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Den Rest der vergangenen paar Jahre hatte Bond mit der Plackerei verbracht, die seine Position als Ms Verwaltungsbeamter mit sich brachte: Papierkram zur Planung, Befragungen, Abschlussbesprechungen, Analysen, schmutzige Tricks und Abhöroperationen und eine Menge Stunden im Hauptquartier in der Funktion des diensthabenden Offiziers. Seine einzigen kleinen Freuden während dieser Zeit waren der Kauf des Landhauses und des neuen Autos gewesen.
Er hatte schon lange mit der Anschaffung eines ruhigen kleinen Landsitzes geliebäugelt und fand das geeignete Objekt schließlich acht Kilometer außerhalb von Haslemere und gute anderthalb Kilometer vom nächsten Dorf entfernt. Das Haus passte perfekt zu Bonds Ansprüchen, und er kaufte es innerhalb von vierundzwanzig Stunden nach der ersten Besichtigung. Einen Monat später waren die Handwerker und Inneneinrichter mit sehr genauen Anweisungen des neuen Besitzers angerückt.
Das Auto war eine andere Angelegenheit. Da die Benzinpreise mittlerweile enorm hoch waren und auch unweigerlich weiter steigen würden, hatte Bond beschlossen, seinen geliebten alten Bentley Continental Mark II den Weg seines Vorgängers, dem 4½-Liter-Bentley, gehen zu lassen.
Manch einer hatte verwundert reagiert, als er sich für ein ausländisches Auto entschied, obwohl man doch ständig bedrängt wurde, britische Produkte zu kaufen, aber Bond hatte die Bemerkungen abgetan und auf die Tatsache hingewiesen, dass die Feinheiten der besonders komplexen und hochentwickelten Sonderausstattung – wie die digitale Armaturenbrettanzeige, der Tempomat und die zahlreichen anderen Zaubertricks – von einer britischen Expertenfirma eingebaut wurden und nur durch britisches Fachwissen und den mächtigen Mikrochip verwirklicht werden konnten.
Er erwähnte nicht, dass der Wagen etwa einen Monat lang bei der multinationalen Firma Communication Control Systems (C.C.S.) gewesen war, damit die dortigen Experten ein paar ihrer eigenen Standardverbesserungen installieren konnten – Sicherheitsapparaturen, nach denen sich die Q-Abteilung die Finger lecken würde. Bond argumentierte, dass es sein Auto war und er, nicht die Q-Abteilung – die ohnehin unter enormen finanziellen Einschränkungen litt –, entscheiden würde, welche Sonderfunktionen eingebaut werden sollten. Bei mehreren Gelegenheiten hatte er den Waffenmeister Major Boothroyd in der Nähe seines Saabs herumschnüffeln sehen. Und mittlerweile war es ganz normal für ihn, Mitglieder der Q-Abteilung – die genialen Technikzauberer des Secret Service – dabei zu erwischen, wie sie einen gründlichen Blick auf den Wagen warfen. Keiner von ihnen erwähnte jemals die Dinge, die sie einfach nicht übersehen konnten – wie zum Beispiel die kugelsicheren Scheiben, die mit Stahl verstärkten Stoßstangen und die hochbelastbaren Reifen, die sich sogar dann noch selbst versiegeln konnten, wenn sie von Kugeln getroffen worden waren. Es gab allerdings noch weitere Feinheiten, die niemand aus der Q-Abteilung ohne Spezialausrüstung entdecken konnte.
Der Saab war nun an Bonds Bedürfnisse angepasst. Er ließ sich problemlos von Benzin auf Gas umrüsten, falls die Treibstoffsituation noch kritischer werden sollte, der Verbrauch war im Verhältnis zur Geschwindigkeit niedrig, und der Turboantrieb verlieh ihm diesen zusätzlichen dynamischen Schub, den man in einer brenzligen Situation immer brauchen konnte.
Nur wenige Personen wussten von dem Haus, also erntete Bond keine verwunderten Blicke oder dummen Sprüche dafür, dass er nun einen Landsitz besaß.
Das freitagabendliche Verkehrschaos in London war fast schon wieder vorbei, als er Roehampton erreichte, also konnte er den Saab noch vor halb acht auf seinem persönlichen Parkplatz in der Tiefgarage unter dem Hauptquartier abstellen.
Bond wäre jede Wette eingegangen, dass M irgendeine sinnlose und langweilige Aufgabe für ihn hatte, und schloss im Geiste sogar eine Wette mit sich selbst, während ihn der Aufzug lautlos in den neunten Stock des Gebäudes hinaufbrachte, in dem sich Ms Aufenthaltsraum und Büro befanden.
Miss Moneypenny, Ms persönliche Assistentin, schaute mit einem besorgten Lächeln auf, als Bond das Empfangsbüro betrat. Das war das erste Anzeichen dafür, dass es sich um etwas Wichtiges handeln könnte.
»Hallo, Penny.« Bond begrüßte sie fröhlich und verdrängte seinen Ärger über das verlorene Wochenende. »Sind Sie heute nicht mit einem Ihrer jungen Männer unterwegs? Wir haben verdammt noch mal Freitagabend, wissen Sie?«
Miss Moneypenny deutete mit dem Kopf in Richtung von Ms Bürotür und sagte: »Und er wartet verdammt noch mal auf Sie. Und deswegen muss ich auch hierbleiben.« Sie lächelte. »Außerdem schien der einzige Mann, der mich zu einer Runde durch die Stadt überreden könnte, anderweitig beschäftigt zu sein.«
»Oh Penny, wenn es doch nur so wäre …« Bond grinste. Sie neckten sich schon seit Jahren mit diesen kleinen Wortgefechten, und doch hatte Bond nie wirklich erkannt, wie sehr die fähige und ordentliche Moneypenny für ihn schwärmte.
»Sagen Sie Commander Bond, dass er sofort reinkommen soll«, schnauzte Ms blecherne Stimme aus der Gegensprechanlage auf Miss Moneypennys Schreibtisch.
Bond zog fragend eine Augenbraue hoch und ging auf die Tür zu. Mit gedämpfter Stimme raunte er: »Hat Ihnen schon mal jemand gesagt, dass Janet Reger ihr Geschäft mit dem Gedanken an Sie gegründet hat, Penny?«
Miss Moneypenny errötete, als Bond bereits in Ms Büro verschwand und die Tür hinter sich zuzog. Ein grünes Licht ging über der Tür an, als sie ins Schloss fiel. Sie starrte einen Augenblick lang ins Leere und hatte immer noch das Nachbild des Mannes im Kopf, der gerade Ms Allerheiligstes betreten hatte: das braungebrannte attraktive Gesicht mit den recht langen dunklen Augenbrauen über den großen, geraden blauen Augen; die fast acht Zentimeter lange Narbe, die vertikal über seine rechte Wange verlief; die lange, sehr gerade Nase und der feine, aber grausame Mund. Im dunklen Haar waren einzelne graue Strähnen aufgetaucht, doch das jungenhafte schwarze Komma über dem rechten Auge war noch immer da. Die Backen wirkten noch nicht dicklich, und das Profil um das Kinn herum war so glatt und fest wie eh und je. Es war das Gesicht eines attraktiven Freibeuters, dachte Miss Moneypenny und riss sich aus ihrem ein wenig unangemessenen Tagtraum. Sie fragte sich, ob sie James Bond hätte warnen sollen, dass M nicht allein in seinem Büro war.
Als James Bond die Tür zu Ms Büro öffnete, ging etwa achthundert Kilometer nördlich von London eine weitere Tür auf.
Der Mann, der Dublin früh an diesem Morgen in einer geschickten Tarnung verlassen hatte, schaute auf, erhob sich von seinem Stuhl und streckte zur Begrüßung eine Hand aus.
Der Raum, in dem er gewartet hatte, war für ihn nach so vielen Besuchen mittlerweile ein gewohnter Ort: voller Bücherregale, mit einem großen Militärschreibtisch, bequemen Lederstühlen und der beeindruckenden Vitrine, in der sich im wahrsten Sinne des Wortes unbezahlbare antike Waffen befanden – ein Paar Steinschlosspistolen aus ziseliertem Silber, ein passendes Set amerikanischer Handfeuerwaffen aus Kentucky mit großzügigen Einlegearbeiten, eine französische Radschlosspistole mit Perlmutt- und Golddrahtverziehrungen am Schaft, ein Paar Säbelpistolen und ein Allen-Bündelrevolver mit sechs drehbaren Läufen. Der Tarnkünstler kannte die Stücke und lechzte bei jeder Betrachtung nach ihnen. Der ganze Raum strahlte eine gediegene Atmosphäre aus, die mit dem einherging, was man als »altes Geld« bezeichnete.
Der Besitzer des Raums trat ein und spielte nun den Gastgeber für den Mann aus Dublin. Sie schüttelten sich fast schon ernst die Hände, und der Gast wartete schweigend, bis sein Gönner zu dem hohen geraden Stuhl hinter dem Schreibtisch gegangen war. Er sprach erst, nachdem er sich gesetzt hatte.
»Es ist schön, Sie wiederzusehen, Franco.«
»Es ist auch schön, Sie zu sehen. Aber ich arbeite gern für Sie, das macht immer den Unterschied aus.« Der Mann namens Franco hielt inne und suchte nach den richtigen Worten. »Wissen Sie, nach all dieser Zeit weiß ich immer noch nicht, wie ich Sie ansprechen soll – mit Ihrem Adelstitel oder Ihrem wissenschaftlichen …?« Er vollführte eine kleine Geste mit den Händen.
Das Bulldoggengesicht des anderen Mannes verzog sich zu einem Lächeln. »Warum nennen Sie mich nicht Warlock?«
Sie lachten beide. »Das ist passend.« Franco nickte. »Operation Kernschmelze startet mit Ihnen als kreative und leitende Kraft, Warlock.«
Der Mann hinter dem Schreibtisch legte seine Hände flach auf die lederne Fläche. »So sei es.« Er nickte mit einer kurzen, vogelartigen Kopfbewegung. »Es gab also keine Schwierigkeiten?«
»Absolut keine. Alles lief vollkommen reibungslos ab. Der Hubschrauber war pünktlich, ich wurde nicht verfolgt. Sie sollten mittlerweile wissen, dass ich immer sehr genau darauf achte.«
»Gut.« Wieder erfolgte das vogelartige Nicken. »Dann vertraue ich darauf, mein Freund, dass dies Ihr letzter Besuch hier sein wird.«
Franco ließ ein sonderbares Grinsen aufblitzen. »Noch nicht ganz. Wir müssen noch die Frage der Bezahlung klären.«
Der Mann hinter dem Schreibtisch breitete die Hände mit den Handflächen nach oben aus und spreizte die Finger. »Ich meine natürlich, dass das hier Ihr letzter Besuch vor dem Abschluss von Operation Kernschmelze ist. Ja, natürlich müssen wir noch klären, wie Sie Ihren Anteil erhalten. Aber zuerst sollten wir uns um die Frage nach dem Ort und die anderen kleinen Details kümmern. Das ist einer der Aspekte, über die wir sprechen müssen, und einer der Gründe, warum Sie dieses Mal ein wenig länger hierbleiben werden als sonst, Franco.«
»Natürlich.« Francos Stimme nahm einen kalten Tonfall an und er sprach jede einzelne Silbe dieses einen Wortes sehr deutlich aus, als ob es sich dabei um die langsamen, vorsichtigen Schritte eines Mannes handelte, der eine Eisbrücke über einer tiefen Gletscherspalte prüft.
»Es gibt viel zu besprechen. Ich gehe davon aus, dass für Europa alles vorbereitet wurde?«
»Ja, alle sind bereit.«
»Und in den Staaten?«
»Alle sind bereit und warten auf letzte Anweisungen.«
»Die Männer …?«
Franco lehnte sich vor. »Diese Leute warten, wie ich Ihnen bereits mitgeteilt habe, schon sehr lange. Sie waren immer die geringste meiner Sorgen. Jeder einzelne von ihnen ist engagiert und bereit, sein oder ihr Leben für das jeweilige Ziel zu geben. Sie betrachten sich in jeglicher Hinsicht bereits als Märtyrer. Aber die diversen Organisationen, die das Personal für Ihre Operation gestellt haben – Organisationen, die von den meisten westlichen Regierungen gesetzlich verboten wurden und als Terroristen angesehen werden –, sind besorgt. Sie wollen Garantien dafür, dass sie ihren Anteil des Geldes erhalten werden.«
»Die Sie ihnen, da bin ich mir sicher, gegeben haben, Franco.« Das Bulldoggengesicht hinter dem Schreibtisch hatte aufgehört zu grinsen. »Unsere Verpflichtungen waren klar aufgeteilt. Ich meine, mich zu erinnern, dass wir das alles vor über einem Jahr ausführlich besprochen haben. Ich liefere den Plan, das – wie sagt man heutzutage? – das Know-how. Ich kümmere mich auch um die Mittel. Sie sind der Vermittler, der Kontaktmann. Und nun gibt es interessantere Dinge, über die wir sprechen müssen.«

DIE OPPOSITION
Bond wurde sofort wachsam, als er Ms Büro betrat. Er war darauf vorbereitet gewesen, seinen Vorgesetzten in seiner üblichen konzentrierten Haltung hinter dem großen Schreibtisch mit der gläsernen Oberfläche sitzen zu sehen, aber er hatte nicht erwartet, noch zwei weitere Männer im Raum anzutreffen.
»Kommen Sie rein, Bond.« M winkte ihn mit einer kleinen, sparsamen Handbewegung heran. »Meine Herren«, er warf einen Blick auf seine Besucher, »erlauben Sie mir, Ihnen Commander James Bond vorzustellen. Ich denke, er ist der Mann, den Sie suchen.«
Bond begrüßte die anderen Männer zurückhaltend. Er wusste nur zu gut, wer sie waren, doch er wollte es nicht offen zeigen.
M ließ die Stille gerade lange genug andauern, dass es so wirkte, als wolle er Bonds Diskretion testen, bevor er mit der Vorstellung fortfuhr. »Commander, das hier sind Sir Richard Duggan, Generaldirektor des MI5, und der stellvertretende Deputy Commissioner David Ross von der Spezialabteilung der Londoner Polizei.«
Bond streckte eine Hand aus und schüttelte nacheinander die der beiden Männer, wobei er bemerkte, dass sie beide einen festen, trockenen Händedruck hatten. Sie schauten ihm außerdem direkt in die Augen. Das waren zwei Eigenschaften, die Bond schon seit Langem entweder bewunderte oder als Warnzeichen erkannte – je nachdem für welche Seite der jeweilige Besitzer dieser Eigenschaften arbeitete.
Dies war zweifellos eine verwirrende Situation. Der MI5 und sein ausführendes Organ, die Spezialabteilung, stellten das dar, was offiziell als britischer Sicherheitsdienst bekannt war – sie waren für Gegenspionage und antiterroristische Aktivitäten im britischem Hoheitsgebiet zuständig.
In Bonds Dienststelle wurden sie stets scherzhaft als »die Opposition« bezeichnet, und es hatte schon immer eine scharfe Rivalität zwischen den beiden Organisationen bestanden: eine Rivalität, die manchmal zu folgenschweren Missverständnissen oder sogar offener Feindschaft führte.
Es war zweifellos äußerst ungewöhnlich, dass die Leiter »der Opposition« zu M kamen, der sie ohnehin regelmäßig sah – mindestens einmal die Woche bei einem Treffen des vereinten Geheimdienstkomitees.
M bedeutete Bond, auf einem ledernen Stuhl Platz zu nehmen, und schaute dann – ein wenig zu freundlich, fand Bond – zuerst seine beiden Besucher und dann wieder Bond an. »Unsere Freunde vom MI5 haben ein kleines Problem, Commander«, begann er, und Bond bemerkte, dass M ihn mit fast schon militärischer Korrektheit behandelte. »Es handelt sich um eine interessante Situation, und ich habe das Gefühl, dass Sie dabei behilflich sein könnten, besonders da alle Anzeichen darauf hindeuten, dass sich die Sache aus dem Zuständigkeitsbereich des MI5 heraus- und in unseren Bereich hineinbewegt.« Er klopfte seine Pfeife in dem kupfernen Aschenbecher auf seinem Schreibtisch aus. Bond fiel jetzt erst auf, dass direkt vor seinem Vorgesetzten eine Aktenmappe lag. Sie war dick und mit den roten Symbolen versehen, die für die höchste Geheimhaltungsstufe standen. Zwei kleine Kreise in der oberen rechten Ecke der weißen Bindung wiesen darauf hin, dass der Inhalt der Mappe sowohl die Verbindungen zu Europa als auch die zum Nahen Osten betraf. Auf einem kleinen Aufkleber prangten außerdem die Worte, die Bond problemlos kopfüber lesen konnte: »Nicht für Bruderschaft«. Das bedeutete, dass die Informationen in der Akte nicht an den amerikanischen Geheimdienst weitergegeben werden durften.
Das bloße Vorhandensein der Akte genügte, um Bond in Alarmbereitschaft zu versetzen. M hatte sie für diese Art von Besprechung zweifellos extra direkt vom gelagerten Mikrofilm vergrößern und fotokopieren lassen. Die Papiere würden vernichtet werden, sobald die Betroffenen sie gelesen hatten.
»Ich glaube«, sagte M mit Blick auf den Generaldirektor des MI5, »dass es am besten wäre, wenn Sie beide Commander Bond auf den neuesten Stand bringen würden. Dann können wir die Angelegenheit übernehmen.«
Sir Richard Duggan nickte und lehnte sich vor, um seine Aktentasche zu öffnen. Er holte eine Aktenmappe heraus und legte ein mattes, zwanzig mal fünfundzwanzig Zentimeter großes Foto vor Bond auf den Tisch. »Kennen Sie dieses Gesicht?«, fragte er.
Bond nickte. »Franco – für die Presse, die Öffentlichkeit und die meisten von uns. Codename Foxtrott für die Leute aus der Branche, also uns, die GSG 9, Gigene, Trupp R, Blaues Licht, C 11 und C 13.« Bond bezog sich auf die deutschen, französischen, italienischen und amerikanischen Antiterroreinheiten und die Abteilungen C 11 und C 13 von Scotland Yard, die oft eng mit der Spezialabteilung zusammenarbeiteten (C 11 stellte Personal für die Antiterroreinheit in Zusammenarbeit mit C 1).
Der Leiter des MI5 wollte Bond allerdings nicht so leicht davonkommen lassen. Ob der Commander sonst noch etwas über Codename Foxtrott – Franco wisse?
Bond nickte erneut. »Natürlich. Er ist ein internationaler Terrorist. Er steht auf der Fahndungsliste der meisten europäischen Länder und auch auf denen einiger Länder im Nahen Osten. Ein Gesuch verlangt, dass er in den Vereinigten Staaten festgehalten wird, obwohl er unseres Wissens bisher nie in oder aus ihnen operiert hat. Sein vollständiger Name lautet Franco Oliveiro Quesocriado, er wurde 1948 in Madrid geboren und ist gemischter Abstammung – sein Vater war Spanier, seine Mutter Engländerin. Ich glaube, sie hatte einen ganz gewöhnlichen Namen, wie Jones, Smith oder Evans …«
»Tatsächlich lautete ihr Name Leonard«, sagte der stellvertretende Deputy Commissioner Ross ruhig. »Mary Leonard.«
»Tut mir leid.« Bond schenkte ihm ein Lächeln, und der Polizist erwiderte es. Er wirkte wie ein moderner Gesetzeshüter, fand Bond. Zweifellos einer von denen mit Universitätsabschluss – ruhig, mit einer tief in den Augen verborgenen Wachsamkeit und der Ausstrahlung einer gespannten Sprungfeder, die nur durch Vorsicht und Gelassenheit zurückgehalten wurde. Bond vermutete umgehend, dass er sich als sehr zäh und gefährlich herausstellen würde, wenn man ihn reizte.
Er wandte sich wieder an Sir Richard Duggan und fragte ihn, ob er fortfahren solle.
»Natürlich.« Richard Duggan war von einem ganz anderen Schlag, und Bond erkannte seine Herkunft sofort – das war schließlich Teil seiner Arbeit. Duggan war ein altmodischer Mitarbeiter des Innenministeriums. Seine Ausbildung hatte er in Eton und Oxford erhalten, dann folgte eine Karriere in der Politik, die nur von kurzer Dauer war, bis ihn schließlich das Innenministerium wegschnappte. Duggan war groß, schlank und gut aussehend, hatte dichtes helles Haar, von dem seine Feinde behaupteten, dass es gefärbt war, und erfüllte damit auch optisch alle Erwartungen, die man an einen jungen, reichen Befehlshaber in einer leitenden Position stellte. Bond wusste allerdings, dass diese Jungendlichkeit eine Illusion war und sich nur auf eine dem Glück geschuldete gute Gesichtsknochenstruktur zurückführen ließ.
Während der Leiter des MI5 sein »Natürlich« künstlich in die Länge zog, fing Bonds Blick kurz den von M auf, und er entdeckte darin einen winzigen Funken aufkeimender Belustigung. Sir Richard zählte nicht zu Ms Lieblingspersonen.
Bond zuckte mit den Schultern. »Franco«, fuhr er fort, »erregte unsere Aufmerksamkeit damals zum ersten Mal in Verbindung mit der Entführung zweier britischer Passagierflugzeuge – die Fluglinie hieß damals noch BOAC – in den späten 1960ern. Er scheint keine direkten politischen Zugehörigkeiten zu haben, und hat als Planer agiert, der manchmal an terroristischen Handlungen teilnimmt. In dieser Funktion war er für Gruppierungen wie den ehemaligen Baader-Meinhof-Komplex tätig und steht immer noch mit der sogenannten Roten Armee Fraktion in Verbindung. Er hat Kontakte zur PLO und zur IRA und einem ganzen Netzwerk aus Terroristengruppen.« Bond holte sein Zigarettenetui hervor, schaute zu M, um sich die Erlaubnis zum Rauchen einzuholen, und erhielt ein knappes Nicken.
»Man könnte ihn wohl am besten als Antikapitalisten beschreiben.« Bond zündete seine Zigarette an und ließ ein schnelles kleines Lächeln aufblitzen. »Das Paradoxe daran war immer, dass er für einen Antikapitalisten enorm wohlhabend zu sein scheint. Es gibt Beweise, dass er die Waffen, die bei zahlreichen terroristischen Handlungen zum Einsatz kamen, persönlich bezahlt und zur Verfügung gestellt hat. Er hat zweifellos Morde begangen und steht mit zwei politischen Entführungen in Verbindung – ganz zu schweigen von den Menschen, die bei von ihm geplanten Bombenattentaten ums Leben kamen. Er ist ein sehr gefährlicher und dringend gesuchter Mann, Sir Richard.«
Sowohl Duggan als auch Ross nickten zustimmend, und Ross murmelte etwas darüber, dass Bond sich bestens auskannte. Duggan tat seine Meinung etwas lauter kund und sagte, dass Bond diesen Mann ruhig noch ein wenig besser kennenlernen könne. Dann griff er wieder in seine Aktentasche und zog fünf weitere Mattfotografien heraus, die er in einer Reihe auf Ms Schreibtisch direkt vor Bond legte. Auf jedem Foto klebte in der unteren rechten Ecke ein kleiner Zettel, auf dem ein Datum stand.
Bond schaute zuerst auf die Daten, bevor er sich die Fotos ansah. Das aktuellste stammte vom heutigen Tag. Die anderen vier waren mit 4. und 23. April sowie 12. und 25. Mai datiert. Die Bilder waren offensichtlich Vergrößerungen von einer Videoaufzeichnung, und er betrachtete sie alle mit größter Sorgfalt. Der darauf abgebildete Mann war auf jedem Foto anders gekleidet und sah auch sonst immer anders aus – dicklich in Jeans und Jeansjacke mit langem Haar und einem Schnurrbart; glatt rasiert, aber mit schulterlangem blondem Haar und einer dunklen Brille in einem zerknautschten Rollkragenpullover und einer Freizeithose; grauhaarig und hager in einem grellen Karoanzug, mit Kameras behangen und einem fest umklammerten amerikanischen Pass, sodass es schien, als würde er erwarten, ihn jeden Moment aus der Hand gerissen zu bekommen; dann wieder glatt rasiert, aber mit dunklem, modisch geschnittenem Haar in einer eleganten dunklen Hose und einer teuren Windjacke mit Pelzkragen.
Das Foto von heute zeigte ihn mit kurz geschorenem Haar, einem ordentlichen Bart und einer Brille. Er trug einen Geschäftsanzug.
Die Tarnungen waren alle ausgezeichnet, und doch bestand für Bond kein Zweifel. »Franco«, sagte er laut, als wäre es ein Befehl.
»Natürlich.« Duggan klang ein wenig gönnerhaft und wies als Nächstes darauf hin, dass alle Fotos am Flughafen Heathrow entstanden seien.
»Fünf Mal in den vergangenen drei Monaten, und er wurde nie einkassiert?« Bond runzelte die Stirn.
Der stellvertretende Deputy Commissioner David Ross holte tief Luft und übernahm die Erläuterung. Bei einer Besprechung früher in diesem Jahr sei entschieden worden, dass gewisse »meistgesuchte« Terroristen wie Franco unter strenger Beobachtung gehalten werden sollten, falls sie scheinbar allein ins Land einreisten. »Große Fische, kleine Fische«, sagte er und grinste, als würde das alles erklären. »Als die Überwachungsteams in Heathrow ihn im April entdeckten – das erste Mal –, gab es natürlich einen Großalarm.«
»Natürlich.« Bond ahmte Sir Richard Duggans gedehnte Sprechweise recht gut nach. M beschäftigte sich damit, seine Pfeife zu stopfen, drückte den Tabak behutsam in den Pfeifenkopf und hielt den Blick wohlweislich gesenkt.
Ross wirkte ein wenig beschämt. »Ich fürchte, wir haben ihn beim ersten Mal aus den Augen verloren. Wir waren nicht auf ihn vorbereitet. Er ist uns in London entwischt.«
In Bonds Erinnerung regte sich etwas. Anfang April war das Polizeiaufgebot erhöht worden, und er erinnerte sich an die eingehenden Telegramme mit den Anweisungen, besonders wachsam zu sein. Alle sollten verstärkt auf verdächtige Päckchen und Briefe achten, die Sicherheitsmaßnahmen in der Botschaft wurden verschärft – die übliche Vorgehensweise bei einem Roten Terroralarm, wie die Polizei und Sicherheitsdienste es nannten.
Ross redete weiter: »Wir haben alle seine möglichen Kontakte überprüft und gewartet. Niemand hat gesehen, wie er das Land verließ.«
»Aber natürlich tat er das«, warf Duggan ein.
Ross nickte. »Wie Sie hier alle sehen können, kehrte er später im April noch einmal zurück und kam wieder in Heathrow an. Dieses Mal fanden wir heraus, dass er London direkt wieder verließ und sich mit ziemlicher Sicherheit Richtung Norden bewegte.«
»Sie haben ihn wieder verloren«, stellte Bond fest. Ross nickte ruckartig, bevor er hinzufügte, dass sie beim ersten Besuch im Mai mehr Glück gehabt hätten.
»Wir folgten ihm bis nach Glasgow. Dann schüttelte er uns ab. Doch auf seiner letzten Reise behielten wir ihn die ganze Zeit über im Auge. Er kam schließlich in einem Dorf namens Murcaldy an, das sich von Applecross aus ein Stück weiter ins Landesinnere am Fuß der nordwestlichen Highlands befindet.«




