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»Was für Rechnungen? Was muß bezahlt werden?« fragte Ilja Iljitsch unzufrieden.
»Vom Fleischer, vom Gemüsehändler, von der Wäscherin, vom Bäcker; alle bitten um Geld.«
»Man hat immer Geldsorgen!« brummte Ilja Iljitsch.
»Warum gibst du mir denn die Rechnungen nicht allmählich, sondern alle auf einmal?«
»Sie haben mich ja immer damit fortgejagt: Ich sollte nur morgen kommen ...«
»Nun, und kann man es denn nicht auch jetzt auf morgen verschieben?«
»Nein! Sie bestehen darauf und geben nichts mehr auf Borg. Heute ist der Erste.«
»Ach!« sagte Oblomow niedergeschlagen, »neue Sorgen! Nun, was stehst du da? Leg's auf den Tisch. Ich werde gleich aufstehen, mich waschen und sie durchsehen. Es ist also alles zum Waschen vorbereitet?«
»Ja!«
»Nun, und jetzt ...«
Er begann sich ächzend auf dem Bette aufzurichten, um aufzustehen.
»Ich habe vergessen, Ihnen zu sagen«, begann Sachar, »vorhin, als Sie noch geschlafen haben, hat der Verwalter den Hausbesorger geschickt. Er sagt, daß wir durchaus ausziehen müssen ... Die Wohnung ist vergeben.«
»Nun also! Wenn sie vergeben ist, werden wir natürlich ausziehen. Warum läßt du mir keine Ruhe? Du sprichst nun schon das dritte Mal davon.«
»Man läßt auch mir keine Ruhe.«
»Sag, daß wir die Wohnung räumen werden.«
»Sie sagen, Sie haben es schon vor einem Monat versprochen, räumen aber noch immer nicht die Wohnung; sie sagen: ›Wir werden es der Polizei anzeigen.‹«
»Sollen sie's anzeigen!« sagte Oblomow entschlossen; »wir räumen die Wohnung von selbst, wenn es wärmer wird, so in drei Wochen.«
»Wieso in drei Wochen! Der Verwalter sagt, daß in zwei Wochen die Arbeiter kommen und alles niederreißen ... Er sagt: ›Ziehen Sie morgen aus oder übermorgen ...‹«
»Aber das ist zu schnell, morgen! Was ihnen alles einfällt; vielleicht werden sie es sofort befehlen! Untersteh dich nicht, mich an die Wohnung zu erinnern. Ich hab' es dir schon einmal verboten, und du fängst wieder an. Nimm dich in acht.«
»Was soll ich denn tun?« erwiderte Sachar.
»Was du tun sollst? Solche Ausreden gebrauchst du!« antwortete Ilja Iljitsch. »Das fragst du mich! Was geht das mich an? Komm mir nicht damit, sondern richte alles, wie du willst, so ein, daß wir nur nicht auszuziehen brauchen. Kannst du das denn nicht für deinen Herrn tun!«
»Wie soll ich's denn einrichten, Väterchen, Ilja Iljitsch?« begann Sachar mit sanfterem Krächzen, »das Haus gehört ja nicht mir, wie sollte man denn nicht aus einem fremden Hause ausziehen, wenn man fortgejagt wird? Wenn es mein Haus wäre, würde ich mit dem größten Vergnügen ...«
»Kann man sie denn nicht irgendwie überreden? Du weist darauf hin, daß wir schon lange hier wohnen und pünktlich zahlen.«
»Das habe ich schon probiert«, sagte Sachar.
»Was haben sie denn geantwortet?«
»Was sie geantwortet haben? Sie wiederholen immer das eine: ›Ziehen Sie aus!‹ sagen sie, ›wir müssen die Wohnung ändern‹, sie wollen aus der Doktorwohnung und aus dieser da zur Hochzeit des Hausherrnsohnes eine einzige große Wohnung machen.«
»Ach du mein Gott!« sagte Oblomow ärgerlich, »es gibt solche Esel, welche heiraten!«
Er drehte sich auf den Rücken um.
»Sie sollten an den Hausherrn schreiben, gnädiger Herr«, sagte Sachar, »dann würde er Sie vielleicht in Ruhe lassen und würde zuerst jene Wohnung niederreißen lassen.«
Sachar zeigte dabei mit der Hand irgendwohin nach rechts.
»Nun gut, wenn ich aufgestanden bin, werde ich schreiben ... Geh in dein Zimmer, ich werde darüber nachdenken. Du kannst nichts übernehmen«, fügte er hinzu. »Ich muß mich auch um dieses ekelhafte Zeug selbst kümmern!«
Sachar ging, und Oblomow begann nachzudenken.
Doch er war in Verlegenheit, worüber er nachdenken sollte: über den Brief des Dorfschulzen, über die Übersiedlung in eine neue Wohnung, oder sollte er mit den Rechnungen beginnen? Der Andrang der Sorgen machte ihn verwirrt, und er lag noch immer da, indem er sich von der einen Seite auf die andere wälzte. Man hörte nur ab und zu unzusammenhängende Ausrufe: »Ach du mein Gott! Das Leben macht sich fühlbar, es erreicht einen überall.«
Es ist unbestimmbar, wie lange er noch in dieser Unschlüssigkeit verharrt wäre; jetzt aber ertönte im Vorzimmer ein Läuten.
»Es kommt schon jemand!« sagte Oblomow, sich in den Schlafrock einwickelnd, »und ich bin noch nicht aufgestanden. Das ist eine Schande! Wer kommt denn so früh?«
Und er blieb liegen und blickte neugierig auf die Tür.
Zweites Kapitel
Es trat ein junger, fünfundzwanzigjähriger Mann herein, der von Gesundheit strotzte und lachende Wangen, Lippen und Augen besaß. Man wurde neidisch, wenn man ihn anblickte.
Er war tadellos frisiert und gekleidet und blendete durch die Frische seines Gesichtes, seiner Wäsche, seiner Handschuhe und seines Frackes. Auf seiner Weste breitete sich eine elegante Kette mit einer Menge von winzigen Berlocken aus. Er zog ein sehr feines Batisttuch hervor, atmete die morgenländischen Wohlgerüche ein, fuhr sich dann damit nachlässig über das Gesicht, über den glänzenden Hut und staubte sich die Lackstiefel ab.
»Ah, guten Tag, Wolkow!« rief Ilja Iljitsch aus.
»Guten Tag, Oblomow«, sagte der strahlende Herr, sich ihm nähernd.
»Nicht so nah, nicht so nah! Sie kommen aus der Kälte!« sagte dieser.
»Oh, Sie verzärtelter Sybarit!« erwiderte Wolkow und sah sich um, wo er seinen Hut hinlegen konnte; da er aber überall Staub sah, legte er ihn nirgendshin; dann hob er seine Frackschöße auf, um sich hinzusetzen; nachdem er aber den Sessel aufmerksam betrachtet hatte, blieb er stehen.
»Sie sind noch nicht aufgestanden! Was tragen Sie da für einen Morgenanzug? Man trägt solche schon längst nicht mehr«, beschämte er Oblomow.
»Das ist kein Morgenanzug, das ist ein Schlafrock«, sagte Oblomow, sich liebevoll hineinwickelnd.
»Fühlen Sie sich nicht wohl?« fragte Wolkow.
»Gar nicht!« antwortete Oblomow gähnend, »es geht mir schlecht: meine Kongestionen quälen mich so. Und wie geht es Ihnen?«
»Mir? Ich kann nicht klagen: Ich bin gesund und lustig!« fügte der junge Mann mit Betonung hinzu.
»Woher kommen Sie so früh?« fragte Oblomow.
»Vom Schneider. Schauen Sie mich an, ob der Frack gut sitzt?« sagte er, sich vor Oblomow hin und her wendend.
»Ausgezeichnet! Er ist sehr geschmackvoll genäht«, sagte Ilja Iljitsch, »aber warum ist er rückwärts so breit?«
»Das ist ein Reitfrack: zum Ausreiten.«
»Reiten Sie denn?«
»Aber gewiß! Ich habe mir den Frack extra für den heutigen Tag bestellt. Heute ist ja der erste Mai: ich reite mit Gorjunow nach Jekaterinhof. Ach! Sie wissen nicht? Man hat Mischa Gorjunow im Rang befördert, darum feiern wir heute«, fügte Wolkow entzückt hinzu.
»So!« sagte Oblomow.
»Er hat einen Fuchs«, fuhr Wolkow fort, »sie haben in ihrem Regiment Füchse, ich aber habe einen Rappen. Wie kommen Sie: zu Fuß oder im Wagen?«
»Überhaupt nicht.«
»Am ersten Mai nicht in Jekaterinhof sein! Aber Ilja Iljitsch. Dort werden ja alle sein!«
»Wieso alle! Doch nicht alle!« bemerkte Oblomow träge.
»Kommen Sie, lieber Ilja Iljitsch! Sofja Nikolajewna wird nur mit Lydia im Wagen sein, vis-à-vis ist aber noch eine Bank, Sie könnten also mitkommen ...«
»Nein, ich habe auf der Bank keinen Platz. Und was soll ich dort anfangen?«
»Nun, dann gibt Ihnen Mischa ein zweites Pferd!«
»Gott weiß, was er sich ausdenkt!« sagte Oblomow fast flüsternd. »Was haben Sie denn mit den Gorjunows?«
»Ach!« rief Wolkow errötend aus; »soll ich's sagen?«
»Sagen Sie's!«
»Werden Sie das niemand erzählen, Ihr Ehrenwort?« sprach Wolkow weiter, sich zu ihm aufs Sofa setzend.
»Gut.«
»Ich ... bin in Lydia verliebt«, flüsterte er.
»Bravo! Schon lange? Ich glaube, sie ist sehr nett.«
»Schon drei Wochen!« sagte Wolkow tief seufzend. »Und Mischa ist in Daschenjka verliebt.«
»In welche Daschenjka?«
»Woher sind Sie, Oblomow? Sie kennen nicht Daschenjka! Die ganze Stadt ist entzückt, wenn sie tanzt! Heute sind wir zusammen im Ballett; er wird ihr ein Bukett zuwerfen. Ich muß ihn bei ihr einführen: er ist schüchtern und noch ein Neuling ... Ach! ich muß ja noch hinfahren und Kamelien kaufen ...«
»Was noch? Lassen Sie das, bleiben Sie zum Mittagessen; wir würden miteinander sprechen. Ich habe ein doppeltes Unglück gehabt ...«
»Ich kann nicht, ich esse beim Fürsten Tjumenjew zu Mittag; es werden dort alle Gorjunows sein, und auch sie, sie ... Lidinjka!« fügte er flüsternd hinzu.
»Warum haben Sie den Verkehr mit dem Fürsten aufgegeben? Was das für ein lustiges Haus ist! Was für ein Ton dort herrscht! Und das Landhaus! es ist in Blumen gebettet! Man hat eine Galerie gothique angebaut. Es heißt, man wird dort im Sommer tanzen und lebende Bilder aufführen. Werden Sie hinkommen?«
»Nein, ich glaube nicht.«
»Ach, was das für ein Haus ist! Diesen Winter gab es dort jeden Mittwoch nicht unter fünfzig Personen, und manchmal waren es sogar hundert ...«
»Mein Gott! da ist es gewiß höllisch langweilig!«
»Wie kann man so etwas sagen? Langweilig! Je mehr Menschen da sind, desto lustiger ist es ja. Auch Lydia kam hin, ich habe ihr keine Aufmerksamkeit geschenkt, und plötzlich ...
Vergebens müh' ich mich, sie zu vergessen
Und durch Vernunft die Leidenschaft zu bannen ...«
sang er und setzte sich verträumt auf den Sessel; doch dann sprang er plötzlich auf und begann sich den Staub von den Kleidern zu klopfen.
»Wie staubig es bei Ihnen überall ist!« sagte er.
»Das ist alles Sachars Schuld!« klagte Oblomow.
»Nun, ich muß gehen!« sagte Wolkow, »ich habe noch für Mischa ein Bukett Kamelien zu besorgen. Au revoir!«
»Kommen Sie abends nach dem Ballett Tee trinken, Sie werden mir erzählen, wie es dort zugegangen ist«, lud Oblomow ein.
»Ich kann nicht, ich habe den Mussinskys versprochen, hinzukommen, heute ist bei ihnen Jour. Kommen Sie auch! Wenn Sie wollen, stelle ich Sie vor!«
»Nein, was soll ich dort anfangen?«
»Bei den Mussinskys? Aber ich bitte Sie, dorthin kommt ja die halbe Stadt. Was man dort anfangen soll? Das ist ein Haus, in dem über alles gesprochen wird ...«
»Das ist ja das Langweilige, daß über alles gesprochen wird«, sagte Oblomow.
»Besuchen Sie dann Mesdrows«, unterbrach ihn Wolkow, »dort spricht man nur von einem Gegenstand, von der Kunst; man hört nichts anderes als: die venezianische Schule, Beethoven und Bach, Leonardo da Vinci ...«
»Immer ein und dasselbe, wie langweilig! Das sind gewiß Pedanten!« sagte Oblomow gähnend.
»Man kann es Ihnen nicht recht machen. Gibt es etwa zu wenig Familien! Und alle haben sie jetzt Jours: bei den Sawinows speist man am Donnerstag, die Maklaschins empfangen am Freitag, die Wjasnikows am Sonntag, der Fürst Tjumenjew am Mittwoch. Bei mir sind alle Tage besetzt!« schloß Wolkow mit strahlenden Augen.
»Und fällt es Ihnen nicht lästig, tagaus, tagein herumzurennen?«
»Lästig! Wie kann das lästig fallen? Es ist so lustig!« sagte er sorglos. »Des Morgens liest man ein wenig, man muß immer au courantsein und alle Neuigkeiten wissen. Ich habe, Gott sei Dank, eine solche Beschäftigung, daß ich nicht ins Amt zu gehen brauche. Ich sitze nur zweimal in der Woche beim General und esse bei ihm zu Mittag; dann mache ich Leuten, bei denen ich schon lange nicht war, einen Besuch; nun, und dann ... gibt es ja immer eine neue Schauspielerin, bald im russischen und bald im französischen Theater. Die Oper wird nächstens eröffnet, ich abonniere mich. Und jetzt bin ich verliebt ... Es wird bald Sommer; man hat Mischa einen Urlaub versprochen; dann fahren wir für einen Monat auf ihr Gut, der Abwechslung halber. Dort wird gejagt. Sie haben sehr nette Nachbarn, es werden bals champêtresarrangiert. Ich werde mit Lydia im Wald spazierengehen, Boot fahren, Blumen pflücken ... Ach! ...« Und er machte einen Freudensprung ... »Es ist aber Zeit ... Adieu«, sagte er und machte vergebliche Versuche, sich im verstaubten Spiegel von vorne und von rückwärts zu betrachten.
»Warten Sie«, hielt ihn Oblomow zurück, »ich wollte mit Ihnen geschäftlich sprechen.«
»Pardon, ich habe keine Zeit«, antwortete Wolkow eilig, »ein andermal! Wollen Sie nicht mit mir Austern essen? Sie können mir dabei Ihre Angelegenheiten erzählen. Kommen Sie, Mischa ladet Sie ein.«
»Nein, was fällt Ihnen ein!« sagte Oblomow darauf.
»Also, Adieu!«
Er ging und kam zurück.
»Haben Sie das schon gesehen?« fragte er, die Hand zeigend, der der Handschuh wie angegossen saß.
»Was ist das?« fragte Oblomow verblüfft.
»Die neuen Lacets! Sehen Sie, wie gut das zusammenhält: Man braucht sich nicht zwei Stunden lang mit den Knöpfen abzuquälen, man zieht an der Schnur, und die Sache ist erledigt. Das kommt soeben aus Paris. Wollen Sie, daß ich Ihnen ein Paar zur Probe mitbringe?«
»Gut, bringen Sie mir eins mit.«
»Und sehen Sie sich einmal das an: nicht wahr, das ist sehr hübsch?« sagte er, nachdem er in dem Haufen der Berlocken eines ausgesucht hatte; es war eine Visitenkarte mit einer umgebogenen Ecke.
»Ich kann nicht entziffern, was darauf steht.«
»Pr. – Prince, M. – Michel, und der Familienname Tjumenjew ist nicht mehr daraufgegangen. Das hat er mir zu Ostern statt eines Eies geschenkt. Aber leben Sie wohl, au revoir! Ich muß noch zehn Personen aufsuchen. O Gott, wie lustig ist es auf der Welt!«
Und er verschwand.
Zehn Personen an einem Tage aufsuchen – der Unglückliche! dachte Oblomow. Und das ist ein Leben!, und er zuckte heftig die Achseln. Wo bleibt denn dann der Mensch? In wieviel kleine Teile löst er sich auf und zerfällt er? Es ist gewiß nicht übel, ins Theater hineinzugucken und sich in irgendeine Lydia zu verlieben ... Sie ist hübsch! Es ist schön, mit ihr auf dem Lande Blumen zu pflücken und spazierenzufahren! – Aber an einem Tage zehn Personen aufzusuchen – der Unglückliche!, schloß er, sich auf den Rücken umwendend und sich freuend, daß er keine so leeren Wünsche und Gedanken hatte, sondern daliegen und seine menschliche Würde und Ruhe aufrechterhalten konnte.
Ein neues Läuten unterbrach seine Betrachtungen.
Es kam wieder ein Gast.
Das war ein Herr in einem dunkelgrünen Frack mit Uniformknöpfen; er hatte ein glattrasiertes Kinn, einen dunklen Backenbart, der sein Gesicht gleichmäßig umrahmte, einen angestrengten, aber ruhigen und intelligenten Ausdruck in den Augen, ein welkes Gesicht und ein nachdenkliches Lächeln.
»Guten Tag, Sudjbinskij!« begrüßte Oblomow ihn freudig. »Schaust du dich auch einmal nach deinem alten Kollegen um! Komm nicht so nahe heran! Du bringst Kälte herein.«
»Guten Tag, Ilja Iljitsch. Ich wollte schon lange zu dir«, sprach der Gast, »aber du weißt ja, was für einen teuflischen Dienst wir haben! Da, schau einmal, ich habe hier einen ganzen Koffer voll Berichte, und ich habe dem Boten befohlen, herzurennen, wenn man dort nach irgend etwas fragt. Ich kann keinen Augenblick über mich verfügen.«
»Gehst du erst jetzt ins Amt? Warum so spät?« fragte Oblomow, »du pflegtest ja um zehn Uhr anzufangen ...«
»Ja, ich pflegte; jetzt ist's aber anders: ich fahre um zwölf Uhr hin.« Er betonte: fahre.
»Ah! ich errate!« sagte Oblomow, »du bist Bureauchef! Schon lange?«
Sudjbinskij nickte bedeutungsvoll.
»Seit Ostern«, sagte er. »Aber wieviel zu tun ist – schrecklich! Von acht bis zwölf Uhr arbeite ich zu Hause, von zwölf bis fünf Uhr in der Kanzlei, und dann habe ich noch abends zu tun. Ich bin jetzt gar nicht mehr gewohnt, mit Menschen zusammen zu sein.«
»Hm! Bureauchef, so!« sagte Oblomow. »Gratuliere! Du bist aber einer! Wir waren ja zusammen Kanzleibeamte. Ich denke, du wirst nächstes Jahr Regierungsrat.«
»Aber! Was fällt dir ein! Ich muß noch in diesem Jahr den Orden bekommen; ich habe gehofft, man würde mich ›für geleistete Dienste‹ vorschlagen, ich habe aber jetzt ein neues Amt übernommen. Das geht nicht, zwei Jahre nacheinander ...«
»Komm zu mir zum Essen, wir werden zu Ehren deines Avancements ein Glas leeren!« sagte Oblomow.
»Nein, ich bin heute beim Vizedirektor geladen. Ich muß für Donnerstag einen Bericht ausarbeiten – eine Höllenarbeit! Man kann sich auf den Rapport aus den Gouvernements nicht verlassen. Man muß die Register selbst kontrollieren. Foma Fomitsch ist so mißtrauisch: er will alles selbst prüfen. Wir machen uns heute nachmittag daran.«
»Wirklich, noch heute nachmittag?« fragte Oblomow ungläubig.
»Ja, was glaubst du denn? Es ist noch gut, wenn ich etwas früher damit fertig werde und Zeit habe, nach Jekaterinhof zu fahren ... Ja, also, ich bin gekommen, um dich zu fragen, ob du nicht mit mir spazierenfahren willst? Ich würde dich abholen.«
»Ich bin nicht ganz wohl, ich kann nicht!« sagte Oblomow, indem er das Gesicht verzog, »ich habe auch viel zu tun ...«
»Schade!« erwiderte Sudjbinskij, »es ist ein so schöner Tag. Ich hoffe wenigstens heute aufzuatmen.«
»Nun, was gibt es Neues bei euch?« fragte Oblomow.
»Vieles! Man hat jetzt festgesetzt, in den Briefen statt ›ergebener Diener‹ ›seien Sie versichert‹ zu schreiben; es ist angeordnet worden, nicht mehr zwei Exemplare Formularbogen einzureichen. Man hat unser Bureau um drei Tische und zwei Beamte vergrößert. Man hat unsere Kommission aufgehoben ... Und noch viel anderes!«
»Nun, und was ist mit unseren früheren Kollegen?«
»Vorläufig gar nichts; Swinkin hat seine Akten verloren!«
»Wirklich? Was hat denn der Direktor gesagt?« fragte Oblomow mit zitternder Stimme. Er erschrak in der Erinnerung an die alten Zeiten.
»Er hat ihm die Remuneration vorenthalten lassen, bis er die Akten findet. Es war ein wichtiges Dokument: ›Über die Steuereintreibung‹. Der Direktor glaubt«, fügte Sudjbinskij fast flüsternd hinzu, »daß er es ... absichtlich verloren hat.«
»Also so ist die Sache: du arbeitest immer!« sagte Oblomow, »du mühst dich ab.«
»Schrecklich, schrecklich! Aber es ist natürlich angenehm, mit einem solchen Menschen wie Foma Fomitsch zusammenzuarbeiten: Bei ihm bleibt niemand ohne Remuneration; er vergißt selbst die nicht, die nichts tun. Sobald die Zeit des Avancements da ist, schlägt er gleich vor; und dem, der noch kein Amt und keinen Orden bekommen kann, verschafft er Geld ...«
»Wieviel bekommst du?«
»1200 Rubel Gehalt, 750 Diäten, 600 Wohnungsgeld, 900 Zulagen, 500 Meilengeld und an 1000 Rubel Remuneration.«
»Aber zum Teufel!« sagte Oblomow, vom Sofa aufspringend, »hast du eine so schöne Stimme? Das klingt ja wie bei einem italienischen Sänger!«
»Das ist noch gar nichts! Pereswjetow bekommt Gratifikationen und arbeitet weniger als ich, er versteht auch nichts. Nun, er hat natürlich auch nicht dieses Renommee. Ich werde sehr geschätzt«, fügte er bescheiden, mit gesenkten Augen hinzu, »der Minister hat sich neulich ausgedrückt, daß ich die Zierde des Ministeriums sei.«
»Du bist ein Hauptkerl!« sagte Oblomow. »Aber diese Arbeit! Von acht bis zwölf und von zwölf bis fünf, und dann noch zu Hause – oh, oh!«
Er schüttelte den Kopf.
»Was sollte ich denn tun, wenn ich keinen Posten hätte?« fragte Sudjbinskij.
»Man kann Verschiedenes tun! lesen, schreiben ...« sagte Oblomow.
»Ich tue ja auch jetzt nichts als lesen und schreiben.«
»Das ist doch ganz was anderes; du würdest deine Sachen drucken lassen ...«
»Es können nicht alle Schriftsteller sein, du schreibst doch auch nicht!«
»Dafür habe ich ein Gut, das auf mir lastet«, sagte Oblomow seufzend. »Ich überlege mir einen neuen Plan; ich führe allerlei Reformen ein. Ich quäle mich damit ab ... Und du beschäftigst dich ja nicht mit Eigenem, sondern mit Fremdem.«
»Was soll man tun! Man muß arbeiten, wenn man bezahlt wird. Im Sommer werde ich ausruhen: Foma Fomitsch verspricht eigens für mich eine Dienstreise auszudenken ... dann bekomme ich Reisegeld, das für fünf Pferde berechnet wird, drei Rubel tägliche Diäten und Extragelder ...«
»Das geht ja wie geschmiert!« sagte Oblomow voll Neid; dann seufzte er und vertiefte sich in seine Gedanken.
»Ich brauche Geld, ich heirate im Herbst«, fügte Sudjbinskij hinzu.
»Was?! Wirklich? Wen denn?« fragte Oblomow teilnahmsvoll.
»Scherz beiseite, die Muarschin. Weißt du noch, sie haben neben mir auf dem Lande gewohnt! Du hast bei mir Tee getrunken und hast sie, scheint mir, gesehen.«
»Nein, ich erinnere mich nicht! Ist sie hübsch?«
»Ja, sie ist lieb. Wenn du willst, können wir zum Mittagessen zu ihnen hinfahren ...«
Oblomow wurde verlegen.
»Ja ... gut, aber ...«
»Nächste Woche«, sagte Sudjbinskij.
»Ja, ja, nächste Woche«, willigte Oblomow erfreut ein, »mein Anzug ist noch nicht fertig. Machst du eine gute Partie?«
»Ja, der Vater ist Hofrat; er gibt ihr zehntausend, und dann bekommen wir eine Amtswohnung. Er hat für uns die Hälfte seiner Wohnung bestimmt, zwölf Zimmer; außerdem bekommen wir die dazugehörigen Möbel und freie Beheizung und Beleuchtung: man kann also leben ...«
»Ja, man kann! Und ob! Bist du aber ein Kerl, Sudjbinskij!« fügte Oblomow nicht ohne Neid hinzu.
»Ich lade dich zu meiner Hochzeit als Kranzherr ein, denke daran ...«
»Aber gewiß! Nun, was ist mit Kusnezow, mit Wassiljew, mit Mochow?«
»Kusnezow ist längst verheiratet, Mochow hat meinen früheren Posten eingenommen, und Wassiljew ist nach Polen versetzt worden. Iwan Petrowitsch hat den Wladimirorden bekommen, Oleschkin ist Exzellenz geworden.«
»Er ist ein guter Kerl!« sagte Oblomow.
»Ja, ja; er verdient es.«
»Ein sehr guter Kerl, er hat einen so sanften, gleichmäßigen Charakter«, fügte Oblomow hinzu.
»Er ist auch so dienstfertig«, bemerkte Sudjbinskij – »und weißt du, er hat nicht dieses Bestreben, sich vorzudrängen, einem zu schaden, ein Bein zu stellen oder zuvorzukommen ... er tut alles, was er kann.«
»Ein prachtvoller Mensch! Wenn man manchmal in den Akten etwas verdreht oder nicht beachtet hat und eine andere Folgerung, ein anderes Gesetz unterschoben hat, hat er gar nichts gesagt; er hat's nur von jemand anderem verbessern lassen. Ein ausgezeichneter Mensch!« schloß Oblomow.
»Unser Sjemjon Sjemjonitsch ist dagegen unverbesserlich«, sagte Sudjbinskij, »er versteht nur, Sand in die Augen zu streuen. Was er da vor kurzem angestellt hat: Aus den Gouvernements ist ein Prospekt eingelaufen, daß an den zu unserem Departement gehörigen Gebäuden Hundehütten, zum Schutze des Staatseigentums gegen Raub, errichtet werden; unser Architekt, ein tüchtiger, gebildeter und ehrlicher Mann, hat einen sehr mäßig berechneten Kostenanschlag zusammengestellt; das ist ihm plötzlich zu teuer erschienen, und er hat sich darangemacht, Erkundigungen darüber einzuziehen, was das Fertigstellen einer Hundehütte kosten kann. Er hat irgendwo herausgefunden, daß es um dreißig Kopeken weniger kostet, und reicht sofort einen Bericht ein.«
Es wurde wieder geläutet.
»Adieu«, sagte der Beamte, »ich hab' mich verplaudert, man wird mich dort gewiß schon brauchen ...«
»Bleib noch«, hielt ihn Oblomow zurück. »Ich werde mich bei der Gelegenheit mit dir beraten; ich habe ein doppeltes Unglück gehabt ...«
»Nein, nein, ich komme lieber dieser Tage wieder«, sagte er im Fortgehen.
Der liebe Freund ist im Schlamm versunken, er ist über die Ohren versunken, dachte Oblomow, ihm mit den Augen folgend. Er ist für die ganze übrige Welt blind, taub und stumm. Er wird es aber zu etwas bringen, wird mit der Zeit im Amte schalten und walten und einen hohen Rang erreichen ... Auch das heißt bei uns Karriere! Und wie wenig wird dabei beansprucht; wozu braucht man seinen Verstand, seinen Willen, seine Gefühle? Das ist ein Luxus! Er wird seine Spanne Zeit leben, und vieles, vieles, vieles wird in ihm nicht wach werden ... Und dabei arbeitet er von zwölf bis fünf in der Kanzlei und von acht bis zwölf zu Hause – der Unglückliche!




