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Pria schaut ihn fragend an. „Woher nimmst du diese Sicherheit?“ Qori lächelt sanft. „Ich kann sie spüren.“
„Durch die Zeit hindurch?“ Professor Zulgor sucht Qoris Blick. „Du erstaunst mich immer wieder, Qori.“
„Aber sie muss im passenden Zyklus sein, damit ich - ich meine, damit wir den Embryo verpflanzen können.“ Prias Blick flüchtet sich in ihre Handakte.
„Sie ist es“, erwidert Qori. „Und zwar genau an diesem Tag ...“ Er gibt weitere Daten ein.
Miguel notiert sich die neuen Daten und ergänzt seine Berechnungen. „Wieso überrascht mich das voraussichtliche Geburtsdatum nicht? Dann müssen wir nur noch herausfinden, wer sie ist. Aber das sollte nicht allzu schwierig werden.“
Qori justiert den Monitor neu. Die Karte verschwindet und Einzelheiten einer Welt, die seit über zweitausend Jahren vergangen ist, werden wie auf einem Film schlechter Qualität sichtbar.
Sein Weg führt sie hinein in einen kleinen, staubigen Ort, in eine ebenso kleine, von einer großen Familie bewohnten Hütte mit nur einem Zimmer, zu einem jungen Mädchen, das einer älteren Frau beim Brotbacken hilft. Alles in diesem Ort wirkt karg und ärmlich.
„Da ist sie.“ Zärtlichkeit liegt in Qoris Stimme.
„Aber das Mädchen ist vielleicht grade mal dreizehn Jahre alt!“, wirft Pria erschrocken ein.
„Das war damals das Alter, in dem die jungen Leute heirateten, Pria. Die Zeiten haben sich geändert.“ Miguel zwinkert ihr zu. „Wer heiratet heute noch?“
„Und wir ändern sie jetzt noch einmal“, erklingt Professor Zulgors Stimme im Hintergrund.
„So sei es!“
Er verlässt mit den Anderen den Raum.
Qori hält Pria, die ihm folgen will, zurück. „Sie hat einen Verlobten. Du wirst ihn einweihen müssen, denn sie ist noch unberührt.“
Pria schüttelt verwirrt den Kopf. „Eine Jungfrau? Weißt du, was du ihr damit antust?“
„Ja.“
„Und was soll ich ihm erzählen? Du verlangst, dass ich mit ihm Kontakt aufnehme? Und wieso denkst du überhaupt, dass ich gehen werde?“ Sie kann seinem intensiven Blick kaum standhalten.
„Weil du es willst, Pria. Es ist dein Kind. Du wirst es beschützen wollen wie jede Mutter.“ Er streicht ihr lächelnd übers Haar. „Aber dafür wirst du auf dein wunderschönes, goldenes Haar verzichten müssen. Blondinen waren dort zu der Zeit sehr selten.“
Pria schnauft empört. „Kommt ja gar nicht in Frage!“
Der halbe Inhalt ihres Kleiderschrankes liegt über dem Bett verstreut. Pria sitzt an ihrem Schreibtisch, den Kopf tief vergraben über aufgeschlagene uralte Bücher, die Hände ebenso in den blonden Haaren.
Qori angelt schmunzelnd einen Büstenhalter aus dem Wäscheberg. „So etwas gab es meines Wissens nach zu der Zeit nicht.“
Aus den Augenwinkeln schult sie kurz zu ihm. „Ich habe nicht vor, mich dort auszuziehen.“ Sein Lachen lässt sie kurz aufblicken. „Hör zu, Qori, ich muss noch lernen. Die Hypnoschulung kann mir zwar die Grundlagen der Sprache vermitteln, aber das reicht nicht, um authentisch zu wirken. In drei Tagen breche ich auf. Bis dahin ...“
„Vergeht noch viel Zeit“, erwidert Qori sanft. „Hast du dir schon eine Geschichte für ihren Verlobten ausgedacht?“
„Bin dabei. Hier.“ Achtlos hält sie ihm einen Bogen Papier hin.
Qori nimmt ihn, überfliegt den Text. „Nicht schlecht. Aber ob die Menschen dieser Zeit ihn verstehen?“
„Miguel meint, sie werden. Die alten Schriften werden bis zum Tag unseres Eingreifens Bestand haben. Aber ...“ Pria richtet sich seufzend auf und blickt Qori nachdenklich an. „... ob er sich alleine durch meine Worte daran hindern lässt, sie zu verstoßen? Wie soll sie es ohne Mann mit einem nichtehelichen Kind schaffen? In dieser Zeit? Sie wird eine Ausgestoßene sein. Niemand wird ihr die Geschichte glauben, die wir ihr erzählen werden.“
Qori fährt mit den Fingern durch ihr langes Haar. „Locken würden dir gut stehen.“ Pria mustert ihn verständnislos. „Locken?“
Qori nimmt eines der Bücher von ihrem Tisch, findet nach kurzem Suchen die gewünschte Seite und zeigt ihr die Stelle. „Wenn du dir dies hier zu Nutze machst, mein Engel, dann werden sie dir alles glauben, was du ihnen erzählst.“
Pria nimmt wirft einen Blick in das Buch. „Das könnte sogar funktionieren! Miguel hat sicher noch ein paar alte Bilder für mich – als Inspiration.“ Sie springt auf und wühlt in den Kleidungsstücken auf dem Bett herum. „Ich hab bestimmt auch noch etwas Passendes zum Anziehen. Und zum Frisör muss ich sowieso mal wieder ...“
Qori lacht über ihren Eifer. „Hoffentlich hast du auch die passende Sprache gelernt, sonst nützt dir dein hübsches Köpfchen diesmal überhaupt nichts!“
„Natürlich hab ich - oh, du ...“ Sie wirft lachend mit einem Pullover nach ihm.
Qori fängt ihn auf, wirft ihn zurück aufs Bett und zieht Pria an sich. „So gefällst du mir schon viel besser.“ Er schickt einen schrägen Blick aufs Bett. „Aber das da gefällt mir überhaupt nicht. Wo soll ich denn heute Nacht schlafen?“
„Wie wäre es denn zur Abwechslung mal in deinem eigenen Bett?“ Pria zwinkert ihm zu.
„Ich komme auch mit.“
Hand in Hand schlendern sie durch den Stützpunkt. Es ist spät und nur noch wenige Menschen sind in den taghellen Gängen unterwegs. Zeit ist hier ebenso künstlich wie Sonnenlicht, doch ist gerade die Zeit ihr wichtigstes Orientierungsmittel. Und sie läuft ihnen davon. In jeder Sekunde. Immer schneller.
„Wir werden die einzigen Menschen sein, die sich gefahrlos nach draußen bewegen können, wenn das Experiment abgeschlossen ist“, meint Pria leise, den Blick auf die zahlreichen
Türen gerichtet, hinter denen andere Quartiere liegen. „Viele werden diese Welt nie wieder verlassen dürfen.“
„Sie dürfen“, erwidert Qori ebenso leise. „Sie selbst werden darüber entscheiden, welches Leben sie führen wollen. Ob sie das Risiko eingehen und auf das Göttliche vertrauen, oder ob sie hier in der Dunkelheit die trügerische Sicherheit eines längst vergangenen Lebens führen wollen.“
„So einfach ist es nicht, Qori.“ Pria schmiegt sich enger an ihn. „Wir hängen doch alle an unserem Leben, sei es auch noch so kümmerlich. Niemand weiß wirklich, was nach dem Tod kommt.“
„So wie niemand weiß, was nach dem Experiment kommen wird. Wir hoffen auf ihn, aber er kann sich auch ganz anders als geplant entwickeln. Auch wenn er mein Klon ist, so hat er doch seinen eigenen, vom Göttlichen gegebenen Willen, und der kann sich von meinem ganz erheblich unterscheiden.“ Qori schickt ihr ein schiefes Grinsen. „Das hoffe ich jedenfalls.“
Lachend schiebt Pria ihn von sich, nur um ihn gleich wieder zu sich zu ziehen. „Ich hoffe nur, er hat nicht deinen Galgenhumor geerbt!“
„Nein“, schmunzelt Qori, „der ist hart erarbeitet.“
Pria bleibt stehen und zieht ihn zu sich. Ihre Lippen suchen die seinen auf dem menschenleeren Gang.
Doch die Stille wird unterbrochen von einem lauten Knall aus einer der Türen im abzweigenden Nebengang.
Erschrocken fahren die Zwei auseinander.
„Was war das?“ Pria blickt sich aufgeregt um. „Dort! Im Labor! Oh nein!“
„Komm!“ Qori greift nach ihrer Hand und rennt zum Labor.
Türen öffnen sich, erschreckte, verschlafene Mitarbeiter schauen auf den Gang. Sie begreifen und eilen ebenfalls zum Labor, verstopfen den Gang.
Die Tür ist halb aus den Angeln gerissen. Scherben bedecken den Boden. Das Metall der Tische und Schränke zerfetzt wie Aluminiumfolie. Ätzende Gase steigen ihnen in die Nasen, zwingen sie zum Husten.
Die Menge verharrt vor der Tür.
Qori drängt sich durch die Gaffer. Zwischen den Trümmern liegt Bernard, Prias Assistent. Die Augen weit aufgerissen, kaum noch Leben in ihnen. Der Körper blutend aus unzähligen Wunden, gerissen von den umherfliegenden Splittern.
Pria eilt an Qoris Seite, der bereits neben dem Verletzten am Boden kniet. Ihr reicht ein Blick, um zu wissen, das spärliche Antworten alles sind, was das Leben in Bernard noch zu geben bereit ist.
„Bernard! Was ist passiert? Was ist denn nur passiert?“ Doch nur ein leises Stöhnen antwortet ihr.
„Halte seinen Kopf!“, verlangt Qori, während er ihm Kittel und Hemd aufreißt.
„Es ist zu spät, Qori“, flüstert sie erstickt. „Wir können ihm nicht mehr helfen. Er stirbt ...“
„Es ist niemals zu spät, solange noch Leben in ihm ist!“ Qori zieht einzelne Splitter aus den Wunden.
Pria zieht seine Hände zurück. „Du machst es nur noch schlimmer.“ Ihr Blick gleitet an ihm vorbei. „Holt die Sanitäter!“
Pria schreit es den Starren an der Tür zu.
Noch nie gab es einen derartigen Unfall. Sie sind zwar für den Ernstfall ausgebildet, aber sie haben nie damit gerechnet. Sie wissen nicht zu handeln. Sie stehen nur da. Unfähig zu erkennen. Zu reagieren.
Einer löst sich schließlich zögernd aus ihrer Mitte. Seine lauten Schritte durchdringen die tödliche Stille und verheißen Hoffnung für den Verletzten.
Qori blickt auf den zerfetzten Oberkörper des Mannes. Helles Blut pulsiert in Strömen über die nackte Haut. Ein letztes Zucken geht durch den Körper, dann fließt das Blut nur noch wie ein Rinnsal, der Kraft des treibenden Herzschlages beraubt.
„Ich kann ihm nicht mehr helfen! Tu du etwas, Qori, bitte!“, flüstert Pria eindringlich. „Lass ihn bitte nicht sterben!“
„Ich - ich kann nicht ...“ Qoris Blick wandert ins Leere.
„Doch, du kannst! Ich weiß, dass du es kannst! Bitte, Qori! Bitte!“ Sie sucht und findet seinen Blick.
Qori kann sich ihrem Flehen darin nicht entziehen. Er atmet tief durch und schließt die Augen. „Also gut. Aber bring die Leute hier raus!“
Pria springt auf und schiebt die Menge energisch aus der Tür. „Macht Platz, Leute, verschwindet! Geht wieder in eure Quartiere! Nun geht schon! Ihr könnt hier nicht mehr helfen! Geht!“
Widerwillig setzt sich die Menge in Bewegung.
Pria bleibt in der Türzarge stehen, den Blick auf Qoris Rücken gerichtet. Seine Hände liegen auf dem Brustkorb des Verletzten, seine Haltung spannt sich. Leise Worte einer unverständlichen Sprache vor sich hinmurmelnd, spürt auch Pria die starken Energieströme, die von ihm ausgehen.
Der Körper unter seinen Händen zuckt und bebt. Das Leben will aus ihm entweichen. Qori lässt es nicht zu. Er verschließt die Aura des Sterbenden und gibt der Seele keinen Raum zur Flucht.
„Nein, deine Zeit hier ist noch nicht vorbei“, flüstert er zu der fremden Seele in der Sprache, die nur sie beide verstehen. „Wir brauchen dich noch. Bleib und führe dein Leben zu Ende, wie es von Anfang an geplant war!“
Wer bist du, dass du zu wissen glaubst, wie der Große Plan aussieht?, hört er das Wispern der gequälten Seele.
„Ich befehle dir – geh zurück!“ Qoris Finger verkrampfen sich unter der aus ihm hervorbrechenden Energie und versetzen dem aussetzenden Herzen unter ihnen einen kräftigen Schlag, der es zurück ins Leben holt. „Du kannst ihn nicht verlassen, solange sein
Herz dich noch bindet!“
Nur er hört das gepeinigte Seufzen der Seele, die keine Wahl hat und dem Ruf des schlagenden Herzens folgen muss. Zurück in den vor Schmerz schreienden Körper.
Qori bricht erschöpft zusammen, als die Sanitäter endlich da sind und sich des Verletzten annehmen.
Pria zieht ihn an den Handgelenken sanft mit sich, dreht seine Hände um. „Meine Güte – das sind Brandblasen!“
Qori zieht sie mit sich aus dem Trümmerfeld ihrer Hoffnung.
„Alles vorbei ...“ Seine Stimme ist kaum mehr als ein Flüstern. Gebrochen. Entsetzt.
Gescheitert. Ein letztes Mal. Vorbei. Endgültig. Alles umsonst ...
Pria wischt vorsichtig das Blut von seinen Händen. Schnelle, geschickte Finger, die wissen, was sie tun, versorgen die Brandwunden. Ihre Hände zittern nicht, aber ihre Stimme. „Wie konnte das nur geschehen?“
Teilnahmslos lässt Qori ihre Fürsorge über sich ergehen.„Ich weiß es nicht. Aber es war der Göttliche Wille. Wir wurden zu anmaßend. Wir haben geglaubt, einfach so in seinem Namen handeln zu dürfen! Statt Leben zu retten – statt Leben zu erschaffen! - haben wir heute fast
eines getötet!“
Qori springt auf. Nichts hält ihn mehr auf diesem Stuhl. Genauso wenig wie an diesem Platz. Er muss hier raus! Er braucht Luft zum Atmen!
„Qori – beruhige dich bitte!“ Pria stellt sich ihm in den Weg. „Nichts ist verloren! Bitte glaube mir! Wir ...“
„Nein, Pria!“ Zornig packt er sie an den Armen. „Nein! Es ist vorbei! Endgültig vorbei! Es gibt keinen neuen Versuch mehr! Ich stehe nicht mehr zur Verfügung!“
Qori schubst sie beiseite und stürmt zur Tür des Versorgungsraumes.
Pria fängt den Sturz gerade noch ab. „Qori! Es geht ihm gut! Ihm ist nichts geschehen! Er war nicht mehr im Labor!“
Wie erstarrt dreht er sich zu ihr um. „Was sagst du da?“
„Er war nicht im Labor.“ Pria versucht ein Lächeln. „Ich dachte heute Nachmittag an deine Worte. In Liebe gezeugt. Ich wollte ihn in einer liebevolleren Umgebung sehen. Nicht in der Sterilität des Labors.“
Sein Blick verrät Angst, aber auch Hoffnung. „Du hast ihn hoffentlich nicht in dein Quartier gebracht?“
„Nein.“ Pria lächelt zärtlich und entspannt sich. „Nein, nicht in mein Quartier. Komm mit.
Ich bring dich zu ihm.“
Die Täuschung ist nahezu perfekt. Subtropische Bäume und Sträucher, verwachsen mit dem Vulkangestein des Untergrundes. Ein Bach plätschert über die natürliche Erhebung als Wasserfall und sammelt sein Wasser der unterirdischen Quelle in einem kleinen See.
Versteckte Wege laden zu einem vergessenen Spaziergang durch scheinbar unberührte Natur ein. Und doch ist sie so widernatürlich wie das künstliche Sonnenlicht.
Pria führt ihn durch dichtes Unterholz tief in den kleinen Hain aus Palmen. Im Herzen des Dickichts steht eine gläserne Säule, deren unterer Teil alle lebensnotwendigen Aggregate beherbergt, die ihrer Hoffnung das Leben schenken.
Qori starrt auf die Petrischale in der Mitte der gläsernen Kugel, die den oberen Teil der Säule bildet. Zu winzig, um das Leben mit bloßem Auge zu erkennen. In ihr ihrer aller Hoffnung.
„Du hast ...“ Qori versagt die Stimme.
Pria überprüft flink die Werte. „Alles in Ordnung! Es geht ihm gut.“ Auch ihr ist die Erleichterung anzuhören.
Sie wendet sich Qori zu, der erschöpft auf die Knie gesunken ist, kniet sich zu ihm. „Es geht ihm gut, hörst du?“
Qori schüttelt fassungslos den Kopf. „Ich begreife es nicht ... - Wie konntest du das alles nur geschehen lassen?“
„Was? Wieso? Was habe ich denn ...“ Pria versteht nicht. Sie sucht seinen Blick, doch dann erkennt sie, dass seine Worte nicht an sie gerichtet sind.
Leise erhebt sie sich und lässt ihn alleine. Alleine mit sich und mit dem Göttlichen. Und mit der Hoffnung der Welt, dessen kleine gläserne Welt ebenso zerbrechlich ist wie ihre große harte Welt dort draußen.
Tief horcht Qori in sich hinein und lauscht auf die leise Stimme in seinem Inneren, die ihm erlaubt, Dinge zu erkennen und zu verstehen, die so vielen anderen verschlossen bleiben. Er weiß um seine Fähigkeiten und seine Macht. Um seine Verantwortung und sein Wirken. Er hat Angst.
Immer tiefer, bis auf den Grund seiner eigenen Seele, die es ihm ermöglicht, Verbindung mit anderen Seelen aufzunehmen. Er konzentriert sich auf die Petrischale, auf das kaum begonnene Leben, auf die Seele, die schon in ihm steckt. Sie haben auf das kosmische Gesetz der Anziehung vertraut. Bedingungen geschaffen, die die richtige Seele anlocken sollen.
Wessen Seele? Wie ist dein Name? Woher kommst du und wer warst du? Ich kann dir nur meinen Körper als Klon zur Verfügung stellen, mit all seinen Fähigkeiten und Gaben, aber meine eigene Seele kann ich nicht teilen. Wer also bist du? Sprich mit mir und lass mich verstehen.
Doch so sehr er auch lauscht – Schweigen ist die einzige Antwort, die er bekommt.
„Wir verdanken es nur Prias Intuition, dass unsere Mission nicht endgültig noch vor ihrem Beginn gescheitert ist.“ Müde wischt sich der Professor über die von dunklen Ringen überschatteten Augen. Er blickt in die Runde der Neun und setzt seine Brille wieder auf. „Wir danken dir, Pria.“
„Dankt nicht mir“, erwidert Pria verlegen, „dankt lieber dem Göttlichen. Es schenkte mir diesen Einfall.“
Qori schüttelt kaum merklich den Kopf. Sie versteht es nicht! Sie will es einfach nicht verstehen! Sie alle werden es nie verstehen! Sie haben nie verstanden! Sie wissen immer noch nicht, was sie hier tun!
Pria mustert Qori besorgt und auch Professor Zulgor lässt seinen Blick nicht von ihm. Qoris Schweigen dauert nun schon zwei Tage, seit dem Unfall im Labor. Nur mit Mühe konnten sie ihn dazu bringen, den Platz im Palmenhain zu verlassen, um an der letzten Konferenz vor dem großen Tag teilzunehmen.
„Morgen ist es endlich soweit!“ Auch Miguel ist die Aufregung anzuhören. „Dann ist es nur noch die Frage von Zeit.“
„Ich habe es mir so oft ausgemalt.“ Versonnen blickt Malissa ins Leere. „Eine neue Welt.
Eine friedliche Welt. Voller Hoffnung, Liebe und Menschlichkeit.“
„Erwarte nicht zu viel von den Menschen, meine Liebe.“ Konstantin, dessen zweites Segment rot gefärbt ist, Organisator und Planer, Praktiker mit Leib und Seele und einem stets glücklichen Händchen, lehnt sich gemütlich in seinem Stuhl zurück. „Es sind noch viel zu viele Faktoren offen, die wir nicht beeinflussen können, weil wir sie nicht einmal erkennen.“
„Ich gebe dir Recht, Konstantin.“ Professor Zulgor nickt bedächtig. „Und deshalb geben wir diese in die Hand des Göttlichen. Nur es alleine ist in der Lage ...“
Ihr Narren! Das laute Scharren von Qoris Stuhl unterbricht ihn. Qori eilt wortlos aus dem Raum, die Miene versteinert.
„Lass ihn, Pria.“
„Ich verstehe ihn nicht, Miguel!“ Pria wischt sich über die feuchten Augen. „Nicht dass ich ihn je verstanden hätte, aber in den letzten Tagen ist er mir noch fremder geworden.“
„Wie würdest du dich denn an seiner Stelle fühlen?“ Miguel sucht ihren Blick.
Pria erwidert ihn verständnislos. „Wie meinst du das?“
„Es ist sein Klon, der die Welt verändern wird. Ohne seine Entscheidung wäre das Projekt niemals verwirklicht worden. Er ist ein Teil von ihm. Er ist er. Und damit ist es seine Verantwortung, was aus der Welt werden wird.“
„Aber das ist doch Unsinn!“ Aufgebracht rutscht Pria auf ihrem Stuhl herum. „Wir alle hier tragen gleichermaßen die Verantwortung, egal was auch geschieht!“
Titel - 2
Titel
„So siehst du es. Qori sieht es eben anders. Und das ist sein gutes Recht.“
Pria schüttelt den Kopf. „Zumindest trage ich nach seiner Ansicht die Hälfte der Verantwortung, denn ein Teil dieses Kindes ist von mir!“
„Jede andere Eizelle hätte diesen Zweck erfüllt, Pria. Du nimmst dich zu wichtig.“ Zynisch lächelt Konstantin ihr zu.
„Mag sein.“ Ihre Stimme zittert. „Vielleicht bin ich emotional zu sehr eingebunden.
Vielleicht bin ich nicht die Richtige für dieses Projekt.“
„Das ist Unsinn“, wendet Malissa ein. „Und das weißt du auch. Gerade eure Liebe zueinander wird uns allen dabei helfen.“
„Oder aber sie steht uns allen im Weg.“ Konstantin zuckt gemächlich die Schultern. „Wo Emotionen ins Spiel kommen, ist der klare Blick meist versperrt.“
„Deine Einwände sind zur Kenntnis genommen, Konstantin“, mischt sich Professor Zulgor in den beginnenden Streit ein. „Wie auch alle vorherigen. Kommen wir nun zu dem letzten, zur Zeit wichtigsten Punkt der heutigen Sitzung: der Unfall im Labor.“ Sein Blick in die Runde verheißt keine guten Nachrichten. „Dieser Unfall hätte so nie passieren können und dürfen.“
„Was soll das heißen?“ Sedhoo streckt seine kleine Gestalt, um an dem wuchtigen Konstantin vorbei dem Professor in die Augen blicken zu können. „Dass es kein Unfall war?“
„Das wissen wir noch nicht“, muss der Professor eingestehen. „Aber es gibt zu viele ungeklärte Faktoren – zu viele Zufälle, die es nicht geben dürfte.“
Konstantins Blick wandert misstrauisch durch die Runde der Anwesenden. „Und die wären?“
„Nach dem derzeitigen Stand kam es durch einen nicht ordnungsgemäß gewarteten Filter der Abgasanlage zu einer Überhitzung und damit zu der Explosion.“
„Den Schuldigen herauszufinden, sollte kein Problem sein.“ Konstantins laute Stimme übertönt das ansetzende Stimmengewirr.
„Es geht nicht um Schuld oder Unschuld. Fehler passieren jedem. Wer noch nie einen Fehler begangen hat, der mag seine Stimme hier anklagend erheben“, erwidert der Professor streng. „Aber hinzu kommt noch, dass auch die Alarmanlage versagt hat. Ebenso wie die automatische Abschaltung der gesamten Stromzufuhr für die Anlage.“
„Das sind zu viele Zufälle auf einmal“, meint Miguel nachdenklich. „Sabotage?“ Professor Zulgor seufzt tief und vernehmlich. „Wir wissen es nicht. Noch nicht.“
Er muss hier raus! Raus an die frische Luft! Die warmen Strahlen der Sonne tröstend auf seiner Haut spüren! Den Geruch der Lebendigkeit mit dem Wind in jeder Faser seines Körpers aufnehmen! Der aufbereiteten Luft der künstlichen Welt entkommen! Echtes Leben spüren!
Qori fragt nicht nach einer Erlaubnis. Er eilt an den Wachen vorbei, eine Geste von ihm macht jede Frage nach einem Passierschein unnötig. Sie starren ihm nach, sind des Denkens für einige Momente beraubt. Er erlaubt ihnen keine Frage, kein eigenständiges Handeln. Sie gehorchen ihm.
Den Befehl als Gedanke kaum in Sichtweite den Wachen am äußeren Tor zugeworfen, öffnen diese es wortlos. Qori drängt sich hinaus. Tief zieht er die salzige Luft in seine ausgehungerten Lungen und klettert gleich neben dem versteckten Eingang den Berg hinauf. So hoch wie nur möglich.
Auf der Spitze eines kegelartigen Berges findet er eine Lichtung. Er hebt seinen wunden Blick in die hoch stehende Sonne, breitet die Arme aus und empfängt die warmen Strahlen des Lebens. Spürt die Lebendigkeit in jeder Zelle seines Körpers. Wie sich ihre Energie mit
der seinen verbindet.
Alles ist eins und alles ist miteinander verbunden. Ohne Sonne kein Leben. Wenn die Sonne stirbt, sterben wir. Doch das Universum wird weiterleben. Es wird unseren Untergang so wenig bemerken wie wir den Verlust eines einzelnen Haares. Wer sind wir, uns so wichtig zu nehmen, dieses kleine Staubkorn im All beherrschen zu wollen? Es formen zu wollen nach unseren Wünschen? Wer sind wir, dass wir uns anmaßen, den Großen Plan zu kennen? Wer werden wir sein, wenn wir getan haben, was wir als den einzig richtigen Weg erachten?
Wohin wird er uns führen? Ins Licht? Oder in die Finsternis einer noch dunkleren Zukunft? Oder gleich ins Verderben? Wird diese unsere Welt noch existieren oder haben wir sie schon längst ausgelöscht?




