Der Klang des Bleistiftes, der zu Boden fällt

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„Du weißt, um ein Partizip von einem Infinitiv, also, um die gleichgesprochenen Endungen -é und -er zu unterscheiden, musst du dein Verb durch faire ersetzen. So wird der Unterschied hörbar!“
„Oui, Tatie Nenne“, antwortete ich, beschämt über meine Vergesslichkeit.
Ich kann heute noch nicht einen Satz schreiben, ohne an die rot korrigierten Fehler zu denken, da sie mir noch jahrelang später meine an sie gesendeten Briefe rot verbessert zurückschickte.
S’en aller war mein Verb, fortgehen war definitiv mein Infinitiv. Man sollte nicht aufhören weggehen zu wollen, um hingehen zu können. Wohin ist unwichtig. Ich dachte zuerst, man müsste weit weg gehen, um möglichst viel zu sehen. Aber Tatie Nenne hatte Frankreich nie verlassen und sie sprach, als ob sie die Welt in ihrer Tasche trüge. Man dürfe nur nicht im Kopf stehen bleiben, sonst gehe man dahin.
Tatie Nenne sagte: „Wenn du jemanden kennenlernen möchtest, frage nicht, woher er kommt, sondern wohin er geht. Denk an die Wundertüte, die deine Großmutter Irène in ihrer Gaststätte verkauft. Der Schatz ist nicht drin, da befindet sich nur vergängliche Bagatelle, der Schatz ist das Lächeln, das das Auspacken auf die Lippen des Kindes malt, und das Funkeln, das die Neugier in seinen Augen entzündet. Das Glück ist ein Frechdachs, der sich gerne versteckt, du musst deine Augen und dein Herz ganz groß aufmachen, um ihn zu entdecken.“
Es waren meine Wörter, mein Diktat, meine rot korrigierten Fehler. Ich liebte die Adjektive, die sich entweder wie fliegende Teppiche zu den Füßen ihrer herrischen Substantive legten oder es wagten, gegen das Sein zu rebellieren: Epitheton oder Attribut fasste die Lehrerin zusammen. Sie waren Zuckerwürfel. Wie bei dem Spiel Reise zum Mond warf ich den Stein dorthin, wo ich ihn brauchte, hüpfte mit einem Bein über die Felder und gelang in den Himmel. Sie versüßten sofort meinen Satz. Wie konnten die Menschen in Papua-Neuguinea ohne sie leben? Tatie erzählte mir, dass ihre Sprache, das Yimas, nur fünf Adjektive besitze: kpa für groß, waca für klein, yua für gut, mama für schlecht und ma für andere. Ganz schön schwierig, mit diesem reduzierten Angebot in einem Aufsatz einen windigen Tag im Herbst zu beschreiben! Tatie meinte auch, man habe verlernt, das Adjektiv zu ehren: „Unsere dekadente Gesellschaft glaubt, dass es wie der Zucker dick macht, und das Abnehmen ist modern. Die Leute wissen einfach nicht mehr, wie man das Adjektiv verwendet. Entweder wird es im Überfluss konsumiert oder strikt abgelehnt.“
Meine Großtante hatte aus ihren rosaroten Aspirin-Schachteln ein Spiel gebastelt, das sie bei ihren gleichgesinnten Nachbarn, Monsieur und Madame Hulot, entdeckt hatte. Mit ihrer gewohnten Akribie und der Schere, die nur für Papier benutzt werden durfte, hatte sie unzählige viereckige Stückchen aus Pappe ausgeschnitten, und die nicht bedruckte Seite mit allen Buchstaben des Alphabets verziert. Sie hatte sich genau erkundigt, wie oft jede einzelne Hieroglyphe vorkam. Ihr selbst entworfenes Diamino war ein Kunstwerk, nur die Benutzung erwies sich als eine delikate Angelegenheit: Wir mussten aus den dünnen Papierbuchstaben Wörter bilden und sie senkrecht und waagrecht auf dem klebrigen Wachstuch in der Form eines Kreuzworträtsels anordnen. Meine ungeschickten Finger verzweifelten. Ich strengte mich an – so wie bei dem reisgepuderten Kuss der Madame Hulot –, die Luft anzuhalten, sonst flogen die leichtsinnigen Aspirin-Teilchen aus dem mühsam erstellten Kreuzgitter durcheinander. Aber die Freude, nach der Konzentration ein System aus Wörtern erschaffen zu haben, war so groß, dass wir die Übung jeden Abend unermüdlich wiederholten. Ich liebte es, mit diesen winzigen Wesen aus Buchstaben zu spielen. Sie waren sauberer als die Ameisen aus dem Erdhaufen unter dem Birnbaum, ließen sich freiwillig führen und stellten keine Gefahr dar. Ich erhob bei dem Spiel den Konsonanten R, der wie ich am 18. geboren war, in den Rang des Buchstabenkönigs: R mon Roi! Wenn einer es verdient hatte, als Kopf zu stehen, dann dieser knurrende Elefantenrüssel. Kein Problem, den Hundsbuchstaben in einem Wort zu platzieren. Alle Verben im Infinitiv brauchten ihn. Tatie Nenne hatte mir erzählt, dass im 18. Jahrhundert die Unglaublichen und die Wunderbaren, die exzentrischen neureichen Pariser Bürger des Direktoriums, das R aus ihrem Wortschatz gestrichen hatten, um während der Französischen Revolution ihre Missgunst der Schreckensherrschaft gegenüber auszudrücken: R wie Revolution! Ich versuchte, sie zu imitieren: „Ma pa’ole d’honneu‘! C’est inc’oyable!“ Mein Eh’enwo’t! Das ist haa’st’äubend!, und stellte fest, dass man erst, wenn etwas verschwindet, merkt, wie wichtig es ist. Würde mir Tatie fehlen, wenn sie nicht mehr da wäre? Welchem fehlenden Buchstaben des Alphabets würde sie entsprechen? Wäre sie ein E, unersetzbar in der französischen Sprache, oder wäre sie nur ein W, worauf man mühelos verzichten kann?
„Eigentlich ist die Literatur eher als die Tonkunst die Kunst der Musen, Ma Douce“, erklärte mir die Lehrerin. Die Muse amüsierte: Die Worte klangen wie Musik, tanzten auf dem knarrenden Parkettboden meines Herzens und schmückten mit leuchtenden Sternen die tristen Wände des Hauses. Meine Präferenz ging an die Blaugrünen, die Braven, die Worte, die keine Wellen schlagen und von den Augen gesprochen werden können. Das Wort Savanne war hellblau wie der Blick von Michel, meinem Spielkameraden in Rethel. Lion mochte ich nicht besonders, es war ockerbraun wie die Erde am Brunnen, die an meinen Gummistiefeln kleben blieb. Aber Manuel stand ganz oben auf meiner Liste. Wenn Tatie sagte „Regarde dans ton manuel“ – sieh in deinem Handbuch nach; sie benutzte nicht das übliche Wort livre, Buch, wie alle anderen –, befand ich mich in meinem Schlauchboot in Saint-Jean-de-Monts an der Atlantikküste und betrachtete die schimmernde zyanfarbene Oberfläche des Ozeans.
„Gigi ist gelb wie die Sonne, nicht wahr, Tatie Nenne?“
„Nein, sie ist rot wie der Abend“, korrigierte sie mich.
„Aber Papa ist blau, oder?“
„Ja, sogar dunkelblau.“
Die Bestätigung beruhigte mich ein wenig. Die Farben meiner Wörter waren anders als die meiner Großtante. War ich normal? Musste ich das Umdenken üben wie die Linkshänder, die in der Schule gezwungen wurden, die rechte Hand als Schreibhand zu verwenden? Ich holte meine Aquarellpalette und bemühte mich, auf meinem Zeichenblock ihren Buchstaben-Regenbogen zu malen, aber wie eine schwingende Schaukel kehrte mein eigener zu mir zurück: Mein I war safrangelb und nicht rot, mein A ultramarinblau, mein U blieb smaragdgrün, mein O braun wie die gebrannte Erde aus Siena und mein E milchig wie das Porzellanweiß Blanc de Chine aus der Tube meines Malkastens. Meine Vokale hatten unauslöschliche Farben, die ich nicht tauschen konnte. Sie waren genauso so fest implantiert wie die Haare auf meinem Kopf. Wenn ich probierte, sie heraus zu reißen, tat es weh.
Vokale
A schwarz, E weiß, I rot, U grün, O blau – Vokale,
eines Tages bring ich es aus Euch zur Welt:
A, schwarzes Leibchen von Fliegen im Feld,
die um greulichen Dunst gepaart wie Schakale,
Schattenbuchten; E Verführung von Rauch und Zelten,
Gletscherstahl kühn, weiße Herren, kitzelnde Doldenrippen;
I Purpurtöne, ausgespienes Blut, Lächeln schöner Lippen,
bevor sie sich zu Raserei und geilem Rausch entstellten;
U, Zyklen, göttliches Vibrieren der Tiefseespalten,
Friede tierbesäter Haine, Friede der Falten,
die im Studium der Alchemie die Stirnen füllen;
O, himmlische Posaune voll quietschender Gestänge,
stille Räume quer durch die Zeiten und Engel:
– O Mega-O, violettes Brennen Ihrer Pupillen!
„Vokale“ (Voyelles) von Arthur Rimbaud, geboren in Charleville am 20. Oktober 1854. Übersetzung aus dem Französischen von Jan Volker Röhnert.
LES GRANDES VACANCES
Wie in einem heiligen Ritual
wandert die Hälfte der Bevölkerung Frankreichs in den
Sommermonaten Juli und August Richtung Meer.
Les vacances de Monsieur Hulot (1953) | Regie: Jacques Tati
Während der Zeit, die ich bei Tatie Nenne verbrachte, gehörte der Krieg zu meinem Alltag. Ich habe damals nicht begriffen, dass sie beide Weltkriege erlebt hatte, dachte nur, dass sie im Dauerkrieg mit den Deutschen lebte. Im Nachhinein fällt mir auf, dass ich, die sonst jeden Augenblick der Stille mit Worten füllte, bei ihr nie etwas nachfragte, sondern wie in der Schule immer aufmerksam zuhörte. Das war vielleicht auch ein Grund, weshalb sie mich ‚Ma Douce‘, Meine Sanfte, nannte, was alle anderen merkwürdig fanden, denn es passte einfach nicht zu dem Wirbel, der ich sonst war.
Die Deutschen waren Tatie Nennes Hauptthema. Sie lehrte mich ihre deutschen Gebote, so wie sie mir das Beten beibrachte: „Deine Eltern sind mit der Religion nicht sehr zuverlässig!“
Jeden Abend, bevor ich das hohe Bett besteigen durfte, musste ich im Knien das auswendig gelernte Kindergebet rezitieren: „Jesuskind in meinem Herzen, wer hat dich gebracht? Die Gnade Gottes. Wer hat dich weggenommen? Die Sünde. Geh weg, böse Sünde, komm zurück, Jesuskind! Mein Herz wird nicht mehr sündigen.“
Nach diesem Ritual, das sie überwachte wie die Milch auf dem Feuer, kamen die Deutschen: „Ma Douce, du musst wissen, dass sich viele Deutsche im Krieg hilfsbereiter zeigten als manche Franzosen im Dorf. Sie waren unsere Feinde, benahmen sich aber oft wie richtige Gentlemen und erwiesen sich meistens gebildeter als die hier gebliebenen Männer.“
Es fällt mir auch heute noch schwer, ihre Kriegserzählungen richtig einzuordnen. Ich steckte damals alle Deutschen in dieselbe Kriegstasche. In meinem kleinen Kopf, den Tatie Nenne dank der Wohltaten des gekochten Hirnes mit grauen Zellen gefüllt hatte, gab es diesen einen übermächtigen Begriff: Die Deutschen. Egal, wo ich mich befand, die Deutschen waren da. Wenn ich auch das Kriterium der zeitlichen Differenzierung nicht verstand, so war mir dagegen die örtliche sehr früh präsent. Es gab die Deutschen aus dem Norden, die sie Preußen nannte, und die aus dem Süden.
Meistens sprach Tatie Nenne, wenn sie von den Deutschen erzählte, von La Guerre 14/18, dem Ersten Weltkrieg, der ihre Jugend total verunstaltet hatte. Sie war 25 Jahre alt, als 1914 die deutschen Soldaten in Frankreich einmarschierten: „Wir sahen in Inaumont, dem Dorf an der belgischen Grenze, wo ich meine Schule hatte, viele deutsche Regimente vorbeigehen. Die einen, groß und imposant, marschierten wie ein einstudiertes Ensemble. Die Uniformen saßen perfekt. Sie hinterließen einen Eindruck der Furcht und des Respekts. Das waren die aus dem Norden, die Preußen. Mirabeau sagte zu Recht über sie ‚Andere Staaten besitzen eine Armee; Preußen ist eine Armee, die einen Staat besitzt’. Die anderen kamen uns nicht so groß vor, machten einen lockeren Eindruck. Ihre hellblauen Uniformen ließen zu wünschen übrig. Da fehlten oft Knöpfe, und man konnte sehen, dass sie nicht so viel Wert auf Sauberkeit legten wie die Preußen. Das Komischste geschah zu Weihnachten: Einige trugen einen Tannenbaum auf der Schulter. Das kannten wir damals nicht. Es waren die Bayern. Dieses lockere Auftreten dämpfte den Schauder, der uns vor diesem martialischen Aufmarsch befiel. Ihnen verdanken wir seitdem unsere Weihnachtsbäume.“
Mémère Irène, meine Großmutter mit den kannibalischen Kaninchen, die Mutter meines Vaters, erschwerte meine Verwirrung mit Anekdoten, die sie in ihrem Dorf über die Deutschen aus dem Krieg von 1870 gehört hatte, nämlich dass die Preußen schon im Siebziger Krieg eine Wucht gewesen seien. Die Erscheinung der auf riesigen Pferden montierten Preußen mit ihren spitzen glänzenden Stahlhelmen, ihren aufwendigen, perfekt sitzenden Uniformen, in dem winzigen Dorf der Ardennen, in dem ihre Mutter, meine Urgroßmutter, 1870 lebte, habe ungefähr der Ankunft der spanischen Konquistadoren bei den Azteken entsprochen. Eine kleine ältere Dorfbewohnerin habe sich strikt geweigert, einen monströsen preußischen Offizier, der ihr sein ‚billet de logement‘, eine offizielle Unterkunftserlaubnis, vorzeigte, unterzubringen: „Non, non, das ist unmöglich!“, habe die arme Frau geschrien. „Das geht nicht!“
Als der Soldat von seinem hohen Ross abstieg, um die Angelegenheit zu klären, habe die erschrockene Dame erleichtert gerufen: „Oh, wenn das Ganze demontiert werden kann, dann wird es wohl durch die Tür passen!“
Zur totalen Verwirrung führten bei mir schließlich Erzählungen aus dem Zweiten Weltkrieg, den meine Familienmitglieder auch durchgemacht hatten. Wie oft hatte uns meine Mutter geschildert, wenn wir, Titi, Gigi und ich, in den großen Sommerferien auf dem Rücksitz des eierschalenfarbenen Peugeot 404 über die unendliche Fahrt ans Meer klagten, wie sie am 12. Mai 1940 mit einer Matratze auf dem Dach des Familienwagens, eines Renault 6 CV, den Vogelkäfig und zwei mit dem Tabak aus dem Laden ihrer Eltern gefüllten Tontöpfen, von Poix-Terron, ihrem Geburtsort in den Ardennen, Richtung Südfrankreich über die Demarkationslinie in das Zentral-Massiv geflohen waren. Ihr Vater Eugène, trotz des in den Schützengräben von Verdun verlorenen Beins, saß am Steuer. Neben ihm, steif wie eine Stricknadel, meine Großmutter Marcelle. Mit einer Landkarte Frankreichs auf dem Schoß führte sie die Familie in die blau gemalte freie Zone. Die Tante Adrienne, den Kopf erhoben, den Blick versunken in die Ferne, thronte hinten zwischen den Kindern, was auf Anhieb jeden möglichen Streit zwischen meiner Mutter und ihrem Bruder im Keim erstickte.
Der Gedanke an meine Mutter unter den Bomben der Deutschen ließ mich die Übelkeit, die mich jedes Mal während der Reise in der nach Benzin und überhitzten Reifen stinkenden Limousine überfiel, herunterschlucken. Die Bilder des Flüchtlingskonvois aus dem Film Verbotene Spiele tauchten bei jeder dieser Fahrten an die Oberfläche meines eigenen Kopfkinos auf. Ich sah auf der Brücke liegend neben der erschrockenen kleinen Paulette die Körper der von einem deutschen Tiefflieger erschossenen Eltern. Ich versuchte stoisch die Widrigkeiten der Autofahrt zu bekämpfen. Ich ignorierte die Asche der im Mund meines Vaters fest verankerten Gauloises-Kippe, die bei offenem Fenster uns, den auf der hinteren Sitzbank nach Größe aufgereihten Kindern, ins Gesicht flog. Ich ignorierte den säuerlichen Gestank des Klos der Katze, die zu Hause zu lassen meine Schwester sich geweigert hatte und die sie stur unter unseren Füßen an der Leine hielt. Dem Geruch nach schien das arme Tier genauso wie ich unter den Kurven des Zentralmassivs zu leiden. Ich ignorierte den geronnenen Nachgeschmack des Erdbeereises, das mein gutgelaunter Vater uns als Nachtisch nach dem Baguette mit kaltem Hähnchen und Mayonnaise von der Tankstelle spendiert hatte. Ich ignorierte die hüpfenden Zeilen meines rosa und grün gebundenen Buches aus der Reihe Fünf Freunde von Enyd Blyton: Meine Hartnäckigkeit, sie wieder in ein ordentliches Gesamtbild fixieren zu wollen, erhöhte deutlich den Druck im Magen. Ich ignorierte den steigenden Würgereiz als Mutprobe gegenüber dem Mädchen, das in der Kriegszeit so alt wie ich war und sicherlich, ohne zu jammern, die Flucht ins Exil mit ihrem Vogel ertragen hatte.
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