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Die Überzeugung, dass Soldaten, welche für die kommunistische Sache kämpften, im Allgemeinen einen viel höheren Einsatzwillen aufwiesen als Soldaten, welche im Dienste der «Bourgeoisie» standen, verleitete Lenin indes nicht zu einer Überschätzung des militärischen Potentials des jungen Sowjetstaates.100 Er war – wohl richtigerweise – der Meinung, dass die Rote Armee zu schwach sei, um erfolgreich Angriffe gegen die kapitalistische Welt führen zu können. Der Idee von offensiven «revolutionären Kriegen» stand er dementsprechend zunehmend vorsichtig gegenüber – erst recht, als 1920 der sowjetische Feldzug gegen Polen fehlschlug. In der Folge kam es unter Lenin nur noch einmal – unter Bedingungen, unter denen man sich des Sieges absolut sicher sein konnte – zu einem offensiven «revolutionären Krieg»: Im Frühjahr 1921 griff Sowjetrussland Georgien an, besetzte es und stürzte die dortige menschewistische Regierung.101 Anschliessend wurde der georgische Staat systematisch zerschlagen, in den Sowjetstaat eingegliedert und bolschewisiert.
(9) Im Unterschied zu Marx und Engels widmete sich Lenin recht intensiv der Frage, mit welchen Mitteln ein bestimmter Krieg geführt werde.102 Den Ausgangspunkt bildeten für ihn dabei zwei Grundaussagen von Clausewitz: Die erste besagt, die bekannte Clausewitz’sche Definition von Krieg anwendend, dass Staaten oder Bevölkerungsgruppen, die sich zum Führen eines Kriegs entschieden haben, solche Mittel und eine solche Strategie wählten, welche sie nicht nur den Krieg gewinnen liessen, sondern auch das dem Krieg zugrunde liegende politische Ziel. Anders gesagt: Die Strategie und die Mittel, die in einem Krieg angewandt werden, werden durch das jeweilige politische Ziel dieses Kriegs bestimmt. Die zweite Grundaussage lautet: Je wichtiger dieses jeweilige politische Ziel für den betreffenden Staat oder die betreffende Bevölkerungsgruppe ist, desto grössere Anstrengungen unternimmt diese Kriegspartei, das heisst, desto mehr und schwerere und grausamere Mittel setzt sie in diesem Krieg ein. Zum grausamsten Krieg, einem Krieg «auf Leben und Tod», kam es gemäss Clausewitz in jenen Fällen, wo das dem Krieg zugrunde liegende Ziel nicht bloss die Erreichung irgendeines materiellen Vorteils war, sondern die Vernichtung des Gegners aus Hass.
Lenin hielt diese Aussagen von Clausewitz grundsätzlich für richtig, mit der Einschränkung, dass dieser die entscheidende Bedeutung der Klassengegensätze auf den Verlauf der Geschichte nicht erkannt habe. Lenin passte die Clausewitz’schen Thesen deshalb im Sinn seines auf Klassenkämpfe fixierten Weltbildes an. Dabei kam er zum Schluss, dass Kriege zwischen unterschiedlichen Klassen – seien es innerstaatliche Bürgerkriege oder zwischenstaatliche Kriege zwischen kommunistischen und kapitalistischen Staaten – in Bezug auf das Ausmass respektive die Form ihrer Austragung unmöglich «begrenzt» sein könnten. Er erklärte seine Ansicht wie folgt: Solche Kriege seien nicht einfach Kriege zwischen zwei zeitweilig verfeindeten Bevölkerungsgruppen oder Staaten, sondern Kriege zwischen zwei «von Natur aus» widerstreitenden Klassen. Dabei strebe die «Ausbeuterklasse» der Kapitalisten die totale Unterwerfung der Arbeiterklasse, und die «ausgebeutete» Klasse der Arbeiter die vollständige Vernichtung der «Kapitalistenklasse» an. Ein Krieg zwischen diesen Klassen bedeute somit für jede der beiden einen eigentlichen Existenzkampf, einen Kampf um ihr «Überleben». In einer solchen Situation würden beide Seiten logischerweise alle ihnen zur Verfügung stehenden Mittel einsetzen, um einen Sieg des Gegners zu verhindern. Mit anderen Worten: Es komme zu einem «unbegrenzten Krieg».
(10) Die Frage, wann es zur Beendigung eines Kriegs komme, beantwortete Lenin dahin gehend, dass dies dann der Fall sei, wenn das dem Krieg zugrunde liegende politische Ziel vollständig erreicht sei.103 Diese Haltung ergab sich aus der von Marx und Engels aufgestellten und von Lenin wiederholten Forderung, dass ein Krieg nur dann angefangen werden dürfe, wenn kein anderes – friedliches – Mittel der Politik das gleiche Resultat verspreche wie Krieg. Daraus konnten nämlich für den Fall, dass tatsächlich der Entscheid zum Führen eines Kriegs gefällt wurde, die Gebote abgeleitet werden, dass erstens diese Kriegführung darauf ausgerichtet sein müsse, das entsprechende politische Ziel so schnell und ökonomisch als möglich zu erreichen, und dass zweitens der Krieg sofort beendet werden müsse, wenn das politische Ziel erreicht sei. Eine Fortsetzung des Kriegs «um des Krieges willen» kam für Lenin nicht in Frage.
(11) Angesichts der Tatsache, dass Lenin – ausgehend von Marx und Engels – die Existenz einer Klassengesellschaft als Kriegsursache ansah, verwundert es nicht, dass er wie seine Vorgänger die These vertrat, Kriege seien unvermeidbar, solange der Kapitalismus existiere.104 In Lenins Augen hatte diese Aussage durch das Eintreten des Kapitalismus in das Stadium des Imperialismus sogar noch verstärkte Gültigkeit erlangt: Die «Ergebnisse des modernen Monopolkapitalismus im Weltmassstab […] zeigen, dass auf einer solchen wirtschaftlichen Grundlage, solange das Privateigentum an den Produktionsmitteln besteht, imperialistische Kriege absolut unvermeidlich sind.»105
Die Theorie, dass Kriege unvermeidbar seien, solange nicht eine kommunistische klassenlose und staatenlose Weltordnung errichtet sei, bezog sich auf Kriege zwischen kapitalistischen Staaten. Es stellt sich somit die Frage, welche Haltung Lenin hinsichtlich der Vermeidbarkeit von Kriegen zwischen kapitalistischen und kommunistischen Staaten einnahm.106 Die Aussagen Lenins zu diesem Thema fielen zu unterschiedlichen Zeitpunkten sehr verschieden aus. Drei Phasen lassen sich erkennen:
Vor der Oktoberrevolution äusserte sich Lenin nicht direkt zur Frage der Vermeidbarkeit von Kriegen zwischen kapitalistischen und kommunistischen Staaten. Seine diesbezügliche Haltung lässt sich jedoch ableiten. Lenin war nämlich der Überzeugung, dass der langfristige Erfolg einer nationalen proletarischen Revolution von der «Weltrevolution» abhängig sei. Mit anderen Worten: Der Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft in einem Land könne nur dann vollständig und endgültig gelingen, wenn auch der Rest der Welt – insbesondere die hoch entwickelten Industriestaaten Westeuropas und Nordamerikas – von der Revolution erfasst werde. Ein kommunistisch gewordenes Land müsse deshalb, wenn es eine Zukunft haben wolle, die Ausbreitung der Revolution vorantreiben, wenn nötig auch mit gewaltsamen Mitteln, sprich in Form eines offensiven «revolutionären Krieges».107 Daraus kann der Schluss gezogen werden, dass Lenin die Ansicht vertrat, zwischen kommunistischen und kapitalistischen Staaten sei der Krieg unvermeidlich.
Unmittelbar nach der Oktoberrevolution, als Lenins Bolschewiki in einem Bürgerkrieg gegen die von den westlichen Alliierten unterstützten antibolschewistischen Kräfte um die Macht in Russland kämpfen mussten und als in Westeuropa revolutionäre Unruhen herrschten, erklärte Lenin, ein bewaffneter Konflikt zwischen dem Sowjetstaat und den kapitalistischen Mächten sei absolut unausweichlich.108 Er behauptete dies wohl hauptsächlich deshalb, weil er sich davon eine Stärkung der nationalen Einheit sowie der Kampfbereitschaft der sowjetischen Bevölkerung versprach. Bezüglich des Auslösers des behaupteten unvermeidlichen Zusammenstosses zwischen den beiden Systemen äusserte sich Lenin zunehmend vage: Einerseits hielt er – da er den «endgültige[n] Sieg des Sozialismus in einem Lande» weiterhin für «unmöglich» erachtete109 – nach wie vor an der Idee eines offensiven «revolutionären Krieges» durch den Sowjetstaat fest.110 Andererseits jedoch betonte er nun immer stärker die angebliche Absicht der Kapitalisten, einen «konterrevolutionären Angriff» auf den ersten sozialistischen Staat zu unternehmen: Die Existenz eines Arbeiter- und Bauernstaates stelle für die in den kapitalistischen Ländern herrschende «Bourgeoisie» eine zu grosse Bedrohung dar, als dass diese sich damit abfinden könne.111 Ein sozialistischer oder kommunistischer Staat unterstütze nämlich das Proletariat in den kapitalistischen Ländern indirekt und direkt in seinen revolutionären Bestrebungen und bewirke so letztlich den Sturz der dortigen «Bourgeoisie». Wolle die «Bourgeoisie» dies verhindern, müsse sie den kommunistischen Staat zerschlagen.
Ab 1922, als Russland sich in einer wirtschaftlichen Krisensituation befand und in den Industriestaaten Westeuropas die Revolution ausgeblieben war, änderte sich Lenins Haltung: Er erwähnte nun vermehrt die Möglichkeit eines länger dauernden Friedens zwischen der Sowjetunion und den kapitalistischen Staaten. Von der Notwendigkeit der Weltrevolution sprach er kaum mehr. Im Gegenteil: Wie oben ausgeführt, distanzierte er sich – zumindest offiziell – zunehmend vom Vorhaben eines offensiven «revolutionären Krieges». Immer mehr tendierten seine Äusserungen dahin, dass es für eine friedliche Koexistenz der Sowjetunion und der kapitalistischen Staaten nur noch einen möglichen Hinderungsgrund gebe: eine Aggression von Seiten der Kapitalisten. Es ist offensichtlich, dass hinter diesen neuen Tönen Lenins die Absicht stand, der Sowjetunion eine «Verschnaufpause» zu ermöglichen, mit dem Ziel, die Gesellschaft zu stabilisieren und die Macht der Bolschewiki zu konsolidieren.
Der Überblick über Lenins Äusserungen zum Problem von Krieg oder Frieden zwischen Kommunismus und Kapitalismus zeigt, dass Lenin diesbezüglich keine einheitliche, auf der Theorie des historischen Materialismus basierende Doktrin entwickelte. Es war vielmehr so, dass er nach seiner Machtergreifung in Russland die Frage, ob es zwischen dem Sowjetstaat und den kapitalistischen Staaten zum Krieg kommen müsse, stets aufgrund der momentanen inneren und äusseren Lage des Landes beziehungsweise in Übereinstimmung mit den Zielen seiner jeweiligen Politik beantwortete.112
1.3.1.3 Die Anpassung des marxistisch-leninistischen Kriegsverständnisses an die Bedürfnisse des Sowjetstaates durch Stalin
Der Tod Lenins zu Beginn des Jahres 1924 fiel mit der allgemeinen Erkenntnis zusammen, dass es in absehbarer Zukunft in keinem anderen Land zu einer proletarischen Revolution kommen und die Sowjetunion somit bis auf weiteres der einzige sozialistische Staat bleiben würde. Lenins Nachfolger Iosif Vissarionovič Stalin sah sich daher in erster Linie mit der Aufgabe konfrontiert, das Überleben des damals noch relativ schwachen und instabilen Sowjetstaates inmitten kapitalistischer Staaten sicherzustellen. Folge davon war, dass er die marxistisch-leninistischen Lehrsätze auf die innen- und aussenpolitischen Ziele und Möglichkeiten der UdSSR abstimmen musste. Inwiefern die marxistisch-leninistische Kriegsdoktrin von dieser Anpassung an die realen Umstände betroffen war, soll im Folgenden aufgezeigt werden.
(1) Hinsichtlich der Ursache von Krieg hatte Stalin keine anderen Vorstellungen als seine Vorgänger. Die grundlegenden Aussagen von Marx und Engels zu diesem Punkt blieben voll und ganz in Kraft.
(2) Unverändert blieben auch die bislang gültigen Ansichten über die Funktion von Krieg: Stalin ging von dem Kriegsbegriff Lenins und damit von der Clausewitz-Formel aus.113
(3) Ebenfalls keine Abweichung von der bisherigen Linie gab es bei der Einschätzung der Wirkung von Krieg: Auch Stalin betonte den Wert von Krieg als Instrument zur Begünstigung der Revolution. Wie seine Vorgänger schrieb er dabei nicht nur den «normalen» Kriegen zwischen unabhängigen, souveränen Staaten revolutionäre Wirkung zu, sondern überhaupt allen Arten von Krieg, das heisst auch den Bürgerkriegen, den «nationalen Befreiungskriegen», und den «revolutionären Kriegen» sowieso.114 Die Theorie, dass Krieg den revolutionären Prozess in Richtung Kommunismus voranbringe, hielt Stalin endgültig dadurch für bestätigt, dass im Zuge des Zweiten Weltkriegs und von Kämpfen während der Entkolonialisierung in zahlreichen Staaten der Sozialismus eingeführt worden war.
(4) Was Stalins Einstellung zum Krieg angeht, so lag diese grundsätzlich ganz in der Tradition seiner Vorgänger. Auch Stalin lehnte Krieg nicht prinzipiell ab: «[…] sind wir doch nicht gegen jeglichen Krieg. Wir sind gegen den imperialistischen Krieg als konterrevolutionären Krieg. Aber wir sind für den Befreiungskrieg, den antiimperialistischen, revolutionären Krieg, ungeachtet der Tatsache, dass ein solcher Krieg bekanntlich nicht frei ist von den ‹Schrecken des Blutvergiessens›, sondern diese sogar reichlich aufweist.»115
Stalin unterschied wie Lenin zwischen guten und schlechten Kriegen. Er verwendete dafür jedoch nicht mehr die ganz gleichen Bezeichnungen wie Lenin: Erstere nannte er «progressiv» oder «gerecht», Letztere «reaktionär» oder «ungerecht».116
«Ungerechte» Kriege waren gemäss einer Kriegsklassifizierung aus dem Jahr 1928 «Kriege der imperialistischen Staaten untereinander», «Kriege der imperialistischen Gegenrevolution gegen die proletarische Revolution beziehungsweise gegen Länder, in denen der Sozialismus aufgebaut wird» und «Unterdrückungskriege der Imperialisten» gegen «Kolonialländer».117 Zehn Jahre später definierte Stalin den «ungerechten» Krieg kurz als «Eroberungskrieg, der das Ziel hat, fremde Länder zu erobern, fremde Völker zu versklaven».118
Als «gerechten» Krieg bezeichnete Stalin demgegenüber einen «Befreiungskrieg […], der das Ziel hat, entweder das Volk gegen einen äusseren Überfall und gegen Versuche zu seiner Versklavung zu verteidigen, oder das Ziel der Befreiung des Volkes von der Sklaverei des Kapitalismus, oder endlich das Ziel der Befreiung der Kolonien und abhängigen Länder vom Joche der Imperialisten».119

Abb. 11: Lenin im Alltag. (UdSSR, Silva-Verlag)

Abb. 12: Iosif Vissarionovč Stalin grüsst am 1. Mai 1951 von der Tribüne des Lenin-Mausoleums die Teilnehmer der Maidemonstration. (Osteuropabibliothek, Zeitschrift Sowjetunion. Jahrgang 1951)
In dieser Aufzählung der «gerechten» Kriege fehlt interessanterweise der offensive «revolutionäre Krieg» der Sowjetunion gegen die kapitalistischen Länder.120 Wie lässt sich diese Tatsache erklären? Vorauszuschicken ist, dass das obige Zitat keinen Einzelfall darstellt, sondern insbesondere für die spätere Stalin-Zeit typisch ist. Eine von Peter H. Vigor, dem Autor des Buches «The Soviet View of War. Peace and Neutrality» durchgeführte Gesamtanalyse der offiziellen Äusserungen und Publikationen während der Herrschaft Stalins (1924–1953) hat nämlich ergeben, dass die Erwähnung des offensiven «revolutionären Krieges» immer seltener wurde und schliesslich ganz unterblieb.121 Bedeutet dies, dass Stalin im Unterschied zu Lenin es grundsätzlich ablehnte, die Revolution mit Waffengewalt zu verbreiten? Keineswegs; auch Stalin hiess einen Krieg zum Zwecke der «Sowjetisierung» anderer Länder eigentlich stets gut. Warum dann trotzdem die Nichterwähnung dieser Kriegsart? Der Grund dafür war stets politisch-taktischer Natur: Nur wenige Monate nach Lenins Tod führte Stalin aus vornehmlich innenpolitischen Gründen122 die Doktrin vom «Sozialismus in einem Land» ein. Diese Theorie besagte, dass die sozialistische Gesellschaft in der Sowjetunion auch ohne erfolgreiche Weltrevolution erreichbar sei.123 Damit war implizit die Aussage verbunden, ein offensiver «revolutionärer Krieg» der Sowjetunion gegen die kapitalistische Staatenwelt sei nicht unbedingt notwendig. Die Doktrin vom «Sozialismus in einem Land» bildete somit die Verfestigung des in der letzten Phase der Herrschaft Lenins eingeschlagenen Richtungswechsels weg von der These von der Notwendigkeit eines offensiven «revolutionären Krieges». Wie bereits angetönt, war dieser Richtungswechsel rein situationsbedingt. Er wäre, falls sich die weltpolitischen Realitäten zu Gunsten der Sowjetunion geändert hätten, wohl wieder rückgängig gemacht worden. Bis zum Zweiten Weltkrieg änderten sich die weltpolitischen Realitäten jedoch nicht: Die Sowjetunion blieb – zumindest in ihrer eigenen Wahrnehmung – ein einsamer sozialistischer Staat in einer von kapitalistischen Mächten dominierten Welt und als solcher zu schwach, um einen offensiven «revolutionären Krieg» unternehmen zu können.124 Bis Ende der 1920er-Jahre griff Stalin die Idee des offensiven «revolutionären Krieges» zwar noch vereinzelt auf. Doch blieben seine diesbezüglichen Äusserungen stets relativ allgemein und unverbindlich; von der effektiven Umsetzung der Idee – nämlich einer sowjetischen Aggression gegen den Westen – sprach er nie. Ab Anfang der 1930er-Jahre unterliess er die Erwähnung des offensiven «revolutionären Krieges» dann vollständig beziehungsweise behauptete gar, die Sowjetunion habe niemals «Pläne und Absichten in Bezug auf die Weltrevolution» gehabt und lehne den «Export der Revolution» ab.125 Der Grund für diese plötzlich sehr defensive Haltung war zweifellos die zunehmende Angst vor einem Angriff Nazi-Deutschlands. Die offizielle Abkehr von der Doktrin des offensiven «revolutionären Krieges» aufgrund des Bestrebens Stalins, die UdSSR gegenüber der Weltöffentlichkeit als friedliches Land darzustellen, fand nach dem Zweiten Weltkrieg eine Fortsetzung – und zwar unter folgenden Umständen: In den Jahren nach dem Krieg gelang es der Sowjetunion, ihren Macht- beziehungsweise Einflussbereich zuerst auf Ost- und Mitteleuropa und anschliessend auf Asien auszudehnen, was im Westen als aggressiver Akt wahrgenommen wurde. Gleichzeitig war die Sowjetunion militärisch relativ schwach. Stalin fürchtete deshalb einen Angriff der kapitalistischen Westmächte. In dieser Situation hielt er es nicht für ratsam, von offensivem «revolutionärem Krieg» zu sprechen, da dies die Rufe im Westen nach einer sofortigen militärischen Zerschlagung der Sowjetunion und des Kommunismus zweifellos noch verstärkt hätte.
(5) Die vermeintliche Abwendung Stalins von der Konzeption einer weltrevolutionären Mission der Roten Armee ging einher mit einer immer stärkeren – allerdings ebenfalls nur scheinbaren – generellen Ablehnung des Aktes der Aggression:126 Spätestens ab den 1930er-Jahren verurteilte Stalin jeglichen militärischen Erstangriff eines Staates gegen einen anderen Staat. Das Wort «Aggression» [russ. «agressija»], das bis dahin in der russischen Sprache kaum verwendet worden und wenig bekannt gewesen war, hielt nun Einzug in Reden und Schriften der sowjetischen Führung – und zwar stets mit negativer Bedeutung. Diese Entwicklung schien auf eine komplette Abkehr Stalins von der Haltung Marx’, Engels’ und Lenins bezüglich des Aktes der Aggression hinzuweisen. Letztere hatten das Beginnen eines Kriegs ja nicht grundsätzlich abgelehnt, sondern immer dann befürwortet, wenn es durch die «ausgebeutete Klasse» zur Erreichung ihrer revolutionären Ziele geschah. Tatsächlich jedoch bedeutete Stalins öffentliches Auftreten gegen jede Form von «Aggression» keine prinzipielle ideologische Kehrtwende. Vielmehr war dieses Auftreten Teil einer momentanen, durch die gerade herrschenden Umstände bedingten Strategie zur Verhinderung eines «imperialistischen» Angriffs auf die Sowjetunion: In den 1930er-Jahren befürchtete Stalin vor allem einen deutschen oder japanischen Angriff auf sein noch ungenügend auf einen Krieg vorbereitetes Land. Er suchte nun die Weltöffentlichkeit für eine rigorose Definition127 und Verurteilung von «Aggression» zu gewinnen und hoffte, auf diese Weise derart grossen Druck auf die potentiellen Aggressoren ausüben zu können, dass diese von einem Angriff auf die UdSSR absehen würden.
Mit dem Abschluss eines deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts und dem Überfall Deutschlands auf Polen im Spätsommer 1939 fand die auf Kriegsverhinderung ausgerichtete sowjetische Strategie allerdings ein – vorübergehendes – Ende. Die Sowjetunion wurde nun selbst zum Aggressor: Sie griff zuerst Polen und anschliessend Finnland an. Den Vorwurf, ihrer eigenen Definition entsprechend «Aggressionen» begangen zu haben, versuchte die sowjetische Regierung im ersteren Fall mit der Behauptung zu entkräften, dass in Polen infolge des deutschen Einmarsches jede staatliche Ordnung zu bestehen aufgehört habe und die Rote Armee somit die «ostslawischen Brüdervölker» habe schützen müssen.128 In Bezug auf den Sowjetisch-Finnischen Krieg insistierten die Sowjets darauf, dieser sei von den Finnen begonnen worden.129 Letztere Version akzeptierte die Generalversammlung des Völkerbundes jedoch nicht: Die sowjetische Invasion wurde offiziell als völkerrechtswidrige Aggression gebrandmarkt und mit dem Ausschluss der Sowjetunion aus dem Völkerbund geahndet.
Nach dem Zweiten Weltkrieg fühlte sich Stalin gegenüber den Westmächten militärisch in einer ähnlich schwachen Position wie in den Jahren vor dem Krieg. Er reagierte darauf wiederum mit einer intensiven Propaganda gegen jegliche Art von «Aggression». So hiess es in der Botschaft des 1950 abgehaltenen Zweiten Weltfriedenskongresses an die UNO: «Keine politischen, strategischen oder wirtschaftlichen Gründe, keine mit der inneren Situation oder mit äusseren Konflikten in diesem oder jenem Staat in Zusammenhang stehende Ursachen können eine bewaffnete Einmischung irgendeines Staates in die Angelegenheiten eines anderen Staates rechtfertigen. Die Aggression ist eine verbrecherische Handlung jenes Staates, der als erster die bewaffnete Kraft unter irgendeinem Vorwand gegen einen anderen Staat anwendet.»130 Diese Propaganda war übrigens recht erfolgreich – insbesondere während des Koreakriegs Anfang der 1950er-Jahre: In gewissen Kreisen der westlichen Öffentlichkeit fand die sowjetische Brandmarkung der US-Intervention in Korea als «Aggression» grosse Zustimmung, und es wurden die Bemühungen der Sowjetunion für ein weltweit gültiges Verbot jeder Form von «Aggression» unterstützt. Dies wirkte sich zum Teil auch auf die Haltungen von westlichen Regierungen aus.
(6) Obwohl die Idee des offensiven «revolutionären Krieges» – zumindest in der Öffentlichkeit – nicht mehr erwähnt und offiziell jede Aggression verurteilt wurde, veränderte sich unter Stalin die kommunistische Einstellung zum Beginnen eines Kriegs im Grundsatz also nicht. Das heisst, von der Ideologie her gab es weiterhin nichts, was die UdSSR generell davon abhielt, andere Staaten anzugreifen.131 Die einzigen möglichen Hinderungsgründe blieben das Gebot, dass zum Mittel des Kriegs nur dann gegriffen werden dürfe, wenn das angestrebte politische Ziel nicht auf anderem – insbesondere friedlichem – Wege zu erreichen sei, sowie die Forderung, dass ein Krieg nur dann begonnen werden dürfe, wenn der Sieg in diesem als sicher angesehen werden könne und gleichzeitig der politische Preis für den Sieg nicht als zu hoch eingeschätzt werden müsse.132
(7) Wie wirkten sich diese drei kriegshemmenden Faktoren nun in der Praxis auf das Verhalten der Sowjetunion aus? Tatsache ist, dass die UdSSR während Stalins Herrschaftszeit (von 1924 bis 1953) «nur» drei Kriege gegen andere Staaten begann, nämlich 1929 gegen China und 1939 gegen Polen sowie gegen Finnland. Diese relative Zurückhaltung ist zum einen – kleineren – Teil darauf zurückzuführen, dass es der Sowjetunion in gewissen Fällen gelang, ihre expansionistischen Ziele mit anderen Mitteln als mit Krieg zu erreichen.133 So erzwang sie die Eingliederung der baltischen Staaten sowie der rumänischen Gebiete Bessarabien und Nordbukowina in die UdSSR im Jahr 1940 hauptsächlich mittels Drohungen. Und die Machtausdehnung auf die Staaten Ostmittel- und Südosteuropas nach dem Zweiten Weltkrieg kam auf dem Wege von Verhandlungen mit den westlichen Alliierten sowie direkter Druckausübung auf die genannten Länder zustande. Allerdings war Stalin – wie schon Lenin – der Meinung, dass das grundlegende Ziel der kommunistischen Bewegung, nämlich die Errichtung des Sozialismus auf der ganzen Welt, allein mit nichtkriegerischen Mitteln nicht zu erreichen sei.134 Von daher wäre eigentlich damit zu rechnen gewesen, dass die Sowjetunion immer wieder Angriffe gegen kapitalistische Staaten unternehmen würde. Dass sie dies nicht tat, hängt mit den anderen oben genannten kriegshemmenden Faktoren zusammen: Entweder hielt Stalin sein Land für militärisch nicht stark genug, um offensive «revolutionäre Kriege» gegen die kapitalistische Staatenwelt erfolgreich auszutragen, das heisst, er war sich des Sieges der Sowjetunion in solchen Kriegen nicht sicher.135 Oder aber er war zur Überzeugung gelangt, dass, falls solche Kriege doch gewonnen werden konnten, daraus zu grosse negative politische Folgen für die Sowjetunion beziehungsweise die kommunistische Bewegung als Ganzes entstehen würden, als dass diese in Kauf genommen werden könnten.136




