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«Er musste kurz austreten. Es ist jedes Mal kurzweilig mit euch, ihr solltet öfters bei mir reinschauen.»
«Das hättest du wohl gerne.»
«Du solltest nach ihm sehen. Und sag ihm, dass er immer herzlich willkommen ist. Soll ich dir morgen den Abschlussbericht bringen?»
«Wenn es keine neuen Erkenntnisse gibt, kannst du ihn Borer auf den Tisch legen.»
«Gut, mach ich. Dieser Nader wird mit einer satten Strafe rechnen müssen. Das war Totschlag. Falls Borer die Anklage übernimmt, wird er vermutlich sogar auf Mord plädieren.»
Der Kommissär wartete draussen. Nach über dreissig Jahren konnte er noch immer keine Leichen sehen. Schon allein der Geruch in der Pathologie trieb ihm den Schweiss auf die Stirn.
«Das war aber harmlos.»
«Allein beim Gedanken, dass er ihn aufschneidet und dann wieder zusammenflickt, wurde mir schlecht.»
«Du hättest Peters Grinsen sehen sollen. Er wird seine Spässchen in Zukunft rund um seine Toten machen. Da kann er dich am besten vorführen.»
«Pervers, schlicht pervers. Den ganzen Tag schnippelt er an leblosen Körpern herum.»
«Ich sage es ungern, aber das Obduzieren ist wichtig. Er konnte uns schon viele wertvolle Hinweise geben. Was hast du mitbekommen?»
«Schoch schleppte sich von der Langen Gasse einige Hundert Meter bis zum Aeschenplatz. Dort brach er zusammen.»
«Nader schoss zweimal auf ihn.»
«Das ist mir neu. Und trotzdem gelang es Schoch, zu fliehen?»
«Ja, offenbar. Nehmen wir uns jetzt Nader zur Brust?»
«Gleich, zuerst muss ich im Büro einen heissen Kaffee trinken.»
Ferrari traute seinen Augen nicht. Auf seinem Tisch türmten sich zwei Aktenberge. Achtlos schob er sie zur Seite.
«Gfeller bedankt sich für Ihre Unterstützung.» Staatsanwalt Borer trat ohne Klopfen ein. «Wenn Sie Informationen benötigen, nur anrufen.»
«Bis ich diese Dossiers durchgeackert habe, ist Weihnachten.»
«Sehen Sie es sportlich. Wenn Sie den Fall lösen, wird Ihnen die Regierung ein Denkmal setzen. Eigentlich ist nur der linke Stoss relevant, das sind die vier Morde. Auf dem rechten finden Sie die Gerichtsakten. Die vier Toten waren … nun, wie soll ich sagen? … ziemliche clevere Typen.»
«Mir wäre die Akte Schoch-Nader lieber.»
Staatsanwalt Borer nahm das oberste Dossier vom Stapel und klatschte es Ferrari auf den Tisch.
«Ich arbeite Ihnen zu. Sechs von Ihren achtundvierzig Stunden haben Sie bereits verplempert. Ich bin gespannt, wie Sie Nader rausboxen wollen. Ich war inzwischen nicht untätig.» Borer öffnete das Dossier. «Während Sie Freunde besuchten, nahm ich das Protokoll auf. Es ist zwar nicht mein Job, aber da kein Ermittler zur Stelle war, sprang ich ein. Anina tippte es ab. Ein lupenreines Geständnis. Ohne Druck anzuwenden, es sprudelte nur so aus Nader heraus. Er ist ohne Zweifel der Täter. Mit etwas Glück kommt er mit Totschlag davon. Übrigens, fair, wie ich bin, baute ich ihm sogar eine Brücke. Auf Seite zwei nachzulesen. Ich fragte ihn, ob Schoch auf ihn losgegangen sei. Die Antwort war ein deutliches Nein.»
«Sie sind ein richtiger Wohltäter.»
«In der Tat. Nun, ich will nicht weiter stören. Die Zeit läuft. Und glauben Sie ja nicht, dass Sie einen Aufschub kriegen. Nach zwei Tagen ist Schluss. Dann gehts ganz anders zur Sache. Man sieht sich, Herrschaften.»
Ferrari las zuerst das Vernehmungsprotokoll und vertiefte sich dann in die Akte Schoch. Knapp vierzig und mehrfach wegen Diebstahl verurteilt. In einer Anklageschrift ging es um Vergewaltigung. Obwohl Richter Kohler von seiner Schuld überzeugt war, konnte ihm das Vergehen nicht nachgewiesen werden. Ein Freund bezeugte zudem vor Gericht, dass er zur Tatzeit mit Schoch unterwegs gewesen sei. Der letzte Fall betraf die Anzeigen von Rakic, Hotz und einigen Stiftungen. Auch hier war Richter Rupf der festen Überzeugung, dass Schoch die Gelder kassiert hatte, was dieser nicht einmal bestritt. Die Anklage warf Schoch Veruntreuung und Betrug vor. Schochs Anwalt stellte sich hingegen auf den Standpunkt, dass die überwiesenen Beträge Vermittlungshonorare seien. Es ginge schliesslich um eine Bausumme von mehreren Hundert Millionen Franken, wenn eines der Projekte realisiert würde. Vor der Urteilssprechung, die nur noch Formsache war, stellte der Verteidiger einen Befangenheitsantrag gegen Rupf, weil er mit der Präsidentin einer in den Fall involvierten Stiftungen liiert war. Damit verkam der Prozess zur reinen Phrase und wurde vertagt. Schoch verliess den Gerichtssaal als freier Mann.
«Was ist denn das?», erkundigte sich Nadine, die mit zwei Kaffees ins Büro trat.
«Die Akten der vier Morde. Linker Stapel die Protokolle der Morde, rechter die Gerichtsprozesse. Du kannst sie gerne mitnehmen.»
«Die liegen gut bei dir. Was liest du da?»
«Die Akte Schoch. Ein fieser, kleiner Betrüger und erst noch ein Sexualtäter.»
«Vergewaltigung?»
«Der Richter war davon überzeugt, aber Schoch hatte ein Alibi.»
«Somit erhielt er letztendlich seine gerechte Strafe.»
«Etwas hart ausgedrückt, aber Schochs Opfer würde es sicher unterschreiben. Der letzte Prozess war sein grösster Coup. Der Fall wurde wegen Befangenheit des Richters auf unbestimmte Zeit vertagt.»
«Wer war dieser Richter?»
«Ein Beat Rupf. Der sagt mir nichts.»
«Wo ist das Geld abgeblieben?»
«Schoch behauptet, es verzockt zu haben. Millionen. Wie konnte Mark nur so dumm sein und ihm vertrauen? Er kannte ihn ja zur Genüge und wusste, dass auf ihn kein Verlass war.»
«Wo die Gier regiert … Yvo kennt das Areal. Es handelt sich um eine alte Fabrik mitten in der Bauzone. Der Besitzer ist ein störrischer Querulant. Er ist sogar mit einer Hacke auf Yvo losgegangen, als er Fragen stellte.»
«Yvo ist auch daran interessiert?»
«Ganz Basel. Es ist eines der letzten grossen unverbauten Grundstücke. Yvo meint, dass man dort problemlos mehrere Mehrfamilienhäuser hochziehen kann. Er spricht von einem Viertelmilliarde-Projekt. Er kennt auch diesen Schoch.»
«Sag jetzt aber nicht …»
«Nein, nein. Yvo ist ein vorsichtiger Mensch. Er bot Schoch eine Vermittlungsprovision von einer Million an, wohlverstanden nach Vertragsunterzeichnung. Aber der Besitzer will um keinen Preis verkaufen. Dabei lebt er nicht einmal dort. Auf dem Areal stehen nur ein paar alte Fabrikhallen, sonst nichts.»
«Wollen wir uns das mal ansehen?»
«Später vielleicht. Im Moment gibt es andere Prioritäten, Nader wartet auf uns.»
Der Anwalt Fabian Nader wirkte müde und irgendwie abwesend. Die erste Nacht in Untersuchungshaft hatte deutliche Spuren hinterlassen.
«Möchten Sie etwas trinken?»
«Danke. Das ist nicht notwendig. Warum bin ich hier? Ich habe meine Aussage bereits getätigt und unterschrieben.»
«Weil uns Mark darum bat. Wir sind Freunde.»
Nader schaute überrascht auf.
«Sie … Sie sind Kommissär Ferrari?»
«Ja, und das ist meine Partnerin Nadine Kupfer.»
«Sie waren oft Gesprächsthema bei uns. Immer, wenn Sie erfolgreich einen Fall lösten … Der Fall Nader ist simpel, die Sachlage eindeutig.»
«Was ist passiert?»
«Ich weiss es nicht mehr genau, Frau Kupfer.»
«Wir können uns gern duzen. Ich bin Nadine.»
«Sehr gern … Fabian.»
«An was kannst du dich erinnern?»
«Damian Schoch rief mich um vier Uhr nachmittags an, er wollte mit mir reden. Ich blockte zuerst ab und verwies ihn an Mark und Chris, doch er liess nicht locker. Wir vereinbarten schliesslich, dass ich ihn nach meiner gestrigen Sitzung anrufe und er dann kurz vorbeikommt.»
«Nicht gerade üblich, um elf noch jemanden zu treffen.»
«Ich wollte es hinter mich bringen und hoffte irgendwie, er wäre einsichtig. Er wusste mit Sicherheit, dass mit Mark nicht zu spassen ist. Zudem suchten wir ihn schon eine Weile.»
«Weshalb hast du Mark nicht informiert?»
«Weil Schoch es ausdrücklich verlangte. Entweder ein Gespräch unter vier Augen oder wir würden keinen Franken mehr sehen.»
«Wie ging es weiter?»
«Um zehn rief ich ihn an und zwanzig Minuten später war er da. Er bot mir eine halbe Million an, wenn ich Mark zur Vernunft bringen würde. Schoch wusste, dass Chris ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt hatte. Natürlich lehnte ich ab. Im Gegenzug schlug ich ihm vor, er solle Marks Million rausrücken und ich würde dann dafür sorgen, dass er in Ruhe gelassen werde.»
«Das lehnte er ab.»
«Ja, er lachte verächtlich und zog sich Koks rein. Ich bat ihn, es sich zu überlegen und zu gehen.»
«Weshalb ist es eskaliert?»
«Er … er erzählte mir eine wirre Geschichte, Herr Kommissär. Er sei Micheles Lover und kenne unsere Familienverhältnisse sehr genau. Er wisse, wo unsere Schwachstellen seien. Sollte er draufgehen, dann nehme er die eine und andere mit.»
«Geschwätz eines Bekloppten.»
«Er drohte, nach Davos zu fahren und Michele umzubringen.»
Ferrari schaute ihn durchdringend an.
«Und dass er Ihre Frau ermorden würde.»
«Woher wissen Sie das? Er stand schon bei der Tür, da drehte er sich nochmals um. Ich wisse jetzt, was geschieht, wenn Chris und Mark nicht einlenken würden. Es liege allein in meiner Hand. Dann …» Er atmete tief durch. «Dann drohte er, meine Frau … meine Frau zu töten … ihr den Bauch aufzuschlitzen … In diesem Moment sah ich nur noch rot. Ich tastete nach meiner Pistole und schoss.»
«Einmal oder zweimal?»
«Das weiss ich nicht mehr. Staatsanwalt Borer sagt zweimal. Ich war wie von Sinnen, sah Leonie tot auf dem Boden liegen. Schoch bluffte nicht, er war zu allem fähig. Obwohl ich ihn traf, torkelte er hinaus. Zuerst wollte ich ihm nachrennen …»
«Um ihm zu helfen?»
«Nein, Nadine, um ihm den Rest zu geben. Mir war klar, solange er leben würde, wäre Leonie in Gefahr. Aber ich konnte nicht. Als ich einige Minuten später das Büro verliess, war Schoch verschwunden.»
«Und dann fuhrst du nach Hause?»
«Ich gondelte noch durchs Quartier, doch Schoch war nirgends zu sehen. Irgendwie landete ich in der Burg und dort holten mich eure Kollegen heute ab.»
«Gehört die Pistole dir?»
«Ja. Zuerst wollte ich mir keine zutun, doch ihr wisst so gut wie ich, dass es bei Marks Geschäften manchmal ordentlich zur Sache geht. Ich fühle mich sicherer, seit ich die Pistole mit mir rumtrage. Selbstverständlich besitze ich einen Waffenschein.»
«Wusstest du von der Affäre zwischen Schoch und Michele?»
«Nein. Zuerst hielt ich es für einen Bluff, doch er kannte Details, die mich vom Gegenteil überzeugten.»
«Du weisst, was dich erwartet?»
«Lebenslänglich wegen Mordes.» Er stützte sein Gesicht in die Hände und fing an zu weinen. «Ich … ich würde es wieder tun, Nadine. Wenn … wenn ich mir vorstelle, wie er Leonie und unser Kind ermordet … Einen solchen Menschen kann man nicht stoppen.»
Ferrari schloss das Dossier und seufzte.
«Eine eindeutige Angelegenheit, Fabian Nader ist ausgerastet.»
«Wir hätten genauso reagiert … Allein diese Vorstellung ist grauenhaft und ich vermute, Schoch bluffte nicht. Schau dir seine Akte an. Gemäss Aussage des Vergewaltigungsopfers ging er total sadistisch vor. Ich erspare dir die Details. Und so ein Schwein lässt der Richter einfach laufen.»
«Nicht einfach, Herrschaften, sondern aus Mangel an Beweisen.» Staatsanwalt Borer war ohne Klopfen eingetreten. «Sein Kumpel gab ihm nämlich ein Alibi. Tja, so ist eben unser Rechtssystem.»
Borer behändigte die Akte Nader.
«Was soll das?»
«Nur nicht so aggressiv, Ferrari. Es müsste selbst Ihnen einleuchten, dass der Fall sonnenklar ist oder glauben Sie tatsächlich an einen anderen Täter?»
«Nein.»
«Na also, dann kann ich die Akte an Kollege Loosli übergeben.»
«Wie? Sie vertreten die Anklage nicht selbst?»
«Nein. Bei diesem Fall kann man sich keine Lorbeeren verdienen. Sollte Fabian Nader zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt werden, wird es einen Aufschrei in der Bevölkerung geben. Dafür werden gewisse Leute sorgen.»
«Die Sie nicht namentlich nennen wollen.»
«Sie habens erfasst, Frau Kupfer. Loosli wird also auf Totschlag plädieren und einen Deal mit dem Verteidiger aushandeln. Nader bekommt fünf bis acht Jahre und wird bei guter Führung nach zwei Dritteln entlassen. Damit ist dem Recht Genüge getan. Ein simpler Fall. Wenn Felix auf dem Richterstuhl sitzt, könnte es jedoch eine Überraschung geben.»
«Richter Kohler? Wieso?»
«Er ist ein guter Freund von Beat Rupf, der von Schoch abgeseilt wurde. Kohler wird Milde walten lassen. Vor allem auch, weil er Schoch damals wegen der Vergewaltigung laufen lassen musste.»
«Das zum Thema Gerechtigkeit.»
«Und das aus Ihrem Mund, Ferrari. Dem Mauschelbruder Nummer eins bei der Polizei. Wären Sie gestern zur Stelle gewesen, würden wir immer noch nach dem Täter fahnden.»
«Das ist …»
«Die Wahrheit, nichts als die Wahrheit. Was machen Sie mit der Akte?»
«Die behalten wir. Die achtundvierzig Stunden sind noch nicht rum.»
«Ganz wie Sie meinen. Die junge Frau, die Schoch wegen Vergewaltigung anzeigte, wohnt übrigens immer noch in der Laufenstrasse, und wenn Sie sich beeilen, können Sie Richter Kohler im Strafgericht erwischen. Er bereitet seinen neusten Prozess vor und ist sicher bis vier im Gebäude.»
«Besten Dank.»
«Nichts zu danken. Ich bin selbst gespannt, welches Karnickel Sie aus dem Hut zaubern, um Ihren Freund zu retten. Ah ja, vergessen Sie nicht, Felix einen schönen Gruss von mir auszurichten, Frau Kupfer. Er kann schönen Frauen keinen Wunsch abschlagen, natürlich nur privat. Im Gerichtssaal ist er knallhart, aber fair.»
Beim Strafgericht mussten sie durch eine Sicherheitskontrolle und da der Alarm des Metalldetektors losging, wurde der Kommissär abgetastet. Dem Beamten war es sichtlich unangenehm, seinen Kollegen untersuchen zu müssen.
«Was versprichst du dir von dem Besuch?», erkundigte sich Nadine, die problemlos durch die Kontrolle kam.
«Richter Kohler steht auf schöne Frauen und du bist ein besonders attraktives Exemplar.»
«Aha. Ich soll ihn mit meinen Reizen bezirzen.»
«Exakt.»
Der kurz vor der Pensionierung stehende eitle Pfau strich seine grauen Haare glatt und fummelte an seiner Krawatte herum, als er Nadine sah.
«Ich freue mich, Sie endlich persönlich kennenzulernen, Frau Kupfer. Der Erfolg Ihrer Ermittlungstätigkeiten und der Ruf Ihrer Schönheit eilen Ihnen voraus.»
«Die Freude ist ganz meinerseits. Ich wollte schon lange den Strafgerichtspräsidenten kennenlernen. Das ist mein Chef, Kommissär Ferrari.»
«Seien Sie mir willkommen.»
Du eingebildeter Trottel!
«Wir stören hoffentlich nicht.»
«Ganz und gar nicht, Jakob kündigte Ihren Besuch an. Ich stecke in den Vorbereitungen eines kniffligen Falles. Leider darf ich nicht näher darauf eingehen.»
«Die schwierigen Fälle bleiben bestimmt alle an Ihnen hängen.»
«Das ist so. Die Komplexität geht oft an die Substanz und manchmal komme sogar ich an meine Grenzen. Ich bin halt auch nicht mehr der Jüngste.»
«Ich bitte Sie. Mit Anfang fünfzig sind Sie doch noch voll im Saft.»
«Fünfzig wäre schön. In drei Jahren gehe ich in den Ruhestand.»
«Das gibt man Ihnen aber nicht. Ich hätte Sie höchstens auf drei- oder vierundfünfzig geschätzt.»
Mir wird übel.
«Danke für das Kompliment. Was kann ich für Sie tun, Frau Kupfer? Oder wollen wir uns duzen?»
«Das wäre mir eine Ehre. Ich heisse Nadine.»
«Felix!»
«Gestern Nacht wurde Damian Schoch ermordet.»
«Ich weiss. Es ist immer bedauerlich, wenn jemand umgebracht wird. Aber bei allem Respekt, diesem Schoch weine ich keine Träne nach.»
«Wir kennen die Akte.»
«Dann weisst du auch, dass ich hundertprozentig sicher war, dass er Christine Oberer bestialisch folterte und vergewaltigte.»
«Und trotzdem musstest du ihn laufen lassen.»
«Nach den Buchstaben des Gesetzes. Der Staatsanwalt konnte das Alibi, das ihm Richard Widmer gab, nicht zerpflücken.»
«Du weisst noch sehr gut über den Fall Bescheid.»
«Allerdings. Es war einer meiner schwierigsten Fälle und die herbe Niederlage setzte mir zu. Damals zweifelte ich an unserem Rechtssystem. Auf der einen Seite die gebrochene Frau, die glaubhaft und mit stockender Stimme ihr schrecklichstes Erlebnis schilderte, auf der anderen ein überheblich grinsendes Monster, das wusste, dass es für sein Verbrechen nicht zur Rechenschaft gezogen werden kann. Ich werde diese Verhandlung nie vergessen. Ich sass da und hörte geduldig zu. Plötzlich trat wie aus dem Nichts der Entlastungszeuge auf. Er leistete einen Meineid, alle im Gerichtssaal wussten es. Selbst der Verteidiger, der nach der Urteilsverkündigung um ein Gespräch mit mir bat. Unter vier Augen bestätigte er mir, dass er nicht an Schochs Unschuld glaubte. Christine Oberer brach nach dem Urteil zusammen, unter dem höhnischen Gelächter von Schoch. Ich kam mir so ohnmächtig vor. Das Recht und die Gerechtigkeit wurden vorgeführt.»
«Weisst du, wie es Frau Oberer geht?»
«Wir blieben eine Zeit lang in Kontakt. Sie erholte sich nur langsam von ihren Qualen. Vor gut einem Monat bin ich ihr das letzte Mal begegnet, rein zufällig in der Freien Strasse. Sie nickte mir kurz zu und verschwand in eine Boutique. Vermutlich arbeitet sie dort. Wollt ihr sie besuchen?»
Nadine blickte fragend zu Ferrari.
«Das wird nicht nötig sein.»
«Ich könnte mir vorstellen, dass der Tod von Schoch befreiend wirkt. Vielleicht gelingt es ihr endlich, in die Normalität zurückzufinden. Wenigstens ist dieser Richard Widmer nicht ungestraft davongekommen.»
«Der Zeuge mit dem falschen Alibi?»
«Ja, genau. Ein Kollege verurteilte ihn wegen Mordes an einer Prostituierten zu einer lebenslänglichen Haftstrafe. Er sitzt im Bässlergut.»
«Und Schoch ist tot. Die Gerechtigkeit hat auf Umwegen gesiegt.»
«Leider bleibt eine junge Frau auf der Strecke, die nicht mehr an unser Rechtssystem glaubt.»
Nadine nickte nachdenklich.
«Wieso befindet sich Widmer im Bässlergut? Normalerweise sitzen dort keine Schwerverbrecher.»
«Das stimmt. Er war auch in der Justizvollzugsanstalt Bostadel. Aufgrund guter Führung und eines sehr guten Gutachtens empfahl ein Psychologe, ihn in den offenen Vollzug zu überführen. Gleichzeitig suchte der Direktor vom Bässlergut einen Koch. So schlug ich vor, Widmer seine verbleibende Haftzeit im Bässlergut verbüssen zu lassen.»
«Was bestimmt allen Beteiligten entgegenkam. Darf ich dich um etwas bitten?»
«Ich soll den Prozess gegen Fabian Nader leiten», schmunzelte Kohler.
«Wirst du?»
«Das liegt nicht in meiner Hand.»
«Du bist der Strafgerichtspräsident.»
«Jakob kennt mich gut, zu gut. Ich kann einer intelligenten, attraktiven Frau nichts abschlagen. Versprechen kann ich nichts, aber ich werde mich darum bemühen. Fabian Nader beging eine Straftat und vollstreckte zugleich das Urteil, das Schoch schon längst verdient hatte. Die Gründe, die zur Tat führten, kommen hoffentlich vor Gericht zur Sprache. Mit grosser Wahrscheinlichkeit spielten dabei Schochs sadistische Neigungen eine Rolle. Jeder Richter wird dies beim Strafmass berücksichtigen. Darauf kannst du dich verlassen, Nadine.»
Der Kommissär trottete hinter den beiden her zum Ausgang. Nadine küsste Kohler auf beide Wangen.
«Ich habe mich sehr gefreut, dir zu begegnen, Felix.»
«Die Freude ist ganz auf meiner Seite. Auf ein baldiges Wiedersehen. Einen schönen Tag noch, Herr Kommissär.»
«Wäh!»
«Ein total sympathischer Mann und für sein Alter gut in Form.»
«Du stehst ja auf alte Knacker», kaum ausgesprochen erwischte ihn ein Leberhaken. «Autsch, spinnst du?»
«Felix wird den Prozess führen und Fabian die Mindeststrafe geben. Borer ist uns immer einen Schritt voraus.»
«Es gefällt ihm, dass wir keinen anderen Täter präsentieren können.»
«Müssen wir auch nicht. Fabian wird die paar Jahre verkraften. Wir haben unser Möglichstes getan. Worüber denkst du nach?»
«Über Peter.»
«Willst du dich an ihm rächen?»
«Immer, aber das ist es nicht. Du hast doch Schoch gesehen, oder?»
«Nicht gerade ein Anblick, der für euch Männer spricht. Ein ausgemergeltes Wrack.»
«Wie weit ist es von der Langen Gasse zum Aeschenplatz?»
«Was weiss denn ich. Alle sagen, einige Hundert Meter.»
«Lass uns die Strecke ablaufen.»
«Was soll das bringen?»
«Ich will die Strecke selber ablaufen.»
«Was kommt jetzt? Der grosse Unbekannte, der Schoch erschossen hat? Wohlgemerkt mit der Pistole von Fabian …»
Kurz darauf parkierte Nadine ihren Porsche in der Langen Gasse. Sie liefen die Strecke zum Aeschenplatz zweimal ab, Nadine verlor langsam die Geduld.
«Noch ein weiterer Versuch? Willst du mir beweisen, dass du dein iPhone beherrschst, vor allem die Stoppuhr?»
«Hier hinter dem Hammering Man lag Schoch. Von der Strasse aus ist dieser Ort nicht gut sichtbar und Passanten sind ihm bestimmt ausgewichen, weil sie ihn für einen Betrunkenen hielten. Von Naders Büro bis hierher brauchen wir fünf Minuten, wenn wir ganz normal laufen. Schoch war schwer verletzt und schleppte sich mühsam vorwärts.»
«Und was schliesst Sherlock Ferrari daraus?»
«Ein verladenes und ausgemergeltes Wrack bricht spätestens auf halber Strecke zusammen.»
«Tatsache ist, dass er hinter dem Hammering Man lag.»
«Was er meiner Meinung nach nur konnte, wenn er nicht so schwer verletzt war.»
«Ach so, jetzt kann ich dir folgen. Du meinst, jemand ist ihm gefolgt und hat ihn erschossen. Ist das nicht etwas weit hergeholt?»
«Nader weiss nicht mehr, ob er einmal oder zweimal schoss.»
«Diese wacklige Theorie willst du aber nicht Borer servieren, oder? Die nehme nicht einmal ich dir ab.»
«Es könnte so gewesen sein.»
«Gut, nehmen wir an, du hast recht. Woher wusste der dritte Mann, wo sich Schoch aufhielt? Und schoss er rein zufällig mit demselben Kaliber?»
«Guter Einwand. Fragen wir unseren Freund, den Leichenfledderer.»
Peter Strub sass vor dem Computer und schrieb fluchend einen Protokollbericht. Hoch konzentriert tippte er mit zwei Fingern Buchstabe um Buchstabe ein. Als ihm Ferrari eine Hand auf die Schulter legte, schrie der Polizeiarzt vor Schreck auf und fuhr aus seinem Bürostuhl hoch.
«Huhu! Ich bin ein lebender Toter aus einer deiner Kammern.»
«Das … Verdammt noch mal, was schleichst du dich so an?»
«Jetzt wissen wir wenigstens, was wir dir zum Dienstjubiläum schenken können: einen Tastaturschreibkurs.»
«Diese elenden Protokolle zerren an meinen Nerven.»
«Für uns?»
«So weit sind wir noch nicht, der Verstorbene im Altersheim hat Vortritt.»
«Mord?»
«Ein Herzinfarkt. Was wollt ihr denn jetzt schon wieder?»
«Nur eine klitzekleine Frage stellen. Könnte es sein, dass Schoch mit zwei verschiedenen Pistolen erschossen wurde?»
«Unwahrscheinlich. Ist das wieder eine seiner verrückten Theorien?», wandte sich Strub an Nadine.
«Du hast es erfasst, aber wir sollten ihm seinen Spass lassen. Was hältst du davon?»
«Mitkommen.»
Strub verliess sein Büro und ging in den Obduktionssaal.
«Ich muss noch schnell zur Toilette.»
«Du weisst ja, wo sie ist. Komm mit, Nadine, das schafft er noch knapp allein. In ein paar Jahren sieht es wohl anders aus.»
Im Saal war einer von Strubs Assistenten gerade dabei, die Instrumente zu sterilisieren.
«Hier herrscht absolute Reinheit, jedes einzelne Teil ist steril. Das ist für unsere Arbeit zentral. Ah, da kommt ja unser Mann mit der schwachen Blase. Jetzt kannst du nochmals deine abstruse Theorie äussern. Paul, komm bitte kurz her, Francesco will uns etwas fragen.»
«Wurde Schoch mit zwei verschiedenen Pistolen ermordet?»
«Nun, was sagst du dazu, Paul?» Strub lächelte zynisch.
«Gut möglich.»
«Wie bitte?»
«Ich wollte noch mit dir darüber reden, Peter. Ich bin mir eben nicht sicher.»



