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In »Trial of Josef Kramer and forty-four others – The Belsen Trial«, S. 250 ist aus dem Kreuzverhör von Irma Greese noch folgender Satz wiedergegeben: »Der Zustand der Häftlinge war so schlecht, daß sie einem fast Angst und Schrecken einflößten (That one had almost a horror of them).« Nachdem die Nazis die Häftlinge schließlich nach ihrer Vorstellung von ihnen zu Untermenschen und Tieren gemacht hatten – und ein Großteil der Häftlinge erinnerte durch nichts mehr an menschliche Wesen –, konnten auf Seiten der Nazis wiederum ganz animalische Ängste aktiviert werden. Eingekleidet in hygienische Programme und mit den technischen Mitteln einer hochentwickelten Industrie wurden die »Säuberungsaktionen« exekutiert. In der Regel haben aus eben dieser Angst (Ansteckungsgefahr, Insektenfurcht usw.) die Aufseher der Herrenrasse es strikt vermieden, sich unter den Häftlingen zu bewegen; dafür hatten sie die Häftlingskapos. Das Medium der Beziehung zum Häftling war, wenn – wie die moderne Psychologie sagen würde – eine Kontaktaufnahme stattfand, immer ein Gegenstand: Peitsche, Gürtel, Stock, Pistole, Spritze. Von diesem aseptischen Wahn, einen zu Ungeziefer entmenschten Feind säuberlich aus der Distanz auszurotten, haben wir Nachgeborenen während des US-Krieges in Vietnam einen umfassenden Eindruck erhalten.
»In Belsen hätte sie einmal ein von der Arbeit zurückkommendes Küchenkommando eine halbe Stunde lang zur Strafe Sport machen lassen, weil zwei Pfund Fleisch gestohlen worden worden waren und sich der Täter nicht gleich meldete… (Okt. 45)
Im Prozeßbericht S. 252 erläutert sie die Bestrafung der Häftlinge in jenem naßforschen Kasinoton, der bis heute Polizisten, Krankenschwestern, Pädagogen, Familienvätern usw. eigen ist, wenn sie jemanden quälen wollen; sie reden ihre Opfer immer im pluralis collectivae an, etwa derart: Was machen wir denn nun? So die SS-Aufseherin Geese: ›Sie schwiegen alle, und da habe ich gesagt: Nun gut, dann müssen wir eben Sport machen, bis sich die Person bei uns meldet, welche die Pakete weggeworfen hat.‹ Und weiter nach Lüneburger Post: ›Erstens‹, erklärte sie, ›haben die Häftlinge den Sport sehr gut gemacht …‹ (ibidem)«
Vor den vorrückenden Truppen der Roten Armee im Osten versuchten die Nazis, nach Möglichkeit die KZ zu evakuieren und die Vernichtungsstätten dem Erdboden gleichzumachen. Viele dieser Evakuierungstransporte gingen nach Bergen-Belsen. Einer dieser Transporte, vom Buchenwald-Außenlager Dora, einem KZ bei Nordhausen, nach Bergen-Belsen war Gegenstand des Lüneburger Prozesses.
»›Ist es wahr, daß bei dem sechstägigen Bahntransport der 5039 fast verdursteten Häftlingen in der ersten Aprilwoche 1945 von Nordhausen nach Belsen zweiundvierzig Menschen tatsächlich am Durst gestorben sind?‹ Auf diese Frage der Anklagevertretung hatte … der ehemalige SS-Obersturmbannführer Kulessa zu antworten, weil er diesen Transport als Zweithöchster im Dienstrang mitgemacht hatte. ›Wir hatten eine Portion Tote‹, antwortete er, ›aber mich ging es nichts an. Ich war nicht der Dienstälteste. Das war der SS-Oberscharführer Hartwig. Der war Transportführer, und der ist aus Belsen getürmt, als die Engländer kamen.‹ – ›Es ist überhaupt nicht zu verstehen, daß Sie die Gefangenen verdursten ließen! Zwischen Nordhausen und Belsen gibt es viele Bäche und Flüsse. Sie konnten doch den Zug halten und Wasser holen lassen.‹ – ›Ich meine, das geht ja nicht, daß jeder über einen Zug bestimmen kann, wie er will. Es ist doch so, daß der Zugführer seinen bestimmten Plan hatte, nach dem er fahren musste.‹ Aufgefordert, mehr über den Transport zu sagen, erklärte Kulessa: ›Die Gefangenen hatten es auf dem Transport ganz gemütlich. Je hundert Stück Häftlinge saßen auf einem Waggon.‹«
Ähnliches ist dem ehemaligen CDU-Familienminister Heck nach einem Besuch des zum KZ umfunktionierten Nationalstadions von Santiago de Chile eingefallen: die Häftlinge hätten es in der warmen Sonne ganz gut gehabt.
»›Warum haben Sie auf den Bahnhöfen kein Wasser für die Gefangenen geholt?‹ – ›Diese Bahnhöfe, dieses Wasser …‹, stammelte der Angeklagte, ›es gibt Bestimmungen, das ist nur für die Lokomotive da. Auch hatte ich ja gar nicht das Kommando.‹ (Okt. 45)«
Aus der Vernehmung des gleichfalls des Mordes beschuldigten Elektrikers des Lagers Bergen-Belsen, Otto Walter:
»›Das Lager war zuletzt doch in einem Zustand, nicht wahr?‹ – ›Zu dieser Zeit hatte ich auf der Hauptstraße des Lagers mit elektrischen Arbeiten zu tun, und die Hauptstraße war in Ordnung.‹ – ›Aber Sie mußten doch durch den Drahtverhau rechts und links von der Straße die dreizehntausend Leichen sehen.‹ – ›Der Drahtzaun war nicht elektrisch geladen und ging mich ja nichts an.‹ – ›Was muß das dann für Sie eine Überraschung gewesen sein, als die britischen Truppen Ihnen das Lager zeigten!‹ (ibidem)«
Überschrift zu drei Fotos über eine Gedenkfeier:
»EHRE DEM UNBEKANNTEN KONZENTRATIONÄR (9.11.45)«
Respekt vor den Toten setzte immer voraus, daß Sterben einen Sinn hatte, sei es die Beschwörung des unbegriffenen Schicksals, die dem Tod einen Ort im Mythos zuweist, sei es die christliche Verneinung vor dem Willen Gottes, welche die Toten seiner Gnade empfiehlt. Nicht Preis des Fortschritts, vor dem die beschämten Zeitgenossen die Augen senkten, nicht unvermeidbare Opfer eines notwendigen Kampfes.
Schon gar nicht das sogenannte Feld der Ehre die Schädelstätte derer, die mit dem obszönen Neologismus »Konzentrationäre« eher als Aktienbesitzer jenes Unternehmens gelten könnten, für das sie doch bloß den Rohstoff gestellt haben. Insofern als die Opfer die faux frais objektiver Unvernunft verkörperten oder auf das Konto wie auch immer gearteter menschlicher Leidenschaften verbucht werden konnten, wohnte dem Tod immer noch ein spekulatives oder – für letzteres – äußerst irdisches Moment von Versöhnung bei. Diese Versöhnung mit dem Opfer, nicht mit dem Tod überhaupt, wurde gestiftet im allgemeinsten Sinn von der Religion und der Philosophie, in der Regelung des gesellschaftlichen Verkehrs von Recht und Gesetz und für das Individuum nicht zuletzt im Verlangen nach Rache.
An ihnen gab es nichts mehr zu ehren, gestorben umsonst, für niemand und nichts. Und nicht sinnloser Trauer, sondern des rächenden Hasses als des durch die instrumentelle Vernunft am wenigsten in zivilisatorische Schranken gezwängten Triebes hätte die sogenannte Befreiung bedurft, die doch bloß eine halbe war ohne ihn. Gerade der Aufstieg vom verheizten sogenannten »unbekannten Soldaten« (der doch immerhin sein Gewehr noch nach hinten richten konnte) zum vergasten unbekannten Häftling zeugt von der fortschreitenden Barbarei in der Zivilisation, die mit der Reduktion der lebendigen Voraussetzungen von Geschichte auf tote Dinge das Ende jeglicher Geschichte markiert.
Leben wird nurmehr zur besonderen Daseinsform des Sterbens.
Den legendären unbekannten Soldaten, dem in jeder größeren Hauptstadt der Welt steinerne Ehre zuteil wird, ereilte der gewaltsame Tod zwar schon in Gestalt der modernen Massenvernichtungsmittel, aber doch auch noch mit einem gewissen Rest von Zufälligkeit. So man davongekommen war, dankte man Gott.
Im unbekannten Häftling findet sich keiner wieder, weil keiner davonkommen sollte, und Deutschland ist immer noch das Land der Krieger- und Heldendenkmäler. Im unbekannten Häftling erkennt man die logische Fortsetzung jenes unbekannten Opfers des Schlachtfeldes in der entscheidenden Differenz: Jeder ein Unbekannter5, für den Zufall kein Raum.
Einige Wenige haben es überstanden, aber überlebt hat keiner.
Juni 1978
Das KZ Bergen-Belsen
Hanna Lévy-Hass wurde im Sommer 1944 nach Bergen-Belsen deportiert, zu einem Zeitpunkt, als sich der Charakter dieses Lagers entscheidend verändert hatte: aus dem sogenannten »Vorzugslager«, wie es – so auch das KZ Theresienstadt – in SS-Kreisen bezeichnet wurde, hatte sich ein Konzentrationslager mit ständig steigender Häftlingszahl entwickelt.
Anfang 1943 hatte das Auswärtige Amt der SS vorgeschlagen, Juden mit Pässen oder Konsulatsbescheinigungen der »Feindstaaten« zum Austausch mit internierten Deutschen zur Verfügung zu stellen und sie vorläufig nicht in die Vernichtungslager im Osten zu deportieren. Die SS ordnete im April an, in Bergen-Belsen ein Sammellager für 10000 »Austauschjuden« zu schaffen und erließ Richtlinien für die »Bestimmung des jüdischen Personenkreises«, der dort festgesetzt werden sollte: »Juden mit verwandtschaftlichen oder sonstigen Beziehungen zu einflußreichen Personen im feindlichen Ausland... Juden, die als Geiseln und als politische oder wirtschaftliche Druckmittel brauchbar sein könnten; jüdische Spitzenfunktionäre«. Für das »Aufenthaltslager« übernahm die SS einen Teil eines bereits bestehenden Kriegsgefangenenlagers, wo 1941/42 Tausende von russischen Soldaten durch Hunger, Erschöpfung, Ruhr und Fleckfieber umgekommen waren. Aus durchsichtigen Gründen erhielt Bergen-Belsen nicht den Status eines Zivilinternierungslagers.
In einem Rundschreiben des SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamts vom Juni 1943 heißt es: »Wie der Chef der Sicherheitspolizei und des SD mitteilt, muß aus taktischen Gründen an Stelle der Bezeichnung ›Zivilinterniertenlager Bergen-Belsen‹ die Bezeichnung ›Aufenthaltslager Bergen-Belsen‹ treten. Diese Änderung ist erforderlich, da Zivilinterniertenlager gemäß der Genfer Konvention internationalen Kommissionen zur Besichtigung zugänglich sein müssen.« So wurde das »Aufenthaltslager« von Anfang an in die Konzentrationslagerverwaltung der SS eingegliedert.
Zwischen Mitte 1943 und Herbst 1944 wurden ungefähr 5000, vornehmlich holländische Juden nach Bergen-Belsen gebracht. Sie waren im »Sternlager«, so genannt, weil die Häftlinge den »Judenstern« auf ihrer Kleidung tragen mußten, die stärkste Gruppe neben Juden aus Saloniki, jugoslawischen, albanischen, nordafrikanischen und französischen Juden. Sowohl an der ursprünglich geplanten Anzahl von 10000 wie an den zum vorgeblichen Austausch nach Bergen-Belsen geschafften und an den nur 357 tatsächlich ausgetauschten Juden mag man ersehen, wie bedeutungslos das »Austauschprogramm« gewesen ist. Es beeinträchtigte die zur selben Zeit fahrplanmäßig abgehenden Vernichtungstransporte ebenso wenig, wie das ökonomische Interessen oder die Erfordernisse der Kriegslage taten.
Der auf einer »Fahrplankonferenz« im Mai 1944 in Wien aufgestellte Zeitplan, der den täglichen Umfang der Mordtransporte von ungarischen Juden auf 12000 festlegte (über 300000 ungarische Juden wurden nach Auschwitz verschleppt), wurde minutiös eingehalten, obwohl zu diesem Zeitpunkt jeder Eisenbahnzug gebraucht worden wäre, um die Front mit Nachschub zu versorgen. Jüdische KZ-Häftlinge wurden von der SS nur nach Maßgabe des Programms der »Endlösung« an industrielle Unternehmen »ausgeliehen«. Dazu heißt es in einem Rundschreiben Himmlers vom 9.10.1942: »Gegen alle diejenigen jedoch, die glauben, hier mit angeblichen Rüstungsinteressen entgegentreten zu müssen, die in Wirklichkeit lediglich die Juden und ihre Geschäfte unterstützen wollen, habe ich Anweisung gegeben, unnachsichtlich vorzugehen.« Für die unter dem Vorwand eines eventuellen Austauschs verschleppten Juden, die sich das »Privileg«, nicht sofort zum »Arbeitseinsatz nach Osten«, das hieß zur Vernichtung deportiert zu werden, mitunter teuer erkauft hatten, war die Vorspiegelung der möglichen Befreiung bloß eine besonders infame und immer wieder ergiebige Quelle für Illusionen.
Ab März 1944 schickte die SS auch KZ-Häftlinge nach Bergen-Belsen, die durch den Einsatz in Rüstungsbetrieben so geschwächt waren, daß sie durch andere ersetzt werden mußten. Der erste Krankentransport, 1000 meist tuberkulöse Häftlinge, kam aus dem Lager Dora, einem unterirdischen Außenkommando des KZ Buchenwald, wo die Häftlinge unter viehischen Bedingungen bei der Produktion von V-Waffen eingesetzt waren. Die stetig wachsende Gruppe von »nicht mehr Arbeitsfähigen« wurde im äußersten Teil des »Austauschlagers« abgetrennt zusammengepfercht, im sogenannten »Häftlingslager«, das für ein »Baukommando« von 500 aus verschiedenen KZ nach Bergen-Belsen geschafften Häftlingen angelegt worden war. Die von der SS in anderen Konzentrationslagern pedantisch durchgeführte Kategorisierung und Hierarchisierung der Häftlinge wurde in Bergen-Belsen um eine räumliche Dimension erweitert, jede Kategorie wurde im Lager durch hohe Drahtzäune von der anderen getrennt, so daß es mehrere »Binnenlager« im »Aufenthaltslager« gab:
das schon erwähnte Sternlager, in das man die Verfasserin des Tagebuchs [Hanna Lévy-Hass] verschleppt hatte und in dem mörderischer Arbeitszwang bestand. Selbst Greise wurden in die Arbeitskommandos zum »Stubbengraben« (d.h. Ausgraben und Zerkleinern von Baumstümpfen und Wurzeln in den Heidewäldern) gezwungen;
das Häftlingslager, das von Anfang an wie ein »normales« KZ verwaltet wurde: Sträflingskleidung, Sklavenarbeit, Kapo-Regime, Mißhandlungen, mangelnde medizinische Betreuung. Sofort nach dem Eintreffen des oben erwähnten Transports aus Dora stieg die Sterbequote sprunghaft an;
das Neutralenlager, in dem mehrere hundert Juden neutraler Staaten (Spanien, Portugal, Argentinien, Türkei) ohne Arbeitszwang unter bis März 1945 vergleichbar »erträglichen« Bedingungen inhaftiert waren;
das Zeltlager, ein Komplex hinter dem »Sternlager«, der ab Herbst 1944 mit Tausenden von Frauen aus dem Konzentrationslager Auschwitz belegt wurde;
schließlich das Ungarnlager, errichtet im Juli 1944, wo ähnliche Bedingungen herrschten wie im »Neutralenlager«. Die ungarischen Juden trugen Zivilkleidung mit dem »Judenstern« (über ihren Austausch verhandelte Himmler über Mittelsmänner mit jüdischen Organisationen). 1685 ungarische Juden wurden nach langwierigen Kopfgeldverhandlungen zwischen der SS und jüdischen Hilfsorganisationen im Dezember 1944 mit einem Zug in die Schweiz gebracht. Zu dieser Zeit waren bereits mehrere Hunderttausend ungarische Juden in Auschwitz ermordet worden.
Im »Sternlager« entwickelten sich selbst noch unter den chaotischen Zerfallserscheinungen der totalitären Herrschaft die Formen der »Zwangsgemeinschaft«, die für das Konzentrationslagersystem charakteristisch waren und die H.G. Adler detailliert für das KZ Theresienstadt beschrieben hat und denen in Bergen-Belsen vor allem die Beobachtungen und Reflexionen von Hanna Levy-Hass gelten. Ein ausgefeiltes System der Häftlingshierarchie, vom Lagerältesten bis zum Vorarbeiter, hielt jeden einzelnen Häftling ununterbrochen im Netz des Terrors gefangen, so daß in Bergen-Belsen bei immer steigender Häftlingszahl einige Dutzend SS-Leute, die zudem angesichts der um sich greifenden Epidemien immer weniger in Erscheinung traten, die Massen der Häftlinge dem sicheren Tod durch Hunger, Krankheit und Erschöpfung aussetzen konnten.
Ähnlich wie im KZ Theresienstadt waren im »Sternlager« Männer und Frauen, ganze Familien inhaftiert, und die Illusion einer bevorzugten Behandlung trug wesentlich zur Zerrüttung der psychischen Verfassung der Insassen bei. Denn Gerüchte über einen angeblich bevorstehenden Austausch, über mögliche Maßnahmen der SS- Lagerverwaltung oder über die Frontlage spielten im »Sternlager« eine eminente Rolle. Sie zirkulierten als Meldungen einer fiktiven Agentur, der »JPA«, was Jüdische Presseagentur bedeutete und als Kürzel synonym für Gerücht galt.
Als im Winter 1944 die alliierten Armeen immer weiter vordrangen, verschleppte die SS die noch überlebenden Häftlinge frontnaher KZ ins Innere Deutschlands. Oft wochenlang waren diese Transporte unterwegs, auf »Todesmärschen« oder in offenen Güterwaggons bei eisiger Kälte und ohne Verpflegung. Durch die Massentransporte von entkräfteten Zwangsarbeitern, die zur »Erholung« nach Bergen-Belsen gebracht wurden, und infolge der Evakuierungstransporte aus Auschwitz und seinen Nebenlagern, aus den KZ Ravensbrück, Groß-Rosen, Mauthausen u.a. (vor allem Frauen) stieg die Häftlingszahl in Bergen-Belsen rapide an: Ende November 1944 etwa 15000 Häftlinge, Ende Januar 1945 ungefähr 22000, Ende Februar 41000 und zur Zeit der Befreiung des Lagers Mitte April etwa 60000.
Mit dem neuen Lagerkommandanten Josef Kramer, einem erfahrenen KZ-Fachmann, der es vorher bis zum Adjutanten des Auschwitz-Kommandanten Höß und zum Kommandanten des Lagers Auschwitz II (Birkenau) gebracht hatte, mit der systematischen Überfüllung, dem organisierten Hunger, den umfassenden Epidemien und Krankheiten, schließlich mit den ununterbrochenen Mißhandlungen war die Umwandlung von Bergen-Belsen in ein »regelrechtes« KZ und Vernichtungslager abgeschlossen. Wenige Tage vor der Übergabe des Lagers an die Engländer wurden die »Austauschjuden« in drei Zügen abtransportiert, und so wurde auch formal dokumentiert, daß das »Aufenthaltslager Bergen-Belsen« seit einigen Monaten – ohne daß die »Austauschjuden« eine bessere Behandlung als die anderen Insassen erfahren hätten – als Sammelstelle für die Evakuierungstransporte diente: als gigantischer Ablagerungsplatz für menschliches Rohmaterial, das nach dem Ausfall der Verwertungsanlagen nurmehr als Abfall betrachtet und behandelt wurde. Und wie eine Müllkippe fanden die Engländer das Lager vor: Tausende zu Leichenbergen aufgeschichtete tote Körper, Fäulnis, Verwesung, Gestank.
Bergen-Belsen zeigt im Unterschied etwa zu Auschwitz und dem bürokratisch kalkulierten Mord der Gaskammern, wie wenig dem vorherrschenden Perfektionismus der industriellen Massenvernichtung die historischen Mittel der Massenverbrechen fremd sind. Denn planmäßiger Hunger und gewollte Seuchen waren die Hauptursachen des Massensterbens im KZ Bergen-Belsen. Verglichen damit wurde kaum eine große Zahl von Häftlingen Opfer unmittelbarer persönlicher Gewaltanwendung von seiten des SS-Wachpersonals, durch Erschießungen oder Mißhandlungen.
Allein im März 1945 starben in Bergen-Belsen über 18000 Menschen oder kamen bereits tot mit den eintreffenden Transporten an; bis zur Befreiung des Lagers erhöhte sich die Zahl der durch Hunger und Fieberepidemien vernichteten Menschen auf 35000. Und nach der Befreiung starben weitere 13000 an den Folgen der Erkrankungen und Entbehrungen, trotz der medizinischen Hilfe der Engländer, die in den Arsenalen der Lagerverwaltung riesige Mengen zurückgehaltener Lebensmittel und Medikamente entdeckten.
Vom 17. September bis zum 16. November 1945 fand in Lüneburg vor einem britischen Militärgericht der Bergen-Belsen-Prozeß statt. Angeklagt waren 33 SS-Leute und 11 Häftlinge mit Aufsichtsbefugnissen, sogenannte Kapos. Ein großer Teil des SS-Wachpersonals blieb vollkommen unbehelligt, da die Engländer nur jene anklagten, die sie bei der Übernahme des Lagers vorgefunden hatten. Der Prozeß wurde auf der Grundlage der britischen Militärgerichtsbarkeit geführt, was heißt, daß die deutschen Angeklagten prozessual wie englische Soldaten behandelt wurden und ihnen individuelles Verschulden nachgewiesen werden mußte. 11 SS-Angehörige wurden zum Tod verurteilt, 11 weitere Angehörige des SS-Wachpersonals und 8 Kapos zu Freiheitsstrafen, 14 Angeklagte wurden freigesprochen.
Über den Bergen-Belsen-Prozeß findet man in den Lüneburger Bibliotheken kein einziges Buch. Eine Anfrage im Stadtarchiv nach Unterlagen über den Prozeß oder anderem zeitgeschichtlichen Material wurde knapp beantwortet: nach den Archivierungsvorschriften fallen das Konzentrationslager Bergen-Belsen und der Prozeß nicht unter Angelegenheiten, welche die Stadt Lüneburg betreffen.
In Bremke, einem kleinen Dorf in Südniedersachsen, in der Nähe von Göttingen, findet man an der Stelle der niedergebrannten Synagoge heute einen deutschen Vorgarten: Immergrün und Gartenzwerge. Mit liebevoller Gründlichkeit ist hier die Vergangenheit »aufgearbeitet« worden. In Lüneburg die kleinstädtische Variante der Politik des verbauten Gedächtnisses, die auf die Politik der verbrannten Erde folgt: noch die Erinnerung an die Erinnerung wurde getilgt. An der Stelle des 1976 abgerissenen Prozeßgebäudes, der alten Städtischen Turnhalle, befindet sich heute ein Parkplatz.
Nachtrag: Die einzige detaillierte Studie über das KZ Bergen-Belsen, das 1962 in Hannover erschienene Buch von Eberhard Kolb (»Bergen-Belsen«), ist längst vergriffen und wird – nach Auskunft des Verlags – in absehbarer Zeit nicht wieder aufgelegt. Eine gedrängte Zusammenfassung der Monographie von Kolb findet man in den »Studien zur Geschichte der Konzentrationslager«, Stuttgart 1970 (Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Nummer 21, S. 130-153).
Einige wichtige Publikationen über den Nationalsozialismus waren ebenfalls über viele Jahre hinweg nicht mehr im Buchhandel erhältlich. Zu einer Zeit, in der den Deutschen die von ihnen begangenen Verbrechen unter dem Markenzeichen HOLOCAUST so griffig und geläufig werden wie NIVEA und nach dem Muster eines beliebten TV-Spiels jedermann zur Mitwirkung an einer inszenierten Betroffenheit aufgefordert ist, zu einer Zeit, in der ein Hitler-Fest-Film und ein Hitler-Fest-Buch bestimmt nicht das Andenken eines Verstorbenen verunglimpfen, von dem Adorno gesagt hat, man wisse nicht genau, ob er tot oder entkommen sei, ist es angebracht, auf einige Wiederauflagen längst vergriffener Titel hinzuweisen:
Hannah Arendt, »Eichmann in Jerusalem«, Rowohlt-Taschenbuch 1978.
Eugen Kogon, »Der SS-Staat«, Heyne-Taschenbuch 1977.
Jean Améry, »Jenseits von Schuld und Sühne«, Klett 1977.
Rudolf Höss, »Kommandant in Auschwitz«, dtv 1978.
Gerhard Schönberner, »Der gelbe Stern«, Bertelsmann 1978.
Abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwäche6
I.
Einmal im Amt, besteht die Würde des deutschen Berufspolitikers vor allem in unbeugsamem Durchhaltevermögen. Jeder Mißgriff eine Verpflichtung zum Weitermachen, jede Blamage eine Aufforderung zur nächsten, jede Verletzung der politischen Moral ein Beweis der eigenen Unversehrbarkeit.
Anders als in Ländern, in denen der Tatsache, daß jemand Minister oder Senator wurde, immer noch Wenigstens der Schein persönlicher Tüchtigkeit und individuellen Erfolgs anhaftete – Prädikate, derer man im politischen Geschäft ebenso rasch verlustig gehen konnte, wie man sie im wirklichen Geschäftsleben errungen hatte –, anders als in diesen Ländern sind Politiker in Deutschland schon immer staatliche Einrichtungen gewesen. Ihr Profil gewannen sie am Schwungrad des etatistischen Räderwerks, ihre Physiognomie war identisch mit der ihnen zugedachten Aufgabe: Als Scharnier der Staatsmaschinerie hatten sie vor allem zu funktionieren.
Bis heute sind die deutschen Politiker, von unglücklichen Ausnahmen abgesehen, nur die Anhängsel einer Sache, mit der sich die Sozialwissenschaften seit über hundert Jahren abmühen: Sie sind Funktionäre eines mittlerweile überdimensionalen Apparats. Nie der gewandte und wortgewaltige Repräsentant einer gesellschaftlichen Klasse, der es verstünde, noch das partikularste Interesse als große politische Idee feilzubieten, kennt der deutsche Politiker nur eine Tugend, welche er mit dem Sprachungetüm »Treuepflicht« auch gleich zur Richtschnur öffentlichen Handelns erhoben hat: Ein jeder Krise, jedem politischem Wolkensturm die Stirn bietendes Beharrungsvermögen, gleichgültig gegen jeden Inhalt, robust und zählebig. Politiker haben in der Regel eine hohe Lebenserwartung; wie meist der General den Gefreiten, so überlebt der Minister seinen Chauffeur. Weltläufigkeit, Eleganz, Bildung und Geschmack, savoir vivre wie dégoût für die Banalitäten des politischen Kleinkrams waren in Deutschland nie die einer politischen Karriere förderlichen Attribute; im Gegenteil: Der von jenen Zutaten gereinigte, aber dadurch um nichts weniger gesellschaftliche Stoff, aus welchem die Politiker der letzten Jahrzehnte ihre eigentümliche Immunität und Resistenz bezogen haben, dieser Stoff ist das Gleitmittel moderner Herrschaft. Er ist ein Amalgam aus Knechtsmentalität und dem ziellosen Hunger nach entleerter Macht. Wird er, wofür eine ausgeklügelte Laufbahnordnung sorgt, in der richtigen Dosierung verabreicht, so wird aus dem kleinen Befehlsempfänger, der nur im Bett von den Schalthebeln der Macht träumen kann, nach einer strapaziösen Bewährungsfrist ein Stadtdirektor, ein Ministerialbeamter, ein Staatssekretär, ein Minister und manchmal auch ein Kanzler oder ein Bundespräsident. Ihre Lebensläufe gleichen einander wie künstliche Wasserstraßen, und wer es auf diesen vertikalen Kanälen nicht frühzeitig zum Kapitänspatent bringt, bleibt sein Leben lang der von den Erfolgreichen abschätzig belächelte Kanalarbeiter. Kaum eine steile Karriere, selten ein großer Intrigant, kaum eine Persönlichkeit, nie ein Hasardeur, manchmal ein Überzeugungstäter, aber nie ein Staatsmann.




