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»Wo hatten wir einen?« sagte Sachar. »Es ist nichts geblieben ...«
»Wieso ist nichts geblieben?« unterbrach ihn Ilja Iljitsch. »Ich erinnere mich ganz genau; es war noch ein so großes Stück da ...«
»Nein, nein! Es ist gar nichts zurückgeblieben!« wiederholte Sachar beharrlich.
»Es war noch etwas da!« sagte Ilja Iljitsch.
»Nein!« antwortete Sachar.
»Nun, dann kaufe Käse.«
»Geben Sie mir Geld.«
»Dort liegt kleines Geld, nimm es!«
»Hier ist nur ein Rubel vierzig, und ich brauche einen Rubel sechzig Kopeken.«
»Dort waren noch Kupfermünzen!«
»Ich habe keine gesehen!« sagte Sachar, von einem Fuß auf den anderen tretend. »Es war Silber da, das liegt hier noch, es waren aber keine Kupfermünzen dabei!«
»Es waren welche dabei; gestern hat sie der Hausierer mir selbst in die Hand gegeben.«
»Ich war dabei«, sagte Sachar, »ich habe gesehen, daß er Kleingeld gegeben hat, ich habe aber keine Kupfermünzen gesehen ...«
Vielleicht hat Tarantjew sie genommen? dachte Ilja Iljitsch unschlüssig, aber nein, der hätte auch das Kleingeld genommen.
»Was gibt es also sonst noch?« fragte er.
»Gar nichts! Ich muß Anissja fragen, ob der gestrige Schinken noch da ist«, sagte Sachar. »Soll ich ihn bringen?«
»Bringe, was da ist. Wieso ist denn sonst nichts geblieben?«
»Nun, es ist eben nichts geblieben!« sagte Sachar und ging.
Und Ilja Iljitsch spazierte langsam und sinnend im Zimmer herum.
»Ja, ich habe viel Sorgen«, sagte er leise. »Zum Beispiel der Plan – wieviel Arbeit er noch erfordert! ... Und es ist doch ein Stück Käse übriggeblieben«, fügte er sinnend hinzu, »Sachar hat ihn aufgegessen und sagt, daß keiner da war! Und wo sind die Kupfermünzen hingekommen?« sagte er, mit der Hand auf dem Tisch herumtastend.
Nach einer Viertelstunde stieß Sachar die Tür mit dem Präsentierbrett auf, das er in beiden Händen hielt, und wollte, als er im Zimmer war, die Tür mit dem Fuß zuschlagen, doch er hatte falsch gezielt und traf den leeren Raum; das Weinglas fiel herab, ihm folgte der Pfropfen der Karaffe und eine Semmel.
»Du kannst keinen Schritt machen, ohne daß so etwas vorkommt!« sagte Ilja Iljitsch. »Nun, so hebe doch das, was du fallen gelassen hast, auf; er steht noch da und bewundert es!«
Sachar beugte sich mit dem Präsentierteller herab, um die Semmel aufzuheben, bemerkte aber, als er sich niedergekauert hatte, daß seine beiden Hände beschäftigt waren und er nichts hatte, womit er die Semmel aufheben konnte.
»Nun, hebe es einmal auf!« sagte Ilja Iljitsch spöttisch. »Nun also? Warum tust du es denn nicht?«
»Oh, daß euch der Teufel hole, ihr verfluchten«, wandte sich Sachar wütend an die herabgeworfenen Gegenstände, »wo kommt es denn vor, daß knapp vor dem Mittagessen gefrühstückt wird?«
Er stellte das Präsentierbrett hin und hob alles, was ihm heruntergefallen war, vom Fußboden auf; er nahm die Semmel, blies sie ab und legte sie auf den Tisch.
Ilja Iljitsch begann zu frühstücken, und Sachar blieb in einiger Entfernung stehen und blickte ihn von der Seite an, als hätte er vor, etwas zu sagen. Aber Oblomow frühstückte, ohne ihm die geringste Beachtung zu schenken. Sachar räusperte sich zweimal. Oblomow sah sich noch immer nicht um.
»Der Verwalter hat soeben wieder herübergeschickt«, begann Sachar endlich schüchtern, »er sagt, der Baumeister war bei ihm, er fragt, ob er unsere Wohnung anschauen darf? Es ist alles des Umbaues wegen ...«
Ilja Iljitsch aß, ohne ein Wort zu erwidern.
»Ilja Iljitsch!« sagte Sachar nach einer Weile noch leiser.
Ilja Iljitsch gab sich den Anschein, als hörte er nichts.
»Man fordert, daß wir nächste Woche ausziehen«, krächzte Sachar.
Oblomow trank ein Glas Wein und schwieg.
»Was sollen wir denn anfangen, Ilja Iljitsch?« fragte Sachar fast flüsternd.
»Habe ich dir denn nicht verboten, mir davon zu sprechen!« sagte Ilja Iljitsch streng, erhob sich und kam auf Sachar zu. Dieser wich vor ihm zurück.
»Was du für ein giftiger Mensch bist, Sachar!« fügte Oblomow überzeugt hinzu.
Sachar fühlte sich verletzt.
»Aber«, sagte er, »ich bin giftig! Warum bin ich denn giftig? Ich habe niemand umgebracht.«
»Natürlich bist du giftig!« wiederholte Ilja Iljitsch, »du vergiftest mir das Leben.«
»Ich bin nicht giftig!« sagte Sachar.
»Warum läßt du mir mit der Wohnung keine Ruhe?«
»Was soll ich denn tun?«
»Und was soll ich denn tun?«
»Sie wollten doch dem Hausherrn schreiben!«
»Ich werde ihm auch schreiben; warte nur; aber das geht doch nicht so schnell!«
»Sie sollten ihm jetzt gleich schreiben!«
»Jetzt, jetzt! Ich habe noch Wichtigeres zu tun. Du glaubst, das ist wie Holzhacken? Eins, zwei, drei? Da«, sagte Oblomow, die trockene Feder in das Tintenfaß tauchend, »es ist ja gar keine Tinte drin! Wie soll ich schreiben?«
»Ich werde gleich Kwaß hineintun«, sagte Sachar, nahm das Tintenfaß in die Hand und ging damit rasch ins Vorzimmer, während Oblomow nach Papier zu suchen begann. »Ich glaube, es ist auch kein Papier da!« sprach er zu sich selbst, in der Schublade herumstöbernd und auf dem Tisch herumtastend. »Nirgends! Ach, dieser Sachar, er ist unerträglich!«
»Und du willst kein giftiger Mensch sein?« sagte Ilja Iljitsch zu Sachar, der wieder hereinkam, »du kümmerst dich um gar nichts! Weshalb ist kein Papier im Hause?«
»Was ist denn das für eine Plage, Ilja Iljitsch! Ich bin ein Christ, warum sagen Sie, daß ich giftig bin? Was Ihnen einfällt; ich soll giftig sein! Wir sind beim alten Herrn geboren und aufgewachsen, er hat uns Hund zu schimpfen und bei den Ohren zu reißen geruht, wir haben aber nie ein solches Wort gehört, er hat sich so etwas nicht ausgedacht! Das ist ja eine Sünde! Da ist Papier, bitte!«
Er nahm von der Etagere einen halben Bogen grauen Papiers herab und reichte es ihm.
»Kann man denn darauf schreiben?« fragte Oblomow, das Papier fortwerfend, »ich habe damit für die Nacht mein Glas zugedeckt, um zu verhindern, daß etwas ... Giftiges hineinkommt.«
Sachar wandte sich ab und blickte auf die Mauer.
»Nun, da kann man nichts machen. Gib her, ich schreibe das Konzept, und Alexejew schreibt es dann ab.«
Ilja Iljitsch setzte sich an den Tisch und schrieb schnell: »Euer Wohlgeboren! ...«
»Wie schlecht die Tinte ist!« sagte er, »passe nächstes Mal besser auf und erfülle deine Pflichten, wie es sich gehört!« Er dachte ein wenig nach und begann dann wieder zu schreiben:
»Die Wohnung, welche ich im zweiten Stock des Hauses gemietet habe, in welchem Sie einiges umzubauen beabsichtigen, entspricht vollkommen meiner Lebensweise und den von mir infolge des langen Wohnens in diesem Hause angenommenen Gewohnheiten. Durch meinen Leibeigenen, Sachar Trofimow, benachrichtigt, daß Sie mir mitzuteilen befohlen haben, daß die von mir gemietete Wohnung ...«
»Das ist ungeschickt«, sagte er, »hier steht zweimal daß und dort zweimal welche.«
Er murmelte vor sich hin und stellte die Worte um; dann sah er, daß welcher sich auf Stock bezog – das ging wieder nicht. Er änderte das, so gut es ging, um und begann darüber zu grübeln, wie er die Wiederholung von daß vermeiden könnte. Bald strich er ein Wort durch, bald schrieb er es wieder hin. Er stellte daß dreimal um, doch dabei kam entweder ein Unsinn oder die Nachbarschaft eines zweiten daß heraus.
»Man kann dieses zweite Daß gar nicht loswerden!« sagte er ungeduldig. »Ach! Zum Teufel mit diesem Brief! Ich soll mir wegen solcher Kleinigkeiten den Kopf zerbrechen! Ich bin es nicht mehr gewohnt, Geschäftsbriefe zu schreiben. Und jetzt ist es schon bald drei Uhr.«
»Sachar, da hast du es!« Er zerriß den Brief in vier Stücke und warf sie zu Boden.
»Hast du's gesehen?« fragte er.
»Ich hab's gesehen«, antwortete Sachar, die Papierschnitzel aufhebend.
»Also, laß mich jetzt mit der Wohnung in Ruhe. Und was hast du da?«
»Die Rechnungen.«
»Ach, du mein Gott! Du quälst mich zu Tode! Nun, wieviel steht da, sag's schnell!«
»Der Schlächter bekommt 86 Rubel 54 Kopeken.«
Ilja Iljitsch schlug die Hände zusammen.
»Bist du verrückt? Der Schlächter allein bekommt einen solchen Haufen Geld?«
»Wir haben seit drei Monaten nicht gezahlt, da kann sich schon ein Haufen ansammeln! Hier steht es drin, man hat es nicht gestohlen!«
»Und du willst nicht giftig sein?« sagte Oblomow. »Du hast für eine Million Fleisch gekauft! Wie kannst du so viel in dich hineinbringen? Wenn man wenigstens etwas davon hätte.«
»Ich hab's nicht aufgegessen!« gab Sachar barsch zur Antwort.
»Nein! Du hast's nicht gegessen!«
»Warum werfen Sie mir mein Essen vor? Da, sehen Sie!« Und er streckte ihm die Rechnungen hin.
»Nun, wem noch?« fragte Ilja Iljitsch, die fettigen Hefte ärgerlich von sich stoßend.
»Noch 121 Rubel 18 Kopeken dem Bäcker und Gemüsehändler.«
»Das ist ja der Ruin! Das ist unerhört!« sagte Oblomow ganz außer sich. »Bist du denn eine Kuh, daß du so viel Grünzeug zusammenkaufst ...«
»Nein! Ich bin ein giftiger Mensch!« bemerkte Sachar bitter, sich gänzlich vom Herrn abwendend. »Wenn Sie Michej Andreitsch nicht zu sich lassen würden, hätten wir weniger verbraucht!« fügte er hinzu.
»Nun, wieviel macht also das Ganze aus, rechne!« sagte Ilja Iljitsch und begann selbst zu rechnen.
Sachar zählte an seinen Fingern herum.
»Zum Teufel, was für ein Unsinn herauskommt; jedesmal etwas anderes!« sagte Oblomow. »Nun, wieviel hast du herausgebracht, zweihundert?«
»Warten Sie, lassen Sie mir Zeit!« sagte Sachar, die Augen schließend und brummend, »acht Zehner und zehn Zehner sind achtzehn und zwei Zehner ...«
»Nun, du wirst so niemals fertig«, sagte Ilja Iljitsch, »geh in dein Zimmer und gib mir morgen die Rechnung, sorge auch für Papier und Tinte ... So ein Haufen Geld! Ich habe gesagt, man soll nach und nach zahlen, er geht aber immer darauf aus, alles auf einmal zu begleichen ... Ist das ein Volk!«
»Zweihundertfünfzig Rubel zweiundsiebzig Kopeken«, sagte Sachar, als er mit dem Zusammenrechnen fertig war. »Geben Sie mir das Geld.«
»Aber natürlich, sofort! Wart nur noch: Ich werde morgen nachrechnen ...«
»Wie Sie wollen, Ilja Iljitsch, aber man verlangt das Geld ...«
»Nun, laß mich nur in Ruh'! Wenn ich sage morgen, dann kriegst du's auch morgen. Geh in dein Zimmer, ich habe zu tun. Ich habe größere Sorgen ...«
Ilja Iljitsch setzte sich in den Sessel hinein, zog die Füße hinauf und wollte sich gerade in seine Gedanken versenken, als ein Läuten ertönte. Es erschien ein kleiner Mann mit einem mäßigen Bäuchlein, mit einem weißen Gesicht, roten Backen und einer Glatze, die im Nacken mit schwarzen, dichten Haaren wie mit Fransen verbrämt war. Die Glatze war rund, rein und glänzte so, als wäre sie aus Elfenbein geschnitzt. Das Gesicht des Gastes zeichnete sich durch einen besorgten, aufmerksamen Ausdruck allem gegenüber, was er anblickte, durch einen reservierten Blick, durch ein gemäßigtes Lächeln und einen bescheidenen, offiziellen Ausdruck aus. Er trug einen bequemen Frack, der sich beinahe bei einer bloßen Bewegung schon weit und behaglich öffnete wie ein Tor. Seine Wäsche war, wie um mit der Glatze zu harmonieren, von blendendem Weiß. Er trug auf dem Zeigefinger der rechten Hand einen großen, massiven Ring mit irgendeinem dunklen Stein.
»Doktor! Durch welche Schicksalsfügung kommen Sie?« rief Oblomow aus, dem Gast die eine Hand hinstreckend und ihm mit der zweiten einen Sessel hinschiebend.
»Es dauert mir zu lange, daß Sie immer gesund sind und mich nicht holen lassen, darum komme ich selbst«, antwortete der Doktor scherzhaft. »Nein«, fügte er dann ernst hinzu, »ich war oben bei Ihrem Nachbarn und bin bei der Gelegenheit nachschauen gekommen, wie es Ihnen geht.«
»Danke. Und was ist mit dem Nachbar?«
»Was mit ihm ist? Die Sache wird sich drei, vier Wochen, vielleicht auch bis zum Herbst hinziehen, und dann ... dann steigt das Wasser in die Brust. Das bekannte Ende. Nun, und wie geht es Ihnen?«
Oblomow schüttelte traurig den Kopf.
»Schlecht, Doktor. Ich habe selbst daran gedacht, Sie um Rat zu fragen. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Der Magen arbeitet fast gar nicht, ich fühle einen Druck unter der Herzgrube, mich quält Sodbrennen, ich atme schwer ...« zählte Oblomow mit kläglicher Stimme auf.
»Geben Sie mir die Hand«, sagte der Doktor, griff nach dem Puls und schloß für einen Augenblick die Augen. »Husten Sie?« fragte er.
»In der Nacht besonders, wenn ich soupiert habe.«
»Hm! Leiden Sie an Herzklopfen? An Kopfschmerzen?«
Der Doktor stellte noch ein paar ähnliche Fragen, neigte dann seine Glatze und versank in ein tiefes Nachdenken. Nach zwei Minuten hob er plötzlich den Kopf und sagte mit entschlossener Stimme:
»Wenn Sie noch zwei, drei Jahre in diesem Klima leben, immer liegen, Fettes und Schwerverdauliches essen – werden Sie an Schlagfluß sterben.«
Oblomow fuhr zusammen.
»Was soll ich denn tun? Helfen Sie mir, um Gottes willen!« sagte er.
»Dasselbe, was die andern tun: ins Ausland reisen.«
»Ins Ausland!« wiederholte Oblomow erstaunt.
»Ja. Warum denn nicht?«
»Aber, ich bitte Sie, Doktor, ins Ausland! Wie kann man denn das?«
»Warum soll man denn nicht hinreisen?«
Oblomow richtete die Augen schweigend auf sich selbst, dann auf sein Arbeitszimmer und wiederholte mechanisch:
»Ins Ausland!«
»Was hindert Sie denn daran?«
»Was mich hindert? Alles ...«
»Wieso alles? Haben Sie denn kein Geld?«
»Ja, ja. Ich habe wirklich kein Geld«, sagte Oblomow lebhaft, durch dieses so natürliche Hindernis erfreut, hinter das er sich ganz, mit Haut und Haar, verstecken konnte. »Schauen Sie einmal, was der Dorfschulze mir schreibt ... Wo ist der Brief? Wo habe ich ihn hingelegt? Sachar!«
»Gut, gut«, sagte der Doktor, »das geht mich nichts an; meine Pflicht ist, Ihnen zu sagen, daß Sie die Lebensweise, den Ort, die Luft, die Beschäftigung, alles, alles verändern müssen.«
»Gut, ich werde es mir überlegen«, sagte Oblomow. »Wohin soll ich denn fahren, und was soll ich tun?«
»Fahren Sie nach Kissingen«, begann der Doktor, »verleben Sie dort den Juni und Juli. Trinken Sie den dortigen Brunnen. Dann begeben Sie sich in die Schweiz oder nach Tirol und machen eine Traubenkur durch. Dort verbringen Sie den September und Oktober ...«
»Zum Teufel auch, nach Tirol!« flüsterte Ilja Iljitsch kaum hörbar.
»Dann irgendwohin, in eine trockene Gegend, vielleicht nach Ägypten ...«
»Das auch noch!« flüsterte Oblomow.
»Beseitigen Sie die Sorgen und Unannehmlichkeiten ...«
»Sie haben gut reden«, bemerkte Oblomow, »Sie bekommen keine solchen Briefe vom Dorfschulzen ...«
»Sie müssen auch die Gedanken verscheuchen«, fuhr der Doktor fort.
»Die Gedanken?«
»Ja, geistige Anstrengung.«
»Und der Plan der Gutseinrichtung? Ich bitte Sie, bin ich denn ein Holzklotz ...«
»Wie Sie wollen. Es ist meine Pflicht, Sie zu warnen. Sie müssen auch den Leidenschaften aus dem Wege gehen, sie sind der Kur hinderlich. Sie müssen sich bestreben, sich durch Reiten, Tanzen, durch mäßige Bewegung in der frischen Luft und durch angenehme Gespräche, besonders mit Damen, zu zerstreuen, damit das Herz nur von angenehmen Empfindungen und nicht zu stark zum Klopfen gebracht wird.«
Oblomow lauschte ihm mit gesenktem Kopfe.
»Dann?« fragte er.
»Dann vermeiden Sie es vor allem, zu lesen und zu schreiben! Mieten Sie eine Villa, deren Fenster nach dem Süden gerichtet sind, schaffen Sie sich viel Blumen an und bestreben Sie sich, Musik und Frauen in der Nähe zu haben ...«
»Und wie soll die Nahrung sein?«
»Meiden Sie das Fleisch und überhaupt jede tierische Nahrung, auch die mehligen und salzigen Speisen. Sie können eine leichte Bouillon und Gemüse essen; nehmen Sie sich aber in acht, jetzt droht fast überall die Cholera, so daß man vorsichtig sein muß ... Sie können acht Stunden täglich gehen. Kaufen Sie sich ein Gewehr ...«
»O Gott!« stöhnte Oblomow.
»Endlich«, schloß der Doktor, »reisen Sie für den Winter nach Paris und zerstreuen Sie sich dort ohne Bedenken im Wirbel des Lebens. Fahren Sie vom Theater zum Ball, in die Maskerade, aufs Land, auf Besuch, damit um Sie herum Freude, Lärm, Lachen sind ...«
»Brauche ich vielleicht noch etwas?« fragte Oblomow mit schlecht zurückgehaltenem Ärger.
Der Doktor sann nach.
»Vielleicht sollten Sie noch Meerluft einatmen. Schiffen Sie sich in England ein und fahren Sie bis nach Amerika ...«
Er erhob sich und verabschiedete sich.
»Gut, gut, ich befolge es sicher«, antwortete Oblomow sarkastisch, ihn hinausbegleitend.
Der Doktor ließ Oblomow in einem jammervollen Zustande zurück. Er schloß die Augen, legte beide Hände auf den Kopf, kauerte sich auf dem Sessel zu einem Knäuel zusammen und blieb so sitzen, ohne irgendwo hinzublicken und ohne etwas zu fühlen.
Hinter ihm ertönte der schüchterne Ruf:
»Ilja Iljitsch! Was soll ich denn dem Verwalter sagen?«
»Was denn?«
»Wegen des Ausziehens!«
»Du fängst wieder davon an?« fragte Oblomow erstaunt.
»Was soll ich denn tun, Väterchen Ilja Iljitsch? Sagen Sie selbst, mein Leben ist auch so nicht süß, ich schaue schon ins Grab ...«
»Nein, es scheint, daß du mit deinem Umzug mich ins Grab jagen willst«, sagte Oblomow. »Hör einmal, was der Doktor sagt!«
Sachar fand nichts zu erwidern, er seufzte nur so auf, daß die Zipfel seines Halstuches auf seiner Brust erbebten.
»Du hast beschlossen, mich umzubringen?« fragte Oblomow wieder, »du bist meiner überdrüssig, ja? Nun, so sprich doch!«
»Aber Gott sei mit Ihnen! Leben Sie, solange Sie wollen! Wer wünscht Ihnen Böses?« brummte Sachar, durch die tragische Wendung, die das Gespräch annahm, ganz verlegen gemacht.
»Du!« sagte Ilja Iljitsch, »ich habe dir verboten, auch nur ein Wort vom Umzug zu sagen, und du läßt keinen Tag vorübergehen, ohne mich fünfmal daran zu erinnern. Das verstimmt mich doch, begreife das doch. Meine Gesundheit taugt auch so nicht viel.«
»Ich hab' mir gedacht, Herr ... ich hab' gedacht, warum wir denn eigentlich nicht ausziehen sollen?« sagte Sachar mit vor innerer Erregung bebender Stimme.
»Warum wir nicht ausziehen sollen! Du beurteilst das so leichtfertig!« antwortete Oblomow, sich zusammen mit dem Sessel zu Sachar umwendend. »Hast du's dir ordentlich überlegt, was es heißt, auszuziehen, he? Du hast dir das gewiß nicht überlegt!«
»Nein, ich hab' mir's nicht überlegt!« antwortete Sachar demütig, bereit, dem Herrn in allem beizustimmen, um die Sache nur nicht zu pathetischen Szenen kommen zu lassen, die er wie die Pest fürchtete.
»Wenn du's dir nicht überlegt hast, dann höre zu und sage, ob wir umziehen können oder nicht. Was heißt das, umziehen? Das heißt, der Herr soll für den ganzen Tag fortgehen und vom Morgen ab angekleidet herumgehen ...«
»Nun, und wenn es so ist?« bemerkte Sachar, »warum sollten Sie nicht für den ganzen Tag fortgehen? Es ist ja doch nur ungesund, zu Hause zu sitzen. Wie schlecht Sie jetzt aussehen! Früher waren Sie so frisch wie eine Gurke, und jetzt, seit Sie zu Hause sitzen, sehen Sie Gott weiß wie aus. Sie sollten durch die Straßen gehen, sich die Leute oder sonst was anschauen ...«
»Sprich keinen Unsinn und höre zu«, sagte Oblomow. »Durch die Straßen gehen!«
»Ja, wirklich«, fuhr Sachar mit großem Eifer fort. »Man erzählt, daß jetzt ein unerhörtes Ungeheuer gezeigt wird. Sie sollten es sich ansehen. Sie können ja ins Theater oder zum Maskenball gehen, und wir würden hier unterdessen umziehen.«
»Was du für Dummheiten sagst! Du sorgst dich sehr um die Ruhe deines Herrn! Ich soll mich, deiner Meinung nach, den ganzen Tag irgendwo herumtreiben, es macht dir nichts, daß ich Gott weiß wo und wie essen werde und nach dem Mittagessen mich nicht ausruhen kann! ... Sie sollen da ohne mich alles einpacken! Wenn man nicht aufpaßt, kommen nur Scherben an. Ich weiß«, sagte Oblomow mit wachsender Überzeugung, »was ein Umzug bedeutet! Das bedeutet Wirrwarr und Lärm; man wirft alle Sachen auf einen Haufen auf den Fußboden. Da ist der Koffer, die Sofalehne, da sind Bilder, Pfeifen, allerlei Flaschen dabei, die man fast niemals sieht, die aber dann, der Teufel weiß woher, auftauchen! Man muß auf alles aufpassen, damit es nicht verloren und zerschlagen wird ... Die eine Hälfte ist hier, die zweite auf der Fuhre oder in der neuen Wohnung; man will rauchen, greift nach der Pfeife, der Tabak ist aber schon fort ... Man will sich niedersetzen, weiß aber nicht wohin; wenn man etwas anrührt, macht man sich schmutzig; alles ist staubig; man kann sich nicht waschen und muß mit solchen Händen herumgehen, wie du sie hast ...«
»Ich habe reine Hände«, bemerkte Sachar, und zeigte statt der Hände etwas, das wie zwei Schuhsohlen aussah.
»Zeig sie mir lieber nicht!« sagte Ilja Iljitsch, sich abwendend. »Und wenn man trinken will«, sprach er weiter, »und nach der Karaffe greift, ist kein Glas da ...«
»Man kann auch aus der Karaffe trinken!« bemerkte Sachar gutmütig.
»Ihr haltet's mit allem so: man kann auch nicht fegen und nicht abstauben und keine Teppiche klopfen. Und in der neuen Wohnung«, fuhr Ilja Iljitsch fort, von dem seiner Vorstellung lebhaft erscheinenden Bild des Umzuges selbst hingerissen, »wird man in drei Tagen nicht fertig, alles liegt nicht auf seinem Platze, die Bilder stehen an der Wand und liegen auf dem Fußboden, die Galoschen befinden sich auf dem Bett, die Stiefel sind mit dem Tee und der Pomade in einem Bündel. Bald bemerkt man, daß der Fuß des Sessels abgebrochen ist, bald, daß das Glas auf dem Bilde zerbrochen ist oder daß das Sofa voller Flecken ist. Es ist nichts da; wenn man nach etwas frägt, weiß niemand, wo es ist, man hat es entweder verloren oder in der alten Wohnung zurückgelassen; dann muß man hinlaufen ...«
»Manchmal läuft man zehnmal hin und her«, unterbrach Sachar.
»Ja, siehst du!« sprach Oblomow weiter. »Und wenn man in der neuen Wohnung des Morgens aufsteht, was ist das dann für eine Qual! Es gibt weder Wasser noch Kohlen, und im Winter muß man in der Kälte sitzen, die Zimmer sind ausgefroren, man hat aber kein Holz; dann muß man herumlaufen und sich welches borgen ...«
»Und was für Nachbarn Gott einem noch schickt«, bemerkte Sachar wieder, »bei manchen kann man sich nicht nur kein Bündel Holz, sondern auch nicht einmal einen Krug Wasser ausbitten.«
»Na also!« sagte Ilja Iljitsch, »man könnte glauben, daß die Schererei ein Ende hat, wenn man bis zum Abend umgezogen ist, man hat aber noch zwei Wochen lang zu tun. Man meint, alles ist geordnet ... Wenn man aber hinsieht, ist richtig etwas noch zurückgeblieben. Die Stores müssen aufgehängt, die Bilder angenagelt werden, man ist ganz erschöpft und möchte gar nicht weiterleben ... Und die Ausgaben, die Ausgaben ...«
»Voriges Mal, vor acht Jahren, hat's zweihundert Rubel ausgemacht, ich erinnere mich noch ganz genau«, bestätigte Sachar.
»Nun, ist das vielleicht ein Spaß!« sagte Ilja Iljitsch. »Und wie unbehaglich man sich anfangs in der neuen Wohnung fühlt! Man gewöhnt sich ja nicht so bald daran. Ich werde an dem neuen Ort fünf Nächte nicht schlafen können; ich werde traurig sein, wenn ich des Morgens aufstehe und statt des Aushängeschildes des Drechslers mir gegenüber etwas anderes sehe oder wenn jene geschorene Alte nicht vormittags aus dem Fenster herausschaut ...
Siehst du jetzt selbst ein, wozu du deinen Herrn bringen wolltest?« fragte Ilja Iljitsch vorwurfsvoll.
»Ich sehe es ein«, flüsterte Sachar demütig.
»Warum hast du mir also vorgeschlagen, umzuziehen? Können denn menschliche Kräfte das alles ertragen?«
»Ich habe geglaubt, daß es andere gibt, die nicht schlechter sind als wir und die umziehen, daß also auch wir es tun könnten ...« sagte Sachar.
»Was? Was?« fragte Ilja Iljitsch, sich erstaunt auf seinem Sessel aufrichtend. »Was hast du gesagt?«
Sachar wurde plötzlich verlegen, da er nicht wußte, wodurch er seinem Herrn Anlaß zu dem pathetischen Ausrufe und zu der Bewegung gegeben hatte. Er schwieg.



