vladimir Seges und Dr. Jan Staigl zählen. Eine wertvolle Unterstützung erfuhr ich dabei durch den schweizerischen Verteidigungsattaché in Wien, Oberst i Gst Bruno Capelli, und durch seinen Stellvertreter, Major Markus Widmer.
Auch wenn der Dank hier leider posthum ausgesprochen werden muss, so gilt er in besonderem Mass Herrn Dr. Jozsef Borus. Er hat seine unerschöpfliche fachliche und sprachliche Kompetenz und seine verschiedenen persönlichen Beziehungen voll in den Dienst des Projektes gestellt. Ich bedaure ausserordentlich, dass er das Ergebnis seiner wochenlangen Arbeit nicht mehr sehen kann. Der jetzige Direktor des Militärarchivs, Herr Dr. György Markó, ist an einer Fortsetzung des Projektes interessiert. Er hat mir in verdankenswerter Weise ein Vortragsmanuskript überlassen, das dazu gedient hat, die eigenen Forschungen zu überprüfen und teilweise zu ergänzen.
Auch wenn schliesslich den verschiedenen Gesuchen kein Erfolg beschieden war, so kommt der Botschaft in Moskau, Herrn Botschafter Erwin Hofer und den Herren Verteidigungsattachés Oberst i Gst Urs Anderegg, Oberst Jean-Paul Dietrich und Oberst i Gst Urs Sulser sowie dem stv. Verteidigungsattaché Major Christian Jörgensen, sowie dem Direktor des Bundesarchiv Prof. Dr. Christoph Graf, grosse Anerkennung zu. Sie haben alles getan, um das Unmögliche doch zu ermöglichen.
Einen herzlichen Dank haben auch meine Freunde verdient, welche dieses Projekt in liebenswürdiger Weise nicht nur ideell, sondern auch finanziell unterstützt haben. Namentlich dürfen erwähnt werden: Dr. Georges Bindschedler, Bern; Dr. Dieter Bührle, Zürich; Arthur Eugster, St. Gallen.
Im Weiteren haben die Verantwortlichen des Ulrich Zwygart Fonds die Herausgabe dieser Studie mit einer grosszügigen Subvention ermöglicht und damit ihren Wert anerkannt.
Als Anerkennung für die Herausgabe der Lebensgeschichte ihres Vaters hat auch Frau Beatrice Chaney-Senn unser Projekt unterstützt. Auch ihr sende ich nach Westford MA/USA meinen Dank.
Für die vertrauensvolle Unterstützung des Projektes danke ich den Verantwortlichen des Nationalfonds und schliesse daraus, dass wir ihre zu Recht hohen Ansprüche erfüllt haben.
Mit grosser Hochachtung danke ich dem Verlag hier + jetzt für das Lektorat und für die Gestaltung des Buches.
Der Arbeitsgruppe «Geschichte des Generalstabs» unter der Leitung von Oberst i Gst Dr. Roland Beck-von Büren wünsche ich weiterhin eine erfolgreiche Arbeit und danke für die erhaltene Unterstützung und das Wohlwollen.
Dem früheren Armeechef KKdt aD Christophe Keckeis danke ich für die Bereitschaft, anlässlich der Vernissage vom 11. Juni 2010 die Studie zu würdigen.
Abschliessend gebührt mein innigster Dank meiner Frau Dorothee, die die Folgen meines Arbeitseifers selbst in der Zeit der Pensionierung liebevoll mitträgt.
Meilen, im April 2010 Hans Rudolf Fuhrer
Zielsetzung und Fragestellung
Die Aufgabe beziehungsweise das Ziel der Arbeitsgruppe «Sicht Ost» im Rahmen des Projektes zur Erforschung der Geschichte des Schweizerischen Generalstabs von 1945 bis 1966 bestand darin, auf der Grundlage der heute zugänglichen Quellen die Sichtweise und die (insbesondere militärischen) Massnahmen des Ostblocks in Bezug auf die Schweiz (und damit die tatsächliche Bedrohung der Schweiz durch den Ostblock) zu untersuchen und darzustellen.
Ausgehend von dieser Zielsetzung wurden folgende zentrale Forschungsfragen formuliert:
1. Welche politischen Absichten verfolgten die Sowjetunion und ihre europäischen Satellitenstaaten mit ihren militärischen Rüstungen und ihrer offensiven Militärdoktrin in der Zeit von 1945 bis 1966? War ihre Politik in dieser ersten Phase des Kalten Kriegs aggressiv, hatte sie die Weltherrschaft zum Ziel? Oder war die Machtpolitik der UdSSR vorwiegend defensiv, wollte sie nur die Aggression fremder Mächte abwehren?
2. Wie beurteilten die Sowjetunion und ihre europäischen Satellitenstaaten die Sicherheitspolitik, die Neutralität, die Armee, die Aufrüstung und die militärische Bereitschaft der Schweiz in unserer Forschungsperiode?
3. Welche Rolle spielte die Schweiz in den militärischen Planungen der Sowjetunion und ihrer europäischen Satellitenstaaten 1945–1966? Wie gefährlich und welcher Art war die Bedrohung der Schweiz durch den Ostblock?
Unsere Forschungsergebnisse in den Rahmen des Gesamtprojektes «Geschichte des schweizerischen Generalstabs» stellend, sollen abschliessend die östliche Wahrnehmung und die östlichen Massnahmen in Bezug auf die Schweiz der Bedrohungswahrnehmung und den daraus resultierenden Lageeinschätzungen und Verteidigungsvorkehrungen der politischen und militärischen Führung der Schweiz in den Jahren 1945 bis 1966 gegenübergestellt werden.
Audiatur et altera pars!
Wenn bisherige ideologische Gräben zugeschüttet und für den Aufbau einer gemeinsamen europäischen Zukunft Vorurteile abgebaut werden sollen, so muss die östliche Wahrnehmung des «Kalten Kriegs» vorbehaltlos ernst genommen werden. Dazu gehört auch zu akzeptieren, dass nicht nur die kapitalistische, sondern ebenso die kommunistische beziehungsweise sozialistische Ideologie das materielle Wohlergehen der Menschen zum Ziel hatte. Unbestritten ist, dass die beiden Gesellschaftsentwürfe dieses Ziel in der Praxis auf unterschiedlicher Basis und auf unterschiedlichen Wegen zu erreichen versuchten. Als entscheidender Unterschied zwischen dem sozialistischen System des Ostens und dem kapitalistischen System des Westens ist die grössere Freiheit, Offenheit und Flexibilität der westlichen demokratischen Gesellschaftssysteme hervorzuheben, welche im Gegensatz zur grundsätzlich starren, zentralistischen und totalitären marxistisch-leninistischen Doktrin private Initiative, nationale und wirtschaftliche Regionalität und Selbständigkeit zuliessen. Diese vorwiegend auf Demokratie, Individualität und Wettbewerb abgestützten westlichen Modelle – in östlicher Lesart «kapitalistische und imperialistische» Strukturen – erlaubten insgesamt eine bessere Anpassung an neue Herausforderungen und Veränderungen als die sozialistische Planwirtschaft. Westeuropa kam zugute, dass die USA im Gegensatz zur Sowjetunion 1945 gestärkt aus dem Krieg hervorgegangen waren und keine unterdrückenden Hegemonialansprüche geltend machten. Sie konnten ihren Verbündeten unvergleichlich mehr bieten als die Machthaber in Moskau.
Wenn im Folgenden die östliche Sichtweise ernst genommen wird, so sollen damit die krassen Menschenrechtsverletzungen auf jener Seite des Eisernen Vorhanges nicht vergessen oder bagatellisiert werden, ebenso wenig dass der «real existierende Sozialismus» die proklamierten gesellschaftlichen Ziele in der Wirklichkeit der kommunistischen Länder in wichtigen Bereichen verfehlt hat. Jederzeit muss aber fairerweise mitbedacht werden, dass auch der Westen keine «weisse Weste» vorweisen kann. In dieser globalen Auseinandersetzung von zwei polaren Gesellschaftssystemen gibt es nicht nur «Gute» und «Böse», «Rechtsstaaten» und «Unrechtsstaaten», «Schurken» und «Biedermänner». Im Weiteren gilt es dankbar zu bedenken, dass das sowjetische Volk und die Rote Armee unsägliche Leiden und Opfer auf sich genommen haben, um Europa von der Herrschaft des Nationalsozialismus zu befreien.
Leitsatz dieser Studie muss deshalb uneingeschränkt der alte demokratische und dialektische Grundsatz sein: audiatur et altera pars; man muss für eine historische Bewertung der «Sicht Ost» möglichst unvoreingenommen auch die östliche Seite hören. Die sorgfältige Quellenkritik ist dabei oberstes wissenschaftliches Gebot.
Die «Sicht Ost» am Beispiel eines Referats von Marschall Kulikov
Im Sinn einer ersten Begegnung mit der östlichen Denk- und Sichtweise soll im Folgenden ein von Marschall Viktor Georgievič Kulikov, dem letzten Oberkommandierenden der Streitkräfte des Warschauer Vertrags,1 anlässlich der Frühjahrstagung der Militärischen Führungsschule 1999 in der Aula der ETH Zürich gehaltenes Referat zusammengefasst und teilweise wörtlich zitiert wiedergegeben werden.2 Das Referat ist von einzigartiger Aussagekraft, was legitimiert, ihm relativ viel Platz einzuräumen. Es war das erste und mit grösster Wahrscheinlichkeit das letzte Mal, dass ein Marschall der Sowjetunion in Uniform an einer schweizerischen Hochschule gesprochen hat. Das Tragen der Uniform im Ausland und die frühere Funktion des Referenten lassen den Schluss zu, dass er weitestgehend die Auffassung der militärischen Führungsschicht der Sowjetunion und nicht nur seine persönliche Meinung wiedergegeben hat.
Die Hauptfaktoren des Kalten Kriegs
Nach Marschall Kulikovs Ansicht wurde der Kalte Krieg (1945–1989) durch drei Hauptfaktoren bestimmt: Zum ersten sei der Kalte Krieg eine totale ideologische Konfrontation zweier globaler Machtblöcke gewesen, die alle Bereiche des gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, militärischen und politischen Lebens aller Völker betroffen habe. Zum zweiten sei er gekennzeichnet gewesen durch das Aufkommen der Atomwaffen als politischer Faktor. Und zum dritten seien beide Blöcke vom Willen erfüllt gewesen, das im Zweiten Weltkrieg Erkämpfte zu halten. Wegen dieser drei Faktoren habe von 1945 bis 1989 ein stetiger Kampf um strategische Einflussgebiete stattgefunden.
Faktor 1: die ideologische Konfrontation
Zum ideologischen Aspekt äusserte sich Kulikov wie folgt: Nach dem Krieg seien die grundsätzlichen Unterschiede in der sozialen und politischen Gesellschaftsordnung, in den Wertsystemen und Ideologien der damaligen Sowjetunion auf der einen Seite und des Westens, in erster Linie der USA, auf der anderen Seite zu wichtigen Faktoren für die Spaltung der verbündeten Siegerstaaten des Zweiten Weltkriegs und für den Übergang zur Ost-West-Konfrontation geworden. Das Streben der UdSSR, die Staaten Osteuropas zu dominieren und dort die sozialistischen Regimes zu festigen, habe zwei Gründe gehabt; zum einen einen ideologischen Grund, die Verbreitung des Weltkommunismus, und zum anderen einen geopolitischen Grund, die Schaffung eines Sicherheitsgürtels für die im 20. Jahrhundert zweimal überfallene Sowjetunion.
Die Ideologisierung des «Kalten Kriegs» habe für die UdSSR äusserst negative Folgen gehabt. Sie habe vor allem die Wahrnehmung der jeweiligen Regierungsschicht in Moskau getrübt, «was natürlich die Ausarbeitung eines realistischen aussenpolitischen Kurses erschwerte».3 Ende der 1950er-Jahre habe der «kommunistische Weg» auf den westlichen Menschen keine Anziehungskraft mehr ausgeübt. Ohne die dafür verantwortlichen Umstände explizit zu nennen, machte Kulikov mit dieser Aussage die für die Überzeugungskraft beziehungsweise Glaubwürdigkeit des Kommunismus verheerende Wirkung der sowjetischen Intervention in Ungarn 1956 deutlich.

Abb. 1: Viktor G. Kulikov, geb. 1921, Oberkommandierender der sowjetischen Truppen in Deutschland 1967–1969, Generalstabschef und erster stellvertretender Verteidigungsminister der UdSSR, Marschall der Sowjetunion, Oberkommandierender des Warschauer Vertrages 1977–1989. («Aargauer Zeitung», 29. 3. 1999, AZ-Archiv)
Faktor 2: das Aufkommen der Atomwaffen als neuer politischer Faktor
Bezüglich des atomaren Aspekts sagte Marschall Kulikov, man könne den Beginn des «Kalten Kriegs» mit dem Entscheid des US-Präsidenten Harry S. Truman, japanische Städte zu bombardieren, ansetzen. Die USA seien im August 1945 mit ihrem Einsatz nuklearer Mittel nicht so sehr einer militärischen Notwendigkeit gefolgt, als vielmehr dem Wunsch, der UdSSR die eigene Stärke zu demonstrieren. In der Folge hätten die Atomwaffen als neuer Kräftefaktor in vielerlei Hinsicht den Beginn, den Verlauf und die Beendigung des Kalten Kriegs bestimmt.
Kulikov führte dazu aus: «Das Erreichen der militärisch-strategischen Parität zwischen der UdSSR und den USA zu Beginn der Siebzigerjahre hatte weitreichende Folgen. Auf der einen Seite sicherte dieses Gleichgewicht der Sowjetunion und den Staaten des Warschauer Vertrages ein genügend hohes Niveau an Sicherheit und trug zu einer allgemeinen Entspannung und zur Verbesserung der internationalen Lage in der ersten Hälfte der Siebzigerjahre bei. Aber auf der anderen Seite zeichnete sich deutlich die Unmöglichkeit einer Anwendung von Atomwaffen ab. Die militärische Stärke begann als Machtfaktor eines Staates an Wert zu verlieren.»4 Während der Westen diese Entwicklung rechtzeitig erkannt und verstärkt auf die zivilen Bereiche gesetzt habe, sei in der UdSSR weiterhin ein riesiger Anteil ihres Bruttosozialprodukts zur ständigen Steigerung des militärischen Potentials verbraucht worden. Die übersteigerten Ausgaben für die Verteidigung hätten sich im tieferen Lebensniveau der sowjetischen Völker widerspiegelt.
Atomwaffen, so Kulikov, «waren, sind und werden immer» nur ein Mittel der Abschreckung, das heisst ein politisches Mittel, sein, denn: «Die Anwendung von Atomwaffen bedeutet die gegenseitige Vernichtung aller Zivilisationen in der Welt. Es wird niemanden geben, dem ein solcher Sieg dienen wird. Ich war bei den Versuchen mit thermonuklearen Bomben anwesend. Wir alle waren Zeugen des Freisetzens einer sehr kleinen Menge an Radioaktivität während des Vorfalls im Reaktor von Tschernobyl. Seither kommen wir nicht mehr los vom schlimmen Gefühl und den Hässlichkeiten, die dieses Ereignis mit sich gebracht hat. Wie soll man sich erst die Wirkung von Hunderten, Tausenden von Atombomben mit unendlich grösserer Wirkungskraft auf Städte vorstellen?»5
Faktor 3: das Behaupten des im Zweiten Weltkrieg Erkämpften
Zum dritten Aspekt der globalen Auseinandersetzung des Kalten Kriegs führte Kulikov Folgendes aus: Nach dem Kriegsende 1945 seien zwischen den zwei nun wichtigsten Weltmächten – den USA und der UdSSR – nicht nur ideologische Differenzen aufgetreten, sondern es hätten sich auch unvereinbare geopolitische und wirtschaftliche Interessen gezeigt. Die machtpolitische Rivalität der beiden Grossmächte sei derart gross gewesen, dass es auch dann zum Kalten Krieg gekommen wäre, wenn sich die Sowjetunion nach der Beendigung des Zweiten Weltkriegs vom Kommunismus losgesagt hätte. Diese Aussage präzisierend, erklärte Kulikov: «Als Resultat des Krieges war die vorher scheinbar für immer unterbrochene Kontinuität der russischen Geschichte wiederhergestellt. Die Sowjetunion begann den Westen als geopolitische Fortsetzung des russischen Imperiums mit seinen weitreichenden geopolitischen Interessen wahrzunehmen. Die totale Niederlage Deutschlands schuf ein Vakuum, welches die Sowjetunion aktiv auszufüllen begann. Der Westen seinerseits war in keinerlei Hinsicht gewillt, seine Position aufzugeben und sich mit einem wachsenden russischen Einfluss abzufinden. Dies musste unvermeidlich zu einer Nachkriegsnebenbuhlerschaft zwischen den Siegern führen.»6
Der Westen habe versucht, die Resultate des Zweiten Weltkriegs zu seinen Gunsten zu verändern, während der Osten an der Bewahrung der Resultate interessiert gewesen sei.
Der Kampf um strategische Einflussgebiete
Marschall Kulikovs Auffassung, der Westen habe in der Nachkriegszeit versucht, seine Macht auf Kosten der Sowjetunion zu vergrössern, widerspiegelt sich in seinen Ausführungen zum Verlauf des Kalten Kriegs. So sagte er: «Ein wichtiger Meilenstein des ‹Kalten Krieges› stellte die Annahme der Truman-Doktrin durch die USA am 12. März 1947 dar. Diese bestimmte faktisch während der darauffolgenden 40 Jahre die Aussenpolitik Washingtons. Dieses Dokument postulierte die Politik der USA zur Unterstützung der freien Völker, welche sich den Versuchen der Unterjochung durch bewaffnete Minderheiten oder durch Druck von aussen widersetzten. Aber, wie viele Forscher heute zeigen, unterstützten die USA in der Praxis öfters nicht freie Völker, sondern auch repressive Regimes […].» Und weiter: «[In den ersten Nachkriegsjahren, d. Vf.] festigten die USA und die westlichen Länder ihren Einfluss in verschiedensten Regionen der Welt. Am 4. April 1949 wurde in Washington der Nordatlantische Vertrag unterschrieben. So wurde die Gründung der Nato – der fundamentalen militärisch-politischen Gruppierung westlicher Staaten – rechtskräftig. In ihrer Tätigkeit richteten sich die zentralen Organe der Nato von Anfang an auf einen Krieg mit der UdSSR in der allernächsten Zukunft aus. Gleichzeitig mit der Ausdehnung und Festigung des Nato-Blockes unternahmen die USA und die westlichen Länder Anstrengungen zur Gründung eines Systems militärischer Blöcke in anderen Regionen der Welt. Im September 1951 wurde im Gebiet des Stillen Ozeans der militärisch-politische Block ANZUS unter Zusammenschluss der USA, Australiens und Neuseelands gegründet. Im September 1954 wurde an der Konferenz von Manila ein Vertrag über die gemeinsame Verteidigung von Südostasien (SEATO) unterzeichnet, aufgrund dessen durch den Zusammenschluss der USA, Grossbritanniens, Frankreichs, Australiens, Neuseelands, Thailands, der Philippinen und Pakistans ein weiterer militärischer Block gegründet wurde. 1955 wurde die Formgebung eines militärischen Blockes im Nahen und Mittleren Osten – des Bagdad-Paktes – beendet, der später die Bezeichnung CENTO bekam. Ihm traten Grossbritannien, die Türkei, Iran, Pakistan und der Irak bei.
Nach der Unterzeichnung der Pariser Übereinkunft im Oktober 1954 und ihrer Ratifikation im Mai 1955 wurde zum Einbezug der BRD in die Nato eine ‹grüne Strasse› geöffnet. Dies wurde in Moskau als offene Herausforderung aufgenommen. Stalin und auch die folgende sowjetische Regierung fürchteten sich, wie in der gegenwärtigen Zeit aus Dokumenten bekannt wurde, vor einer Wiedergeburt Deutschlands und Japans. Als Antwort darauf unterschrieben am 14. Mai 1955 Albanien, Bulgarien, Ungarn, die DDR, Polen, Rumänien, die UdSSR und die Tschechoslowakei einen kollektiven Bündnisvertrag über Freundschaft, Zusammenarbeit und gegenseitige Hilfe, der als Warschauer Vertrag in die Geschichte einging. Faktisch war dies ein erzwungenes Antwortmittel mit dem Ziel, ein Gleichgewicht der Kräfte und eine Stabilität in den Beziehungen zwischen dem Osten und dem Westen herzustellen und aufrechtzuerhalten.
Der Kampf um die Einflusssphären zwang die kolonialen Machthaber in Westeuropa nach der Beendigung des Zweiten Weltkriegs, mit Unterstützung der USA beträchtliche Kräfte zur Unterdrückung der nationalen Befreiungsbewegungen einzusetzen. Grossbritannien und Holland führten dreimal Kriegshandlungen gegen die im September 1945 gegründete unabhängige Republik Indonesien durch. Grossbritannien führte Kolonialkriege gegen die nationalen Befreiungsbewegungen der Völker in Malaysia, Kenia, Ägypten und Südjemen. Frankreich begann im September 1945 den Krieg in Algerien und versuchte die Unabhängigkeitsbewegungen der Völker Madagaskars, Tunesiens und Marokkos zu unterdrücken. Im Dezember 1946 entbrannte der Krieg in Vietnam, in den später auch die USA eingetreten sind. In allen Fällen erhielten die nationalen Befreiungsbewegungen Unterstützung von Seiten der UdSSR und den Staaten des Warschauer Vertrags, was zu neuen Windungen der Anspannungsspirale der Beziehung zwischen West und Ost führte.
Die Führung der USA setzte während des ganzen Verlaufes des «Kriegs» in übersteigerter Weise ihre Hoffnung auf die Stärke als Instrument der Lösung aller internationalen Probleme. Profitierend davon, dass sich das Kräfteverhältnis in den ersten Nachkriegsjahren klar zu Gunsten der USA entwickelte, gab die amerikanische Führung genügend Beweise ihrer Führung einer «Politik aus der Position der Stärke». Die USA verzichteten auf die konsequente Suche nach einer für beide Seiten annehmbaren Lösung mit der UdSSR am Verhandlungstisch.
Amerikanische Forscher gehen in ihren neueren Arbeiten davon aus, wie neue sowjetische Archivdokumente zeigen, dass die UdSSR in ökonomischen, politischen und militärischen Gebieten viel schwächer war, als man früher angenommen hatte. Auch der Grad der ‹Einheitlichkeit› und das Mass der Abhängigkeit der osteuropäischen Verbündeten der UdSSR von Moskau werden neuerdings in Zweifel gezogen. Und in dieser Situation stellt sich die Frage, wie angemessen die Handlungen der amerikanischen Administration waren, ihren Kurs auf eine globale Kontrolle und auf ein Aufhalten des Kommunismus auszurichten. Am Platz ist auch die Frage: Wurde nicht absichtlich in früheren amerikanischen Bewertungen die Stärke der sowjetischen Macht im Hinblick auf eine effektivere Eskalation der Konfrontationsspirale übertrieben?»7
Aggressionsplanungen?
Für die vorliegende Studie von besonderem Interesse ist Marschall Kulikovs Aussage, die sowjetische Führung habe keine Aggression gegen den Westen und erst recht nicht gegen die Schweiz geplant: Nach den Konferenzen von Jalta und Potsdam sei die Teilung Europas beschlossene Sache gewesen und habe nicht mehr zur Diskussion gestanden. Ein weiteres Vorrücken – sei es in Europa oder Asien – habe sich die Sowjetunion nicht vorgenommen. Es sei deshalb historisch nicht korrekt, von Welteroberungsabsichten oder anderen machtpolitischen «Ambitionen» der UdSSR zu sprechen. Wörtlich sagte Kulikov: «Die sowjetische Führung hatte sich, wie Archivdokumente bezeugen, nicht die Aufgabe eines geopolitischen Angriffs auf den Westen vorgenommen. Nun, ich möchte das kurz ausführen: Ich arbeitete im Generalstab der sowjetischen Streitkräfte. Ich führte selbst dieses wichtigste Organ der militärischen Führung. Zwölf Jahre lang führte ich das Oberkommando der Streitkräfte des Warschauer Vertrages und war in engem Kontakt mit dem sowjetischen Generalstab. Ich sage es nochmals deutlich: Es gab keine Vergeltungsoder Angriffspläne gegen den Westen. Die Studien des Generalstabs prüften allein alle möglichen Vorbereitungen imperialistischer Länder, in erster Linie der Vereinigten Staaten von Amerika, der Bundesrepublik Deutschland, zur Erreichung der Dominanz sowie den stets grösser werdenden Abstand in der Technologie, besonders in der Atomraketenbewaffnung. Und schliesslich erreichten wir mit grösster Anstrengung den Gleichstand. Wie der weise Aussenminister Gromyko einst gesagt hat: Es gilt gleiche und reale Sicherheit auf der ganzen Welt zu erreichen. Es ist diese Frucht, die wir heute haben.»8
Ob Marschall Kulikovs Behauptung der Wahrheit entspricht, gilt es im Rahmen dieser Arbeit quellenkritisch zu untersuchen. Vojtech Mastny, der Koordinator des «Parallel History Project on Nato and the Warsaw Pact»9, warnt aufgrund seiner eigenen Erfahrungen allerdings vor zu hohen Erwartungen bezüglich sowjetischer Angriffspläne gegen Westeuropa: «Die Frage, die im Zusammenhang mit der Erforschung der Archive stets gestellt wird, ist die nach den Überraschungen, die dort vermutlich zu finden seien. Zu dieser Frage lautet meine bevorzugte Antwort: Die grösste Überraschung ist, dass es keine grossen Überraschungen gibt. Damit meine ich, dass die Dokumente einwandfrei belegen, dass das Denken und die interne Kommunikation der sowjetischen Führer im grossen und ganzen so waren, wie sie damals nach aussen auch zu sein schienen.»10
Der Kalte Krieg – eine gigantische Absichtsspiegelung
These
Der Vorwurf Marschall Kulikovs, die westliche Seite habe die «rote Gefahr» bewusst als sehr gross dargestellt, um einerseits die Sowjetunion strategisch einzukreisen und um andererseits die durch den Zweiten Weltkrieg unverteilten strategischen Zonen der Welt für sich allein zu beanspruchen, führt uns zu folgender These:
Beide Machtblöcke nahmen – in einer gigantischen Absichtsspiegelung – von der feindlichen Gegenseite an, diese warte nur auf einen günstigen Moment der Schwäche der eigenen Seite, um ihre Weltmachtpläne zu verwirklichen und militärisch anzugreifen.




