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Es ist ein herrlicher Morgen; die Luft ist kühl; die Sonne steht noch nicht hoch. Das Haus, die Bäume, der Taubenschlag und die Galerie, alles wirft weithin lange Schatten. Im Garten und auf dem Hof haben sich kühle Plätzchen gebildet, die zum Sinnen und Schlafen einladen. Nur in der Ferne glüht das Korn wie im Feuer, und der Fluß glänzt und funkelt so in der Sonne, daß die Augen schmerzen.
»Warum ist es hier dunkel und dort hell, und warum wird es auch da hell sein, Kinderfrau?« fragte das Kind. »Darum, Väterchen, weil die Sonne dem Mond entgegengeht, ihn aber nicht sieht und traurig wird; wenn sie ihn aber von ferne sieht, hellt sie sich wieder auf.«
Das Kind denkt nach und schaut immer um sich; es sieht, wie Antip Wasser holen fährt, wie neben ihm ein zweiter, zehnmal so großer Antip schreitet, das Faß erscheint so groß wie ein Haus, und der Schatten des Pferdes hat die ganze Wiese bedeckt; der Schatten hat nur zwei Schritte über die Wiese gemacht und ist plötzlich hinter den Berg gerückt, während Antip noch nicht einmal Zeit gehabt hat, vom Hofe hinauszufahren. Der Knabe macht auch zwei Schritte, noch ein Schritt, und er wird hinter dem Berge sein. Er will zum Berge hingehen, um nachzusehen, wo das Pferd hingekommen ist. Er geht zum Tore hin; aber jetzt ertönt aus dem Fenster die Stimme der Mutter:
»Kinderfrau, siehst du nicht, daß das Kind in die Sonne gelaufen ist? Führe es in den Schatten; wenn ihm das Köpfchen heiß wird, tut es ihm weh, es wird ihm übel werden, und es wird nicht essen. Es wird noch zu dem Graben hinlaufen.«
»So ein Wildfang!« brummt leise die Kinderfrau, ihn zum Hause zurückführend.
Das Kind schaut und beobachtet mit scharfem, allumfassendem Blick, was die Erwachsenen tun und womit sie den Morgen verbringen. Kein einziges Detail, kein einziger Zug entgleitet der gespannten Aufmerksamkeit des Kindes; das Bild des häuslichen Lebens prägt sich unauslöschlich in die Seele ein; der noch ungeformte Verstand wird vom lebendigen Beispiel durchsetzt und zeichnet unbewußt das Programm seines Lebens nach dem es umgebenden Leben.
Man kann nicht sagen, daß der Morgen im Hause der Oblomows verlorenging. Das Klopfen der Messer, die in der Küche das Fleisch und das Gemüse zerhackten, drang selbst bis ins Dorf. Aus dem Dienstbotenzimmer drang das Zischen des Spinnrades und die leise, feine Stimme einer Frau herüber; es war schwer zu unterscheiden, ob sie weinte oder ein trauriges Lied ohne Worte improvisierte. Sowie Antip mit dem Faß auf den Hof zurückgekehrt war, kamen ihm aus allen Ecken Frauen und Kutscher mit Kübeln, Trögen und Krügen entgegen. Dort trug eine Alte eine Schüssel Mehl und einen Haufen Eier aus der Vorratskammer in die Küche; und jetzt schüttete der Koch plötzlich Wasser durchs Fenster aus und bespritzte damit die Arapka, die den ganzen Morgen kein Auge vom Fenster wendete, freundlich mit dem Schweif wedelte und sich beleckte.
Der alte Oblomow ist auch nicht ohne Beschäftigung. Er sitzt den ganzen Morgen am Fenster und beaufsichtigt unermüdlich alles, was auf dem Hofe vorgeht.
»He, Ignaschka! Was trägst du, Dummkopf?« fragte er den über den Hof schreitenden Mann.
»Ich trage die Messer in die Gesindestube zum Schleifen hin«, antwortete dieser, ohne den Herrn anzuschauen.
»Gut, trage sie nur hin und schleife sie ordentlich!«
Dann rief er irgendeiner Frau zu:
»He, Frau! Frau! Wohin bist du gegangen?«
»In den Keller, Väterchen«, sagte sie, indem sie stehenblieb, sich die Hand vor die Augen hielt und ins Fenster schaute, »ich habe Milch zum Mittagessen geholt.«
»Gut! geh, geh!« antwortete der Herr, »gib aber acht, daß du die Milch nicht ausschüttest. Und du, Sachar, du Lausbub, wohin rennst du wieder?« schrie er darauf, »ich werde dich das Herumrennen schon lehren! Ich sehe dich schon zum drittenmal über den Hof laufen. Marsch zurück, ins Vorzimmer!«
Und Sachar ging wieder ins Vorzimmer schlafen. Wenn die Kühe von der Weide zurückkehrten, sorgte der Alte als erster dafür, daß sie getränkt wurden; wenn er aus dem Fenster wahrnahm, daß der Hofhund ein Huhn verfolgte, traf er sofort strenge Maßregeln gegen diese Ruhestörung.
Auch seine Frau ist sehr beschäftigt; sie bespricht drei Stunden lang mit dem Schneider Awjerka, wie man aus dem Wams ihres Mannes ein Röckchen für Iljuscha herauskriegen soll, sie zeichnet selbst mit Kreide und paßt auf, daß Awjerka kein Tuch stiehlt; dann geht sie in die Mägdekammer und sagt jedem Mädchen, wieviel Spitzen sie den Tag zu flechten hat; dann ruft sie Nastassja Iwanowna oder Stjepanida Apapowna oder sonst irgendwen aus ihrem Hofstaat herbei, mit ihr im Garten spazierenzugehen, wobei sie praktische Ziele verfolgt; sie sieht nach, wie die Äpfel reifen, ob der gestrige, der schon reif war, herabgefallen ist, hier muß gepfropft, dort gestützt werden usw. Doch die größte Sorge war der Küche und dem Mittagessen gewidmet. Bezüglich des Mittagessens hielt das ganze Haus eine Versammlung ab, zu der auch die uralte Tante eingeladen wurde. Jeder schlug ein Gericht vor: der eine Suppe mit Gekröse, der andere Nudeln oder Magen oder Kaidaunen oder eine braune oder weiße Brühe als Sauce. Jeder Ratschlag wurde in Betracht gezogen, genau überlegt und dann nach dem endgültigen Beschluß der Hausfrau angenommen oder abgelehnt. Unaufhörlich wurde bald Nastassja Pjetrowna, bald Stjepanida Iwanowna in die Küche geschickt, um an etwas zu erinnern oder einen Befehl zu widerrufen, um Zucker, Honig, Wein zum Kochen hinzutragen und nachzusehen, ob der Koch alles Verabfolgte verbrauchte.
Die Sorge um das Essen bildete das hauptsächlichste Lebensinteresse in Oblomowka. Was für Kälber wurden dort zu den Feiertagen gemästet! Was für Geflügel gezogen! Was für Erwägungen und Kenntnisse, welche Sorgfalt wurden bei dessen Behandlung angewendet! Die Truthühner und Küchlein, die für Namensfeste oder andere feierliche Tage bestimmt waren, wurden mit Nüssen gemästet; die Gänse wurden jeder Möglichkeit sich zu bewegen beraubt; man ließ sie ein paar Tage vor dem Feiertag unbeweglich im Sack hängen, damit sie vor Fett trieften. Was für gesottene, gesalzene und gebackene Konserven gab es dort! Was für Honig, was für Kwaß wurde dort gekocht, was für Pirogen wurden in Oblomowka gebacken!
So arbeitete und mühte sich alles im Laufe des Vormittags ab und führte so ein wahres Ameisenleben. Diese arbeitsamen Ameisen kannten auch an Sonn- und Feiertagen keine Ruhe; dann ertönte das Klopfen der Messer in der Küche noch lauter und öfter; die Frau wiederholte ein paarmal die Reise aus der Vorratskammer in die Küche mit einer doppelten Quantität von Mehl und Eiern; auf dem Geflügelhof gab es häufigeres Stöhnen und Blutvergießen. Man backte eine Riesenpiroge, die von den Herrschaften selbst noch am folgenden Tage gegessen wurde; am dritten und vierten Tag gingen die Reste in die Mägdekammer über; die Piroge lebte noch am Freitag, und ein ganz altbackenes Ende davon, ohne jede Füllung wurde als Zeichen besonderer Gnade Antip überlassen, der, nachdem er sich bekreuzigt hatte, diese interessante Versteinerung furchtlos, mit lautem Krachen zerstörte, indem er weniger aus der Piroge selbst, als aus dem Bewußtsein, daß es eine herrschaftliche Piroge sei, Genuß zog, wie ein Archäologe, der mit Vergnügen einen schlechten Wein aus den Scherben irgendeines tausendjährigen Geschirrs trinkt.
Und das Kind sah alles und beobachtete alles mit seinem kindlichen, nichts auslassenden Verstand. Es sah, wie nach dem in nützlicher Arbeit verbrachten Morgen die Mittagsstunde kam. Der Mittag ist heiß; kein Wölkchen ist am Himmel. Die Sonne steht reglos über dem Kopfe und sengt das Gras. Durch die Luft geht ein Windhauch, und sie ist schon ohne Bewegung erstarrt. Weder ein Baum noch das Wasser regt sich; über dem Dorf und dem Feld lagert vollkommene Stille – alles scheint ausgestorben zu sein. Die menschliche Stimme tönt laut und weit in die Leere. Man hört in einer Entfernung von zwanzig Klaftern einen Käfer fliegen und summen, und im dichten Gras schnarcht immer etwas, als hätte sich jemand hingelagert und schlafe süß.
Auch im Hause herrscht Totenstille. Es ist die Stunde des allgemeinen Nachmittagsschlafes angebrochen. Das Kind sieht, daß Vater und Mutter, die uralte Tante und der ganze Hofstaat sich jeder in seine Ecke begeben haben; und wer keine besitzt, geht auf den Heuboden, ein anderer in den Garten, ein dritter sucht im Vorhaus Kühlung, und mancher deckt sich vor den Fliegen das Gesicht mit einem Tuche zu und schläft dort ein, wo ihn die Hitze und das umfangreiche Mittagessen zu Boden gestreckt haben. Der Gärtner hat sich im Garten unter einem Busch, neben seinem Brecheisen hingelegt, und der Kutscher schläft im Stall. Ilja Iljitsch schaute in die Gesindestube hinein; dort lagen alle auf den Bänken, auf dem Fußboden umher, die Kinder sich selbst überlassend; diese krochen auf dem Hofe herum und wühlten im Sand. Auch die Hunde hatten sich tief in ihre Hütten verkrochen, da sie ja niemand anzubellen hatten. Man konnte durch das ganze Haus gehen, ohne jemand zu begegnen; man konnte getrost alles herausstehlen und auf Fuhren von dem Hofe fortführen; niemand würde daran gehindert haben, wenn es in jener Gegend Diebe gegeben hätte. Das war ein alles verschlingender, unbezwingbarer Schlaf, das wahre Ebenbild des Todes. Alles ist tot; aus den Ecken dringt das verschiedenartige Schnarchen in allen Tönen und Arten herüber. Ab und zu hebt jemand im Schlaf den Kopf, blickt sinnlos und erstaunt nach allen Richtungen hin und dreht sich auf die andere Seite um oder spuckt, ohne die Augen zu öffnen, im Schlafe aus, schmatzt mit den Lippen oder brummt etwas durch die Nase und schläft wieder ein. Ein zweiter springt rasch, ohne irgendwelche vorhergehende Vorbereitungen mit beiden Füßen vom Lager auf, als fürchte er, die kostbaren Augenblicke zu verlieren, greift nach dem Krug mit Kwaß, und nachdem er die darin schwimmenden Fliegen so zurückgeblasen hat, daß sie zum andern Rand weggeschwemmt werden – wovon die bis dahin reglosen Insekten sich in der Hoffnung auf eine Besserung ihres Schicksals heftig zu bewegen beginnen –, netzt er sich die Kehle und fällt dann wieder wie angeschossen aufs Bett hin.
Und das Kind beobachtete immerzu. Es ging nachmittags wieder mit der Kinderfrau in die freie Luft. Doch auch die Kinderfrau konnte trotz der strengen Ermahnungen der Gnädigen und trotz des eigenen Willens dem Bann des Schlafes nicht widerstehen. Auch sie wurde von dieser in Oblomowka herrschenden allgemeinen Krankheit angesteckt. Zuerst beaufsichtigte sie eifrig das Kind, ließ es nicht weit von sich fort, brummte streng, wenn es herumtollte; dann, als sie die Symptome der nahenden Ansteckung fühlte, begann sie es zu bitten, nicht aus dem Tor hinauszugehen, nicht den Ziegenbock zu reizen, nicht auf den Taubenschlag oder die Galerie zu steigen. Sie selbst setzte sich irgendwo hin in den Schatten, auf die Stiege, die Schwelle des Kellers oder einfach auf das Gras, mit der Absicht, den Strumpf zu stricken und das Kind zu beaufsichtigen. Doch dann hielt sie es nur träge zurück und wackelte mit dem Kopf. Ach, der Wildfang wird, bevor man sich versieht, auf die Galerie klettern, dachte sie fast im Schlaf, oder auch, er geht ... zum Graben ... Hier senkte sich der Kopf der Alten auf die Knie, der Strumpf entglitt ihren Händen, sie verlor das Kind aus den Augen und schnarchte leise mit halbgeöffnetem Munde. Und es erwartete ungeduldig diesen Moment, mit dem sein selbständiges Leben begann. Es glaubte dann, in der ganzen Welt allein zu sein; es lief auf den Fußspitzen von der Kinderfrau fort, sah nach, wo ein jeder schlief; es blieb stehen und beobachtete aufmerksam, wie jemand erwachte, ausspuckte und im Schlafe etwas brummte. Dann stieg es mit bebendem Herzen auf die Galerie und lief auf den knarrenden Brettern rundherum, kletterte auf den Taubenschlag, versteckte sich in die Tiefe des Gartens, lauschte dem Summen eines Käfers und folgte mit den Augen weit seinem Fluge durch die Luft; hörte es im Grase zirpen, suchte und fand die Ruhestörer; es fing eine Libelle, riß ihr die Flügel ab und sah, was aus ihr wurde, oder steckte einen Strohhalm in sie hinein und beobachtete, wie sie mit diesem Anhängsel flog; es betrachtete voll Vergnügen, mit verhaltenem Atem, wie die Spinne das Blut der gefangenen Fliege aussaugte und wie das arme Opfer zwischen ihren Füßen zappelte und summte. Das Kind schloß damit, daß es sowohl das Opfer als auch die Peinigerin tötete. Dann kroch es in eine Rinne, grub darin herum und suchte sich Wurzeln, die es von der Rinde reinigte und voll Vergnügen aß, sie den Äpfeln und dem Eingesottenen der Mutter vorziehend. Es läuft auch aus dem Tor hinaus; es möchte gerne in den Birkenhain; dieser scheint ihm so nahe zu sein, daß es ihn in fünf Minuten erreichen könnte, wenn es nicht ringsherum über den Weg, sondern geradeaus über die Rinnen, die Hecken und die Gruben ginge; doch es fürchtet sich; man sagt, daß es dort Unholde, Räuber und wilde Tiere gibt. Es möchte auch gern zu dem Graben laufen; dieser ist nur fünfzig Klafter vom Garten entfernt; das Kind ist schon zum Rand hingelaufen, kneift die Augen zu und will wie in den Krater eines Vulkans hineinblicken ... Aber plötzlich erstehen vor ihm all die Erzählungen und Überlieferungen, die über diesen Graben umgehen. Entsetzen erfaßt es, es rennt halbtot und vor Angst zitternd zur Kinderfrau zurück und weckt sie auf. Sie schüttelte den Schlaf von sich, ordnete das Kopftuch, steckte ihre grauen Haarsträhnen mit dem Finger darunter, gab sich den Anschein, gar nicht geschlafen zu haben, blickte bald Iljuscha, bald die herrschaftlichen Fenster mißtrauisch an und begann die Stricknadeln des auf ihren Knien liegenden Strumpfes ineinanderzustecken.
Unterdessen begann die Hitze nach und nach abzunehmen, in der Natur belebte sich alles; die Sonne näherte sich schon dem Walde. Und allmählich wurde die Stille im Hause gestört. Irgendwo in einer Ecke knarrte eine Tür. Man hörte auf dem Hofe Schritte, auf dem Heuboden nieste jemand. Bald trug ein Mann, sich unter der Schwere beugend, einen ungeheuren Samowar eilig aus der Küche vorüber. Man begann sich zum Tee zu versammeln. Der eine hatte ein streifiges Gesicht und tränende Augen, der andere hatte vom Liegen auf den Wangen und Schläfen rote Flecken; ein dritter sprach nach dem Schlaf wie mit einer fremden Stimme. Das alles schnauft, ächzt, gähnt, kratzt sich den Kopf und streckt sich, nur mit Mühe zur Besinnung kommend. Das Mittagessen und der Schlaf haben einen unstillbaren Durst erzeugt. Der Durst sengt die Kehle; jeder trinkt bis zu zwölf Schalen Tee, doch auch das hilft nicht. Man seufzt und stöhnt; man nimmt zum Preiselbeer- und Birnenwasser und zum Kwaß Zuflucht. Manche helfen sich auch mit Medikamenten, um nur die Trockenheit in der Kehle zu beheben. Alle suchen Befreiung vom Durste wie von einer Strafe Gottes; alle rennen herum, alle sind ermattet wie eine Karawane von Reisenden in der arabischen Wüste, die nirgends eine Wasserquelle findet.
Das Kind ist auch hier, bei seiner Mama. Es betrachtet die es umgebenden, seltsamen Gesichter und lauscht ihrem schläfrigen, trägen Gespräche. Es findet es lustig, sie anzuschauen, ein jeder von ihnen gesprochene Unsinn interessiert es. Nach dem Tee beschäftigen sich alle mit irgend etwas. Der eine geht zum Fluß und schreitet langsam am Ufer entlang, indem er mit dem Fuße Steine ins Wasser wirft; ein zweiter setzt sich ans Fenster und fängt jede flüchtige Erscheinung mit den Augen auf. Wenn eine Katze über den Hof läuft oder eine Dohle vorbeifliegt, verfolgt der Beobachter die eine und die andere mit dem Blicke und mit seiner Nasenspitze, indem er den Kopf bald nach rechts, bald nach links wendet. So lieben manchmal Hunde ganze Tage lang am Fenster zu sitzen, indem sie den Kopf in die Sonne legen und jeden Vorübergehenden genau mustern. Die Mutter erfaßt Iljuschas Kopf, legt ihn auf ihre Knie und kämmt ihm langsam das Haar, indem sie dessen Weichheit bewundert und auch Nastassja Iwanowna und Stjepanida Tichonowna bewundern läßt, und spricht mit ihnen von Iljuschas Zukunft, wobei sie ihn zum Helden irgendeiner von ihr erdichteten, glänzenden Episode macht. Die Anwesenden versprechen ihm goldene Berge.
Doch es fing zu dunkeln an. In der Küche prasselte wieder das Feuer und ertönte wieder das häufige Klopfen der Messer. Das Nachtessen wurde zubereitet. Die Dienerschaft hatte sich am Haustor versammelt, man hörte dort lachen und Balalaika spielen. Man spielte Haschen. Und die Sonne verbarg sich schon hinter dem Wald; sie warf noch ein paar warme Strahlen zurück, welche den ganzen Wald in einem feurigen Streifen durchschnitten und die Wipfel der Fichten in helles Gold tauchten. Dann erloschen die Strahlen allmählich. Der letzte Strahl hing so lange, er bohrte sich wie eine feine Nadel in das Dickicht der Zweige; doch auch er erlosch. Die Gegenstände verloren ihre Formen. Alles verschwamm zuerst in eine graue und dann in eine dunkle Masse. Das Singen der Vögel wurde immer schwächer, bald verstummten sie ganz, außer einem einzigen eigensinnigen, der gleichsam allen zum Trotze inmitten der ringsherum herrschenden Stille in Zwischenräumen eintönig allein zirpte; doch dann ertönte sein Zirpen immer seltener, und endlich pfiff auch er zum letzten Male, schwach und tonlos, regte seine Flügel, indem er die Blätter um sich herum in Bewegung brachte ... und schlief ein. Alles verstummte. Nur die Grillen zirpten noch lauter um die Wette. Von der Erde stiegen weiße Dämpfe auf und breiteten sich über die Wiese und den Fluß aus. Auch der Fluß wurde ruhiger, nach einer Weile plätscherte darin etwas zum letzten Male auf, und er regte sich nicht mehr. Es roch nach Feuchtigkeit. Es wurde immer dunkler und dunkler.
Die Bäume gruppierten sich zu Ungeheuern zusammen; im Walde wurde es unheimlich. Dort knarrte plötzlich etwas, als wechselte eines von den Ungeheuern den Platz, und ein trockener Zweig schien unter seinem Fuße zu knistern. Am Himmel leuchtete gleich einem lebendigen Auge der erste Stern hell auf, und in den Fenstern des Hauses schimmerten Lichter.
Jetzt traten die Minuten der allgemeinen, feierlichen Stille in der Natur ein, jene Minuten, in denen der schöpferische Geist intensiver arbeitet und die poetischen Träume heißer lodern, in denen die Leidenschaften im Herzen heftiger flammen oder der Gram schmerzlicher wird und der Keim des verbrecherischen Gedankens schneller reift und in denen ... in Oblomowka alle so fest und ruhig schlafen.
»Mama, komm spazieren«, sagt Iljuscha.
»Was dir einfällt, Gott sei mit dir! Wie kann man denn jetzt spazierengehen«, antwortete sie, »es ist feucht, du wirst nasse Füßchen bekommen; es ist auch gruselig, jetzt geht der Unhold durch den Wald, er trägt die kleinen Kinder fort.«
»Wohin trägt er sie fort? Wie ist er? Wo wohnt er?« fragte das Kind.
Und die Mutter ließ ihrer Phantasie freien Lauf. Das Kind lauscht ihr, die Augen öffnend und wieder schließend, bis der Schlaf es endlich ganz überwältigt. Dann kam die Kinderfrau, nahm es von dem Schoße der Mutter und trug es, während es den Kopf schläfrig über ihre Schultern hängen ließ, ins Bett.
»Gott sei Dank, jetzt ist der Tag vorüber!« sagten die Oblomower, sich ins Bett legend, ächzend und ein Kreuz schlagend, »wir hätten ihn glücklich verlebt; gebe Gott, daß es morgen auch so ist! Gelobt sei der Herr! Gelobt sei der Herr!«
Dann träumte Oblomow von einer anderen Zeit; er schmiegt sich an einem endlosen Winterabend ängstlich an die Kinderfrau, und sie flüstert ihm von einem unbekannten Lande zu, wo es weder Nacht noch Kälte gibt, wo immer Wunder geschehen, wo Milch und Honig fließen, wo niemand das runde Jahr etwas tut und wo den ganzen lieben Tag lauter solche Helden wie Ilja Iljitsch und so schöne Mädchen, wie sie weder im Märchen wiederzugeben noch mit der Feder zu beschreiben sind, herumspazieren. Dort gibt es auch eine gute Zauberin, die manchmal in der Gestalt eines Hechtes erscheint und sich irgendeinen stillen, arglosen Liebling auserwählt, mit anderen Worten irgendeinen Faulpelz, dem alle Unrecht tun, und ihn ganz ohne Grund mit allerlei Schätzen überschüttet, und er ißt nur und zieht die fertigen Kleider an und heiratet dann die unerhört schöne Militrissa Kirbitjewna. Das Kind verschlang gierig mit offenen Ohren und Augen das Märchen. Die Kinderfrau oder vielmehr die Überlieferung vermied in dem Märchen so geschickt alles, was in Wirklichkeit vorkommt, daß Phantasie und Verstand, die sich vom Erdachten durchdringen ließen, bis zum Alter dessen Sklaven blieben. Die Kinderfrau erzählte gutmütig das Märchen vom dummen Jemelja, diese boshafte und tückische Satire auf unsere Vorfahren und vielleicht auch auf uns selbst. Und wenn der erwachsene Ilja Iljitsch auch später erfährt, daß es weder Milch- und Honigflüsse noch gute Zauberinnen gibt, wenn er auch lächelnd über die Märchen der Kinderfrau scherzt, ist sein Lächeln doch nicht aufrichtig, es wird von einem heimlichen Seufzer begleitet. Das Märchen hat sich bei ihm mit dem Leben verwebt, und er trauert manchmal unbewußt darüber, warum das Märchen nicht das Leben und das Leben kein Märchen ist. Er träumt unwillkürlich von Militrissa Kirbitjewna; es zieht ihn immer dorthin, wo man den ganzen lieben Tag nur spazierengeht, wo es keine Sorgen und keine Traurigkeit gibt; er behält für immer die Neigung bei, auf dem warmen Ofen zu liegen, in einem fertigen, nicht durch Arbeit gewonnenen Kleide herumzugehen und auf die Rechnung der guten Zauberin zu essen. Auch Oblomows Vater und Großvater hatten in der Kindheit dieselben Märchen gehört, die in der stereotypen Ausgabe des Altertums von den Lippen der Kinderfrauen und Hofmeister Jahrhunderte und Generationen hindurch überliefert wurden.
Unterdessen läßt die Kinderfrau vor der Phantasie des Kindes ein neues Bild erstehen.
Sie erzählt ihm von den Heldentaten unserer Achilles und Ulysses, von dem Mut eines Ilja Muromez, eines Dobrinja Nikititsch, eines Aljoscha Popowitsch, eines Polkan und eines Wanderkrüppels, davon, wie sie die unzähligen Heere der Ungläubigen geschlagen haben, wie sie darin wetteiferten, einen Kelch grünen Weines auf einen Atemzug, ohne sich zu räuspern, zu leeren; dann sprach sie von den bösen Räubern, von schlafenden Prinzessinnen, von versteinerten Städten und Menschen; zum Schlusse ging sie zu unserer Dämonologie, zu Toten, Ungeheuern und Werwölfen über.
Mit der Einfachheit und Gutmütigkeit eines Homer, mit derselben lebendigen Wahrheit des Details und Plastizität der Bilder überlieferte sie dem Gedächtnis und der Phantasie des Kindes die Iliade des russischen Lebens, die von unseren Homeriden in jenen nebelhaften Zeiten erschaffen wurde, als der Mensch mit den Gefahren und den Geheimnissen der Natur und des Lebens noch nicht vertraut war, als er noch vor dem Werwolf und dem Waldunhold zitterte, als er vor der ihn umgebenden Drangsal bei Aljoscha Popowitsch Schutz suchte und als die Luft, das Wasser, der Wald und das Feld vom Wunder beherrscht wurden. Das Leben eines damaligen Menschen war gefahrvoll und unsicher; er brauchte nur die Schwelle des Hauses zu verlassen, um einem Unheil zu begegnen; da konnte er jeden Augenblick von einem wilden Tiere zerrissen oder von einem Räuber erstochen werden, ein böser Tatare konnte ihm sein Gut rauben, oder er konnte auch spurlos, ohne irgendwelche Kunde von sich zu senden, verschwinden.
Oder es erschienen plötzlich Himmelszeichen, feurige Säulen und Kugeln; dort, über dem frischen Grabe, flammt ein Feuer auf, oder im Walde scheint jemand mit einer Laterne herumzuspazieren, furchtbar zu lachen und mit den Augen in der Dunkelheit zu funkeln. Auch mit dem Menschen selbst geschah so viel Unbegreifliches; mancher lebte lange und glücklich, ohne daß ihm etwas geschah, und plötzlich begann er ganz unverständlich zu reden oder mit einer ganz anderen Stimme zu schreien, oder er irrte auch schlafend in der Nacht herum; ein anderer bekam plötzlich Krämpfe und wälzte sich auf dem Boden. Und bevor so etwas geschah, krähte ein Huhn mit der Stimme eines Hahnes, und eine Krähe krächzte über dem Dache. Der schwache Mensch war ganz hilflos, während er sich entsetzt im Leben umschaute, und suchte in seiner Phantasie nach dem Schlüssel zu den Geheimnissen der ihn umgebenden und der eigenen Natur.
Und vielleicht führte die Schläfrigkeit und beständige Ruhe des trägen Lebens, der Mangel an Bewegung und an wirklichen Ängsten, Abenteuern und Gefahren den Menschen dazu, anstatt der Wirklichkeit eine andere, erdachte Welt zu erschaffen und darin sich seine Phantasie tummeln und ergötzen zu lassen oder nach der Erklärung der einfachen Verkettung der Umstände und der Ursachen der Erscheinung außerhalb der Erscheinung selbst zu suchen. Unsere armen Vorfahren haben wie herumtastend gelebt; sie beflügelten nicht ihren Willen und hemmten ihn auch nicht, und dann wunderten sie sich und entsetzten sich über das Böse und über die Unbequemlichkeit ihres Lebens und wollten alles Unverständliche bei den stummen und unklaren Hieroglyphen der Natur erfragen. Der Tod wurde für sie durch den vor kurzem zuerst mit dem Kopfe und nicht mit den Füßen aus dem Tore hinausgetragenen Toten verursacht; eine Feuersbrunst – weil der Hund drei Nächte unter dem Fenster geheult hatte; und sie richteten ihre ganze Sorge darauf, daß man den Toten mit den Füßen zuerst aus dem Tore hinaustrug, und dabei aßen sie dasselbe und ebensoviel und schliefen wie bisher auf Gras; der heulende Hund wurde geschlagen oder fortgejagt, und die Funken des Kienspans wurden wie bisher in die Ritze des faulenden Fußbodens geworfen. Und der Russe liebt es bis heute, inmitten des ihn umgebenden, strengen, phantasielosen Lebens an die verlockenden Sagen des Altertums zu glauben, und er wird sich von diesem Glauben vielleicht noch lange nicht lossagen.




