Kapitalismus und politische Moral in der Zwischenkriegszeit oder: Wer war Julius Barmat?

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Der Grund für die Ablehnung ist unschwer zu erkennen: Spätestens seit Ende November 1924 waren die Kredite an Barmat nicht mehr primär eine wirtschaftliche, sondern eine politische Frage. Plötzlich waren die Kredite an Ostjuden ein öffentliches Thema. All diejenigen, die für sich beanspruchten, schon früher gewarnt zu haben, dass es politisch bedenklich sei, einem »Konzern von jüdischen Ausländern« Kredite zu geben, sahen sich jetzt bestätigt.71 Angesichts der Presseangriffe zunächst auf Kutisker, dann auch auf Barmat war die Preußische Staatsbank bemüht, die Geschäftsverbindungen schnellstmöglich zu beenden.
Ab Dezember überschlugen sich die Ereignisse, die nicht im Detail von Interesse sind. Die Preußische Staatsbank lehnte die Verlängerung der am 15. Dezember ablaufenden Kredite ab. Dagegen protestierte Barmat heftig; er und seine Anwälte sahen darin einen Vertrags- und Vertrauensbruch. Die Staatsbank ließ sich auf keine Verhandlungen mehr ein.72 Damit war für den Barmat-Konzern die Zeit abgelaufen. Am 15. Dezember senkte die Preußische Staatsbank endgültig den Daumen.
»Zins- und Kreditwucher«: Der Fall Jakob Michael
Die Staatsanwaltschaft ging im Fall Barmat auch der Frage nach, ob der Konzern die hohen Kredite der Preußischen Staatsbank dazu benutzt habe, das Geld gegen überhöhte Zinsen weiterzuverleihen, um auf diese Weise Firmen unter seine Kontrolle zu bringen. War also eine Form von Zins- und Kreditwucher im Spiel? Das Thema tangierte gleichermaßen juristische wie politisch-soziale Fragen und ist auch deshalb von Interesse, weil Wucher seit jeher das zentrale Thema der antisemitischen Agitation gegen den »jüdischen Kapitalismus« war. Noch massiver als gegen Barmat wurde der Wuchervorwurf gegen den Unternehmer Jakob Michael (der in unserer weiteren Geschichte noch eine Rolle spielen wird) erhoben.
Wuchergeschäfte: Mehr als eine strafrechtliche Frage
Ins Visier der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen gerieten grundsätzliche Aspekte der Geschäftspolitik der Preußischen Staatsbank. Auffällig war, dass der Kreis ihrer Geschäftskunden stark eingeschränkt war: Im Wesentlichen waren das Barmat und die beiden anderen in den Skandal verwickelten Personen Iwan Kutisker und Jakob Michael, die tatsächlich außerordentlich privilegiert waren, sowohl was die Kreditfristen, die Deckungsvorschriften als auch die Höhe der Zinssätze betraf. Wie bereits erwähnt standen Mitte Mai 1924 die drei privaten Großkunden mit Krediten von etwa 35 Mio. Rentenmark in den Büchern der Preußischen Staatsbank; nur dem Michael-Konzern gelang es, die Kreditschulden zu reduzieren.73 Der Verdacht stand im Raum, dass es Barmat, Kutisker und Michael mithilfe der ihnen gewährten Kredite gelungen sei, die wirtschaftliche Notlage der vom Kapitalmarkt abgeschnittenen Unternehmer auszunutzen und auf diese Weise Kontrolle über Industrie und Banken zu erlangen. Denn wenn die verliehenen Kredite nicht beglichen werden konnten, kam es vielfach zur Übertragung der Eigentumsrechte an die Kreditgeber.
Solche Sachverhalte und Zusammenhänge waren Wasser auf die Mühlen antisemitischer Agitation und weitverbreiteter Ressentiments. In der Sprache des wirtschaftlichen Antijudaismus und Antisemitismus war die Rede von »jüdischem Wucher«, »Finanzjuden« und »Shylocks« fest etabliert.74 Seit der Liberalisierung der Finanzmärkte im 19. Jahrhundert waren immer wieder Forderungen erhoben worden, Höchstsätze für Zinsen festzusetzen, Kreditwucher zu bestrafen, ja, so die Forderung der Antisemiten, Juden von Kreditgeschäften ganz auszuschließen. Die Erfolge solcher Initiativen waren trotz neuer »Wuchergesetze« seit den 1880er Jahren beschränkt geblieben. Das Bürgerliche Gesetzbuch von 1900 sah zwar die Bestrafung desjenigen vor, der »unter Ausbeutung der Zwangslage, der Unerfahrenheit, des Mangels an Urteilsvermögen oder der erheblichen Willensschwäche eines anderen sich oder einem Dritten für eine Leistung Vermögensvorteile versprechen oder gewähren lässt, die in einem auffälligen Missverhältnis zu der Leistung stehen« (BGB § 138, Abs. 2), aber die Handhabung blieb aus gutem Grund extrem restriktiv: Jeden einzelnen Fall von Wucher galt es zu prüfen. Einen großen, öffentlichkeitswirksamen Wucherprozess, der das Thema auch im Sinne der Antisemiten auf die Tagesordnung gesetzt hätte, gab es vor dem Krieg nicht.75
Kreditwucher stand während der Kriegs- und Inflationszeit nicht auf der Tagesordnung. Das änderte sich schlagartig mit der Währungsstabilisierung und der damit verbundenen drastischen Kreditrestriktion. Denn bis ins Frühjahr 1924 waren längerfristige Kredite auf Monats- oder gar Jahresfrist von den Banken nur schwer zu bekommen, und wenn, dann in der Regel nur zu extrem hohen (Tages-)Zinsen: Der Zinssatz für auf Tages- bzw. Monatsbasis geliehenes Geld belief sich 1924 in Berlin auf 28,2 und 25,1 Prozent; erst im folgenden Jahr fielen diese Sätze auf 9,9 bzw. 10,8 Prozent, was immer noch außerordentlich hoch war. Dabei handelte es sich um Jahresdurchschnittsbeträge. Im Einzelfall konnten die Sätze weit höher (aber auch niedriger) liegen, mit Spitzenwerten von bis zu 40 Prozent in den Monaten von November 1923 bis Mai 1924 (also der Zeit der Barmat-Kredite).76 Vor diesem Hintergrund sind die bis weit ins Jahr 1925 hinein zu hörenden Klagen von Industrie, Handel und Landwirtschaft über eine akute »Kreditnot« zu sehen. Für die etablierten Banken waren die Risiken des Kreditgeschäfts sehr hoch; sie zogen es deshalb vor, das Geld nicht auszuleihen – und es beispielsweise bei der Preußischen Staatsbank zu parken.
Tatsächlich betätigten sich die Amexima und die Merkurbank in diesem Bereich der Kreditgeschäfte und legten damit den Grundstein für den Barmat-Konzern. Zu den Kunden zählten nicht nur Industriebetriebe, sondern auch Banken, in einem Fall auch die Dresdner Bank. Die Staatsanwaltschaft sah später in diesen Geschäften insofern ein Betrugsvergehen, da die in die Millionen gehenden Geldbeträge von der Preußischen Staatsbank unter Vorspiegelung falscher Tatsachen, nämlich zur Finanzierung von Lebensmittelgeschäften und dann zum Ausbau der Unternehmen, vergeben worden seien, und das zu außerordentlich niedrigen Zinsen. Während die Amexima 15 bis 20 Prozent Zinsen zahlte, erzielte sie selbst bis zu 126 Prozent pro Jahr und verlangte von den Unternehmen weit höhere Sicherheitsleistungen in Form von Aktien, Hypotheken etc. als die Preußische Staatsbank von der Amexima. Mit den Sicherheitsleistungen der erworbenen Firmen gelangte die Amexima an weitere Kredite, und vielfach gingen zahlungsunfähige Firmen in den Besitz des Konzerns über.77
Die Preußische Staatsbank war über diese Vorgänge nicht nur informiert, sondern verfolgte offenbar ein klares Ziel. Im Geschäftsbericht über das Jahr 1924 war noch zu lesen, wie schwierig das Geldverleihgeschäft war, da die Geschäftsbanken ihre Kredittätigkeit im Winter 1923/24 stark beschränkten: Gerade aus diesem Grund wollte man »durch umfangreiche unmittelbare Kreditbewilligung an Industrie- und Handelskreise der Not leidenden Wirtschaft, die von anderer Seite keine ausreichende Kreditbefriedigung erlangen konnten, nach besten Kräften […] helfen und auf eine Ermäßigung der Zinssätze durch Gewährung billiger Kredite hin […] wirken«.78 In anderen Worten: Die umstrittenen, aber als solide geltenden Großkunden sollten in das risikoreiche Geschäft einsteigen. Das Kalkül der Preußischen Staatsbank schien zunächst auch aufzugehen. Erst im Mai, als die Reichsbank massiven Druck ausübte, die Kreditvergabe an die Not leidende Landwirtschaft direkt zu fördern, kam es zu dem Beschluss, den Geschäftsverkehr mit Barmat, Kutisker und Michael einzuschränken.79
Dieser wichtige Aspekt der Geschichte des Barmat-Konzerns illustriert einmal mehr die desaströsen Folgen der eingeschlagenen Unternehmensstrategie. Das große Geschäft waren solche Kreditvergaben allenfalls kurzfristig, da die zahlungsunfähigen Firmen wie ein Klotz am Bein der Amexima hingen.80 Ein Vertreter der großen Disconto-Gesellschaft meinte, dass sie sich nicht einmal gegen zehnfache Deckung in Kreditgeschäfte wie die der Preußischen Staatsbank und der Barmats begeben hätten.81
»Konzern-Genie« und Deflationsgewinnler
Während Julius Barmat (wie im Übrigen auch Iwan Kutisker) mit solchen Geschäftspraktiken, die im verbreiteten Sprachgebrauch als Wucher galten, scheiterte, gab es mit dem Unternehmer Jakob Michael einen Profiteur, der die Stabilisierungskrise gestärkt überwand. Auch gegen ihn ermittelte 1925 die Staatsanwaltschaft nicht nur wegen des Verdachts auf Betrug, sonder auch wegen Leistungs-, Provisions- und Preiswucher.82
Damaligen Zeitgenossen war Jakob Michael kein Unbekannter, während er in der neueren Forschungsliteratur oft übergangen wird – und das, obwohl er im Gegensatz zu Julius Barmat in der deutschen Wirtschaft keine marginale Rolle spielte. Der Unternehmer, der sich kaum öffentlich äußerte und sehr diskret agierte, hatte den Ruf, einer der »größte[n] Deflationsgewinnler in Deutschland« zu sein. Das verhalf ihm damals zu einiger Prominenz, da der 1890 in Frankfurt geborene Michael offenbar tatsächlich ein Organisations- und Finanzgenie war.83 Mit der Gewinnung und Vermarktung von Wolframschlacke, die im Erzgebirge als Restbestand früherer Verhüttung vorhanden war, erschloss er im Krieg eine akute Marktlücke und schuf die Grundlage seines späteren Konzerns. Wolframschlacke war kriegswichtig, denn daraus wurde die für die Härtung von Stahl notwendige Wolframsäure gewonnen. Michael verschaffte sich in diesem Wirtschaftszweig eine Monopolstellung.
Die Staatsanwaltschaft interessierte sich später auch in seinem Fall bezeichnenderweise für seine Geschäfte während des Krieges, namentlich die Preisgestaltung und die zeitweise Übernahme des Betriebs durch Kriegsamtsstellen (wofür Michael Entschädigungszahlungen einforderte), aber auch für triviale Dinge wie die Verletzung der Sonntagsarbeit (in der Annahme, dass diese von einem jüdischen Unternehmer veranlasst worden sei). Der andere Zweig des Unternehmens war der Handel mit Chemikalien und pharmazeutischen Produkten. Die 1916 gegründete Firma J. Michael und Co. verwaltete bald eine Reihe von deutschen und ausländischen Firmen. Michael erwies sich als ein großer Meister der Inflationsfinanzierung. Er war ein gut eingeführter Geschäftskunde bei der Preußischen Staatsbank, bei der seine Firma in der zweiten Jahreshälfte 1923 mit Krediten in der Höhe von 20 Trillionen Papiermark in den Büchern stand.84
1924 zählte Michael zu den reichsten Männern Deutschlands. Während andere Firmen infolge der Stabilisierungskrise ins Schleudern kamen, florierte Michael. Wie machte er das? In der Berliner Wirtschaftspresse war man der Meinung, dass sein Erfolg darin bestanden habe, dass er nicht nur an die erfolgreiche Währungsstabilisierung geglaubt, sondern es auch wie wenige andere verstanden habe, sich auf die radikal veränderte wirtschaftliche Situation einzustellen. Konkret heißt das, dass er in der allerletzten Phase der Hyperinflation und im Übergang zur Währungsstabilisierung gegen den Herdentrieb der Spekulanten systematisch (infolge der Inflationspanik überbewertete) Aktien und Konzernteile, also »Sachwerte«, verkauft haben soll. Dazu nahm er – gegen jede Intuition, wie es scheinen mochte – schier astronomische Papiermarkbeträge an, was zur Folge hatte, dass er nach der Währungsstabilisierung und der Festsetzung des neuen fixen Kurses von Rentenmark und Papiermark außerordentlich liquide war.85 Das hieß aber auch: Wäre die Währungsstabilisierung gescheitert, hätte das für ihn fatale Folgen gehabt.
Was an dieser Erfolgsgeschichte einer genialen Spekulation Legende und was Tatsache ist, lässt sich kaum mehr sagen. Sie war auf jeden Fall Stadtgespräch. Der Michael-Konzern transformierte sich zur gleichen Zeit in Richtung einer Holding-Gesellschaft, die sehr umfangreiche Kredite aufnahm und vergab und ähnlich wie Barmat, aber in größerem Umfang, Anteile von Versicherungen und Industrieunternehmungen übernahm. Im November 1923 war er in der Lage, dem Reichseisenbahnamt und auch der Reichspost Millionenkredite u. a. in Form von Dollarschatzanweisungen zu verschaffen; für seine zunächst klammen öffentlichen Schuldner war attraktiv, dass sie die aufgenommenen Kredite mit Papiermark bedienen konnten.
Die Berliner Staatsanwaltschaft sah die Dinge jedoch grundsätzlich anders. Der gegen die liberale Berliner Wirtschaftspresse erhobene Generalverdacht lautete, dass deren Berichte über Michaels clevere »Flucht aus den Sachwerten« im »Interesse der Verschleierung« der Zusammenhänge gezielt lanciert worden seien.86 Nicht dessen Flucht aus den Sachwerten, sondern der Rückgriff auf seine ausländischen Finanzressourcen, dann aber ganz entschieden die Kredite der Preußischen Staatsbank und später auch die der Reichspost (und zwar in einem ähnlichen Verfahren, wie wir es im Falle Barmats sahen) hätten es Michael für kurze Zeit ermöglicht, als größter Kreditgeber Deutschlands aufzutreten und damit wertvolle Teile der deutschen Wirtschaft unter Kontrolle zu bringen. Kredite, für die ihm meist nicht mehr als 2,5 Prozent pro Tag [sic!] berechnet wurden, habe er für einen vielfach höheren Satz weiterverliehen. Genau hierin lag der Vorwurf des »(Zins-)Wuchers« begründet, der ganz prominent gegen ihn, wie aber auch gegen Barmat, erhoben wurde. Demnach habe sein Konzern prosperiert, da er dank dieser hohen Zinsgewinne nun geschickt in Banken und Versicherungen, aber auch ins Textilgeschäft investierte, dabei strategische Aktienanteile erwarb und ins Immobiliengeschäft einstieg, wofür er Kredite bei den von ihm mitkontrollierten großen Banken und Versicherungen erhielt. Das Urteil des amerikanischen Time Magazine, dass er in Banken- und Unternehmerkreisen ein »man feared, hated, despised« sei, war offenbar so falsch nicht.87
Die Staatsanwaltschaft sammelte emsig Zeugenberichte, die in einer ganzen Reihe von Fällen, die auch Großbanken betrafen, den Vorwurf des Wuchers erhärten sollten. Danach war Michael »damals der teuerste Geldgeber«, ja mehr noch, er habe »in der Hauptsache die hohen Zinssätze jener Zeit verschuldet […]. Wer in Geschäftsbeziehungen zu Michael getreten war, konnte schwer von ihm loskommen.« Zeugen wurden zitiert, wonach Michael bei der Rückzahlung der Kredite die Herausgabe der als Sicherheit geleisteten Effekten verzögert habe, sodass sie dem Geldsuchenden für neue, eventuell billigere Kredite bei anderen Stellen nicht rechtzeitig zur Verfügung gestanden hätten und der Schuldner dann gezwungen gewesen sei, erneut Darlehen bei ihm aufzunehmen und die von ihm diktierten hohen Zinssätze annehmen musste.88 In solchen Beschuldigungen kommt nicht nur der klassische Wuchervorwurf zum Vorschein. Alles deutet darauf hin, dass die Berliner Staatsanwaltschaft einen großen »Wucherprozess« plante.
Zu einer Anklage kam es aber nicht. Im Sommer 1924 war Michael zwar der bei Weitem größte Schuldner der Preußischen Staatsbank. Aber im Gegensatz zu Barmat und Kutisker gelang es ihm noch 1924, seine dortigen Schulden (ebenso wie bei der Reichspost) zu reduzieren, und schon im April 1925 zahlte sein Konzern die letzte Rate von 10 Mio. GM zurück.89 Damit bot er wenig Angriffsfläche. Außerdem war es fraglich, ob es sich bei den geforderten Zinsen in der chaotischen wirtschaftlichen Übergangssituation tatsächlich um »Wucher« handelte. Das war in der öffentlichen Debatte ebenso umstritten wie zwischen Juristen, die auf die Gesetze pochten, und Ökonomen, die auf die Folgen für die Wirtschaft verwiesen.90
Sehr zum Leidwesen der Staatsanwaltschaft wurde der Fall Michael dann auch mangels ausreichender Beweise und mit Blick auf die rechtliche Dimension des Falles ganz eingestellt.91 Rückblickend aus dem Jahr 1933 betonte der vormals mit dem Fall betraute frühere Erste Staatsanwalt, dass es das Ziel gewesen sei, die »Vermögenswerte des Michael« als Entschädigung für den von ihm angerichteten Schaden zu beschlagnahmen; die Einstellung des Falls sei auf »höhere Einwirkung«, sprich politische Stellen, hin erfolgt. Aber das war im Mai 1933, zu einem Zeitpunkt, als der staatliche Zugriff auf das Vermögen Jakob Michaels längst begonnen hatte, worauf noch ausführlicher zurückzukommen sein wird.92
»Luftgeschäfte«:
Der Fall des Waffenhändlers Iwan Kutisker
Wie der zur Reorganisation des Barmat-Konzerns eingestellte Gerhard Lewy konstatierte, war für Barmat die Tatsache fatal, dass die Zeitungen seinen »Konzern stets mit Kutisker zusammenwarfen«, handelte es sich doch bei Kutisker »wirklich um einen Schwindler [, dessen] Unternehmungen auf Nichts basieren«.93 Tatsächlich verwechselten schon die Zeitgenossen die drei Fälle, und das, obwohl die Sachlage nicht unterschiedlicher hätte sein können. Dies hatte mit den staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen, der Involvierung der Preußischen Staatsbank und konkreten, wenn auch komplizierten und höchst merkwürdigen Verbindungen der beiden Fälle Michael und Kutisker zu tun. Nicht minder bedeutsam waren die für die Medien (wie dann auch für viele Schriftsteller) interessanten Skurrilitäten und Absurditäten des Wirtschaftsvergehens Kutiskers, seiner »Luftgeschäfte«, mit denen dann wiederum Barmats Geschäfte in Verbindung gebracht wurden. »Luftgeschäfte« bezeichnen das Handeln mit Gegenständen und Finanzprodukten, denen kein »realer« Wert zugrunde lag (wie etwa den Roth-Obligationen), daher auch die Rede von »Wolkenschiebereien«, wie die Karikatur des Kladderadatsch insinuiert (siehe Abb. 4, S. 122): »Luftmenschen«, eine antisemitisch konnotierte Metapher für Juden, ließen sich dafür verantwortlich machen.94
Unternehmer und Betrüger
Der litauische Staatsbürger Iwan Kutisker war kein armer Mann, als er sich 1919 mit seiner Frau und seinen damals 17 und 14 Jahre alten Söhnen Alexander und Max auf der Flucht vor den Bolschewiki in Berlin niederließ. Aber auch er und seine Familie besaßen keine offiziellen Einreisepapiere und waren zunächst polizeilich nicht gemeldet. Die Anonymität der Großstadt bot Schutz, auch wenn die Berliner Gemeindebehörden auf Kutisker aufmerksam wurden, weil er eine große Sechszimmerwohnung anmietete, ohne den dafür notwendigen Berechtigungsschein des städtischen Wohnungsamtes zu besitzen. Diese scheinbar nebensächliche Geschichte war 1925 ebenfalls Gegenstand des Barmat-Skandals, da sie sich mit den persönlichen Beziehungen Barmats zum Polizeipräsidenten Eugen Richter, der auch für Aufenthaltsgenehmigungen zuständig war, verknüpfen ließ und – recht absurden – Bestechungsvorwürfen Auftrieb gab. Dass es in den Wohnungsämtern viele Fälle von »Schiebungen« gab, war kein Geheimnis.95

Abb. 4 Der Barmat-Konzern mit der Kuppel der Synagoge in der Oranienburger Straße
CC-BY-SA 3.0 Universitätsbibliothek Heidelberg, Kladderadatsch, 78.1925, Seite 121
Zu Kutiskers früherem Leben liegen nur spärliche Informationen vor. Im ersten Urteil des Gerichts vom Juni 1926 heißt es leicht abschätzig, dass er den »Klein- und Zwischenhandel und zuletzt die Fabrikation von Öl und Fässern« betrieben habe. Im sehr viel längeren, von Kutisker angestrebten Revisionsurteil aus dem folgenden Jahr (Kutisker starb kurz vor dessen Verkündung) war dagegen schon positiver von einem »Kaufmann« die Rede.96 Kutisker hatte zu den wohlhabenden Bürgern der lettischen Stadt Libau (Liepāja) gehört. Er soll das erste Automobil der Stadt besessen haben, und sein Faible für schwere Fahrzeuge schien zu seinem Image als »Kriegsgewinnler« zu passen. Lukrative Aufträge für die russische Armee, die er in Sankt Petersburg abwickelte, ließen ihn wirtschaftlich prosperieren. Nach der russischen Oktoberrevolution schlug er sich nach seiner Rückkehr nach Libau auf die Seite der deutschen Okkupationsmacht und betätigte sich als Waffenhändler. Ein gewagtes Geschäft war der kommerzielle Erwerb des riesigen Pionierparks der 8. Armee, der nach Ausbruch der Revolution in Deutschland und der Räumung des bis dahin besetzten Gebiets nicht nach Deutschland zurückgeführt werden konnte. Es kam nicht zum erhofften großen Geschäft, da zunächst die Bolschewiki, dann die litauische Staatsregierung die Gerätschaften konfiszierten, sodass Kutisker nur kleinere Teile kommerziell verwerten konnte. Die Kontakte nach Litauen brachen aber nicht ab, was auch darin zum Ausdruck kam, dass ihm offenbar die litauische Gesandtschaft im Gebäude ihrer Residenz in der Budapesterstraße eine Wohnung zur Verfügung stellte.97
Dank seiner Kontakte zu Mitarbeitern deutscher Kriegsamtsstellen verfolgte Kutisker dieses risikoreiche Militärgeschäft nach seiner Übersiedlung nach Berlin weiter. Er bewegte sich in der Welt von mehr oder weniger dubiosen in- und ausländischen Händlern, die mit Waffen und altem Kriegsmaterial handelten. Alte Heeresbestände gab es in Europa im Überfluss und einen Markt dafür ebenfalls. Kutisker erwarb solche Heeresbestände, darunter große Posten von Militärstiefeln (aus den Beständen der sogenannten Altleder-Verwertungsstelle des Reiches), die er unter anderem nach Litauen exportierte.98 Anlässlich des Kaufs von 50000 Militärtornistern lernte er den – später ebenfalls angeklagten – früheren Bauunternehmer Gustav Blau kennen, der sich als Kriegslieferant von Segeltüchern und Lederwaren betätigt hatte und nach dem Krieg unter anderem mit Geräten der früheren amerikanischen Fernsprechabteilung in Koblenz handelte. Kutisker und Blau gründeten während der Inflationszeit die mit Heeresartikeln handelnde Blau G.m.b.H.99
Wie viele andere engagierte sich auch Kutisker im lukrativen Bankgeschäft. So erwarb er Ende 1921 die Aktienmehrheit des Bankhauses E. von Stein in Breslau, einer alteingesessenen Bank, die 1920 reorganisiert worden war, und zwar mit dem Ziel, für ein neu gegründetes, größeres Bankunternehmen das Depotrecht zu erlangen.100 Kutisker zahlte dafür 2,7 Mio. Papiermark, aber ein beträchtlicher Teil des Aktienpakets verblieb in den Händen des ursprünglichen Besitzers Dietrich von Stein. Der Sitz der Bank wurde von Breslau nach Berlin-Mitte in das Haus in der Jägerstraße, Ecke Friedrichstraße verlagert, das im Besitz der Firma Blau G.m.b.H. war. Die Geschäftsverbindungen der Steinbank beschränkten sich zunächst auf kommerzielle Bankinstitute, wie die bedeutende Disconto-Gesellschaft. Erst am 5. Oktober 1923 nahm sie Verbindungen zur Preußischen Staatsbank auf, wobei umstritten blieb, ob die Disconto-Gesellschaft den Geschäftsverkehr unterbrach, weil die Geschäfte Kutiskers nicht seriös waren.101 Da die Banken nach der Währungsstabilisierung den Kredithahn zudrehten, wurden für Iwan Kutisker die Geschäftskontakte zur Staatsbank umso wichtiger.
Die allerletzte Phase der Inflationszeit, von Oktober bis November 1923, stand für Kutisker ganz unter dem Stern erfolgreicher Geschäfte, in der Diktion der Zeitgenossen: kruder Spekulationen. Das verkehrte sich nach der Währungsstabilisierung ins Gegenteil, weil er (ähnlich wie Barmat), typisch für die Inflationsmentalität, »Sachwerte« mit Krediten erwarb, ohne diese nun mit entwertetem Geld zurückbezahlen zu können; er selber sagte explizit, nicht an die Währungsstabilisierung geglaubt zu haben.102 In Verbindung mit anderen wirtschaftlichen Fehlentscheidungen, darunter der Kauf einer weiteren Bank (mit einem Wohnhaus und teuren Automobilen, die ihn mindestens ebenso interessierten) im Dezember 1924, trieb ihn das schnell in den Ruin. Einmal mehr spielte die Preußische Staatsbank eine unrühmliche Rolle, da sie Kutisker weitere Kredite gab und dafür sorgte, dass er sich mit seinen Gläubigern – darunter Jakob Michael, den er des »Wuchers« beschuldigte – einigen konnte.103
Bis Mitte Oktober 1924 liefen Kredite von über 14,2 Mio. RM auf.104 Alles deutet darauf hin, dass es sich um Betrugsfälle in Form von Wechselfälschungen handelte. Spektakulär war der Fall Kutisker aber aus einem anderen Grund. Denn diese für die Zeit nicht gerade sensationellen Betrügereien verblassten gegenüber den Geschäften rund um das sogenannte Hanauer Lager. In diesem Fall tummelten sich vermeintlich naive, auf jeden Fall aber gelackmeierte Beamte der Staatsbank, Militärs, Agenten und zwielichtige Geschäftemacher des In- und Auslands mit richtigen und falschen Namen, darunter auch ein offenbar bestochener rumänischer Handelsattaché. Wer wen betrügen wollte, ließ sich am Ende kaum mehr entwirren, was der Sache einen fast schon tragisch-komischen Charakter gab. Als Opfer stilisierte sich nicht zuletzt auch ein Mittäter und wichtiger, wenn auch unseriöser Gewährsmann für die Ereignisse, nämlich der Waffenhändler, Hochstapler und Betrüger Michael Holzmann, ein Russe, der dann auch Kutisker übel erpresste, was Ende 1924 den ganzen Skandal schließlich ins Rollen bringen sollte. Holzmann prägte ganz entscheidend das Bild Kutiskers als rücksichtsloser, geldgieriger, jüdischer Verbrecher, der jederzeit bereit war, über Leichen zu gehen.105



