Weisheit und Mitgefühl in der Psychotherapie

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Mitgefühl und Weisheit in schwierigen Zeiten
Es ist viel leichter gesagt, Präsenz in unserem inneren und zwischenmenschlichen Leben aufrechtzuerhalten, als getan. Wir wissen alle, wie es ist, wenn jemand uns kritisiert, unser Gefühl von Kompetenz infrage stellt oder Schuldgefühle oder Scham auslöst. Wir wissen, wie ist es, wenn wir mit einem Klienten zusammen sind und mit einem Gefühl persönlichen Versagens („Ich bin nicht nützlich“) oder einer Bewertung („Sie versuchen nicht wirklich, sich selbst zu helfen“) reagieren. Und wir wissen, wie es ist, wenn wir wie Pam mit einer tiefen Lebenskrise konfrontiert sind – vielleicht in einer Beziehung mit einem Gefühl von Verrat, mit finanzieller Unsicherheit oder mit einer lebensbedrohenden Krankheit. Statt dann in einer achtsamen Präsenz geerdet zu bleiben, verlieren wir uns in kreisenden Gedanken, in dringendem Bemühen, zu kontrollieren, was passiert, in Suchtverhalten und in den Bewertungen und Abwehrmechanismen, die wir kennen. Wir verlieren unsere Klarheit im Denken und unser Herz wird enger. Wie können wir in solchen Momenten Achtsamkeit stärken, wenn wir Gefahr laufen, in eine Trance zu geraten?
Vor ein paar Jahren hat eine Reihe buddhistischer Lehrer begonnen, ein neues Hilfsmittel für Achtsamkeit zu lehren, das aus vier Schritten besteht. Dieses Training in Präsenz kann in schwierigen Situationen, wenn man es mit intensiven und schwierigen inneren Zuständen zu tun hat, eine Unterstützung sein, um Weisheit und Mitgefühl zu wecken, besonders wenn man dazu neigt, sich in Verwirrung zu verlieren oder in sich zu versinken. Obwohl diese vier Schritte in Verbindung mit einer fortgesetzten Praxis von Achtsamkeitsmeditation am wirksamsten sind, können sie auch Klienten einen Zugang zu Achtsamkeit ermöglichen, die sonst auf alles, was sie für „Meditation“ halten, mit Widerstand reagieren würden. Ich habe diese vier Schritte Tausenden von Schülern, Klienten und Angehörigen heilender Berufe beigebracht und diesen Ansatz zu der Form entwickelt und erweitert, die ich in diesem Kapitel beschreibe. Auch in meinem eigenen Leben habe ich diese Technik zu einer zentralen Übung gemacht. Wenn wir uns wie Pam in einer Trance von Angst und Getrenntheit verlieren und leiden, können diese vier Schritte helfen, uns zu voller Achtsamkeit zurückzubringen, indem sie die Aufmerksamkeit auf eine klare, systematische Weise lenken.

Vier Schritte
• Anerkennen, was passiert
• Zulassen, dass das Leben ist, wie es ist
• Die innere Erfahrung mit Freundlichkeit untersuchen
• Sich nicht identifizieren und in natürlicher Bewusstheit bleiben
Anerkennen, was passiert
Dieses Anerkennen beginnt damit, dass Sie Ihre Aufmerksamkeit darauf richten, was im gegenwärtigen Moment an Gedanken, Emotionen, Gefühlen oder Sinnesempfindungen auftaucht. Anerkennen bedeutet Sehen, was in Ihrem inneren Leben wahr ist. Es bedeutet, einfach zu fragen: „Was passiert in mir in diesem Moment?“ Nutzen Sie Ihre natürliche Neugier, wenn Sie sich nach innen wenden. Versuchen Sie, alle vorgefassten Vorstellungen davon loszulassen, was passiert, und hören Sie stattdessen freundlich und offen auf Ihren Körper und auf Ihr Herz.
Zulassen, dass das Leben ist, wie es ist
Zulassen bedeutet „sein lassen“, was immer Sie an Gedanken, Emotionen, Gefühlen oder Sinnesempfindungen entdecken. Wenn Sie etwas Schwieriges erleben, kann es nützlich sein, sich zu fragen: „Kann ich hier weiter sein?“ Oder: „Kann ich dies so sein lassen, wie es ist?“ Vielleicht empfinden Sie eine natürliche Abneigung oder den Wunsch, dass unangenehme Gefühle verschwinden sollten, oder Sie merken, dass Sie von Gedanken erfüllt sind, die Vorwurf oder Scham enthalten. Aber wenn Sie offener dafür werden, bei dem präsent zu sein, „was ist“, kann sich eine andere Qualität von Aufmerksamkeit einstellen. Um weise handeln zu können, muss man lernen, so bei schwierigen Erfahrungen zu sein, denn sonst reagieren wir auf Schwierigkeiten automatisch und nicht besonnen. Es ist auch notwendig, Mitgefühl zu motivieren, denn wenn wir unseren eigenen Schmerz nicht ertragen können, können wir auch das Leid anderer Menschen nicht ertragen (siehe Kapitel 1).
Die Einsicht, dass Zulassen untrennbar zu Verstehen und Heilen gehört, kann die bewusste Absicht fördern, „sein zu lassen“. Viele Klienten und Schüler, mit denen ich arbeite, unterstützen ihre Entschlossenheit, alles zu akzeptieren, was passiert, dadurch, dass sie ein unterstützendes Wort oder einen Satz innerlich sprechen. Wenn sie zum Beispiel merken, dass Angst sie zu überwältigen droht, sagen sie leise „Lass es zu“, oder sie erleben das Anschwellen tiefen Kummers und sagen „Ja“. Sie könnten auch diese Worte verwenden: „Auch dies“ oder, wie ich Pam vorschlug: „Ich stimme zu“. Zuerst haben viele das Gefühl, dass sie unangenehme Emotionen oder Empfindungen zögernd oder versuchsweise „aushalten“. Oder sie sagen vielleicht in der Hoffnung „Ja“ zu Angst, dass sie sie damit auf magische Weise zum Verschwinden bringen.
In Wirklichkeit müssen wir immer wieder zustimmen und manchmal sogar die subtilsten Formen anerkennen, mit denen wir uns gegen Angst oder Schmerz verspannen. Doch schon die erste Geste des Zulassens – einfach leise „Ja“ oder „Ich stimme zu“ sprechen – beginnt einen Raum zu schaffen, der die harten Kanten unseres Schmerzes weich macht. Ihr ganzes Sein ist nicht mehr so in Widerstand gesammelt und verhärtet. Sprechen Sie den Satz einfach und geduldig, und mit der Zeit wird sich Ihre Empfänglichkeit vertiefen. Ihre Abwehrmechanismen entspannen sich, und Sie empfinden vielleicht körperlich, wie Sie den Wellen der Erfahrung nachgeben oder sich ihnen öffnen können.
Manchmal aber löst allein die Vorstellung des Zulassens vehementen Widerstand aus. „Was soll das heißen?!“, könnte jemand sagen. „Soll ich vielleicht akzeptieren, dass er mich verraten hat?“, „Soll ich Ja dazu sagen, dass ich mich hasse?“, „Zu dieser schrecklichen Angst?“ In diesen Situationen ist es wichtig, klarzustellen, dass man nur der Erfahrung – im Körper, im Herzen, im Geist – im gegenwärtigen Moment zustimmt. Es geht nicht darum, die Situation selbst oder das Verhalten eines anderen Menschen zu akzeptieren, nur die gefühlte Erfahrung hier und jetzt. Wenn Widerstand entsteht, ist der erste Schritt sogar, die Erfahrung des Widerstandes zu akzeptieren. Man erkennt den Abscheu, die Spannung im Körper, den Vorwurf in Gedanken und die Abneigung an und lässt zu, dass man das empfindet. Oft drücke ich es so aus: „Sie sagen Ja zu ihrem Nein!“*
Mit Freundlichkeit untersuchen
Manchmal reicht es aus, wenn man die ersten zwei der vier Schritte ausführt – die Grundbestandteile von Achtsamkeit –, um sich Erleichterung zu verschaffen und sich wieder mit Präsenz zu verbinden. In anderen Fällen reicht die Absicht, anzuerkennen und zuzulassen, allein nicht aus. Wenn man zum Beispiel mitten im Prozess einer Scheidung steht, dabei ist, einen Job zu verlieren, oder mit dem Leiden oder der Not eines nahestehenden Menschen konfrontiert ist, kann es sein, dass man leicht von intensiven Gefühlen überwältigt wird. Weil diese Gefühle immer wieder ausgelöst werden – man zum Beispiel von einem baldigen Expartner einen Telefonanruf bekommt oder morgens mit Schmerzen aufwacht –, können Reaktionen tief erschüttern. In solchen Situationen kann es erforderlich sein, achtsame, freundliche Bewusstheit noch mehr zu beleben und zu stärken.
Untersuchung bedeutet, das natürliche Interesse anzusprechen – das Verlangen, Wahrheit zu wissen – und eine fokussiertere Aufmerksamkeit auf die gegenwärtige Erfahrung zu richten (Goldstein & Kornfield, 1987). Wenn man einfach anhält und sich fragt „Was passiert in mir?“, kann das der Anfang sein, Erfahrung anzuerkennen. Mit einer Untersuchung unternimmt man aber eine aktivere und gezieltere Selbsterforschung. Sie können sich fragen: „Wie erlebe ich dies in meinem Körper?“ oder „Was möchte dieses Gefühl von mir?“ oder „Was glaube ich von mir?“, „Was glaube ich von anderen?“ Der Impuls für so eine Untersuchung entsteht aus unserer angeborenen Intelligenz. Wir erkennen, dass wir uns für ein tieferes Verständnis unserer Situation öffnen müssen.
Die Phase der Untersuchung – der dritte der vier Schritte – ist für die therapeutische Beziehung besonders geeignet. Obwohl wir vielleicht spüren, dass wir genauer anschauen müssen, was in uns passiert, stellen wir uns oft gerade die Fragen nicht, die uns am ehesten von einer unbewussten Identifikation mit unseren Gedanken und Gefühlen befreien könnten. Wenn zum Beispiel ein Klient von Gefühlen der Angst oder Verletzung besessen ist, kann der Vorschlag, der Frage nachzugehen: „Was glaube ich in diesem Moment?“, die Geschichten persönlichen Versagens oder Misstrauens aufdecken, die diese Gefühle genährt haben. Wenn man die Überzeugung, den Glauben oder die Befürchtung bewusst benennt, kann das ihren Zugriff schwächen und eine Möglichkeit eröffnen, die Frage zu stellen: „Ist das wirklich wahr?“ Wenn ein Klient andererseits in obsessives Grübeln versunken ist, kommt er vielleicht nicht auf die Idee, sich zu fragen: „Was spüre ich in meinem Körper?“ Diese Frage kann helfen, aus Intellektualisierungen, Wertungen und mentalen Kommentaren herauszutreten, die eine echte Einsicht, „wie die Dinge sind“, verdunkeln, und unmittelbar mit dem Felt Sense von Verletzlichkeit oder Verletztheit in Kontakt zu kommen, und das kann authentisches Selbstmitgefühl entstehen lassen.
Weisheit kann sich entfalten, wenn man alles in achtsame Bewusstheit aufnimmt, was man zu vermeiden gewohnt ist oder was man zugedeckt hat. Wenn man seinen Erfahrungen nachgeht und sie untersucht, kann man mit Empfindungen einer Hohlheit oder Wackligkeit in Kontakt kommen und dann auf eine Geschichte stoßen, die man sich jahrelang erzählt hat, wie man von denen weggestoßen wurde, denen man am meisten nahe sein wollte. Dies kann zu einer Erinnerung von Ablehnung führen und dann zu Gefühlen der Scham, von Verletzungen oder Einsamkeit. Unter diesen Reaktionen begraben könnte man eine Sehnsucht nach Akzeptanz, nach Verbundenheit und Beziehung empfinden. Solange man mit diesen Teilen der Psyche nicht bewusst in Kontakt kommt, können sie leicht die Erfahrung kontrollieren und die Identifikation mit einem bedrohten, mangelhaften Selbst aufrechterhalten. Nur wenn man das Licht der Bewusstheit auf bisher verborgene Erfahrungen richtet, können die angenommenen Identifikationen anfangen, sich zu lockern. Man fängt an zu sehen, dass unser Sein mehr ist als ein unsicheres, beschränktes Selbst, und diese Einsicht ermöglicht uns, auf unsere Situation weise und nicht aus emotionalem Schmerz heraus zu antworten.
So eine Untersuchung reicht aber allein nicht aus, um volle achtsame Präsenz entstehen zu lassen. Damit die Untersuchung heilend und befreiend sein kann, muss man an Erfahrungen mit einer freundlichen Qualität der Aufmerksamkeit herangehen. Dies bedeutet, dass man mit einem Gefühl der Fürsorge oder Anteilnahme und Wärme in Kontakt ist, und alles, was auftaucht, freundlich willkommen heißen kann. Ohne diese Herzensenergie kann eine Untersuchung nicht tiefer wirken und unsere natürliche Weisheit wecken; dann gibt es nicht genug Sicherheit und Offenheit für echten Kontakt: Selbstmitgefühl ist ein wesentlicher Bestandteil einer achtsamen Präsenz.
Stellen Sie sich vor, dass Ihr Kind in der Schule gemobbt wurde und weinend nach Hause kommt. Was nötig ist, ist sowohl Verständnis (Untersuchung) als auch Mitgefühl. Um herauszufinden, was passiert ist und wie es Ihrem Kind geht, müssen Sie mit einer freundlichen, offenen und einfachen Aufmerksamkeit da sein. Auf ähnliche Weise erzeugt unsere Anteilnahme und Akzeptanz einen sicheren und heilenden Raum, damit die Emotionen gefühlt, untersucht und transformiert werden können, wenn ein Klient in großer Aufregung zu einer Sitzung kommt. Mit den vier Schritten bringen wir unserem inneren Leben diese intime Aufmerksamkeit entgegen. Sie weicht die Panzerung des Herzens auf und macht Selbsterforschung und letztlich Einsicht und Heilen möglich.
Weil so viele Klienten an Scham und Selbstablehnung leiden, haben sie wenig oder gar keine Erfahrung mit Selbstmitgefühl. Bei Therapeuten beginnt unsere eigene mitfühlende Aufmerksamkeit dieses emotionale Muster aufzulösen und zu transformieren. Darauf aufbauend kultiviert das Training in Achtsamkeit allmählich die Fähigkeit des Klienten, schwierige innere Erfahrungen mit Freundlichkeit zu halten. Die Samen dieser Veränderung der Beziehung zum eigenen inneren Leben werden in der Anfangsphase der vier Schritte gelegt – mit dem Anerkennen eines schmerzhaften emotionalen Zustandes und dem Zulassen, wie er ist. Die Forschung mittels bildgebender Verfahren hat gezeigt, dass achtsame Aufmerksamkeit an sich Teile des Gehirns aktiviert, die mit Mitgefühl und Empathie zu tun haben (Cahn & Polich, 2006; Hölzel et al., 2011). Der dritte der vier Schritte – Untersuchen und bewusstes Anbieten freundlicher Aufmerksamkeit – stärkt Achtsamkeit, vertieft sie und lässt eine volle und auf authentische Weise mitfühlende Präsenz entstehen. Auf diese Weise kann man Mitgefühl wie Weisheit als wesentlichen Bestandteil achtsamer Präsenz und auch als ihre kostbare Frucht verstehen.
Nichtidentifikation verwirklichen
und in natürlicher Bewusstheit bleiben
Die klare, offene und freundliche Präsenz, die mit den ersten drei Schritten wachgerufen und geübt wird, führt zum vierten Schritt: zur Freiheit, die in Nichtidentifikation besteht, und zur Verwirklichung von natürlicher Bewusstheit oder natürlicher Präsenz. Nichtidentifikation bedeutet, dass unser Selbst-Gefühl nicht mit irgendwelchen Emotionen, Sinnesempfindungen oder Geschichten darüber, wer wir sind, verschmolzen ist oder von ihnen definiert wird. Diese Erkenntnis, dass es kein statisches, stabiles Selbst gibt, ist der eigentliche Ausdruck von Weisheit und die Essenz von Freiheit (Rahula, 1982; siehe auch Kapitel 9 und 13). Identifikation hält uns in dem „kleinen Selbst“ gefangen, in dem Selbst der Trance. Wenn die Identifikation mit dem kleinen Selbst gelockert ist, beginnen wir, Lebendigkeit, Offenheit und Liebe, die unsere natürliche Bewusstheit ausdrückt, intuitiv zu erfassen und von ihr aus zu leben. Der indische Lehrer Nisargadatta Maharaj (1973) beschreibt das so:
Liebe sagt: „Ich bin alles.“
Weisheit sagt: „Ich bin nichts.“
Zwischen diesen beiden strömt mein Leben (S. 269).
Dieses Erwachen von Weisheit und Liebe (oder Mitgefühl) wirkt sich auf eine sehr unmittelbare Weise auf uns aus: Wir machen die Erfahrung, dass wir mehr Wahlmöglichkeiten in Bezug darauf haben, wie wir auf das Leben antworten – neue Möglichkeiten eröffnen sich, neue, frische Formen der Beziehung mit uns selbst, mit Menschen, die uns nahestehen, und mit Kollegen –, und wir empfinden mehr Dankbarkeit und Unbeschwertheit.
Die ersten drei der vier Schritte verlangen bewusste Aktivität. Im Gegensatz dazu drückt der vierte Schritt das Ergebnis oder die Folge von Achtsamkeit aus: eine befreiende Verwirklichung natürlicher Bewusstheit. Obwohl diese Art von Erwachen bei manchen Menschen das Leiden der Trance ein für alle Mal beseitigen kann, entfaltet sich bei den meisten Menschen Freiheit von emotionalem Leiden eher schrittweise. Wir machen vielleicht die Erfahrung, dass wir viele Runden durchmachen, in denen wir uns in den alten Geschichten darüber verlieren, was mit uns, mit anderen, mit unserem Leben nicht stimmt – und uns dann daran erinnern, wieder zu achtsamer Präsenz zurückzukehren. Weil es ein anhaltendes und hartnäckiges „Vergessen“ gibt, braucht man oft den Glauben an sich selbst – und an Klienten –, um zulassen zu können, dass sich dieser Prozess entfaltet. Aber bei jeder Runde vertieft sich das Verständnis, dass wir nicht das isolierte, mangelhafte und bedrohte Selbst sind, das unsere Geschichten zeichnen. Und mit jeder Runde tritt die Verwirklichung unseres wahren Potentials – erwachte, liebevolle Präsenz – mehr in Erscheinung.
Heimkehr zu liebevoller Präsenz
Und so ging es weiter für Pam. Einen Monat nach meiner Begegnung mit ihr rief sie mich an, um mich wissen zu lassen, dass Jerry gestorben war. Dann erzählte sie mir, was an dem Abend passiert war, nachdem wir miteinander gesprochen hatten. Als sie zu Hause in ihrem Apartment angekommen war, hatte sie Jerry eingeladen, ihr in ihrem stillen Gebet Gesellschaft zu leisten. „Als wir beendet hatten“, erzählte sie mir, „teilten wir uns unsere Gebete mit. Ich sagte ihm, wie sehr ich mir wünschte, dass er meine Liebe fühlt.“ Pam war einen Moment still, dann versagte ihre Stimme. „Er hatte für das Gleiche gebetet … nur umgekehrt. Wir umarmten uns einfach und weinten.“
Pam gab zu, dass sie auch in diesen letzten Wochen weiter mit dem Drang gekämpft hatte, sich anzustrengen, Möglichkeiten zu finden, sich nützlich zu fühlen. Aber sie hatte die vor allen anderen wichtige Fertigkeit erworben, ihre Reaktivität wahrzunehmen und zu erkennen, wenn sie sich von achtsamer Präsenz wegbewegt und kontrahiert hatte. Eines Nachmittags begann Jerry darüber zu sprechen, dass er nur noch kurze Zeit zu leben hätte, und darüber, dass er keine Angst habe, zu sterben. Sie beugte sich vor, küsste ihn und sagte schnell: „Mein lieber … Heute war ein guter Tag, du scheinst mehr Energie zu haben. … Ich mache dir einen Kräutertee.“ Jerry wurde still, und die Stille erschütterte sie. „In diesen Momenten ist mir so klar geworden, dass alles andere als zuhören, darauf lauschen, was wirklich passiert, alles andere als ganz präsent zu sein, uns eigentlich trennte. Ich hatte nicht gewollt, dass wir uns sein Sterben laut eingestehen. Das würde es allzu wirklich machen. Also vermied ich die Realität, indem ich eine Tasse Tee vorschlug. Aber der Versuch, von der Wahrheit dessen wegzusteuern, was passierte, brachte mich von ihm weg, und das war herzzerreißend.
Während Pam das Wasser für den Tee heiß machte, betete sie und bat darum, mit ihrem Herzen bei Jerry ganz präsent sein zu können. Dieses Gebet leitete sie in den Tagen, die folgten: „Während der letzten paar Wochen musste ich permanent alle meine Vorstellungen davon loslassen, wie sein Sterben sein sollte, und was ich sonst tun sollte, und ich erinnerte mich einfach daran, zu sagen ‚Ich stimme zu‘. Zuerst wiederholte ich die Worte mechanisch, aber nach ein paar Tagen hatte ich ein Gefühl, als finge mein Herz wirklich an einzuwilligen.“ Sie beschrieb, wie sie anhielt, wenn sie merkte, dass sie von starken Gefühlen erfasst war, und schaute dann nach innen, um zu sehen, was los war. Wenn sich ihr Bauch mit Attacken von Angst und Gefühlen von Hilflosigkeit zusammenzog, blieb sie bei den Gefühlen, willigte in die Tiefe ihrer Verletzlichkeit ein, in der Absicht, freundlich zu sein. Wenn sich der ruhelose Drang, „etwas zu tun“, meldete, nahm sie das wahr und war still und ließ den Drang kommen und gehen. Wenn die großen Wellen des Kummers durch sie hindurchfluteten, sagte sie wieder „Ich stimme zu“ und öffnete sich dem gewaltigen schmerzhaften Gewicht des Verlustes. Und als die Tage vergingen, merkte sie, dass ihr Ton, wenn sie „Ich stimme zu“ sagte, immer zarter wurde.
Diese intime, achtsame Präsenz bei ihrer inneren Erfahrung erlaubte Pam, ganz aufmerksam bei Jerry zu sein und von ihrer inneren Weisheit aus zu handeln. Sie drückte es so aus: „Als ich ganz und gar da war und in die Angst und in den Schmerz einwilligte, wusste ich, wie ich mich um ihn kümmern sollte. Ich spürte, wann ich Worte der Ermutigung flüstern und wann ich nur zuhören oder ihn mit Berührungen beruhigen sollte … wie ich für ihn singen, mit ihm still sein, bei ihm sein wollte.“ Bevor sie das Gespräch beendete, sagte sie mir, was sie als ein Geschenk ihrer letzten Tage mit Jerry, als die Antwort auf ihre Gebete sah: „In der Stille konnte ich über ein Gefühl für ‚ihn‘ und ‚mich‘ hinaussehen. Es wurde klar, dass wir ein Feld der Liebe waren – völlige Offenheit, Wärme, Licht. Er ist gegangen, aber das Feld der Liebe ist immer bei mir. Mein Herz weiß, dass ich nach Hause gekommen bin… wahrhaft nach Hause gekommen, um zu lieben.“
Ihrem Herzen und Ihrer Bewusstheit vertrauen
Eine achtsame Präsenz hatte Pams Intuition und ihr Herz geweckt. Sie gelangte von ihrer Angst, vor sich selbst und vor Jerry zu versagen, von ihrer schmerzhaften Isolation und ihrer Wut zu der Einsicht in die Wahrheit der Zugehörigkeit, zu einer immer anwesenden Liebe, die sie auch erhalten konnte, nachdem er gestorben war. Diese Weisheit der Ungetrenntheit ist das Geschenk von Achtsamkeit.
Als buddhistische Lehrerin würde ich sagen, dass Achtsamkeit unser Tor zur Verwirklichung der vibrierenden Lebendigkeit, Liebe und leuchtenden Wachheit ist, die unsere essenzielle Natur ist. Aus der therapeutischen Perspektive sehe ich, dass Achtsamkeit den Zugriff konditionierter, eingefleischter Tendenzen lockert, die auf Temperament und persönliche Geschichte zurückgehen. Der befreiende „Mechanismus“ der Achtsamkeit drückt sich im vierten und letzten der vier Schritte aus: Nichtidentifikation. Wenn man eine volle Präsenz kultiviert, beginnt man Identifikationen mit gewohnten defensiven Mustern und Reaktionen der Abwehr aufzulösen. Befreit von der Trance, die uns einengt und einschränkt, öffnen wir uns für eine umfassendere und klarere Bewusstheit. Diese offene Bewusstheit erlaubt unseren angeborenen Fähigkeiten für Intelligenz und Mitgefühl, sich spontan zu entfalten, neben neuen Wahrnehmungen, Kreativität und Lernen. In den Beziehungen mit Klienten, mit unseren Partnern, mit unseren Kindern oder mit unserem inneren Leben leben wir von einem Raum der Weisheit und Freundlichkeit aus, der nicht mehr von Trance umwölkt ist.
Bei meinem ersten Meditationsretreat erzählte einer unserer Lehrer eine Geschichte über eine Tagung in Indien mit dem Dalai Lama. Eine Gruppe westlicher buddhistischer Lehrer hatte ihn gefragt, was für ihn die wichtigste Botschaft sei, die sie ihren Meditationsschülern zu Hause mitbringen könnten. Er dachte einen Moment nach, dann nickte der Dalai Lama und lächelte breit. „Sagen Sie ihnen, dass sie das Vertrauen haben können, dass ihr Herz und ihre Bewusstheit inmitten aller Umstände erwachen.“ Dies ist mir seitdem immer gegenwärtig geblieben.
Wir sehnen uns danach, angesichts von Schwierigkeiten das Vertrauen zu haben, dass wir den Weg nach Hause zu unserer inneren Weisheit und zu Mitgefühl finden. Achtsamkeitstraining kultiviert dieses Vertrauen, aber nicht notwendigerweise sofort! Ich habe gesehen, wie für viele Menschen der Grund, der sie am meisten davon abhält, bei der Achtsamkeitspraxis zu bleiben, das Gefühl des Zweifels ist: „Ich mache das nicht richtig. Ich verstehe es nicht. Das funktioniert nicht.“ Therapeuten, die ich in Achtsamkeit unterrichtet habe, sowie meine Klienten und Schüler, erzählen mir, dass sie sich regelmäßig in zwanghaften Gedanken verlieren, dass sie nicht fähig sind, eine Erfahrung von „Hier sein“ in achtsamer Präsenz aufrechtzuerhalten. Sie fragen sich, warum meditieren so schwer ist.
Trainieren unserer Aufmerksamkeit ist schwer. Wie andere Autoren dieses Buches ausführen werden, braucht es Zeit und wiederholtes Üben, um die Hirnstrukturen umzuformen, die unsere mentalen und emotionalen „Grundeinstellungen“ verkörpern. Wenn wir Aufmerksamkeit trainieren, bewegen wir uns auch gegen den Strom unserer Kultur mit ihren unaufhörlichen Ablenkungen und mit Multitasking. Und noch wichtiger ist, dass wir lernen, uns anders zu verhalten, als wir in zahllosen Stunden in Gedanken verloren und unbewusst getrieben von Wünschen und Ängsten gelernt und eingeübt haben. Es ist so, als verbrächten wir unser Leben auf einem Fahrrad und strampelten wild, um vom gegenwärtigen Moment wegzukommen. Wir strampeln, um uns gegen das zu stemmen, was passiert, wir strampeln, um zu versuchen, etwas geschehen zu lassen, wir strampeln, um zu versuchen, irgendwo anders hin zu gelangen. Je mehr wir das Gefühl haben, es fehlte uns etwas oder etwas stimmte nicht, um so schneller strampeln wir. Selbst mitten in einer Meditation können wir wahrnehmen, dass wir strampeln – dass wir uns anstrengen, bei der Atmung zu bleiben, dass wir einer Fantasie nachjagen oder versuchen, etwas herauszufinden. Beim Training in Achtsamkeit fühlt man sich zwangsläufig mangelhaft, wenn man nicht respektvoll die Stärke der Konditionierung anerkennt, vor Präsenz wegzulaufen: Wir sind aber nicht schuld daran! (Siehe Kapitel 18.) Wie können wir vor dem Hintergrund dieser Konditionierung dem Rat des Dalai Lama folgen und unserem Herzen und unserer Bewusstheit vertrauen?



