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»Puh, den wären wir los«, sagte sie.
Winters kam aus seinem Versteck hervor. »War das … äh.«
Er stotterte, weil er nicht so recht wusste, was er sagen sollte.
»Das war mein Verflossener, wir wollten heiraten«, vertraute ihm Thea an.
»Haben Sie sich gestritten?«, erkundigte sich Winters.
Thea schaute ihn an und entschloss sich, ihm die Wahrheit zu sagen, warum wusste sie selbst nicht.
»Ich habe ihn mit einer anderen erwischt«, eröffnete sie ihm.
Winters war überrascht ob ihrer Ehrlichkeit:
»So kurz vor der Hochzeit? Das war sicher alles nur ein Missverständnis, vielleicht war alles ganz harmlos!«, wollte er Thea trösten.
Thea schaute ihn zornig an. »Harmlos! Na, wenn das harmlos war, dann … dann …«
Und wieder rollten die Tränen. Roland Winters hätte sie am liebsten in den Arm genommen, traute sich aber nicht und versuchte sie zu beschwichtigen:
»Nicht weinen. Bitte nicht weinen.«
Thea schniefte und kramte ihr Taschentuch hervor. Als sie sich beruhigt hatte, sagte er leise:
»Sie haben so schöne Augen, viel zu schade für Tränen.«
Sie antwortete nicht. Sie saßen einige Zeit in Gedanken versunken nebeneinander. Nach einem prüfenden Blick, der Roland Winters ganzes Aussehen umfasste, fragte Thea plötzlich: »Können Sie schwimmen?«
Irritiert über ihren Stimmungswandel, konterte er scherzhaft: »Gibt es hier einen Gartenteich?«
Jetzt lachte Thea und ihre Stimme klang amüsiert: »Nein, aber in dreihundert Metern Entfernung liegt ein Stausee. Was ist, kommen Sie mit? Ich brauche dringend Abkühlung.«
Ohne seine Antwort abzuwarten, sprang sie auf, und kam nach einigen Minuten mit einer Tasche über dem Arm wieder.
»Kommen Sie, ich hab Handtücher und eine Badehose für Sie dabei.«
Der Weg zum See führte über einen kleinen Trampelpfad hinterm Gartentor an einer Wiese entlang und dauerte nur gut fünf Minuten. Kaum angekommen entledigte Thea sich bis auf einen knappen Bikini ihrer Kleider und sprang beherzt ins kühle Nass.
Roland Winters schaute ihr bewundernd nach. Sie war schlank wie eine Tanne, von fast jungenhaftem Aussehen und ihre Haut bronzefarben. Sie schwamm sicher und mit kräftigen Stößen weit hinaus. Schnell schlüpfte er in die Badehose, die sie ihm mitgebracht hatte, und folgte ihr. Das Wasser war eisig, aber schon nach wenigen Minuten hatte er sich daran gewöhnt. Nach zwei Stunden, von denen Thea eine nur mit Schwimmen zugebracht hatte, gingen sie gemächlich zurück. Sie verstanden sich gut und waren ohne Formalitäten zum Du übergegangen.
Das kleine Häuschen verfügte über jegliche Annehmlichkeit, die man auch in normalen Häusern findet. Nach dem Abendessen, das sie gemeinsam zubereitet hatten, erkundigte sich Roland: »Wem gehört das Haus, deinen Eltern?«
Thea beugte sich über die Spülmaschine, um das Geschirr einzuräumen und antwortete, ohne aufzusehen: »Meinem Onkel, er ist oft hier. Meine Eltern sind tot.«
›Verdammt, wieder ins Fettnäpfchen getreten‹, dachte Roland, laut sagte er: »Oh, das tut mir leid. Ich hab es nicht gewusst.«
Thea richtete sich auf und ließ die Tür der Spülmaschine zuschnappen.
»Schon gut. Ist heute nicht mehr so schlimm. Ich war siebzehn, da sind sie mit dem Auto verunglückt. Jetzt hab ich nur noch Onkel Franz. Von ihm sind die Sachen, die ich dir zum Anziehen gegeben habe.«
Roland schaute sie an. »Ist er nett? Ich meine deinen Onkel.«
Thea lächelte und ihr Gesicht wurde weich. »Er ist fantastisch. Ich wohne bei ihm auf dem Hof. Ich habe dort meine eigene Wohnung.«
Sie gingen hinaus auf die Terrasse und genossen die letzten Sonnenstrahlen. Roland Winters konnte sich Thea gut auf einem Pferderücken vorstellen und fragte sie: »Reitest du?«
»Leidenschaftlich gerne!«
Sie verstummte und schnell fiel er ein, um sie abzulenken:
»Toll, ich reite auch gern.«
Sie antwortete nicht und wieder war dieser traurige Ausdruck in ihrem Gesicht. Roland Winters verfluchte in Gedanken Maik Lohberg, trotzdem, irgendwo in seinem Innern freute er sich über den Ausgang. Bisher hatte er die Richtige noch nicht gefunden. Vielleicht war es doch nicht so schlimm, dass er in der Bar überfallen wurde, denn sonst hätte er Thea wohl niemals kennengelernt. Zwar war sie keine dieser oberflächlichen Schönheiten mit üppiger Oberweite und blonder Mähne, die die Titelblätter der Illustrierten zierten, aber auf ihre Art durchaus reizvoll. Ihr Gesicht hatte eine etwas breite Stirn und die Wangenknochen standen ein wenig vor, doch die blauen Augen wurden von dichten, langen Wimpern verdeckt und die Brauen bildeten schmale Bögen, die über der Nase fast zusammenstießen. Die gerade geformte Nase ließ das Gesicht etwas streng erscheinen, doch ihr kleiner Mund mit den vollen Lippen war sanft geschwungen, und wenn sie lächelte, erschienen zwei winzige Grübchen auf ihren Wangen, die ihr Gesicht angenehm verzauberten.
Im Moment war sie mit ihren Gedanken weit weg, und eine steile Falte zwischen ihren Brauen kündete davon, dass diese Gedanken keineswegs freundlicher Natur waren. Um sie abzulenken, erkundigte er sich nach ihrem Onkel.
»Ist dein Onkel Landwirt?«
Irritiert schrak Thea auf und lachte dann laut.
»Landwirt?! Um Gottes willen, nein. Er ist Arzt. Er hat einen Verwalter für den Hof.«
Winters war überrascht. »Wo liegt der Hof oder darf das niemand wissen?«
Thea lachte immer noch. »Natürlich nicht, in der Nähe von Gütersloh. Direkt an einem kleinen Dorf beim Industriegelände führt die Straße zu uns. Das Haus liegt etwa drei Kilometer vom Ort entfernt.«
Winters hakte gleich nach: »Dein … äh, dieser Maik, hat der auch einen Hof?«
»Maik? Nein! Er hat ein Haus in der Stadt. Maik ist Anwalt«, erklärte sie kurz und stand dann auf. »Mir ist kalt. Ich werde etwas fernsehen.«
Winters antwortete nicht. Er war sich jetzt sicher, Lohberg schon mit einer Frau gesehen zu haben. Sein Vater hatte den Namen Lohberg einmal erwähnt im Zusammenhang mit Grundstücksverhandlungen.
Roland Winters sen. war Besitzer der ROWI-Werke, er Roland Winters jun. sollte diese Werke einmal erben. Bisher hatte ihn das nicht sonderlich begeistert. Er hatte an der Ruhruniversität in Bochum studiert und war seit einem Jahr Diplombetriebswirt. Nach dem Abitur hatte er erst eine Ausbildung zum Wergzeugmechaniker absolviert, ungern, auf Wunsch seines Vaters, um sich besser im Herstellungsbereich auszukennen. Aber er hatte meistens den verwöhnten Sohn gespielt, sehr zum Ärger seines alten Herrn. In der letzten Zeit hatte er es außerordentlich schlimm getrieben. Er war nun dreißig Jahre alt, und seine Kneipenbummel nahmen immer groteskere Formen an. Dass er so betrunken war, und nicht einmal mehr wusste, mit wem er zusammen war, und wie er in diese Gegend gekommen war, war der absolute Höhepunkt. Wenn er Anzeige erstatten wollte, würde er der Polizei keinerlei Hinweise geben können, da er sich weder an den Namen der Bar erinnern konnte, in der er zuletzt gewesen war, noch an die Personen, die ihn ausgeraubt hatten.
Er hatte auf Wunsch seiner Schwester eine Druckerei auf einem Industriegelände in der Nähe von Schloss Neuhaus besichtigt. Danach war er mit dem Geschäftsführer in die Dorfkneipe gegangen. Sie hatten mit mehreren jungen Männern gekegelt. Der Druckingenieur hatte sich längst verabschiedet. Er hatte einen Taxidienst beauftragt, seinen Wagen nach Hannover zurückzubringen. Dann hatten sie weiter gefeiert. Später war er mit den anderen Männern durch etliche Kneipen gebummelt. Er konnte sich an keinen von ihnen richtig erinnern.
An diesem Abend auf der Terrasse des kleinen Häuschens im Sauerland schwor er Besserung. Vielleicht, wenn Thea wirklich diesem Anwalt den Laufpass gab, könnte er sich ja revanchieren und sie einmal zu einem Essen einladen.
Er saß so in Gedanken versunken auf der kleinen Terrasse, dass er gar nicht bemerkte, dass es allmählich dunkel wurde. Erst als der Mond als dünne Sichel hinter den hohen Bäumen auftauchte, raffte sich Winters auf und ging hinein.
Drinnen war alles still. Im Halbdunkel sah er sich nach einem Schalter um. Als er Licht gemacht hatte, entdeckte er einen Zettel auf dem Wohnzimmertisch.
›Ihr Zimmer ist rechts neben dem Bad. Thea‹
Er war erstaunt über die förmliche Anrede, war es nur ein Versehen oder sollte es einen besonderen Abstand verdeutlichen? Verärgert knüllte er den Zettel zusammen. Sie glaubte doch wohl nicht, dass er die Situation ausnutzen würde. Er schloss leise die Terrassentür und löschte das Licht. Langsam tastete er sich durch den fast dunklen Raum zur Treppe. Oben angekommen sah er eine Tür rechts neben dem Bad weit geöffnet. Ein weiterer Hinweis nur ja nicht im falschen Raum zu landen.
Bestimmt hatte sie auch noch ihre Tür verschlossen! Roland Winters zog geräuschlos die Zimmertür hinter sich zu, die gute Stimmung, die ihn den ganzen Nachmittag begleitet hatte, war dahin.
Am anderen Morgen wurde er schon früh durch das Gurren einer Taube geweckt. Zu seinem Erstaunen hatte er tief und traumlos geschlafen. Hastig stand er auf. Es war schon taghell. Zu dumm, dass er keine Uhr hatte! Aber sicher war es schon sieben.
Leise schlich er aus dem Zimmer ins Bad. Nach der Morgentoilette ging er gleich nach unten. In der Küche hörte er Thea rumoren.
»Na, gut geschlafen?«, erkundigte sie sich fröhlich, als er eintrat.
Sein Blick fiel auf die Küchenuhr. »Oh, so spät schon?«, fragte er schuldbewusst, denn es war fast acht.
Es duftete nach frischem Kaffee und in einem Korb standen knusprige Brötchen auf dem Tisch. Einladend wies Thea auf den Stuhl neben sich und lächelte.
»Im Urlaub muss man schließlich ausschlafen, oder?«
Sie hatte sich schon ein Brötchen mit Marmelade geschmiert und biss herzhaft hinein. Zögernd nahm er Platz, und Thea schenkte Kaffee ein.
»Milch und Zucker?«
Er nickte und verspürte augenblicklich einen entsetzlichen Hunger. Das Frühstück war genau nach seinem Geschmack. Es gab neben Marmelade auch verschiedene Sorten Wurst und Schinken, Tomaten und ein gekochtes Ei für jeden.
»Tolles Frühstück«, bemerkte Roland anerkennend.
»Ein gutes Frühstück verträgt jeden Tag, hat mein Onkel immer gesagt, und ich glaube, er hat recht«, schmunzelte Thea.
»Ein kluger Mann, Ihr Onkel!«, murmelte Roland, absichtlich förmlich, da er sich plötzlich an ihren Zettel vom Abend vorher erinnerte.
»Oh, so förmlich heute?«, belustigte sich Thea. »Ich dachte, wir waren per du.«
Roland hatte gerade den Mund voll, das gab ihm Zeit. Als er dann mit einem Schluck Kaffee nachgespült hatte, meinte er mit unschuldiger Miene:
»Oh, Pardon, Thea, ich glaube, ich bin heute noch etwas verschlafen.«
Er lächelte ihr zu und Thea fragte sich, warum zum Teufel dieser Typ überraschend rot wurde und, um ihre eigene Verlegenheit zu verbergen, stand sie auf und lenkte ab:
»Möchtest du noch etwas Kaffee?«
Roland beeilte sich, zuzustimmen.
Nach dem Frühstück ging er auf die Terrasse und genoss die warme Sommerluft. Es war ein strahlend schöner Tag und irgendwie bedauerte er, dass er schon bald abgeholt werden sollte. Just in diesem Augenblick fuhr ein Wagen vor und auch ohne hinzuschauen, erkannte er am Klang den knallroten Porsche seiner Schwester. Schnell ging er ins Haus, um sich von Thea zu verabschieden. Den missbilligenden Blick seiner Schwester wollte er ihr ersparen. Marianne konnte manchmal so gnadenlos direkt sein.
Zu spät! Thea war schon hinausgegangen und blickte interessiert auf den roten Flitzer. In ihrem etwas verblichenen Jogginganzug wirkte sie wie ein Aschenputtel gegen die elegante Dame, die gerade aus dem Auto stieg. Als Roland Thea bei ihr stehen sah, hatte er das Gefühl, sie beschützen zu müssen. Zum Teufel mit diesen aufgedonnerten Frauen, die alle anderen wie Mauerblümchen aussehen ließen. Verärgert strebte er an Thea vorbei, auf seine Schwester zu: »Marianne, du bist schon da! Dann kann es ja gleich losgehen.«
Marianne Winters nahm lässig ihre Sonnenbrille ab und blickte neugierig um sich.
»Hallo, Brüderchen! Welch hübsches, kleines Haus.«
Sie wandte sich an Thea. »Kann ich es mir mal ansehen?«
Thea lächelte freundlich. »Ja, natürlich. Kommen Sie nur herein.«
Sie sah Rolands Gesichtsausdruck und wusste nicht so recht, wie sie ihn deuten sollte. Aber er ließ ihr keine Zeit zu überlegen und sagte:
»Bitte, Marianne, warum denn der Aufwand, lass uns gleich fahren.«
Sein bestimmtes Auftreten brachte ihm einen vernichtenden Blick von Thea ein, und seine Schwester zog einen Flunsch: »Also wirklich, Roland, soviel Zeit werden wir gewiss haben.«
Sie zog ihre grellrot geschminkten Lippen zusammen und fuhr sich mit ihren rotlackierten Nägeln durch ihre blondierte Mähne und schüttelte sie. Dann grinste sie belustigt und meinte spöttisch:
»Keine Sorge, ich werde Vater nichts von deinem Liebesnest verraten.«
Roland Winters wurde rot und Thea schnappte nach Luft.
Marianne ließ sich dadurch nicht stören, stelzte auf ihren hochhackigen Schuhen zielstrebig auf Thea zu, reichte ihr die Hand und drängte:
»Ach, bitte würden sie mir das Häuschen einmal zeigen? So etwas habe ich mir seit einer Ewigkeit gewünscht.«
Thea nickte und beide gingen ins Haus. Verärgert blieb Roland draußen stehen. Lange würde sich Marianne bestimmt nicht aufhalten. Und er hatte recht! Kaum zehn Minuten später kamen die beiden Frauen wieder heraus. Jetzt war der Kontrast besonders deutlich. Es gab Roland Winters einen Stich, seine elegante Schwester mit ihrem perfekten Make-up und dem eng anliegenden, hellgrauen Kostüm neben Thea zu sehen. Theas blaue Augen glitzerten dunkel und auf ihren Wangen hatte sich ein zartes Rot ausgebreitet. Nun lächelte sie Marianne zu und ihre feinen Grübchen ließen das Gesicht aufleuchten, und in diesem Moment sah sie so zauberhaft jung aus, dass Roland Winters sie verwirrt anstarrte.
Thea reichte Marianne die Hand und verabschiedete sich.
»Besuchen sie mich doch einmal. Gleich hier in der Nähe ist ein wundervoller Stausee. Man kann dort herrlich schwimmen und faulenzen.«
Marianne öffnete die Fahrertür und antwortete: »Vielleicht, ich überleg es mir, danke.«
Sie schwang sich hinters Steuer. Roland beeilte sich Thea ebenfalls die Hand zu geben und meinte etwas steif: »Danke. Äh, ich, ich werde mich bei dir melden.«
Dann stieg er schnell ein, und als Marianne den Wagen mit Schwung zurücksetzte, sah er nur Theas etwas erstauntes, lächelndes Gesicht mit den Grübchen und dachte:
›Verdammt, ich habe sie nicht einmal nach ihrer Telefonnummer gefragt‹.
Seine Schwester betrachtete ihn belustigt.
»Roland, du hast dich doch nicht etwa in dieses Kind verknallt!«
Verärgert knurrte er: »Du spinnst ja.«
Dann wandte er sich ab, um ihren forschenden Augen zu entgehen und ließ sich den Fahrtwind durchs Gesicht blasen.
Thea hatte dem roten Porsche nachgeschaut. Was hatte dieser Roland Winters nur? War es ihm peinlich, mit ihr gesehen zu werden? Verstimmt ging sie ins Haus.
Roland Winters war ihr anfangs so sympathisch gewesen, aber nun!? Seine Schwester war so nett zu ihr gewesen, hatte aber nach einem kurzen Blick in die unteren Räume gemeint, ihr Bruder habe es wohl eilig und sich schnell verabschiedet. Marianne Winters hatte ihr gefallen, solch eine Schwester hätte sie auch gern gehabt, zum Bummeln und Einkaufen, zum Ausgehen und überhaupt. Aber Roland hatte sich benommen, als müsse er etwas vor seiner Schwester verbergen. So etwas Blödes! Wenn sie eine Schwester hätte, würde sie ihr alles erzählen.
Als Thea jetzt so mit ihren Gedanken beschäftigt durch den Flur ging, fiel ihr Blick auf ihr Bild in dem großen Dielenspiegel. Sie erfasste mit einem Male ihr ganzes Aussehen, den alten Jogginganzug, ihr strähniges Haar und dachte an die elegante Erscheinung von Marianne Winters.
Das war es also! Er hatte sich für sie geschämt! Was bildete der Typ sich eigentlich ein? Schließlich war es früh am Morgen und sie hatte Urlaub. Zur Arbeit ging sie auch nicht so salopp.
›Männer!‹, dachte sie grimmig. Entschlossen ging sie nach oben ins Bad und stellte sich unter die Dusche.
Kaum hatte Thea sich das Haar getrocknet und sich angezogen fuhr wieder ein Wagen vor. Natürlich Maik! Mit einem riesigen Rosenstrauß, der sein schlechtes Gewissen noch deutlicher machte, stapfte er herein.
»Was willst du?«, empfing Thea ihn, ohne ihm die Blumen abzunehmen.
»Thea, es tut mir leid!«
Er machte ein zerknirschtes Gesicht. Thea betrachtete ihn spöttisch und meinte kühl:
»Wenn du meinst, dass ich es mir überlege, hast du dich geirrt. Am besten du heiratest Beate, dann brauchst du nicht einmal die Gäste auszuladen.«
Sichtlich nach Fassung ringend legte Maik den Rosenstrauß auf den Wohnzimmertisch und holte tief Luft.
»Thea! Was sollen denn die Leute denken? Mein Vater wird entsetzt sein!«
Thea sah ihn stirnrunzelnd an.
»Wenn das deine einzigen Sorgen sind, kann ich dir leider nicht helfen. Mir ist es nämlich egal, was die Leute sagen! Und dein Vater ist mir auch egal!«
Kaum hatte sie diese Worte ausgesprochen, wusste sie, dass es stimmte. Es ging doch hier nur um sie beide, oder?
Maik schien da anderer Ansicht, sein Gesicht nahm eine rote Färbung an, und als er nun sprach, spürte man deutlich den verhaltenen Zorn:
»Ich weiß nicht, wie du dir das vorstellst! Wir sind doch nicht allein auf der Welt. Die Gäste, der Pfarrer, dein Onkel … « Jetzt wurde er eifrig, als sei ihm eine Idee gekommen. »Du kannst das doch deinem Onkel nicht antun, Thea. Als Chefarzt steht er doch im Mittelpunkt des Interesses. Bitte, Thea!«
Thea hatte ihm schweigend zugehört, und während sie ihn betrachtete, seine schlanke Gestalt nur wenig größer als sie, das blonde, kurz geschorene Haar und die grauen Augen, die sie zwar etwas zerknirscht, aber dennoch voller Eifer anblickten, dachte sie plötzlich an ein anderes Gesicht: dichtes, dunkles Haar, eine breite Stirn, die lange gerade Nase und schwarze Brauen über braunen Augen, mit kleinen, gelben Sprenkeln darin.
Maik hatte all seine Überzeugungskraft aufgewandt, als er plötzlich bemerkte, dass sie völlig abwesend zu sein schien, fuhr er sie unbeherrscht an:
»Sag mal, hörst du mir überhaupt zu?«
Thea schrak zusammen, fasste sich aber schnell: »Natürlich! Du schreist ja laut genug!«
»Aber du scheinst mich trotzdem nicht verstanden zu haben!«, brüllte er sie an.
Thea schenkte ihm einen langen, eisigen Blick, zuckte die Schultern und ging davon. Er schnappte zornig nach Luft und folgte ihr.
»Hör mal, was fällt dir ein, mich hier einfach so stehen zu lassen?«
Sie war die Treppe hinaufgegangen, verschwand in ihrem Schlafzimmer und drehte den Schlüssel hörbar um. Maik Lohberg stand einige Zeit unentschlossen im Flur, abwartend, ob sie es sich nicht doch noch anders überlegte, dann, nach einer vertanen Viertelstunde, verließ er geräuschvoll das Haus und fuhr mit dröhnendem Motor davon.
Als Thea den Wagen wegfahren hörte, überlegte sie, wie sie die nächsten Tage ihres Urlaubs in Ruhe ohne derartig lästige Störungen verbringen sollte. Maik würde nicht locker lassen. Sie war sich nicht so sicher, wie sie sich vorhin gegeben hatte. Hätte er sie in den Arm genommen, wäre er so sanft und zärtlich gewesen, wie sonst, dann hätte sie wohl eingelenkt. Aber ihm ging es ja nur um sein Ansehen, um seinen Ruf. An sie hatte er dabei nicht gedacht, dass jedenfalls hatte sie genau gespürt. Überhaupt hatte sie Maik nie so kennengelernt. Er hatte sich nicht einmal richtig bei ihr entschuldigt. Sie musste unbedingt mit Onkel Franz sprechen. Nur zu dumm, dass der gerade auf Mallorca war. Doch dann kam ihr eine Idee.
Entschlossen ging sie ans Telefon.
»Peng, Peng! Du bist tot! « Der Junge hatte leuchtend rotes Haar und war fünf Jahre alt. Er tobte mit einer Plastikpistole durchs Haus.
»Zum Donnerwetter! Gib das Ding her!«, brüllte Alfons Weiß und lief hinter seinem Sohn her. Der Kleine rannte hinaus in den Garten. Bevor er unter einem Nussstrauch verschwinden konnte, hatte sein Vater ihn am Pullover erwischt. Er packte den sich heftig wehrenden Jungen mit festem Griff und entwand ihm die Pistole. Sven zappelte und trat seinem Vater vor das Schienbein. Weiß klemmte sich den Jungen unter den Arm und brachte ihn ins Haus.
Andrea Weiß hatte mit gerunzelter Stirn ihre rothaarigen Kampfhähne beobachtet. Als sie jetzt im Wohnzimmer aufkreuzten, baute sie sich, die Hände in die Hüften gestemmt, vor ihnen auf.
»Ihr benehmt euch, wie kleine Kinder.« Mit einem zornigen Blick auf ihren Mann, der seinen Sohn nun wieder auf die Füße gestellt hatte, schnappte sie sich die Pistole.
»Sven, woher hast du die Pistole?«
»Gefunden.«
Sven schaute auf seine Fußspitzen. Andrea ging vor ihrem Sohn in die Hocke.
»Eine Pistole ist etwas ganz Gefährliches. Ich möchte nicht, dass du damit spielst.«
Sie schloss ihrem Sohn in die Arme und drückte ihn fest an sich. Alfons stand unentschlossen neben den beiden. Sven schaute seine Mutter trotzig an.
»Papa hat auch eine Pistole!«
»Ich bin Polizist!«
Alfons Weiß hatte sich ebenfalls hingehockt. In diesem Moment erklang ein gedämpftes Hupen.
»Das ist Jupp«, schrie Sven, und die Pistole war vergessen. Er rannte hinaus. Seine Eltern sahen einander etwas ratlos an. Kurz darauf kam Josef Tann mit Sven auf der Schulter herein. Er setzte ihn lachend ab und meinte: »Du bist ganz schön schwer geworden!«
Er fasste in seine Tasche und holte ein kleines Polizeimotorrad hervor. »Schau mal, was ich dir mitgebracht habe.«
Sven nahm das Fahrzeug und betrachtete es ausgiebig. »Wow, man kann sogar den Lenker bewegen.« Er setzte sich auf die Erde und schob das Krad hin und her.
»Sven, was sagt man denn?«, erinnerte ihn seine Mutter vorwurfsvoll.
»Danke, danke!«, alberte Sven herum und fuhr energisch fort: »Ina kriegt das nicht! Das gehört mit!«
»Natürlich gehört es dir«, bestätigte Josef Tann. »Alfons wir müssen los.«
Weiß gab seiner Frau einen Kuss, und zu seinem Sohn sagte er schelmisch mit dem Finger drohend:
»Bleib artig und pass auf Mama und Ina auf.«
Als sie im Auto saßen, frotzelte Tann: »Knies gehabt?«
»Knies? Nee, das nicht! Aber der Kleine hat seine Trotzphase. Andrea kriegt ihn nicht in den Griff.«
»Andrea?! Ich hatte eher den Eindruck, du kriegst ihn nicht in den Griff!«, lachte Tann.
»Egal, der Bengel macht im Moment nur Theater. Hatte sich von seinem Freund eine Plastikpistole ausgeliehen, um seine Mutter zu ärgern.«
Weiß lenkte den Wagen vorsichtig um einen abgestellten LKW herum. Die stark gewundene Straße war hier sehr schmal und wurde beidseitig von hohen Linden gesäumt. An einigen Bäumen waren Spuren von Kollisionen zu sehen. Die Fahrbahn war schlecht, alle dreihundert Meter standen Warnschilder. Trotzdem wurde die Straße von Motorradfans gern als Rennstrecke benutzt.
»Was du immer hast. Ich finde Sven ist eben ein richtiger Junge«, meinte Tann.
»Kannst ihn dir ja mal ausleihen«, brummte Weiß. Als er Tanns Grinsen sah, setzte er hinzu: »Ina war jedenfalls in dem Alter nicht halb so schlimm.«
»Ina war genauso ein Racker. Wenn ich an die Geschichte mit der Maus denke.« Tann schmunzelte.
Ina Weiß war im Alter von vier Jahren mit einer Maus in der Tasche ins Wohnzimmer gekommen und hatte sie bei ihrer Mutter auf dem Schoß laufen lassen. Das Mäuschen wollte sich instinktiv verstecken und war Andrea Weiß in den Ausschnitt gehüpft. Riesenspektakel im Hause Weiß war die Folge.
Alfons Weiß sah seinen Kollegen verärgert an. Die Mausgeschichte hatte eine ganze Zeit lang zur Erheiterung der Bekannten und Verwandten gedient. Seine Frau hatte kurzerhand die Koffer gepackt und war drei Wochen bei ihrer Mutter geblieben. Weiß wurde ungern daran erinnert.
Tann lehnte sich zurück und genoss es, sich fahren zu lassen. Er hatte die Seitenscheibe geöffnet und der Fahrtwind blies herein. Sie fuhren in Richtung Autobahn.
Der Hof Osthager lag etwa drei Kilometer von der Autobahnbrücke entfernt, an der sich Susanne Gressmer umgebracht hatte. Es war warm. Kommissar Weiß hatte den Wagen vor der Scheune abgestellt. Tann stieg aus und ging zielstrebig auf die eine kleine Seitentür zu. Weiß blieb im Wagen.




