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Friedrich der Große, von dem der ominöse Glaubensartikel des verstaatlichten Politikers formuliert wurde: »Ich bin der erste Diener meines Staates«, besaß gleichwohl die absolutistische Arroganz, zwischen sich als ersten Diener und den Staat noch ein besitzanzeigendes Fürwort einzufügen, außerdem besaß er beträchtliche philosophische Kenntnisse und eine mit eigenen Kompositionen angereicherte Soiree genoß er mit gleichem Kunstverstand wie mit Sachverstand eine einfallsreiche Schlachtordnung. Von der Bildung ist übriggeblieben das Hobby, und Kenntnisreichtum macht keinen Politiker mehr, was ihn auszeichnet ist Versiertheit.
Der bestallten Dummheit sieht man einiges nach, denn im Ritual der öffentlichen Blamage enthüllt die Demokratie unter Bedingungen des Spätkapitalismus ihr Wesen: ein Dummkopf ist potentiell jeder – wer ihn angreift, der kriegt es mit allen zu tun. Im augenzwinkernden Einverständnis mit den Repräsentanten des Gemeinwesens kommen die Massen nicht zu ihrem Recht, wohl aber auf ihre Kosten. Nach dem Muster modischer Therapiezirkel fungiert der öffentliche Fauxpas als Selbstdarstellung der applaudierenden Zuschauer. Indem sich derart unanfechtbar eine hohlköpfige Koalition der Gefolgschaft koalierter Hohlköpfigkeit versichert, scheint sich unwiderruflich jene letzte, »schließliche Form« bürgerlicher Herrschaft etabliert zu haben, von der Marx im »18. Brumaire« im Zusammenhang mit – einem heute allerdings überflüssigen – Napoleon gesprochen hat.
Was im Staatsmann noch eine Einheit bildet, im deutschen Berufspolitiker zerfällt es: Er ist der auswechselbare Staatsdiener mit Freizeitbereich. Büro und abends Familie. Er ist den Nichtpolitikern so unterschiedslos ähnlich, daß diese jenen zu Recht nicht einmal kennen. Jede Umfrage beweist es aufs Neue: Wer weiß denn tatsächlich, daß es einen Minister für Forschung und Technologie gibt und wie dieser heißt? Der niedersächsische Ministerpräsident veranstaltet häusliches Chorsingen und hält sich Schafe, soweit die Füße ihn trugen hat der Bundespräsident die Republik durchwandert, usw. – eine endlose Reihe von Biedermännern mit Job und Weekend, eine Galerie mit Gesichtern von der Stange. Je mehr sie »unser Staat« sagen, desto weniger haben sie davon; und eigentlich meinen sie auch, wie jeder Büroangestellte, damit nur ihre Bezüge. Weil sie zu einer kümmerlichen Existenz verurteilt sind, sprechen sie vom »sozialen Besitzstand«, worin sie, wie jeder Gewerkschaftsfunktionär, die Verkörperung der sittlichen Vernunft erblicken. Der unbedeutende Unterschied des Politikers zum Nichtpolitiker besteht alleine noch in dem Umstand, daß jener auf der Kommandobrücke eines Schiffes Platz genommen hat, worin dieser einen Ausflug zum Malstrom gebucht hat. Und damit sitzen sie wirklich alle im sprichwörtlich einen Boot.
Für den Verlust an Format, dem chronischen Leiden deutscher Politiker, rächen diese sich auf ihre Weise. Weil sie der Möglichkeit nach nichts sind, wollen sie in Wirklichkeit alles sein; weil sie im Leben niemand ernst nehmen würde, wollen sie andere den Ernst des Lebens spüren lassen. Wo jeder alles und jeden versteht, herrscht an Verzeihung kein Mangel: Es mag ein Politiker noch die ausgemachteste Schandtat aushecken, er wird sich nicht einmal dadurch unsterblich blamieren, daß er in flagranti beim Verfassungsbruch oder in der Halbwelt erwischt wird, im Gegenteil: Solche Blamage macht unsterblich.
Die politischen Tugenden des citoyen haben hier ihr spirituelles Leben ausgehaucht und sind ersetzt worden durch ein Arsenal regressiver Reflexe: Im Land des Berechtigungswesens und des Bewährungsaufstiegs muß man vor allem gut sitzen können; es zählen Eigenschaften, wie man sie im Höhlenzeitalter kannte und nach der Neutronenbombe braucht – Hartnäckigkeit, Durchhaltevermögen, Zähigkeit, Robustheit und Überlebenswillen.
Wenn Politik keine von sich verschiedenen Zwecke mehr intendiert, wenn sie identisch wird mit ihren Methoden, dann ist sie nichts und wiederum auch alles. Und damit schlägt die Stunde des Kleinbürgers, den Politik als Selbstzweck fasziniert. Hannah Arendt bezeichnet diesen Typus, der im 20. Jahrhundert Geschichte machen kann als »Spießer«. Nachdem die Menschen Gott nicht mehr zu fürchten haben und ihnen ihr Gewissen durch den Funktionscharakter ihrer Handlungen abgenommen ist, fühlen sie sich höchstens noch ihrer Familie gegenüber verantwortlich. Aus dem an öffentlichen Angelegenheiten interessierten Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft, das sich seiner Verantwortung für das Gemeinwesen bewußt war, ist der an seinem privaten Dasein klebende Spießer geworden. Und in den kleinen menschlichen Schwächen der Großen findet sich der kleine Mann immer wieder. Öffentliche Tugenden kennt er nicht, und wenn in dem ihm ähnlichen Versager Herrschaft und Knechtschaft eine lächerliche, doch eben darum lebensgefährliche Symbiose eingehen, dann erkennt er zufrieden sein eigenes Spiegelbild: Auch einer von uns, ein Anstreicher. Hauptsache Durchschnitt – nach dieser Devise wurden deutsche Politiker gemodelt. Friedrich Ebert, der biedere Charakter mit Sitzfleisch stand Modell, nicht Walter Rathenau, der den Haß der Abgerichteten auf sich zog.
Gerade weil sie so austauschbar sind, kleben sie an ihren Stühlen; weil man im politischen Geschäft keine Adlerschwingen mehr benötigt, tapsen sie die Hühnerleiter hinauf bis zum Ruhestand. Es geht ihnen – gemäß dem olympischen Spruch: »Dabei sein ist alles« – wie ihrer Gefolgschaft: Wer nicht mitmacht, ist schon draußen. Weil dabei weder Gesinnung noch Verantwortung jene Rolle mehr spielen, die Max Weber an der Wende zur verwalteten Welt als die ethische Paradoxie der Politik bezeichnet hat, sondern durch unspezifische Ausdauer ersetzt sind, beschäftigt sich die politische Soziologie heute mit den Härtetests von Laufbahnpolitikern. Mit dem Topos »Zirkulation der Eliten« hat die moderne Sozialwissenschaft den Sachverhalt beschrieben, daß die gerade nicht regierende Partei in gepolsterten Sesseln wie in einem Startloch kauert und bei gewonnenem Rennen nur die Plätze getauscht werden. Keine strittige Sache bezeichnet der Begriff der Elite mehr, sondern einen Naturvorgang: Ein System von kommunizierenden Röhren, worin die Geister im umgekehrten Verhältnis zu ihrem spezifischen Gewicht in die Höhe steigen. »Geist habilitiert sich nicht«, beschied deshalb ein Frankfurter Ordinarius das Habilitationsbegehren von Walter Benjamin, der damals begreifen mußte, daß Intelligenz nicht zu den Voraussetzungen gehört, um in Deutschland Professor zu werden.
Daß einer freiwillig seinen Platz räumt in einem System, das nur nach oben offen ist, gehört zu den unerklärlichen Wundern der Zeitgeschichte. Wo wegen eines Mißerfolgs oder einer diskreditierenden Affäre ein Politiker in früheren Zeiten zurückgetreten ist und dies anderwärts heute noch selbstverständlich ist, da nimmt in Deutschland keiner seinen Hut. Um ihr Gesicht nicht zu verlieren, treten andere mit gebührendem Anstand zurück; da deutsche Politiker das eine nie besessen haben und deshalb das andere nie erwerben konnten, harren sie anstandslos mit der ernstesten Miene aus. Und geht wirklich einmal einer vorzeitig, was dann?
II.
Einen Monat nach der Wahl des ehemaligen NSDAP- Mitglieds Carstens zum neuen Bundespräsidenten – Mitte 1979 – und eine Woche vor der damaligen Nominierung von Strauß zum Kanzlerkandidaten der CDU/CSU trat der Sozialdemokrat Hans Seifriz, 52 Jahre alt und seit zehn Jahren Senator der Hansestadt Bremen, von seinem Amt zurück. Zwischen zwei normalen Ereignissen der deutschen Nachkriegsgeschichte vielleicht eine Kehrtwende? Neunundneunzig Sünder und ein Gerechter?
Eine der CDU nahestehende Wochenzeitung hatte einen für politische Karrieren in der Bundesrepublik nicht untypischen Befähigungsnachweis von Seifriz in die Hände bekommen und schadenfroh veröffentlicht. Als angehender Journalist hatte Seifriz unter anderem folgende Talentprobe veröffentlicht: »Eine in fast allen Völkern lebende gottverfluchte Rasse war es, die immer wieder die Völker unterwühlte, ihr Eigenleben störte und Kriege anzettelte ... Der Jude ist der erbittertste Feind jedes völkischen Eigenlebens ... Wenn wir an die zum Teil himmelschreienden Verhältnisse denken, dann müssen wir dem Führer aus tiefstem Herzen dankbar sein, daß durch die nationalsozialistische Staatsform die Geburt von gesunden Kindern garantiert wird; denn nur dadurch kann sich ein Volk lebenskräftig erhalten.« (zit. nach Frankfurter Rundschau vom 25.6.1979).
Wäre der Senator, der als Jugendsünde gewertet wissen wollte, was doch angesichts der Zeit, in der er seine ersten öffentlichen Sporen sich verdient hat, nämlich Ende 1944, eher als Einübung in eine der politischen Karriere förderlichen Tugend gelten kann, in die Tugend, konsequent, d.h. wider besseres Wissen bis zum eigenen Untergang zu handeln – wäre dieser Senator schweigend und in betreten schweigender Stimmung zurückgetreten, dann hätte man, wenn auch mit falscher Hoffnung, vielleicht ein wenig aufatmen können: Gut, einer weniger. Einer von wievielen?
Wir wissen es nicht, und die Umstände des Rücktritts bewiesen auch, daß wir es auch gar nicht so genau zu wissen brauchen. Denn dieser Einzelfall komplettiert nur das Bild. Nicht trotz des Nationalsozialismus hat es einer zu einem öffentlichen Amt gebracht, sondern eben deshalb. Von den Unionsparteien war bekannt, daß sie sozusagen als Überleitungsgesellschaft ehemaligen Nazis die nötige freiheitlich-demokratische Stromlinie verpaßt und manchen damit sogar bis zum Kanzler und Bundespräsidenten gebracht haben. Nach dem Rücktritt des Bremer Senators muß man sich mit der Vorstellung vertraut machen, daß auch die Sozialdemokraten zu jenem bislang von anderen Parteien verkörperten Phänomen rechnet, dem die Soziologie Sockelqualifikation mit Transferleistungen bescheinigen würde. Ehrenmänner die sie sind, bedanken sie sich, indem sie kompromittierten Figuren wie Seifriz (oder dem schon längst wieder vergessenen Präsidenten des Frankfurter Landesarbeitsgerichts Joachim) »eine Chance gegeben haben« für den Umstand, daß der Nationalsozialismus auch willigen Sozialdemokraten eine Chance eingeräumt hatte. Nimmt man die damaligen Äußerungen einiger Sozialdemokraten und Gewerkschaftsfunktionäre ernst – an ihnen lag es nicht, daß diese Chancen nicht genutzt werden konnten.
Als wäre Politik Strafvollzug und ein öffentliches Amt die vom Bewährungshelfer verordnete Resozialisierungsmaßnahme, sprachen der Betroffene und der Bremer Regierungschef Koschnik von »Jugendsünden« und von »verblendeten Menschen, denen man die Chance gegeben habe, nicht abseits zu stehen, sondern neu anzufangen«.
Seifriz ist zurückgetreten mit der Erklärung, er habe sich zu diesem Schritt entschlossen, um die Partei nicht zu schädigen. Doch der Schaden besteht gerade darin, daß er durch sie etwas geworden ist. Jean Améry hat auf die Rechtfertigungsversuche wie auf die wortreiche Reue der ehemaligen Schreibtischtäter mit einem kategorischen: »Sie sollen der Mund halten« reagiert; nur wenn diese schwiegen, seien die Toten, die Würde der Opfer einigermaßen sicher.
Die hier von verzeihlichen Jugendsünden redeten, halten ansonsten schon die Tatsache, daß ein Schüler, der auf eine kommunistische Zeitung abboniert ist, schon für gravierend genug, daß sie ihn deshalb nicht einmal Friedhofsgärtner werden lassen wollen. Seifriz hat seine Nazi-Artikel in einem Alter geschrieben, in dem man heute nicht nur den Führerschein machen, sondern als Polizist anderen Menschen den »finalen Rettungsschuß« verpassen darf. Und neidvoll werden sicher viele Eltern und Großeltern den gestammelten Unsinn ihrer eigenen 18jährigen mit dem elaborierten, flotten Henkersdeutsch jenes aufstrebenden jungen Mannes von damals vergleichen.
Wie Weimar und Hitler sich als Kreuzung in der deutschen Politik nach 1945 fortzeugen, so auch in der deutschen Presse. Als ein Beispiel unter vielen mag hier der meinungsstiftende Kommentar eines stellvertretenden Chefredakteurs gelten, dessen Ausführungen »Feiges Nachgeben« überschrieben sind.7 Für die Tatsache, daß ein junger angehender Journalist mit widerlichen Veröffentlichungen reüssieren konnte, hat am ehesten Verständnis, wer selbst mit zusammengebissenen Zähnen als stellvertretender Chefredakteur seinen Job verrichtet und unnachgiebig ausharrt. Als »dumme Hetzartikel«, als hämischer Streich eines Hitlerjungen erscheint, was die Ermordung von Millionen Menschen mit zu verantworten hat. Im Kommentar zum Fall Seifriz ist die Rede vom »Sündenfall einer Pimpfengeneration«, als sei der Nationalsozialismus der Einbruch des Unglaubens in die Zivilisation gewesen, aus welcher er in Wahrheit doch hervorgegangen ist.
Die noch naiven ersten Menschen wurden für ihren Sündenfall zunächst einmal aus dem Paradies verjagt, das unterschlägt jene als »Vergangenheitsbewältigung« so beliebte exkulpierende Konstruktion, die im Nationalsozialismus Verbrechen und Strafe zugleich sieht. Für Adam und Eva hörte das Honiglecken auf; dem Verbrechen folgte die Sühne, dem Sündenfall die Vertreibung; im Schweiße ihres Angesichts mußten sie ihr Leben fristen ohne Hoffnung auf ein öffentliches Amt jenseits von Eden.
Ob man versteht, daß ein Jugendlicher in Nazideutschland mit großer Wahrscheinlichkeit eher ein Nazi als keiner war, ob man diese Wahrscheinlichkeit in Rechnung stellt oder nicht: Seifriz hat, wie tausende seiner später ebenfalls aufgestiegenen Zeitgenossen, direkt von der Schulbank weg als Schreibtischtäter seinen Beitrag zum Völkermord geleistet.
Weil alles an ihm so verständlich und er, von Ausnahmen menschlicher Schwäche abgesehen, anständig geblieben sei, hält heute ein stellvertretender Chefredakteur die frühen Fleißarbeiten von Seifriz für »verzeihlich«. Für verzeihliche Flecken auf dem Bildnis des Senators als junger Mann. Wie Himmler das Erbrechen seiner Schergen bei den Massenerschießungen.
Der Sozialdemokrat Seifriz war das Ziel eines kleinlichen Racheakts; in diesem Gewand kommt die Gerechtigkeit unter die Deutschen. So beschämend der Gedanke auch ist, daß die ehemaligen Nazis in der Bundesrepublik nur durch das Schattenboxen der Parteien ans Licht gebracht werden nach der Parole »Aug um Aug, Nazi um Nazi«, so tröstet er doch ein klein wenig über ein ausgelassenes Kapitel deutscher Geschichte hinweg. In den zänkischen Querelen würde sich ein winziges Quantum unterbliebener Rache erfüllen.
Doch vorerst steht alles zum Besten. Kein jüngstes Gericht kündigt sich an, kein Racheengel, nicht einmal eine zweite Klarsfeld im Bundespräsidialamt. Was heraufzieht ist die Aura einer überparteilichen Altherrenrunde, ein zeitgenössisches remake der »Feuerzangenbowle«: Bei einer Cocktailparty geraten ältere Herren und Damen in nostalgisches Schwärmen und lächeln jovial über ihre Jugendsünden – langweilig, einfallslos, eine Geschichte ist wie die andere –, bis plötzlich einer den Vorschlag macht, Wiedergutmachung zu beantragen.
1979
Notizen
Schuld – Es gibt keine Zuschauer mehr. Manche Theater äffen den Ernst dieses Befundes nach und fordern das Publikum – Gottseidank noch meist vergeblich – zum Mitspielen auf. Dann gibt es nur noch Kreative, und die Kritik verstummt.
Reale gesellschaftliche Gestalt gewann die Auslöschung dieser Differenz erstmals im Nationalsozialismus. Die Effizienz totaler Herrschaft bestand darin, tendenziell jeden ins Konzentrationslager zu bringen. Unschuldig war man nur auf Zeit, solange man noch draußen war. (Umgekehrt gingen die Alliierten, wie Hannah Arendt in »Organisierte Schuld« schreibt, zu Recht davon aus, daß jeder, dem die Nazis nichts angetan hatten, schuldig sei). Wußten politische Häftlinge noch, warum man sie eingesperrt hatte, so begriffen doch diejenigen, die sich für im Sinne des Systems unschuldig hielten, ihre Verhaftung und Deportation überhaupt nicht. Aber genau an diesem Punkt begann erst die eigentliche Domäne nationalsozialistischer Herrschaft.
Wie etwa gegenwärtig bei den rechtsstiftenden Versuchen der Polizei, die das Demonstrationsrecht zu novellieren forciert, indem sie durch Massenverhaftungen den Tatbestand der Teilnahme schafft, so galt auch bei den Nazis als tatverdächtig, nicht wer gegen die herrschende Ordnung verstoßen, sondern wer nicht positiv Partei für sie ergriffen hatte.
Die Unbeteiligten versuchten sich herauszureden, es müsse ein Irrtum vorliegen, wenn man sie verhaftet hatte, und sie protestierten – immer ergebnislos – dagegen, wie »gemeine Verbrecher behandelt zu werden«. Doch diese irritierten Klagen verliehen der dezisionistischen Willkür nur das nötige Salz.
Daß die Kategorie des Unbeteiligten liquidiert wurde, war die Rache am Liberalismus und dessen zusammengebrochener Vorstellung von Öffentlichkeit. Keiner sollte allein sein, höchstens der Führer.
Die begründete Differenz von privat und öffentlich wurde vernichtet, in dem die Karikatur der jeweiligen Extreme ritualisiert und zur Institution erhoben wurde: Parteitage und Massenaufmärsche im Hollywood-Format versus Familienidylle mit Hausmusik bei den KZ-Schergen.
Endsieg – Grenzübertritte vom europäischen Ausland in die Bundesrepublik führen manchmal auch bei weniger sensiblen Naturen zu einem erstarrenden Entsetzen, für welches sich der Begriff »Kulturschock« eingebürgert hat, jenes lähmende Erschrecken, das einen bei Wiedereintritt in die Barbarei befällt.
Fast ein Jahr nach Mogadishu, als sei die Tendenzwende sich selbst noch nicht ganz gewiss und der Bekräftigung durchs Ritual bedürftig, empfängt Rückkehrenden aus allen Kanälen und Redaktionen die triumphale Vollzugsmeldung: Mit der Erschießung von Willy Peter Stoll sei der Polizei ein entscheidender Schlag gegen den Terrorismus geglückt. In einem China-Restaurant sei er durch vier gezielte Revolverschüsse in den Oberkörper getötet worden. Aus allernächster Nähe.
Das nennt man in Deutschland ein zügiges Verfahren, keine Prozeßverschleppung, kein Personalaufwand, geringe Kosten. Die Kritiker, die an Stammheim weniger den architektonischen Ausdruck einer Gesinnung als den Steueraufwand bemängelten, sie werden zufriedengestellt.
Er soll gerade Hummersuppe gegessen haben, war in Bild zu lesen, und ein Kommentator in Hannover neidete ihm das angeblich teure Restaurant; wer nicht so dürftig an der Imbißstube Nahrung zu sich führt, sondern speist, soll auch nicht selig werden.
Richtig zurückgekehrt sieht man am Abend in einer live-Sendung des Fernsehens, wie die flexibel eingeschobene Hinrichtungsmeldung von zahlreichen Studiogästen beklatscht und vom Moderator bewitzelt wird: er empfinde eine klammheimliche Freude.
Unausweichlich zuhause findet man in den folgenden Tagen in allen Zeitungen das tote Gesicht mit der Brille.
Sie hatten ihn schon oft getötet als er noch lebte, und jetzt war er ihnen noch nicht tot genug.
Einigen wenigen ist es peinlich, sie fürchten um ihre europäische Reputation und meinen, sie könnten als Regisseure dieser Inszenierung, die gar keiner bedarf, im Ausland gelten und wiegeln deshalb vorsichtig ab; man sollte es nicht allzu toll treiben.
Im Konzentrationslager wie in den okkupierten Gebieten ließ man die von der SS und den Einsatzkommandos Erhängten noch tagelang am Baum oder am Galgen baumeln, damit jeder sehen konnte, wie im sicheren Zweifelsfall auch mit ihm verfahren würde. Doch die allgemeine Drohung, wie sie den tagelang gezeigten Bildern in Zeitungen und Magazinen anhaftet, ist bloß sekundär, traditionelle Abschreckung.
Was die Zurschaustellung der Opfer der Nazis mit der mediengerechten Aufbereitung der getöteten RAF-Mitgliedern verbindet ist der grenzenlose Zynismus. Die Toten müssen ein Stück Dreck sein, ehe sie zu Erde werden dürfen.
Hitler hat, entgegen anderslautenden Behauptungen, den Krieg doch gewonnen.
Apokalypse Now – »Abschied für immer von einer Stätte des Grauens« lautete die Überschrift in der als linksliberal eingestuften Tageszeitung. Was wurde angezeigt? Eine Rezension über die Befreiung von Buchenwald? Ein Bericht über kambodschanisches Flüchtlingselend? Ein Report über die Rückkehr der wenigen Überlebenden der Kommune von Jonestown? Knapp gefehlt: Unter diesem Titel berichtete der Sportinformationsdienst über ein Fußballspiel zwischen der Bundesrepublik und Malta im maltekischen Stadion von La Valetta. »Die deutschen Fußballer«, heißt es dort, »verließen das Gzira-Stadion von La Valetta auf Malta mit dem Gesichtsausdruck von Männern, die soeben einem Verhängnis entronnen sind.« Der Boden sei holprig dort gewesen, habe ein flüssiges Spiel der deutschen Mannschaft verhindert.
Die apokalyptischen Wendungen des Reporters, welche ein Stadionrund in den Neunten Kreis der Hölle verwandeln, kommen nicht von ungefähr. In ihnen teilt sich die Ahnung mit, dass nicht nur der Rasen wunschgemäß gestutzt werden muss, damit es zur Katastrophe kommt. Eine schlecht gespülte Tasse oder ein ungebügeltes Hemd haben heute alle Eigenschaften, die früher den Göttern zukamen: sie werden zum Auslöser einer Tragödie. Wenn man daran denkt, dass ein paranoider Präsident Nixon nur schlecht geschlafen haben musste, um anderntags Wahnsinnsbefehle an seine – Gottseidank bloß von instrumenteller Vernunft besessenen – Generäle durchzugeben, so ist man wiederum froh, dass die Deutschen durch alliierte Vorbehalte nicht schon wieder in der Lage sind, bloß weil sie ein Fußballfeld, das ein Fußballfeld ist, juckt, deshalb gleich die halbe Welt in die Luft zu jagen. Denn damit würde wirklich jeder löchrige Boden von La Valetta zu einer Stätte des Grauens, von der ein Abschied für immer ausginge.
Seelenwanderung – In Goethes »Belagerung von Mainz« ist in der Eintragung vom 25. Juli 1793 nachzulesen, wie er einen verkleideten, aber trotzdem entdeckten Jakobiner der Wut der Volksmassen entriss, weil er »lieber eine Ungerechtigkeit begehen als Unordnung ertragen« wollte.
Fast 180 Jahre später liefert ein gewerkschaftlich organisierter Goethekenner, also ein Deutschlehrer, eine verkleidete, aber trotzdem als Ulrike Meinhof erkannte Frau der Polizei aus, weil die Ordnung nicht zu ertragen eine Gerechtigkeit begehen hieße.
Verlustanzeige – Nach einigen Tagen ging er zum zuständigen Polizeirevier und meldete sich als vermisst. Dem Beamten, der die Anzeige aufnahm, gab er eine genau Beschreibung seiner Person, Alter, Größe, Gewicht, Haar- und Augenfarbe und auch der Kleider, die er am Leibe trug.
Der Polizeibeamte notierte alles sorgfältig und versprach, ihn zu benachrichtigen, sobald man eine Spur gefunden habe. Wenig später erhielt er die telefonische Mitteilung, der Vermißte sei hilflos aufgefunden und unverzüglich ins nahegelegene Spital gebracht worden, wo er ihn, nach Rücksprache mit dem verantwortlichen Stationsarzt jederzeit besuchen könne. Im Geschwindschritt machte er sich auf den Weg zum Krankenhaus, erklärte dem Pförtner sein Begehren und wurde ohne Umschweife zu dem Patienten vorgelassen. Als er sich im Bett da vor sich liegen sah, schüttelte er den Kopf, dankte der Schwester und wandte sich zum Gehen. Es ist ein Irrtum, dachte er, es ist der Falsche.
Traumjob – Herr K. traf unterwegs einen alten Bekannten. »Wie geht es Ihnen denn?«, erkundigte sich Herr K. »Wunderbar«, entgegnete der Bekannte, »ich habe endlich den Beruf meines Lebens gefunden.«
»Sie Unglücklicher«, sagte Herr K. erbleichend und ging eilends weiter.
Arbeit macht frei – Das Foto zeigt eine Gruppe demonstrierender Arbeiter, die ein Plakat vor sich hertragen mit der Aufschrift: Wer aussperrt, soll eingesperrt werden.
Dass die Aussperrung der Arbeiter untersagt werden soll, wie durch einen Artikel der hessischen Landesverfassung etwa, das fordern die Gewerkschaften. Sie halten dieses Mittel in den Händen der Unternehmer für eine einseitige und unzulässige Verschiebung eines Zustandes, den sie als Tarif- oder Sozialpartnerschaft bezeichnen.
Sie haben vollkommen recht. In der Regel wird eine Aussperrung dadurch beendet, dass die Arbeiter wieder eingesperrt werden. Das Verbot der Aussperrung und das Recht auf Arbeit als Verfassungsartikel würde endlich beide, Unternehmer und Gewerkschaften, zu gleichberechtigten Aufsehern von Häftlingen machen, die längst ihre eigenen Wärter geworden sind.
Paradise lost – Offensichtlich war, dass es Oben nichts zu holen gab. Die Geschichte des deutschen Bürgertums: eine lückenlose Chronik der Selbstentmündigung.




