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Weitere Forschungsresultate auf der Grundlage der DDR-Akten
Gegen Ende der 1990er-Jahre ging das zuvor grosse schweizerische Interesse an den DDR-Akten etwas verloren. Ein Grund dafür dürfte unter anderem das 1996 vom damaligen Vorsitzenden des Nato-Militärausschusses, Generalinspekteur Klaus Naumann, herausgegebene Buch «NVA. Anspruch und Wirklichkeit»36 gewesen sein. Die dort veröffentlichten Geheimakten und Expertenanalysen zu verschiedenen Aspekten der DDR-Streitkräfte liessen nämlich den Schluss zu, dass die Schweiz in den operativen Überlegungen der NVA keine Rolle gespielt hatte. Zwar kam nun deutlich zum Ausdruck, dass in den ausgewerteten Kriegsspielen und Übungen die in den 1960er-Jahren durch Sokolovskij erstmals offiziell bekannt gegebene sowjetische Militärdoktrin ihre konkrete Verwirklichung und Weiterführung gefunden hatte und dass die NVA «Teil einer nicht nur angriffsfähigen, sondern konsequent auf Offensive ausgerichteten multinationalen Militärkoalition»37 gewesen war, die Schweiz jedoch kam in den entsprechenden Dokumenten nicht vor.
Von vielen Lesern zu wenig beachtet worden ist die Tatsache, dass in den DDR-Akten kein gültiger Operationsplan, sondern nur Übungsanlagen gefunden worden sind. Dass insbesondere der Operationsbefehl des Warschauer Vertrags fehlte, ist die wohl bedeutendste Erkenntnis aus der Erforschung der ostdeutschen Geheimdokumente.
Sowjetische Angriffsplanung gegen die Schweiz als unbestreitbare Tatsache?
Im Februar 2003 erschien als Beilage zur ASMZ und zum «Schweizer Soldat» eine Studie von Matthias Kuster und Jürg Stüssi-Lauterburg unter dem Titel «Blautanne. Operationsziel Schweiz – eine Analyse».38 Die beiden Verfasser wagten angesichts der kaum zugänglichen Archive in Osteuropa nicht zu beurteilen, wie gross «die direkte militärische Bedrohung der Schweiz durch die Sowjets […] in den Fünfziger- und beginnenden Sechzigerjahren war», doch hielten sie fest: «Dass sie [die Bedrohung, d. Vf.] tatsächlich existierte, unterliegt […] keinem vernünftigen Zweifel.»39 Sie stützten sich bei dieser anscheinend unumstösslichen Feststellung praktisch ausschliesslich auf Aussagen der beiden ranghohen osteuropäischen «Überläufer» Jan Šejna und Vasilij Nikitič Mitrochin.
Stüssi-Lauterburg wiederholte seine These, dass es konkrete sowjetische Angriffspläne gegen die Schweiz gegeben haben müsse, 2007 im Vorwort zu Peter Veleffs Buch «Angriffsziel Schweiz?»40
Einbezug der Schweiz in die sowjetischen Planungen ab Anfang der 1960er-Jahre?
Dass von Seiten der Sowjetunion geplant wurde, die Schweiz anzugreifen, vermutete auch Daniel A. Neval.41 Seiner Meinung nach war dies aber erst ab Anfang der 1960er-Jahre der Fall, nachdem die sowjetische Führung zur Auffassung gelangt war, die Schweiz würde sich im Kriegsfall wohl nicht neutral verhalten. So schrieb Neval 2004 in einem Aufsatz im Katalog zur Ausstellung «Imaginer la guerre – Der Schweizerische Generalstab 1804–2004»: «Erst die Entschlossenheit, mit welcher sich die Schweizer Führung für die Anschaffung von Atomwaffen aussprach, liess die sowjetische Führung grundsätzlich an der Glaubwürdigkeit der Schweizer Neutralität zweifeln und führte mit grosser Wahrscheinlichkeit dazu, dass die Besetzung von Teilen der Schweiz in die militärische Planung aufgenommen wurde.»42 Um welche Teile der Schweiz es sich dabei konkret handelte, führte Neval in seiner Dissertation aus: «[Auf Seiten des Warschauer Vertrags, d. Vf.] wird nun zusehends davon ausgegangen, dass die Schweiz sich, noch bevor sie vom Warschauer Pakt angegriffen würde, mit der Nato verbünden würde. Die WP-Staaten wären deshalb gezwungen, durch die Besetzung der Nordwestschweiz um Basel einen Flankenangriff von Nato-Truppen via Mittelland zu verhindern. Zumindest in der ersten Phase sollten gemäss den Plänen keine weiteren Gebiete der Schweiz besetzt werden, selbst das Mittelland bliebe ausgespart, um den möglichst raschen Vorstoss Richtung Frankreich nicht zu verzögern.»43 Neval berief sich bei diesen Aussagen auf Erkenntnisse des slowakischen Militärhistorikers Miloslav Púčik,44 welcher offenbar vertieften Einblick in tschechoslowakische Militärdokumente gehabt hatte. Púčik habe, so Neval, ihn darauf aufmerksam gemacht, dass die sowjetische Kriegsplanung zu Beginn der 1960er-Jahre «eine Verstärkung der Truppenstärken entlang einer neuen strategischen Linie Prag– Nürnberg–Basel–Dijon neben den herkömmlichen Linien Moskau–Berlin–Paris und Cluj–Wien–München» zeige.45 Es könne «nicht ausgeschlossen werden, dass diese Massnahmen in einem Zusammenhang mit der Stärkung der Rheinlinie» stünden, «die auf Grund der zweifelhaft gewordenen Schweizer Neutralität notwendig» geworden sei.46
Abb. 5–8: Topographische Karten 1:50 000 des sowjetischen Generalstabs. 1957–1959/1976–1978/1980–1988. (Zentralbibliothek Zürich)

Abb. 5: Bern 1:50 000, Blatt L-32-39-B, 3 Hb 98 1 L 32 39 B, 1977.

Abb. 6: Zürich 1:50 000, Blatt L-32-18-V, 3 Hb 98 1 L 32 18 V, 1977.

Abb. 7: Schaffhausen 1:15 000, Blatt L-32-6-V, 1988. Die Karten 1:50 000 waren die Führungskarten des Generalstabs und der Truppe. Das Kartenwerk ist für Westeuropa flächendeckend. Es gilt zu beachten, dass diese Karten nach unserer Forschungsperiode gedruckt wurden.

Abb. 8: Stadtplan Winterthur 1:10 000, 5 Kx 08 3. Das Kartenwerk 1:10 000 zeigt ein grundrissgetreues Abbild von Siedlungen, Verkehrswegen, Gewässern und des Geländes. Die Karten wurden nur von wichtigen Orten erstellt. Militärisch relevante Objekte sind besonders bezeichnet: Verwaltungsgebäude (violett), kriegswichtige Objekte (grün oder violett). In dieser Karte sind besonders bezeichnet: 1 = Sportflugplatz, 2–10 = Banken, 11–26 = Fabriken (z. B. 25/26 Gebr. Sulzer), 27–29 = Kasernen, 33–40 Postämter, 43 Rathaus, 47–54 Bahnhöfe, 56 Telefonzentrale; Traglastangaben für Brücken und Strassen. An der Expo 2002 wurde eine vergleichbare Karte der Stadt Bern gezeigt. Daraus wurde geschlossen, dass die Sowjetunion gegen die Schweiz gerichtete militärische Pläne ausgearbeitet haben muss.
Kein «Angriffsziel Schweiz»?
Der Schlussfolgerung Stüssi-Lauterburgs sowie auch der These Nevals widerspricht in seinen beiden Büchern «Spionageziel Schweiz?» und «Angriffsziel Schweiz?»47 der oben bereits erwähnte Peter Veleff. Ausschliesslich auf die DDR fokussiert, gestützt auf eine intensive Quellenrecherche und ergänzt durch aussagekräftige Zeitzeugenberichte zieht Veleff erstens das Fazit, dass die operative Tätigkeit der Aufklärungsapparate der DDR in der Schweiz keine relevanten Rückschlüsse auf eine militärische Bedrohung durch den östlichen Machtblock zulasse. Die Schweiz sei für die östlichen Geheimdienste wohl lediglich «als Durchgangsland für Treffs, für Materialübergaben und im Fall erhöhter politischer Spannungen oder Krieg zwischen den beiden Machtblöcken in Europa als Beobachtungsplattform, als Fluchtland und als nachrichtendienstliche Basis für operative Tätigkeiten gegen den Hauptgegner Nato» von Interesse gewesen.48
Die Analyse der östlichen Operationsplanungen führt Veleff zweitens zur Ansicht, dass im uns interessierenden Zeitabschnitt alle strategischen Achsen des Warschauer Vertrags gegen Westeuropa die Schweiz nördlich umgangen hätten.49 Der Rhein wäre unterhalb Basels ausschliesslich auf Nato-Territorium überschritten worden. Wörtlich schreibt Veleff: «Frankreich wäre in der süddeutschen strategischen Richtung und der Bayrischen Operationsrichtung von den Kräften der dafür eingesetzten Front (zusammengesetzt aus der CVA [der Tschechoslowakischen Volksarmee, d. Vf.] und den sowjetischen Verbänden der Zentralen Gruppe der Truppen [ZGT]) um Basel herum durch die Burgunder Pforte angegriffen worden.» Dementsprechend hält Veleff zusammenfassend unmissverständlich fest: «Die Titelfrage dieses Buches:‹Angriffsziel Schweiz?› ist negativ zu beantworten: Nein, es gab (auch) auf der Ostseite keine Operationspläne gegen die Schweiz.» Zu einem anderen Schluss kommt er in Bezug auf Österreich. Gegen unseren östlichen Nachbarn hätten sowohl von Seiten des Warschauer Vertrags als auch von Seiten der Nato Interventionspläne bestanden, «für den Fall, dass zufolge der als schwach eingeschätzten Verteidigung der Gegner bereits dort eingedrungen sein sollte».
Abschliessend kommt Veleff noch auf einen dritten Aspekt zu sprechen: auf die Frage, ob das «Feindbild» und die Verteidigungsvorkehrungen der politischen und militärischen Führung der Schweiz der effektiven Bedrohungssituation angemessen gewesen seien. Veleff zeigt sich diesbezüglich überzeugt, dass die schweizerischen Entscheidungsträger «mit dem Aufbau einer starken Armee, einer guten militärischen Rüstung, einer guten Ausbildung, eines leistungsfähigen Zivilschutzes und mit der Durchführung von grossen Landesverteidigungs- und Armeestabsübungen für alle Elemente der Gesamtverteidigung richtig entschieden und damit dem Land gut gedient haben».
Zu beachten ist, dass Veleff seine Schlüsse hauptsächlich auf DDR-Quellen und Zeitzeugenaussagen der 1970er- und 1980er-Jahre abstützt. Da alle befragten hohen NVA-Offiziere an sowjetischen Generalstabsschulen studiert haben, darf jedoch angenommen werden, dass sie auch die wichtigsten operativen Überlegungen des Bündnisses gekannt haben. Es wird also zu untersuchen sein, ob ihre Aussagen auch für die ersten Jahre des Kalten Kriegs Gültigkeit haben.
Seit dem Erscheinen seines Buches «Angriffsziel Schweiz?» erhielt Peter Veleff eine unerwartete Anerkennung und eine Bestätigung der Richtigkeit seiner Forschungsergebnisse durch Kapitän zur See a. D. Walter Jablonsky. Als Chef der 1990 von Generalinspekteur Klaus Naumann eingesetzten Arbeitsgruppe zur Sichtung und Auswertung der damals neu angefallenen Militärakten der NVA kommt seiner Wertung eine besondere Bedeutung zu. Jablonsky schreibt:
«Mit Blick auf die Militärdoktrin, die strategische Richtung der WVO (Warschauer Vertrags-Organisation) und die Position der Schweiz in der strategischen und operativen Planung der WVO stimme ich Ihnen vollinhaltlich zu. Aus meiner Sicht hätte die WVO die Schweiz nie in Sicht ihrer (Gegen-)Angriffsplanung gehabt. Ausnahme – wie bei Ihnen beschrieben – :
die Schweiz hätte auf Seiten der Nato in den Krieg eingegriffen;
a) signifikante Nato-Streitkräfte hätten sich kampfbereit auf das Territorium der Schweiz zurückgezogen (‹kampfbereit› deshalb, weil die Nato-Streitkräfte bei Rückzug auf Schweizer Territorium nach Völkerrecht hätten entwaffnet und interniert werden müssen).»50
Unter Bezugnahme auf den oben zitierten «Bericht Stoltenberg» und die von Veleff hinterfragten Äusserungen des damaligen Staatssekretärs Prof. Lothar Rühl äussert sich Kapitän Jablonsky so:
«Der sogenannte ‹Stoltenberg-Bericht› war leider sehr tendenziös zusammengeschrieben. Offenbar kam es damals der militärpolitischen Führung der BRD darauf an, den Vereinten Streitkräften der WVO und vor allem der NVA Angriffsabsichten zu unterstellen. Dafür gab es aber keinen Beweis; wir haben nur Übungsunterlagen gefunden, keine ‹scharfen› Operationspläne. Und auch die Übungsunterlagen gingen von einem Angriff der Nato, dessen schneller Zerschlagung in einer Grenzschlacht und nachfolgendem weit- und tiefräumigem, entscheidenden Gegenangriff der Vereinten Streitkräfte der WVO aus. Für die zahlreichen Berichte von Professor Rühl gilt das Gleiche wie für den ‹Stoltenberg-Bericht›.»
Abschliessend meint Jablonsky: «Es ging mir wie Ihnen, als ich im Militärgeschichtlichen Institut (MGI) der Ex-DDR in Potsdam mit meiner Crew mehrmals wochenlang Archive durcharbeitete: Wir kamen gemeinsam zu Forschungsergebnissen, die in der Tat mit den alten Feindbildern aus dem Nato/WP-Konflikt nicht übereinstimmten.»
Grosses Aufsehen in der Schweiz und in Deutschland erregte ein ganzseitiger Artikel von Heinz und Michael Rühl in der NZZ vom 13./14.9.2008 unter dem Titel «Warschaupakt plante nuklearen Überfall auf Westeuropa». Die positiven und kritischen Stellungnahmen in den Leserbriefen (NZZ vom 27./28.9., S. 21) hielten sich in etwa die Waage. Erstere fühlten sich in ihrer Überzeugung bestätigt, dass die «im kürzlich erschienenen Buch von Peter Veleff protokollierten Aussagen ehemaliger in Moskau geschulter DDR-Generäle nach dem System ‹Mein Name ist Hase, ich weiss von nichts›» definitiv nicht als historische gelten können. Es ist darum wahrscheinlich, dass der Leserbrief von Siegfried Lautsch/Köln, 1983 bis 1987 Leiter der operativen Abteilung im Militärbezirk V und Planungsoffizier im Verteidigungsministerium der DDR, von dieser Gruppe auch nicht als wahr, sondern als blosse Rechtfertigung disqualifiziert wurde. Lautsch schrieb, die Darstellung der beiden Autoren, «dass der Warschaupakt bis in die späte Hälfte der achtziger Jahre einen präventiven, regional begrenzten Nuklearkrieg in Europa plante», sei irreführend. Die UdSSR und die Warschauer-Pakt-Staaten hätten nie einen überraschenden Erstschlag geplant, sondern nur für den Fall einer äusseren Aggression «alle erforderlichen Massnahmen zu ihrer Abwehr und zur Bekämpfung des Gegners» vorbereitet. Dazu gehörte «die Bereitschaft und Fähigkeit […] bei der sich bietenden Gelegenheit, noch im Verlauf der Abwehr, entschlossen anzugreifen». Ohne zu präzisieren, ob die Aussage für die ganze Periode des Kalten Kriegs gelte, verriet er, dass der Warschauer Vertrag im Rahmen eines Zwei-Phasen-Konzeptes offensive und defensive Kampfhandlungen vorbereitet habe, «die je nach politisch-militärischer Lageentwicklung angewendet werden konnten». Dem konventionellen Einsatz sei erstrangige Bedeutung zugekommen.
Von vornherein kann die Kritik von Vojtech Mastny/Arlington, Geschichtsprofessor und anerkannter Ostexperte, auch vom überzeugtesten Kalten Krieger nicht einfach übergangen werden. Mastny kritisierte, die Darstellung in der NZZ werde dem komplizierten Thema nicht gerecht. «Die Autoren ignorieren die Art und Weise, wie in der ehemaligen Sowjetunion Entscheide getroffen wurden. Sowjetische Militärplaner zerbrachen sich – wie ihre Gegenspieler bei der Nato – die Köpfe darüber, wie sie einem überraschenden Nuklearangriff des Feindes zuvorkommen könnten; sie planten einen solchen Angriff jedoch keinesfalls aus heiterem Himmel. Sie planten vielmehr, was zu tun sei, falls eine Krise aus irgendeinem Grund ausbrechen und militärische Handlungen nötig machen würde. Der Entscheid darüber lag aber nicht bei den sowjetischen Militärs, sondern in den Händen ihrer Vorgesetzten im Politbüro, die vor allem von politischen Erwägungen geleitet wurden.» Die weitergehende Kritik wurde in der NZZ nur verstümmelt wiedergegeben.51 Mastny bedauerte, dass die Autoren die Quellen nicht genannt hätten, was eine Überprüfung verunmögliche, und stellte fest, dass die bisherige Forschung nur ungenügend berücksichtigt worden sei. Die Kritik, die Autoren hätten unsachgemäss die beiden Begriffe «präventiv» und «präemptiv» synonym verwendet, ist aus völkerrechtlicher, strategischer und amerikanischer Sicht berechtigt, setzt aber voraus, dass der Unterschied allgemein bekannt ist. Als «präemptiv» wird gemeinhin ein Angriff dann bezeichnet, wenn er zweifelsfrei in eine unmittelbar bevorstehende oder bereits stattfindende Angriffshandlung eines Gegners hineinläuft. Als «präventiv» gilt eine Kriegshandlung, wenn eine Angriffsvorbereitung des Gegners zwar nicht direkt erkennbar, aber damit zu rechnen ist, dass dieser Gegner demnächst oder jedenfalls in absehbarer Zeit eine militärische Offensive startet. Bezüglich der völkerrechtlichen Legitimation ist es ein entscheidender Unterschied, ob eine militärische Aktion «präemptiv» oder «präventiv» erfolgt. Die Erstere wird in jedem Fall als legitim und in der Regel als legal beurteilt, während ein Präventivkrieg – da nicht zweifellos zum Zweck der Selbstverteidigung – völkerrechtswidrig oder mindestens umstritten ist.52
Diese verschiedenen gegensätzlichen Meinungen quellenkritisch zu werten, wird die grosse Herausforderung dieser Arbeit sein.
Zum schweizerischen «Feindbild»
Die sowjetischen Planungen gegen Europa blieben der schweizerischen Öffentlichkeit, aber auch ihren nachrichtendienstlichen Organen verständlicherweise verborgen. Die meisten Informationen waren durch die Propaganda so verstellt, dass bewusste Desinformation drohte. Trotzdem wurde schweizerischerseits immer wieder der Versuch unternommen, sich dem Geheimnis zu nähern und für die eigene Verteidigungs- und Sicherheitspolitik Schlüsse zu ziehen. Eine wichtige Quelle waren die aufgedeckten Spionagefälle mit östlichen Auftraggebern. Selbstverständlich wurden alle Möglichkeiten des offenen Nachrichtendienstes genutzt, und befreundete Nachrichtendienste dürften auch immer wieder Informationen weitergeleitet haben. Eine ergiebige Quelle waren die Berichte von Generalstabsoffizieren, welche die Chance einer Auslandkommandierung nutzen durften. Sie erfuhren in den verschiedenen Kursen und Schulen vom «Feindbild Rot» des Gastlandes und berichteten nach ihrer Rückkehr.
Strategieexperten lieferten grundsätzliche Überlegungen und stellten Konzeptionsvorschläge zur Diskussion. Hinsichtlich unseres Forschungszeitraums sind an erster Stelle Gustav Däniker und Jakob Annasohn zu nennen, die beide ein neues strategisches Denken forderten und die Basis zu einer Gesamtverteidigung legten. Däniker leitete sein 1966 erschienenes Buch «Strategie des Kleinstaats»53 mit folgender historischer Erfahrung ein: «Kleinstaaten waren zu allen Zeiten bedroht. Sie konnten sich meist nur dann behaupten, wenn ihre Existenz im Interesse der stärkeren Mächte lag, oder aber, wenn sie über eine besonders wirksame Verteidigung verfügten.»54 Däniker hatte, abgesehen von gewissen nachrichtendienstlichen Erkenntnissen, keine Informationen über die konkreten militärischen Planungen des Warschauer Vertrags und blieb mit seinen Überlegungen weitgehend auf einer hohen Abstraktionsebene, was aber seiner fachlichen Kompetenz keinen Abbruch tut.
Die Ausweitung des strategischen in ein sicherheitspolitisches Denken ab Ende der 1960er-Jahre widerspiegelte sich in verschiedenen Arbeiten der Forschungsstelle für Sicherheitspolitik und Konfliktanalyse (FSK) der ETH Zürich unter der Leitung von Prof. Kurt R. Spillmann. Die wichtigsten Ergebnisse – das Produkt verschiedener Einzelstudien – sind im Buch «Sicherheitspolitik seit 1945. Zwischen Autonomie und Kooperation»55 zusammengefasst. Dieses umfasst den ganzen Zeitabschnitt des Kalten Kriegs.
Das aktuelle Standardwerk der schweizerischen militärischen und militärpolitischen Situation in der ersten Periode des Kalten Kriegs ist zweifellos die Dissertation von Peter Braun mit dem Titel «Von der Reduitstrategie zur Abwehr. Die militärische Landesverteidigung der Schweiz im Kalten Krieg 1945–1966», die als Band X der Geschichte des Schweizerischen Generalstabs herausgegeben worden ist.56
Gesamthaft kann gesagt werden, dass die schweizerische Seite, die eidgenössische «Innensicht», bereits als gut erforscht gelten kann, wenn auch noch immer Einzelaspekte einer gründlicheren Erforschung harren.
Quellenlage
Veröffentlichte Archivdokumente
Als Reaktion auf die nach dem Ende des Kalten Kriegs einsetzende und in der Folge zunehmende Entklassifizierung von Nato-Dokumenten sowie die gleichzeitig wachsende Verfügbarkeit von Akten aus den Archiven des früheren Ostblocks wurde im Jahr 1999 unter Leitung des tschechischstämmigen US-Historikers Vojtech Mastny und unter Beteiligung verschiedener sich mit der Geschichte des Kalten Kriegs befassender Institutionen das «Parallel History Project on Nato and the Warsaw Pact» (PHP) ins Leben gerufen. 2006 wurde es in «Parallel History Project on Cooperative Security» umbenannt. Seit seiner Gründung hat das PHP in nationalen Archiven in Europa und Nordamerika mehrere Tausend Seiten Material zu sicherheitspolitischen Aspekten des Kalten Kriegs gesammelt und eine grosse Zahl dieser Archivunterlagen zusammen mit Kommentaren und Analysen auf seiner Homepage57 veröffentlicht. Die vom PHP publizierten Originaldokumente aus östlichen Archiven, speziell natürlich Kriegspläne, bildeten im Rahmen unserer Arbeit eine wichtige Ergänzung zu unseren eigenen Quellenfunden.
Als weitere Internet-Plattform sei genannt: das amerikanische «Cold War International History Project».58 Auch die Protokolle des Nationalen Verteidigungsrats der DDR sind seit Kurzem im Internet verfügbar.59
Für unsere Studie von grossem Wert sind zwei tschechische Veröffentlichungen aus dem Jahr 2007. An erster Stelle sind hierbei die von Petr Luňák herausgegebenen operativen Planungen der Tschechoslowakischen Volksarmee (ČSLA60) aus dem Zeitraum von 1950 bis 1990 zu nennen.61 Leider wird der Nutzen dieses Werkes für viele Interessierte dadurch vermindert, dass es bisher nur in tschechischer Sprache herausgekommen ist und keinerlei Kartenmaterial aufweist. Von fast ebenso grossem Wert – zwar ebenfalls auf Tschechisch, aber mit informativen Karten – ist das Buch von Karel Štěpánek und Pavel Minařík, das die neueste Forschung und die Akten zum Operationsplan von 1964 darstellt.62 Da Štěpánek aktiv an Teilen dieser Planung beteiligt war, kommt dem Kommentar ebenfalls Quellenwert zu. Die Schweiz spielt in diesen zwei kommentierten Quellensammlungen praktisch keine Rolle.
Es existiert zudem eine Quellenedition mit politischen Akten zur Schweiz.63 Als wertvoll für die Untersuchung der Frage nach der östlichen Einschätzung der allgemeinen politischen Entwicklung der Schweiz in der Nachkriegszeit erwiesen sich ausserdem die vom Informationsdienst der Schweizerischen Osteuropa-Bibliothek (OEB) beziehungsweise des Schweizerischen Ost-Instituts (SOI) herausgegebenen Übersetzungen von osteuropäischen Presseartikeln zur Schweiz.64 Zum politischen Verhältnis zwischen der Schweiz und den Ländern im sowjetischen Machtbereich wurden schliesslich auch noch veröffentlichte Dokumente aus dem Schweizerischen Bundesarchiv verwendet, zum einen die ebenfalls im oben erwähnten Band «Švejcarija – Rossija» publizierten, zum anderen solche aus der Quellensammlung «Documents Diplomatiques Suisses»/DDS.65
Unveröffentlichte Archivdokumente
Der Zugang zu den – bei der Beantwortung der Forschungsfragen dieser Studie im Mittelpunkt stehenden – unedierten Akten in mittel- und osteuropäischen Archiven war leider nur beschränkt und je nach Land in unterschiedlicher Form möglich.
In der Russischen Föderation erwiesen sich die Schwierigkeiten als am grössten. Trotz langjährigen intensiven Bemühungen und diversen erhaltenen Versprechen konnte für keines der russischen Militärarchive (insbesondere nicht für das Staatliche Militärarchiv (RGVA)66 in Moskau und auch nicht für das Zentralarchiv des Verteidigungsministeriums (CAMO)67 in Podol’sk eine Einsichtsberechtigung erwirkt werden. Die äusserst wichtigen Dokumente des sowjetischen Generalstabs – darunter dessen militärische Pläne und Studien (insbesondere die vorbehaltenen Entschlüsse) – bleiben somit bis auf Weiteres unzugänglich. Im Archiv der Aussenpolitik der Russischen Föderation (AVPRF)68 konnten immerhin einige wenige, dafür äusserst interessante Berichte der sowjetischen Botschaft in Bern eingesehen werden.
Wesentlich erfolgreicher verliefen die Archivrecherchen in der Tschechischen Republik. Im Militärhistorischen Archiv (VHA9)69 in Prag, einer Abteilung des Zentralen Militärarchivs (VÚA),70 bestand die Schwierigkeit anfänglich darin, dass in den zugänglichen Findmitteln zu den Beständen des Verteidigungsministeriums nur sehr wenige Einträge zur Schweiz vermerkt waren. Die entsprechenden Dokumente konnten jedoch relativ problemlos eingesehen werden. Als hinderlich erwies sich ausserdem, dass wegen der Überschwemmung von 2002, welche Teile des Archivs unter Wasser gesetzt hatte, etliche Bestände unzugänglich oder zerstört waren. Zunächst nicht möglich schien die Einsicht in Übungs- und Operationspläne der Tschechoslowakischen Volksarmee. Diese waren grösstenteils gesperrt, und da es aufgrund der ungenügenden Findmittel äusserst schwierig zu erahnen war, welche dieser Pläne für die Schweiz hätten relevant sein können, erschien das Stellen von Gesuchen für Ausnahmebewilligungen als nicht erfolgversprechend. Dank der Vermittlung des schweizerischen Botschafters in Prag sowie des schweizerischen Militärattachés in Wien gelang es im Jahr 2007 aber schliesslich doch noch, Zugang zu den bisher gesperrten militärischen Akten der ČSLA – die Unterlagen anderer Kommandostellen des Warschauer Vertrags blieben weiterhin verschlossen – im Zentralen Militärarchiv in Prag und im Militärhistorischen Institut (VHÚ)71 in Bratislava zu erhalten. Gleichzeitig konnte auch die Einsichtnahme in Akten des politischen Nachrichtendienstes der Tschechoslowakei, welche bis Ende 2007 im Sicherheitsarchiv des Amtes für Aussenbeziehungen und Informationen (BAÚZSI)72 und seither im Institut für die Erforschung totalitärer Systeme (ÚSTR)73 liegen, erreicht werden. Die Resultate des militärischen Nachrichtendienstes wurden zerstört. Äusserst ergiebig waren die Nachforschungen im Archiv des Aussenministeriums (AMZV)74 in Prag. Hier konnten sämtliche tschechoslowakischen Konsulats-, Gesandtschafts- und Botschaftsberichte aus der Schweiz sowie einige Berichte der Territorialabteilung des Aussenministeriums eingesehen werden. In vielen dieser Dokumente sind die schweizerische Neutralität und die Schweizer Armee thematisiert. Im Staatlichen Zentralarchiv (SÚA),75 dem heutigen Nationalarchiv, wurden Akten zu den Beziehungen zwischen dem Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei (KSČ)76 und der schweizerischen Partei der Arbeit (PdA) gefunden. Zudem waren hier auch einige interessante Dokumente militärischen Inhalts sowie solche, die Kontakte mit Schweizer Banken belegen, vorhanden. Im Archiv der Kanzlei des Präsidenten (AKPČR)77 schliesslich fand sich nur sehr wenig Material zur Schweiz, meist Glückwunschschreiben und Anfragen zu Enteignungsfällen.




