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»Und wir glauben zu wissen, wer ihn dorthin eingeladen hat«, verkündete Duggan lächelnd. »Genau wie wir uns sicher sind, dass er auch dieses Mal wieder an diesen Ort gereist ist. Ich habe zwei Beamte abgestellt, die ihn genauestens überwachen. Er kam heute Morgen aus Dublin an – und wir erhielten von dort einen Tipp. Er fuhr geradewegs nach King’s Cross und nahm den ersten Zug nach Edinburgh. Er wird sein Ziel mittlerweile erreicht haben. Wir erwarten jeden Moment weitere Berichte.«
Zwischen den vier Männern breitete sich Stille aus, die nur vom Kratzen von Ms Streichholz unterbrochen wurde, als er seine Pfeife anzündete. Bond sprach schließlich als Erster. »Und er besucht …?« Er ließ die Frage in der Luft hängen wie Ms Pfeifenrauch.
Duggan räusperte sich. »Der Großteil des Landes, einschließlich des Dorfes Murcaldy befindet sich im Besitz einer einzigen Familie – den Muriks. Seit mindestens drei Jahrhunderten, vermutlich länger, sind die Muriks die Lairds von Murcaldy. Es sind fast schon feudale Zustände. Murik Castle, das im sechzehnten Jahrhundert erbaut wurde, wurde im Laufe der Jahre oft modernisiert. Und dann gibt es noch die Ländereien der Muriks – Bauernhöfe sowie Jagd- und Fischgründe. Der aktuelle Laird ist außerdem eine Berühmtheit auf anderen Gebieten – Dr. Anton Murik, Leiter diverser Firmen und ein ebenso angesehener wie exzentrischer Kernphysiker.«
»Er trat erst kürzlich aufgrund irgendwelcher Unstimmigkeiten aus der internationalen Forschungskommission für Atomenergie aus«, fügte Ross hinzu. »Und wie Sie sehen werden, gibt es ernsthafte Zweifel bezüglich seines Anspruchs auf den Titel des Lairds von Murcaldy.«
Bond lachte. »Tja, Anton ist nicht gerade ein bekannter schottischer Name. Aber wo komme ich ins Spiel?« Er hatte bereits eine recht gute Vorstellung, aber es hatte keinen Zweck, die Sache zu überstürzen.
Duggans Gesichtsausdruck veränderte sich nicht: Die steinernen, gut aussehenden Züge wirkten bei genauerem Hinsehen makelbehaftet. Als er erneut sprach, war die übliche Gewandtheit von ihm abgefallen. »Franco hat Dr. Murik mittlerweile mit ziemlicher Sicherheit vier Besuche abgestattet. Dies wird sein fünfter sein. Ein internationaler Terrorist und ein Kernphysiker von nicht unerheblicher Bedeutung: Wenn man beides addiert, erhält man eine durchaus alarmierende Situation. Bei jeder Gelegenheit hat Franco das Land wieder verlassen, vermutlich – und hier können wir nur raten – über einen schottischen Hafen oder Flughafen. Wir bauen auf die Möglichkeit, dass sein Geschäft mit Murik noch ein wenig länger braucht, um zu einem Abschluss zu kommen, aber sobald er Großbritannien verlässt, sind uns die Hände gebunden. Wir sind heute hier, um Sie zu bitten, uns dabei zu helfen, seine Bewegungen außerhalb des Landes zu verfolgen.«
Nun war es an Bond, zu nicken. »Und Sie wollen, dass ich mal kurz nach Schottland düse, Kontakt herstelle und ihm aus dem Land folge?«
Duggan zögerte. »Nur wenn Ihnen das … ähm … passt. Aber ich glaube wirklich nicht, dass uns für diese Reise noch viel Zeit bleibt. Anton Murik besitzt eine Reihe Rennpferde, die er in England trainieren lässt. Zwei davon laufen am kommenden Wochenende in Ascot – eins sogar für den Gold Cup. Das ist abgesehen von der Kernphysik seine einzige Leidenschaft. Franco wird entweder Mitte der Woche abreisen oder auf dem Schloss auf Muriks Rückkehr aus Ascot warten.«
Bond streckte seine Beine aus und dachte nach. Falls es tatsächlich eine bösartige Verbindung zwischen Franco und Murik gab, deutete das Timing darauf hin, dass dies nicht Francos letzter Besuch sein würde. Aber man konnte nie wissen.
Duggan war aufgestanden. »Ich habe alle Informationen an M weitergeleitet.« Er deutete auf die Aktenmappe auf dem Schreibtisch – die Bond für eins von Ms Dossiers gehalten hatte –, während er die Fotos einsammelte und sie in seiner Aktentasche verstaute. »Er weiß auch, wie man meine Leute im Einsatz kontaktieren kann und all das. Wir sind hergekommen, um Sie im Interesse des Landes um Unterstützung zu bitten. Es wird Zeit, an einem Strang zu ziehen, und ich muss Ihnen nun die letzte Entscheidung überlassen.«
M paffte seine Pfeife. »Ich werde Commander Bond über alles in Kenntnis setzen«, sagte er freundlich. »Ich melde mich später am Abend bei Ihnen, Duggan. Wir werden tun, was wir können – in jedermanns Interesse.«
Die beiden Polizisten verabschiedeten sich recht herzlich von M und Bond, und sobald sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, ergriff M das Wort. »Was halten Sie davon, 007?«
James Bonds Herz machte einen Sprung und er spürte, wie eine neue Dringlichkeit durch seine Venen raste. Es war lange her, dass M ihn mit 007 angesprochen hatte, und es bedeutete, dass er durchaus schon bald wieder zu einer Reise ins wahre Unbekannte aufbrechen mochte. Er konnte die Möglichkeiten beinahe riechen.
»Also, was halten Sie davon?«, wiederholte M.
Bond zündete sich eine weitere Zigarette an und schaute zur Decke hoch, bevor er sprach. »Ich könnte mir vorstellen, dass Sie mich noch heute Abend nach Schottland schicken wollen.« Ms Blick verriet nichts, während Bond fortfuhr. »Das ist keine gute Mischung – ein internationaler Terrorist und ein berühmter Kernphysiker. Das ist schon seit einer ganzen Weile einer der großen Albträume, nicht wahr, Sir? Dass eine Gruppe nicht nur die Materialien in die Hände bekommt, sondern auch die Mittel hat, eine wirklich tödliche Nuklearwaffe zu bauen? Wir vermuten, dass ein paar von ihnen die Materialien haben – zum Beispiel dieser Achmed Yastaff, den ich für Sie ausgeschaltet habe. Mindestens vier der Schiffe, die er verschwinden ließ, hatten Materialien geladen …«
M schnaubte. »Seien Sie kein Narr, 007. Eine so simple Waffe zusammenzubasteln, ist das Einfachste auf der Welt. Ja, sie haben zweifellos die Materialien – und fragen Sie mich nicht, wen ich mit »sie« meine. In dieser Angelegenheit müssen Sie logisch denken. Wenn irgendeine der existierenden Terrororganisationen eine selbstgebaute Bombe benutzen wollte, um eine Regierung zu erpressen, könnte sie das tun. Aber dass ein Mann wie Franco Umgang mit einem alten Teufel wie dem Laird von Murcaldy hat – nun, das ist eine ganz andere Sache und könnte eine von zwei Möglichkeiten bedeuten.«
»Ja …?« Bond lehnte sich vor.
»Erstens«, M zählte den Punkt am Zeigefinger seiner linken Hand ab, indem er mit dem seiner rechten dagegen tippte. Die Pfeife hatte er im Mundwinkel und hielt sie mit den Zähnen fest, während er sprach. »Erstens könnte es bedeuten, dass Franco eine sehr gut entwickelte Operation vorbereitet und Anton Murik aufgrund seines Expertenwissens um Hilfe bittet. Zweitens« – die Finger bewegten sich – »könnte es genau umgekehrt sein: Dr. Anton Murik braucht Francos Hilfe für irgendein eigenes kleines Abenteuer. Beide Möglichkeiten würden mehr als nur fünf kurze Besuche von Franco erfordern.«
»Und ist Anton Murik zu beidem in der Lage?« Bond runzelte die Stirn. Er konnte absolut nichts in Ms wettergegerbtem Gesicht lesen, und das war immer ein Warnsignal. Hinter dieser Sache steckte sehr viel mehr als die Informationen, die ihnen »die Opposition« mitgeteilt hatte.
»Er ist nicht nur dazu in der Lage, sondern auch ein äußerst wahrscheinlicher Kandidat.« M öffnete eine Schreibtischschublade und warf eine weitere Aktenmappe auf die, die ihnen die Leute vom MI5 zur Verfügung gestellt hatten. »Wir haben Dr. Anton Murik nun schon seit einer ganzen Weile auf dem Kieker.« Er tippte auf die beiden Aktenmappen. »Was Ross Ihnen erzählt hat, ist eine leichte Untertreibung – diese Sache, dass Murik wegen Unstimmigkeiten aus der internationalen Kommission für Atomenergie ausgetreten ist. Die haben nicht alle Fakten. Wir schon. Murik ist wegen einer verdammt heftigen Auseinandersetzung ausgetreten, 007. Tatsächlich wurde der Mann sogar rausgeworfen und reagierte darauf nicht gerade freundlich. Er ist ein brillanter Mann mit einer Menge Ressourcen.«
M nahm die Pfeife aus dem Mund und schaute Bond direkt in die Augen. »Sogar sein Titel – Laird von Murcaldy – ist mehr als nur ein wenig suspekt, wie Ross erwähnte. Nein, ich beabsichtige nicht, Sie nach Schottland zu schicken, 007. Meine Aufgabe besteht darin, Sie anständig zu informieren, Ihnen gute Unterstützung zu gewähren sowie Ihnen eine brauchbare Tarnung zu verschaffen. Zum Teufel mit ›der Opposition‹ und ihrem Überwachungsteam. Ich will, dass Sie so nah wie möglich an Murik herankommen. Sie sollen ihn unterwandern. Doch bevor wir dazu kommen, gibt es noch einiges, das Sie über den sogenannten Laird von Murcaldy wissen sollten.«

DOSSIER ÜBER EINEN LAIRD
Es würde offensichtlich ein langer Abend werden, und Bond fand, dass er May, seine fähige und treue Haushälterin, nicht überraschen sollte, indem er unvermittelt und mitten in der Nacht in seine Wohnung in der King’s Road zurückkehrte.
Bevor M mit den Einzelheiten des Dossiers, das voller Geheimnisse vor ihnen lag, loslegen konnte, bat Bond um die Erlaubnis, das Büro für einen Moment verlassen zu dürfen.
M schenkte ihm einen seiner verärgerten, altmodischen Blicke, bekundete aber widerwillig mit einem Nicken seine Zustimmung, dass Bond von seinem eigenen Büro aus ungestört ein Telefonat führen könne.
Letztendlich war es dann doch leichter für Bond, seine eigene Nummer an Miss Moneypennys Apparat zu wählen. May hatte es schon vor langer Zeit aufgegeben, die Bürozeiten ihres Arbeitgebers zu begreifen, und fragte nur, ob er etwas Besonderes zu essen haben wolle, wenn er nach Hause komme. Bond erwiderte, dass er nichts gegen ein paar nette geräucherte Schellfische einzuwenden hätte – falls sie noch welche da hätte. Da May in Fragen der Küchenausstattung eine streng konservative Einstellung pflegte, hätte sie nie im Leben eine Gefriertruhe in ihrem Reich zugelassen. Bond war diesbezüglich ihrer Meinung, auch wenn es manchmal angenehm war, Delikatessen in Reichweite zu haben, also hatten sie einen Kompromiss gemacht. Bond hatte sie taktvoll dazu überredet, den Kauf eines großen Bosch-Kühlschranks mit einem geräumigen Tiefkühlfach zu gestatten, das May dann die Eiskiste getauft hatte. Nun glaubte sie, dass vielleicht noch ein paar geräucherte Schellfische in der »Eiskiste« sein könnten und fügte hinzu: »Ich werde sehen, was ich tun kann, Mr James, aber kommen Sie nicht allzu spät zurück.« Wenn sie in der richtigen Stimmung war, hatte May die Angewohnheit, Bond so zu behandeln wie ein Kindermädchen seine kleinen Schützlinge.
Die Tatsache, dass Bond das Büro nur für ein paar Minuten verlassen hatte, besänftigte M, der seine Pfeife neu gestopft hatte und die Dossiers studierte. In bissigem Ton fragte er, ob es 007 gelungen sei, die Angelegenheit so zu regeln, dass sie nicht noch einmal unterbrechen mussten.
»Ja, Sir«, antwortete Bond ruhig. »Ich bin bereit für den Laird von Murcaldy, Rob Roy und sogar Bonnie Prince Charlie, wenn Sie das wünschen.«
»Das ist nicht zum Lachen, 007«, sagte M streng. »Die Murik-Familie ist eine adlige Linie. Es gab einen Laird von Murcaldy bei Dunbar und einen weiteren bei Culloden Moor. Allerdings ist es möglich, dass die wahre Linie mit dem Großvater des aktuellen Lairds ausstarb. Das muss noch bewiesen oder sogar richtig getestet werden, aber das ist eine Angelegenheit, die den Lord Lyon King of Arms beschäftigt.« Er blätterte ein wenig im ersten Dossier. »Anton Muriks Großvater war ein bekannter Abenteurer – ein Reisender. Im Jahr 1890 war er für über drei Monate in Mitteleuropa verschollen – es hieß, er sei auf der Suche nach seinem Bruder gewesen, der wegen irgendeines Vergehens enterbt worden war. Ihre Eltern waren tot, und die Dorfbewohner glaubten, dass Angus Murik – so lautete sein Name – vorhatte, mit seinem Bruder zurückzukehren und das schwarze Schaf der Familie zurück in die Herde zu holen. Doch stattdessen kehrte er mit einer Ehefrau zurück. Den Aufzeichnungen zufolge handelte es sich um eine Ausländerin. Sie war schwanger, und es gab außerdem schriftliche Dokumente, die darauf hindeuteten, dass der verlorene Laird gar nicht Angus, sondern dessen Bruder Hamish war. Man vermutete auch, dass das Kind, das später Antons Vater werden sollte, unehelich geboren wurde, da es keinerlei Aufzeichnungen über eine Eheschließung gab.«
Bond schnaubte. »Aber das würde die Blutlinie doch sicher nur schwächen und nicht komplett zerstören.«
»Normalerweise schon«, fuhr M fort. »Doch Anton wurde zusätzlich unter ungewöhnlichen Umständen geboren. Sein Vater war ein wilder Bursche, der sich im Alter von achtzehn ebenfalls auf Reisen begab. Er kehrte nie zurück. Es gibt einen vollständig erhaltenen Brief, in dem steht, dass er in Palermo eine Engländerin von guter Herkunft geheiratet hätte. Doch kurz darauf traf eine junge hochschwangere Frau in Murik Castle ein und verkündete die Neuigkeit, dass ihr Ehemann, der Erbe des Titels, während einer Expedition nach Sizilien von Banditen getötet worden sei.«
»Wann war das?« Für Bond klang das nach einer verwirrenden und seltsamen Geschichte.
»1920.« M nickte, als würde er Bonds Gedanken lesen. »Ja, und es existieren Zeitungsberichte über einen ›englischen‹ Herrn, der auf Sizilien ermordet wurde. Die Zeitungen behaupten allerdings, dass die Frau dieses Mannes ebenfalls bei dem Überfall ums Leben kam, obwohl die junge Frau darauf beharrte, dass ihr Dienstmädchen diejenige war, die starb. Die Gräber in Caltanissetta sind entsprechend beschriftet, aber Tagebücher und ein paar Erinnerungen besagen, dass die junge Frau, die sich als die Ehefrau des mutmaßlichen Lairds vorstellte, alles andere als eine englische Dame von guter Herkunft war. Es ist schwierig, Fakten von Fiktion zu trennen. Doch wir wissen mit Sicherheit, dass einige der älteren Leute auf dem Murik-Anwesen nach wie vor darauf bestehen, dass Anton nicht der wahre Laird ist – doch da sie natürlich wissen, mit wem sie sich gut stellen müssen, flüstern sie nur heimlich darüber und werden es weder Fremden noch einer Behörde gegenüber zugeben.«
»Aber das Baby wurde Anton getauft und übernahm den Titel?«
»Es wurde Anton Angus getauft und erhielt den Titel Laird von Murcaldy, ja«, bestätigte M mit kaum merklich verzogenen Lippen.
»Also müssen wir ihn wie einen schottischen Laird behandeln, egal was passiert. Ich vermute, er ist außerdem ein echter Kernphysiker? Müssen wir diesen Teil ernst nehmen?«
»Wir nehmen ihn sogar sehr ernst«, sagte M und wiederholte: »Sehr ernst. Es besteht absolut kein Zweifel, dass Anton Murik ein hochintelligenter Mann mit großem Einfluss ist. Sehen Sie sich nur mal die Zusammenfassung seines Werdegangs an.« Er reichte Bond die entsprechende Seite des Dossiers, und Bond überflog die Informationen schnell:
Anton Angus Murik. Geboren in Murik Castle, Murcaldy, Ross und Cromarty, Schottland, 18. Dezember 1920. Ausgebildet in Harrow und am St. John’s College, Cambridge. Bestnoten in Physik gefolgt von einem Stipendium und dann einem Doktorat. So gut, dass er unter Professor Lindemann – dem späteren Lord Cherwell – arbeiten durfte, dem wissenschaftlichen Berater Winston Churchills. Arbeitete auch am Manhattan-Projekt (der Entwicklung und Erprobung der ersten Atombombe) und ist Mitglied im Komitee für den friedlichen Einsatz von Atomenergie und der internationalen Kommission für Atomenergie …
Murik hatte sich erst vor zwei Jahren von dieser letzten Position zurückgezogen. Es folgte eine lange und beeindruckende Liste aus Firmen, mit denen Murik in Verbindung stand. Bond zog seine Augenbrauen immer höher, während er die Liste las. Unter anderem war Anton Murik der Vorsitzende von Micro-Modulators Ltd., Eldon Electronics Ltd., Micro Sea Scale Ltd. und Aldan Aerospace Inc. Außerdem war er Mitglied in zahllosen Gremien, die alle eine direkte Verbindung zu Atomkraft oder Elektronik hatten. Bond sah auch, dass die Firmen einige Spezialisten unter Vertrag hatten, die sich bestens mit der Entwicklung und dem Bau von einsatzfähigen Kernreaktoren auskannten.
»Erkennen Sie, was nicht zum Rest passt?«, fragte M durch eine Wolke aus Pfeifenrauch.
Bond schaute erneut auf die Liste. Ja, dort zwischen all den Elektronik- und Atomenergiefirmen und den Luft- und Raumfahrtkonzernen befand sich ein seltsamer Eintrag mit der Bezeichnung Roussillon Fashions. Bond las den Eintrag laut vor.
»Ja. Eine verdammte Kleiderfabrik«, schnaubte M.
Bond lächelte in sich hinein. »Ich glaube, es ist ein wenig mehr als nur eine Kleiderfabrik, Sir. Roussillon ist eines der führenden Modehäuser der Welt. Sie haben Zweigstellen in London, Paris, Rom, New York, die ganze Palette. Fragen Sie jede beliebige Frau mit einem Sinn für Mode. Ich schätze, Roussillon rangiert unter den fünf größten Modehäusern der Welt.«
M schnaubte wieder. »Und sie verlangen zweifellos auch die höchsten Preise. Nun ja, Anton Murik besitzt einen Hauptanteil an dieser Firma.«
»Ich vermute, er zieht nicht einfach nur gerne schicke teure Frauenkleider an oder so was in der Art?« Bond grinste.
»Seien Sie nicht so frivol, 007. Sie müssen den finanziellen Aspekt bedenken.«
»Tja, er muss Multimillionär sein«, sagte Bond fast zu sich selbst. Solche Dinge beeindruckten ihn selten, aber allein anhand der Liste vor ihm auf dem Tisch konnte er erkennen, dass Dr. Anton Murik über beträchtliche Macht verfügte. »Wie in aller Welt hat es ein Mann mit diesen Qualifikationen geschafft, aus dem internationalen Komitee für Atomenergie geworfen zu werden, Sir?«
M zögerte nicht. »Zum einen ist er in Bezug auf Geschäftsangelegenheiten absolut skrupellos. Er hat sich bei einigen seiner Geschäfte mit den hier aufgeführten Firmen recht nah am Rand der Legalität bewegt. Mindestens zwei seiner Vorsitze erhielt er, indem er fast wortwörtlich über die Leichen anderer Männer ging.«
»Die meisten guten Geschäftsmänner neigen zur Skrupellosigkeit …«, begann Bond, aber M hob eine Hand.
»Da war noch etwas anderes«, sagte er. »Anton Murik ist in gewisser Hinsicht ein Fanatiker und neigt dazu, sich der Meinung der Leute anzuschließen, die gegen den Einsatz von Kernenergie und die Gefahren bei der Entsorgung von Atommüll protestieren. Er hat eine Kampagne gegen die Benutzung von bereits in Betrieb genommenen oder kurz vor der Inbetriebnahme stehenden Kernreaktoren ins Rollen gebracht. Weltweit. Sehen Sie, 007, der Mann behauptet, den ultimativen Reaktor entwickelt zu haben – ein Modell, das nicht nur Energie liefert, sondern auch den Abfall sicher entsorgt und keine Fehlfunktionen erleiden kann. Er nennt ihn den Murik-Ultrasicher-Reaktor.«
»Und seine Kollegen haben ihm das nicht abgenommen?«
»›Nicht abgenommen‹ ist eine Untertreibung. Seine Kollegen sagen, dass es in der Bauweise des Ultrasicher-Reaktors grobe Fehler gibt. Manche gehen sogar so weit, zu behaupten, dass das gesamte Ding potenziell hundert Mal gefährlicher ist als die derzeitigen Modelle – die Schnellbrutreaktoren, Siedewasserreaktoren, Druckwasserreaktoren, die gas- und graphitmoderierten Reaktoren und Schnellbrüter, die mit flüssigem Metall gekühlt werden. Murik wollte Fördergelder von der Kommission, um seinen eigenen Reaktor zu bauen und zu beweisen, dass seine Kollegen unrecht haben.«
»Also drehten sie ihm den Geldhahn zu.«
M bestätigte, dass sie genau das getan hatten, und Bond lachte erneut und wies darauf hin, dass etwas so Unbedeutendes wie Geld für einen Multimillionär keine Rolle spielen dürfte. »Murik könnte doch sicher einfach seinen eigenen Reaktor bauen – in seinem Garten hinterm Haus. Platz genug scheint dort ja zu sein.«
M seufzte. »Wir reden hier von mehreren Milliarden Dollar, Milliarden Pfund Sterling, James. Anton Murik hat sich mit seinen Kollegen gestritten. Offenbar gab es ein paar heftige Auseinandersetzungen und Andeutungen, dass der Mann alles andere als zurechnungsfähig ist.« Er berührte seine Stirn mit einem seiner Zeigefinger. »Das ist auch der Grund, warum mich die Tatsache, dass er Kontakt zu einem Burschen wie Franco hat, so beunruhigt. Und es ist der Grund, warum ich auf keinen Fall zulassen werde, dass Sie sich unvorbereitet in diesen Auftrag stürzen. Ich könnte natürlich falschliegen, aber ich glaube wirklich nicht, dass eine Woche oder so einen großen Unterschied machen wird. Vor allem wenn ich Sie in dieser Zeit zu einem idealen Maulwurf machen und Sie in Muriks Gefolge unterbringen kann. Und abgesehen davon«, M machte sich daran, wieder in seinem eigenen Dossier zu blättern, »denke ich, dass es besser wäre, wenn Sie Anton Murik in seinem eigenen Haushalt begegnen.« Er zog mehrere Fotos aus den Tiefen der dicken Aktenmappe.
»Dann werden Sie Duggans Anfrage also offiziell ablehnen?« Bond konzentrierte sich nun voll und ganz auf den vor ihm liegenden Auftrag. Die lange Zeit der Untätigkeit spielte für ihn keine große Rolle. Mit seiner Arbeit war es wie mit Schwimmen oder Tauchen: Sobald man die Grundlagen beherrschte, kam die Professionalität im Handumdrehen zurück, wenn sich etwas Wichtiges ergab. Welchen Plan Franco oder Dr. Anton auch ausheckten, Bond würde nun keine Ruhe mehr geben, bis er diesen Auftrag beendet hatte, egal als wie gefährlich oder anstrengend oder langweilig er sich herausstellen mochte.
M schnaubte. »Duggan hat zwei gute Leute im Einsatz. Sie haben bereits vier Mal versucht, sich an Francos Fersen zu heften – also haben sie darin jede Menge Übung. Das sollte sie irgendwann zu Meistern ihres Fachs machen. Ich vertraue darauf, dass sie den Ort, von dem aus er das Land verlässt, dieses Mal ausfindig machen werden. Wir werden Franco beschatten lassen, wenn der richtige Moment dafür gekommen ist. Ihre Aufgabe ist zu wichtig …« Er musste den fragenden Ausdruck auf Bonds Gesicht gesehen haben. »Und sagen Sie mir nicht, dass ich Sie in den Zuständigkeitsbereich des MI5 schicke. Das weiß ich, und Sie wissen es ebenfalls, aber ich habe so ein Gefühl, dass das nicht lange anhalten wird. Sie werden Schottland verlassen, sobald das, was immer sie da zusammenbrauen, anfängt zu kochen. Und nun schauen wir uns ein paar hübsche Bilder an.«
Zuerst erklärte er das Offensichtliche. Da er ein Schloss und ein riesiges Anwesen besaß, hatte der Laird von Murcaldy jede Menge Angestellte, auf die er jederzeit zurückgreifen konnte. »Er hat dort oben Wildhüter, Aufseher und jede nur vorstellbare Art von Bediensteten, von Fahrern bis hin zu Wachen. Was also den Laird angeht, hat er kein wirkliches Sicherheitsproblem. Es gibt allerdings noch einen zentralen Familienkern. Zuallererst ist da der Doktor selbst.«
Das Foto zeigte ein kampflustiges Gesicht, das dem des verstorbenen Lord Beaverbrook ähnelte, nur dass es keine Lachfalten um den Mund herum hatte. Eine Bulldogge von einem Mann mit kalten Augen, die auf jemanden oder etwas – mit Sicherheit nicht auf die Kamera – leicht rechts von ihm gerichtet waren. Der Mund war eine harte, unnachgiebige Linie, und die Ohren, die sehr flach an seinem Kopf anlagen, verliehen ihm eine seltsame, symmetrische Kontur. Fotos konnten trügerisch sein – Bond wusste das nur zu gut –, aber dieser Mann, der von einem schnellen Klicken und dem Schließen einer Blende auf das Papier gebannt worden war, hätte der Sohn eines Pfarrers sein können. Er hatte dieses leicht puritanische Aussehen – ein Verfechter von Disziplin, einer, der wusste, was er wollte, und seinen Willen durchsetzen würde, egal was ihm im Weg stand. Bond fühlte sich ein wenig unwohl. Er würde nicht offen zugeben, dass er beim Anblick eines Fotos etwas so Heftiges wie Angst empfand, aber das Bild machte deutlich, dass der Laird von Murcaldy eine Gewalt war: eine Macht.
Der nächste Abzug zeigte eine Frau, die vermutlich Anfang vierzig war, sehr gut aussah und scharfe, klassische Züge sowie dunkles, hochtoupiertes Haar hatte. Ihre Augen waren groß, aber nicht unschuldig – fand Bond. Selbst auf diesem Bild schienen sie eine Fülle an weltlichem Wissen zu enthalten, und der Mund war zwar groß, wirkte aber nicht unproportional. Die Mundwinkel waren leicht nach oben gezogen, wodurch die Gesichtszüge ein wenig milder schienen.
»Miss Mary-Jane Mashkin«, sagte M, als würde das alles erklären.
Bond warf seinem Vorgesetzten einen fragenden Blick zu. Das Komma aus Haaren hing über seine rechte Augenbraue, als wollte es ein Fragezeichen bilden.




