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Durch die Digitalisierung haben Bilder einen enormen Bedeutungszuwachs erfahren. Dass sie sich einfacher und variabler denn je herstellen und so schnell wie nie verbreiten und teilen lassen, führt nicht nur zur vielbeschworenen »Bilderflut«, sondern verleiht Bildern auch zusätzliche Funktionen. Erstmals können sich Menschen mit Bildern genauso selbstverständlich austauschen wie mit gesprochener oder geschriebener Sprache. Der schon vor Jahren proklamierte »Iconic Turn« ist Realität geworden.
Die Reihe DIGITALE BILDKULTUREN widmet sich den wichtigsten neuen Formen und Verwendungsweisen von Bildern und ordnet sie kulturgeschichtlich ein. Selfies, Meme, Fake-Bilder oder Bildproteste haben Vorläufer in der analogen Welt. Doch konnten sie nur aus der Logik und Infrastruktur der digitalen Medien heraus entstehen. Nun geht es darum, Kriterien für den Umgang mit diesen Bildphänomenen zu finden und ästhetische, kulturelle sowie soziopolitische Zusammenhänge herzustellen.
Die Bände der Reihe werden ergänzt durch die Website www.digitale-bildkulturen.de. Dort wird weiterführendes und jeweils aktualisiertes Material zu den einzelnen Bildphänomenen gesammelt und ein Glossar zu den Schlüsselbegriffen der DIGITALEN BILDKULTUREN bereitgestellt.
Herausgegeben von
Annekathrin Kohout und Wolfgang Ullrich

Referenz aus dem Film Herr der Ringe – übertragen auf das Thema dieses Buchs
1 | Schauen Sie bitte hier, es wird wichtig!
Eigentlich müsste dieses Buch mit einer beeindruckend hohen Zahl beginnen. Eine, die in beeindruckend kurzer Zeit erreicht wurde und deren Zustandekommen auch nach einer Weile noch beeindruckend ratlos macht. Man kann sie auch mit Abstand nicht wirklich fassen, geschweige denn erklären.
Beeindruckend viele Texte über Internet-Meme1 setzen mit solchen Zahlen ein, die aus abstrakten Klicks, Aufrufen oder Views genannten Ansichten ein konkretes Gefühl von Masse erzeugen wollen. Dieses Prinzip wird uns im Verlauf noch häufiger begegnen. Als aufmerksamkeitsangelnde Eröffnung von Meme-Texten wollen die Zahlen vor allem eines: Masse in Dringlichkeit übersetzen. Wenn derart viele Menschen sich für das Thema begeistern, sollten Sie als Leserin und Leser, die noch nichts vom Gegenstand und der Entstehung dieses Massenmagnets gehört haben, das doch gefälligst auch tun. »Also«, rufen Texte, die so beginnen, »auf geht’s, es wird wichtig! Ich will Ihnen etwas erklären, von dem Sie bis eben noch nie gehört hatten, das aber offenbar echt jede Menge Menschen beschäftigt.«
Diese Aufmerksamkeitsangel wird Ihnen vielleicht schon aufgefallen sein, wenn Sie sich für Meme interessieren. Und weil dieses Buch nicht einfach nur lustigen Quatsch aus dem Internet zusammenfassen will (keine Sorge, der kommt natürlich auch vor), sondern sich für die Muster dahinter interessiert, erlaube ich mir diesen Meta-Einstieg ins Thema. Die Muster, die an Internet-Memen interessant sind, weisen indes über die Dringlichkeit heischenden Faktoren Aktualität und Masse hinaus (»Jetzt gerade interessieren sich so viele Menschen für dieses Thema«). Anhand dieser Muster lässt sich das jeweilige Meme im Sinne eines Phänomens verstehen, das als konkrete Erscheinung ein übergeordnetes Thema erkennbar macht.2 Wer so auf die digitale Kultur im Internet schaut, entdeckt deutlich mehr Gründe als Masse und Aktualität, um sich mit Internet-Memen zu befassen. Es ist die vielleicht vitalste und demokratischste Form der Kultur, die wir derzeit erleben. Sie zeigt die Chancen des digitalen Wandels, aber auch Abgründe, die sich öffnen, wenn Regeln und Konventionen im Entstehen sind. Kurzum: Die Meme-Kultur des Internets ist von entscheidender Bedeutung für unser Verständnis von Gegenwartskultur, sodass ich Felix Stalder folge, der in seinem Buch Kultur der Digitalität gar von einer »digitalen Volkskultur des Remix und Mashups« schreibt, die »von unzähligen Personen mit sehr unterschiedlicher Intensität und unterschiedlichem Anspruch betrieben« werde: »Die Gemeinsamkeit mit der traditionellen Volkskultur, im Gesangsverein oder anderswo, liegt darin, dass Produktion und Rezeption, aber auch Reproduktion und Kreation weitgehend zusammenfallen.«3 Auf diese Weise prägt die grenzenlose Volkskultur der Meme auch die nicht-digitale Welt, was die Autorin Limor Shifman zu der Folgerung veranlasst, »dass wir in einer Zeit leben, die von einer hypermemetischen Logik befeuert wird.«4 Und diese hypermemetische Logik entfaltet ihre Wirkung mittlerweile auch außerhalb dessen, was man vor gar nicht so langer Zeit mal als »Online« definierte. Dass diese Unterscheidung zwischen digitaler und nicht-digitaler Welt ohnehin zunehmend schwierig bis unmöglich wird, ist ein weiterer Grund, sich mit der Kultur der Internet-Meme zu befassen. Spätestens seit der Selbstverständlichwerdung des Digitalen im Zuge der Corona-Krise sind digitale und nicht-digitale Welt so sehr zusammengewachsen, dass man feststellen kann: Internet-Meme prägen Bildkulturen auf eine Weise, die neben dem Vergleich mit der Volkskultur aus dem Gesangsverein auch jenen mit der Wirkmacht der Popkultur aus Hollywood angemessen erscheinen lässt. Im Folgenden werde ich deshalb unterschiedliche Bild- und Textformen als Internet-Meme zusammenfassen. Die Definition ist nicht immer trennscharf, sie basiert aber auf der Annahme, dass jede digitale Ausdrucksform, die kopier- und referenzierbar ist, als Meme angesehen werden kann.
All das zusammengenommen scheint mir mehr zu sein als eine hohe Zahl, die Eindruck schinden möchte. Ich habe auf den folgenden Seiten acht Beobachtungen rund um Meme notiert, die von acht konkreten Internet-Memen begleitet werden. Die Auswahl erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit5 (das wäre angesichts der sich permanent verändernden Meme-Kultur ohnehin kaum möglich) und ist von einem hohen Maß an Subjektivität geprägt. Gleichwohl bemühe ich mich, mit den ausgewählten Beispielen möglichst viele Facetten dessen abzubilden, was unsere Vorstellung von Internet-Memen bisher geprägt hat: Historische Bedeutung, Formatvielfalt, der sprachliche Interaktions-Raum haben mich dabei ebenso geleitet wie die große Sympathie, mit der ich das Themenfeld seit Jahren beobachte. Meme sind Bestandteil gegenwärtiger Popkultur und bilden als solche einen Reflexionsrahmen, um aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen besser einzuordnen. Dass sie dabei auch auf eine erstaunliche Schlagfertigkeit und einen besonderen Humor setzen, macht die Beschäftigung nicht nur erkenntnis-, sondern auch erlebnisreich. Davon möchte ich erzählen.
Dafür greife ich auf ein Erzählmuster mit einer meme- artigen Methode zurück, das nicht im oder durch das Internet erfunden wurde, aber durch die digitale Verbreitung enorm populär geworden ist: der als Liste strukturierte Artikel, im Englischen mit dem Kofferwort »listicle« beschrieben. Solche Listicles haben sich im Ökosystem der digitalen Kommunikation (vereinfacht häufig als »Soziale Medien« zusammengefasst) als besonders aufmerksamkeitsstark erwiesen, das heißt, es gelingt ihnen offenbar auffallend gut, das Interesse des Publikums zu gewinnen und dieses zu animieren, derartige Auflistungen wiederum mit ihrem digitalen sozialen Umfeld zu teilen. Das hat dazu geführt, dass Listicles immer häufiger eingesetzt wurden und sich dann von ihrem ursprünglichen Zweck entfernten (dieses Prinzip der Popularisierung und Umdeutung von Memen wird im Folgenden noch häufiger auftauchen). Was Übersichtlichkeit und schnellen Informationszugang versprach, wurde als Aufmerksamkeitsköder genutzt, um Lesende auf Themen zu bringen, die sie vielleicht gar nicht interessieren. Dieses Prinzip, »Clickbait« genannt, zeigt sich zum Beispiel an Anreißertexten (Teasern) wie: »Acht Sätze über Internet-Meme – bei Punkt vier musste ich weinen« oder »Das sind die acht wichtigsten Memes – Platz zwei wirst du nie erraten«. Auf diese Weise soll ein Click geködert werden, weil das Publikum erfahren will, was denn dieser ominöse Punkt vier oder Platz zwei sein mag. Dieses Prinzip funktioniert übrigens auch, wenn dem erzählenden (und weinenden) »Ich« des Teasers kein Autor-Ich im Text zuzuordnen ist.
Allerdings hat die Listicle-inspirierte Struktur dieses Buches auch ihre Grenzen, weil sie zwar konkrete Memes zeigen will, dabei aber aufgrund der verfestigten Struktur des (gedruckten) Textes nie über die Perspektive der Beobachtenden hinauskommen kann. Als Lesende bleiben wir also auf der Ebene der Zuschauenden, die in voller Kleidung am Beckenrand spazieren, ohne ins Wasser zu springen. Dieses Bild, das den Unterschied zwischen Teilnahme (Schwimmen) und Beobachtung (vom Beckenrand aus) nutzt, lehnt sich an einen Ratschlag an, den die Journalistin Liz Heron in der Anfangsphase der Sozialen Medien formulierte, um die Rolle von klassischen Medien und eher offiziellen Öffentlichkeits-Akteur*innen in Sozialen Medien zu beschreiben. Sie verglich die Kommunikationskultur der im angelsächsischen Sprachraum als »legacy media« bezeichneten Öffentlichkeitsakteure mit dem Auftreten eines Anzugträgers, der am Strand entlang spaziert und die Menschen auf ihren Badetüchern und Liegen anzusprechen versucht. Dies wird nie als wirklich glaubwürdig und authentisch im Strand-Umfeld erscheinen. Im Umfeld der öffentlichen Kommunikationskultur der Unternehmen gilt dieses Auftreten jedoch als seriös. Aus diesem Widerspruch speisen sich zahlreiche Konflikte zwischen den Teilnehmenden und den Beobachtenden des digitalen Swimming-Pools.
Dieses Buch will zeigen, dass es sich lohnen kann, ins Wasser zu springen – oder sich zumindest leichtere Sommerkleidung überzuziehen. Denn Meme sind meinem Grundverständnis nach eher fröhliche, offene und menschenfreundliche Kommunikationsmechanismen. Es macht (meistens) Spaß, sich mit ihnen zu befassen. Ich werde im Folgenden versuchen, sie so unpädagogisch zu erklären, dass das Dilemma zwischen Schwimmen und Beobachten sich in einer Haltung auflöst, die ich durchaus selbstkritisch als »mitschwimmende Beobachtung« bezeichnen kann. So vermeide ich hoffentlich die Falle derjenigen, die Witze erklären wollen – und damit nicht selten zerstören.6
Advice Animals
Ein Bild in der Mitte, eine Textzeile oben drüber, eine unten drunter. Viele Menschen denken genau an dieses Muster, wenn die Rede auf Internet-Meme kommt. Diese sogenannten Image Macros lassen sich unter dem Schlagwort »Advice Animals« als eine der frühesten Formen von Internet-Memes beschreiben. Ihren Namen verdanken sie den Tiermotiven, die anfangs in der Mitte platziert wurden. In den in Versalien gesetzten Zeilen ober- und unterhalb von Advice-Dog, Business-Cat (# 1) oder Anti-Joke-Chicken (# 2) wurden Ratschläge oder vermeintliche Weisheiten verbreitet.

# 1 Image-Macros, auch »Advice Animals« genannt, hier die »Business Cat«
Mit der Zeit veränderten sich die Bildmotive in der Mitte, das Muster blieb aber noch gleich. Heute hat sich das Modell der Text-Bild-Varianten erweitert. Motive wie »Drake Hotline Bling«, das den Rapper Drake in orangefarbener Jacke erst in ablehnender, dann in zustimmender Geste zeigt (# 3), »Batman Slapping Robin« (eine Comic-Szene, bei der Batman seinem Assistenten Robin genau in dem Moment eine Ohrfeige gibt, in dem dieser etwas sagen will) oder »Distracted Boyfriend« (ein Stockfoto-Motiv, das einen Mann zeigt, der mit einer Frau spazieren geht, sich dabei aber nach einer anderen Frau umdreht) haben ihre Textzeilen (Caption) an anderer Stelle, basieren aber auf dem gleichen Humor wie die Ursprungsmeme. Ein schönes Beispiel für die Weiternutzung dieser Idee bildet das Fußballmagazin Wumms auf seinen Social-Media-Kanälen. Wumms nutzt hier die Idee der »Advice Animals«, um Nachrichten aus Fußball und anderen Sportarten zu kommentieren, indem die durch die Memes gelernten Rollenmuster (Gewinner, Verlierer etc.) auf aktuelle Sportergebnisse übertragen werden.

# 2 »Anti-Joke-Chicken«, für dieses Buch bearbeitet

# 3 Ablehnung und Zustimmung in allen Situationen: »Drake Hotline Bling«
In der Meme-Datenbank »Know Your Meme«, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Internet-Witze möglichst schnell und detailliert zu dokumentieren, kann man ein »Periodensystem der Advice Animals« einsehen.7 In ihrer Grundhaltung sind diese Image Macros eng mit den Reaction-GIFs verwandt (siehe Seite 62): Sie beziehen eine in einem Bild oder Film gezeigte Begebenheit auf eine soziale Interaktion oder eine persönliche Eigenheit, die durch solche Memes ironisch dargestellt werden sollen. In beiden Fällen werden kurze Sequenzen oder Szenen aus anderen Kontexten (Filmen, TV-Material etc.) verwendet und in einem neuen Kontext genutzt. Durch diesen Kopier-Kontextbruch entstehen neue Bedeutungsebenen, die (wie wir im Verlauf sehen werden) den Zauber von Internet-Memen ausmachen.
2 | Die Ohrwürmer des Internet
Weil es eben auch um diese Freude gehen soll, die Meme vermitteln, erlaube ich mir, hier nicht chronologisch und auch nicht streng wissenschaftlich zu beginnen. Wer sich für Meme interessiert, wird schon einmal gehört haben, dass der Biologe Richard Dawkins 1976 den Begriff »Mem« vorschlug, aus dem sich die Memetik entwickelte.8 Dieser Zusammenhang mit einer wissenschaftlichen Debatte lässt sich in Limor Shifmans Buch Meme – Kunst, Kultur und Politik im digitalen Zeitalter nachlesen,9 ich setze im Folgenden bei ihrem Fazit an: »Während große Teile der akademischen Welt über ihn im Streit liegen, wurde der Memebegriff von Internetnutzern begeistert aufgegriffen.«10
Diese Begeisterung speist sich aus einem Zauber, den man vielleicht am besten mit einem Vergleich einfangen kann: Meme sind die Ohrwürmer des Internet. Sie sind die optische Entsprechung einer Melodie, die nachhaltig im Kopf bleibt. Ohrwürmer und Internet-Meme haben mindestens vier grundlegende Gemeinsamkeiten:
Erstens genießen Meme wie Ohrwürmer häufig große Popularität – und dies, ohne dass der jeweils offizielle Titel unbedingt bekannt ist. Bei einem Ohrwurm ist es manchmal nur eine Melodie-Sequenz, eine Songzeile und nicht einmal der Refrain des Songs, und bei Memen sind es manchmal nur Teile des Referenzsystems, die bekannt sind.
Das Wiedererkennen führt aber zweitens bei Memen wie bei Ohrwürmern zu einem Moment der Erkenntnis, der wörtlich zu nehmen ist. Den Originaltitel einer Melodie zu erfahren, die im Kopf klebt, ist genau wie das Auflösen einer vorher unbekannten Referenz eines Internet-Memes ein Erkenntnismoment, der Zugehörigkeit stiften kann. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen: Wer ein Meme oder einen Ohrwurm (wieder-)erkennt, fühlt sich verstanden und heimisch. In der biblischen Schöpfungsgeschichte wird das Erkennen (»Und Adam erkannte sein Weib Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain«) als schöpferischer Akt beschrieben. Semantisch liegt dies daran, dass die Wörter »erkennen« und »miteinander schlafen« im Hebräischen den gleichen Wortstamm haben, aber voneinander unterschieden werden. Es ist deshalb vielleicht etwas zu weit gegriffen, deutet aber an, welche Bedeutung im tatsächlichen Erkennen zum Beispiel eines Witzes liegen kann. Daher gibt es auch Menschen, die zur Beschreibung von Internet-Memen nicht auf Ohrwürmer, sondern auf die Ostfriesenwitze aus den achtziger und neunziger Jahren zurückgreifen, die damals äußerst populär waren und ohne zentrale Verbreitungsstelle in der Bevölkerung weitererzählt und adaptiert wurden. Im Rückblick wurde zwar dem Komiker Otto Waalkes diese Rolle als Zentralorgan zugeschrieben, weil er Ostfriesenwitze öffentlichkeitswirksam in TV-Sendungen und Kinofilmen aufgriff und weiter populär machte. Aber ohne die bereits laufende memetische Verbreitung des Typus »Ostfriesenwitze« wäre ihm dies sicher nicht gelungen. Vergleichbar sind Witz-Wellen zu nennen, im Zuge derer die Blondinen-, Manta- oder Polen-Witze jeweils für einen gewissen Zeitraum und in gewissen Zielgruppen populär werden. Auch Trinkspiele, besondere Begrüßungsrituale oder Insiderwitze wie das laute »Schulz«-Ausrufen, wenn jemand rülpst, basieren auf dem gleichen Prinzip: Sie sind nicht im Sinne eines Regelwerks aufgeschrieben und werden nicht (wie in der vordigitalen Zeit Musik) zentral verbreitet, erfreuen sich in bestimmten Kreisen dennoch einer gewissen Beliebtheit.
Meme und Ohrwürmer versetzen die Nutzer*innen drittens in einen Zustand der Aktivität, der sich beispielsweise in einer Adaption durch Nachsingen oder Nachmachen ausdrücken kann. Das schließt übrigens Abwandlungen durchaus mit ein. Bei Ohrwürmern kann man das in den Büchern von Axel Hacke nachlesen, der missverstandene Liedtexte gesammelt hat. Diese »Verhör-Bücher« beantworten Fragen wie »Warum hat Herbert Grönemeyer ›Fruchtzwerge‹ im Bauch?« (statt der Flugzeuge aus dem Song).11 (# 4)
Die vierte Gemeinsamkeit von Memen und Ohrwürmern lautet: Sie sind schwer bis gar nicht planbar – weshalb sie etwas »rätselhaft-ungreifbar Schönes« sind, wie Eleonore Büning formuliert, die Ohrwürmer als »sich selbst fortzeugende Musik« beschreibt. Eine Beschreibung, die analog auch für Meme (»sich selbst fortzeugende Ideen«) äußerst treffend ist: »Wie ein Ohrwurm entsteht, weiß niemand. Wie er funktioniert, wenn er nun mal da ist, das ist seit etwa zehn Jahren ein Lieblingsthema der Hirn- und der Musikforscher.«12

# 4 1984 hatten Musik-Singles noch eigene Cover. Hier das zu Herbert Grönemeyers »Flugzeuge im Bauch« – oder doch »Fruchtzwerge«?
Die Entstehung von bestimmten Internet-Memen liegt ebenfalls häufig genug im Dunkeln. Und wie sie funktionieren, wenn sie nun mal da sind, ist seit etwa zehn Jahren das Lieblingsthema von Marketing-Berater*innen und Medienwissenschaftler*innen. Denn Internet-Meme sind – wir kommen noch dazu – unglaublich mächtige Aufmerksamkeitsmaschinen, die aber auf einem sehr banalen Prinzip beruhen, das ich mit dem Zitat oben selbst vorgeführt habe: Sie kopieren, adaptieren und referenzieren. So wie der Ohrwurm sich quasi ins Gehirn klebt und dort ohne echte Musik weiterspielt, verbreiten sich auch Internet-Meme mithilfe der Kopie immer weiter.
Der Autor Kevin Kelly bezeichnet das Internet als Kopiermaschine,13 weil Reproduktion, Rekombination und Referenz sozusagen die Grundbedingungen des digitalen Ökosystems sind. Meme finden deshalb im Internet optimale Überlebensbedingungen vor. Für dieses Buch folge ich dabei der Definition Limor Shifmans. Sie beschreibt Internet-Meme als »kreative Ausdrucksformen mit vielen Beteiligten, durch die kulturelle und politische Identitäten kommuniziert und verhandelt werden«. Charakteristisch sind dabei drei Eigenschaften von Internet- Memen, die wir a) als »eine Gruppe digitaler Inhaltseinheiten [verstehen], die gemeinsame Eigenschaften im Inhalt, in der Form und/oder der Haltung aufweisen«. Diese Einheiten werden b) »in bewusster Auseinandersetzung mit anderen Memen erzeugt« und werden c) »von vielen Usern über das Internet verbreitet, imitiert und/oder transformiert«.14
Dieser letzte Punkt ist zentral für den Unterschied zwischen einem Internet-Meme und einem viralen Hit. Denn der Aspekt der Imitation und Transformation ist notwendig, um von einem Internet-Meme zu sprechen. Das bloße Teilen oder Weiterverbreiten eines Inhalts allein definiert lediglich die Viralität – für ein Internet-Meme braucht es darüber hinaus alle drei Aspekte: Reproduktion, Rekombination und Referenz.15
Jene Netzphänomene, die einzig auf die Reproduktion durch Teilen setzen, beschreibt Shifman als Phänomene memetischer Verbreitung. Dabei wird häufig das Bild des Virus genutzt, über den die Autoren erlehmann/plomlompom schreiben: »›Viral‹ verbreitet sich jeder Inhalt, der seine Empfänger zu seinen Sendern macht. Unter der Ausstrahlung dieser Sender entstehen weitere Empfänger, die ebenfalls zu Sendern werden – und so weiter. Mit anhaltender Viralität kann die Verbreitung eines Inhalts exponentiell wachsen – so wie eine Epidemie.«16 Die Grenze zwischen viralen Phänomenen memetischer Verbreitung und Internet-Memen im Sinne Limor Shifmans ist fließend und am Ende auch nicht entscheidend, sie deutet jedoch an, weshalb die relativ junge Netzkultur mehr ist als ein bloßes Klicken von »Gefällt mir«-oder »Teilen«-Buttons.
Jung an dieser Form der Netzkultur ist vor allem, dass sie im Unterschied zu den bisher führenden Massenmedien aktive Teilhabe ermöglicht. »Die Massenmedien des 20. Jahrhunderts funktionierten stark über die […] vertikale Verbreitung von Inhalten: durch einzelne Zeitungen, Radio- und Fernsehsender hinunter zu einem großen, aber passiven Publikum«, schreiben erlehmann/plomlompom und kontrastieren: »In den Internet-Massenmedien dagegen gewinnt die horizontale Kommunikation der Vielen mit den Vielen an Kraft: Jeder Netzteilnehmer kann Mails an tausend andere schicken. Jeder kann ein Blog eröffnen und so mit etwas Glück Hunderttausende von Lesern erreichen.«17
Auch wenn über die Aufmerksamkeitsmaschinen von Sozialen Medien wie Facebook, Twitter, Instagram oder auch von Messengern wie WhatsApp, die diese Form der horizontalen Kommunikation weiter beschleunigt haben, häufig vor allem aus einer problematisierenden Perspektive gesprochen wird, lohnt es sich festzuhalten: Die Demokratisierung der Publikationsmittel hat in erster Linie denen eine Stimme gegeben, die sich im 20. Jahrhundert nie (und die in den Jahrhunderten zuvor erst recht nicht) auf diese Weise äußern konnten.
Der Numa-Numa-Guy als Ur-Vater von TikTok
Dieses Meme ist ein Video-Clip: Ein junger Mann filmt sich mit der Webcam dabei, wie er ein für ihn unbekanntes Lied in einer fremden Sprache lippensynchron nachsingt. Er lädt den kurzen Clip ins Netz und wird weltbekannt. Der Mann heißt Gary Brolsma, das Lied heißt »Dragostea din tei« und stammt von der moldawischen Boyband O-Zone, die damit Anfang der 2000er in vielen Ländern Europas, aber auch in Japan an der Spitze der Musikcharts rangierte. Da kaum jemand den Text verstand (der Titel heißt übersetzt »Liebe unter dem Lindenbaum«), erlangte der Song als »Numa-Numa-Song« Bekanntheit, was auf eine Zeile aus dem Refrain anspielt. Der Song fand seinen Weg nach New Jersey, wo Gary Brolsma ihn in einer Form nachsang, die Jahre später zur Grundlage für den Erfolg der App TikTok werden sollte, in der Menschen zu Musik und Sounds lippensynchron tanzen und performen. Brolsma stellte den Clip im Jahr 2005 ins Netz, also zu einer Zeit, in der es weder YouTube gab noch Soziale Medien in der heutigen Form. (# 5) Er wurde ein großer Erfolg, weil er den Anlass für zahlreiche Adaptionen lieferte. Douglas Wolk schrieb im US-Magazin The Believer: »Das ist ein Film von jemandem, der eine wunderbare Zeit hat, der diese Freude mit jedermann teilen möchte und sich dabei überhaupt nicht darum kümmert, was andere über ihn denken könnten. Jeder wollte der Numa-Numa-Typ sein. Jeder wollte die gehemmte und doch selbstvergessene Freude spüren, die er dabei hatte, in seinem Stuhl zu flegeln und einen dämlichen Pop-Song in einer Sprache nachzusingen, die er nicht versteht.«18

# 5 Ur-Vater der TikTok-Generation: Gary Brolsma als Playback singender »Numa-Numa-Guy«
Brolsma wurde als »Numa-Numa-Guy« zu einem Vorreiter für eine Art von Internet-Prominenten, die heute als Influencer oder YouTuber bezeichnet werden. Im Rückblick kann sein Playback-Vortrag als Verbindung zwischen dem privaten Karaoke-Singen mit Bürste vor dem Badezimmerspiegel und dem Erfolg der App TikTok gelesen werden. Das Beispiel zeigt, dass einige Treiber hinter dem Phänomen Internet-Meme größer sind als die Plattformen, die sie nutzen. Sein Clip wurde im Dezember 2004 auf Newgrounds.com hochgeladen, einer Seite, die heute niemand mehr kennt, ähnlich wie Brolsmas Nutzernamen »Gman250«. Der Clip wurde dennoch und ohne die Empfehlungs-Algorithmen von YouTube und TikTok web-bekannt. Diese und vergleichbare Plattformen nutzen lediglich das Bedürfnis, nach- oder mitzusingen, das zur Beliebtheit solcher Clips führt. Dass Popularität auch ohne die Empfehlungsmechanismen der klassischen sozialen Netzwerke möglich ist, zeigt die Offenheit des Web: Menschen können auch über E-Mails oder in Foren gleiche Interessen und damit verbundene Links und Hinweise teilen.



