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»Seine graue Eminenz, wie manche behaupten.« M paffte an seiner Pfeife, als wäre er ein wenig peinlich berührt. »Zweifellos Muriks Geliebte. Sie war zehn Jahre lang seine Sekretärin. Sie ist Muriks starker rechter Arm und seine persönliche Beraterin. Sie ist ausgebildete Physikerin. Universität von Cambridge, genau wie der Laird, allerdings nicht sein Maßstab, wie es scheint. Sie fungiert für ihn als Gastgeberin und lebt in Murik Castle. Sie reist mit ihm, isst mit ihm … und macht auch sonst alles mit ihm.«
Bond überlegte, dass er mit seiner Einschätzung bezüglich des Puritanismus falschgelegen haben könnte, revidierte den Gedanken dann aber. Es war durchaus möglich, dass Anton Murik ein starkes Moralempfinden im Hinblick auf die Handlungen anderer Personen hatte, während er sich selbst von derartigen Einschränkungen ausschloss. So etwas kam ständig vor. Zum Beispiel bei den Leuten, die gegen Fernsehsendungen und Filme protestierten und sich dabei einbildeten, dass sie selbst gegenüber moralischen Gefahren immun waren.
»Ich vermute, dass er sich in vielen Angelegenheiten von ihr beraten lässt, aber ich bezweifle, dass sie ihn bei sehr wichtigen Entscheidungen beeinflussen kann.« M schob ein drittes Foto in Bonds Richtung.
Es zeigte eine weitere Frau. Sie war sehr viel jünger und, sofern das Bild die Realität widerspiegelte, absolut umwerfend. Dichtes blondes glattes Haar rahmte ihr Gesicht ein, das an die junge Lauren Bacall erinnerte. Es wies die gleichen hohen Wangenknochen und verführerischen dunklen Augen auf, und der Mund war aufgrund der Sinnlichkeit der Unterlippe bemerkenswert. Die Brauen über den Augen waren natürlich geformt und sahen wie eine Art verlängerter Zirkumflex aus. Bond gestattete sich ein fast unhörbares leises Pfeifen.
M unterband diese reflexartige Reaktion sofort: »Anton Muriks Mündel. Miss Lavender Peacock. Die Art ihrer Beziehung ist nicht bekannt. Sie wurde 1970 sein Mündel, vollkommen legal – im Gerichtsbeschluss heißt es, sie sei die Tochter eines Cousins zweiten Grades. Ihr Vater und ihre Mutter kamen bei einem Flugzeugunglück ums Leben. Es gibt ein wenig Geld – ein paar Tausend –, das Miss Peacock erhält, sobald sie ihr siebenundzwanzigstes Lebensjahr erreicht. Das wird nächstes Jahr der Fall sein.«
Bond stellte laut fest, dass Lavender Peacock eine beeindruckende Frau sei, er aber auch glaube, sie von irgendwoher zu kennen – und das liege nicht nur an ihrer Ähnlichkeit mit der jungen Bacall.
»Schon möglich, 007. Dieses Mädchen wird allerdings an einer kurzen Leine gehalten. In manchen Angelegenheiten ist der Laird sehr altmodisch. Lavender Peacock wird wie ein zerbrechliches Porzellanpüppchen behandelt. Sie hatte als Kind Privatlehrer und durfte nur ins Ausland reisen, wenn Murik und ein paar zuverlässige Wachhunde sie begleiteten. Diese Mashkin hat sie ein wenig herumgeschleppt, und Sie könnten ihr Bild in Verbindung mit dieser Kleiderfirma gesehen haben. Von Zeit zu Zeit erlaubt der Laird ihr, als Modell zu arbeiten – aber nur zu ganz besonderen Anlässen und immer in Begleitung der Wachhunde.«
»Wachhunde?« Der Ausdruck machte Bond stutzig.
M stand auf und ging zum Fenster. Er schaute auf den Park hinaus, der nur noch undeutlich zu erkennen war, während die Sonne langsam unterging und die Lichter der Stadt nach und nach angingen.
»Wachhunde?«, wiederholte M. »Oh ja, hauptsächlich Frauen aus dem Umfeld der Mashkin und der Kleiderfirma.« Er drehte sich nicht zu Bond um. »Murik hat immer ein paar junge schottische Schlägertypen in der Nähe. Eine Art Leibwächter. Sie wissen ja, wie diese Leute sind. Sie sollen nicht nur sein Mündel, sondern die ganze Familie bewachen. Es gibt einen, der eine besondere Stellung innehat. Er ist so etwas wie der Leiter der Truppe. Wir haben kein Foto von ihm, aber ich habe eine Beschreibung erhalten. Er heißt Caber.«
Eine lange Stille entstand. Schließlich holte Bond tief Luft. Er hatte sich das Triptychon aus Fotos vor sich auf dem Tisch angesehen. »Ich soll mich also bei dieser kleinen Gruppe einschmeicheln, herausfinden, warum Franco ihnen so viel Aufmerksamkeit widmet, und mich im Großen und Ganzen unentbehrlich machen?«
»Ich denke, das wäre die geeignete Vorgehensweise.« M wandte sich vom Fenster ab. »Wir müssen das Spiel eine ganze Weile lang mitspielen, 007. Tatsächlich sogar sehr lange. Ich habe große Vorbehalte gegen Dr. Anton Murik. Er würde ohne zu zögern töten, wenn es für das Gelingen irgendeines Plans nötig wäre, von dem er besessen ist. Und wir wissen alle, dass er derzeit von dem Geschäft seines Ultrasicher-Kernreaktors besessen ist. Vielleicht steckt irgendein hirnrissiger Plan dahinter, bei dem er in eins von Francos Unternehmen investiert und damit großen Profit einstreicht – eine schnelle Nummer: genug Geld, um der Kommission für Atomenergie zu beweisen, dass sie falschliegt. Wer weiß? Es wird Ihre Aufgabe sein, das herauszufinden, James. Ihre Aufgabe und meine Verantwortung.«
»Vorschläge, wie ich das anstellen soll, wären mir willkommen«, begann Bond, doch als M gerade etwas erwidern wollte, klingelte das rote Telefon auf seinem Schreibtisch.
Für ein paar Minuten saß Bond schweigend da und lauschte Ms Seite der Unterhaltung mit Sir Richard Duggan. Als das Telefonat beendet war, lehnte sich M mit einem dünnen Lächeln zurück. »Damit wäre das also erledigt. Ich habe den MI5 darüber informiert, dass Sie bereit sind, einzuspringen und jeder Information nachzugehen, die sie mit uns teilen wollen, Duggan hat die Einzelheiten über seine Überwachungsleute hier drinnen zusammengefasst.« Er tippte mit den Knöcheln einer Hand auf die MI5-Akte. »Das übliche abenteuerliche Zeug, das sie zu mögen scheinen.«
»Und Franco?«
»Befindet sich definitiv auf Murik Castle. Sie haben es bestätigt. Keine Sorge, James, wenn er plötzlich abreist, werde ich jemanden auf ihn ansetzen, damit Sie Ihre Tarnung nicht aufgeben müssen.«
»Da wir gerade von Tarnung sprechen …«, begann Bond.
»Dazu komme ich gleich. Wie gelangen Sie in den Familienkreis? Nun, ich denke, Sie benutzen Ihren eigenen Namen, aber mit einer leicht abgeänderten Vita. Das können wir alles hier zusammenbasteln. Ein Söldner, denke ich. Sie haben gehört, was Ross über Muriks zweite Leidenschaft im Leben gesagt hat – Pferderennen. Tja, wie Sie wissen, laufen einige seiner Pferde nächste Woche in Ascot. Tatsächlich war das Pferd, das er für den Gold Cup angemeldet hat, erst einmal bei den drei großen Rennen dabei. Es heißt China Blue. Unser Freund, der Laird von Murcaldy, scheint ihnen gern beim Trainieren und Laufen zuzusehen – er genießt das ganze Drumherum mit den Rennstrecken und Trainern.«
»Nur zum Spaß«, sagte Bond, und M schaute ihn einen Augenblick lang merkwürdig an.
»Ich schätze schon«, erwiderte M schließlich. »Aber Muriks Besuch in Ascot nächste Woche sollte uns die Gelegenheit liefern. Sofern es keine kurzfristige Planänderung gibt, sollten Sie wohl in der Lage sein, am Tag des Gold Cups den Kontakt herzustellen. Damit bleibt uns noch genug Zeit, um Sie ausreichend vorzubereiten und anständig auszurüsten, was?«

DER WEG NACH ASCOT
Abgesehen von den großen Golfturnieren interessierte sich James Bond nicht sonderlich für jene Ereignisse, die nach wie vor das darstellten, was die Klatschkolumnisten – und die Schmarotzer, die Lippenbekenntnisse abgaben und ihnen Informationshappen zur Verfügung stellten – als »die Saison« bezeichneten. Ihn zog nichts nach Wimbleton, zur Henley-Regatta oder zum Royal Ascot. Die Tatsache, dass Bond ein standhafter Monarchist war, änderte nichts an den ernsten Bedenken, die er hegte, als er den Saab am Tag des Gold Cups in Richtung Ascot steuerte.
Sein Leben war seit dem Freitagabend der vergangenen Woche, an dem M beschlossen hatte, Bond ins Herz der Welt des Lairds von Murcaldy einzuschleusen, sehr betriebsam gewesen.
Im Inneren des Gebäudes am Regent’s Park stellte man keine Fragen, wenn ein plötzliches Verschwinden eines Mitarbeiters oder ein Ausbruch hektischer Aktivität die Tagesabläufe durcheinanderbrachten. Obwohl Bond gelegentlich auftauchte, wenn er von einer Besprechung zur nächsten eilte, hielt er sich nicht in der Nähe seines Büros auf.
Tatsächlich arbeitete Bond während dieser Vorbereitungsphase ganze siebzehn Stunden pro Tag. Für den Anfang gab es lange Besprechungen mit M in dessen großem Büro, das kürzlich renoviert worden war und nun von Coopers Gemälde von Admiral Jervis’ Flotte, die 1797 vor Cap St. Vincent über die Spanier triumphierte, dominiert wurde. Das Bild war eine Leihgabe des National Maritime Museum an den Secret Service.
Während der folgenden Wochen sollte sich Bond oft an diese Schlachtszene vor dem Hintergrund eines düsteren Himmels und die Darstellungen der britischen Krieger, der flatternden Flaggen und Banner erinnern, die durch die aufgewühlte See pflügten, die vom Glühen des Feuers und dem Rauch der Kanonen eingefärbt wurde.
Unter diesem Gemälde führte M Bond ruhig durch alle logischen Möglichkeiten der vor ihm liegenden Situation. Er eröffnete ihm das Ausmaß, in dem Anton Murik kürzlich in Unternehmen investiert hatte, die alle auf die ein oder andere Weise mit Atomenergie zusammenhingen, und verriet ihm seine schlimmsten insgeheimen Befürchtungen bezüglich möglicher Pläne, die der Laird von Murcaldy in diesem Augenblick aushecken mochte.
»Das Teuflische daran ist, James«, erklärte M ihm eines Abends, »dass dieser Murik seine Finger in einem Dutzend Märkten hat – in Europa, im Nahen Osten und sogar in Amerika.« Bisher hatte M die CIA noch nicht informiert, aber er hatte sich mit der Tatsache abgefunden, dass es nötig sein würde, falls sich Bond gezwungen sah – durch die Anstellung, die er bei Anton Murik zu ergattern hoffte –, innerhalb der streng behüteten Sphären des amerikanischen Einflussbereichs zu operieren.
In erster Linie bestand die Idee darin, Bond als eine Art wandelndes Abhörgerät in Muriks Gefolge unterzubringen. Natürlich musste er aus diesem Grund viel Zeit mit den Mitarbeitern der Q-Abteilung verbringen, den Experten für alle genialen technischen Spielereien. In der Vergangenheit hatten ihn die ernsthaften jungen Männer, die die dortigen Werkstätten und Testbereiche bevölkerten, oft gelangweilt, aber die Zeiten änderten sich. Innerhalb des vergangenen Jahrs hatte sich jeder im Hauptquartier über das Auftauchen eines neuen Gesichts unter den leitenden Mitarbeitern der Q-Abteilung gefreut: eine große, elegante, langbeinige junge Frau mit glattem und glänzendem strohblondem Haar, das sie in einer tadellosen, wenn auch strengen Hochsteckfrisur trug. Dies verlieh ihr in Kombination mit ihrer großen Brille ein gebieterisches, aber auch widersprüchliches Auftreten, denn sie strahlte sowohl Sexappeal als auch kühle Effizienz aus.
Innerhalb einer Woche nach ihrer Ankunft hatte die Q-Abteilung ihrer neuen leitenden Mitarbeiterin den Spitznamen Q’utie verpasst, denn sie war bereits in dieser kurzen Zeit zum Ziel zahlreicher Verführungsversuche durch unverheiratete Offiziere aller Altersstufen geworden. Bond war sie ebenfalls aufgefallen, und er hatte die Geschichten gehört. Es hieß, dass die kühlere Seite von Q’uties Persönlichkeit auch während der Stunden, in denen sie nicht im Dienst war, dominierte. Nun musste 007 plötzlich eng mit dieser jungen Frau zusammenarbeiten, denn sie war damit beauftragt worden, die Ausrüstung zusammenzustellen, die er mit auf seinen Auftrag nehmen würde, und ihm die Anwendung der einzelnen Geräte zu erklären.
Während dieses Zeitraums hielt James Bond professionellen Abstand. Q’utie war eine attraktive Frau, doch wie so viele Frauen, die zu dieser Zeit für die Sicherheitsdienste arbeiteten, blieb sie zwar freundlich, war aber stets bemüht, ihren männlichen Kollegen klarzumachen, dass sie eine selbstbestimmte Frau und damit Bond gleichgestellt war. 007 sollte erst später erfahren, dass sie ein Jahr lang im Außeneinsatz gearbeitet hatte, bevor sie den zweijährigen Technikkurs belegte, der ihr schließlich eine Beförderung in eine leitende Position in der Q-Abteilung einbrachte.
Innerhalb von achtundvierzig Stunden hatte Q’uties Team eine Reihe von Gegenständen zusammengestellt, die sie als »personalisiertes zusammenpassendes Gepäck« bezeichnete. Es bestand aus einem Lederkoffer mit einer ähnlich konstruierten stahlverstärkten Aktentasche. Beide Gepäckstücke enthielten ausgetüftelte Fächer, die versteckt und so gut wie nicht aufzuspüren waren und dazu dienten, jede Menge elektronischer Abhörgeräte, Sabotageausrüstung und ein paar andere nützliche Gegenstände aufzubewahren. Unter anderem befanden sich darunter ein hoch entwickelter Verwanzungs- und Abhörapparat, ein VL-22H-Wanzendetektor und ein Alarmstift, der auf eine Frequenz eingestellt war, die ihn mit einer Langstreckenmodifikation des SAS-900-Alarmsystems verband. Wenn er ausgelöst wurde, würde dieser Alarmstift für Bond eine sofortige Telegrammkommunikation mit dem Hauptquartier am Regent’s Park herstellen, damit er Hilfe anfordern konnte. Der Stift enthielt außerdem Microchips, wodurch er als eine Art Peilsender fungierte. Sobald er aktiviert war, konnten die Leute im Hauptquartier jeden Schritt ihres Manns im Außeneinsatz verfolgen – ein persönliches Alarmsystem in der Brusttasche.
Zur weiteren Unterstützung gab es einen kleinen Ultraschalltransmitter, und während er sich auf dieser Mission befand, sollte Bond eine exakte Kopie seines eigenen Dunhill-Feuerzeugs bei sich tragen – eine Nachbildung, die besondere Eigenschaften besaß. Des Weiteren gab es eine sogenannte »Sicherheitstaschenlampe«, die einen enorm hellen Strahl aussandte, der stark genug war, um jedes Opfer, das in sein Licht blickte, so heftig zu blenden, dass es die Orientierung verlor. Und dann hatte Q’utie noch – fast als nachträglichen Einfall – eine TH70-Nachtsichtbrille für ihn besorgt. Bond hielt es für unklug, zu erwähnen, dass diese leichte Brillenart zur Standardausrüstung gehörte, mit der Communication Control Systems Inc. seinen Saab ausgestattet hatte. Er hatte sie persönlich getestet – auf einem alten, stillgelegten Flugplatz in einer besonders dunklen Nacht –, indem er den Saab ohne Scheinwerfer mit Höchstgeschwindigkeit gefahren hatte, während er die Nachtsichtbrille getragen hatte. Durch die kleinen Projektionslinsen hatte er die umliegende Landschaft und die rissige Rollbahn, über die er den Wagen fuhr, genauso klar und deutlich sehen können, wie es an einem Sommerabend kurz vor der Dämmerung der Fall gewesen wäre.
Doch Bond verbrachte nicht nur viel Zeit mit M und Q’utie, sondern auch einige Stunden mit Major Boothroyd, dem Waffenmeister des Secret Service, um mit ihm über seine Bewaffnung zu sprechen. Ms Anweisungen zufolge sollte 007 bewaffnet losziehen – etwas, das zu dieser Zeit kein leichtes Unterfangen darstellte.
Im Laufe der Jahre, in denen er sich einen besonderen Ruf in der alten Doppelnullabteilung gemacht hatte, hatte Bond viele Handfeuerwaffen benutzt: angefangen bei der .25 Beretta – die der Waffenmeister sarkastisch als »eine Damenwaffe« abgetan hatte –, über den .38 Colt Police Positive, den .45 Colt Automatik und den .38 Smith & Wesson Centennial Airweight, bis hin zu seiner Lieblingswaffe, der 7,65mm Walther PPK, die er in dem berühmten Berns-Martin-Holster bei sich trug.
Mittlerweile war die PPK allerdings nicht mehr in Gebrauch, da sie in entscheidenden Momenten zu Ladehemmungen neigte. Die Waffe hatte das einmal zu oft gemacht, in der Nacht des 20. März 1974, als ein geisteskranker Möchtegernentführer versucht hatte, Prinzessin Anne und ihren Mann, Captain Mark Phillips, zu entführen. Der Leibwächter des königlichen Paars, Inspector James Beaton, war dabei verletzt worden, und als er versucht hatte, das Feuer zu erwidern, hatte seine Walther Ladehemmungen gehabt. Das war das Ende dieser speziellen Waffe gewesen, soweit es die britische Polizei und die Sicherheitsdienste betraf.
Seitdem hatte Bond den Großteil seiner Schießübungen entweder mit dem .45 Colt absolviert – der für einen verdeckten Einsatz viel zu schwer und unhandlich war – oder mit dem alten .38 Cobra, dem seit Langem beliebten kurzläufigen Revolver von Colt, den man für verdeckte Operationen benutzte. Bond verkündete natürlich nicht öffentlich, dass er einen nicht genehmigten .44 Magnum Ruger Super Blackhawk in einem geheimen Fach seines Saabs versteckt hatte.
Nun mussten sie sich einig werden und eine Entscheidung bezüglich Bonds Bewaffnung für den Einsatz treffen. Dadurch brach ein langwieriger, zeitraubender und manchmal recht heftiger Kampf zwischen Bond und dem Waffenmeister aus, bei dem es um die jeweiligen Vorzüge der Waffen ging.
Sie hatten die grundlegende Auseinandersetzung bereits tausend Mal geführt: Ein Revolver war immer verlässlicher als eine Automatikpistole, und zwar aus dem einfachen Grund, dass bei der Benutzung weniger schiefgehen konnte. Der Revolver hatte allerdings den doppelten Nachteil, dass man länger zum Nachladen brauchte und normalerweise nur sechs Patronen Munition in der Trommel hatte. Außerdem war seine Mündungsgeschwindigkeit und damit seine Mannstoppwirkung geringer – es sei denn, man entschied sich für ein größeres, unhandlicheres Modell.
Die Automatikpistole bot andererseits sehr viel einfachere Lademöglichkeiten (die schnelle Entfernung und Ersetzung eines Magazins im Griff), eine größere Patronenanzahl pro Magazin und sie hatte im Allgemeinen eine effektivere Mannstoppwirkung. Allerdings konnte aufgrund der vielen Einzelteile eben auch mehr schiefgehen.
Schließlich war Bond derjenige, der das letzte Wort hatte. Unter ein paar murrenden Bemerkungen von Major Boothroyd entschied er sich für eine alte, aber gut erprobte und treue Freundin: die frühe Browning 9mm, die ursprünglich von Fabrique Nationale-De Guerre in Belgien unter Anwendung der Browning-Patente hergestellt worden war. Trotz ihres Alters besaß diese Browning eine zielgenaue Mannstoppwirkung. Für Bond lag der Vorteil in ihrer Verlässlichkeit. Sie war insgesamt etwa zwanzig Zentimeter lang und hatte einen gut zwölf Zentimeter langen Lauf. Die frühe Browning war eine flache, tödliche Waffe, die von ihrer Bauweise her dem .32 Colt ähnelte, etwa neunhundert Gramm wog und in ihrem Magazin Platz für sieben 9mm-Patronen bot. Sie wurde mit Browning-Long-Patronen geladen, und es gab die Möglichkeit, eine zusätzliche Kugel in der Kammer aufzubewahren.
Bond war mit der Waffe zufrieden, kannte ihre Grenzen und hatte jegliche Gedanken an exotischere Handfeuerwaffen von modernerer Bauweise schnell beiseitegeschoben.
In dem erstaunlichen schatzkammerartigen Lagerraum des Waffenmeisters befanden sich unbenutzte Waffen aller Bauweisen, Sorten und Größen, und er holte eine der alten Brownings heraus, die noch immer in ihrer Originalverpackung lag. Sie war voller Schmierfett und in gelbes Wachspapier eingewickelt. Das war eine beachtliche Leistung, wenn man bedachte, dass diese spezielle Waffe schon seit Langem nicht mehr hergestellt wurde.
Der Waffenmeister kannte 007 gut genug, um dafür zu sorgen, dass kein Mitglied seiner Belegschaft die Waffe berührte. Er rief Bond zu sich nach unten in den Büchsenmacherraum, damit der Mann, der sie letztendlich benutzen würde, die Waffe reinigen, auseinanderbauen, überprüfen und ausgiebig ausprobieren konnte. Wenn Bond einen Fallschirmsprung hätte absolvieren müssen, hätten sowohl der Waffenmeister als auch die Q-Abteilung dafür gesorgt, dass 007 seinen Fallschirm selbst zusammenpackte. Und auch für Bond war das die einzig mögliche Vorgehensweise. Das Gleiche galt für die Vorbereitung der Schusswaffen.
An einem späten Nachmittag fand sich Bond im leeren Büchsenmacherraum ein. Er hatte den Bereich und den unterirdischen Schießstand ganz für sich allein, während er der anspruchsvollen Aufgabe nachging, von der sein Leben abhängen mochte.
Daher war er überrascht, als sich genau in dem Moment, als er sich daranmachte, das Schmierfett von der Browning zu wischen, die Tür öffnete und Q’utie eintrat. Sie trug braunen Samt und sah darin besonders begehrenswert aus. Major Boothroyd, teilte sie Bond mit, habe vorgeschlagen, dass sie herkommen solle, um die Reinigung und Vorbereitung der Waffe zu beaufsichtigen.
»Warum sollte er das tun?« Bond schaute kaum zu der jungen Frau auf, ihm war zum ersten Mal bewusst, dass ihre kühle Art eine direkte Herausforderung darstellte. Er hatte im Verlauf der vergangenen Tage hart gearbeitet und nun regte sich eine sinnliche Schlange in einer verborgenen Ecke seines Geistes. Q’utie würde eine entspannende Gesellschaft für den Abend darstellen. Q’utie schwang sich auf die hölzerne Werkbank, nachdem sie sich davon überzeugt hatte, dass die von ihr ausgewählte Stelle sauber war. »Der Waffenmeister gibt mir einen Schusswaffenkurs, wenn ich nicht im Dienst bin«, erklärte sie ihm. Zum ersten Mal bemerkte Bond, dass Q’uties Stimme ein wenig rau klang. »Ich bin nicht sehr gut im Umgang mit Handfeuerwaffen, und er meinte, Sie wären es. Er erwähnte, dass die Waffe außerdem ein altes Modell sei. Ich dachte nur, es wäre eine gute Idee, wenn Sie nichts dagegen haben.«
Bonds starke, sichere Hände bewegten sich gekonnt, fast schon liebevoll über die Pistole, während er sie in stummer Routine auseinandernahm.
»Also, haben Sie?«, fragte Q’utie.
»Habe ich was?«
»Etwas dagegen, dass ich zusehe?«
»Keineswegs.« Er schaute zu der jungen Frau hoch, deren hübsches Gesicht hinter der großen Brille ungerührt blieb. »Es ist immer am besten, Waffen sorgfältig und sanft zu behandeln«, fuhr er lächelnd fort, während die Bewegungen seiner Hände an den Mechanismen zunehmend erotisch wurden.
»Sorgfältig, natürlich.« In Q’uties Stimme schlich sich ein Hauch Sarkasmus. Dann wiederholte sie wie ein Papagei eine Stelle aus dem Ausbildungshandbuch des Secret Service: »›Waffen jeglicher Beschreibung sollten mit großer Sorgfalt und Respekt behandelt werden.‹ Treiben Sie es damit nicht ein wenig zu weit, Commander Bond?«
Verdammt, dachte er. Q’utie war ein guter Spitzname für sie. Bond verlangsamte seine Handbewegungen und ließ dadurch zu, dass der Arbeitsvorgang an der Waffe noch ein wenig offensichtlicher wurde, während er stumm die Anweisungen wiederholte:
»Kopf der Schließfederführung greifen, in Richtung Mündung drücken, um den Kopf der Führung zu lösen. Lauf vom Bodenstück abheben. Griff entfernen, um Zugang zum Hahn zu erhalten. Verschluß abnehmen, mit dem Schlagbolzen anfangen und dann normal weitermachen …«
»Oh, ich bitte Sie, Commander Bond. Ein bisschen kenne ich mich mit Waffen schon aus. Außerdem glaubt heutzutage niemand mehr diesen Quatsch, dass Waffen Phallussymbole sind.« Sie warf den Kopf zurück und lachte kurz auf. »Hören Sie auf, bei dieser Waffe so zu tun, als würden Sie eine Frau ausziehen, falls Sie das meinetwegen tun. Ich habe nichts für diese Schundromane übrig, auf deren Covern Frauen auf riesigen Waffen sitzen oder sogar rittlings darauf reiten.«
»Worauf stehen Sie denn dann, Q’utie?«, fragte Bond lachend.
»Mein Name lautet Ann Reilly«, schnauzte sie. »Diesen albernen Spitznamen, den hier alle benutzen, kann ich nicht leiden.« Sie schaute ihm volle zwanzig Sekunden lang direkt in die Augen. »Und auf die Frage, was ich mag oder nicht mag – worauf ich stehe, wie Sie es ausdrücken –, kann ich nur antworten, dass Sie es vielleicht eines Tages herausfinden werden.« Sie lächelte nicht. »Ich bin eher daran interessiert, wie diese Automatikpistole funktioniert, warum Sie sie ausgewählt haben und woher dieses weiße Mal auf Ihrer Hand stammt.«
Bond schaute ruckartig auf, jeglicher Humor wich aus seinen Augen und sein Blick wurde so eisig, dass er Q’utie beinahe Angst einjagte. »Jemand versuchte vor langer Zeit, clever zu sein«, sagte er langsam. Tief in seinem Geist erinnerte er sich sehr deutlich an all die Umstände, die zu der kosmetischen Operation geführt hatten, von der nur noch ein weißer Fleck zu sehen war, nachdem SMERSCH ihm den kyrillischen Buchstaben für SCH in den Handrücken geritzt hatte, um ihn als Spion zu kennzeichnen. Das war vor langer Zeit gewesen, aber die Erinnerung war noch so klar, als wäre es gestern geschehen. Er bemerkte die Kerbe, die er mit seiner scharfen Grausamkeit in Q’uties Abwehr geschlagen hatte. Es war vor so langer Zeit gewesen, dachte er: diese Sache mit Le Chiffre in Royale-les-Eaux, eine Frau namens Vesper – sie war etwa im gleichen Alter gewesen wie diese junge Frau, die auf der Werkbank saß und ihm ihre wohlgeformten Knie und Waden präsentierte – hatte nach dem Tod durch eine Überdosis Medikamente vor ihm gelegen, und ihr Körper unter den Laken hatte dem steinernen Abbild auf einem Grab geglichen.




