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Theoretische Erwägungen11
Das Phänomen der gegenseitigen Absichtsspiegelung ist der einschlägigen Wissenschaft vertraut. Hingewiesen sei diesbezüglich auf den im Buch «Bild und Begegnung: kulturelle Wechselseitigkeit zwischen der Schweiz und Osteuropa im Wandel der Zeit»12 von Osteuropahistoriker Carsten Goehrke angewandten soziologischen Ansatz. Mit solchen Modellen werden die in der gegenseitigen Wahrnehmung zum Ausdruck kommenden Stereotype analysiert. Als Schlüssel zum Verständnis der Gesetzmässigkeiten nationaler Stereotypenbildung sieht Goehrke das Ingroup-Outgroup-Modell, insbesondere den Erklärungsansatz der Social-Identity-Theorie.13 Gemäss diesem entstehen Vorurteile dort, wo zwei heterogene Wertsysteme aufeinanderprallen; sie kleiden sich dabei fast immer in die Gewänder von Stereotypen. «Auf die Vorstellungen übertragen, welche Völker voneinander entwickelt haben, bedeutet dies aber: Nationale Stereotype entspringen Vorurteilen, die einer übergreifenden Identitätsstiftung und Identitätsvergewisserung dienen und daher das eigene Volk positiv gegen andere Völker abzugrenzen haben. Dies bedeutet aber auch, dass den nationalen Stereotypen aller Völker konkurrierende Wertnormen und Urteilskriterien zugrunde liegen und Vorurteile im Sinn vorgeprägter Urteile daher als genauso relativ betrachtet werden müssen wie Urteile.»14 Die Social-Identity-Theorie geht davon aus, dass nationale Vorurteile und Stereotype bereits «von Kindsbeinen an» erlernt werden und das Wahrnehmungsvermögen oft derart stark beeinflussen, dass Eindrücke und Erfahrungen, welche ihnen nicht entsprechen, ausgeblendet oder als Ausnahmen betrachtet werden. Die Beständigkeit der Fremdbilder erkläre sich zudem aus ihrer Komplementarität zu Selbstbildern oder Autostereotypen: In dem Mass, wie sich ein Mensch selbst an den Selbstbildern seiner eigenen Gruppe orientiere, grenze er sich auch ab von Fremdbildern, denen er gerade nicht entsprechen könne oder wolle.
Der Übergang von Fremd- zu Feindbildern ist oft fliessend. Feindbilder sind nach Ansicht von Kurt R. und Kati Spillmann15 durch sieben typische Merkmale gekennzeichnet:
«1. Misstrauen (‹Alles, was vom Feind kommt, ist entweder schlecht oder – wenn es vernünftig aussieht – aus unredlichen Motiven entstanden.›)
2. Schuldzuschiebung (‹Der Feind ist schuld an der existierenden Spannung beziehungsweise an dem, was an den herrschenden Umständen für uns negativ ist.›)
3. Negative Antizipation (‹Was immer der Feind unternimmt, er will uns schaden.‹)
4. Identifikation mit dem Bösen (‹Der Feind verkörpert in allem das Gegenteil dessen, was wir sind und anstreben; er will unsere höchsten Werte vernichten und muss deshalb selbst vernichtet werden.›)
5. Nullsummendenken (‹Was dem Feind nützt, schadet uns› und umgekehrt.)
6. De-Individualisierung (‹Jeder, der zur feindlichen Gruppe gehört, ist eo ipso ein Feind.›)
7. Empathieverweigerung (‹Mit unserem Feind verbinden uns keine Gemeinsamkeiten; es gibt keine Information, die uns von unserer Feind-Auffassung abbringen könnte; den Feinden gegenüber sind menschliche Gefühle und ethische Kriterien gefährlich und fehl am Platz.›).»
Gemäss Spillmann/Spillmann besteht der entscheidende Unterschied zwischen Stereotypen und Feindbildern darin, dass es sich bei Letzteren nicht einfach um Orientierungshilfen und -hypothesen handle, sondern um Orientierungsdiktate, welche kategorisch einer bestimmten Gruppe (Hexen, Juden, Kommunisten usw.) die Schuld für bestimmte bedrohliche oder unverständliche Ereignisse zuschieben. Sie folgern weiter: «Damit werden die eigenen Werte erhöht, die Gruppenkohäsion gestärkt, der diffuse innere Angstdruck kann nach aussen verlegt werden.»
Zum Abbau von Feindbildern sei in erster Linie eine «Re-Individualisierung» nötig, verbunden mit einem Wiederaufbau der emotionalen und kognitiven Differenzierungen. Der Abbau müsse sowohl innerhalb der eigenen Gruppe geschehen, «wo sich schon früh in der Eskalationsphase eine Intoleranz gegenüber unterschiedlichen Bewertungen und Wahrnehmungen entwickelt», als auch nach aussen, «dem Feind selber gegenüber, der als stereotype Kategorie nicht nur seine Individualität, sondern oft auch seine Menschlichkeit verloren hat». Als wichtigste Schritte auf dem Weg zum Abbau von Feindbildern betrachten die beiden Autoren Information und Kontakt, ergänzt durch Kommunikationstraining der Gesprächspartner.16
Diese Analyse der Funktion von Feindbildern bildet einen wichtigen Aspekt der Studien Kurt R. Spillmanns zur Friedens- und Konfliktforschung an der ETH Zürich.17 Als Aufgabe dieser Forschung bezeichnet er, «Spannungen zu vermindern und Konflikte ohne Gewalt zu lösen, beziehungsweise – wie es das Wesen der Forschung ist – nach Wegen zu suchen und Beiträge zu leisten zur Ergründung der Voraussetzungen, von denen aus solche Tätigkeiten sinnvoll ausgeübt werden können». Ausgangspunkt der Konfliktforschung ist nach Spillmann das «konkrete Bedürfnis jedes Staates, nicht Opfer von Konflikten seiner Umwelt zu werden», womit er bewusst den Begriff des Friedens aufgrund von dessen «verführerischer Leerformel» umgeht.18 Wahrnehmungen von Nicht-Übereinstimmungen, das heisst Konflikten, seien zunächst einmal grundlegende funktionale Elemente des individuellen und gesellschaftlichen Lebens, und es sei aussichtslos, sie ausmerzen zu wollen. Kriege erwüchsen primär aus Zwischengruppenkonflikten, wobei im Verlauf der stammesgeschichtlichen Entwicklung zur Lösung von Innergruppenkonflikten kontrollierte Formen der Konfliktaustragungen entwickelt worden seien, welche eine Tötungshemmung mit einschlössen. Die Konfliktforschung stehe deshalb vor der paradoxen Problematik, «dass gerade der von uns so hoch geschätzte Wert ‹Sicherheit› ein wesentliches, wenn auch verborgenes Motiv für Kriege – und damit für extreme Unsicherheit – zu sein scheint».
Eine sinnvolle Konfliktforschung muss nach Auffassung Spillmanns bei der Frage einsetzen, «was bei dieser Umwandlung des Sicherheitsbedürfnisses in praktische Unsicherheit passiert, d. h. welche Elemente zur Inkubation von Kriegen beigetragen haben, und welche Elemente zu einer solchen Inkubation heute beitragen beziehungsweise beitragen könnten». Diesbezüglich könnten rationale und nichtrationale Faktoren unterschieden werden. Zur Illustration verweist Spillmann auf das Beispiel des Kalten Kriegs: Die rationale Einschätzung der Gefahren habe die Supermächte davon abgehalten, während des «Kalten Kriegs» einen Konflikt zu riskieren. Andererseits habe gerade die traumatische Erfahrung des deutschen Überfalls vom Sommer 1941 die Sowjetunion dazu geführt, ihre Streitkräfte ganz systematisch für geballte und rasche Offensivaktionen nach Westen auszulegen, wodurch dem Gegner gleich zu Beginn hohe Verluste hätten beigefügt werden sollen, um selbst den erwarteten längeren Abnützungskrieg zu überstehen.
Für Spillmann ist klar, «dass der entscheidende Faktor in diesem Szenario die Wahrnehmung der Bedrohung ist». Die Wahrnehmung aber könne leicht verzerrt werden, sei es durch falsche Informationen, sei es durch selektive Wahrnehmung, kognitive Dissonanz oder vorgefasste Meinungen. An dieser Stelle komme der Kommunikation zwischen den Konfliktparteien eine grosse Bedeutung zu. Sie werde jedoch bereits durch das Problem der adäquaten Übermittlung erheblich erschwert. «Andere Denkvoraussetzungen, andere Raster in der Wirklichkeitsdefinition spielen eine entscheidende Rolle bei der Konstellation von […] Konflikten.» An der Bewusstmachung dieser Faktoren müsse die Konfliktforschung heute in höchstem Mass interessiert sein. Diese Bewusstmachung umfasse nicht nur die «Förderung der Fähigkeit zur Empathie», worunter Spillmann ein möglichst vorurteilsfreies Sich-Hineinfühlen oder Sich-Hineindenken in den anderen versteht, sondern auch die permanente Selbstreflexion über die eigenen Denkvoraussetzungen, die eigenen Widerstände und Ängste. Dies erfordere einen Verzicht auf «emotionale Entlastung, zu der uns die Freund-Feind-Unterscheidung immer wieder drängen will», ferner die «Fähigkeit, starke Spannungen und Konflikte im eigenen Inneren aushalten zu können, statt sie – was bedeutend einfacher ist – nach aussen zu projizieren».
Zusammenfassend hält Spillmann fest: «In der Bewusstmachung unbewusster, zu Konflikten drängender Wahrnehmungsmuster steckt viel Potential für einen aktiven Beitrag zur Friedenssicherung.» Im Rahmen der vorliegenden Untersuchung soll versucht werden, dieses Potential auszuschöpfen.
Forschungsstand
Wir gliedern den Forschungsstand, bei welchem wir keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben, sondern Schwerpunkte setzen, entsprechend den oben formulierten Forschungsfragen.
Zur Militärdoktrin und zu den dahinterstehenden politischen Absichten der Sowjetunion und des Warschauer Vertrags
Auf eine ausführliche Besprechung der westlichen und östlichen Literatur zum Kalten Krieg im Allgemeinen sowie zu einzelnen Ereignissen im Besonderen wird an dieser Stelle verzichtet. Diesbezüglich sei auf Daniel A. Nevals Dissertation «Mit Atombomben bis nach Moskau» verwiesen, welche einen Abriss der einschlägigen Literatur bietet,19 auch wenn darin vielleicht ein Werk der allerjüngsten Zeit nicht erfasst ist. Trotz der imposanten Fülle gilt es noch viel zu tun. Die Geschichte des Warschauer Vertrags ist nicht mehr eine Blackbox. Herausragend ist die umfangreiche Studie von Frank Umbach «Das rote Bündnis».20 Eine eindrückliche Gesamtschau bieten die von Vojtech Mastny im Jahr 2006 unter dem Titel «War Plans and Alliances in the Cold War. Threat Perceptions in the East and West» publizierten zwölf Aufsätze verschiedener Autoren.21 Vom gleichen Autor ist unter anderem 2003 in deutscher Sprache ein längerer Überblicksartikel über die ersten zehn Nachkriegsjahre erschienen.22
Zur Entwicklung der sowjetischen Militärdoktrin entstand während und nach dem Kalten Krieg eine ganze Reihe von Darstellungen westlicher Autoren.23 Zu erwähnen sind auch die Zeitzeugenbefragungen von Jan Hoffenaar vom Niederländischen Institut für Militärgeschichte mit Unterstützung des Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI). Demgegenüber wurde von östlicher Seite zu diesem Thema bis zum Erscheinen von Sokolovskijs «Militär-Strategie»24 im Jahr 1962 keinerlei Literatur herausgegeben beziehungsweise der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Vertiefte Einblicke in den Inhalt der sowjetischen Generalstabsausbildung, unter anderem bezüglich der Grundprinzipien der Militärstrategie sowie bezüglich der militärgeographischen Betrachtungsweise, ermöglichten erst die 1989 veröffentlichten sogenannten «Voroshilov-Lectures».25 Es handelte sich dabei um Ausführungen, welche auf Vorlesungen basierten, die zwischen 1973 und 1975 an der Vorošilov-Generalstabsakademie gehalten worden waren.
Zur Beurteilung der politischen und militärischen Entwicklung der Schweiz durch die Ostblockstaaten
Die Debatten über die schweizerische Neutralitätspolitik26 und Militärpolitik während des Kalten Kriegs blieben lange Zeit praktisch ausschliesslich auf die Sichtweisen «von innen» und «von Westen» beschränkt. Militärgeschichtliche Publikationen, welche sich mit der östlichen Wahrnehmung der politischen und insbesondere militärischen Entwicklung der Schweiz befassten und dabei auf Archivmaterial aus Osteuropa beruhten, gab es kaum.27 Diese Lücke füllte die im Rahmen des Nationalfondsprojektes zur Erforschung der Geschichte des Schweizerischen Generalstabs von 1945 bis 1966 entstandene und bereits mehrfach erwähnte Dissertation von Daniel A. Neval. Sein inhaltlicher Ansatz erfährt in der vorliegenden Studie einerseits eine Straffung und Vertiefung und andererseits eine Erweiterung um zusätzliche Forschungsresultate. Das Aufzeigen des militärischen Blickwinkels im Rahmen der Geschichte des Schweizerischen Generalstabs scheint uns nicht nur wichtig, sondern notwendig, kann doch ohne die Analyse der Sichtweise des als wahrscheinlichster und gefährlichster Feind angesehenen Machtblocks die Arbeit der Generalstabsabteilung nicht bewertet werden.
Zur Bedrohung der Schweiz durch die Sowjetunion und den Warschauer Vertrag
Die Frage nach der Rolle der Schweiz in den militärischen Planungen des Warschauer Vertrags sowie nach der sich daraus ergebenden Bedrohung ist bis heute erst in Ansätzen wissenschaftlich aufgearbeitet. Im Folgenden wählen wir besonders typische Veröffentlichungen aus, um auch die Entwicklung der Forschung aufzuzeigen.
Publikationen nach der Öffnung der DDR-Archive
Im Zuge der «Wende» von 1989/90, dem Zusammenbruch der Deutschen Demokratischen Republik und der Wiedervereinigung Deutschlands fielen rund 500 000 streng geheime ostdeutsche militärische Akten in die Hände der westdeutschen Behörden. Darunter waren einschlägige Dokumente zu den strategischen und operativen Kriegsplanungen des ehemaligen Warschauer Vertrags. Damit eröffnete sich die einzigartige Chance, Einsicht in geheime Akten eines kurz zuvor noch dem feindlichen Lager angehörenden Staates zu nehmen.
Die Veröffentlichung der ersten auf diesen DDR-Dokumenten basierenden Forschungsergebnisse durch den deutschen Sicherheitsexperten Lothar Rühl28 sowie die Pressekonferenz und der Bericht des deutschen Verteidigungsministers Gerhard Stoltenberg Anfang 1992 zum Thema «Militärische Planungen des Warschauer Paktes in Zentraleuropa»29 liessen Brigadier Prof. Dr. Fritz Stöckli folgern, dass eine Operationslinie des Warschauer Vertrags durch die beiden neutralen Länder Österreich und die Schweiz geführt habe.30 1993 schrieb er in der «Allgemeinen Schweizerischen Militärzeitschrift» (ASMZ): «An den Absichten des zerfallenen Warschauer Paktes (WAPA) kann kein Zweifel mehr bestehen: Auch die Schweiz wäre einem von langer Hand vorbereiteten Ansturm aus dem Osten ausgesetzt gewesen. […] Die WAPA-Strategen planten […] einen Stoss durch die Schweiz, um den Nato-Kräften in den Rücken zu fallen. Auch in die Vorbereitungen des Luftkriegs gegen Westeuropa wurde die Schweiz einbezogen.» Diese Aussagen relativierte er weiter unten, indem er zugab, dass die Schweiz nur auf einem kleinen Teil der Dokumente des WAPA erscheine. Gleich anschliessend stellte er fest, die Schweiz sei seit der Ära Stalin von den Sowjets als feindselig und – als kapitalistisches Nichtmitglied der Nato – seit den 1960er-Jahren als potentielles Ziel betrachtet worden. Mit einer Besetzung der Schweiz hätte verhindert werden sollen, dass sie zu einer Bastion der westeuropäischen Verteidigung geworden wäre. Diese These muss nun aufgrund des neuen Materials in tschechoslowakischen Archiven neu beurteilt werden. Weiter schrieb Stöckli, aus «ebenfalls kürzlich deklassifizierten Dokumenten» gehe hervor, dass die Schweiz unter den strategischen Zielen erwähnt gewesen sei, die in den Kursen der Militärakademie des sowjetischen Generalstabs behandelt worden seien. Die Sektoren Zürich und Genf seien ausdrücklich zitiert worden.31 Er schliesst mit der Folgerung: «In diesem Zusammenhang kann man eingestehen, dass die schweizerische Neutralität nur insofern in Betracht gezogen worden wäre, als sie den Interessen des WAPA gedient hätte.»

Abb. 2: Die sechs operativen Hauptrichtungen einer ersten Phase der vom Warschauer Pakt bis Ende der 1980er-Jahre geplanten Offensive (Skizze nach den Angaben von Rühl und dem Bericht Stoltenbergs). Der Stoss einer Armeegruppe auf der 6. operativen Hauptrichtung benützt die Hochrheinachse und verletzt sowohl die österreichische als auch die schweizerische Neutralität. (Fritz Stöckli: Die Stunde der Wahrheit. Die Schweiz in den Plänen des Warschauer Paktes, ASMZ 5/1993, S. 217)

Abb. 3: Auffällig ist einerseits, dass die Stossgruppe 5 (Österreich/Bayern) das schweizerische Territorium nicht berührt, wohl aber das neutrale Österreich durchquert. Zu beachten gilt andererseits, dass kein Stoss in den oberitalienischen Raum erfolgt. (Bericht Stoltenberg. Militärische Planungen des Warschauer Paktes in Zentraleuropa. Bundesminister der Verteidigung. Januar 1992)

Abb. 4: Diese Darstellung ist die vollständigste und umfasst auch die vorgesehenen Grossen Verbände in den einzelnen Fronten. (Informationen zur Sicherheitspolitik Nummer 20/Juli 1999 der Landesverteidigungsakademie/Militärwissenschaftliches Büro, S. 3. Vgl. Lothar Rühl: Angriffsplanungen des Warschauer Paktes gegen Westeuropa. In: ÖMZ, Heft 6/1991, S. 501–508)
Parlamentarische Vorstösse
Die Offenlegung grosser Aktenbestände der früheren DDR und die damit verbundene Hoffnung, Antwort auf die Frage nach den tatsächlichen Absichten des Ostblocks gegenüber der Schweiz während des Kalten Kriegs zu erhalten, weckten auch das Interesse von schweizerischen Politikern. So kam es in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre zu zwei nationalrätlichen Vorstössen, wobei sich der erste auf die ostdeutsche Spionagetätigkeit in der Schweiz und der zweite auf die militärische Bedrohung der Schweiz durch den Warschauer Vertrag bezog.
Die Forderung nach einer Untersuchung der Aktivitäten des Ministeriums für Staatssicherheit der ehemaligen DDR – der sogenannten «Stasi» – in der Schweiz erhob eine im Juni 1995 eingereichte Einzelinitiative von Nationalrat Walter Frey (SVP, Zürich).32 Nachdem der Nationalrat im Juni 1996 die Initiative knapp gutgeheissen hatte, arbeitete die Kommission für Rechtsfragen der grossen Kammer den Entwurf für einen entsprechenden Bundesbeschluss aus. Der Bundesrat nahm zu diesem im Juni 1998 in positivem Sinn Stellung: Trotz Bedenken stimmte er der Einsetzung eines Experten zu, der die Tätigkeit der «Stasi» in der Schweiz im Speziellen und die Beziehungen zwischen der DDR und der Schweiz im Allgemeinen zu untersuchen hatte.33 Der Wissenschaftler sollte für die Ablieferung seines Berichtes fünf Jahre Zeit haben und über ein Budget von rund vier Millionen Franken verfügen können. Dies sei vertretbar, schrieb das EJPD, zumal spätere Abklärungen wegen der Verschlechterung der Quellen einen grösseren Aufwand verursachen würden. Der Nationalrat stimmte dem Bundesbeschlussentwurf im März 1999 zu; der Ständerat jedoch entschied im September 2000 auf Nichteintreten. Im Differenzbereinigungsverfahren, das bis im Juni 2001 dauerte, blieben beide Räte bei ihren Entscheidungen, sodass die Initiative schliesslich nicht umgesetzt wurde.34
Im Juni 1997 reichte Nationalrat Fredi Alder (SP, St. Gallen) eine von 51 Nationalräten mitunterzeichnete Interpellation35 ein mit folgendem Wortlaut: «Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks sind verschiedene Angriffs- und Verteidigungspläne des Warschauer Paktes bekannt geworden. Es wäre interessant, diese realen Pläne mit jenen Szenarien, Annahmen und Planspielen zu vergleichen, mit denen die Schweizer Armee bis 1989 gearbeitet hat. Der Bundesrat wird um Beantwortung folgender Fragen gebeten: 1. Sind militärische Pläne des Warschauer Paktes bekannt, in die auch die Schweiz miteinbezogen wurde? 2. Erweisen sich die militärischen Szenarien der Schweizer Armee aus den siebziger und achtziger Jahren im Licht der bekannten Pläne des Warschauer Paktes als realistisch?»
Der Bundesrat präzisierte in seiner Antwort vom 10. September 1997 zunächst die undifferenzierte Bezeichnung «militärische Pläne des Warschauer Paktes»: «Es muss unterschieden werden zwischen gesamtheitlichen Operationsplanungen, deren Ausarbeitung ausschliesslich den sowjetischen Streitkräften vorbehalten war, und Teilplanungen von Operationen durch Mitgliedstaaten des Warschauer Paktes. Weil die militärische Struktur des Warschauer Paktes auf einem sowjetischen Kommandosystem und nicht auf einem partnerschaftlich integrierten Zusammenwirken im Stile der Nato beruhte, hatten die einzelnen Mitgliedstaaten generell auch nur dort Einblick in die Operationsplanungen und konnten diese beeinflussen, wo deren Teilnahme mit eigenen Streitkräften von der Sowjetarmee vorgegeben war. Bis heute hat der Westen noch keinen Zugang zu Originalunterlagen über die Operationsplanungen. Beschränkt zugänglich sind einzig Einzeldokumente aus dem Bestand der Nationalen Volksarmee (NVA) der früheren DDR. In den Monaten vor der deutschen Wiedervereinigung wurden Akten und Daten der NVA in grossem Umfang vernichtet – offenbar auch auf Weisung der Sowjetunion. Die grosse Zahl von NVA-Archiven hat aber der Vernichtungsaktion Grenzen gesetzt. Über 25 000 erhaltene Dokumente sind zur Auswertung an die Deutsche Bundeswehr gelangt. Darin sind aber weder Gesamtplanungen noch operative Direktiven zu finden. Aus einer Vielzahl von Einzelinformationen liess sich aber das aus Publikationen bekannte Bild von Angriffsoperationen ostdeutscher, zum Teil auch sowjetischer und polnischer Streitkräfte durch Nord- und Zentraldeutschland rekonstruieren. Über die unser Land mehr interessierende Operationsrichtung durch Bayern nach Westen finden sich in den Dokumenten kaum Hinweise, weil diese Operation ohne NVA-Beteiligung vorgesehen war.» In diesem Zusammenhang verwies der Bundesrat auf das Projekt zur Fortsetzung der Geschichte des Generalstabs, in dessen Rahmen «gegenwärtig eine Kommission von Militärhistorikern zusammengestellt» werde, «deren Aufgabe u. a. darin bestehen wird, in den relevanten Militärarchiven in Moskau, Budapest und Prag vertiefte Recherchen zu unternehmen».
Die beiden konkreten Fragen der Interpellation Alder beantwortete der Bundesrat wie folgt: «1. Von den die Schweiz betreffenden Operationsplanungen der Sowjetunion waren seit der zweiten Hälfte der siebziger Jahre die strategischen Aspekte bekannt. Danach war unser Land Teil des westlichen ‹Schauplatzes von Kriegshandlungen› und lag in der südlichsten der fünf Operationsrichtungen, der Operationsrichtung Alpen. Diese umfasste den Südraum der ehemaligen Tschechoslowakei, den nördlichen Raum Ungarns, Österreich, Liechtenstein und die Schweiz sowie den Zugang zur oberitalienischen Tiefebene. Ihre Achse verlief über Wien, Davos und Lausanne. Der etwa 180 bis 250 Kilometer breite Operationsstreifen war links durch die österreichisch-jugoslawische Grenze, Villach, Trento und Como, rechts durch die Linie Lipno–Garmisch–Baden–Basel–Besançon begrenzt. Operationsplanungen auf operativer Ebene waren nur in den Umrissen bekannt und unterlagen gemäss den Aussagen von Überläufern und ehemaligen hohen Funktionsträgern aus dem ehemaligen Ostblock über die Jahre hinweg verschiedenen Anpassungen. Wie sie sich in den entscheidenden Details entwickelt haben, wird – wenn die operativen Direktiven, Karten und Akten in den entsprechenden Archiven freigegeben werden – von der Geschichtsschreibung zu beurteilen sein.
2. Die Vorbereitungen unserer Armee brachten nach heutigem Kenntnisstand die real bestehende Bedrohung mit den Möglichkeiten unseres Kleinstaates in ein gutes Verhältnis. Die Restakten aus den Archiven der NVA vermitteln eine gute Übereinstimmung mit den Annahmen unserer Armee zu wesentlichen Grundsätzen der sowjetischen Operationsführung. Insbesondere dem Grundsatz der sowjetischen Streitkräfte, das Gefecht von Beginn an in die ganze Tiefe der Verteidigung zu tragen, hat unsere Armee mit ihrer Kampfstellung sehr gut und mit grosser dissuasiver Wirkung Rechnung getragen. Immer mehr zeichnet sich jedoch ab, dass die nukleare Bedrohung unterschätzt wurde. Vermehrt geben Offiziere der ehemaligen Ostblockstaaten an, dass geplant war, Angriffe mit Nuklearwaffen einzuleiten, wie auch damit laufend zu unterstützen. Auf taktischer Ebene ergibt sich praktisch volle Übereinstimmung der Grundsätze mit jenen, wie sie in den Reglementen unserer Armee über die Streitkräfte des Warschauer Paktes festgehalten waren und in der Armee instruiert wurden. Die militärischen Szenarien, die den Übungen unserer Armee in den siebziger und achtziger Jahren zugrunde lagen, dürfen mit gutem Gewissen als sehr realistisch bezeichnet werden.»
Anzumerken ist an dieser Stelle, dass sich die Fragen der Interpellation Alder zwar nur auf die 1970er- und 1980er-Jahre bezogen, die Antwort des Bundesrats jedoch offen liess, ob seine Aussagen ebenfalls bloss für diesen Zeitraum gültig waren oder vielmehr auch auf die vorangehende Phase des Kalten Kriegs übertragen werden konnten. Diese Unschärfe zu erhellen, ist eine der zentralen Aufgaben der vorliegenden Studie.




