Ihr Cyborg-Biest

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Aber nein. Ich war taub. Kalt. Tot. Das war meine neue Existenz. Als ich Rachel ansah, sah ich keine wunderschöne Frau. Nicht mehr. Es war, als hätten sie mir mit dem Biest alles genommen, was mich lebendig fühlen ließ. Ich konnte nun auf die sanften Rundungen ihrer Brüste blicken, die zarte Haut auf ihrem Gesicht, und...nichts empfinden. Nicht einmal Neid auf die beiden Prillon-Krieger, die ihr den kupferfarbenen Kragen um den Hals gelegt und sie zu ihrem Eigentum gemacht hatten.
Der Arzt wandte sich von uns ab, und seine dunkelgrüne Uniform spannte sich um seine breiten Schultern. Er war ebenfalls Prillon-Krieger, gefährtenlos und alleine, so wie die meisten Bewohner der Kolonie. Ein paar Bräute waren inzwischen auf der Kolonie eingetroffen, und über die letzten paar Monate hinweg hatte ich zugesehen, wie in Rachels und Kristins Bauch ein Kind herangewachsen war. Hatte das Glück und die Zufriedenheit auf den Gesichtern meiner Kampfbrüder gesehen.
Mit der Ankunft der Bräute hatte ich gedacht, dass vielleicht auch mein Leben anders werden könnte. Da ich nicht länger ein Krieger unter den Sternen sein konnte, konnte ich doch ein Gefährte sein. Aber ich irrte mich. Der Hive hatte mir nun auch noch diese Hoffnung genommen.
Der Arzt wandte sich an Maxim, und ihre Blicke trafen sich. Ein kurzes Nicken des Gouverneurs war meine einzige Warnung, bevor dicke, schwere, Schellen aus dem Tisch hervortraten und mich an Ort und Stelle festmachten. Nicht nur um die Fuß- und Handgelenke, sondern sie legten sich auch um meine Taille und meine Schenkel. Und die ganze Zeit über hielten Maxim und Ryston mich weiter fest. Sie gingen kein Risiko ein. Wäre mein Biest zur Stelle gewesen, um in Aufruhr zu versetzen, hätte mich selbst das nicht aufgehalten. Aber in diesem Fall waren die beiden Prillon-Krieger mehr als stark genug, um mich in Schach zu halten.
„Was zur Hölle machen Sie da, Doktor?“ Ich blickte zu Rachel, die sich auf die Lippe biss und besorgt dreinschaute. „Was zur Hölle stellen Sie mit mir an? Reden Sie mit mir, sofort.“
Rachel trat einen Schritt näher heran und stand am Fuß des Untersuchungsstuhls. Sie blickte mir in die Augen, während die Krieger dies vermieden. Das würde ich ihnen später weder vergessen, noch verzeihen.
„Hör zu, Rezz, es gibt nur noch eine Sache, die wir noch nicht versucht haben. Eine Sache, von der wir denken, dass sie funktionieren könnte, dein Biest zurückzuholen und dich zu heilen.“
Ich blinzelte langsam. Nicht auch nur ein Funke Hoffnung erwachte durch ihre Worte zum Leben. Ich war jenseits der Hoffnung. Wir spielten dieses Spielchen schon seit Wochen. Injektionen. Tests. Gespräche mit der Koalitionsflotte und ihrem Geheimdienst. Sogar Unterhaltungen mit Ärzten auf Atlan. Noch niemand hatte dies je erlebt. Ich war der erste Fall, und der einzige. Ich starrte auf die Gefährtin von Maxim und Ryston, auf ihren flehenden Blick, und spürte ein kaltes Bangen meine Wirbelsäule entlang kriechen. „Was machst du mit mir?“
Rachel legte mir eine Hand aufs Bein, aber Maxims wütendes Fauchen ließ sie sofort wieder zurückschrecken. Bevor mir der Hive die Seele geraubt hatte, hätte ich die Geste zu schätzen gewusst, wäre sogar amüsiert gewesen über Maxims Beschützerinstinkt. Nun empfand ich gar nichts. Ohne das Biest in mir fühlte ich mich leer. Hohl.
Der Arzt drückte auf ein paar Knöpfe, änderte ein paar Einstellungen an seinem Schaltpult an der gegenüberliegenden Wand. Ich wusste nicht, was zum Teufel er vorhatte. Ich war kein Arzt. Ich war ein Kampflord. Ich jagte Hive. Ich tötete Hive. Ich beschützte. Ich geriet in Zorn. Das waren meine Aufgaben. Das war es, was ich kannte. Als er sich also wieder zu Rachel gesellte, mit einem leichten Schweißfilm auf der Stirn, wusste ich: was immer er mir zu sagen hatte, war nicht gut. Wenn ich es nicht besser wüsste, hätte ich sogar angenommen, dass der Doktor Angst davor hatte, wie ich reagieren würde.
Der Doktor nickte diesmal Ryston zu, und ehe ich mich versah, hatte Ryston etwas an meinem Kopf angebracht. Etwas, das ich nicht wollte.
Ich blickte dem Arzt in die Augen. Er hielt meinem Blick stand, weigerte sich, sich abzuwenden oder zurückzuweichen. „Tests für das Interstellare Bräute-Programm. Es ist das einzige, was wir noch nicht versucht haben, Rezz.“
Rachel trat vor, machte nach einem kurzen Blick zu Maxim jedoch schnell wieder einen Schritt zurück. Der Blick, den sie ihm zuwarf, war ihre Entschuldigung dafür, vergessen zu haben, dass er es nicht wollte, wenn sie mich berührte. Ich konnte es ihm nicht verübeln. Ich war defekt. Keine Frau sollte mich anfassen wollen. Genau das machte dies zu einer so lächerlichen Idee. Rachel räusperte sich und verschränkte die Arme. Versuchte, hartnäckig dreinzublicken. „Dein Biest ist stark, Rezz. Du musst es nur wieder aufwecken. Es wiederbeleben. Dein Biest wird wieder zum Leben erwachen, wenn deine Gefährtin eintrifft. Es wird kommen. Es wird für sie kommen. Er wird durchbrechen, was immer der Hive mit dir angestellt hat.“
Sie schien ihre Worte zu glauben, aber sie hatte keine Beweise. Keinen Grund, das zu sagen, außer, mir ein gutes Gefühl zu geben. Diese Art von Zuversicht war schmerzhaft. Ich verspürte Scham, aber zumindest fühlte ich irgendetwas. Ich schloss die Augen, um meine Reaktion vor ihr zu verbergen.
Sie wollte, dass ich eine Gefährtin bekam.
Nein. Ich war nicht länger würdig.
Ich konnte nicht zum Biest werden. Ich konnte eine Frau nicht ordentlich in Besitz nehmen, wie ein wahrer Atlane. „Eine Frau für mich herbeizubeschwören ist nicht akzeptabel. Ihr könnt mir die Tests aufzwingen, da ihr mich in der Mangel habt.“ Ich sah mit finsterem Blick zu Ryston und Maxim hoch. „Aber ich werde die Zuordnung ablehnen.“
„Sie werden es ablehnen, Ihre Gefährtin zu akzeptieren?“, fragte der Arzt.
Ich knirschte mit den Zähnen und öffnete die Augen, damit er sehen konnte, wie die Wut sich in mir zusammenbraute, die Wut, die ich nicht ausdrücken konnte, die Wut eines Atlanen, dem alles genommen worden war, das ihn ausmachte. „Ich lehne die Zuweisung ab. Seht mich doch an. Ich bin keiner Frau würdig. Ich kann sie nicht beschützen. Ich kann sie nicht in Besitz nehmen. Es wäre falsch.“
„Sie würden lieber sterben?“, fragte er. „Denn in diesem Moment ist Ihre einzige Alternative eine Exekution. Außer, Sie wollen, dass ich Sie an den Geheimdienst überstelle und deren Wissenschaftler an Ihnen rumexperimentieren lasse. Sie können nicht zurück nach Atlan. Sie können nicht zurück in den Kampf. Und wir können Ihnen nicht gestatten, zu bleiben—“
„In diesem Zustand“, führte ich zu Ende, und meine Seele verkümmerte, wurde schwarz, als mit jedem Wort mein hoffnungsloses Gefühl wuchs. „Denken Sie, ich weiß nicht, was meine Optionen sind?“, fragte ich. „Ich bin nicht dazu geeignet, ein Gefährte zu sein. Ich bin nicht dazu geeignet, in der Flotte zu dienen. Ein Gnadenschuss wäre das Richtige für mich. Schickt mich in die Sicherheitszellen auf Atlan und bringt die Sache zu Ende.“
„Nein!“, protestierte Rachel. Sie legte mir die Hand aufs Knie und ignorierte Maxim, als er fauchte. „Du kannst nicht aufgeben. Schlimmer noch, du kannst nicht zulassen, dass die dich unterkriegen. Sie hatten dich, und du bist entkommen. Hast überlebt. Versuch es doch nur. Versuche es. Lass dich testen. Nimm das Resultat an. Lern sie kennen. Rede mit ihr. Wenn du sie nicht in Besitz nehmen kannst, wenn du sie nicht willst, dann wird sie einem anderen zugewiesen. Jemand anderem auf der Kolonie. Es gibt nichts zu verlieren und alles zu gewinnen, Rezz. Bitte.“
In mir breitete sich Taubheit aus, doch ich erkannte die Logik in ihrem Argument. Ich war als Krieger wertlos. Als Gefährte wertlos. Aber ich konnte eine gute Tat tun. Ich konnte eine Braut auf die Kolonie bringen, sodass ein anderer, würdiger Mann Glück finden konnte.
Ich blickte zum Doktor. „Gut, dann tun Sie es. Aber gleich. Bevor ich es mir anders überlege.“
Rachel sprang hoch und raste geradezu an das Steuerpult. Die Drähte und Vorrichtungen auf meinem Kopf stießen eine seltsame, summende Energie aus. Es war hypnotisch, und ich wehrte mich nicht gegen den tranceartigen Zustand, ließ mich hineinziehen in etwas, das sich wie ein Traum anfühlte.
Es hätten ein paar Minuten sein können, oder ein paar Stunden. Ich hatte keine Anhaltspunkte, und ich konnte mich nicht daran erinnern, was vorgefallen war. Aber als meine Augen sich wieder öffneten, starrten alle vier auf mich hinunter, und selbst Maxim hatte ein Lächeln auf dem Gesicht.
Doch Rachel war es, die ihre Aufregung nicht für sich behalten konnte. Sie lachte und schaukelte hin und her, und ihr dicker Bauch, ganz rund und gefüllt mit dem Kind von Ryston und Maxim, stieß beinahe gegen den Untersuchungsstuhl. „Wir haben sie gefunden, Rezz! Du bist zugeordnet worden. Und sie ist menschlich. Sie ist schon unterwegs hierher.“
„Menschlich?“, fragte ich.
„Ja! Von der Erde. So wie der Rest von uns. Ich kann es gar nicht erwarten, sie kennenzulernen.“
Der Rest von uns, damit meinte sie die anderen Frauen aus dem Bräute-Programm, die Mitgliedern der Kolonie zugeordnet worden waren. Es schien, als hätten wir alle großen Appetit auf Erdlinge.
Ich blickte zu den Prillon-Kriegern um mich herum—Maxim, Ryston und Doktor Surnen. Sie alle drei nickten. Aber es half mir nichts. Ich verspürte keinerlei Aufregung, nur ein leichtes Bangen und ein ungutes Gefühl im Magen. Angst davor, dass ich sie sehen und keine Reaktion empfinden würde. Dass die Zuordnung dank meines verworrenen Zustandes, dieser Verseuchung mit Hive-Technologie, schiefgelaufen war. Dass diese Menschenfrau nur einen Blick auf ein gebrochenes Atlan-Biest werfen und sich beschämt abwenden würde. Und Angst vor der Gewissheit, dass es da draußen eine wahre Gefährtin für mich gab, und sie mich abweisen würde...
„Wie bald wird sie eintreffen?“, fragte ich und schluckte einen plötzlichen Angstklumpen hinunter.
„Jede Minute. Sie wird von der Erde transportiert, also hast du wahrscheinlich gerade genug Zeit, dich frisch zu machen und dir etwas anzuziehen, das weniger—“ Rachel blickte mich von oben bis unten prüfend an, und sie lächelte nicht. „Geh und zieh dir richtige Kleider an. Du siehst aus wie ein wandelndes Waffen-Arsenal. Du wirst die arme Frau noch zu Tode erschrecken.“
Die Fesseln lösten sich, und ich seufzte. Ich hasste es, festgenagelt zu sein, so wie jeder andere auf diesem Planeten. Wir waren alle in unterschiedlichen Ausmaßen vom Hive in Fesseln gelegt und integriert worden. Nachdem ich dem entkommen war, wollte ich dieses Gefühl nicht unbedingt wiederaufleben lassen.
Ich blickte auf meinen Körper hinunter. Auf die Standard-Koalitionsuniform, die Waffen, die mir nie von der Seite wichen. Nicht mehr. Nicht einmal im Schlaf. Mein Biest zu verlieren, hatte mich geschwächt und mich für Attacken anfällig gemacht. Und obwohl ich nicht daran gewöhnt war, diese Behelfe zu meinem Schutz einzusetzen, hatte ich nun keine Wahl. Nicht, solange Krael und der Hive in den Höhlen unter der Planetenoberfläche herumlungerten und mir wie Wasser durch die Finger glitten. Ich konnte es mir nicht leisten, weitere Risiken einzugehen. Ich würde nicht zu ihnen zurückkehren. Sie hatten bereits genug von mir genommen. Ich funkelte Rachel an. „Ich kann meine Gefährtin nicht beschützen, wenn ich keine Waffen habe.“
Sie seufzte. „Ihr Alphamännchen seid solche Plagegeister.“
Vor ein paar Wochen noch hätte mich ihre freche Schnute zum Lachen gebracht. Die andere Menschenfrau, die ich kannte, Kristin, sagte oft ähnliche Dinge zu ihren Gefährten. Woraufhin Hunt und Tyran üblicherweise lachten und sie in ihr Quartier schleppten, um ihr Privatunterricht darin zu erteilen, wie dominant so ein Alphamännchen sein konnte. Und das hatten sie ihr bald genug bewiesen, da auch sie nun ein Kind in sich trug und die ganze Kolonie gespannt darauf wartete, das erste neue Leben unter uns begrüßen zu dürfen. Rachel, die mit ihrer Hand auf ihren eigenen, kleineren Bauch gelegt vor mir stand, würde nicht lange danach das zweite Baby auf unseren Planeten bringen.
Ich betete, dass Kristins Kind ein Mädchen sein würde, dass sie zart und klein und wunderhübsch sein würde und uns alle daran erinnerte, wofür wir unsere Opfer erbracht hatten. Uns daran erinnerte, dass, auch wenn wir alles verloren hatten und von unserem Volk verraten worden waren, es noch unschuldige Wesen gab, die wir beschützten. Wunderschöne, verletzliche Leben, die uns brauchten.
Maxim und Ryston traten zurück, und ich war endlich wieder frei. Ich erhob mich, und marschierte zum Transporterraum um meine Gefährtin kennenzulernen. Ich hoffte, dass ihre Anwesenheit stark genug sein würde um das zu bewältigen, was auch immer der Hive mit mir angerichtet hatte. Falls nicht...
Ich verließ die Krankenstation und ging den Gang entlang auf den Transporterraum zu, meine vier Kompagnons im Schlepptau, um diese unbekannte Frau von der Erde in Empfang zu nehmen. Ich hatte den Doktor nicht nach irgendwelchen Details gefragt, Namen oder Alter. Ich wollte nichts über sie wissen. Es war mir egal. Sie war ein Experiment. Die letzte Prüfung. Am Ende würde sie nicht mir gehören. Je weniger ich wusste, je weniger ich sah, umso besser war es für mich. Und vor allem für sie.
Es gab andere auf der Kolonie. Andere atlanische Kampflords, die länger und härter gekämpft hatten als ich, die ihr Biest immer noch heraufbeschwören konnten. Die einen würdigen Gefährten abgeben würden für eine Frau, die so feurig oder so schön war wie die anderen Bräute, die zu uns gekommen waren. Die Tatsache, dass mir dabei nicht das Herz brach, machte mir deutlicher als alles andere, wie abgestumpft ich geworden war. Ich hatte keine Hoffnung.
3

CJ
Ich betrachtete Aufseherin Egara. Sie schien seelenruhig zu bleiben, während sie über den Rest meines Lebens sprach.
Mit einem Alien-Ehemann. Im Weltraum. Obwohl, wenn er wie dieses riesige Biest von einem Mann aus meinem Traum war, wäre das vielleicht gar keine so schlechte Option. Es war auf jeden Fall besser als mehrere Jahre im Gefängnis, nach denen meine Karriere und mein Ruf ruiniert sein würden. Ich würde nie wieder an der Wall Street arbeiten. Ich würde neu durchstarten müssen. Mit einer Vorstrafe und ohne Freunde.
Ich war kein großer Fan davon, alles hinter mir zu lassen und ins Weltall zu gehen, aber meine Optionen waren mies.
Mein Atem ging schwer, und Schweiß benetzte meine Haut. Es fühlte sich an, als wäre ich aus einem Alptraum hochgeschreckt, abrupt und panisch. Aber die Gefühle, die mir durch die Adern rauschten, waren nicht Angst, sondern Lust. Sie verflog rasch.
Der Traum machte mir keine Angst. Ich fürchtete mich allerdings riesig davor, was er bedeutete. Warum es mir gefallen hatte. Was er mit mir angestellt hatte.
Nein, was ich zugelassen, hatte, dass er mit mir anstellt. Er hatte mich nicht vergewaltigt. Weit davon entfernt. Er hatte mich nicht einmal wirklich gezwungen. Es schien so, als wäre ich grob herumkommandiert worden, aber er hatte mich so behandelt, weil es scharf war. Es war das, was ihn antörnte, und er wusste, dass es auch seiner Gefährtin Freude bereiten würde. Und so war es für sie auch—für mich—was auch immer. Ich hatte noch nie in meinem Leben einen solchen Orgasmus gehabt. Noch nie.
Und es war nicht einmal real gewesen.
„Geht es Ihnen gut?“, fragte Aufseherin Egara. Sie saß an einem Tisch in meiner Nähe, ihr Tablet vor sich. Sie trug die Uniform des Interstellaren Bräute-Programms, komplett mit dem Logo für Interstellare Bräute, das sie als Mitglied der Koalitionsflotte auswies. Ihr ruhiger, kühler Blick half mir dabei, zu atmen. Sie schien nicht davon befremdet zu sein, dass ich mich während des Tests so ungewöhnlich verhalten hatte. Hatte ich geschrien? Gestöhnt? Gekreischt?
War es überhaupt ungewöhnlich gewesen?
„War der Test normal?“, fragte ich, leckte mir über die trockenen Lippen und wünschte, ich könnte mein Gesicht in den Händen vergraben, aber die Ketten an den gepolsterten Klettverschlüssen hielten mich davon ab. Und plötzlich juckte meine Nase.
War ja klar.
Sie zog eine dunkle Augenbraue hoch. „Normal?“
„Sie wissen schon. Normal.“ Ich würde sie ja wohl nicht fragen, ob sie wusste, dass ich einen Orgasmus gehabt hatte. Ob ich geredet hatte. Darum gebettelt, während sie hier saß mit diesem höflichen kleinen Lächeln auf dem Gesicht, und alles mitanhörte.
Sie schenkte mir ein Lächeln, das aussah, als würde das gegen die Regeln verstoßen. Sie hatte mit den Freiwilligen im Programm zu tun, aber auch mit Häftlingen wie mir. Ich war keine Mörderin oder so, nur ein Dummkopf, der gierig geworden war und sich zu weit aus dem Fenster gelehnt hatte. Ich hatte gewisse Kenntnisse. So wie tausend andere Menschen auch. Aber sie hatten nicht jeden an der Wall Street ertappt. Nur mich. Wirtschaftskriminalität, eine Verurteilung wegen Insider-Handels. Tja, nicht die beste Entscheidung, die ich je getroffen hatte, aber ich musste den Angebern um mich herum dabei zusehen, wie sie mit schmutzigen Geschäften Millionen verdienten, und ich wollte auch ein Stück vom Kuchen.
Wie es aussah, würde ich stattdessen einen riesigen Alien-Schwanz bekommen. Und nach diesem Traum dachte ich allmählich, dass das vielleicht gar nicht so schlecht wäre.
Vielleicht machte mir der Traum genau deswegen so viel Stress. Ich ließ sonst keinen Mann die Kontrolle über mich erlangen. Aus absolut keinem Grund. Ich war schon von so einigen Beziehungen ein gebranntes Kind. Von Arbeitskollegen. Chefs. Verdammt, sogar Lehrern. Aber ins Gefängnis gesteckt zu werden, während die Schleimer, mit denen ich zusammenarbeitete, mit Hilfe von Offshore-Händlern und geheimen Konten genau das Gleiche taten wie ich, nur dass sie damit davonkamen?
Die ganze Sache brachte mein Blut zum Kochen, und ich hatte kein Vertrauen in Männer. Punkt, aus.
„Ja, das war völlig normal. Die Tests dringen tief in Ihr Unterbewusstsein vor, und wir bemessen Ihre tiefsten Bedürfnisse und Ihr Begehren, um einen passenden Gefährten für Sie zu finden.“
Ich verzog das Gesicht. „Ich habe kein Interesse an einem Gefährten.“
Sie kniff die Augen zusammen, als wäre sie verwirrt. „Sie wissen aber schon, dass Sie sich fürs Bräute-Programm haben testen lassen, korrekt?“
Ich nickte. Viel mehr konnte ich nicht tun, so festgeschnallt in diesem eigenartigen Zahnarztstuhl. Ich streckte die Lippe vor und blies mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht, die mich an der Wange kitzelte. „Ja, das weiß ich, aber die einzige Anforderung war, dass ich mich freiwillig melde. Nicht, dass ich den Kerl gut finde.“
„Technisch gesehen ist das richtig“, antwortete sie langsam. Zögerlich.
Ich seufzte. „Hören Sie. Sie kennen meine Geschichte. Es steht doch alles in diesem Tablet da, richtig?“
„Ja.“
„Also wissen Sie, was mir passiert ist. Warum ich im Knast sitze. Ja, ich bin schuldig, aber da waren andere, die noch viel schuldiger waren als ich, die mit allem davongekommen sind. Insider-Handel ist schlimm, aber es ist ja nicht so, als hätte ich jemanden umgebracht. Ich habe alles verloren. Meine Lizenz, meine Wohnung, meine Freunde. Ich werde nie mehr irgendwo eingestellt werden. Und diese Kerle, mit denen ich zusammengearbeitet habe? Die haben Millionen gescheffelt. Einer von ihnen hat sogar ein Haus am Meer gekauft, und da es Juli ist, nehme ich an, dass er sich gerade jetzt dort befindet. Und wo bin ich?“ Ich blickte nach unten. „In einem verdammten Untersuchungsstuhl. Meine einzigen Optionen, um mein Leben wieder in die Hand nehmen zu können, sind es, dem Interstellaren Bräute-Programm beizutreten oder im Knast zu verrotten.“
„Sie könnten sich als Kämpferin zur Koalitionsflotte melden“, erinnerte sie mich.
Ich wusste, dass auch Frauen das konnten. Ins Weltall ziehen und gemeinsam mit den anderen Soldaten den Hive bekämpfen. Darüber musste ich lachen. Ich, mit einer Weltraum-Kanone? Kam gar nicht in Frage. Ich würde nur ein Gesundheitsrisiko darstellen. „Wie ich Ihnen bereits sagte, ich bin kein Killer. Beim Anblick von Blut wird mir schlecht. Ich will nur mein Leben wiederhaben. Oder zumindest meine Fähigkeit, zu entscheiden, welche Kleidung ich trage, wann ich esse. Verdammt, ich hätte wirklich gern eine Klotür.“
„Sie werden nicht zur Erde zurückkehren.“
„Meine Entscheidung“, antwortete ich. „Habe ich nicht dreißig Tage Zeit oder so? Wenn ich ihn nach dreißig Tagen noch nicht mag, dann bin ich frei.“ Das war mein wahres Ziel. Ich war eine Plage, zu vorlaut, zu aufdringlich, zu undamenhaft, um einen Mann zu finden. Ich war vollster Zuversicht, dass auch dieses Alien mich nicht wollen würde. Dreißig Tage. Ich würde die Spinnweben aus meiner Vagina rausbekommen, meinen neuen Alien-Gefährten vergraulen—so wie jeden anderen Mann bisher—und würde mit einem netten Batzen Geld vom Interstellaren Bräute-Programm auf dem Konto wieder nach Hause kommen. Genug für einen Neuanfang. Vielleicht würde ich sogar meine eigene Anlageberatungsfirma gründen können. Ich konnte nicht mehr selbst auf dem Börsenparkett stehen, aber es gab Mittel und Wege um diese Einschränkung herum. Es gab immer eine Hintertür in meiner Branche. Immer.
Und beim nächsten Mal würde ich diejenige mit dem verdammten Bankkonto auf den Cook-Inseln sein.
„Sie werden einem Mann zugeordnet, den der Computer auswählt, und Sie haben dreißig Tage lang Zeit, die Zuordnung anzunehmen oder abzulehnen. Soweit stimmt das.“ Ihre Augen verengten sich, und sie legte den Kopf schief, als würde ich ihr auf die Nerven gehen. „Das hier ist kein Scherz, meine Liebe. Diese Krieger sind ehrenhafte Männer, die gekämpft und gelitten haben, und ihre Brüder sterben sahen. Eine Interstellare Braut ist ihr ultimativer Lohn. Sie werden vergöttert werden. Umsorgt. Verführt und verwöhnt. Es wird nicht so leicht sein, dem den Rücken zu kehren.“
Ich schnaubte nicht und verdrehte auch nicht die Augen, aber das fiel schwer. Ich? Der ultimative Lohn. Der arme Scheißer. „Mein Unterbewusstsein gibt vielleicht an, wohin ich geschickt werde, aber der Kerl gefällt mir entweder, oder eben nicht. Diese Gefährtensache wird nach meinen Regeln laufen.“
Aufseherin Egara lachte doch tatsächlich laut auf, und ich spürte, wie meine Wangen knallrot anliefen. „Sie sind mit den Männern in der Flotte nicht besonders vertraut, oder?“
„Nein. Ich habe Siebzig-Stunden-Wochen gearbeitet, und mein einziges Ziel war es, ein Büro mit Aussicht zu bekommen. Ich hatte nicht einmal Zeit, meine eigene Wäsche zu waschen, geschweige denn, mich über die Männer auf all den Koalitionsplaneten zu informieren.“
„Ja, das ist offensichtlich“, raunte sie und wischte mit dem Finger über ihren Bildschirm. „Männer auf den teilnehmenden Planeten sind ausgesprochen dominant. Sie haben gern die Oberhand.“
Ich dachte an den Traum. Er hatte zweifellos die Oberhand gehabt.
„Manche von ihnen stammen aus stark von Männern dominierten Kulturen. Frauen sind nicht geringwertig, sie sind mächtig und verehrt. Aber ihre Männer nehmen es sehr ernst, sie zu beschützen.“
„Ich brauche nicht zu kämpfen oder mich in eine Schlacht zu stürzen, um die Tatsache auszubalancieren, dass ich keine Eier habe, Aufseherin“, erwiderte ich. Das war die Wall Street, die da aus mir sprach. Die Frau, die hatte lernen müssen, wie ein Mann zu reden, eine Rüstung zu tragen und zur Furie zu werden, damit man ihr Beachtung schenkte. „Aber ich habe Rückgrat. Und meinen eigenen Willen.“
„Glauben sie mir, er—oder sie, Mehrzahl—werden Ihnen das ganz schnell abgewöhnen.“
Ich wusste, dass sie von meiner aggressiveren Natur sprach, aber das würde ich jetzt auch nicht mehr ändern. Ich hatte gelernt, kein Fußabtreter zu sein, und ich würde mich nicht in das verschüchterte Teenager-Mädchen zurückverwandeln, das sich ständig darum Sorgen machte, was andere von ihr dachten. Das hatte ich gründlich hinter mir gelassen. Und damit war Schluss.
Meine Tante hatte mir gesagt, dass das für Frauen üblich war, wenn sie auf die 40 zugingen. Aber da ich im Bankensektor tätig gewesen war, im Club der alten Jungs, war ich früh dran. „Und das wissen Sie aus erster Hand, Aufseherin? Wie können Sie dasitzen und mir erzählen, wie es dort ist? Sind Sie je auf einem dieser Planeten gewesen? Sind Sie diesen Männern begegnet?“







