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Dann folgten Versicherungen der Ergebenheit und die Unterschrift: »Dein Dorfschulze, Dein ergebener Sklave Prokofij Witjaguschkin hat eigenhändig unterschrieben.« Da der Betreffende des Schreibens nicht kundig war, hatte er ein Kreuz hingemalt. »Nach dem Diktat des obigen Dorfschulzen von seinem Schwager Djomka, dem Krummen, geschrieben.«
Oblomow sah sich den Schluß des Briefes an. »Es ist weder der Monat noch das Jahr angegeben«, sagte er, »der Brief liegt gewiß seit vorigem Jahr beim Dorfschulzen; es steht von Johanni und der Dürre drin! Es ist ihm erst jetzt eingefallen, ihn fortzuschicken«; er vertiefte sich in seine Gedanken.
»Nun?« fragte er dann, »was sagen Sie dazu? Er bietet mir ›um zwei Tausend weniger‹ an! Wieviel bleibt denn da? Wieviel habe ich voriges Jahr bekommen?« fragte er, Alexejew anblickend. »Habe ich's Ihnen damals nicht gesagt? ...«
Alexejew wandte seine Augen der Zimmerdecke zu und dachte nach.
»Ich muß Stolz fragen, wenn er kommt«, fuhr Oblomow fort, »ich glaube, sieben oder acht Tausend ... es ist schlimm, wenn das nicht geschrieben wird! Er teilt mir jetzt also nur sechs zu! Ich werde ja verhungern! Wie soll ich damit auskommen?«
»Warum regen Sie sich so auf, Ilja Iljitsch?« sagte Alexejew, »man darf niemals verzweifeln; wenn etwas gemahlen ist, wird Mehl daraus.«
»Hören Sie denn nicht, was er schreibt? Anstatt mir Geld zu schicken, mich irgendwie schadlos zu halten, bereitet er mir, wie um sich über mich lustig zu machen, lauter Unannehmlichkeiten! Und so ist es jedes Jahr! Ich bin jetzt ganz außer mir! ›Um zwei Tausend weniger‹!«
»Ja, das ist ein großer Schaden«, sagte Alexejew, »zwei Tausend, das ist kein Spaß mehr! Alexei Loginitsch soll in diesem Jahr auch nur zwölftausend statt siebzehn bekommen haben.«
»Also doch zwölf und nicht sechs«, unterbrach ihn Oblomow. »Der Dorfschulze hat mich ganz verstimmt! Und wenn es auch tatsächlich so ist, daß Mißernte und Dürre herrschen, warum muß er mich da im vorhinein kränken?«
»Ja ... wirklich«, begann Alexejew, »das sollte er nicht tun; aber wie kann man denn von einem Bauern Feinfühligkeit erwarten? Dieses Volk versteht gar nichts.«
»Was würden Sie an meiner Stelle tun?« fragte Oblomow und blickte Alexejew mit der schwachen Hoffnung an, dieser würde sich zu seiner Beruhigung etwas ausdenken.
»Man muß die Sache überlegen, Ilja Iljitsch, das kann man nicht auf einmal abtun«, sagte Alexejew.
»Soll ich vielleicht dem Gouverneur schreiben?« sagte Ilja Iljitsch nachdenklich.
»Wer ist denn dort Gouverneur?«
Ilja Iljitsch antwortete nicht und sann nach. Alexejew schwieg und vertiefte sich auch in seine Gedanken.
Oblomow zerknitterte den Brief, stützte seinen Kopf auf die Hände, stemmte seine Ellbogen gegen die Knie und saß einige Zeit so da, vom Ansturm beunruhigender Gedanken gepeinigt.
»Wenn wenigstens Stolz bald käme«, sagte er, »er schreibt, daß er bald hier sein wird, und treibt sich dabei Gott weiß wo herum! Er hätte mir alles geordnet.«
Er wurde wieder traurig. Lange Zeit schwiegen beide. Endlich kam Oblomow als erster zur Besinnung.
»Man muß folgendes tun!« sagte er entschlossen und wäre fast aufgestanden, »und das muß möglichst bald geschehen, man darf nicht zögern ... Erstens ...«
Da ertönte ein verzweifeltes Läuten im Vorzimmer, so daß Oblomow und Alexejew zusammenfuhren und Sachar augenblicklich von der Ofenbank herabsprang.
Drittes Kapitel
»Zu Hause?« fragte jemand im Vorzimmer laut und grob. »Wohin soll man um diese Zeit gehen?« antwortete Sachar noch gröber.
Es kam ein etwa vierzigjähriger Mann herein, der einer stämmigen Rasse anzugehören schien, groß, in den Schultern und im ganzen Körper breit war, ausgeprägte Gesichtszüge, einen großen Kopf, einen stämmigen kurzen Nacken, große Glotzaugen und dicke Lippen besaß. Ein flüchtiger Blick auf diesen Menschen erzeugte die Vorstellung von etwas Grobem und Unsauberem. Man sah, daß er sich nicht um die Eleganz seines Anzuges kümmerte. Man kam selten dazu, ihn ordentlich rasiert zu sehen. Doch das war ihm offenbar gleichgültig; seine Kleidung brachte ihn nicht in Verlegenheit und wurde von ihm mit einer zynischen Würde getragen. Das war Michej Andrejitsch Tarantjew, Oblomows Landsmann.
Tarantjew blickte alles düster an, mit halber Verachtung und offenkundiger Feindseligkeit seiner Umgebung gegenüber, er war bereit, über alle und alles auf der Welt zu schimpfen, als wäre er ungerecht gekränkt oder in irgendeiner seiner Eigenschaften verkannt worden, wie ein selbständiger, vom Schicksal verfolgter Charakter, der sich nur unfreiwillig und protestierend fügt. Seine Bewegungen waren selbstbewußt und schwungvoll; er sprach laut, dreist und fast immer zornig; wenn man ihm aus der Ferne zuhörte, schien es, drei leere Fuhren rasselten über eine Brücke. Er ließ sich durch niemands Anwesenheit einschüchtern, suchte nicht lange nach Ausdrücken und war überhaupt immer mit allen grob, ohne seine Freunde auszuschließen, als wollte er einen jeden fühlen lassen, daß er ihm durch sein Sprechen, selbst durch sein Teilnehmen am Mittagessen oder Abendbrot eine große Ehre erwies.
Tarantjew war schlagfertig und schlau; niemand konnte besser als er eine Frage des alltäglichen Lebens oder eine verwickelte juridische Angelegenheit klarlegen: er stellte sogleich eine Theorie auf, wie in dem einen oder dem andern Fall zu handeln war, führte sehr treffende Beweise an und wurde zum Schluß fast immer gegen denjenigen, der seinen Rat begehrt hatte, grob.
Dabei bekleidete er selbst, trotz seiner grauen Haare, noch dasselbe Schreiberamt in irgendeiner Kanzlei, das er vor fünfundzwanzig Jahren angenommen hatte. Es fiel weder ihm noch irgend jemand anderem ein, daß er avancieren könnte. Die Sache war die, daß Tarantjew nur gut zu sprechen verstand; in der Theorie entschied er alles, besonders das, was andere anging, klar und leicht. Sowie er aber nur einen Finger bewegen, sich erheben oder überhaupt den von ihm selbst erdachten Plan anwenden, der Sache eine praktische Richtung geben und sie schnell in Gang bringen sollte, wurde er ein ganz anderer Mensch: dazu reichte es bei ihm nicht aus, es wurde ihm plötzlich zu viel, bald war er unwohl, bald schickte es sich nicht oder es fiel ihm etwas Neues ein, das er auch nicht in Angriff nahm, oder aus dem, wenn er es tat, Gott weiß was herauskam. Dann war er wie ein Kind: bei dem einen paßte er nicht genug auf, bei dem andern wußte er irgendeine Kleinigkeit nicht, oder er kam zu spät und ließ die Sache zum Schluß halbvollendet, oder er packte sie beim verkehrten Ende an und verhunzte alles in einer solchen Weise, daß man es gar nicht wieder gutmachen konnte, und dabei war er noch imstande zu schimpfen.
Sein Vater, der ein altmodischer Gerichtsschreiber in der Provinz war, wollte seinem Sohn seine Kunst und Erfahrung, sich mit fremden Angelegenheiten abzugeben, und seine mit Erfolg zurückgelegte Laufbahn in Amtsdiensten als Erbe überlassen, doch das Schicksal fügte es anders. Der Vater, der, wie es einst in Rußland üblich war, sich seine Bildung für ein paar Kupfermünzen angeeignet hatte, wollte seinen Sohn mit der Zeit mitgehen lassen und wünschte, ihm auch außer der schwierigen Kunst, fremde Angelegenheiten zu vertreten, etwas beizubringen. Er schickte ihn drei Jahre lang zum Popen, wo er Latein lernte.
Der von Natur aus begabte Knabe hatte im Laufe der drei Jahre die lateinische Grammatik samt Syntax bewältigt und begann gerade Cornelius Nepos zu lesen, als sein Vater entschied, daß er schon genügend wußte, daß er auch durch diese seine Kenntnisse der alten Generation gegenüber einen ungeheuren Vorsprung gewonnen hatte und endlich, daß ihm seine weiteren Studien möglicherweise im Amtsdienst schaden konnten. Der sechzehnjährige Michej wußte nun nicht, was er mit seinem Latein beginnen sollte, und vergaß es nach und nach in seinem Elternhause, nahm aber dafür, in Erwartung der großen Ehre, im Landes-und Kreisgericht anwesend sein zu dürfen, an allen Festgelagen seines Vaters teil, und in dieser Schule, inmitten der aufrichtigen Gespräche, verfeinerte und entwickelte sich der Geist des jungen Mannes. Er lauschte mit jugendlicher Empfänglichkeit den Erzählungen des Vaters und dessen Kameraden von verschiedenen strafrechtlichen und zivilen Angelegenheiten, von all den interessanten Fällen, welche durch die Hände aller dieser altmodischen Gerichtsschreiber gegangen waren. Doch das alles führte zu nichts. Michej wurde zu keinem Sachkundigen und Fintenmacher, obwohl alle Bemühungen des Vaters darauf gerichtet waren und auch gewiß von Erfolg gekrönt worden wären, wenn das Schicksal seine Absichten nicht hintertrieben hätte. Michej hatte sich tatsächlich die ganze Theorie der väterlichen Belehrungen angeeignet, er brauchte sie nur anzuwenden; doch er kam infolge des Todes seines Vaters nicht dazu, eine Anstellung bei Gericht zu erlangen, und er wurde von einem Wohltäter, der ihm eine Schreiberstelle in irgendeinem Departement verschafft hatte und ihn später vergaß, nach Petersburg mitgenommen. Auf diese Weise blieb Tarantjew sein Leben lang nur Theoretiker. Er konnte in dem Petersburger Amt mit seinem Latein und mit seiner raffinierten Theorie, gerechte und rechtlose Sachen willkürlich zum Ziele zu führen, nichts anfangen. Und dabei trug er die schlummernde Kraft bewußt mit sich herum, die durch feindliche Umstände ohne Hoffnung auf Befreiung in ihm eingeschlossen war. Vielleicht war Tarantjew infolge dieses Bewußtseins so grob, feindselig, immer zornig und streitsüchtig im Verkehr. Er verhielt sich seinen amtlichen Beschäftigungen, dem Abschreiben von Papieren, dem Zusammennähen von Akten usw. gegenüber voll Bitterkeit und Verachtung. Ihm lächelte in der Zukunft nur die eine letzte Hoffnung entgegen: bei der Akzise angestellt zu werden; das war für ihn der einzige Weg, der für die ihm vom Vater vermachte, aber nicht erreichte Laufbahn einen lohnenden Tausch bot. Und in Erwartung all dessen äußerte sich die fertige, von seinem Vater erschaffene Theorie der Tätigkeit und Lebensführung, diese Theorie der Bestechlichkeit und der Kniffe, nachdem sie um ihre würdigste Anwendung in der Provinz gekommen war, in allen Details seiner nichtigen Existenz zu Petersburg und schlich sich in Ermangelung von offizieller Betätigung in alle seine freundschaftlichen Beziehungen ein. Er war seiner Seele und seinen Prinzipien nach bestechlich und brachte es fertig, in Ermangelung von Geschäften und Bittstellern von seinen Kameraden und Kollegen Bestechungsgelder einzufordern, Gott weiß warum und wofür, ließ sich, von wem und wo es nur ging, bald durch List, bald durch Aufdringlichkeit freihalten, verlangte allen unverdiente Achtung ab und suchte Händel. Seine abgetragenen Kleider brachten ihn niemals in Verlegenheit; doch er wurde unruhig, wenn er in der Perspektive des Tages kein opulentes Mittagmahl mit einer angemessenen Quantität von Wein und Schnaps vor sich sah. Infolgedessen spielte er im Kreise seiner Bekannten die Rolle eines großen Kettenhundes, der alle anbellte und von keinem sich berühren ließ, dabei aber unfehlbar jedes Stück Fleisch im Fluge auffing, woher und wohin es auch fliegen mochte.
So waren die beiden eifrigsten Besucher Oblomows. Warum kamen diese beiden russischen Proletarier zu ihm? Das wußten sie sehr gut: um zu essen, zu trinken und gute Zigarren zu rauchen. Sie fanden warme, ruhige Räume und einen gleichmäßigen, wenn nicht freudigen, so doch gleichgültigen Empfang. Aber warum Oblomow sie zu sich ließ, darüber gab er sich wohl kaum Rechenschaft. Wahrscheinlich aus demselben Grunde, aus welchem noch bis heute in unseren entlegenen Oblomowkas1 in jedem wohlhabenden Hause sich ein Schwarm ähnlicher Persönlichkeiten beiderlei Geschlechtes drängt, ohne Brot, ohne Beschäftigung, ohne Hände, um etwas zu produzieren, nur mit einem Magen, um zu konsumieren, aber fast immer mit einem Rang und einem Titel. Es gibt noch Sybariten, für welche solche Anhängsel in ihrem Leben ein Bedürfnis sind: sie langweilen sich, wenn sie auf der Welt nicht etwas Überflüssiges haben. Wer wird eine irgendwohin verschwundene Tabatiere reichen, oder wer wird das auf den Fußboden herabgefallene Taschentuch aufheben? Wem kann man mit einem Anrecht auf Teilnahme über Kopfweh klagen, einen bösen Traum erzählen und dessen Deutung verlangen? Wer wird vor dem Schlaf vorlesen und einzuschlafen helfen? Und manchmal wird ein solcher Proletarier in die nächste Stadt zum Einkauf geschickt und hilft in der Wirtschaft mit – man wird sich doch mit diesen Dingen nicht selbst befassen!
Tarantjew machte viel Lärm und rüttelte Oblomow aus seiner Unbeweglichkeit und Langeweile auf. Er schrie, stritt und führte selbst etwas von der Art einer Vorstellung auf, indem er den faulen Edelmann von der Notwendigkeit zu sprechen und zu handeln befreite. Tarantjew brachte in das Zimmer, in welchem Schlaf und Ruhe herrschten, Leben, Bewegung und manchmal Kunde von außen, Oblomow konnte ohne einen Finger zu rühren etwas Lebendiges sehen und hören, das sich vor ihm bewegte und sprach. Außerdem war er noch einfältig genug zu glauben, Tarantjew wäre imstande, ihm tatsächlich etwas Brauchbares anzuraten.
Alexejews Besuche wurden von Oblomow aus einem anderen, nicht minder wichtigen Grunde geduldet. Wenn er die Zeit nach seinem Geschmack verbringen, d.h. schweigend daliegen, schlummern oder im Zimmer auf und ab gehen wollte, schien Alexejew gar nicht anwesend zu sein; er schwieg gleichfalls, schlummerte oder blickte in ein Buch hinein und betrachtete mit einem faulen Gähnen, bis zu Tränen, die Bilder und Kleinigkeiten. Er konnte drei Tage ununterbrochen auf diese Weise verbringen. Wenn das Alleinsein Oblomow aber lästig wurde, wenn er das Bedürfnis zu sprechen, zu lesen, zu räsonieren, irgendeine Erregung zu äußern, fühlte, hatte er stets einen gehorsamen und bereitwilligen Gesellschafter vor sich, der sein Schweigen und Sprechen, seine Aufregung und seine Denkweise, wie diese auch sein mochten, mit dem gleichen Diensteifer teilte. Die übrigen Gäste kamen selten, nur auf einen Augenblick, wie die früheren drei; das lebenskräftige Band, das ihn mit ihnen allen verbunden hatte, lockerte sich immer mehr und mehr. Oblomow interessierte sich manchmal für irgendeine Neuigkeit, für ein Gespräch von fünf Minuten, und schwieg dann befriedigt. Man mußte sich ihnen durch Aufmerksamkeit erkenntlich erweisen und an allem, was sie interessierte, teilnehmen. Sie ließen sich vom Menschenstrom forttragen; ein jeder von ihnen faßte das Leben auf seine Weise auf, so, wie Oblomow es nicht auffassen wollte; sie drängten ihn aber auch hinein. Das alles mißfiel ihm, stieß ihn ab, war ihm unangenehm. Nur ein Mensch war nach seinem Geschmack; auch dieser störte ihn in seiner Ruhe; auch dieser liebte das Neue, die Welt, die Wissenschaft und das ganze Leben, doch er liebte das alles tiefer, wärmer, aufrichtiger – und Oblomow, der mit allen freundlich war, liebte nur ihn allein von Herzen und glaubte nur ihm allein, vielleicht deswegen, weil er mit ihm zusammen aufgewachsen war, mit ihm zusammen gelernt und gelebt hatte. Das war Andrej Iwanitsch Stolz. Er war abwesend, doch Oblomow erwartete ihn stündlich.
Fußnoten
1 Die vom Familiennamen des Besitzers abgeleitete Benennung des Gutes.
Viertes Kapitel
»Guten Tag, Landsmann«, sagte Tarantjew kurz angebunden, seine zottige Hand Oblomow hinstreckend. »Warum liegst du noch bis jetzt wie ein Holzklotz da?«
»Komm nicht heran, komm nicht heran: du bringst Kälte mit«, sagte Oblomow, sich zudeckend.
»Was du dir einbildest! Ich sollte Kälte mitbringen?!« schrie Tarantjew auf. »Nimm nur die Hand, wenn man sie dir reicht! Es ist bald zwölf Uhr, und er liegt noch herum!«
Er wollte Oblomow vom Bett aufheben, doch dieser kam ihm zuvor, indem er die Füße rasch herabgleiten ließ und sofort in beide Pantoffeln zugleich schlüpfte.
»Ich wollte selbst bald aufstehen«, sagte er gähnend.
»Ich weiß schon, wie du aufstehen wolltest; du wärest bis zum Mittagessen liegen geblieben. He, Sachar! wo steckst du, alter Dummkopf? Hilf dem Herrn beim Anziehen.«
»Schaffen Sie sich zuerst Ihren eigenen Sachar an, dann können Sie schimpfen!« sagte Sachar, ins Zimmer tretend und Tarantjew feindselig anblickend. »Wieviel Straßenkot Sie hereingebracht haben, wie ein Hausierer!« fügte er hinzu.
»Du redest noch, du Teufelsfratze!« antwortete Tarantjew und hob den Fuß auf, um den vorübergehenden Sachar zu stoßen; doch dieser blieb stehen, wandte sich zu ihm hin und machte sich kampfbereit.
»Rühren Sie mich nur an! Was ist denn das? Ich gehe ...« sagte er und näherte sich der Tür.
»Aber hör doch auf, Michej Andreitsch, wie aufgeregt du bist! Warum läßt du ihn nicht in Ruh'?« sagte Oblomow. »Sachar, gib alles her, was ich brauche!«
Sachar kehrte um und lief, Tarantjew anschielend, geschwind an ihm vorüber. Oblomow stütze sich auf ihn, erhob sich ungern, wie ein sehr ermüdeter Mensch, vom Bett, ließ sich ebenso ungern in einen großen Lehnstuhl sinken und blieb reglos sitzen. Sachar nahm vom Tischchen Pomade, die Kämme und Bürsten, schmierte ihm den Kopf mit Pomade ein, machte ihm einen Scheitel und bürstete ihm dann die Haare.
»Werden Sie sich jetzt waschen?« fragte er.
»Ich werde noch ein wenig warten«, antwortete Oblomow, »geh!«
»Ah, Sie sind auch da?« sagte Tarantjew, sich plötzlich an Alexejew wendend, während Sachar Oblomow frisierte, »ich habe Sie gar nicht gesehen. Weshalb sind Sie hier? Ihr Verwandter ist ein solches Schwein! Ich wollte es Ihnen immer sagen ...«
»Was für ein Verwandter? Ich habe gar keinen Verwandten«, antwortete schüchtern der verblüffte Alexejew und glotzte Tarantjew an.
»Nun dieser da, welcher hier angestellt ist, wer ist es doch gleich? ... Er heißt Afanassjew. Wieso soll er denn nicht Ihr Verwandter sein? Er ist doch Ihr Verwandter.«
»Ich bin doch nicht Afanassjew, ich bin Alexejew«, sagte dieser, »ich habe keinen Verwandten.«
»Das ist nicht Ihr Verwandter? Er ist ebenso unansehnlich wie Sie und heißt auch Wassilij Nikolaitsch.«
»Bei Gott, er ist nicht mit mir verwandt; ich heiße Iwan Alexeitsch.«
»Nun, das ist ganz gleich, er sieht Ihnen ähnlich. Er ist aber ein Schwein; sagen Sie ihm das, wenn Sie ihn sehen.«
»Ich kenne ihn nicht und habe ihn niemals gesehen«, sagte Alexejew, seine Tabatiere öffnend.
»Geben Sie mir einmal Ihren Tabak«, sagte Tarantjew, »Sie haben einfachen und keinen französischen Tabak? Ja gewiß«, sagte er, nachdem er geschnupft hatte, »warum haben Sie keinen französischen?« fügte er dann strenge hinzu. »Wirklich, ich habe noch niemals ein solches Schwein gesehen, wie Ihr Verwandter es ist«, fuhr Tarantjew fort. »Ich habe von ihm einmal, es wird schon zwei Jahre her sein, fünfzig Rubel geborgt. Nun, sind denn fünfzig Rubel viel Geld? Wie sollte man so etwas nicht vergessen? Er denkt aber noch daran; er sagt mir nach einem Monat, wo er mich auch trifft: ›Und wie steht's mit Ihrer Schuld?‹ Es ist mir zu dumm geworden! Außerdem ist er gestern in unser Departement gekommen. ›Sie haben gewiß Ihr Gehalt bekommen‹, sagte er, ›jetzt können Sie mir das Geld zurückgeben.‹ Ich habe ihm mein Gehalt gegeben und habe ihn vor allen so beschämt, daß er mit Mühe zur Tür hinaus gefunden hat. Er sagt: ›Ich bin ein armer Mann, ich brauche es selbst!‹ Als ob ich es nicht brauchte! Bin ich denn so reich, um ihm immer fünfzig Rubel abzuzählen! Gib mir eine Zigarre, Landsmann.«
»Die Zigarren liegen dort in der Schachtel«, antwortete Oblomow, auf die Etagere zeigend. Er saß sinnend in seiner schönen, trägen Stellung im Lehnstuhl, ohne zu sehen, was um ihn her vorging, und ohne zu hören, was gesprochen wurde. Er blickte seine kleinen, weißen Hände liebevoll an und streichelte sie.
»Ah, das sind ja noch immer dieselben?« fragte Tarantjew streng, sich eine Zigarre herausnehmend und Oblomow anblickend.
»Ja, es sind dieselben«, antwortete Oblomow mechanisch.
»Und ich habe dir doch gesagt, du sollst dir andere, ausländische kaufen! So denkst du daran, was man dir sagt! Also schau zu, daß nächsten Samstag welche da sind, sonst komme ich lange nicht mehr her. Was das für ein Zeug ist!« sprach er weiter, sich die Zigarre anzündend, paffte eine Rauchwolke in die Luft und zog eine zweite ein, »man kann das gar nicht rauchen.«
»Du bist heute früh gekommen, Michej Andreitsch«, sagte Oblomow gähnend.
»Bist du vielleicht meiner überdrüssig?«
»Nein, ich habe das nur so bemerkt; du kommst gewöhnlich direkt zum Essen, und jetzt geht es erst auf ein Uhr.«
»Ich bin absichtlich früher gekommen, um zu erfahren, was heute für ein Mittagessen ist. Du fütterst mich immer mit elendem Zeug, ich möchte also erfahren, was du für heute bestellt hast.«
»Frage in der Küche nach«, sagte Oblomow.
Tarantjew ging hinaus.
»Aber was ist denn das!« sagte er, als er zurückkam, »Rindfleisch und Kalbsbraten. Ach, Bruder Oblomow, du verstehst nicht zu leben und bist noch dabei Gutsbesitzer! Was bist du für ein Edelmann? Du lebst wie ein Kleinbürger; du verstehst es nicht, einen Freund zu bewirten! Nun, hast du Madeira gekauft?«
»Ich weiß nicht, frage Sachar«, sagte Oblomow, fast ohne ihm zuzuhören, »es ist gewiß Wein da.«
»Der frühere deutsche? Nein, laß einen in der englischen Handlung kaufen.«
»Dieser ist auch gut genug«, sagte Oblomow, »sonst muß ich noch hinschicken!«
»Gib mir Geld, ich gehe vorüber und bringe eine Flasche mit; ich muß noch einen Gang machen.«
Oblomow wühlte in der Schublade herum und nahm einen roten Zehnrubelschein heraus, wie man sie damals hatte.
»Madeira kostet sieben Rubel«, sagte Oblomow, »und hier sind zehn.«
»Gib nur alles her: man wechselt es dort, habe keine Angst!«
Er riß den Schein Oblomow aus der Hand und versteckte ihn schnell in seiner Tasche.
»Nun, ich gehe«, sagte Tarantjew, den Hut aufsetzend, »ich komme um fünf Uhr wieder; man hat mir eine Anstellung bei der Akzise versprochen und hat gesagt, ich soll mich erkundigen ... Übrigens, hör einmal, Ilja Iljitsch: willst du heute nicht einen Wagen mieten, um nach Jekaterinhof zu fahren? Du könntest auch mich mitnehmen.«
Oblomow schüttelte verneinend den Kopf.
»Bist du zu faul, oder ist es dir um das Geld zu schade? Ach, du Mehlsack!« sagte er. »Nun, vorläufig adieu ...«
»Warte, Michej Andreitsch«, unterbrach ihn Oblomow, »ich muß mich über einiges mit dir beraten.«
»Was hast du denn? Sprich schnell; ich hab' keine Zeit.«
»Mich hat ein doppeltes Malheur betroffen. Man jagt mich aus der Wohnung hinaus ...«
»Du zahlst wohl nicht; sie haben schon recht!« sagte Tarantjew und wollte gehen.
»Was fällt dir ein! Ich zahle immer im voraus. Nein, man will die Wohnung umbauen ... Aber warte doch! Wohin gehst du? Rate mir, was ich tun soll: man drängt mich, ich soll in einer Woche ausziehen ...«
»Warum soll ich eigentlich dein Ratgeber sein? ... Was bildest du dir eigentlich ein ...«
»Ich bilde mir gar nichts ein«, sagte Oblomow, »lärme nicht und schreie nicht, denke lieber darüber nach, was zu tun ist. Du bist ein praktischer Mensch ...«
Tarantjew hörte ihm nicht mehr zu und überlegte sich etwas.
»Nun, also meinetwegen; bedanke dich bei mir«, sagte er, sich setzend und den Hut abnehmend, »und laß beim Mittagessen Champagner servieren: deine Angelegenheit ist erledigt.«
»Wie denn?« fragte Oblomow.
»Gibst du mir Champagner?«
»Also gut, wenn dein Rat so viel wert ist ...«
»Du bist ja gar nicht wert, daß ich dir einen Rat gebe. Warum soll ich dir denn umsonst raten? Frage doch diesen da«, fügte er auf Alexejew hinweisend hinzu, »oder seinen Verwandten.«
»Aber so laß doch gut sein und sprich!« bat Oblomow.
»Also hör zu: du ziehst noch morgen aus ...«
»Das hast du dir ausgedacht? Soviel habe ich auch selbst gewußt ...«
»Warte, unterbrich mich nicht!« schrie Tarantjew ihn an. »Übersiedle morgen in das Haus meiner Gevatterin, auf der Wiborgskajastraße ...«
»Das ist aber etwas ganz Neues, auf die Wiborgskajastraße! Man sagt, daß dort im Winter die Wölfe herumlaufen.«
»Es kommt vor, daß sie von den Inseln herüberlaufen, was geht das dich an?«
»Es ist dort langweilig und öde, und niemand kommt hin.«
»Das ist nicht wahr! Dort wohnt meine Gevatterin; sie hat ihr eigenes Haus mit großem Gemüsegarten. Sie ist eine vornehme Frau, eine Witwe mit zwei Kindern; mit ihr zusammen lebt ihr lediger Bruder; der hat einen ganz anderen Verstand als dieser da in der Ecke«, sagte er, auf Alexejew hinweisend, »da sind wir beide nichts dagegen!«



