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Er versuchte, seine Gedanken mit irgendetwas zu beschäftigen, dass ihn von dem ablenken sollte, was erst vor Kurzem vorgefallen war. Wie konnte es nur geschehen, dass er sich in einem Raum mit diesem Menschen wiederfand, um sich dessen monströse Ideen anzuhören? Wie war es möglich gewesen, sich mit diesem darüber zu unterhalten, Menschenleben zu vernichten?
Gott zu spielen!
Es schien ihm, als würde er über und über mit Schmutz behaftet sein.
Doch was ihn am meisten schockierte war die Tatsache, dass er selbst darüber nachdachte, ob er Teil dieses Plans sein sollte!
Fast wäre er versucht, einen schnelleren Schritt anzuschlagen, doch mangelte es ihm dafür an Energie. Es war ihm, als würde er in einer zähen Flüssigkeit dahin waten, die ihn davon abhalten wollte, schneller nach Hause zu kommen.
Er musste runter von der Straße. Es war ihm, als könnte jeder ihm ansehen, was er soeben noch getan hatte. Nur noch wenige Meter würde er zu gehen haben. Nur noch wenige Meter bis er …!
Sein Blick fiel in die kleine Gasse die neben seinem Haus verlief und die in einen Hinterhof führte, an dessen hinterem Ende sich in früheren Zeiten eine Rutsche zum Keller befand, die dazu benutzt worden war, um Kohle hinein zu schütten.
Dort, keine zwei Meter in diese Gasse hinein, wo sich die Mülltonnen befanden, sah er etwas liegen, dass er im ersten Moment für einen Müllsack gehalten hatte. Ein
Hund mit zotteligem Fell machte sich daran zu schaffen. Das abgemagerte Tier zerrte an dem was er anfangs für einen Müllsack gehalten hatte. Erstaunt stellte er fest, dass das Bündel, das er vermeintlich für einen Müllsack gehalten hatte, sich bewegte. Die Bewegung wurde nicht von dem zotteligen Tier verursacht. So viel stand fest.
Bogwin machte einen schnellen energischen Schritt auf den Hund zu, um ihn zu verscheuchen.
Das Tier knurrte ihn an, begann die Zähne zu fletschen. Im ersten Moment erschrocken bemerkte Bogwin einen kleinen Stein, der zu seinen Füssen lag. Schnell hob er ihn auf und schmiss ihn auf das Tier. Er traf ihn am
Kopf, woraufhin dieser ein erschrockenes und heiseres Aufheulen hören ließ. Der Hund drehte sich blitzschnell um und verschwand in die dunkle Gasse.
Wieder bewegte sich das Bündel.
„Da ist noch einer von diesen Kötern“, dachte er sich überrascht und sah sich nach einem weiteren Stein um. Er hörte einen Ton, der sich in seinen Ohren wie ein leises Stöhnen anhörte. Mit zwei, drei raschen
Schritten war er an das Bündel herangetreten. Ein Mädchen, eingehüllt in einer Jacke, die ihm viel zu groß war, kauerte hinter den Mülltonnen. „Mein Gott, Kind“, sagte er erschrocken.
Es reagierte kaum. Aus halb geschlossenen Augen sah es ihn an. Erst jetzt sah er die tiefliegenden Augen und die eingefallenen Wangen des Mädchens. Das Gesicht des Kindes war über und über mit Dreck beschmiert und beim Hinunterbeugen bemerkte Bogwin das von dem Kind ein säuerlicher Gestank ausging, der ihm bewusst machte, dass das Mädchen schon seit Längerem kein Badezimmer mehr gesehen hatte.
„Gott Kind“, sagte er entsetzt zu dem Mädchen. „Was machst du denn hier?“
„Bin so müde“, antwortete das kleine Mädchen in kaum verständlichem Ton.
Bogwin ging in die Hocke, streckte beide Arme aus, um dem Mädchen aufzuhelfen.
„Komm, steh auf“, forderte er das Mädchen auf. „Hier ist es doch viel zu schmutzig und zu kalt!“
Er nahm das Mädchen bei den Armen und zog es vorsichtig an diesen hoch. Durch die ohnehin zu dünne Jacke konnte er die dürren Arme des Kinds spüren.
„Wie bist du denn hierhergekommen? Wo sind denn deine
Eltern?“
Er hatte es soweit aus der Ecke herausgezogen, dass es auf den Knien aufkam. Schon wollte er sie loslassen, da er dachte, dass sie es nun allein schaffen würde. Kaum hatte er seine Hände von ihr gelassen, begann sie wieder zurückzufallen. Gerade noch rechtzeitig gelang es ihm, sie abzufangen.
Er bekam sie an der Jacke zu fassen und zog sie hoch. Mit schnellem entschlossenem Griff nahm er das Mädchen auf. Es schien fast nichts zu wiegen. Jetzt, da ein wenig Licht von der Straße auf das Gesicht des Mädchens schien, konnte er sie genauer betrachten. Er hatte noch nie ein solch abgemagertes Gesicht gesehen. Die Haut des Mädchens schien durchscheinend zu sein. Blaue Adern zeichneten sich unter der blassen Haut ab. Das Haar wild zerzaust und verklebt hing ihr ins Gesicht. Der säuerliche Geruch, der von dem Kind ausging, ließ Bogwin unweigerlich die Luft anhalten.
Kaum hatte er das Mädchen hochgehoben, fielen ihm die Augen zu und es begann am ganzen Körper zu zittern.
Bogwin nannte sich selbst einen Narren, weil er mit dem Kind am Arm so unschlüssig dastand.
Mit dem Mädchen auf dem Arm trat er schnell aus der
Gasse, ging die kurze Distanz zur Eingangstür seines Hauses und stieß energisch mit seinem Fuß dagegen.
Es dauerte ihm zu lange, bis die Tür geöffnet hatte.
Wieder stieß er mit dem Fuß dagegen.
Endlich wurde diese geöffnet.
Seine Frau Rosalie stand in der Tür und sah, im ersten Moment erzürnt auf denjenigen der um diese Zeit einen solchen Lärm verursachte.
Bevor sie laut zu protestieren begann, erkannte sie ihren Mann im Halbdunkel.
„Was …“; sagte sie erstaunt.
„Um Gottes Willen“, rief sie erschrocken aus, als sie das Mädchen sah.
„Schnell komm herein!“
Bogwin betrat das Haus, während seine Frau hinter ihm die Tür schloss.
„Was ist denn mit dem Kind los“, fragte sie ihn erstaunt.
„Und woher hast du sie?“
Bogwin war in der Zwischenzeit in das Wohnzimmer vorausgegangen, wo er das Mädchen auf das Sofa legte. „Schnell, bring mir ein paar Decken, und etwas Warmes zu trinken“, forderte er seine Frau auf.
Diese verschwand in der Küche, wo sie Milch in einen
Topf füllte, um sie zu erwärmen. Dann lief sie in das Schlafzimmer, griff sich aus einer Truhe eine Decke und kam zurück in das Wohnzimmer, wo sie die Decke ihrem
Mann reichte.
„Willst du mir jetzt wohl sagen, wo du das Kind gefunden hast und was mit ihm los ist!“
Bogwin schlug die Decke um das Kind, bettete den Kopf des Mädchens auf ein Kissen, dass das Ganze stumm und mit großen Augen über sich ergehen ließ. „Ich habe sie in der Gasse zum Keller gefunden“, antwortete er auf die Frage seiner Frau. „Ein Straßenköter hat sich gerade an sie herangemacht!“ „Herr im Himmel“, stieß sie erschrocken aus. Bogwin hüllte das Mädchen mit der Decke ein bis nur mehr der Kopf daraus hervorschaute.
„Hast du an die Milch gedacht“, fragte er sie.
„Herr …ja!“
Schnell eilte sie zurück in die Küche. Gerade noch rechtzeitig bevor die Milch überzukochen begann. Mit der Milch, in der sie vorsorglich etwas Honig gerührt hatte, kam sie in das Wohnzimmer zurück.
„Hier“, sagte sie und hielt ihm die Tasse hin.
Bogwin nahm die Tasse in eine Hand, streichelte das Kind mit der anderen sanft über die Wange und sagte:
„Hier kleines Mädchen. Du musst etwas Warmes trinken!“ Mit einem plötzlichen Ruck den Bogwin ihr nicht zugetraut hätte, setzte sie sich auf, dabei versuchend die Decke von ihrem Oberkörper zu streifen. „Langsam. Immer mit der Ruhe“, sagte Bogwin in beschwichtigendem Ton zu ihr.
„Trink das in kleinen vorsichtigen Schlucken!“ Das Mädchen hatte beide Arme von unter der Decke hervorgestreckt und griff gierig nach der Tasse. Kaum, dass sie ihren Mund darangesetzt hatte, nahm sie einen großen Schluck und begann augenblicklich die Milch wieder auszuspucken.
„Ich sagte doch, langsam“, ermahnte Bogwin sie. „Die gehört ganz allein dir. Niemand nimmt sie dir weg.“
Das Mädchen sah mit großen erstaunten und plötzlich hellwachen Augen auf Bogwin. Langsam setzte sie wieder ihren Mund an die Tasse. Nahm kleine Schlucke. Wohlig schloss es die Augen.
Sie trank so lange, wie es ihr Atem erlaubte. Mit dem Handrücken wischte sie sich die Mundwinkel ab, achtete darauf, dass kein Tropfen verloren ging.
Leben kehrte in ihre Augen zurück. Sie sah zuerst ihn, dann seine hinter ihm stehende Frau an. „Danke“, sagte sie.
Bogwin strich ihr vorsichtig über die Wange.
„Sag, wo sind denn deine Eltern?“
Ein Nebel schien sich über die Augen des Mädchens zu legen, kaum dass sie die Frage gehört hatte.
„Tot“, sagte sie. „Sie sind schon vor langer Zeit verhungert!“
Er wollte es nicht. Doch die Worte des Mädchens ließen ihn erstarren. Erst als er die Hand seiner Frau auf seiner Schulter spürte, erwachte er wieder daraus.
„Trink weiter deine Milch.“
„Heute Nacht bleibst du auf jeden Fall hier. Ist das in
Ordnung für dich?“
Das Mädchen sah ihn mit zweifelndem Blick an. Sie schien nicht glauben zu können, was sie aus seinem Mund gehört hatte. Noch einmal nahm sie einen Schluck von der warmen Milch.
Dann endlich nickte sie.
Das Lächeln in ihren Augen würde Bogwin für lange Zeit im Gedächtnis bleiben.
Rosalie hatte für das Kind, ein wenig Rindersuppe heiß gemacht, zu der sie das Kind überreden konnte. Mit Mühe war es ihr gelungen, das Kind aus einem Schlaf zu wecken, in das es gefallen war, kaum dass sie die Milch ausgetrunken hatte.
Der Versuch, das Kind in die Badewanne zu bekommen gelang ihr jedoch nicht. Kaum hatte das Mädchen, das auf den Namen Edna hörte, die Suppe aufgegessen, fiel es auch schon wieder in das Kissen zurück, wo es augenblicklich eingeschlafen war.
Rosalie gelang es, ihr die Jacke auszuziehen, um sie dann wieder in die wohlig warme Decke einzuwickeln. Es bestand kein Zweifel, dass Edna bis zum nächsten Morgen durchschlafen würde.
Bogwin hatte sich in der Zwischenzeit in die Küche begeben, wo Rosalie ihn vor einer Tasse Tee sitzend vorfand. Er hatte sich eine seiner selten gewordenen Pfeifen angezündet und saß mit nachdenklichem Gesicht am Küchentisch.
Rosalie sagte beim Betreten der Küche: „Was für ein Glück, dass du die Kleine gefunden hast. Mein Gott, sie ist ja vollkommen fertig. Ich hab noch nie ein so abgemagertes Kind gesehen!“
Bogwin stieß den Rauch seiner Pfeife aus, hob seinen Kopf und sah seine Frau an. Sein Gesicht zeigte tiefe Furchen.
Ohne auf die Worte seiner Frau einzugehen, sagte er: „Ich hätte niemals gedacht …, es auch nur für möglich gehalten, dass es in Prudencia einmal so etwas geben würde. Ein Kind, das auf der Straße leben muss. Halb verhungert!“ Er schüttelte den Kopf. „Ich frage mich, wie sie es geschafft hat so lange, ohne Eltern zu überleben.“
Rosalie sah Tränen in den Augen ihres Mannes.
Wann hatte sie ihren Mann das letzte Mal weinen sehen?
Sie konnte sich nicht daran erinnern.
Mit langsamen leisen Schritten ging sie auf ihn zu, legte ihre Hände auf seine Schultern und küsste ihn auf die Stirn.
Sie wusste nur zu gut, was in diesem Moment in ihm vorging.
„Ja, es ist furchtbar“, erwiderte sie. „Wer hätte gedacht, dass es in unserem Land einmal so etwas geben könnte?“ Sie schüttelte verwundert den Kopf. Rosalie kniete sich neben ihren Mann hin, umfing ihn mit ihren Armen und legte ihren Kopf auf seine Beine. Bogwin sah stumm vor sich hin, während er eine Hand auf den Kopf seiner Frau gelegt hatte. Noch einmal nahm er einen Zug von seiner Pfeife. Diese Pfeife noch. Er wusste nicht, wann er wieder einmal in den Genuss kommen würde.
Schließlich sagte er: „Ich muss eine sehr delikate
Entscheidung treffen.“
Sie wartete einen Moment lang ab. Als er schließlich nicht weiterredete, fragte sie ihn: „Willst du darüber sprechen?“
Sie hörte, wie er einen tiefen Zug von seiner Pfeife nahm.
„Wie gerne würde ich mit dir darüber reden meine Liebe.
Aber ich kann es nicht, darf es nicht.
Rosalies Stirn legte sich in Falten.
„Ist es denn so schlimm“, fragte sie ihren Mann.
Bogwin antwortet nicht, nickte nur bejahend mit dem
Kopf.
Nachdem er seine Pfeife zu Ende geraucht und seinen Tee getrunken hatte, schlug er vor, dass sie noch einmal nach dem Mädchen sehen sollten. Vorsichtig öffneten sie einen Spaltbreit die angelehnte Tür und sahen das
Mädchen schlafend vor.
„Morgen früh müssen wir sie von Dr. Campbell untersuchen lassen. Ja, nachdem sie etwas gefrühstückt hat und sie ein Bad genommen hat“, meinte Rosalie. „Das halte ich für eine ausgezeichnete Idee“, musste
Bogwin mit einem Lächeln zugeben.
Er lag in dieser Nacht noch lange wach. Immer wieder ging er in Gedanken das Gespräch mit Hauptman durch. Immer wieder stellte er sich die gleichen Fragen, auf die er, auch nachdem er sich diese zum hundertsten Mal gestellt hatte, keine Antwort fand.
Erst gegen Morgen, als der Himmel sich allmählich von einem dunklen Schwarz, in ein heller werdendes Grau verwandelte, fiel er in tiefen Schlaf.
Die Unterredung
Bogwin hatte sich nach zwei weiteren fast schlaflosen Nächten dazu entschlossen sich vor der Zeit wieder mit Hauptman zu treffen.
Mit fest entschlossenen Schritten ging er spätabends die verlassenen Straßen entlang. Wieder fiel ihm der Schmutz auf, der die einst so sauberen Straßen dieser ehemals so properen Stadt verunzierte. Wieder wurde ihm bewusst in welch verheerender Situation, sie sich alle befanden.
Doch sein Entschluss stand fest.
Als er an der Tür Hauptmans klopfte, sah er sich verstohlen nach links und rechts um. Es wäre ihm, aus welchen Gründen wusste er selbst nicht unangenehm gewesen, wenn man ihn um diese Zeit hier sehen würde.
Von innen hörte er Schritte, die sich gemächlich der
Tür näherten.
Hauptman selbst öffnete die Tür und bat ihn einzutreten.
Als dieser die Tür wieder geschlossen hatte, sagte dieser: „Ich habe nicht erwartet, sie so früh wieder begrüßen zu dürfen, werter Amtskollege. Doch freue ich mich über ihren Besuch.“
Hauptman ging Bogwin voraus, bat ihn, mit einer einladenden Handbewegung ihm zu folgen. Kurze Zeit später betraten sie dessen Arbeitszimmer.
„Bitte, nehmen sie doch Platz“, forderte Hauptman ihn auf.
„Brandy?“
Bogwin lehnte dankend ab.
Bogwin spürte, wie sich Unruhe in seinem Inneren regte. Hauptman goss sich selbst ein Glas ein, ging langsam hinter seinen Schreibtisch zurück und setzte sich. Nachdem er einen Schluck vom Brandy gemacht hatte, sagte er: „Nun, womit habe ich diese unerwartete und schnelle Freude verdient?“
Bogwin sah in dessen Augen, dass er sich keineswegs darüber freute ihn wiederzusehen.
Die Gleichgültigkeit in dessen Augen, war nur zu deutlich erkennbar.
Schnell schob er den Gedanken beiseite. Er hatte nicht vor allzu lange in dessen Gegenwart verbringen zu wollen.
„Ich habe reiflich darüber nachgedacht, worüber wir das letzte Mal gesprochen haben“, begann Bogwin. „Sehr schön“ erwiderte Hauptman mit einem Lächeln auf den Lippen, dass kälter nicht hätte sein können.
„Und wie stehen sie nun zu der Sache?“
Bogwin erkannte die Ungeduld in der Stimme Hauptmans, der wieder einen Schluck von seinem Brandy nahm. „Ich fühle mich außerstande, mich diesem Vorhaben anzuschließen. Es muss eine andere Möglichkeit geben, die Misere, in der wir uns befinden, zu beseitigen.“ Als er seinen Kopf hob, um Hauptman anzublicken, sah er, wie diesem das Lächeln auf seinem Gesicht gefror. „Das ist ausnehmend bedauerlich“ hörte er Hauptman sagen, der sein Glas wieder zum Mund hob.
„Wirklich ausnehmend bedauerlich!“
„Ich kann so ein …, Vorhaben mit meinem Gewissen einfach nicht vereinbaren. Ein Menschenleben auszulöschen, damit ein anderes gerettet werden kann.
Das ist nicht richtig!“
Grabesstille füllte mit einem Mal den Raum.
„Wir haben nicht das Recht Gott zu spielen.“ „Aber, aber werter Ratskollege“, sagte Hauptman. „Wer hat denn gesagt, dass wir uns dergleichen anmaßen wollen?“
„Nun“, begann Bogwin einzuwenden. „Genau das wäre es doch.“
Hauptman hob abwehrend die Hand.
„Nicht doch“, sagte er.
„Alles was zur Debatte stand, war, viele Menschenleben zu retten“.
„Ja, welches ihrer Meinung nach nur möglich wäre, wenn wir andere dafür opfern würden.“
Hauptman wandte den Kopf ab. So sehr er sich auch darum bemühte seine Enttäuschung, nicht zu zeigen, konnte er es doch nicht verhindern, dass seine Mundwinkel für einen Moment nach unten sanken.
„Nun, wie ich sehe, werter Kollege, können sie sich für die …, Idee, die ich ihnen und unserem Kollegen Lampert das letzte Mal unterbreitet habe, nicht erwärmen.“
Wieder nahm Bogwin dieses eiskalte Lächeln, auf
Hauptmans Gesicht war.
„Absolut nicht“, antwortete Bogwin.
„Nun ja“, setzte Hauptman an. „Es war ja nur so eine …,
Idee, nicht wahr.“
„Es war wohl mehr wie nur eine Idee“, widersprach Bogwin.
„Sie haben etwas von einem Serum erzählt, in dessen
Besitz sie sind.“
Erstaunt sah Bogwin, wie die selbstsichere Fassade Hauptmans zu bröckeln begann.
„Da müssen sie etwas falsch verstanden haben, werter
Kollege. Absolut falsch!“
Das zurückgekehrte Lächeln auf dem Gesicht Hauptmans, so es auch zu sehen war, hatte nichts mehr von seiner Arroganz, die es ansonsten zu zeigen gewohnt war.
Bogwin wurde es zu viel. Er musste raus aus diesem Raum, diesem Haus, weg von diesem Mann.
Bogwin stand auf, strich sich seinen Mantel zurecht. „Hören sie Herr Ratskollege, um der gemeinsamen Sorge um unser Land willen. Sollten sie wirklich im Besitz eines solchen …, Stoffes sein ...!“
„Werden sie ihn los. Und zwar so, dass er niemanden schaden kann und wir vergessen die ganze Sache!“ Kaum hatte Bogwin den Satz beendet, stand Hauptman auf und ging auf ihn zu.
Jeder Muskel in Bogwins Körper begann sich anzuspannen.
„Lieber Kollege, seien sie versichert“, begann er zu Bogwin zu sagen.
„Sie haben da etwas völlig falsch verstanden. Es wird nichts das was sie irrtümlicherweise vermutet haben geschehen. Es gibt keinen solchen …, Stoff, noch war jemals geplant einen solchen zum Einsatz zu bringen.
Wie können sie nur annehmen?“
„Also wirklich …!“
Die Unverfrorenheit mit der er lächelnd alles abstritt, wie er mit strahlend lächelndem Gesicht auf ihn zukam, verblüffte Bogwin.
„Kommen sie mein Freund. Es ist spät, lassen sie uns ein andermal darüber beraten, was wir weiters tun können.“
Hauptman war nahe an ihn herangetreten, fasste ihn wie einen alten Freund an der Schulter.
„Kommen sie, ich begleite sie zur Tür.“
Bogwin drehte sich um, ließ sich verblüfft von Hauptman zur Tür des Arbeitszimmers begleiten. Unten an der Tür öffnete Hauptman diese und verabschiedete Bogwin mit den Worten: „Also werter
Kollege. Ich wünsche ihnen noch einen angenehmen Abend. Und seien sie versichert, alles ist in bester Ordnung.“ Bogwin trat auf die Straße, zu verblüfft, um einen klaren Gedanken fassen zu können.
Er hatte nur noch eines im Sinn. Schnell von diesem Ort wegzukommen.
Hauptman ging mit schnellen Schritten zurück in sein Arbeitszimmer. Dort warteten bereits die beiden Männer, die er zuletzt mit der Beschattung seiner beiden Amtskollegen beauftragt hatte.
Wohlweislich schloss er die Tür hinter sich. „Es gibt da ein Problem, um das es sich zu kümmern gilt“, sagte er mit zusammengebissenen Zähnen. „Wir müssen die beiden aus dem Weg räumen. So schnell wie nur möglich.“
Mit wutverzerrtem Gesicht ging er auf die beiden
Männer zu.
„Lasst es wie einen Unfall aussehen“, sagte er zu einem der beiden.
„Haben sie etwas besonders im Sinn“, fragte ihn einer der beiden.
Hauptman war an seinen Tisch getreten, wo er sich mit beiden Händen darauf stemmte. Einen Moment lang dachte er nach.
„Fackelt sein Haus ab“, sagte er. „Das von Bogwin und das von Lampert gleich dazu!“
Alles dahin
Edna stand neben seinem Bett.
Heftig zog und rüttelte sie am Oberteil seines Pyjamas, bis er aufgewacht war. Erschrocken sah er sie an. Schon wollte er sie fragen, was los sei. Ein heftiger Hustenanfall hinderte ihn daran. Erst da sah er den dicken Qualm, der den ganzen Raum erfüllte. Von Panik erfasst rollte er sich seitlich aus dem Bett. „Rosalie“, schrie es in seinem Kopf, als ihn wieder ein heftiger Hustenanfall zu schütteln begann.
Edna klammerte sich an ihn.
„Herr, es brennt unten ganz schlimm“, hörte er sie schreien, während er versuchte, mit einem Arm nach seiner Frau zu greifen, die sich nicht bewegte.
„Rosalie“, rief er wieder. Doch auch nach dem zweiten Rufen zeigte sie kein Anzeichen, dass sie ihn gehört hatte.
Endlich schaffte er es, sich aufzurichten. Mit einer Hand, die er sich vor Nase und Mund hielt, griff er über das Bett und begann wieder an Rosalie zu rütteln.
Nichts.
Plötzlich drangen von der Tür her seltsame Geräusche zu ihm. Er warf einen schnellen Blick zu dieser und sah, dass unter dem Türspalt kleine orangefarbene Flammen durchzüngelten. Die Tür schien zu ächzen. Er sah Blasen an der Innenseite, die sich schnell aufblähten.
Das Atmen fiel ihm immer schwerer.
Hinter ihm brach Edna in heftiges Husten aus.
Mit einem Ruck richtete er sich auf, lehnte sich mit
dem Oberkörper über das Bett, um weiter am Nachthemd seiner Frau zu rütteln. Auch diesmal gelang es ihm nicht, sie wach zu bekommen. Er sah in ihr Gesicht und meinte, die Zeit sei stehengeblieben.
Bewegungslos lag er mit dem Oberkörper auf dem Bett.
Mit einer Hand hielt er den Oberarm seiner Frau. Sie hatte die Augen geschlossen. Da wusste er, dass sie nie wieder die Augen öffnen würde.
Als er sich später daran erinnerte, fiel ihm wieder der Gedanke ein, der ihm in diesem Moment durch den Kopf ging: „Leg dich einfach wieder hin. Leg dich neben sie und lass es gut sein!“
Doch da war Edna. Dieses kleine abgemagerte Ding, dass er erst vor wenigen Stunden mit nach Hause gebracht hatte und das nun an ihm rüttelte.
„Herr, bitte kommt“, schrie sie. „Wir müssen hier weg!“
„Seltsam“, dachte er sich später.
„Ich kann mich nicht erinnern, dass ich in diesem
Moment irgendetwas gefühlt habe.“
Keine Angst, keine Panik, nicht der Wunsch, so schnell wie möglich aus dem Zimmer zu kommen.
Er wusste, dass Rosalie tot war. Die Frau, mit der er seit über 30 Jahren verheiratet war. Was also sollte es? Wozu noch weitermachen?
Wieder rüttelte Edna an ihm, mit einer Kraft, die er dem kleinen mageren Ding nicht zugetraut hatte.
Da ließ er den Arm seiner Frau los und glitt mit dem
Oberkörper vom Bett.
Edna klammerte sich mit aller Kraft an ihn.
„Wir müssen hier raus“, schoss es ihm durch den Kopf.
An der Innenseite der hölzernen Tür fraßen sich die Flammen empor. Der Rauch wurde immer dichter. Plötzlich barst ein Fenster. Wieder und wieder hieb jemand von außen auf den noch vorhandenen Rahmen ein.
„Ist jemand da drin“, schrie jemand von außerhalb.
„Hallo!“
Bogwin rappelte sich von seinen Knien auf, griff sich Edna und stolperte blindlings zum Fenster. Schlagartig spürte er die kalte Nachtluft, die durch das zerstörte Fenster strömte.
„Hier“, stöhnte er und hob das schwer hustende Mädchen hoch.
„Hier ist jemand“, schrie der Feuerwehrmann, der sich weit nach vorne beugte, um nach Edna zu greifen.
„Komm her meine Kleine“, sagte dieser.
Edna streckte die Arme aus. Der Feuerwehrmann griff sie und drückte sie fest an sich.
„Komm, ich bring dich schnell nach unten“, sagte der Feuerwehrmann und begann mit Edna die Sprossenleiter nach unten zu steigen.
Bogwin versuchte, so gut es ihm möglich war, sich aufzurichten. Er zog die von draußen hereinströmende Luft gierig in seine Lunge. Mühsam hielt er sich mit beiden Händen an der Fensterbank und gerade, als er versuchte, sich mit letzter Kraft hochzuziehen, fiel er vornüber und schlug mit dem Kopf gegen die Wand.
Ohnmächtig sank er zu Boden!




