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»Ja«, antwortet irgend jemand, »um diese Zeit ist es immer dunkel; jetzt beginnen die langen Abende.«
Und im Frühling wundert und freut man sich, daß lange Tage beginnen. Wenn man sie gefragt hätte, wozu sie diese langen Tage brauchen, würden sie es selber nicht gewußt haben.
Und dann schweigen sie wieder. Dann beginnt irgendwer die Kerze zu putzen und löscht sie plötzlich aus – alles kommt in Bewegung: »Das bedeutet einen unverhofften Gast!« sagt sicher jemand. Manchmal wird dieser Vorfall zum Ausgangspunkt eines Gespräches.
»Was könnte das für ein Gast sein?« sagte die Hausfrau, »vielleicht gar Nastassja Fadjewna? Ach, das wäre schön! Aber nein: sie wird vor dem Feiertag nicht kommen. Das wäre eine Freude! Wie wir uns da umarmen und zusammen weinen würden. Wir würden die Früh- und die Mittagsmesse zusammen halten ... Ich kann ihr aber nicht nachkommen! Obwohl ich jünger bin, kann ich nicht so lange stehen!«
»Wann ist sie denn von uns abgereist?« fragte Ilja Iwanowitsch, »mir scheint, nach dem Eliastag.«
»Was du sagst, Ilja Iwanowitsch! Du verwechselst immer alles. Sie hat nicht einmal den Sjemik2 abgewartet!« verbesserte die Frau.
»Mir scheint, sie war hier zu den Petrifasten«, entgegnete Ilja Iwanowitsch.
»Du machst es immer so!« sagte die Frau vorwurfsvoll, »du streitest und stellst dich dabei ganz bloß ...«
»Warum soll sie denn nicht zu den Petrifasten hiergewesen sein? Mat hat damals noch immer Pirogen mit Pilzen gebacken, sie liebt das ...«
»Das war ja Marja Onissimowna. Die liebt Pirogen mit Pilzen – wieso weißt du das nicht mehr? Und auch Marja Onissimowna war nicht bis zum Eliastag, sondern bis zum heiligen Prochor und Nikonor bei uns auf Besuch.«
Sie berechneten die Zeit nach den Feiertagen, den Jahreszeiten, nach den verschiedenen Ereignissen im Hause und in der Familie, ohne jemals auf den Monat oder das Datum hinzuweisen. Das geschah teilweise auch deshalb, weil außer Oblomow selbst alle anderen sowohl die Benennung der Monate als auch die Reihenfolge des Datums verwechselten.
Der besiegte Ilja Iwanowitsch schweigt, und die ganze Gesellschaft beginnt wieder vor sich hinzudämmern. Iljuscha, der sich hinter den Rücken der Mutter verkrochen hat, döselt auch vor sich hin oder schläft manchmal ganz ein.
»Ja«, sagt dann jemand von den Gästen tief seufzend, »Marja Onissimownas Mann, der verstorbene Wassilij Fomitsch, war, Gott habe ihn selig, so gesund und ist doch gestorben! Er hat nicht einmal sechzig Jahre gelebt; so einer hätte hundert Jahre leben sollen!«
»Wir werden alle sterben; wann ein jeder von uns sterben wird, das ist Gottes Wille!« entgegnet Pjelageja Ignatjewna seufzend. »Die einen sterben, und bei Chlopows soll man kaum Zeit zum Taufen haben; man sagt, Anna Andrjewna ist schon wieder niedergekommen – zum sechstenmal.«
»Jetzt geht es noch«, sagte die Hausfrau, »wieviel Scherereien wird's aber erst geben, wenn ihr Bruder heiratet und Kinder bekommt! Auch die jüngeren wachsen heran und müssen auch heiraten; man muß dort die Töchter verheiraten, und wo gibt es hier Bräutigame? Jetzt wollen ja alle eine Mitgift und noch dazu in barem Geld ...«
»Worüber sprecht ihr?« fragte Ilja Iwanowitsch herantretend.
»Wir sprechen darüber, daß ...« und man wiederholt ihm das Gespräch.
»So ist das menschliche Leben!« bemerkt Ilja Iwanowitsch belehrend, »der eine stirbt, der zweite wird geboren, der dritte heiratet, und wir werden immer älter. Ein Tag gleicht ebensowenig dem andern wie ein Jahr dem andern! Warum ist das so? Wie schön wäre es, wenn jeder Tag so wie der gestrige und gestern wie morgen wäre! ... Es ist traurig, wenn man darüber nachdenkt.«
»Der Alte altert und der Junge wächst«, sagte jemand in der Ecke mit schläfriger Stimme.
»Man muß mehr zu Gott beten und über nichts nachdenken!« bemerkte die Hausfrau streng.
»Das ist wahr, das ist wahr«, antwortete Ilja Iwanowitsch schnell und ängstlich, nachdem er zu philosophieren versucht hatte, und begann wieder auf und ab zu gehen.
Man schweigt wieder lange Zeit; es ist nur das Zischen des durch die Nadel hin und her gezogenen Zwirns zu hören. Manchmal hob die Hausfrau das Schweigen auf.
»Ja, es ist draußen dunkel«, sagt sie. »Wenn wir, so Gott will, die Feiertage erleben, werden die Verwandten auf Besuch kommen, dann wird es lustig sein und die Abende werden unmerklich vergehen. Wie lustig es wäre, wenn Malanja Pjetrowna käme! Was sie für Einfälle hat! Zinn gießen, Wachs schmelzen und vor das Haustor laufen; sie bringt mir alle Mädchen auf Abwege. Sie denkt sich allerlei Spiele aus ... so ist sie!«
»Ja, sie ist eine Weltdame!« bemerkte jemand der Anwesenden. »Vor drei Jahren ist es ihr auch eingefallen, Bergrutschen zu veranstalten; damals als Luka Sawitsch sich die Braue zerschlagen hat ...«
Plötzlich kam Leben in alle, man blickte Luka Sawitsch an und brach in Gelächter aus.
»Wie ist denn das mit dir geschehen, Luka Sawitsch? Nun, erzähle einmal!« sagte Ilja Iwanowitsch und schüttelte sich vor Lachen.
Und alle fahren fort zu lachen; Iljuscha ist erwacht und lacht auch mit.
»Was ist denn da zu erzählen?« sagte der verlegene Luka Sawitsch. »Das alles hat Alexej Naumitsch sich ausgedacht: es ist ja gar nichts geschehen!«
»Wieso denn?« entgegneten alle im Chor. »Wieso soll denn nichts geschehen sein? Sind wir denn gestorben? ... Und was ist denn mit der Stirn? Es ist darauf noch bis jetzt eine Schramme zu sehen ...«
Und man lachte wieder.
»Warum lacht ihr denn?« versuchte Luka Sawitsch während der Lachpause zu sagen. – »Es wäre ja sonst ... nichts geschehen ... aber Wassjka, dieser Schuft ... hat mir einen alten Handschlitten gegeben ... er ist unter mir auseinandergegangen, und da ist's geschehen ...«
Allgemeines Gelächter übertönte seine Stimme. Er bestrebte sich vergeblich, die Geschichte seines Falles zu Ende zu erzählen. Das Lachen hatte die ganze Gesellschaft erfaßt, drang ins Vorzimmer und in die Mägdekammer, bemächtigte sich des ganzen Hauses, alle erinnerten sich an den komischen Vorfall, alle lachen lange, auf einmal und unbeschreiblich wie die olympischen Götter. Sowie sie aufzuhören beginnen, fängt irgend jemand wieder von neuem an – und dann geht's wieder los. Endlich gelingt es ihnen nach großer Mühe, sich zu beruhigen.
»Nun, wirst du zu den Feiertagen wieder Schlitten rutschen?« fragt Ilja Iwanowitsch nach einer Weile.
Jetzt kam ein neuer Lachausbruch, der zehn Minuten anhielt. »Soll man vielleicht Antipka sagen, er möchte zu den Fasten einen Berg machen?« sagt Oblomow von neuem. »Luka Sawitsch soll ein großer Liebhaber davon sein; er kann's gar nicht erwarten ...«
Das Lachen der ganzen Gesellschaft ließ ihn nicht ausreden.
»Ist denn jener ... Handschlitten noch ganz?« sagte einer der Anwesenden durch das Lachen hindurch. Ein erneutes Gelächter.
Alle lachten lange und begannen endlich nach und nach zu verstummen; der eine trocknete sich die Tränen, der zweite schneuzte sich, der dritte hustete und spuckte wütend und sagte dabei mit Mühe:
»Ach du mein Gott! Der Schleim erstickt mich ganz ... Wie er uns damals lachen gemacht hat! Bei Gott, das war eine Sünde! Wie er mit dem Rücken nach oben gelegen hat, und die Rockschöße waren auseinander ...«
Hierauf erfolgte der endgültig letzte, andauerndste Lachanfall, und dann schwiegen alle. Der eine seufzte, der andere gähnte laut mit einem Spruche, und alles versenkte sich in Schweigen.
Man hörte wie früher nur das Ticken des Pendels, das Klopfen von Oblomows Stiefeln und das leise Knistern des abgebissenen Fadens. Plötzlich blieb Ilja Iwanowitsch mit beunruhigter Miene mitten im Zimmer stehen und griff sich an die Nasenspitze.
»Was ist denn das für ein Unglück? Schau einmal!« sagte er. »Es wird eine Leiche sein; mir juckt immer die Nasenspitze ...«
»Ach du mein Gott!« sagte die Frau, die Hände zusammenschlagend. »Was für eine Leiche soll denn das sein, wenn die Nasenspitze juckt? Wenn die Nasenwurzel juckt, dann kommt eine Leiche. Wie vergeßlich du bist, Ilja Iwanowitsch, Gott sei mit dir! Wenn du das vor irgend jemand, zum Beispiel vor Gästen, sagtest, wäre das eine Schande.«
»Was bedeutet es denn, wenn die Nasenspitze juckt?« fragte Ilja Iwanowitsch verlegen.
»Daß du ins Glas schauen wirst. Wie kann man denn sagen, daß es eine Leiche bedeutet?«
»Ich verwechsle das immer!« sagte Ilja Iwanowitsch. »Wie soll man sich denn das alles merken? Bald juckt die Nase an der Seite, bald an der Spitze, bald an den Brauen ...«
»An der Seite«, fing Pjelageja Iwanowna an, »bedeutet Neuigkeiten, wenn die Brauen jucken, kommen Tränen, an der Stirne bedeutet es, daß man sich verneigen wird, wenn sie an der rechten Seite juckt, vor einem Manne, wenn es die linke Seite ist, vor einer Frau; wenn die Ohren jucken, kommt Regen, die Lippen bedeuten Küsse, der Schnurrbart, daß man geschenkte Leckereien essen wird, der Ellbogen, daß man an einem neuen Ort schlafen wird, die Sohlen – eine Reise ...«
»Nun, Pjelageja Iwanowna, du bist ein Hauptkerl!« sagte Ilja Iwanowitsch. »Oder, wenn die Butter billig wird, dann juckt vielleicht der Nacken ...«
Die Damen begannen zu lachen und zu flüstern; mancher von den Herren lächelte; es wurde wieder ein Lachausbruch vorbereitet, doch in diesem Augenblick ertönte es zugleich wie das Knurren eines Hundes und das Fauchen einer Katze, wenn sie bereit sind, aufeinander loszustürzen. Das war das Schlagen einer Uhr.
»Aber es ist ja schon neun Uhr!« sagte Ilja Iwanowitsch mit freudigem Erstaunen. »So was, man merkt ja gar nicht, wie die Zeit vergeht. Heh, Wassjka! Wanjka! Motjka!«
Es erschienen drei verschlafene Gesichter.
»Warum deckt ihr nicht die Tische?« fragte Oblomow erstaunt und ärgerlich. »Ihr denkt gar nicht an die Herrschaft! Nun, was steht ihr da? Schnell den Schnaps her!«
»Darum hat die Nasenspitze gejuckt!« sagte Pjelageja Iwanowna lebhaft. »Sie werden Schnaps trinken und dabei ins Glas schauen.«
Nach dem Abendbrot gehen alle in ihre Betten, nachdem sie einander geküßt und bekreuzigt haben, und der Schlaf herrscht über den sorglosen Häuptern.
Ilja Iljitsch träumt nicht von einem und nicht von zwei solchen Abenden, sondern von einer Reihe von Wochen, Monaten und Jahren, während welcher die Tage und Abende auf diese Weise verlebt wurden. Nichts störte die Eintönigkeit dieses Lebens, die den Oblomowern nicht zur Last fiel, da sie sich gar keine andere Lebensweise vorstellten; und selbst wenn sie es könnten, würden sie sich entsetzt davon abwenden. Sie würden kein anderes Leben wünschen und lieben. Es täte ihnen leid, wenn die Verhältnisse ihnen Veränderungen aufzwängen, was für welche es auch sein mochten. An ihnen würde Bangigkeit nagen, wenn das Morgen nicht dem Heute und das Übermorgen nicht dem Morgen ähnlich wäre. Wozu brauchen sie Ereignisse, Veränderungen, Zufälle, welche die anderen fordern? Mögen die anderen den Brei essen, den sie sich eingebrockt haben, aber sie, die Oblomower, geht das alles nichts an. Die anderen mochten leben, wie sie wollten. Sind doch die Zufälle selbst dann beunruhigend, wenn sie Gewinn bringen; sie erfordern Scherereien, Sorgen, man muß herumrennen, darf nicht auf einer Stelle sitzenbleiben, muß handeln oder schreiben, sich, mit einem Wort, bewegen; ist denn das ein Spaß! Sie haben ganze Jahrzehnte lang geschnauft, geschlummert, gegähnt oder sind bei den Äußerungen ihres ländlichen Humors in gutmütiges Gelächter ausgebrochen oder haben sich zu einer Runde versammelt und erzählt, was einem jeden von ihnen geträumt hat. Wenn der Traum schaurig war, sannen alle nach und fürchteten sich ernstlich; wenn er prophetisch war, freuten sich alle aufrichtig oder waren betrübt, je nachdem, ob sie etwas Trauriges oder Trostreiches im Traume gesehen hatten. Wenn der Traum die Erfüllung irgendeines Vorzeichens erforderte, wurden diesbezüglich energische Maßregeln getroffen. Oder man spielte Schwarzen Peter, Meine Tante – deine Tante und an den Feiertagen mit den Gästen Boston; man legte auch Karten, indem man den Cœur-König und die Treff-Dame zum Mittelpunkt nahm und eine Heirat wahrsagte. Manchmal kam irgendeine Natalja Fadjewna für eine oder zwei Wochen auf Besuch. Zuerst nahmen die Alten die ganze Umgegend durch, wie ein jeder lebte und was er tat; sie drangen nicht nur in die Familienverhältnisse, in das Leben hinter den Kulissen, sondern auch in die geheimen Gedanken und Vorsätze, in das Innere der Seele eines jeden ein; sie beschimpften und verurteilten die Unwürdigen, besonders die untreuen Männer, zählten dann die verschiedenen Ereignisse auf: Namenstage, Taufen, Geburtstage, wer womit bewirtet hat, wer eingeladen war und wer nicht. Dadurch ermüdet, beginnen sie sich alle ihre neuen Kleidungsstücke zu zeigen, die Kleider, Mäntel, sogar die Unterröcke und die Strümpfe. Die Hausfrau prahlt mit irgendwelchen Leinenstücken, mit Zwirn und Spitzen häuslicher Arbeit. Doch auch diese Unterhaltung erschöpft sich. Dann nimmt man Kaffee, Tee und Eingesottenes zu Hilfe. Und zuletzt geht man zum Schweigen über. Man sitzt lange da, blickt einander an und seufzt ab und zu tief auf. Manchmal beginnt eine von ihnen zu weinen. »Was hast du, Mütterchen?« fragte eine andere beunruhigt.
»Ach, Täubchen, es ist traurig!« antwortet der Gast tief seufzend. »Wir Unglücklichen haben Gott erzürnt. Es wird nichts Gutes dabei herauskommen.« – »Ach, Liebe, jage uns keine Furcht ein!« unterbricht die Hausfrau sie. – »Ja, ja«, fährt jene fort, »es kommen die letzten Tage; ein Volk wird sich gegen ein anderes erheben, ein Reich gegen ein anderes ... es kommt der Weltuntergang!« spricht endlich Natalja Fadjewna zu Ende, und beide weinen bitterlich. Natalja Fadjewna hat keinerlei Grund, eine solche Annahme zu machen, niemand hat sich gegen einen anderen erhoben, es hat in jenem Jahre nicht einmal einen Kometen gegeben; aber die alten Frauen haben zuweilen dunkle Ahnungen.
Manchmal wurde dieser Zeitvertreib durch irgendeinen unerwarteten Zufall gestört; wenn zum Beispiel im ganzen Hause klein und groß an Kohlendunst erkrankte. Von anderen Krankheiten hörte man im Hause oder im Dorfe kaum jemals; höchstens daß jemand sich im Dunkeln an einem Pfahl stieß oder vom Heuboden herabrutschte oder daß vom Dach ein Brett herabfiel und jemand auf den Kopf traf. Doch das alles kam selten vor, und gegen solche Zufälle wurden bewährte Hausmittel angewandt; die verletzte Stelle wurde mit Flußschwamm und Bertram eingerieben. Man gab Weihwasser zu trinken oder sagte ein Sprüchlein – und alles wurde wieder gut. Doch der Kohlendunst verursachte ihnen oft Beschwerden. Dann wälzten sich alle auf den Betten herum; man hörte ein Ächzen und Stöhnen; der eine belegte sich den Kopf mit Gurken und verband ihn sich mit dem Handtuch, der andere legte sich Moosbeeren in die Ohren und roch Meerrettich, der dritte ging im Hemd in den Frost hinaus, der vierte lag einfach bewußtlos am Fußboden herum. Das kam periodisch ein- oder zweimal im Monat vor, denn man liebte es nicht, die Wärme unnütz zum Schornstein hinauszulassen, und machte die Öfen schon zu, wenn darin noch solche Feuerzungen sprühten wie in »Robert der Teufel«. Man konnte keinen einzigen Ofen und keine einzige Ofenbank berühren, ohne daß man Blasen bekam.
Aber einmal wurde die Eintönigkeit ihres Lebens durch einen wahrhaft unverhofften Vorfall gestört. Als alle vom schweren Mittagessen ausgeruht hatten und sich zum Tee versammelten, kam plötzlich ein aus der Stadt zurückgekehrter Bauer herein, machte sich lange mit seinem Brustlatz zu schaffen und zog endlich einen zerdrückten, an Ilja Iwanowitsch Oblomow gerichteten Brief hervor. Alle wurden starr; die Hausfrau wechselte sogar ihre Gesichtsfarbe; aller Augen richteten sich und aller Nasen reckten sich nach dem Brief hin.
»Wie sonderbar! Von wem ist das?« sagte endlich die Gnädige, als sie wieder zur Besinnung gekommen war.
Oblomow ergriff den Brief und drehte ihn verblüfft in den Händen herum, ohne zu wissen, was er damit anfangen sollte.
»Wo hast du das her?« fragte er den Bauer. »Wer hat dir's gegeben?«
»Im Gasthof, wo ich in der Stadt abgestiegen bin«, antwortete der Bauer. »Man ist zweimal von der Post fragen gekommen, ob keine Bauern aus Oblomowka da sind; es wäre ein Brief für den gnädigen Herrn da.«
»Nun? ...«
»Nun, ich hab' mich zuerst versteckt, und der Soldat ist mit dem Brief fortgegangen. Aber der Küster aus Werchljowo hat mich gesehen und hat's gesagt. Man ist zum zweitenmal hingekommen. Als sie zum zweitenmal gekommen sind, haben sie geschimpft und mir den Brief gegeben und haben noch fünf Kopeken von mir genommen. Ich hab' gefragt, was ich damit tun soll, wo ich ihn hingeben soll. Da haben sie es Eurem Wohlgeboren abzugeben befohlen.«
»Du hättest ihn nicht nehmen sollen«, bemerkte die Gnädige unzufrieden.
»Ich wollte ihn ja gar nicht nehmen. Wozu brauchen wir denn einen Brief? – Wir brauchen keinen. Man hat uns nicht befohlen, Briefe anzunehmen, ich trau' mich nicht; geht selbst mit dem Brief hin! Da hat der Soldat aber sehr geschimpft; er wollte sich bei der Obrigkeit beklagen; da hab' ich ihn genommen.«
»Dummkopf!« sagte die Gnädige.
»Von wem kann er denn sein?« sagte Oblomow nachdenklich, die Adresse betrachtend. »Die Handschrift kommt mir bekannt vor, wirklich!«
Und der Brief wanderte aus einer Hand in die andere. Jetzt begann man Voraussetzungen und Annahmen zu machen, von wem und worüber er sein konnte. Endlich waren alle ganz ratlos. Ilja Iwanowitsch befahl, seine Brille zu holen; man suchte sie anderthalb Stunden. Er setzte sie auf und dachte schon daran, den Brief zu öffnen.
»Laß das, Ilja Iwanowitsch, öffne ihn nicht«, hielt ihn seine Frau ängstlich auf. »Wer weiß, was das für ein Brief ist! Vielleicht ist etwas Schreckliches, irgendein Unglück darin. Man kann ja vom heutigen Volk alles erwarten! Du wirst noch morgen oder übermorgen früh genug alles erfahren – er läuft dir ja nicht davon.«
Und der Brief wurde mit der Brille hinter Schloß und Riegel aufbewahrt. Alle gaben sich nun mit dem Tee ab. Der Brief hätte dort jahrelang liegenbleiben können, wenn er nicht ein zu außergewöhnliches Ereignis gewesen wäre und die Oblomower nicht in solchen Aufruhr versetzt hätte. Beim Tee und auch am nächsten Tage wurde von nichts anderem als von dem Brief gesprochen. Endlich ertrugen sie es nicht länger, versammelten sich am vierten Tage und öffneten ihn ängstlich. Oblomow blickte auf die Unterschrift.
»Radischtschew«, las er. »Ah, das ist ja von Philipp Matweitsch!«
»Ah so! Von dem!« ertönte es von allen Seiten. »Er lebt also noch immer? Ist er noch nicht gestorben! Nun, Gott sei Dank! Was schreibt er?«
Oblomow begann laut vorzulesen. Es ergab sich, daß Philipp Matweitsch ihn das Rezept des Bieres zu schicken bat, das in Oblomowka besonders gut gebraut wurde.
»Man muß es ihm schicken!« sagten alle, »und ihm einen Brief schreiben.«
So vergingen etwa zwei Wochen.
»Man muß ihm schreiben!« sagte Ilja Iwanowitsch wiederholt zu seiner Frau. »Wo ist denn das Rezept?«
»Ja, wo ist es?« antwortete die Frau. »Man muß es erst finden. Aber warum hast du es so eilig? Wenn Gott uns den Feiertag erleben läßt und wir zu fasten aufhören, dann wirst du ihm schreiben; es ist auch dann noch Zeit ...«
»Das ist wahr, ich schreibe ihm zu den Feiertagen«, sagte Ilja Iwanowitsch.
Zu den Feiertagen kam man wieder auf den Brief zu sprechen. Ilja Iwanowitsch machte endgültig Anstalten, zu schreiben. Er zog sich in das Arbeitszimmer zurück, nahm die Brille und setzte sich an den Tisch. Im Hause herrschte tiefe Stille; es wurde den Dienstboten zu stampfen und zu lärmen verboten. »Der gnädige Herr schreibt!« sagten alle mit so ängstlicher und ehrfurchtsvoller Stimme, mit der man spricht, wenn im Hause ein Toter ist. Kaum hatte er langsam, schief, mit zitternder Hand und mit einer Vorsicht, als hätte er etwas Gefährliches auszuführen, »Geehrter Herr« niedergeschrieben, als seine Frau erschien.
»Ich habe überall gesucht, das Rezept ist nicht da«, sagte sie. »Ich muß noch im Schlafzimmer im Schrank nachsehen. Und wie soll man denn den Brief schicken?«
»Mit der Post«, antwortete Ilja Iwanowitsch.
»Und was kostet es dahin?«
Oblomow suchte einen alten Kalender hervor.
»Vierzig Kopeken«, sagte er.
»Da soll man nun vierzig Kopeken für Dummheiten ausgeben«, bemerkte sie, »wir wollen lieber warten, bis es aus der Stadt eine Gelegenheit dorthin gibt. Sage den Bauern, sie sollen sich danach erkundigen.«
»Es ist wirklich wahr, wir schicken ihn lieber, wenn eine Gelegenheit da ist«, sagte Ilja Iwanowitsch, kratzte mit der Feder auf dem Tisch herum, steckte sie in das Tintenfaß und nahm die Brille ab.
»Das ist in der Tat besser«, schloß er, »der Brief läuft ja nicht davon; wir werden noch Zeit haben, ihn fortzuschicken.«
Es ist unbekannt, ob Philipp Matweitsch zu dem Rezept gelangt ist.
Ilja Iwanowitsch nahm manchmal auch ein Buch in die Hand – es war ihm ganz gleichgültig, was für eins. Er kam gar nicht auf den Gedanken, daß das Lesen ein tatsächliches Bedürfnis sein könne, sondern hielt es für einen Luxus, für ein Ding, das man leicht entbehren konnte, ebenso wie man ein Bild an der Wand haben kann oder auch nicht zu haben braucht oder spazierengehen oder auch nicht gehen kann; infolgedessen war es ihm ganz gleichgültig, was das für ein Buch war, er betrachtete es als einen Gegenstand, der zur Zerstreuung bestimmt ist, wenn man sich langweilt oder nichts zu tun hat. »Ich habe schon lange nichts gelesen«, sagt er oder ändert den Satz und sagt, »ich werde einmal ein Buch lesen«, oder er sieht einfach im Vorbeigehen zufällig das ihm vom Bruder überlassene Häuflein Bücher und nimmt, ohne zu wählen, was ihm unter die Hand kommt. Ob er Golikow, »Das neueste Traumbuch«, Cheraskows »Rosiade«, eine Tragödie von Sumarokow oder eine vorjährige Zeitungsnummer hervorzieht, er liest alles mit gleichem Vergnügen, indem er von Zeit zu Zeit bemerkt: »Schau nur, was er sich ausgedacht hat! So ein Schelm! Ach, daß dich der Kuckuck!« Diese Ausrufe bezogen sich auf die Autoren, deren Beruf in sei nen Augen gar keine Achtung verdiente; er hatte sich den Schriftstellern gegenüber sogar jene teilweise Verachtung angeeignet, mit der man sie in früheren Zeiten belegt hat. Er und viele andere hielten den Dichter für einen lustigen Kumpan, einen Bummler, Trunkenbold und Spaßvogel in der Art eines Seiltänzers.
Manchmal las er auch aus den vorjährigen Zeitungen laut vor oder teilte die Nachrichten auf folgende Weise mit:
»Man schreibt da aus Haag«, sagt er, »daß S.M. der König nach der kurzen Reise wohlbehalten in das Schloß zurückzukehren geruht hat«, und sieht dabei alle Zuhörer über die Brille an. Oder: »In Wien hat der und der Botschafter sein Kreditivschreiben eingehändigt. Und da schreibt man«, las er noch, »daß man die Werke der Frau Genlis ins Russische übersetzt hat.«
»Man übersetzt wohl immer nur deswegen«, bemerkt einer der Zuhörer, ein kleiner Gutsbesitzer, »um unsereinem, den Edelleuten, das Geld herauszulocken.«
Und der arme Iljuscha mußte immer zu Stolz fahren, um zu lernen. Sowie er am Montag erwacht, erfaßt ihn schon Bangigkeit. Er hört die laute Stimme Wassjkas, der von der Stiege herunterschreit:
»Antipe! spann den Schecken an! Der junge Herr fährt zum Deutschen hin.«
Sein Herz erbebt. Er geht traurig zur Mutter hin. Diese kennt schon den Grund und beginnt die Pille zu vergolden, indem sie selbst heimlich über die Trennung auf eine ganze Woche seufzt. Man weiß nicht, was alles man ihm an dem Morgen vorsetzen soll, man bäckt für ihn Semmeln und Kringel, gibt ihm Gesalzenes, Gebackenes, Gesottenes, verschiedene Obstmarmeladen und allerlei andere trockene und flüssige Leckereien und selbst Lebensmittel mit. Das alles geschieht in der Voraussetzung, daß man beim Deutschen nicht zu reichlich gefüttert wird.
»Dort wird man nicht fett«, sagten die Oblomower; »zu Mittag geben sie Suppe, Braten und Kartoffeln, zum Tee Butter und zum Abendbrot gibt es leere Schüsseln.«
Übrigens träumte Ilja Iljitsch meistens von den Montagen, an denen er Wassjkas Stimme, die den Schecken einzuspannen befahl, nicht hörte und an denen die Mutter ihn beim Tee mit einem Lächeln und mit der angenehmen Nachricht empfing:
»Heute fährst du nicht; am Donnerstag ist ein großer Feiertag; lohnt es sich denn für drei Tage hin- und herzufahren?«




