Weisheit und Mitgefühl in der Psychotherapie

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Östliche Weisheitstraditionen sind anders orientiert. Sie betonen die transformative Kraft von Weisheit, die darin besteht, dass sie sich positiv auf unsere kognitiven, intuitiven, affektiven und zwischenmenschlichen Erfahrungen auswirkt (Takahashi & Overton, 2005). Die frühesten schriftlichen Fassungen asiatischer Weisheitslehren sind die Upanishaden, die zwischen 800 und 500 v. Chr. (Durant, 1956) aufgezeichnet wurden. Hier beschreiben die gesammelten Geschichten von Heiligen und Weisen Weisheit, die sich nicht nur von faktischem Wissen unterschied, sondern auch transzendente spirituelle Erfahrungen enthielt, die über die der vertrauten sinnlichen Welt hinausgehen. Etwa um 600 v. Chr. tauchte die vielgestaltige Sammlung von Lehren, die man unter dem Begriff Taoismus zusammenfasst, in China auf. In dieser Tradition werden Intuition, Mitgefühl und vor allem ein ausgewogenes Leben in Harmonie mit den Gesetzen der Natur als die Essenz von Weisheit gesehen. Logisches Denken, Vernunft und Sitten gelten danach als verdächtig – weil sie zu leicht von engem Eigeninteresse beeinflusst werden und man von dem Ganzen der Natur entfremdet werden kann (Birren & Svensson, 2005). Bald darauf, ebenfalls in China, lehrte Konfuzius (551–479 v. Chr.), dass eine moralische Lebensführung und Erhalten der sozialen Ordnung Kennzeichen von Weisheit seien (Baltes, 2004; Birren & Svensson, 2005).
So einflussreich diese Weisheitstradition bei der Ausbildung der Kultur Asiens gewesen sind, es sind die Lehren des Buddha (5.–4. Jh. v. Chr.), die gegenwärtig die unmittelbarste Wirkung auf westliches psychologisches Denken und seine Praxis haben – vor allem durch die Verbreitung achtsamkeitsbasierter Behandlungsmethoden. Wie wir gleich sehen werden, wird in buddhistischen Lehren Weisheit als Einsicht sowohl in die Muster der natürlichen Welt als auch in die Formen gesehen, wie konventionelle geistige Gewohnheiten Leiden erzeugen. Wie in der taoistischen Tradition werden Vernunft und angehäuftes Wissen als weniger wichtig denn intuitive Einsicht gesehen. Einsicht kann demnach unsere Erfahrung wie auch unser Verhalten radikal transformieren.
Weisheit in der westlichen Psychologie
Vor dem Hintergrund der Bedeutung und Wichtigkeit von Weisheit im westlichen Denken überrascht es, wie wenig die Theoretiker der Traditionen der akademischen Psychologie wie auch der Psychotherapie über sie zu sagen hatten. Dies fällt besonders auf, wenn man bedenkt, dass in alter Zeit „weise“ Menschen die Therapeuten waren – die Leute holten routinemäßig bei ihnen Rat, wenn sie von Schwierigkeiten des Lebens betroffen waren.
Traditionelle Kompendien psychologischen Wissens, wie das Handbook of General Psychology (Wolmann, 1973) oder An Intellectual History of Psychology (Robinson, 1995) erwähnen das Thema gar nicht. Obwohl William James philosophisch orientiert war, thematisierte er Weisheit weder in The Principles of Psychology (1890/2007) noch in The Varieties of Religious Experience (1902/2010), in denen er zwar zahlreiche religiöse Texte zitiert, die das Wort verwenden, aber Weisheit selbst nie untersucht. Sigmund Freud erwähnt das Wort in seinen umfangreichen Schriften kaum, obwohl er von vielen als weiser Meister betrachtet wurde.* C. G. Jung, der ebenfalls wegen seiner Weisheit geschätzt wird, beschreibt transzendente Erfahrungen und bespricht die Traumbilder und mythischen Gestalten des „weisen alten Mannes“ und der „weisen alten Frau“, aber schreibt weder über Weisheit an sich noch wie man sie entwickelt.
Unter den frühen wichtigen Theoretikern war Erik Erikson (1999) der Erste, der Weisheit ausführlich besprochen hat. Er beschrieb sie als das Ergebnis erfolgreicher Bewältigung der achten und abschließenden Stufe menschlicher Entwicklung: „Integrität des Ego vs. Verzweiflung“. In späteren Schriften lieferte er mehr Einzelheiten und beschrieb Weisheit als ein „informiertes und distanziertes Interesse am Leben an sich“ oder als ein „wahrhaft engagiertes Nichtengagement“ (Erikson & Erikson, 1982/1995). Mit Eriksons Vorstellung, Weisheit habe mit einer erfolgreichen Bewältigung von Aufgaben der Entwicklung zu tun, ist die Schlussfolgerung George Vaillants verwandt, der die Harvard Study of Adult Development durchführte: „Reife von Abwehrmechanismen“, die sich mehr im Verhalten von Menschen als in ihren Worten spiegele, sei das beste Maß für Weisheit (2003, S. 255). Reife Abwehrmechanismen wie Humor, Sublimierung und Altruismus tendieren dazu, einem selbst und anderen Wohlbefinden zu bringen, während weniger reife Abwehr wie Projektionen, Hypochondrie und passiv-aggressives Verhalten eher Kummer und Leiden verursachen.
Von den wichtigeren Theoretikern der Psychologie hat Abraham Maslow wahrscheinlich am meisten zu unserem Verständnis von Weisheit beigetragen, obwohl auch er den Begriff nicht sehr ausführlich besprochen hat. Die „selbst-aktualisierenden“ Individuen, die er untersuchte, um seine Hierarchie der Bedürfnisse zu entwickeln, nehmen Realität und Fakten an, statt die Wahrheit zu verleugnen, sie sind spontan, fokussieren auf Probleme außerhalb ihrer selbst, können ihre menschliche Natur mit all ihren Mängeln annehmen, neigen dazu, andere zu akzeptieren, wie sie sind, und sind ohne Vorurteile (Maslow & Lowry, 1973). Wie wir sehen werden, werden diese Eigenschaften und Züge weithin als wichtige Komponenten von Weisheit anerkannt.
Trotz der historischen Vernachlässigung durch die westliche Psychologie hat in jüngerer Zeit ein wachsendes theoretisches Interesse an den Bedingungen der Möglichkeit lebenslanger Entwicklung und in der Folge an positiver Psychologie (das Studium von Glück) eine kleine, engagierte Gruppe Theoretiker und Forscher dazu angeregt, Weisheit gezielt zu untersuchen (Hall, 2007; Sternberg, 1990a; Sternberg & Jordan, 2005).
Empirische Forschung
Die empirische Forschung auf diesem Gebiet begann mit einer Dissertation von Vivian Clayton im Jahre 1976. Sie hatte sich vorgenommen zu untersuchen, was Weisheit sein könnte und ob es einen Einfluss von Alter auf Weisheit gäbe (Hall, 2007). Um Weisheit zu definieren, studierte sie alte westliche Texte, und kam zu dem Ergebnis, dass Weisheit allgemein darin besteht, dass Wissen erworben, auf menschliche soziale Situationen angewendet und reflektiert wird und dass Urteilskraft dazu kommt, um Entscheidungen zu treffen, die von Mitgefühl beeinflusst sind. Sie versuchte dann, mithilfe schon existierender psychologischer Tests Weisheit zu messen, und gelangte zu der Schlussfolgerung, dass Weisheit, anders als viele andere kognitiven Fähigkeiten, der Erosion durch Zeit widersteht und mit dem Alter sogar zunehmen kann (Hall, 2007).
In den frühen 1980er Jahren begründete Paul Baltes, ein Pionier der Psychologie lebenslanger Entwicklung (lifespan developmental psychology), das Berliner Weisheitsprojekt, das zu dem umfangreichsten Programm zur Untersuchung von Weisheit im Laboratorium wurde, das es bis heute gibt. Er und seine Kollegen definierten Weisheit als „hoch geschätzte und herausragende Expertise im Umgang mit fundamentalen … Problemen, die mit dem Sinn des Lebens und mit Lebensführung zu tun haben“ (Kunzmann & Baltes, 2005, S. 117). Sie untersuchten Weisheit, indem sie Probanden mit offenen, hypothetischen Situation konfrontierten und sie aufforderten, „laut darüber nachzudenken“, wie sie reagieren könnten. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass diejenigen, deren Antworten im Vergleich mit anderen Aspekte von Weisheit zeigten – wie reiches Faktenwissen und prozedurales Wissen, inneren Abstand, Toleranz und Akzeptanz von Unsicherheit –, tendenziell weniger „selbstbezogen“ waren und weniger Interesse daran hatten, selbst ein angenehmes und komfortables Leben zu führen. Diesen „weisen“ Menschen ging es mehr um persönliches Wachstum und Einsicht und um Werte, die andere Menschen berücksichtigen, zum Beispiel um „Umweltschutz, gesellschaftliches Engagement und das Wohlbefinden von Freunden“ (Kunzmann & Baltes, 2005, S. 126). Weise Menschen ziehen auch beim Management von Konflikten kooperative Ansätze anderen Ansätzen vor, die entweder Ausdruck einer einseitigen Sorge um die eigenen Interessen (Dominanz) oder um die Interessen anderer (Unterwerfung) sind oder ganz ohne innere Beteiligung verfolgt werden (Kunzmann & Baltes, 2005, S. 126). Die Berliner Gruppe kam zu dem Ergebnis, dass Weisheit selten ist und nicht notwendigerweise mit dem Alter zunimmt (Ergebnisse, die von vielen Forschern wiederholt bestätigt wurden; zum Beispiel von Baltes & Staudinger, 2000; Jordan, 2005; Staudinger, 1999), obwohl Training und Übung bei dem Versuch, sich selbst und andere zu verstehen, nützlich zu sein schienen (Kunzmann & Baltes, 2005). Interessanterweise kamen sie auch zu dem Ergebnis, dass Weisheit ein sozial interaktives Produkt ist (Staudinger & Baltes, 1996), das nicht wirklich in Individuen lokalisiert werden kann, sondern an dem ganze Gemeinschaften gemeinsam Anteil haben.
Das Berliner Weisheitsprojekt hat zwar sehr viele empirische Forschungsergebnisse über Weisheit hervorgebracht, aber es gibt auch Kritik. Die am häufigsten zitierten Bedenken sind, dass (1) untersucht und gemessen wird, wie Menschen denken und nicht wie sie handeln und (2) dass Emotionen vernachlässigt werden. Im Jahr 1997 begann die Soziologin Monika Ardelt ältere Bürger auszuwählen, um mit ihrer Hilfe einen „dreidimensionalen“ Weisheitstest zu entwickeln, mit dem der kognitive, der affektive und der emotionale Aspekt von Weisheit gemessen werden sollten. In ihrem Rahmen gehört zu dem emotionalen Aspekt das Empfinden von Mitgefühl gegenüber anderen und die Fähigkeit, konstruktiv mit Unglück und Widrigkeiten umzugehen. Ardelt argumentiert, dass Mitgefühl erkennbar werden lässt, was einen weisen Menschen eigentlich ausmacht – eben nicht nur jemanden, der bestimmte intellektuelle Fähigkeiten vorweisen kann. Sie zitiert den Philosophen Jon Kekes und bemerkt, dass „ein Narr lernen kann, die Dinge zu sagen, die ein weiser Mann sagt, und sie bei denselben Gelegenheiten zu sagen“ (Ardelt, 2004, S. 262), aber dies sei nicht wirklich Weisheit. Um ihren Ansatz zu stützen, weist sie darauf hin, dass Jesus, der Buddha, Mohammed, Gandhi, christliche Heilige und Zenmeister alle eine tiefere Wahrheit wahrnehmen, die anderen entgeht. Sie seien in der Lage, ihre Subjektivität und ihre Projektionen zu transzendieren und Ereignisse objektiv aus mehreren Perspektiven zu betrachten und Mitgefühl mit anderen zu empfinden (Ardelt, 2004, S. 279).
Auch Robert Sternberg hat sehr viel zum empirischen Studium von Weisheit beitragen (siehe Kapitel 11). Nach seinem Model arbeitet ein weiser Mensch auf ein gemeinsames Gutes hin, und zwar „durch Ausgewogenheit von a) intrapersonellen, b) interpersonellen und c) extrapersonellen Interessen, um ein Gleichgewicht von a) Anpassung an die existierende Umwelt, b) Gestalten der existierenden Umwelt und c) einer Auswahl neuer Umwelten herzustellen, und zwar auf lange Sicht wie auf kurze Sicht“ (Sternberg & Lubart, 2001, S. 507; Kapitel 11). Narrheit ist das, was sich ausbreitet, wenn wir aus dem Gleichgewicht sind – wenn wir uns nur auf ein paar unserer Fähigkeiten verlassen, wenn wir nur einige Interessen berücksichtigen oder unseren Blick ausschließlich auf entweder kurzfristige oder auf langfristige Folgen richten (Sternberg, 2005a; Kapitel 11).
Streben nach Konsens
Wie können wir diese Perspektiven sichten, um zu einem für Psychotherapeuten Verständnis von Weisheit zu gelangen? Eine Reihe von Autoren hat versucht, in historischen Berichten und modernen Modellen gemeinsame Themen zu erkennen. Die Neurobiologen Thomas Meeks und Dilip Jeste (2009; Kapitel 14) haben sechs Hauptkomponenten von Weisheit identifiziert: (1) prosoziale innere Haltung und prosoziales Verhalten, (2) soziale Entscheidungsfindung und pragmatisches Wissen vom Leben, (3) emotionale Homöostase, (4) Reflexion und Selbstverständnis, (5) Wertrelativismus und Toleranz und (6) Anerkennen von Unsicherheit und Mehrdeutigkeit und effektives Umgehen damit. Judith Glück vom Berliner Weisheitsprojekt (2008) und Susan Bluck haben vorliegende Definitionen ausgewertet und vier Bestandteile von Weisheit identifiziert: Meisterschaft, Offenheit für Erfahrung, eine innere Haltung des Interesses an Reflexion und Fähigkeit zu geschickter emotionaler Regulierung. Obwohl es immer noch keinen Konsens über eine Definition gibt, bekam diese Definition auf der Grundlage dieser Begriffe bei einem Treffen von Philosophen und Psychologen im Jahr 2010, die dieses Thema erforschen, eine gewisse Beachtung und Anerkennung als eine Möglichkeit, verschiedene Sichtweisen zu umfassen (Tiberius, 2010).
Neurobiologie
Vor dem Hintergrund der Schwierigkeit, Weisheit auch nur zu definieren, ist nicht überraschend, dass unser Verständnis ihrer Neurobiologie immer noch begrenzt ist. Meeks und Jeste (2009) haben zu beschreiben versucht, was möglicherweise in verschiedenen Hirnregionen geschieht, wenn Bestandteile von Weisheit aktiv sind. Aber sie machen auch darauf aufmerksam, dass die Landkarte spekulativ ist, weil es keinen Konsens über eine Definition von Weisheit gibt und die Forschung mit bildgebenden Verfahren sich bisher nicht eingehend mit den neurobiologischen Grundlagen von Weisheit beschäftigt hat. Trotz dieser und anderer Einschränkungen kann man eine klare Vorstellung von der Dynamik von Weisheit bekommen, wenn man untersucht, welche Aktivitäten des Gehirns mit jeder ihrer Bestandteile verbunden sind (siehe Kapitel 14).
Therapeutische untersuchungen
Das psychologische Konstrukt Weisheit wurde auf therapeutischem Gebiet weitgehend ignoriert. Viele Bücher und Artikel thematisieren „therapeutische Weisheit“, „die Weisheit des Körpers“ und die „Weisheit des Unbewussten“, aber relativ wenige haben sich damit befasst, was Weisheit sein und welche Rolle sie in der Psychotherapie spielen könnte.*
Die meisten eingehenden Untersuchungen von Weisheit im Zusammenhang mit Psychotherapie finden sich auf dem Gebiet der Transpersonalen Psychologie. Diese Disziplin, die in den 1960er Jahren aus der Forschung mit psychedelischen Drogen und dem darauf folgenden gegenkulturellen Interesse an östlicher Meditation und Yogapraktiken entstand, befasst sich „mit dem Studium des höchsten Potentials der Menschheit und mit der Anerkennung, dem Verständnis und der Realisierung intuitiver, spiritueller und transzendierender Bewusstseinszustände“ (Lajoie & Shapiro, 1992, S. 91). Ihr Ziel ist es, „zeitlose Weisheit mit moderner westlicher Psychologie zu integrieren und spirituelle Prinzipien in eine wissenschaftlich begründete zeitgenössische Sprache zu übersetzen“ (Caplan, 2010, S. 231). Zusätzlich zu Maslows Arbeit über „selbst-aktualisierende“ Individuen halfen Stanislav Grofs Untersuchungen der bewusstseinserweiternden Wirkungen von LSD (1993, 1998) das Gebiet der Transpersonalen Psychologie zu etablieren. Wahrscheinlich weil dieses Gebiet aus einem gegenkulturellen Milieu heraus entstand, sich großzügig bei esoterischen spirituellen Traditionen bedient und besonders an mystischer Erfahrung interessiert ist, hat es bei Therapeuten des Mainstream nicht viel Beachtung gefunden.
Soweit wir sehen, hat es nur einen einzigen systematischen Versuch gegeben, die Ergebnisse wissenschaftlicher Erforschung von Weisheit im therapeutischen Bereich anzuwenden. Michael Linden, ein deutscher Psychiater, der in Berlin praktiziert, hat einen Ansatz entwickelt, den er „Weisheitstherapie“ nennt. Er verwendet eine Modifikation des Forschungsprotokolls des Berliner Weisheitsprojekts, um bei Klienten Weisheit zu kultivieren. Die Klienten werden aufgefordert, schwierige Lebenssituationen aus mehreren Perspektiven zu betrachten, und zwar mit dem Ziel, verschiedene Komponenten von Weisheit zu entwickeln, darunter Flexibilität der Sichtweise, Empathie, Akzeptanz von Emotionen, Wertrelativismus, Akzeptanz von Unsicherheit und eine langfristige Perspektive (Linden, 2008).
Als wir dieses Buch planten, haben wir unter Weisheit einfach ein tiefes Verständnis davon verstanden, wie man lebt. Diese Definition erfasst zwar immer noch ihre Essenz, aber wir haben seitdem gelernt, dass Weisheit eine menschliche Fähigkeit auf hohem Niveau und mit vielen Dimensionen ist, die sich unter verschiedenen Bedingungen unterschiedlich manifestiert. Zu ihr gehören Ausgewogenheit und Integration vieler Fähigkeiten und sie hat quer durch kulturelle und historische Kontexte verschiedene Formen angenommen. Es wird daher eine schwierige Aufgabe sein, gezielte Interventionen oder therapeutische Trainingskonzepte zu entwickeln, um so eine vieldimensionale Tugend zu kultivieren.

Weisheit für den Therapeuten
Wir haben eine informelle Umfrage unter erfahrenen Therapeuten durchgeführt und sie gefragt, was einen „weisen” Therapeuten ausmache (siehe Kapitel 10). Auf der Grundlage ihrer Antworten und kombiniert mit den historischen und modernen Modellen, die wir eben besprochen haben, haben wir die folgenden Attribute von Weisheit identifiziert – um als Therapeuten mit mehr Weisheit arbeiten wie auch Weisheit bei Patienten kultivieren zu können:
• Sachwissen, das für das Problem, um das es geht, relevant ist
• Fähigkeit, zu argumentieren und Probleme zu lösen
• gesunder Menschenverstand sowie fachlich fundiertes Urteilsvermögen
• Fähigkeit, mehrere Sichtweisen und miteinander konkurrierende Werte gleichzeitig zu berücksichtigen
• Bewusstsein von den Grenzen unseres Wissens
• Fähigkeit, bei Mehrdeutigkeit und Unsicherheit tröstende oder beruhigende Entscheidungen zu treffen
• Bewusstsein, dass alle Gedanken konstruiert sind
• intuitives Erfassen, dass alle Phänomene ihrem Wesen nach wechselseitig voneinander abhängig und ewig veränderlich sind und wie das Denken eine konventionelle „Realität” voneinander getrennter stabiler Objekte konstruiert
• die Fähigkeit, absolute (transzendente, transpersonale, wechselseitig voneinander abhängige) Realität neben konventioneller Realität anzuerkennen und zu würdigen
• die Fähigkeit, unsere eigene kulturelle, familiäre und persönliche Konditionierung und Psychodynamik zu beobachten, zu reflektieren und zu verstehen
• Interesse an persönlichem Wachstum und Lernen aus Erfahrung
• Offenheit für Erfahrung
• Achtsamkeit für die Wirkung von Handlungen auf die nähere Umgebung und die weitere Welt auf lange und auf kurze Sicht
• die Fähigkeit, Affekte und Impulse zu tolerieren und über sie zu reflektieren, ohne sie notwendigerweise auszuagieren
• ein Verständnis der menschlichen Natur, wie sie sich durch körperliche, seelische und spirituelle Entwicklungsstufen hindurch verändert
• Verstehen der Ursachen menschlichen Leidens und wie es gelindert werden kann
• Soziale oder emotionale Intelligenz: die Fähigkeit, andere zu verstehen und mit anderen zu kommunizieren
• Mitgefühl mit sich selbst und mit anderen
• Das ist eine lange Liste, die sehr anspruchsvoll erscheinen mag. Aber diese Qualitäten hängen tendenziell miteinander zusammen, das heißt, wenn man eine Qualität entwickelt, stärkt man oft auch andere.
Weisheit kultivieren
Obwohl zahlreiche Untersuchungen zu der Schlussfolgerung gelangt sind, dass Weisheit eine seltene Entwicklung ist und sich nicht von selbst mit dem Alter einstellt, kommt das doch gelegentlich vor (Baltes & Staudinger, 2000; Jordan, 2005; Staudinger, 1999; Vaillant, 2003). Aber kann man sie bewusst und mit Absicht kultivieren? Eine Studie der Berliner Schule weist darauf hin, dass Psychotherapeuten mehr Weisheit als die Bevölkerung im Ganzen besitzen, wenigstens wenn sie Lösungen für komplexe menschliche Probleme beschreiben (Smith, Staudinger & Baltes, 1994; Staudinger, Smith & Baltes, 1992). Dieses Ergebnis lässt den Schluss zu, dass Training nützlich sein kann, obwohl Therapeuten möglicherweise Probanden sind, bei deren Auswahl Befangenheit im Spiel sein kann. Dennoch ist es wahrscheinlich, dass die Orientierung an der Absicht, andere zu verstehen und andere Aspekte von Weisheit im Laufe eines Lebens zu entwickeln, ein Faktor ist, der Entwicklung von Weisheit begünstigt (Jordan, 2005). Traditionelle Auffassungen von Weisheit stimmen mit dieser Sicht überein. Plato meinte, dass Entwicklung von Weisheit eine „tägliche Disziplin“ verlangt, und in frühen buddhistischen Traditionen, wurde Weisheit dadurch entwickelt, dass der Achtfache Pfad beschritten wurde, der unter anderem dauerndes „Rechte Anstrengung“ verlangt.
Die Rolle von Achtsamkeit
Die meisten Weisheitstraditionen gehen davon aus, dass man weise werden kann, wenn man bewusst meditative und kontemplative Praktiken auf sich nimmt. In der buddhistischen Tradition wurden Übungen zu achtsamer Bewusstheit ausdrücklich als Mittel entwickelt, Weisheit zu kultivieren – „Dinge sehen, wie sie sind, statt wie wir sie gerne hätten“ (Surya Das, 2011, S. 1). Wie könnte das gehen? Betrachten wir einige Elemente von Achtsamkeitsübungen, und wie diese Aspekte verschiedene Bestandteile von Weisheit entwickeln könnten.
Heraustreten aus dem Strom der Gedanken
Wenn wir unsere Aufmerksamkeit immer wieder zurück auf die sinnliche Erfahrung von Moment zu Moment richten (zum Beispiel auf die Empfindungen bei der Atmung), statt in Gedanken verwickelt zu bleiben, können wir mit der Zeit unsere Denkprozesse in den Blick bekommen. Diese Übung ermöglicht uns zu sehen, wie Gedanken durch Familie und Kultur konditioniert wurden und wie sie sich mit Stimmungen und Umständen verändern (R. Siegel, 2011). Wir bekommen auch die Möglichkeit, unsere intellektuellen Abwehrmechanismen in Funktion zu sehen – den Widerstand, der als Reaktion auf beunruhigende Gedanken entsteht, und unseren Drang, an tröstenden oder beruhigenden Vorstellungen oder Interpretationen festzuhalten. Wenn wir diese mentalen Prozesse in Aktion beobachten, kann uns das helfen, eine zentrale Eigenschaft von Weisheit zu entwickeln, die in vielen Definitionen enthalten ist: die Fähigkeit, mehrere Perspektiven zu halten. In der buddhistischen Tradition geht dieses bewusste „Einnehmen von Perspektiven“ noch weiter, um Einsicht aus erster Hand zu gewinnen, wie der Geist aus dem ewig veränderlichen Strom der Erfahrung eine scheinbar stabile Realität konstruiert (siehe Kapitel 9).
Bei unangenehmen Empfindungen bleiben
Wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf unangenehme Gefühle und körperliche Empfindungen richten und uns für sie öffnen, hilft uns Achtsamkeitspraxis, das, was physisch und emotional unangenehm ist, zu tolerieren und anzunehmen (Germer et al., 2005; R. Siegel, 2011). Viele Definitionen von Weisheit weisen auf die Fähigkeit hin, zurückzutreten, dem Drang nach unmittelbarer persönlicher Bequemlichkeit zu widerstehen und im Interesse des größeren Guten zu handeln. Dies ist nur dann möglich, wenn wir über unsere instinktive Gewohnheit hinauskommen, nach allem zu streben, was persönlich angenehm ist, und Schmerz zu vermeiden. Genauso wie wir unsere Muskeln kräftigen, wenn wir im Fitnessstudio Gewichte heben, können wir mit der Zeit immer besser Schmerz und andere unangenehme Empfindungen ertragen, wenn wir Achtsamkeit üben. Diese Ausdauer wird sowohl dadurch gestärkt, dass man sieht, wie sich der Schmerz, so wie alle Dinge, von selbst verändert, wie auch dadurch, dass man sich nicht mit dem identifiziert, was unangenehm ist, d. h., dass man sich nicht persönlich für seine Ursache hält. Darüber im Folgenden mehr.
Automatisches Reagieren beobachten und kontrollieren
Wenn wir nicht achtsam sind, sind viele unserer Reaktionen impulsiv. Sie sind entweder instinktgeleitet, durch Belohnung und Strafe konditioniert oder man hat sich abgeschaut, wie man reagiert, das heißt, man folgt einem Modell. Achtsamkeitspraxis lehrt uns, Reiz-Reaktions-Prozesse aus mikroskopischer Nähe zu beobachten, sodass wir das Entstehen einer Sinnesempfindung, eines Gedankens oder eines Gefühls miterleben können, und wie darauf der Drang oder der Impuls zu reagieren folgt, und darauf schließlich das entsprechende sichtbare Verhalten. Statt automatisch diesen Ablauf auszuagieren, kann man mit Übung die Fähigkeit entwickeln, innezuhalten, Atem zu holen und einzuschätzen, ob die Handlung wirklich zu erwünschten Ergebnissen führen würde oder nicht. So kann Achtsamkeitspraxis helfen, die Fähigkeit für emotionale Regulierung zu entwickeln – Zurückhaltung, automatisch auf Affekte oder Impulse hin zu handeln –, was bei den meisten Definitionen von Weisheit eine herausragende Rolle spielt.



