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Neben den eindeutig guten und den eindeutig schlechten Kriegen gab es auch Kriege, die von Marx und Engels als teilweise gut und teilweise schlecht charakterisiert wurden. Zu dieser Gruppe gehörten vor allem solche Kriege, in denen sämtliche Kriegsparteien der herrschenden Schicht angehörten; konkret also entweder Kriege zwischen den «Ausbeuterklassen» mehrerer Staaten (internationale Kriege) oder Kriege zwischen verschiedenen Gruppen der «Ausbeuterklasse» eines Staates (Bürgerkriege). In diesen Fällen waren die Ziele der Kriegsparteien aus marxistischer Sicht schlecht, da der «Ausbeuterklasse» nützend und damit nicht «fortschrittlich». Die Wirkung solcher Kriege konnte für die Sache des Kommunismus jedoch sehr wohl gut sein, nämlich dann, wenn die Kriege Entwicklungen auslösten, die in marxistischem Sinn progressiv waren. Durfte von einem Krieg derartige Wirkung erwartet werden, dann hiessen Marx und Engels ihn gut, und ihre Unterstützung galt logischerweise derjenigen Seite, von deren Sieg sie sich die grösste «progressive» Wirkung versprachen. Welche Seite dies war, konnten sie oft erst nach einer genauen Analyse der Politik der am Krieg teilnehmenden Parteien sowie der möglichen Folgen des Kriegs entscheiden.
(5) Wie soeben ausgeführt, fällten Marx und Engels ihre Entscheidung darüber, welche Seite in einem Krieg sie unterstützen sollten, anhand zweier Fragen: Welche Ziele verfolgen die Kriegsparteien? Und: Ist der Sieg der einen oder der anderen Kriegspartei der Sache des Kommunismus nützlich? Die Frage, wer in einem Krieg der Aggressor54 war, spielte für Marx und Engels diesbezüglich keine Rolle.55 Es war nämlich so, dass Marx und Engels den Akt der Aggression, das heisst das Beginnen eines Kriegs, nicht generell ablehnten. Vielmehr hiessen sie die Aggression immer dann gut, wenn diese ihrer Ansicht nach der Sache des Kommunismus förderlich war. Dabei ist Folgendes zu betonen: Marx und Engels hielten es nicht nur für richtig, dass die Kommunisten von jedem Krieg zu profitierten suchten, welcher durch Nicht-Kommunisten angefangen worden war; sie hielten es auch für richtig, dass die Kommunisten, wenn immer diese der Meinung waren, das Wohl ihrer Sache verlange es, selbst einen Krieg begannen. Mit anderen Worten: Marx und Engels sahen im Krieg ein Mittel zur Erreichung ihrer revolutionären Ziele und befürworteten das direkte eigene Einsetzen dieses Mittels. Aus der Sicht von Marx und Engels bedeutete das Beginnen eines Kriegs mit dem Ziel, die Sache des Kommunismus zu fördern, die Inkaufnahme eines kleinen Übels für die Erreichung des Guten – ganz nach dem Motto: Der Zweck heiligt die Mittel.
(6) Die Tatsache, dass Marx und Engels es grundsätzlich für richtig hielten, Kriege anzufangen, wenn die Sache des Kommunismus dies verlangte, bedeutet freilich nicht, dass sie in jedem solchen Fall tatsächlich den Beginn eines Kriegs befürworteten. Es war vielmehr so, dass für Marx und Engels zwei Voraussetzungen stets erfüllt sein mussten, damit sie die Anwendung von Krieg als Mittel zur Förderung des Kommunismus guthiessen: Zum einen musste Krieg das zweckmässigste, beste Mittel zur Erreichung des jeweiligen Zieles sein. Und zum anderen musste in diesem Krieg der Sieg gesichert sein.
Zur ersten genannten Voraussetzung:56 Es wurde bereits darauf hingewiesen, dass Marx und Engels den Krieg wegen seiner schlimmen Auswirkungen grundsätzlich für ein Übel hielten. Dementsprechend zogen sie das Beginnen eines Kriegs nur dann in Betracht, wenn sie ihr Ziel, die Förderung des revolutionären Prozesses, nicht mit friedlichen Mitteln erreichen konnten. Einen Krieg zu führen, obwohl das jeweilige konkrete Ziel auch mit Verhandlungen, mit Drohungen, mit Bestechung oder aber mit Zugeständnissen erreicht werden konnte, war aus marxistischer Sicht eine politische Verantwortungslosigkeit ohnegleichen.
Zur zweiten genannten Voraussetzung:57 Die Betrachtungsweise des Kriegs als ein Mittel zur Durchsetzung der kommunistischen Ziele führte Marx und Engels dazu, die Forderung aufzustellen, dass ein Krieg nur dann begonnen werde, wenn der Sieg in diesem Krieg als gewiss angesehen werden könne. Dies deshalb, weil ja nur der Sieger in einem Krieg seine Ziele durchsetzen konnte.
(7) Im Zusammenhang mit der erstgenannten Voraussetzung für das Beginnen eines Kriegs durch Kommunisten – der Voraussetzung, dass ein Ziel mit friedlichen Mitteln nicht erreicht werden konnte – drängt sich eine Frage auf: Hielten Marx und Engels ihr Ziel, die weltweite Errichtung des Sozialismus, grundsätzlich mit friedlichen Mitteln für erreichbar, oder waren sie der Meinung, es sei auf jeden Fall Krieg und Gewalt notwendig, um die bestehende Ordnung zu stürzen?58 Ihre Antwort auf diese Frage fiel nicht eindeutig aus: Auf der einen Seite gibt es in den Schriften diverse Belege für eine von der Notwendigkeit von Gewalt ausgehende Haltung. So betonte Marx, dass die herrschende «Ausbeuterklasse» ihrer Beseitigung stets Widerstand entgegensetzen werde und dass die «ausgebeutete Klasse» deshalb «nicht die fertige Staatsmaschinerie einfach in Besitz nehmen»59 könne, sondern sie zerschlagen und die Macht mit Gewalt ergreifen müsse. Zugleich hob Engels wiederholt hervor, die Armee müsse als Werkzeug für den Übergang zum Sozialismus immer stärker ins Auge gefasst werden. Auf der anderen Seite gibt es jedoch – vor allem von Marx – auch Äusserungen, die dafür sprechen, dass Marx und Engels an die Möglichkeit einer friedlichen Evolution und Reform geglaubt haben. So erklärte Marx gegen Ende seines Lebens, als er seine Hoffnungen auf grosse Fortschritte im revolutionären Prozess enttäuscht sah, dass der Weg zum Sozialismus möglicherweise ein langwieriger Prozess sei, der auch in einem relativ friedlichen Übergang ohne direkte revolutionäre Aktion stattfinden könne.
(8) Auch aus der zweiten Voraussetzung für das Beginnen eines Kriegs durch Kommunisten, nämlich dass der Sieg in diesem Krieg als gesichert gelten müsse, ergibt sich eine Anschlussfrage: Welches waren für Marx und Engels die über Sieg und Niederlage in einem Krieg entscheidenden Faktoren?60 Die Antwort darauf ist klar und überrascht angesichts der Tatsache, dass die kommunistische Lehre den gesamten Verlauf und sämtliche Erscheinungen der menschlichen Geschichte auf die materiellen Verhältnisse zurückführt, nicht: Der entscheidende Faktor sei die wirtschaftliche Basis einer Gesellschaft.61 Es obsiege in einem Krieg somit letztlich immer diejenige Kriegspartei, welche über die stärkere ökonomische Grundlage verfüge. Marx und Engels begründeten dies damit, dass diejenige Gesellschaft, welche die stärker entwickelte Wirtschaft besitze, die qualitativ und quantitativ bessere Kriegsausstattung – insbesondere Waffen – besitze. Obschon Marx und Engels die ökonomischen Ressourcen als von zentraler Wichtigkeit in einem Krieg ansahen, liessen sie nicht unerwähnt, dass auch andere Faktoren den Kriegsverlauf beeinflussen können, insbesondere für kurze Zeit. Die bedeutendsten dieser übrigen Faktoren waren gemäss Engels die «Qualität und Quantität der Bevölkerung»62 der jeweiligen Kriegsgegner. Unter der «Qualität» der Bevölkerung verstand Engels menschliche Eigenschaften wie Mut, Tapferkeit, Standhaftigkeit, Intelligenz, Disziplin und Organisationsfähigkeit. Mit der «Quantität» der Bevölkerung meinte er demgegenüber die Bevölkerungszahl. Marx und Engels hielten es für nicht ausgeschlossen, dass eine von ihrer wirtschaftlichen Basis her schwächere Kriegspartei dank einer Überlegenheit im Bereich der menschlichen Faktoren den Sieg in einem Krieg davontragen konnte. Allerdings sahen sie diese Möglichkeit nur im Fall eines «Blitzkrieges», wenn es einer wirtschaftlich unterlegenen Kriegspartei gelingen sollte, den Sieg zu erreichen, bevor der Gegner die langfristigen Vorteile seines grösseren ökonomischen Potentials zur Geltung bringen könne.
(9/10) Zum Ausmass beziehungsweise zur Form der Austragung eines bestimmten Kriegs sowie zu den Voraussetzungen für die Beendigung eines Kriegs finden sich in den Schriften von Marx und Engels keine spezifischen Aussagen. Mit diesen Aspekten sollten sich erst ihre ideologischen Nachfolger – insbesondere Lenin – vertieft befassen.
(11) Abschliessend muss noch die Frage beantwortet werden, welche Ansicht Marx und Engels bezüglich der Möglichkeit der Vermeidung beziehungsweise Abschaffung von Krieg vertraten.63 Marx und Engels waren der Überzeugung, dass Krieg letztlich abschaffbar sei. Zu dieser Haltung waren sie aufgrund der Auffassung gelangt, Krieg sei ein mit dem Kapitalismus untrennbar verbundenes Produkt der Klassengesellschaft. Wenn dem nämlich so ist, dann muss nach der Errichtung der klassenlosen Gesellschaft des Kommunismus das Phänomen «Krieg» verschwinden.
Voraussetzung für das «Absterben» des Kriegs war aus marxistischer Sicht allerdings, dass der Kommunismus nicht nur in einem Land, sondern auf der ganzen Welt errichtet wird. Andernfalls werde es nämlich Staaten geben, welche nicht kommunistisch seien und somit durch «Ausbeuterklassen» beherrscht würden; und diese «Ausbeuterklassen» könnten dann natürlich weiterhin zum Mittel des Kriegs greifen, wann immer sie das Gefühl hätten, dies würde ihren Interessen nützen. Solange der Gegensatz zwischen einer herrschenden und einer unterdrückten Klasse bestehe, werde es deshalb – so Marx und Engels – stets Kriege geben.
1.3.1.2 Die Weiterentwicklung des marxistischen Kriegsverständnisses und dessen Anpassung an die Bedürfnisse des Sowjetstaates durch Lenin
Zu Marx’ und Engels’ Zeiten hatte kein Land existiert, in welchem die «ausgebeutete Klasse» die Macht innegehabt hatte, und folglich auch kein Land, welches eine Militäraktion zu Gunsten der Interessen der «Ausgebeuteten» hätte unternehmen können. Einige Jahrzehnte später präsentierte sich eine veränderte Situation: Nach der Gründung Sowjetrusslands im Anschluss an den Ersten Weltkrieg gab es auf der Welt einen ersten «proletarischen» Staat. Als Folge dieser neuen Konstellation sahen sich die kommunistischen Theoretiker vor die Aufgabe gestellt, sich mit dem Problem von Krieg oder Frieden zwischen kommunistischen und kapitalistischen Staaten –konkret zwischen Sowjetrussland und den kapitalistischen Mächten – auseinanderzusetzen. Die entscheidende Figur bei der entsprechenden Ergänzung und Weiterentwicklung der kommunistischen Kriegstheorie war Lenin. Nach Auffassung des amerikanischen Sowjetunion-Experten Thomas W. Wolfe bestand Lenins Leistung zwar eher darin, die Theorien anderer dem praktischen Ziel der Machtergreifung anzupassen, als eigene Theorien aufzustellen.64 Sein Erfolg als Praktiker der Revolution sowie als Führer des ersten «proletarischen» Staates habe es jedoch mit sich gebracht, dass seine Ideen zur Grundlage für die gesamte spätere marxistisch-leninistische Kriegslehre geworden seien. Lenins Ansichten über Krieg sollen im Folgenden systematisch dargestellt werden.
(1) In Bezug auf die Ursache von Krieg übernahm Lenin voll und ganz die von Marx und Engels entwickelte Erklärung:65 Kriege seien letztlich durch die antagonistische Struktur der Klassengesellschaft bedingt und somit ökonomischer Natur.66 Konkret komme es immer dann zu einem Krieg, wenn zwei oder mehrere Staaten oder aber die Klassen innerhalb eines Staates entgegengesetzte Politiken verfolgten und keine Seite den Forderungen der anderen Seite nachgebe.
Lenin liess es allerdings nicht bei dieser Aussage bewenden, sondern er ergänzte sie – im Rahmen seiner Imperialismustheorie – um eine eigene Erkenntnis: Im Zeitalter des Imperialismus, der höchsten Stufe des Kapitalismus, nehme die Wahrscheinlichkeit von Kriegen wegen der verstärkten ökonomischen Konkurrenzsituation massiv zu. Das beste Beispiel für die Richtigkeit dieser These sah Lenin im Ersten Weltkrieg. Er interpretierte diesen nämlich als die logische Konsequenz des Wettrennens zwischen den führenden Kreisen der kapitalistischen Grossmächte um die Aufteilung der Welt: Dem Volk werde dieser Krieg verkauft als «Verteidigung des Vaterlandes», doch in Wirklichkeit sei es ein «Krieg zwischen zwei grossen Räubern um die Beherrschung und Ausplünderung der Welt», in welchem Millionen von Proletariern für die Interessen des Finanzkapitals ihr Leben lassen müssten.67
(2) Aus den vorhergehenden Erläuterungen lässt sich ableiten, dass sich Lenin auch bezüglich seiner Ansichten über die Funktion von Krieg nicht von seinen Vorgängern unterschied.68 Die Tatsache, dass er sich mit diesem Thema viel gründlicher beschäftigte als Marx oder Engels, spiegelt sich freilich in akzentuierteren Aussagen dazu. So sah Lenin im Krieg eines von mehreren möglichen Mitteln der Politik einer bestimmten Klasse zur Durchsetzung bestimmter ihrer ökonomischen und politischen Ziele. Zu dieser Erkenntnis hatte ihn nicht zuletzt seine Beschäftigung mit Carl von Clausewitz’ Klassiker «Vom Kriege» geführt.69 Der Clausewitz’sche Ausspruch, wonach der Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen – nämlich gewaltsamen – Mitteln sei,70 wurde für Lenin «zum Ausgangspunkt und Urteilsmassstab für alle seine Betrachtungen und Deutungen des Krieges».71 So definierte Lenin das Phänomen «Krieg» folgendermassen: «‹Der Krieg ist die Fortsetzung der Politik› der einen oder der anderen Klasse; und in jeder Klassengesellschaft, in der auf Sklaverei beruhenden, in der fronherrschaftlichen und in der kapitalistischen, hat es Kriege gegeben, die die Politik der unterdrückenden Klassen fortsetzten, aber es hat auch Kriege gegeben, die die Politik der unterdrückten Klassen fortsetzten.»72
Nach der Entstehung des Sowjetstaates gewann die Clausewitz’sche Konzeption des Kriegs als einer Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln zusätzliche Bedeutung für Lenin:73 Die Clausewitz-Formel erlaubte es ihm, den Krieg als ein Instrument der Politik nicht nur kapitalistischer, sondern auch kommunistischer Staaten darzustellen – und damit als Fortsetzung des Klassenkonfliktes auf internationaler Ebene. Da mit Kriegen zwischen der Sowjetunion und den kapitalistischen Ländern gerechnet werden musste, war es wichtig, einerseits die Kriegsziele und die Politik des Sowjetstaates als Fortsetzung seiner fortschrittlichen, friedliebenden Politik hinzustellen und andererseits zu behaupten, kriegslüsterne kapitalistische Mächte wollten den Krieg zur Fortsetzung ihrer räuberischen Politik nutzen.
(3) Hinsichtlich der Wirkung von Krieg betonte auch Lenin vor allem den für ihn positiven Aspekt, dass Kriege den «revolutionären Prozess» beschleunigen könnten: «Es ist längst anerkannt, dass Kriege bei allen Schrecken und Nöten, die sie nach sich ziehen, mehr oder minder grossen Nutzen dadurch bringen, dass sie viel Morsches, Überlebtes und Abgestorbenes in den menschlichen Institutionen unbarmherzig aufdecken, enthüllen und zerstören.»74 Lenin konkretisierte den Zusammenhang zwischen Krieg und Revolution in der im Rahmen seiner Imperialismustheorie formulierten Vorstellung vom Übergang der kapitalistischen zur kommunistischen Ordnung: Das Proletariat – beziehungsweise die Partei als Avantgarde – könne, müsse und werde die durch die «imperialistischen Kriege» zwangsläufig aufkommende grosse Unzufriedenheit der Völker ausnützen und mittels Weltrevolution die «Bourgeoisie» stürzen und den Kapitalismus abschaffen.75 Als «mächtiger Beschleuniger» erschien Lenin insbesondere der Erste Weltkrieg. Dieser war gemäss seinen Aussagen imstande, «einerseits den Gang der Weltgeschichte ungeheuer zu beschleunigen und anderseits weltumfassende Krisen, wirtschaftliche, politische, nationale und internationale Krisen von ungeahnter Intensität hervorzurufen.»76
(4) Aufgrund der revolutionsfördernden Wirkung von Krieg lehnte Lenin diesen wie Marx und Engels nicht grundsätzlich ab:77 «Je nach der geschichtlichen Situation, je nach den Klassenverhältnissen usw. muss zu verschiedener Zeit auch die Stellung zum Krieg eine verschiedene sein. Es ist sinnlos, ein für allemal, prinzipiell jede Teilnahme am Krieg ablehnen zu wollen.»78 Darüber, ob ein Krieg aus Lenins Sicht gut oder schlecht war, entschieden also – entsprechend der marxistischen Geschichtsauffassung – der Klassencharakter sowie die Zielsetzung dieses Kriegs.79
Gut – mit Lenins Worten «revolutionär», «fortschrittlich» oder «rechtmässig»80 – waren für Lenin nur Kriege, die von der unterdrückten Klasse zum Zwecke des Sturzes der herrschenden Klasse geführt wurden.81 Dazu zählte er die folgenden Kriege: erstens Freiheitskriege von Nationen gegen die sie unterdrückenden imperialistischen Grossmächte, zweitens die Bürgerkriege «des Proletariats gegen die Bourgeoisie, für den Sozialismus»82 als natürliche, und unter gewissen Bedingungen unausweichliche Folge des Klassenkampfes, und drittens die sogenannten «revolutionären Kriege».83 Mit dem Ausdruck «revolutionäre Kriege» bezeichnete Lenin einerseits defensive Kriege des Sozialismus zur Verteidigung des siegreichen Proletariats gegen die «Bourgeoisie» anderer Länder, andererseits aber auch offensive Kriege eines sozialistischen Staates zur Ausbreitung der proletarischen Revolution, das heisst Kriege mit dem Zweck, in anderen Staaten den Kommunismus einzuführen.
Inbegriff des schlechten – «reaktionären», «räuberischen» oder «habgierigen»84 – Kriegs war für Lenin der sogenannte «imperialistische Krieg».85 Damit war ein Krieg gemeint, der von im Stadium des Imperialismus befindlichen Ländern geführt wurde. Lenin verurteilte alle «imperialistischen Kriege» scharf und unterstützte in keinem Fall eine imperialistische Kriegspartei. Diesbezüglich unterschied er sich also von Marx und Engels, die ja Kriege zwischen kapitalistischen Staaten nicht grundsätzlich abgelehnt, sondern stets überprüft hatten, ob der Sieg einer Seite der Sache des Kommunismus nützlich sein könnte. Wie ist die eindeutig ablehnende Haltung Lenins gegenüber «imperialistischen Kriegen» zu erklären? Zum einen ist sie darauf zurückzuführen, dass in Lenins Augen einem Krieg zwischen imperialistischen Staaten – im Gegensatz zu einem Krieg zwischen kapitalistischen Staaten – jegliches «progressive» Element fehlte.86 Dies deshalb, weil gemäss Lenins Imperialismus-Theorie im Imperialismus als der höchsten und letzten Stufe des Kapitalismus Fortschritte grundsätzlich ausgeschlossen sind.87 Zum anderen hing Lenins Haltung damit zusammen, dass die Arbeiterklasse – und damit der Rückhalt der kommunistischen Bewegung – verglichen mit den Zeiten von Marx und Engels viel grösser war: Anders als im 19. Jahrhundert, als die wenigen Marxisten angesichts ihrer geringen Macht praktisch gezwungen waren, für eine der «bourgeoisen» Kriegsparteien Stellung zu beziehen, um Fortschritte in Richtung proletarische Revolution zu erreichen, konnten zu Beginn des 20. Jahrhunderts die nun über beträchtliche Einflussmöglichkeiten verfügenden Kommunisten es sich leisten, einen Krieg komplett abzulehnen. Statt lediglich zuzuschauen und auf den Sieg einer Seite zu hoffen, waren die Kommunisten jetzt in der Lage, selbst im Sinn ihrer Sache aktiv zu werden: Sie konnten versuchen, die zwangsläufig instabilere Lage in den am Krieg teilnehmenden Ländern direkt auszunutzen und den «imperialistischen Krieg» in Bürgerkriege umzuwandeln mit dem Ziel des – wenn möglich weltweiten – Sturzes der Bourgeoisie.88
Im Zusammenhang mit der letzten Bemerkung darf darauf hingewiesen werden, dass es Lenin selbst gelang, sich die revolutionäre Wirkung von «imperialistischen Kriegen» zur Erreichung der eigenen Ziele zu Nutze zu machen: Im Jahr 1917 profitierte er von der inneren Schwäche Russlands nach den Niederlagen im Ersten Weltkrieg und führte mit Erfolg eine proletarische Revolution, die sogenannte «Oktoberrevolution», durch. Aus dieser ging der erste sozialistische Staat der Welt hervor: die Sowjetunion.
(5) Angesichts der grundsätzlichen Übereinstimmung Lenins mit Marx und Engels hinsichtlich der Funktion von Krieg und hinsichtlich der Einstellung zum Krieg überrascht es nicht, dass sich auch seine Haltung zum Akt der Aggression nicht von jener seiner Vorgänger unterschied:89 Gemäss Lenin kam es für die Bewertung eines Kriegs nicht darauf an, ob der Krieg seinen äusseren Merkmalen nach einen Angriffs- oder einen Verteidigungskrieg darstellte, sondern einzig und allein darauf, welche Klasse mit welchen Zielen diesen Krieg führte.90 Dementsprechend lehnte auch Lenin eine Aggression nicht grundsätzlich ab, sondern er befürwortete das Beginnen eines Kriegs immer dann, wenn dies durch die «ausgebeutete Klasse» zur Erreichung ihrer revolutionären Ziele geschah.91
Während Marx und Engels die Idee eines solchen «revolutionären Krieges» hauptsächlich auf die innerstaatliche Ebene – also auf einen Bürgerkrieg – bezogen hatten, befasste sich Lenin auch mit der Möglichkeit eines «revolutionären Krieges» auf der zwischenstaatlichen Ebene. Dies deshalb, weil ihm die Vision eines sozialistischen Staates zunehmend realistisch erschien. Bereits 1915 schlug er vor, dass nach dem Sieg des Sozialismus in einem Land das Proletariat dieses Landes den «Aufstand gegen die Kapitalisten» in anderen Ländern entfachen «und notfalls sogar mit Waffengewalt gegen die Ausbeuterklassen und ihre Staaten vorgehen» sollte.92 Als dann die Revolution in Russland den ersten «proletarischen Staat» hervorgebracht hatte, gewann diese Auffassung praktische Bedeutung: Dem neuen Sowjetstaat wurde die Pflicht zuteil, dem revolutionären Proletariat anderer Länder bei Bedarf zu Hilfe zu kommen, wenn nötig in Form eines offensiven «revolutionären Krieges».93
(6) Zum eben Gesagten ist einschränkend hinzuzufügen, dass Lenin wie Marx und Engels die Anwendung von Krieg als Mittel zur Förderung des Kommunismus nur unter den beiden Voraussetzungen guthiess, dass erstens das entsprechende Ziel der «ausgebeuteten Klasse» nicht mit friedlichen Mitteln zu erreichen war94 und dass zweitens der Sieg in diesem Krieg als sicher angesehen werden konnte.95 Nach der Entstehung der Sowjetunion gesellte sich dazu noch eine dritte Voraussetzung: Es musste gesichert sein, dass der politische Nutzen, den die Sowjetunion – als staatliche Verkörperung des Kommunismus – aus einem von ihr geführten Krieg zog, die Nachteile für sich – und damit für den Kommunismus als Ganzes – sowohl kurz- wie auch langfristig klar überwog.96 Mit anderen Worten: Ein Krieg durfte, selbst wenn der Sieg in diesem sicher erschien, nur dann angefangen werden, wenn er das von der kommunistischen Bewegung bereits Erreichte nicht gefährdete.
(7) Was die erste dieser drei Voraussetzungen für das Beginnen eines Kriegs durch Kommunisten angeht, so ist darauf hinzuweisen, dass Lenin im Unterschied zu Marx und Engels eindeutig der Überzeugung war, dass das Hauptziel der kommunistischen Bewegung, die weltweite Errichtung des Sozialismus, mit friedlichen Mitteln – das heisst auf evolutionärem Wege – nicht erreicht werden könne.97 Lenins Meinung nach war auf jeden Fall Gewalt notwendig, um die bestehende Ordnung zu stürzen: «Wir haben stets gewusst, gesagt und immer wieder gesagt, dass man den Sozialismus nicht ‹einführen› kann, dass er im Verlauf des angespanntesten, heftigsten, bis zur Raserei, bis zur Verzweiflung zugespitzten Klassenkampfes und Bürgerkrieges heranwächst, dass zwischen dem Kapitalismus und dem Sozialismus eine lange Periode der ‹Geburtswehen› liegt, dass die Gewalt stets Geburtshelfer der alten Gesellschaft ist, dass der Übergangsperiode von der bürgerlichen zur sozialistischen Gesellschaft ein besonderer Staat entspricht (d. h. ein besonderes System der organisierten Gewalt über eine bestimmte Klasse), nämlich: die Diktatur des Proletariats. Die Diktatur des Proletariats aber setzt voraus und bedeutet einen Zustand des latenten Krieges, einen Zustand militärischer Kampfmassnahmen gegen die Gegner der proletarischen Staatsmacht.»98
(8) Bezüglich der zweiten genannten Voraussetzung für das Beginnen eines Kriegs durch Kommunisten – der Bedingung, dass der Sieg in diesem Krieg höchstwahrscheinlich sein musste – ist zu ergänzen, dass Lenin grundsätzlich wie Marx und Engels die wirtschaftliche Basis einer Gesellschaft als Hauptfaktor für den Sieg in einem Krieg betrachtete.99 Allerdings kam seiner Meinung nach einem anderen Faktor immer stärkere Bedeutung zu: Ausgehend von der Tatsache, dass Kriege zunehmend zu einer Angelegenheit des gesamten Volkes wurden, behauptete Lenin, der Ausgang eines Kriegs könne durch die «Moral» der Bevölkerungen der an diesem Krieg beteiligten Staaten entschieden werden. Dies gelte insbesondere dann, wenn ein «proletarisches» Land gegen ein «bourgeoises» Land kämpfe. In einem solchen Fall – so Lenin – würden die Truppen des Ersteren mit riesiger revolutionärer Begeisterung kämpfen, während diejenigen des Letzteren nur widerwillig dienen würden. Als Beleg für diese Behauptung verwies Lenin auf den russischen Bürgerkrieg von 1918–1920, in welchem die «bourgeoisen» antibolschewistischen Truppen trotz besserer Ausrüstung und Ausbildung von der Roten Armee besiegt worden waren.




