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(8) Stalins Einschätzungen bezüglich der (Un-)Wahrscheinlichkeit eines sowjetischen Sieges in einem Krieg gegen die kapitalistischen Staaten fussten auf seinen Ansichten über die über Sieg und Niederlage in einem Krieg entscheidenden Faktoren.137 Diese Ansichten formulierte er erstmals im Jahr 1918, am deutlichsten jedoch nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Jahr 1941. Gemäss Stalin wurde der Ausgang eines Kriegs von fünf «ständig wirkenden Faktoren» bestimmt: «Nunmehr wird das Schicksal des Krieges nicht durch solch ein zufälliges Moment wie das Moment der Überraschung entschieden werden, sondern durch die ständig wirkenden Faktoren: die Festigkeit des Hinterlandes, die Moral der Armee, die Quantität und Qualität der Divisionen, die Bewaffnung der Armee, die organisatorischen Fähigkeiten des Kommandobestands der Armee.»138 Der erste dieser Faktoren, die Stabilität des Hinterlandes, bezog sich auf die Zivilbevölkerung eines kriegführenden Landes. Gemeint war zum einen deren moralische Fähigkeit, die Entbehrungen des Kriegs und unter anderem Bombardierungen aus der Luft auszuhalten, sowie zum anderen deren wirtschaftliche Fähigkeit, trotz dem Krieg jene Güter zu produzieren und zu transportieren, welche eine Armee für den Kampf benötigt. Hinsichtlich der Bewaffnung der Armee betonte Stalin aufgrund der im Zweiten Weltkrieg gemachten Erfahrungen zunehmend die Wichtigkeit eines hohen Motorisierungsgrades: «Der gegenwärtige Krieg ist ein Krieg der Motoren. Den Krieg gewinnt derjenige, der in der Herstellung von Motoren die Vorherrschaft erringt.»139 Die Bedeutung der übrigen «ständig wirkenden Faktoren» bedarf keiner zusätzlichen Erklärung ausser jener, dass im letztgenannten Faktor die Bezeichnung «Kommandobestand der Armee» sich nicht nur auf höhere Offiziere bezog, sondern faktisch auf alle militärische Befehlsgewalt innehabenden Personen.
An der These von den fünf «ständig wirkenden Faktoren» fällt auf, dass Stalin im Unterschied zu Marx und Engels sowie zu Lenin nicht das wirtschaftliche Gesamtpotential eines Staates als Hauptfaktor für den Sieg in einem Krieg nannte. Dies, obschon mindestens drei seiner «ständig wirkenden Faktoren» doch direkt von den allgemeinen ökonomischen Ressourcen des jeweiligen Landes abhängen: die Festigkeit des Hinterlandes, die Qualität und die Quantität der Divisionen sowie die Bewaffnung der Armee. Vigor vermutet, dass Stalin es bewusst vermied, im Zusammenhang mit den kriegsentscheidenden Faktoren von der Gesamtstärke der Wirtschaft eines Landes zu sprechen, und zwar deshalb, weil die Wirtschaftskraft der UdSSR während seiner Herrschaftszeit – insbesondere während des Zweiten Weltkriegs – wesentlich schwächer war als jene der kapitalistischen Staaten. Zu verkünden, die wirtschaftliche Gesamtstärke der kriegführenden Länder sei entscheidend, hätte bei dieser Sachlage bedeutet, die Niederlage der Sowjets in einem Krieg gegen die Kapitalisten anzukündigen. Dass dies nicht in Stalins Interesse lag, versteht sich von selbst.
Stalin anerkannte, dass neben den fünf «ständig wirkenden Faktoren» auch noch andere Faktoren auf den Verlauf eines Kriegs einwirken konnten; er stufte deren Bedeutung jedoch als gering ein. So bezeichnete er beispielsweise «militärische Bereitschaft», «militärische Erfahrung» und «Überraschung» als lediglich «temporär auftretende» beziehungsweise «vorübergehende» Faktoren, welche zwar kurzfristige taktische Erfolge herbeiführten, nicht aber den Ausgang des Kriegs als Ganzes beeinflussen könnten. Am auffälligsten war die Geringschätzung des Faktors «Überraschung». Sie muss im Zusammenhang mit den Ereignissen vom Sommer 1941 in der Sowjetunion gesehen werden: Nachdem die Rote Armee durch den Blitzangriff der deutschen Wehrmacht überrascht worden und in Bedrängnis geraten war, verkündete Stalin – einerseits zur Stärkung des Durchhaltewillens, andererseits, um nicht eigene Fehler zugeben zu müssen – dem Sowjetvolk, dass «Überraschung» kein entscheidender Faktor sei in einem Krieg und dass der Sieg stattdessen durch Überlegenheit in den «ständig wirkenden Faktoren» erreicht werde. Da der Ausgang des Zweiten Weltkriegs Stalins These bestätigte, blieb diese auch nach Kriegsende in Kraft, und zwar bis zu Stalins Tod. Das Aufkommen von Atomwaffen – und damit verbunden die erhöhte Wirkungskraft von Überraschungsangriffen – änderte daran nichts, im Gegenteil: Angesichts der nuklearen Überlegenheit der USA erschien es Stalin zur Beruhigung der eigenen Bevölkerung sinnvoll, dem Faktor «Überraschung» – zumindest in der Öffentlichkeit – weiterhin nur untergeordnete Wichtigkeit zuzuerkennen.
(9) In Bezug auf das Ausmass beziehungsweise die Form der Austragung eines Kriegs blieb Stalin ganz auf der Linie Lenins:140 Wie dieser war er der Auffassung, dass die Anzahl und die Art der von einer Kriegspartei eingesetzten Mittel vom politischen Ziel abhingen, welches diese Kriegspartei verfolge. Je wichtiger das Ziel, desto mehr und effizientere Mittel würden eingesetzt. Kriege zwischen zwei antagonistischen Klassen – egal, ob auf innerstaatlicher oder zwischenstaatlicher Ebene – seien die grausamsten Kriege: Sie würden immer unter Einsatz aller zur Verfügung stehender Mittel – sprich «unbegrenzt» – geführt.
(10) Weiterhin gültig blieb unter Stalin auch die These, dass ein Krieg – zumindest ein von Kommunisten geführter Krieg – dann beendet werde, wenn das diesem zugrunde liegende politische Ziel vollständig erreicht sei.141 Als Beleg dafür führt Peter H. Vigor unter anderem den Krieg der UdSSR gegen Finnland im Winter 1939/40 an: In diesem habe das Ziel der Sowjetunion darin bestanden, strategisch bedeutende Landstriche zu erobern, insbesondere die Grenze vor Leningrad so weit vorzuverlegen, dass diese Stadt erfolgreich verteidigt werden konnte.142 Dieses Ziel hätten die Sowjets im März 1940, als sich die Finnen zu den verlangten Gebietsabtretungen bereit erklärten, erreicht, und dementsprechend seien die Kriegshandlungen umgehend eingestellt worden.
(11) Die marxistisch-leninistische Theorie, dass es, solange auf diesem Planeten kapitalistische Staaten existierten, zwischen diesen immer wieder zu Kriegen kommen müsse, blieb in den ersten Jahren unter Stalin unverändert in Kraft.143 Angesichts der Tatsache, dass es in der Zwischenkriegszeit nur einen «proletarischen» Staat (die Sowjetunion) gab, der Rest der Welt dagegen kapitalistisch oder unter kapitalistischer Herrschaft war, zeigte sich Stalin vom baldigen Ausbruch eines neuerlichen grossen «imperialistischen Krieges» überzeugt.144
Als jedoch im Verlauf der 1930er-Jahre die Gefahr eines – insbesondere deutschen – Angriffs auf die UdSSR stark zunahm, wurden die sowjetischen Äusserungen bezüglich der Unvermeidbarkeit von innerkapitalistischen Kriegen immer zurückhaltender, ja, sie verkehrten sich in ihr Gegenteil. Die Ursache dafür lag in der politischen Strategie, mit welcher die Sowjetunion «der drohenden Gefahr des Faschismus und des Krieges»145 entgegentrat. Diese Strategie bestand aus zwei Teilen: Zum einen betrieb die sowjetische Führung – beziehungsweise die Kommunistische Internationale – unter der Losung einer «proletarischen Einheitsfront gegen Faschismus und Krieg»146 eine intensive Friedenspropaganda. In deren Rahmen wurde zu Mobilisierungszwecken betont, jeder «imperialistische Krieg» sei durch die Stärke der «Einheitsfront» und der Sowjetunion vermeidbar.147 Zum anderen rückte Stalin zunehmend vom bisherigen Konfrontationskurs gegenüber der gesamten kapitalistischen Welt ab, um im drohenden Krieg nicht völlig isoliert zu sein.148 Unter diesen Umständen wäre es kontraproduktiv gewesen, weiterhin die Theorie von der Unvermeidlichkeit innerkapitalistischer Kriege zu betonen, denn diese Theorie unterschied ja nicht zwischen «guten» und «schlechten» kapitalistischen Nationen, sondern betrachtete alle als «imperialistische Räuber».149 Obwohl die Sowjets während der Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg Kriege zwischen kapitalistischen Staaten also nicht mehr als unvermeidlich bezeichneten, fand eine direkte, offizielle Revidierung der Theorie Lenins nicht statt; es war vielmehr so, dass diese Theorie mit Schweigen übergangen wurde.
Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs setzte den sowjetischen Erwägungen über die Vermeidbarkeit von Kriegen innerhalb der kapitalistischen Welt ein Ende und bedeutete die Rückkehr zur Annahme der Unvermeidbarkeit solcher Kriege.150 Bis zu Beginn der 1950er-Jahre erfuhr dieser Aspekt indes nur sehr beschränkte Beachtung in den öffentlichen Erörterungen der sowjetischen Führung, was insofern erstaunt, als die Theorie von der Unvermeidbarkeit von innerkapitalistischen Kriegen doch gerade durch den Zweiten Weltkrieg ihre Bestätigung erhalten zu haben schien. Der Grund für dieses Phänomen war zunächst der, dass die Sowjets den Zweiten Weltkrieg bis kurz nach dessen Beendigung nicht – wie den Ersten Weltkrieg – als «imperialistischen», sondern als «antifaschistischen» Krieg, als «Befreiungskrieg […], dessen […] Aufgabe […] die Wiederherstellung der demokratischen Freiheiten war»,151 einordneten, und zwar als Befreiungskrieg nicht nur der Sowjetunion, sondern auch der bürgerlichen westlichen Demokratien. Anschliessend – in den ersten Nachkriegsjahren – lag der Grund darin, dass im Rahmen der nun vorherrschenden «Zwei-Lager-Theorie» ganz klar das Thema «Krieg zwischen Kapitalismus und Kommunismus» im Zentrum stand und demgegenüber dasjenige des Kriegs innerhalb des Kapitalismus nur von geringem Interesse war.
Dies änderte sich, als die sowjetische Führung Anfang der 1950er-Jahre – unter dem Eindruck des Koreakriegs und zur Vermeidung eines offenen Kriegs mit den USA – die Doktrin der «Zwei Lager» aufgab und stattdessen die Möglichkeit einer Friedlichen Koexistenz von Kapitalismus und Kommunismus hervorhob. Stalin spielte nun die zuvor stark betonten Gegensätze zwischen dem kapitalistischen und dem sozialistischen Lager herunter und reaktivierte im Gegenzug die Theorie von der Unvermeidlichkeit von Kriegen zwischen kapitalistischen Ländern.152
Stalins Haltung in Bezug auf das Problem von Krieg oder Frieden zwischen kommunistischen und kapitalistischen Staaten – konkret zwischen der Sowjetunion und der nichtkommunistischen Welt – wurde in den eben gemachten Ausführungen teilweise bereits angesprochen. Im Folgenden soll die Entwicklung dieser Haltung nun gesamthaft aufgezeigt werden.153 Im Zentrum steht also die Frage, ob Stalin Krieg zwischen den beiden Seiten als wahrscheinlich, unvermeidlich, gar unmittelbar bevorstehend oder aber als vermeidbar betrachtete. Generell kann vorausgeschickt werden, dass Stalin, für den – noch mehr als für Lenin – Doktrin in erster Linie ein Mittel zur Erreichung von spezifischen politischen Zielen bedeutete, diese Frage wie Lenin nicht auf der Grundlage der Theorie des historischen Materialismus beantwortete, sondern aufgrund der jeweiligen inneren und äusseren Situation der Sowjetunion beziehungsweise in Übereinstimmung mit den Zielen seiner momentanen Politik. Dementsprechend fielen seine Erklärungen zum Problem von Krieg oder Frieden zwischen Kommunismus und Kapitalismus zu unterschiedlichen Zeitpunkten sehr verschieden aus:
Von seiner Machtübernahme an bis zu Beginn der 1930er-Jahre betonte Stalin, ein Krieg zwischen der Sowjetunion und den «imperialistischen Staaten» sei unvermeidlich, und zwar deshalb, weil die Letzteren bestrebt seien, «die Sowjetunion einzukreisen und einen konterrevolutionären Krieg gegen sie anzuzetteln, dessen Ziel die Vernichtung der Sowjetunion und die Aufrichtung des Terrorregimes der Bourgeoisie in der ganzen Welt»154 sei. Der Ausbruch dieses Kriegs könne durch den «Interessengegensatz im Lager der Imperialisten, die Interessiertheit bestimmter Länder an wirtschaftlichen Beziehungen zur UdSSR, die Friedenspolitik der UdSSR, [den] Widerstand der Arbeiterklasse Europas, die Furcht der Imperialisten, im Fall eines Kriegs gegen die UdSSR die Revolution bei sich zu Hause zu entfachen», zwar hinausgezögert werden.155 In der näheren oder ferneren Zukunft werde ein kapitalistischer Angriff jedoch nicht zu verhindern sein: «[D]ie Voraussetzungen für einen Krieg […] reifen [heran] und der Krieg [kann], natürlich nicht morgen oder übermorgen, wohl aber in einigen Jahren, unvermeidlich werden […].»156 Diese Behauptungen scheinen auf den ersten Blick merkwürdig, war doch in den 1920er-Jahren die effektive Bedrohung der Sowjetunion gering. Erklären lässt sich der scheinbare Widerspruch damit, dass Stalin mit der Betonung der kapitalistischen Gefahr innenpolitische Ziele verfolgte: Er suchte seine unumschränkte und willkürliche Herrschaft sowie die forcierte Industrialisierung und Aufrüstung, welche seinen Untertanen harte Entbehrungen abverlangte, zu rechtfertigen.
Als 1933 in Deutschland Hitler an die Macht kam und die Sowjetunion mit einer echten Bedrohung konfrontierte, änderte Stalin seine Haltung: Im Rahmen seiner – bereits weiter oben beschriebenen – politischen Strategie zur Verhinderung einer deutschen oder japanischen Aggression gegen die Sowjetunion liess er nun die These von der Vermeidbarkeit von Krieg zwischen der kapitalistischen Welt und der Sowjetunion verkünden. Stalins Kalkül, sich durch zurückhaltende aussenpolitische Äusserungen die Option auf Sicherheitsbündnisse mit anderen Staaten zu eröffnen, erwies sich kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs als erfolgreich: Im August 1939 ermöglichte diese Taktik ihm eine Allianz mit dem ideologischen Erzfeind, Nazi-Deutschland, und damit die vermeintliche Eliminierung der unmittelbaren Kriegsgefahr. Im Zusammenhang mit der «Vermeidbarkeits-These» ist darauf hinzuweisen, dass deren Einführung in der Sowjetunion keineswegs eine Verharmlosung oder gar Negierung der «kapitalistischen Bedrohung» mit sich brachte. Stalin verwies vielmehr auch weiterhin vor allem dann auf diese Gefahr, wenn er innenpolitische Entscheidungen zu begründen hatte.157
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs änderte sich die Situation für die Sowjetunion insofern, als sie nun nicht mehr länger der einzige sozialistische Staat war. Dennoch hielt Stalin – zumindest öffentlich – weiterhin nur einen vom kapitalistischen Lager begonnenen Krieg zwischen Kapitalismus und Kommunismus für möglich. Die Gefahr eines solchen Kriegs wurde von sowjetischer Seite in den ersten Jahren des Kalten Kriegs – im Rahmen der Doktrin der «Zwei Lager» – als sehr gross dargestellt. Als grundsätzlich unvermeidlich wurde der Krieg jedoch nicht bezeichnet. Worauf ist die starke Betonung der kapitalistischen Gefahr in der ersten Nachkriegsphase zurückzuführen? Auch wenn sie damals tatsächlich einen realen Hintergrund hatte,158 dürfte sie in erster Linie erneut machtpolitischen Zwecken gedient haben: der Stabilisierung von Stalins Herrschaft in der Sowjetunion sowie der verstärkten Anbindung der Satellitenstaaten an die Sowjetunion.
Ab den 1950er-Jahren schwächte Stalin im Zuge der Abwendung von der «Zwei-Lager»-Theorie seine Äusserungen zur Gefahr eines kapitalistischen Angriffs deutlich ab und sprach davon, dass Kriege zwischen den beiden gegensätzlichen Gesellschaftssystemen verhindert werden könnten. So antwortete Stalin in einem im Februar 1951 durchgeführten Interview auf die Frage, ob er einen neuen Weltkrieg für unvermeidlich halte: «Nein. Zumindest darf man ihn gegenwärtig nicht für unvermeidlich halten. […] Sie, die aggressiven Kräfte, halten in ihren Händen die reaktionären Regierungen und lenken sie. Gleichzeitig aber fürchten sie ihre Völker, die keinen Krieg wollen und für die Erhaltung des Friedens sind.»159 Das eben Gesagte einschränkend, fügte Stalin allerdings hinzu: «Der Krieg kann unvermeidlich werden, wenn es den Kriegsbrandstiftern gelingt, die Volksmassen durch Lügen zu umgarnen, sie zu betrügen und sie in einen neuen Weltkrieg hineinzuziehen.»160 In seiner 1952 veröffentlichten Schrift «Ökonomische Probleme des Sozialismus in der UdSSR» erklärte er, dass entgegen der Theorie «die Gegensätze zwischen dem Lager des Sozialismus und dem Lager des Kapitalismus» in der Wirklichkeit schwächer seien als «die Gegensätze zwischen den kapitalistischen Ländern».161 Diese Aussagen enthielten die Botschaft, dass die Sowjetunion gewillt war, Schritte zu unternehmen, um einen direkten Krieg mit den USA zu vermeiden, und sind zu sehen im Zusammenhang mit Stalins Bereitschaft, im Koreakrieg einen Waffenstillstand auszuhandeln.
1.3.1.4 Die Anpassung des marxistisch-leninistischen Kriegsverständnisses an die Bedingungen des Nuklearzeitalters unter Chruščev
Durch das Aufkommen von Atomwaffen sowie von immer weiter reichenden Trägermitteln sowohl im Westen wie im Osten entstand in den 1950er-Jahren eine gefährliche Lage: Ein mit strategischen Nuklearwaffen geführter Krieg zwischen dem Kapitalismus und dem Kommunismus hätte wohl unweigerlich die totale Vernichtung sowohl der kapitalistischen als auch der kommunistischen Gesellschaft zur Folge gehabt. Eine solche Entwicklung lag natürlich nicht im Interesse weder der einen noch der anderen Seite.
Für die sowjetische Führung musste es nun darum gehen, die Gefahr der Zerstörung der Sowjetunion beziehungsweise des Kommunismus so weit wie möglich zu minimieren. Dies bedingte unter anderem eine Revision der kommunistischen Kriegstheorie – insbesondere ihrer Aussagen über den Krieg als wichtiges Mittel zur Ausbreitung des Kommunismus sowie der Aussagen über die Unmöglichkeit der Vermeidung von Krieg in einer Welt mit kapitalistischen Staaten. Die Aufgabe, die kommunistische Kriegslehre den Bedingungen des nuklearen Zeitalters anzupassen, fiel Stalins Nachfolger Nikita Sergeevič Chruščev zu, denn Stalin selbst hatte sich, obwohl die Atomwaffen während seiner Amtszeit eingeführt wurden, geweigert, offiziell anzuerkennen, dass diese den Charakter des Klassenkampfes oder die Rolle von Krieg in den Beziehungen zwischen den Staaten beeinflussten.162
(1/2) Während die Einschätzung der Ursache von Krieg unter Chruščev gleich blieb wie unter seinen Vorgängern,163 ergaben sich in den Ansichten über die Funktion von Krieg gewisse Veränderungen:164 Die meisten sowjetischen Militärtheoretiker verteidigten zwar weiterhin die Gültigkeit des von Lenin betonten Clausewitz’schen Lehrsatzes, der Krieg sei eine Fortsetzung und ein Instrument der Politik.165 Es gab jedoch auch einige Autoren, welche eine andere Meinung vertraten: Sie erklärten, dass der Kernwaffenkrieg aufgrund seines «eindeutigen Zerstörungs- und Vernichtungscharakters» nicht als ein «verlässliches Mittel zur Erreichung politischer Ziele» betrachtet werden könne,166 und verlangten offen, im nuklearen Zeitalter solle die Clausewitz-Formel in den Satz umgewandelt werden: «Der Krieg kann nur eine Fortsetzung der Torheit sein.»167 Chruščev selbst wagte es nicht, den von Lenin aufgestellten Grundsatz direkt zu verwerfen. Aber er sagte öffentlich, dass es undenkbar sei, den Kommunismus auf den radioaktiv verseuchten Trümmern aufzubauen, die ein neuer Weltkrieg hinterlassen würde.168 Diese und ähnliche Äusserungen von ihm deuten darauf hin, dass er wohl nicht mehr an dem bislang vertretenen Standpunkt festhielt, Politik und Krieg seien zusammengehörige Grössen.
(3) Einem Wandel unterlagen während der Herrschaft Chruščevs auch die Auffassungen zur Wirkung von Krieg:169 In offiziellen Erklärungen wurde zwar nach wie vor betont, dass «in der Epoche des Imperialismus die Weltkriege, die die sozial-politischen Widersprüche der kapitalistischen Gesellschaft auf die Spitze treiben, unvermeidlich zu revolutionären Umwälzungen führen» würden.170 Diese Behauptung verlor jedoch, da in der sowjetischen Führung die Einsicht in die immense Zerstörungskraft eines Atomkriegs wuchs, zunehmend ihren realen Bezug und wurde nurmehr aus propagandistischen und psychologischen Gründen171 aufrechterhalten. In Wirklichkeit fand in der UdSSR nun ein – allerdings nicht kontinuierliches – Abrücken vom Lehrsatz der revolutionsfördernden Wirkung eines zukünftigen Weltkriegs statt. Georgij M. Malenkov, Vorsitzender des Ministerrats, wagte bereits 1954 die Aussage, ein nuklearer Krieg könne zur gegenseitigen Zerstörung der kapitalistischen und kommunistischen Gesellschaft führen. Chruščev selbst widersetzte sich zunächst – nicht zuletzt aus machtpolitischen Erwägungen – der unorthodoxen Behauptung Malenkovs; allmählich aber gelangte er dann zu der gleichen Überzeugung. Ab Ende der 1950er-Jahre wies auch er – unter anderem aufgrund einer ideologischen Kontroverse mit den chinesischen Kommunisten über die Notwendigkeit beziehungsweise die Vermeidbarkeit von Kriegen172 – immer deutlicher auf die im Fall eines Weltkriegs bestehende Möglichkeit der gegenseitigen nuklearen Vernichtung hin.173 Zudem sagte er: «Wir wissen, dass im Kriegsfall vor allem die Werktätigen und ihre Vorhut, die Arbeiterklasse, Schaden erleiden werden.»174 Chruščev glaubte also, dass ein Nuklearkrieg zwischen Ost und West den Prozess in Richtung Weltkommunismus nicht beschleunigen, sondern vielmehr verzögern würde. Seiner Ansicht nach konnte im Kernwaffen- und Raketenzeitalter nur noch eine Kategorie von Kriegen revolutionsbegünstigende Wirkung entfalten, nämlich die «nationalen Befreiungskriege».175 Bei dieser Kriegsart müsse – als einziger – weiterhin nicht mit einer nuklearen Eskalation gerechnet werden. Als aktuelles Beispiel führte Chruščev den – von 1954 bis 1962 dauernden – algerischen Unabhängigkeitskampf gegen Frankreich an.

Abb. 13: Nikita Sergeevič Chruščev. (Osteuropabibliothek Zeitschrift Sowjetunion. Jahrgang 1961)
(4) Bezüglich seiner allgemeinen Einstellung zum Krieg unterschied sich Chruščev nicht von seinen Vorgängern:176 Wie jene verwahrte er sich gegen eine generelle Ablehnung von Krieg und stellte sich auf den Standpunkt, dass die Beurteilung eines konkreten Kriegs aufgrund der Frage vorgenommen werden müsse, «welchen Klassencharakter dieser Krieg besitzt, von welchen Klassen und zu welchem Zweck er geführt und von welchen Klassen er vorbereitet und gelenkt wird».177 Entsprechend dieser Grundhaltung behielt Chruščev auch die Unterscheidung zwischen «gerechten» und «ungerechten» Kriegen bei.
Chruščevs vom Anbruch der nuklearen Ära beinflusste, etwas improvisiert wirkende Kriegsklassifizierung umfasst drei Grundtypen von Kriegen: «Weltkriege», «lokale Kriege» sowie «nationale Befreiungskriege». Der Begriff «Weltkrieg» bezeichnete dabei eine vom «Lager des Imperialismus» begonnene, global ausgedehnte militärische Auseinandersetzung zwischen der «imperialistischen» und der sozialistischen Staatenkoalition. Ein solcher Krieg war nach offizieller sowjetischer Darstellung «ein aggressiver, ungerechter Eroberungskrieg von seiten des Imperialismus und ein gerechter revolutionärer Befreiungskrieg von seiten der Staaten der sozialistischen Völkergemeinschaft».178 Mit «lokalen Kriegen» meinte Chruščev kleinere «imperialistische Kriege» in lokalem, begrenztem Rahmen: in erster Linie Kriege, die von «den Imperialisten» geführt würden, «um nationale Befreiungsbewegungen zu unterdrücken, um Kolonien zu erobern oder sie zu behalten»;179 in zweiter Linie verstand er unter diesem Begriff aber auch Kriege zwischen «imperialistischen» Mächten. Sämtliche «lokalen Kriege» galten als «ungerecht» beziehungsweise «volksfeindlich». Als «gerecht» beziehungsweise «revolutionär» wurden demgegenüber die «nationalen Befreiungskriege» angesehen.180 Unter diese dritte Kategorie subsumierte Chruščev «Bürgerkriege und sonstige Volkskriege, die auf die Abwehr imperialistischer Aggressionen mit Eroberungsabsichten, auf einen Kampf um die Freiheit und Unabhängigkeit der Heimat hinauslaufen».181
(5) Die Haltung der Sowjetunion zum Akt der Aggression war unter Chruščev die gleiche wie während der Stalin-Zeit:182 Weiterhin wurde offiziell jede Form von militärischem Erstangriff eines Staates gegen einen anderen Staat kategorisch verurteilt; gemäss sowjetischer Darstellung konnten weder politische noch strategische noch wirtschaftliche Umstände eine Aggression rechtfertigen.183 Es ist an dieser Stelle zu betonen, dass nach sowjetischer Definition nur Staaten Aggressionen begehen konnten. «Unterdrückte Klassen» – sei es das «Proletariat» eines kapitalistischen Staates oder sei es die einheimische Bevölkerung einer Kolonie – wurden demgegenüber in jedem Fall als berechtigt angesehen, einen Bürgerkrieg oder einen «nationalen Befreiungskrieg» anzufangen; ein solches Vorgehen stellte aus Sicht der Sowjets nie eine Aggression dar.
Der Grund für die rigorose sowjetische Ablehnung von militärischen Aggressionsakten von Staaten gegen andere Staaten – sowie für die Tatsache, dass Chruščev jegliche sowjetische Angriffsabsichten entschieden in Abrede stellte184 und die Verwendung des Begriffs «revolutionärer Krieg» gänzlich unterliess185 – war wie unter Stalin kein ideologischer, sondern ein taktischer: Es ging der sowjetischen Führung darum, die UdSSR gegenüber der Weltöffentlichkeit als friedliebend darzustellen und auf diese Weise die Gefahr eines Kriegs zwischen dem kapitalistischen und dem kommunistischen Lager zu verkleinern. Dieses Vorhaben wurde angesichts der während der 1950er-Jahre auf beiden Seiten stark anwachsenden Nuklearwaffenarsenale (mit der Sowjetunion in der schwächeren Ausgangsposition), durch welche sich das Zerstörungsrisiko in einem zukünftigen Krieg massiv vergrösserte, immer dringlicher.186 Die Basis für die Ermöglichung einer langfristigen, nicht zum Krieg führenden Beziehung zwischen Kommunismus und Kapitalismus bildete das Prinzip der «Friedlichen Koexistenz» von Staaten mit unterschiedlichen Wirtschafts- und Gesellschaftssystemen.187 Dieses Konzept wurde von Chruščev im Februar 1956 auf dem XX. Parteikongress der KPdSU vorgestellt188 und 1961 wie folgt im neuen Parteiprogramm verankert: «Friedliche Koexistenz setzt voraus: Verzicht auf Kriege als Mittel zur Entscheidung von Streitfragen zwischen den Staaten, Entscheidung dieser Fragen durch Verhandlungen; Gleichberechtigung, Verständigung und Vertrauen unter den Staaten, Berücksichtigung der Interessen des anderen; Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten, jedem Volk muss das Recht zugestanden werden, alle Fragen seines Landes selbständig zu entscheiden; strikte Respektierung der Souveränität und der territorialen Integrität aller Länder; Ausbau der wirtschaftlichen und kulturellen Zusammenarbeit auf der Grundlage der vollständigen Gleichheit und des gegenseitigen Vorteils.»189




