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Irritiert sah der Gerichtsmediziner zu Nadine.
«Sind denn heute alle verrückt?»
«Lass den Toten zugedeckt», rief der Kommissär.
«Keine Angst. Er ist wieder zugenäht.»
Ferrari atmete erleichtert auf.
«Darf ich jetzt?»
«Von mir aus.»
«Tätärätä!» Strub zog theatralisch das Lacken vom Toten, der an verschiedenen Stellen aufgeschnitten war.
«Halt ihn fest, Paul!», schrie Nadine.
Ferrari verdrehte die Augen, schwankte und fiel Strubs Assistenten in den Arm.
«Legen wir ihn neben Schoch auf den Schragen … Eins, zwei, drei … So kann er wenigstens nicht ständig dazwischenquatschen. Wie kommst du auf eine zweite Pistole?», wandte sich Strub an seinen Assistenten.
«Der erste Schuss hinterliess eine ziemlich kleine Wunde.»
«Das hängt damit zusammen, dass Schoch sich bewegte. Vermutlich drehte er sich ab.»
«Das schon, aber schau dir die zweite Verletzung an. Das Einschussloch ist bedeutend grösser.»
«Stimmt. Und bei dieser Wunde ist es ein feiner Durchschuss. Francesco liegt ausnahmsweise richtig.»
«Im wahrsten Sinn des Wortes.»
«Weichei!»
«Das ist sogar für mich an der Grenze.»
«Unser Alltag … Gute Arbeit, Paul. Wecken wir den Schlappi auf.»
Strub klopfte dem Kommissär auf die Wangen.
«Das könnte ich stundenlang wiederholen.»
«Wo … Der Tote … ist er zugedeckt?»
«Ja, ist er. Keine Sorge. Vorsichtig, sonst purzelst du noch runter und brichst dir das Genick.»
Paul half dem zittrigen Kommissär auf die Beine.
«Deine Theorie war richtig. Er wurde durch zwei verschiedene Kugeln umgebracht. Willst du sehen, wie wir es herausgefunden haben?»
«Lass gut sein. Einmal pro Tag reicht mir.»
«Als Schmerzensgeld steht in meinem Büro ein Kaffee für dich bereit.»
Mit jedem Schluck spürte Ferrari, wie die Lebensgeister ein Stück mehr zurückkehrten. Wunderbar, dieser Kaffee.
«Das bedeutet, Nader ist nicht unser Mörder. Sein Schuss war nicht tödlich.»
«Der Steckschuss verletzte kein wichtiges Organ. Mit dieser Verletzung wäre er locker durch ganz Basel spaziert.»
«Sehr schön», frohlockte Ferrari. «Komm, Nadine, wir fragen Nader, wer von dem Termin wusste.»
«Aha, der Chef weilt wieder unter den Lebendigen.»
«Beehrt uns jederzeit gerne wieder. Es war mir ein besonderes Vergnügen.»
«Hm!»
Also doch. Ich wusste, dass der Fall nicht so einfach ist. Zufrieden liess sich Ferrari auf den Recarositz fallen.
«Hey! So ruinierst du mir den Sitz. Ich habe dir schon tausend Mal gesagt, du sollst dich nicht wie ein Mehlsack in den Sitz plumpsen lassen. Beim letzten Porsche musste ich zweimal den Sitz reparieren lassen.»
«Kauf dir ein anständiges Auto, in das ich ganz normal einsteigen kann.»
«Mir gefällt mein Porsche.»
«Nader ist kein Mörder, was zu beweisen war.»
«Stellt sich die Frage, wer dann?»
«Das wird uns hoffentlich Nader sagen.»
«Wieso lachst du?»
«Ich war nicht auf der Toilette.»
«Sondern?»
«Ich habe mir erlaubt, einige Änderungen in Peters Bericht anzubringen. Es ist nun der Report eines Mannes, der nicht mehr alle Knochen am Skelett hat.»
«Was?!»
«Der Empfänger wird unseren Gerichtsmediziner in die Psychiatrische einliefern lassen.»
«Ihr zwei seid unmöglich. Man müsste euch in eine Gummizelle sperren.»
«Hört, hört!»
Fabian Nader war erstaunt, als sie ihn nochmals in Ferraris Büro brachten. Ein Funke Hoffnung blitzte in seinen Augen.
«Wir haben noch ein paar Fragen, Herr Nader. Wann genau vereinbarten Sie den Termin mit Schoch?»
«Gestern Nachmittag, sagte ich das nicht schon? Als er mich anrief, war ich ziemlich genervt, weil ich mitten in wichtigen Sitzungsvorbereitungen steckte.»
«Um was ging es in dieser Sitzung?»
«Es handelt sich um eine Stiftung … Sie heisst Nothilfe Kind und es geht darum, Kinder zu beschützen. Vor allem vor häuslicher Gewalt. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie viel Elend es bei uns gibt.»
«Wie sieht eure Hilfe konkret aus?», erkundigte sich Nadine.
«Finanzielle Hilfe und psychologische Begleitung. Manchmal auch …»
«Durch sanften Druck.»
«Ja. Wenn ich mit legalen Mitteln nicht weiterkomme, greife ich manchmal auf das Beziehungsnetz von Mark und Chris zurück. Das ist zwar nicht die feine Art, doch ich hasse Menschen, die sich an den Schwachen und Wehrlosen vergreifen und deren Abhängigkeit ausnutzen.»
«Und wie oft war das bisher der Fall?»
«Bis jetzt nur zweimal und dies ohne Wissen meiner Stiftungskollegen. Ich glaube nicht, dass sie mit meinem Vorgehen einverstanden wären. In unserem Vorstand sitzen Ökonomen, Ärzte, Lehrer, Anwälte und sogar ein Richter.»
«Man weiss nie. Ich kenne sogar einen Kommissär, der deine kriminellen Aktionen absegnen würde.»
«Hm! Wie erfahren Sie von den Missständen?»
«Vor allem durch die Ärzte und die Lehrer. Es spricht sich herum, dass wir für die Kids da sind. Jetzt, wo Leonie schwanger ist, bedeutet mir die Stiftung noch mehr. Wir erbten ein ziemlich grosses Haus, ein Legat, das soll nun ein Zufluchtsort für Frauen und Kinder werden. Eine Art Frauenhaus mit Betreuung und einer Rund-um-die-Uhr-Bewachung, damit die Untergebrachten absolut sicher sind. Gestern ging es um den Kredit für den Umbau.»
«Und?»
«Wir bekommen das Geld von der Bank und das notwendige Eigenkapital steuern wir bei.»
«Das klingt toll. Und während deinen Sitzungsvorbereitungen wurdest du von Schoch gestört, der nicht lockerliess?»
«Korrekt.»
«Wer wusste von eurem Treffen?»
«Ich und Jake.»
«Marks Geschäftsführer?»
«Er ist mehr als das. Jake koordiniert den ganzen Sicherheitsdienst von Chris’ und Marks Lokalen. Der hat richtig was auf dem Kasten. Er ist einer meiner besten Freunde.»
«Warum hast du ihn über das Treffen mit Schoch informiert?»
«Ihr kennt Mark, wir nennen ihn ja alle nur den Boss. Er hasst nichts mehr als Alleingänge. Ich wollte mich wenigstens mit Jake absprechen, immerhin ist er sein Stellvertreter. Er fand die Idee gut und fragte mich, wo ich ihn treffe. Das verschwieg ich ihm, denn ich wollte nicht, dass er plötzlich auftaucht.»
«Sonst jemand?»
«Nein. Leonie wollte ich damit nicht belasten. Die Sitzung dauerte bedeutend länger als geplant. Schoch war ganz schön sauer, als ich ihn in einer kurzen Pause anrief. Vermutlich dachte er, dass ich ihn hinhalte. Aber der Bankberater war extrem kompliziert und stellte hartnäckig seine Fragen, bis Emil Schwander der Kragen platzte.»
«Der Chefarzt?»
«Sie kennen ihn, Herr Kommissär?»
«Er ist ein guter Freund meiner Lebenspartnerin Monika Wenger. Nicht ganz pflegeleicht, würde ich sagen.»
«Das unterschreibt der Bankmann sofort. Emil drohte ihm mit einer anderen Bank und dass er sich beim Bankpräsidenten über ihn beschweren werde.»
«Das klingt nach Emil.»
«Daraufhin einigten wir uns verhältnismässig schnell.»
«Das heisst, Jake …»
«Förster.»
«Jake Förster wusste zwar von dem Termin, kannte aber weder die genaue Zeit noch den Ort.»
«Ja. Warum interessiert Sie das?»
«Wir haben eine vage Theorie, die noch nicht spruchreif ist. Mehr können wir leider nicht verraten.»
«Wir tasten uns langsam heran.»
«Glaubst du, Jake lag auf der Lauer und erledigte Schoch mit einem zweiten Schuss? Das wird Mark nicht gefallen.»
«Er kann wählen, entweder sein Schwiegersohn oder sein Geschäftsführer. Für wen entscheidet er sich?»
«Wie ich Mark kenne, für beide.»
«Ah, Sie sind noch da. Wieso erstaunt mich das nicht? Genau. Stecken persönliche Interessen dahinter, leistet der Herr Kommissär sogar Überzeit. Und, wer ist nun der Mörder?», Borers sarkastischer Unterton war nicht zu überhören.
«Das wissen wir noch nicht, doch wir sind ihm auf der Spur.»
«Aha.»
«Schoch wurde mit zwei verschiedenen Pistolen erschossen.»
«Ist nicht wahr!!!»
«Nader verletzte ihn nur leicht. Er rannte davon und wurde beim Hammering Man vom wirklichen Täter niedergestreckt.»
«Interessant.»
«Der Täter lag sehr wahrscheinlich auf der Lauer. Als Schoch verletzt aus dem Haus von Nader schwankte, folgte er ihm.»
«Beeindruckend.»
«Wir werden den wirklichen Täter fassen und Ihnen bald präsentieren.»
«Hervorragend. Wann kann ich damit rechnen?»
«Spätestens morgen Abend.»
«Ausgezeichnet. Ich gratuliere Ihnen, Ferrari.»
«Danke.»
«Dann wünsche ich allseits einen geruhsamen Feierabend, Herrschaften. Einfach genial, wie unser Kommissär auch die höchsten Hürden mit einer Leichtigkeit sondergleichen überspringt. Besser und schneller als Karsten Warholm. Was heisst Hürden? Er versetzt ganze Berge zum Wohle der Menschheit.»
Das schallende Gelächter des Staatsanwalts hallte im ganzen Kommissariat.
«Was sollte denn das?»
«Borer wird immer seltsamer. Soll ich dich nach Hause fahren?»
«Nein, danke. Ich nehme den Dreier. Dem wird sein Lachen noch vergehen.»
Der Dreier bremste abrupt und fuhr nun im Schritttempo auf die Haltestelle zu. Eine ältere Frau war nur dank des blitzartigen Eingreifens zweier Schülerinnen nicht vom Tram erwischt worden. Doch anstatt sich für ihre Unvorsichtigkeit zu entschuldigen, drohte sie dem Tramchauffeur mit der Faust. Eine verkehrte Welt. Ferrari stieg kopfschüttelnd ein. Wie immer zu Stosszeiten waren fast alle Sitzplätze belegt. Mit Wehmut dachte Ferrari an früher. Da gab es noch Tramzüge mit Anhängewagen und sein Lieblingsplatz befand sich im hintersten Wagen vorne rechts. Tja, wie heisst es so schön: Das einzige Beständige ist der Wandel. Die Fahrt verlief ohne weitere Störungen. An der Endstation überquerte der Kommissär die Strasse und ging durch ein Waldstück nach Hause. Aus dem Garten vernahm er Frauenstimmen. Oh nein, Hexenbasar! Aber heute ist doch nicht Donnerstag. Sehr seltsam. Da stimmt etwas nicht. Monika hätte mich ruhig vorwarnen können, dass ihre Freundinnen ausnahmsweise am Dienstagabend zu uns kommen. Am Anfang trafen sie sich immer am ersten Donnerstag im Monat, dann wurde es plötzlich jeden Donnerstag. Hm, am besten ich kehre um und bleibe eine oder zwei Stunden im Dorf oder tauche bei einem Nachbarn unter. Puma, die kleine schwarze Katze, begrüsste ihn lautstark und schmiegte sich an seine Beine. Pst, kleine Maus. Zu spät! Eine der Hexen ist bereits auf uns aufmerksam geworden.
«Francesco ist da! Oh, wie schön.»
Die nächste halbe Stunde war gelaufen. Ferrari liebte es zwar, von attraktiven Frauen umgarnt zu werden, aber die Ansammlung von akademischen Intelligenzbestien war über seinen Verhältnissen. Ein Glas Wein hier, ein Häppchen da, selbstgemacht versteht sich, dann ein Stück Kuchen, eine Eigenkreation von Stefanie, obwohl sie eigentlich keine freie Minute hat, weil sie im Moment an der Uni voll ausgelastet ist. Alles untermauert mit passenden, meistens lateinischen Zitaten oder sonstigen überkandidelten Bemerkungen. Und mittendrin Monika, die das Ganze in vollen Zügen geniesst.
«Noch ein Stück Kuchen?»
«Danke, ich bin randvoll. Wieso trefft ihr euch heute? Normalerweise kommt ihr doch am Donnerstag zusammen.»
«Krisensitzung!»
Ferrari schaute überrascht von seinem Teller auf.
«Was für eine Krisensitzung, Sandra?»
«Soll ich es ihm sagen?»
Die Hexen sassen stumm am Tisch. Diese Ruhe, dass ich das noch erleben darf. Ich höre sogar Pumas Schmatzen aus der Küche.
«Vielleicht kann er uns helfen. Er ist schliesslich Kommissär.»
Drei, vier, fünf. Es fehlen zwei. Nadine und?
«Wo ist Cloe?», die mag ich von allen am besten. Bei der fühl ich mich nicht wie ein Volltrottel.
«Wissen wir nicht.»
«Was heisst das? Du steckst doch immer mit ihr zusammen, Li.»
«Seit unserem letzten Treffen meldet sie sich nicht mehr.»
«Bei niemandem von uns. Ich war sogar bei ihr zu Hause. Philipp weiss auch nicht, wo sie ist.»
«Ich verstehe euch richtig, Cloe ist seit letztem Donnerstag verschwunden und niemand weiss, wo sie ist? Hattet ihr eine Auseinandersetzung?»
«Nein. Wir streiten nie.»
«Was ist mit Philipp?»
«Er war an einem Zahnärztekongress in Hamburg. Er ist erst gestern Abend zurückgekommen. Offenbar telefonierten sie jeden Tag und alles schien in bester Ordnung. Als er gestern nach Hause kam, war Cloe nicht da.»
«Sie ist verschwunden.»
«Blödsinn. Cloe verschwindet nicht einfach, Stefanie.»
«Eigenartig. Und niemand hatte seit letztem Donnerstag Kontakt zu ihr?»
«Mir schrieb sie am Freitag eine Whatsapp. Willst du sie sehen?» Birgit hielt dem Kommissär ihr iPhone hin.
«Bin extrem müde. Brauche ein Timeout … Stress mit Phil? … Es wächst mir alles über den Kopf … Kann ich dir helfen? … Ich komm klar, aber danke … Wir sind für dich da, wenn du uns brauchst.»
Die Korrespondenz endete mit einem Herz, einem lachenden und zwei weinenden Smileys.
«Wo wohnen sie?»
«In der Maulbeerstrasse im Haus ihrer Eltern. Nicht gerade meine liebste Gegend, aber Cloe gefällts.»
Die Hexen schauten den Kommissär erwartungsvoll an.
«Ich unterhalte mich mit Philipp. Dass Cloe alles hinwirft und abhaut, passt nicht zu dem Bild, das ich von ihr habe.»
«Wir begleiten dich.»
«Lieber nicht. Ein Grossaufgebot ist meist nicht effizient.»
«Glaubst du, dass Phil sie festhält?»
«Vielleicht liegt sie gefesselt im Keller.»
«Oder sie ist bereits tot.»
«Dann rächen wir sie. Wir foltern ihn, bis er um Gnade winselt.»
«Nun mal langsam. Bevor hier jemand massakriert wird, sollten wir ein vernünftiges Gespräch mit dem potenziellen Täter führen. Es gibt bestimmt eine einfache Erklärung. Ihr bleibt jetzt ruhig hier sitzen. Monika, wo sind die Autoschlüssel?»
«Ich fahre dich.»
Zwanzig Minuten später hielt Ferraris Lebensgefährtin vor einem schönen kleinen Haus in der Maulbeerstrasse.
«Soll ich auf dich warten?»
«Du kommst nicht mit rein?»
«Wenn Phil etwas mit dem Verschwinden von Cloe zu tun hat, erfährst du es eher in einem Gespräch unter Männern. Francesco, ich muss dir noch etwas beichten. Vor drei Wochen bat mich Cloe um ein Darlehen.»
«Wie viel?»
«Zwanzigtausend.»
«Erwähnte sie, wofür sie das Geld braucht?»
«Nein, und ich fragte nicht danach. Sie wollte es mir in zwei Monaten zurückzahlen.»
«Was verdient Cloe als Werberin im Monat?»
«So genau weiss ich es nicht. Wir gehören alle sieben zu den sehr gut verdienenden. Ich vermute, um die zehntausend im Monat.»
«Ich habe den falschen Beruf. Du musst nicht auf mich warten, ich komme dann mit dem Taxi nach Hause.»
Monika küsste den Kommissär zärtlich.
«Danke, der ist von uns allen. Hoffentlich ist ihr nichts passiert.»
Philipp öffnete sofort. Seine Augen waren gerötet, offenbar hatte er geweint. Sie setzten sich im Garten an einen Tisch.
«Sie meldet sich nicht. Ich schicke ihr alle fünf Minuten eine Whatsapp. Es ist etwas Schreckliches passiert, Francesco. Ich spüre es.»
«Jetzt mal ganz ruhig. Wann hast du zum letzten Mal mit ihr gesprochen?»
«Gestern Nachmittag. Kurz, bevor ich abflog. Sie wollte mich am EuroAirport abholen.» Philipp reichte ihm sein Handy. «Es war genau um halb vier. Wir unterhielten uns zehn Minuten.»
«Wann warst du zu Hause?»
«Kurz nach acht. Ich dachte, Cloe ist bei einer Freundin. Als sie um zehn nicht da war, rief ich alle Freundinnen an, die ich kenne. Monika nahm nicht ab.»
«Sie war an einem Konzert.»
«Ich konnte kaum ein Auge zu tun und ging heute Morgen sofort zur Polizei. Die vertrösteten mich. Ich solle wiederkommen, falls Cloe bis am Abend nicht nach Hause kommt. Ich habe den ganzen Tag rumtelefoniert, bei allen Leuten, die wir gemeinsam kennen, und in allen Spitälern nachgefragt. Nichts. Ich ging in ihr Geschäft und unterhielt mich lange mit den Arbeitskollegen. Seit ich im Ausland war, also seit Donnerstag erschien sie nicht zur Arbeit.»
«Meldete sie sich krank?»
«Nein. Das ist auch komisch. Cloe ist ein pflichtbewusster Mensch und hat sich bisher immer abgemeldet. Sie ärgert sich grün und blau, wenn sich eine Arbeitskollegin oder ein Arbeitskollege nicht abmeldet oder zu spät zu einem Termin kommt. Francesco, es ist ihr etwas passiert. Ich bin ganz sicher.»
«Wie war euer Verhältnis?»
«In den letzten Monaten sehr angespannt. Das hängt mit meiner neuen Sprechstundenhilfe zusammen. Cloe ist extrem eifersüchtig und ich Idiot habe eine äusserst attraktive Frau eingestellt. Ich dachte mir nichts dabei, ehrlich nicht. Ein Kollege fragte, ob ich für seine Frau eine freie Stelle hätte, nur für ein halbes Jahr. Und das traf sich optimal, denn meine Assistentin wollte ihre Babypause verlängern. Natürlich wusste Cloe, dass ich Linda einstelle, aber seit der ersten Begegnung war der Teufel los … Sie würde genau in mein Beuteschema passen … Zuerst hielt ich dagegen, doch je mehr ich insistierte, desto mehr fühlte sie sich in ihrer Meinung bestätigt. Die letzten Monate waren ein einziger Horror. In zwei Monaten wechselt Linda in die Praxis ihres Mannes, das war von Anfang an so geplant. Ich schwöre dir, die nächste Sprechstundenhilfe ist mindestens sechzig und absolut hässlich.»
«Steckt Cloe in finanziellen Schwierigkeiten?»
«Ich bitte dich. Wir verdienen zusammen etwa dreissigtausend Franken im Monat und Cloe erbte insgesamt drei Häuser von ihren Eltern. Wenn eines in unserer Beziehung stimmt, dann die Finanzen. Wir führen ein sorgenfreies Leben.»
«Wo könnte sie sein?»
«Für mich gibt es nur zwei Möglichkeiten: Es ist etwas Schreckliches passiert oder … sie hat mich verlassen.»
«Fehlt irgendetwas? Kleider, Schuhe, Taschen?»
«Wie? … Ich weiss es nicht.»
Philipp ging zum begehbaren Wandschrank und öffnete auf Cloes Seite eine Schublade nach der anderen.
«Der grösste Teil ihrer Garderobe ist noch hier, es fehlen zwei Paar Schuhe. Aber welche, kann ich dir nicht mit Bestimmtheit sagen.»
«Und Koffer?»
«Sind vollzählig da. Francesco, was soll ich tun? Du musst sie finden, bitte!»
«Schick mir ein Foto von Cloe per Whatsapp.»
Mit zittrigen Händen führte Philipp Ferraris Anweisung aus.
«Gut, danke. Ich gebe eine Vermisstenanzeige auf. Wir werden alles tun, um sie dir heil zurückzubringen.»
Philipp liess sich aufs Sofa fallen und begann hemmungslos zu weinen. Unbeholfen versuchte ihn der Kommissär zu beruhigen. Das ist eigentlich Nadines Stärke. Nach zehn Minuten, Philipp hatte sich einigermassen gefangen, informierte Ferrari seine Kollegen und liess sich kurz darauf von einem Dienstfahrzeug nach Hause fahren, wo er bereits ungeduldig erwartet wurde.
«Philipp ist vollkommen von der Rolle, Cloe und er hatten in den letzten Monaten grosse Auseinandersetzungen. Ich habe bei den Kollegen nun eine Vermisstenanzeige aufgegeben.»
«Wegen diesem Marilyn-Monroe-Verschnitt. Blond, grosser Busen und Beine wie eine Gazelle.»
«Woher weisst du das, Sandra?»
«Ich war zur Kontrolle bei Phil. Die sog ihn mit den Augen förmlich auf.»
«Er wollte nichts von ihr. Sie ist die Frau eines Kollegen.»
«Dein Mann ist süss, Monika. Ein wenig naiv.»
«Das bin ich nicht, Li. Aber ich sehe das Gute im Menschen und stelle keine Vermutungen an.»
«Wenn du wütend wirst, bist du noch süsser. Leihst du ihn mir für eine Nacht, Moni?»
«Also wenn ihr noch etwas Konstruktives zu Cloes Verschwinden beitragen könnt, dann bitte jetzt. Ich bin nämlich müde … Niemand? Gut, dann hätte ich noch eine letzte Frage: Wie viel hat jede von euch Cloe geliehen?»
«Francesco!»
«Raus damit. Du beginnst, Sandra.»
«Fünfzigtausend.»
«Li?»
«Dreissigtausend.»
«Stefanie?»
«Hunderttausend.»
«Mit den zwanzig von Monika ergibt das zweihunderttausend Franken. Kann sich jemand vorstellen, was Cloe mit dem Geld wollte?»
Es herrschte betretenes Schweigen.
«Woher weisst du, dass wir Cloe Geld liehen?»
«Du vergisst, ich bin Kommissär. Vor mir gibt es keine Geheimnisse, Sandra. So, jetzt gehe ich schlafen, ihr werdet sicher auch ohne mich auskommen.»
«Francesco, wir lieben Cloe und wir bitten dich inständig, alles zu unternehmen, um sie zu finden. Selbstverständlich unterstützen wir dich, du musst uns nur aufbieten.»
Ferrari küsste Stefanie auf die Wangen.
«Ich kann euch nicht versprechen, dass wir erfolgreich sind. Aber wir werden ganz Basel umkrempeln. Wenn Cloe in der Stadt ist, werden wir sie finden. Gute Nacht.»
Ferrari wälzte sich unruhig im Bett hin und her. Im Halbschlaf dachte er an das Gespräch mit Philipp. Verlor Cloe wegen den ewigen Streitereien die Nerven und zog sich an einen unbekannten Ort zurück, um sich über die Beziehung zu Philipp klarzuwerden? Wofür benötigte sie das viele Geld auf die Schnelle? Wurde sie erpresst? Möglich. Fragen, Fragen, nichts als Fragen und keine Antworten. Oder will ich es mir nicht eingestehen? Denn keine Frau verlässt freiwillig das Haus, ohne die wichtigsten persönlichen Sachen einzupacken. Daraus lässt sich nur eines schliessen: Cloe verliess nicht freiwillig das Haus, sondern wurde entführt, ermordet oder setzte ihrem Leben ein Ende!
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