Weisheit und Mitgefühl in der Psychotherapie

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Transpersonale Einsicht
Eine Hauptfunktion von Achtsamkeit in der Tradition des alten buddhistischen Geistestrainings besteht darin, direkte Einsicht in anattā (siehe Kapitel 9 und 13) zu bekommen – die Nichtexistenz eines getrennten, stabilen Selbst oder einer getrennten stabilen Identität. Diese Einsicht ist mit der Einsicht in das verwandt, was spätere buddhistische Traditionen als shūnyatā oder Leere bezeichnen: die Beobachtung, dass alle wahrgenommenen Phänomene in wechselseitiger Abhängigkeit von allen anderen Phänomenen entstehen und dass ihre scheinbar getrennte Natur eine Konstruktion unseres konzeptuellen Denkens ist. Achtsamkeitsübungen helfen uns, diese wechselseitige Abhängigkeit zu sehen, indem sie sichtbar werden lassen, dass alle Erfahrung in beständigem Fluss ist, wobei unser Geist unablässig Begriffe erzeugt, um diesen Fluss zu dem zu organisieren, was wir für die konventionelle Realität halten. Wir nehmen wahr, dass wir, wie der Neurowissenschaftler Wolf Singer (2005) es formuliert, „ein Orchester ohne einen Dirigenten“ sind. Dieses Bewusstsein hilft uns nicht nur, Weisheit im buddhistischen Sinn zu entwickeln – Einsicht in die Art und Weise, wie die Dinge wirklich sind –, sondern es löst auch die Barriere zwischen „mir“ und „mein“ und „dir“ und „dein“ auf, was zu Mitgefühl, einem anderen Eckstein von Weisheit, führt.
Beobachtung der Eigenheiten des Denkens von Moment zu Moment
Während Achtsamkeitspraxis zu einer radikalen Neubewertung dessen führen kann, wer wir zu sein meinen, erhellt sie daneben gewöhnlich auch das, was von einem psychodynamischen Ansatz aus Abwehrmechanismen genannt wird. Wenn wir wahrnehmen, was wir in jedem einzelnen Moment denken, sehen wir, wie oft wir auf andere projizieren und wie schwer es ist, sie so zu sehen, wie sie sind. Wir nehmen wahr, wie wir in unserem Denken Klischees benutzen, bewerten, eifersüchtig konkurrieren, idealisieren, schlecht machen und alle möglichen anderen nicht so schönen Dinge tun, die zur menschlichen Natur gehören. Wenn wir diese innere Aktivität betrachten, ermöglicht uns das, über unsere Reaktionen auf die Dinge zu reflektieren, und wir können allmählich die introspektive innere Haltung und das Selbstverständnis entwickeln, die weitere Bestandteile von Weisheit sind.
Sehen, wie das Denken Leiden erzeugt
Achtsamkeitsübungen wurden auch entwickelt, um erkennen zu können, wie das Denken Leiden erzeugt und wie dieses Leiden erleichtert und überwunden werden kann (R. Siegel, 2011). Unser Denken ist permanent mit Vergleichen beschäftigt und wertet und strengt sich an, die Dinge „genau richtig“ zu machen und dann zu versuchen, sie daran zu hindern, sich zu verändern. Unsere Versuche, angenehme Augenblicke festzuhalten und unangenehme zu vermeiden oder zu verdrängen, scheitern unvermeidlich und führen zu endlosem Leid. Im einen Moment gewinnen wir, aber im nächsten Moment verlieren wir. Einsicht in diese Prozesse, die spontan bei der Achtsamkeitspraxis entstehen, vermittelt uns ein reiches Verständnis von der menschlichen Natur – eine Dimension von Weisheit, die für die therapeutische Praxis besonders wichtig ist.
Gegensätze annehmen
Wenn wir aus dem Gedankenstrom heraustreten und die Aktivität des Denkens von Moment zu Moment beobachten, sehen wir, dass unsere lieb gewonnenen Ansichten der Realität – „Ich bin schlau“, „Ich bin dumm“, „Ich bin freundlich“ – rein mentale Konstruktionen sind. Dieses Verständnis kann uns helfen, die Sichtweisen anderer eher zu tolerieren und kooperative Lösungen für Konflikte zu finden – beides sind häufig erwähnte Dimensionen von Weisheit.
Achtsamkeit kann uns auch helfen, verschiedene Ebenen der Realität zugleich anzunehmen. Wir können ein Bewusstsein davon haben, was die buddhistische Psychologie als absolute Realität beschreibt: Leere und anattā (die wechselseitige Verbundenheit aller Phänomene und das Fehlen eines getrennten stabilen „Selbst“), anicca oder Vergänglichkeit (die Tatsache, dass alle Phänomene in ständigem Fluss sind) und dukkha oder Leiden (wie das Denken Leiden erzeugt, indem es an angenehmen Erfahrungen hängt und unangenehme vermeidet oder verdrängt). Zugleich können wir uns der konventionellen oder relativen Realität bewusst sein: der Tatsache, dass wir natürlich uns und unsere Nächsten schützen wollen; wir wollen gesund, sicher und geliebt sein; wir haben Angst vor dem Unbekannten; wir haben natürliche sexuelle und aggressive Triebe sowie alle anderen Tendenzen, die uns menschlich machen. Wir werden in diesem Buch immer wieder sehen, dass es besonders wichtig ist, diese beiden Ebenen anzunehmen, wenn man als Therapeut weise handeln möchte. Manchmal ist es für unsere Patienten wichtig, dass wir ihre gewöhnliche emotionale Erfahrung verstehen, und zu anderen Zeiten ist es für sie wichtig, dass wir das Gesamtbild sehen und verstehen, wie Denken Leiden erzeugt, indem es absolute Realität nicht wahrnimmt.
Mitgefühl entwickeln
Einige Definitionen von Weisheit schließen auch Mitgefühl mit anderen ein (Ardelt, 2004; Clayton, 1982; Meeks & Jeste, 2009). Umgekehrt gehört zu wirklich mitfühlendem Handeln auch Weisheit, damit man diejenigen, denen man zu helfen versucht, nicht unabsichtlich schädigt. Wie früher besprochen kann Achtsamkeitspraxis eine große Unterstützung sein, wenn man Mitgefühl kultivieren will, und zwar zum Teil, weil wahrnehmbar wird, wie verbunden wir miteinander sind. Wenn wir die Fähigkeit besitzen, inmitten allen Leidens Frieden zu empfinden, dann sehen wir, dass andere Menschen ebenfalls leiden, und wir empfinden spontan den Impuls, anderen zu helfen, so wie die rechte Hand der linken Hand hilft, wenn sie verletzt ist. Die Erfahrung wechselseitiger Verbundenheit und Empfinden von Mitgefühl sind fundamental untrennbar. Der indische Weise Atisha hat es im zehnten Jahrhundert so formuliert: „Das höchste Ziel der Lehren ist die Leere, deren Wesen Mitgefühl ist“ (Harderwijk, 2011).
Andere wege zur weisheit
Ein Aspekt von Weisheit entsteht nicht auf natürliche Weise aus Achtsamkeitspraxis: Das Wissen und die Erfahrung, die man braucht, um konkrete weltliche Probleme zu lösen. Es ist unwahrscheinlich, dass man lernt, ein Auto zu reparieren, eine Fremdsprache zu sprechen oder einen chirurgischen Eingriff klug durchzuführen, indem man einfach auf einem Meditationskissen sitzt. Diese Aspekte von Weisheit erwirbt man natürlich durch konventionelle Methoden wie Selbststudium, Berufsausbildung und Lehrzeit.
Viele Praktiken, die bestimmt sind, Weisheit zu kultivieren, sind mit einem theologischen Rahmen verbunden, der den Glauben an ein göttliches Wesen und/oder einen anderen Glauben verlangt. Im Gegensatz dazu wurden Achtsamkeitsübungen in buddhistischen Traditionen mit einer inneren Haltung verfeinert, die mit dem Pāli-Wort ehipassiko bezeichnet wird: Komm und sieh selbst. Diese Haltung passt gut zu modernen psychologischen Einstellungen, die die beobachtete Erfahrung einer Lehrmeinung vorziehen. Dies soll aber nicht heißen, dass andere Mittel der Kultivierung von Weisheit, auch solche, die aus westlichen und anderen östlichen religiösen Traditionen stammen, nicht ebenfalls für die Psychotherapie von Bedeutung sein können (siehe Kapitel 22). Man kann sich leicht vorstellen, dass viele verschiedene Formen kontemplativer Praxis sowie viele verschiedene Arten von Therapie die Entwicklung der inneren Haltungen und Fähigkeiten, die wir hier besprechen, unterstützen können.
Weisheit ist auch ansteckend. Im Laufe der Geschichte haben Menschen aus genau diesem Grund Kontakt mit großen Lehrern und Weisen gesucht. Und viele, die zu Weisheit gelangt sind, weisen darauf hin, wie sehr die Begleitung durch Mentoren ihre Entwicklung beeinflusst hat. Dass Weisheit im therapeutischen Prozess vermittelt werden kann, ist einer der Gründe, weshalb es wichtig ist, einen weisen Therapeuten zu haben. Untersuchungen zeigen zudem, dass sich die Werte von Klienten mit der Zeit zunehmend an die ihrer Therapeuten angleichen (Williams & Levitt, 2007).
In gewissem Maß kann Weisheit auch durch Bücher erworben werden. Aber es scheint so zu sein, dass die meisten Aspekte von Weisheit – Sehen, wie der Geist Realität konstruiert, Lernen zu ertragen, was persönlich unangenehm ist, Entwickeln der Fähigkeit zu emotionaler Regulierung, Erleben von Anteilnahme und Mitgefühl, Sehen der wechselseitigen Bezogenheit aller Erscheinungen, Entwickeln von Selbst-Verständnis und tiefer Wertschätzung der menschlichen Natur –persönliche introspektive Disziplin verlangen.
Zwei Flügel eines Vogels
Im tibetischen Buddhismus werden Weisheit und Mitgefühl als die „zwei Flügel eines Vogels“ bezeichnet (Dalai Lama, 2006; siehe auch Kapitel 4). Der Vogel kann mit nur einem Flügel nicht fliegen, auch nicht, wenn ein Flügel deutlich schwächer als der andere ist. Wenn wir mit einem Patienten mitfühlen, aber keine Weisheit besitzen, dann ist es möglich, dass wir unser Mitgefühl verlieren, von Emotionen überwältigt werden, den Weg durch das Leiden verlieren und das Gefühl haben, die Behandlung sei hoffnungslos. Umgekehrt werden weise therapeutische Vorschläge auf taube Ohren stoßen, wenn man den Kern des Problems eines Patienten, das von vielen Faktoren bestimmt ist, zwar genau erfasst, aber mit der Verzweiflung des Patienten nicht in Kontakt ist. Die Patienten brauchen beides; sie müssen sich „gefühlt fühlen“ (Siegel, 2009), und sie brauchen einen realistischen Weg durch ihr Leiden.
Auf einer absoluten Ebene sind Weisheit und Mitgefühl untrennbar. Kurz vor seinem Tod sagte Thomas Merton (2008): „Die Vorstellung von Mitgefühl … beruht ganz auf einem scharfen Bewusstsein der wechselseitigen Abhängigkeit oder Interdependenz aller dieser Lebewesen, die alle Teile voneinander sind und alle miteinander zu tun haben“ (S. 30). Bei einem buddhistischen Freund klingt eine ähnliche Vision an: „Bei Weisheit geht es um Eindringen in die letzte Wahrheit und Bleiben in dieser Wahrheit, während Mitgefühl die Bewegung des Herzens von diesem tiefen Verständnis aus ist, um mit den Höhen und Tiefen und Kämpfen des Lebens in Berührung zu sein, während es sich entfaltet“ (Chodon, persönliche Mitteilung).
Wir hoffen, dass diese Einführung in Weisheit und Mitgefühl in der Psychotherapie Ihr Interesse geweckt hat und sie anregt, weiterzulesen. Es ist oft am leichtesten, etwas zu lernen, wenn man ein gewisses Verständnis von den Bestandteilen und den Methoden hat, die andere verwendet haben, die den Weg vor uns gegangen sind. Auf den folgenden Seiten werden Sie verschiedene Sichtweisen von Mitgefühl und Weisheit, verschiedene Formen und Möglichkeiten, wie man sie kultivieren kann, und konkrete Hinweise auf Formen der Anwendung finden, die wir als Therapeuten nutzen und Patienten anbieten können. Wenn wir zusammen die vielen Facetten dieser höchsten menschlichen Potentiale betrachten, entdecken wir vielleicht Wege, wie wir mit mehr Weisheit und Mitgefühl leben können, sodass wir, unsere Patienten und alle anderen ein glücklicheres, gesünderes und sinnvolleres Leben führen können.
* Auf der Grundlage einer Suche nach dem Stichwort Weisheit in Freuds Schriften im Internet.
* Das Ergebnis der Suche nach dem Stichwort Weisheit in PsycINFO im Februar 2011 im Internet.
KAPITEL 2
Achtsame Präsenz*
Eine Grundlage für Mitgefühl und Weisheit
TARA BRACH
Besuchst du regelmäßig dich selbst?
RŪMĪ (BARKS, 1995, S. 80)
Ich war gerade dabei, einen eintägigen Meditationsworkshop zu beenden, als mich eine Frau Ende 60 beiseitenahm. Sie und ihr Mann Jerry waren am Ende einer sehr schwierigen Zeit angekommen, die vor drei Jahren begonnen hatte. Er war an einem Lymphom erkrankt, und jetzt, da sein Tod näher kam, hatte er seine Frau Pam gebeten, seine Pflege zu übernehmen und die Person zu sein, die ihn bei seinem Übergang leiten und unterstützen sollte. „Tara“, hatte sie zu mir gesagt, „ich brauche wirklich Hilfe.“
Verzweifelt tat Pam für Jerry alles, was sie konnte. Er litt unter intensiven Schmerzen, Übelkeit und Erschöpfung. „Ich möchte ihn so gern retten“, sagte sie. „Ich habe mich bei jeder alternativen Behandlungsmethode, die ich finden konnte, umgesehen … bei der ayurvedischen Medizin, bei der Akupunktur, der traditionellen chinesischen Medizin, und alle Testergebnisse ausfindig gemacht … wir werden diese Sache besiegen.“ Sie ließ sich müde auf ihren Stuhl fallen. „Und jetzt bleibe ich mit allen in Kontakt, halte sie auf dem Laufenden … ich koordiniere die Hospizpflege. Wenn er nicht schläft, versuche ich, es ihm bequem zu machen, ich lese ihm vor …“
Ich antwortete behutsam: „Es klingt so, als hättest du dich wirklich sehr bemüht, dich richtig gut um Jerry zu kümmern … und du hast sehr viel getan.“ Bei diesen Worten lächelte sie mich anerkennend an. „Ja, sehr viel getan. Das klingt verrückt, nicht?“ Sie machte eine Pause. „Soweit ich mich erinnern kann, habe ich mich wirklich sehr, sehr angestrengt. Aber jetzt … also, ich kann ihn nicht einfach ohne zu kämpfen gehen lassen.“ Pam schwieg eine Weile und sah mich dann ängstlich an: „Er kann jetzt jeden Tag sterben, Tara. Gibt es nicht irgendeine buddhistische Übung oder ein Ritual, das ich lernen sollte? Gibt es etwas, was ich lesen sollte? Wie ist es mit dem Tibetanischen Totenbuch? … Wie kann ich ihm bei diesem … beim Sterben helfen?“
Als ich die Dringlichkeit hinter ihren Fragen spürte, forderte ich sie auf, in sich hineinzuhören und mich wissen zu lassen, was sie fühlte. „Ich liebe ihn so sehr, und ich habe eine solche Angst davor, dass ich ihn im Stich lassen könnte.“ Sie begann zu weinen. Nach einer Weile sprach sie wieder. „Mein ganzes Leben habe ich Angst davor gehabt, zu versagen – ich glaube, ich war immer getrieben. Jetzt habe ich Angst, bei der Sache zu versagen, die am meisten zählt. Er wird sterben, und ich fühle mich wirklich allein, weil ich ihn im Stich gelassen habe. Ich traue mir einfach nicht zu, dass ich hiermit umgehen kann.“
„Pam“, sagte ich, „du hast schon so viel gemacht … Aber die Zeit für all diese Aktivitäten ist vorbei. An dem Punkt, an dem du jetzt bist, brauchst du nichts mehr zu schaffen, du brauchst nichts zu tun.“ Ich wartete einen Moment und fügte dann hinzu: „Du brauchst einfach nur bei ihm zu sein. Lass ihn deine Liebe durch die Fülle deiner Präsenz wissen.“
In diesem schwierigen Moment fiel mir eine einfache Lehre ein, die für meine Arbeit mit meinen Meditationsschülern wie auch mit meinen Klienten zentral ist: Dass wir Freiheit von Leiden entdecken, geschieht dadurch, dass wir unsere Fähigkeit erkennen, auf eine weise und liebevolle Weise präsent zu sein, und dieser Fähigkeit dadurch vertrauen, dass wir diese Präsenz sind. Angesichts der größten Herausforderungen des Lebens bringt diese zeitlose Präsenz Heilung und Frieden in unser Herz und in die Herzen anderer. Die tiefsten Transformationen in der Therapie entstehen aus der Fähigkeit eines Menschen, sein Leben in einem liebevollen, weisen Bewusstsein zu halten. Dieses Bewusstsein wird dadurch erreicht, dass wir mit bedingungsloser Präsenz aufmerksam sind: klar und mitfühlend sehen, was in diesem Moment ist. Wenn Therapeuten ihren Klienten so eine Fülle der Präsenz anbieten, sind sie ein Modell dafür, wie dieser Mensch sich in sich selbst einschwingen kann; sie bieten somit unmittelbar den heilenden Balsam ungeteilter Aufmerksamkeit. So eine Präsenz, die wir uns selbst oder anderen anbieten, ist nicht passiv. Sie ist vielmehr ein engagierter, rezeptiver Zustand, der der eigentliche Boden für weises Handeln ist.
Pam hatte genickt, als ich von „der Fülle der Präsenz“ sprach. Sie und Jerry waren katholisch, erzählte sie mir, und sie fanden, dass ihnen die Achtsamkeitspraxis, die sie bei mir in der wöchentlichen Gruppe gelernt hatten, geholfen hatte, ihren Glauben tiefer zu empfinden. Aber in dieser Krise schienen alle Reserven an Vertrauen – in sich selbst, in andere, in Gott – außer Reichweite zu sein: „Ich weiß, die Helfer des Hospizes tun alles, was sie können, um zu helfen, aber ich habe einfach das Gefühl, dass dies nicht passieren sollte … Niemand sollte so etwas durchmachen müssen – es ist einfach nicht richtig.“ Für Pam wie für so viele Menschen war Krankheit mit manchmal gnadenloser Last und gnadenlosem Schmerz ein unfairer und grausamer Feind. Manchmal fühlte sie sich verraten und empfand Wut auf das Leben, und in anderen Momenten versank sie in dem Gefühl, persönlich zu versagen. Pam war in Angst und Einsamkeit gefangen und lebte in etwas, was ich eine „Trance“ nenne, identifiziert mit einem mangelhaften, isolierten und bedrohten Selbst.
„In diesen äußerst schwierigen Momenten“, sagte ich, „könntest du anhalten und bewusst wahrnehmen, was du fühlst – die Angst oder Wut oder den Kummer – und dann innerlich leise den Satz sprechen: ‚Ich stimme zu‘.“ Ich hatte diesen Satz kürzlich von Pater Thomas Keating gehört und dachte, Pam als Katholikin könnte ihn vielleicht besonders wertvoll finden. Wenn man sagt „Ich stimme zu“ oder, was ich häufiger rate: „Ja“, entspannt das unsere Panzerung gegen den gegenwärtigen Moment und lässt uns klarer sehen, was in uns und um uns herum geschieht.
Pam nickte wieder, aber sie schaute angespannt und besorgt. „Ich möchte das tun, Tara. Aber wenn ich besonders aufgeregt bin, werde ich ganz schnell. Ich fange an, mit mir zu reden. … Ich spreche mit ihm. … Wie kann ich dann daran denken, anzuhalten?“ Das war eine gute Frage, eine die ich mir oft selbst gestellt hatte. „Du wirst es wahrscheinlich vergessen, wenigstens manchmal“, antwortete ich, „und das ist ganz natürlich. Alles, was du tun kannst, ist, dir vornehmen anzuhalten, dir vornehmen zu fühlen, was passiert, und, sein lassen‘.“ Pams Gesicht entspannte sich, als sie verstand: „Das kann ich machen. Ich kann mir das vornehmen, von ganzem Herzen, für Jerry da zu sein.“
Achtsamkeit: der Boden von Mitgefühl und Weisheit
Ganz einfach gesagt ist Achtsamkeit der absichtliche Prozess, mit der Aufmerksamkeit, ohne zu werten, bei der Entfaltung der Erfahrung von Moment zu Moment zu sein. Achtsamkeit ist das Gegenteil von Trance, ein Begriff, den ich verwende, um die Formen zu beschreiben, wie wir – Therapeuten wie Klienten in gleicher Weise – innerhalb einer beschränkenden Geschichte über das Leben leben. Der Buddha hat diese virtuelle Realität unablässigen Denkens und emotionaler Reaktivität oft als einen Traum bezeichnet, und er hat gelehrt, dass Achtsamkeit uns aufweckt (Gunaratana, 2002). Wenn man sich zum Beispiel in Sorgen über noch nicht bezahlte Rechnungen verliert, nimmt Achtsamkeit die Gedanken der Sorge und die begleitenden Gefühle der Angst wahr. Wenn man sich darin verliert, innerlich zu proben, wie man seinem Vorgesetzten einen Fehler erklären könnte, nimmt Achtsamkeit den inneren Dialog und die Gefühle der Aufregung oder Angst wahr. Wenn man verkrampft vor seinem Computer sitzt und angespannt auf den Bildschirm starrt und eine Antwort auf eine ärgerliche Mail verfasst, kann Achtsamkeit die Gereiztheit, die mentale Angespanntheit und die Empfindungen der erstarrten angestrengten körperlichen Haltung wahrnehmen. Achtsamkeit erkennt und erlaubt ohne jeden Widerstand alle diese Gedanken, Empfindungen und Gefühle, so wie sie kommen und gehen.
Hier ein Bild, das nützlich sein kann, um Achtsamkeit deutlich zu machen (Siegel, 2010b): Stellen Sie sich Ihre Achtsamkeit als ein großes Rad vor. An der Nabe des Rades ist achtsame Präsenz, und von dieser Nabe aus geht eine unendliche Zahl von Speichen nach außen zum Rand. Ihre Aufmerksamkeit ist konditioniert, auf alles zu reagieren, was auftaucht – in Ihnen wie außerhalb von Ihnen –, indem Sie nach angenehmen Erfahrungen greifen, vermeiden, was unangenehm ist, und nicht beachten, was neutral ist. Dies bedeutet, dass der Geist die Nabe gewohnheitsmäßig verlässt, sich die Speichen entlang nach außen bewegt und sich an einen Teil des Randes nach dem anderen heftet. Pläne für das Abendessen gehen in ein verstörendes Selbstgespräch, eine Selbstbewertung, eine mentale Notiz mit dem Vorsatz, jemanden anzurufen, in Gereiztheit über die Lautstärke des Radios und Sorge wegen eines anhaltenden Rückenschmerzes über. Oder die Aufmerksamkeit kann sich, wie Pam es erlebte, in zwanghaftem Denken verlieren und um endlose Geschichten und Gefühle kreisen, was alles falsch ist. Die Aufmerksamkeit bewegt sich von Natur aus in Präsenz und aus Präsenz heraus, aber das Problem ist, dass sie leicht am Rand hängen bleiben kann. Wenn man nicht mit der Nabe verbunden ist, wenn die Aufmerksamkeit außen am Rand ist und festklebt, ist man von seiner Ganzheit abgeschnitten und lebt in einer Trance. Man hat den Kontakt mit der körperlichen Lebendigkeit, mit Gefühlen und mit dem Herzen verloren. Achtsamkeit ist ein Weg nach Hause.
Die buddhistische Tradition bietet einfache, aber wirksame Techniken an, um eine in der Gegenwart zentrierte, klare und mitfühlende Aufmerksamkeit zu kultivieren (Goldstein & Kornfield, 1987). Die Meditationspraxis, die dazu bestimmt ist, Achtsamkeit zu kultivieren, beginnt oft damit, dass man eine Basis oder einen Anker wählt, wie zum Beispiel das Ein- und Ausatmen, Geräusche im Raum oder momentane Körperempfindungen. Weil unser Denken so daran gewöhnt ist, in die Zukunft und in die Vergangenheit zu schweifen und Geschichten über das zu erfinden, was passiert, bleibt es selten länger auf den Anker konzentriert. Obwohl es möglich ist, die Aufmerksamkeit zu trainieren, um sehr stabil zu werden und sich auf ein einziges Objekt konzentrieren zu können, ist dies beim Achtsamkeitstraining nicht der Sinn eines Ankers. Es geht vielmehr darum, zu bemerken, wann man im Denken abgeschweift ist und sich außen auf dem Rad verloren hat, und uns zur Nabe zurückzuleiten. Zurückkommen ist notwendig, wenn wir mit der Realität hier und jetzt in Kontakt kommen wollen. Wenn wir einmal zur Nabe zurückgekehrt sind, hilft der Anker auch, innerlich wieder still zu werden und unser Denken zu beruhigen. Gleich, wie oft unsere Aufmerksamkeit zu einem Problem oder in eine Fantasie oder in eine Erinnerung am Rand abschweift, wir halten einfach an, kommen zur Nabe zurück und erden uns wieder in der Gegenwart.
Ob bei formaler Meditation oder mitten im täglichen Leben, eine entscheidende Fähigkeit für das Kultivieren achtsamer Präsenz besteht darin, immer wieder anhalten zu können (Brach, 2003). Wenn wir in einer Trance sind, taumeln wir oft weiter durch die Zeit – „auf unserem Weg“ irgendwohin, versuchen durch den Tag zu kommen, reagieren auf irgendetwas, dann auf etwas anderes. Ich verweise manchmal auf die „heilige Pause“, denn wenn wir anhalten können, fangen wir an, mit dem heilenden Raum der Präsenz in Kontakt zu kommen. Wir können sehen, dass wir auf dem Rand gekreist sind, und beschließen zurückzukommen. Meine Schüler und Klienten berichten oft davon, dass ihnen die heilige Pause vielleicht mehr als irgendeine andere Anleitung zur Meditation ermöglicht hat, aus gewohnten Mustern zwanghaften Denkens aufzuwachen. Schon ein kurzes Innehalten und das Erleben von ein wenig Raum um den Strom von Sorgen und Plänen herum kann sehr befreiend sein.
Wenn unsere Aufmerksamkeit stabiler und gleichmäßiger wird, werden wir spüren, dass die Grenzen der Nabe weich werden und sich öffnen. Dies ist die Phase im Training von Achtsamkeit, die wir Hier sein nennen. Wir sind weiter mit der Bewegung des Atems (oder mit einem anderen Anker) in Kontakt, aber zugleich sind wir uns des Geräusches eines bellenden Hundes, des Schmerzes in unserem Knie oder eines Gedankens daran bewusst, wie lange wir noch meditieren werden. In diesem Zustand fixieren wir uns weder auf diese Erfahrungen noch schieben wir sie beiseite. Wir „erkennen und erlauben“ die Gedanken, Gefühle und Sinnesempfindungen, die in das Feld unserer Aufmerksamkeit gelangen. Sie können frei kommen und gehen. Wenn die Emotionen stark sind, wie das bei Pam der Fall war, kann man das Zulassen dadurch vertiefen, dass man „Ja“ oder „Ich stimme zu“ sagt. Natürlich wird man sich in Gedanken noch oft in Reaktivität verlieren, aber in solchen Momenten kommen wir, wenn wir das wahrnehmen, einfach wieder gelassen zur Nabe zurück – Zurückkommen und Hier sein sind sehr bewegliche, fließende Facetten der Praxis.
Je mehr wir die wache Stille im Zentrum des Rades bewohnen und in die Bewusstheit alles aufnehmen, was passiert, desto mehr wird die Nabe achtsamer Präsenz sozusagen nahtlos, warm und hell. In dem Moment, wenn es keine Kontrolle der Erfahrung gibt – wenn mühelose Achtsamkeit da ist –, gehen wir ganz in natürliche Präsenz über. Diese zeitlose Präsenz ist voller unendlicher Möglichkeiten. Die Nabe, die Speichen und der Rand schweben alle in unserer leuchtenden offenen Bewusstheit – wir sind zu Hause. In diesen Momenten hat unser Geist seine Quelle in einer unverstellten Sicht der Realität – Weisheit – und unser Herz in bedingungsloser Liebe oder bedingungslosem Mitgefühl.



