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Später, es war bereits Nachmittag, erwachte er in einem Zimmer, das ihm gänzlich unbekannt war. Benommen sah er sich um. Mit wenigen Blicken erkannte er, dass er sich in keinem Krankenzimmer befand.
Sein Schädel brummte und wieder begann er heftig zu husten. Sein Atem, den er in seiner vorgehaltenen Hand riechen konnte, roch nach Rauch. Ihm wurde übel und er versuchte, sich aufzurichten. Augenblicklich wurde ihm schwindelig und ließ sich wieder zurück auf das Kissen sinken.
Eine Tür wurde geöffnet und er sah verschwommen, dass eine Gestalt auf ihn zukam.
„Freund“, hörte er eine Stimme sagen. „Wie schön, dass sie endlich wieder aufgewacht sind!“ Er erkannte die
Stimme Lamperts.
„Wo bin ich hier“, fragte Bogwin ihn.
Lampert setzte sich auf die Bettkante. Als Bogwin wahrnahm, dass dieser nicht sofort antwortete, fragte er ihn wieder: „Es hat gebrannt. Wo bin ich denn hier?
Was ist denn los?“
Lampert legte ihm eine Hand auf den Unterarm. „Wir haben sie in Sicherheit gebracht“, ließ dieser ihn wissen.
Langsam kam die Erinnerung wieder zurück.
„Was ist mit dem Mädchen?“
„Sagen sie mir bitte …!“
„Das Mädchen befindet sich im Nebenzimmer. Es geht ihr gut. Wer ist die Kleine überhaupt?“
Bogwin schloss wieder seine Augen. Die Erinnerung, all das was geschehen war, schwappte über ihn.
Edna, die panisch versuchte, ihn aufzuwecken, wie er+0 versucht hatte Rosalie zu wecken, die Tür, die in Flammen stand …!
„Ihr Haus ist vollständig niedergebrannt“, hörte er
Lampert sagen.
„Genauso wie meines!“
Bogwin riss die Augen auf, sah ihn mit entsetztem Blick an.
„Aber wie kann das sein? Beide Häuser zur gleichen
Zeit!“
Lampert gab darauf keine Antwort.
Erst jetzt nahm er wieder den Raum wahr, in dem er lag.
„Und warum bin ich nicht in einem Krankenhaus?“
„Dort wollte man sie auch hinbringen“, sagte Lampert.
„Ich war gerade zu Besuch bei Freunden, als mich die Nachricht erreichte, dass ihr Haus in Flammen stand. Ich bin sofort zu ihrem Haus gelaufen, wo man mich angetroffen hat. Und wo man mich davon unterrichtet hat, dass auch mein Haus in Flammen steht!“ Der Schwindel, der Bogwin für kurze Zeit verlassen hatte, befiel ihn wieder. Er griff sich an den Kopf.
Alles drehte sich darin.
„Wir können nicht lange hierbleiben“, hörte er Lampert sagen.
„Was soll das heißen“, wollte Bogwin von ihm wissen. „Ich denke, wir sind beide in Lebensgefahr. Oder glauben sie wirklich das unsere beiden Häuser zufällig zur gleichen Zeit, in der gleichen Nacht abgebrannt sind?“
Verwundert sah Bogwin ihn an.
„Sie meinen …“, begann er.
„Sie glauben, man hat unsere Häuser absichtlich in
Brand gesteckt?“
Er konnte den Gedanken kaum fassen.
„Ja das denke ich“ bestätigte ihm Lampert.
„Aber, dann müssen wir die Polizei davon unterrichten.“ „Das werden wir auch. Doch im Moment ist es wichtiger, dass wir am Leben bleiben.“
„Aber wer …!“ Bogwin beendete den Satz nicht. Lampert sah seinen Freund an. Dessen Blick bestätigte den Verdacht, den er selbst hatte.
„Schnell, wir müssen hier weg. Ich bin überzeugt, dass man bereits nach uns sucht!“
Bogwin konnte die Panik in der Stimme Lamperts hören. „Sie glauben, dass er wirklich vorhat es noch einmal zu versuchen“, fragte Bogwin ihn.
Erst da wurde ihm der zuvor noch unausgesprochene
Gedanke zur Wirklichkeit.
Das Gespräch mit Hauptman. Ihrer beider Besuch bei diesem. Natürlich musste er dafür sorgen, dass sie beide nicht redeten!
Angst erfasste ihn. Angst, die ihm die nötige Energie gab, sich aufzurichten und der Aufforderung seines Freundes Folge zu leisten.
„Aber …, wo sollen wir denn hin“ fragte Bogwin ihn.
„Ich habe dafür gesorgt, dass man uns raus aus der Stadt bringt“, ließ Lampert ihn wissen.
„Ich habe einen guten alten Freud, der dafür sorgt, dass wir fürs erste sicher sind. Aber wir müssen uns beeilen!“
„Das Mädchen“, rief Bogwin erschrocken.
„Wir müssen das Mädchen unbedingt mitnehmen. Sie hat doch sonst niemanden, der sich um sie kümmert!“ Lampert hielt ihm ein paar Kleidungsstücke hin und sagte: „Hier ziehen sie das an. Schnell!“ Bogwin nahm die Kleidungsstücke, sah einen Moment verwundert darauf. Erst da fiel ihm auf, dass er noch immer seinen Pyjama trug.
Nach einem Moment des Zögerns begann er sich anzuziehen.
„Machen sie sich um das Mädchen keine Sorgen. Wir werden sie natürlich mitnehmen“, hörte er Lampert sagen.
Fertig angezogen und mit Edna an der Hand, schlichen sie zur Hintertür des Hauses hinaus, in dem er noch nie zuvor gewesen war. Draußen, in der kleinen Seitengasse, stand ein Wagen.
„Schnell, steigt ein“, riet Lampert.
„Auf den Hintersitz. Und duckt euch, so dass euch niemand sehen kann!“
Bogwin tat wie ihm geheißen. Er schob Edna, die keinen Laut von sich gab in den Wagen und stieg dann selbst ein.
Lampert stieg vorn ein und tat es ihnen nach.
„Miguel, fahren wir“, hörten die beiden Lampert zu dem Mann sagen, den sie zuvor nur für ein paar Sekunden wahrgenommen hatten.
Der Wagen begann sich zu bewegen, rollte langsam vorwärts, bis er aus der Seitengasse bog. Schnell nahm er Fahrt auf.
Hinten auf der Rückbank drückte Bogwin das kleine
Mädchen an sich.
Tränen traten ihm in die Augen.
Was sollte nun werden? Wie würde es weitergehen?
Fragen, die ihm Angst machten.
Da sah er auf Edna, die sich vertrauensvoll an ihn drückte.
Auf der Flucht
Zusammengekauert auf der Rückbank des schrottreifen Wagens, hielt Bogwin das kleine Mädchen eng an sich. Dann und wann, wenn der Wagen an einer Kreuzung ankam, mahnte Lampert sie, unten zu bleiben.
Endlich, als sie die Stadt verlassen hatten, der Wagen hatte schon längere Zeit nicht mehr angehalten, wagte es Bogwin, sich vorsichtig aufzurichten. Beim ersten Blick aus dem Wagen sah er, dass sie sich auf einer Landstraße befanden. Links und rechts erstreckte sich Wald und Buschwerk.
„Ich denke, sie können sich jetzt aufsetzen werter Freund“, sagte Lampert.
„Doch wenn sie einen Wagen kommen sehen, gehen sie wieder in Deckung!“
Langsam richtete Bogwin sich auf, warf dabei einen Blick nach hinten. Kein Wagen, keine Menschenseele war weit und breit in Sicht. Erleichtert atmete er auf. „Komm meine Kleine“, sagte er zu Edna. „Du kannst dich jetzt ein wenig aufsetzen.“
Edna setzte sich auf, sah sich verängstigt um. „Ist schon gut“, sagte er zu ihr, während er ihren Kopf an seine Brust drückte.
Nach einer Weile – sie hatten schon seit ein paar Kilometern keinen Wagen gesehen -, fragte er schließlich Lampert: „Denken sie wirklich, dass wir in so großer Gefahr schweben? Ich meine, wie sind doch beide Mitglieder des obersten Rates dieses Landes.“ Lampert drehte sich um.
„Lieber Freund, machen wir uns nichts vor. Der oberste Rat ist schon lange nicht mehr das, was er einst war.“ „Seit die Krise begonnen hat, haben sich Risse in unseren Reihen gebildet. Risse die von allen möglichen Kräften ausgenutzt wurden, um eigenen Interessen zu folgen.“
„Und das Volk …“, meinte er weiter.
„Warum sollte das Volk hinter einem Rat stehen, der nicht dazu in der Lage ist, sich um sie zu kümmern.“ Bogwin wusste, dass sein Freund recht hatte, wusste es seit langem, doch fühlten sich diese Worte, die nun zum ersten Mal ausgesprochen worden waren, wie ein schmerzhafter Schnitt mit dem Messer an.
Nach einer kurzen Weile – Bogwin sah aus dem Fenster, ohne auch nur das geringste wahrzunehmen -, hörte er Lampert sagen: „Unser …, gemeinsamer Freund, er musste den Namen Hauptmans nicht aussprechen, war seit Anbeginn der Krise, darum bemüht seine Position zu stärken. Und das nicht nur in den Reihen des obersten
Rates.“
Schon wollte Bogwin etwas darauf erwidern, als ihm wieder die Gegenwart des Fahrers bewusst wurde. Lampert nahm den Blick seines Freundes wahr, der skeptisch auf den Hinterkopf des Fahrers gerichtet war.
„Machen sie sich keine Sorgen“, sagte er.
„Miguel ist ein treu ergebener Freund meiner Familie.
Schon seine Eltern haben für meine Familie gearbeitet“.
Er legte dem Fahrer eine Hand auf die Schultern und lächelte diesen an. Dieser sah ihn mit einem freundlichen Lächeln an, um sich dann wieder auf die Straße zu konzentrieren.
„Außerdem ist er seit seiner Geburt so taub, wie man es nur sein kann.“
„Ich verstehe das Ganze nicht“, sagte Bogwin schließlich zu Lampert.
„Gestern noch waren wir Mitglieder eines angesehen
Rates und heute …!“
Lampert drehte sich wieder zu ihm um, sah ihn aus zusammengekniffenen Augen an.
„Das Gestern, lieber Freund, die Tage, in denen alles gut war, sind schon lange vorbei. Wir haben uns von der guten Zeit einlullen lassen, sind zu bequem, zu blauäugig gewesen. Etwas wofür wir nun bezahlen müssen.“
Wieder glitt der Blick Bogwins aus dem Fenster. Er sah endlos lange Felder am Wagen vorüberziehen. Felder, die einst fruchtbar waren und für reichlichen Ertrag gesorgt hatten. Weizen, Hirse und Gemüse waren hier gezüchtet worden, deren Qualität bis weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt gewesen waren. Nun lagen die Felder brach da. Nichts wuchs mehr darauf. Hier und dort waren noch verfaulte und vertrocknete Überbleibsel zu sehen, die einen kümmerlichen Anblick boten.
Er versuchte, selbst noch an diesem wenig trostlosen Anblick etwas Tröstendes zu finden. Doch so sehr er sich auch bemühte, die Trauer darüber was aus seinem Leben, aus diesem Land geworden war, wollte ihn fast übermannen.
„Rosalie“, sagte er plötzlich. Unbewusst hatte er den Namen seiner Frau laut ausgesprochen.
Lampert drehte sich wieder zu ihm um und sah ihn aus mitleidsvollen Augen an.
„Es tut mir sehr leid mein Freund. Unendlich leid!“ Bogwin schaffte es, ob der Beileidsbezeigung seines Freundes zu nicken. Tränen traten ihm in die Augen. Tränen, die er nicht zurückhalten konnte. Stumm nach draußen blickend, begann er zu weinen. Durch den verschwommenen Blick sah er ein Land an sich vorüberziehen, dass wie sein eigenes Leben sich wüst und leer ausmachte.
Nach zweistündiger Fahrt kamen sie an einem Haus an, das am Ende eines kleinen Dorfes lag, dessen Namen Bogwin noch nie gehört hatte. Schon als sie an der Dorfeinfahrt angekommen waren, riet Lampert wieder dazu, sich nach unten zu ducken, so dass sie von den Dorfbewohnern nicht gesehen werden konnten. Wie sich jedoch kurze Zeit später herausstellte, wäre diese Vorsichtsmaßnahme kaum nötig gewesen. In dem Dorf, das einst mehr als siebenhundert Menschen gelebt hatten, lebten nun gerade noch eine Handvoll Menschen, wie er von Lampert erfuhr.
Das Haus lag auf einer kleinen Anhöhe, und war ein ehemaliges Farmgebäude, das wie der Rest des Dorfes schon bessere Zeiten gesehen hatte. Neben dem ehemaligen Hauptgebäude sahen sie eine alte riesige Scheune stehen, in welcher man früher Mais und Weizen gelagert hatte und die nun leer stand.
Drumherum weitläufige Felder auf denen nur mehr vereinzelt etwas wuchs.
In der Mitte des Hofes fanden sie einen gemauerten Brunnen stehen in dem – Edna hat dies schnell herausgefunden, noch Wasser war. Ein alter Traktor, der einst dafür benutzt worden war, die Felder zu bearbeiten, rostete in einem Schuppen vor sich hin. Vorsichtig begannen sie sich auf dem Hof umzusehen.
Weit und breit war keine Menschenseele zu sein.
„Kommen sie“, sagte Lampert und wies auf das Farmhaus. „Gehen wir hinein. Ich weiß es sieht nicht besonders aus, aber sie werden sehen das man es hier eine
Zeitlang ganz gut aushalten kann.“
„Guter Lampert“, dachte sich Bogwin.
Er sah, wie Lampert sich darum bemühte, ihnen ein sicheres Gefühl zu geben.
Lampert war vorangegangen, nachdem er aus dem Kofferraum eine Kiste geholt hatte in der sich, wie er sagte, alles sei was sie für die ersten paar Tage brauchen würden.
An der Tür stellte er die Kiste ab, holt einen Schlüssel aus seiner Tasche und sperrte die Tür auf.
Mit einem heftigen Knarren schwang die Tür auf, worauf Lampert die Kiste wieder aufnahm und das Haus betrat. Bogwin, der Edna an der Hand hielt und der Fahrer betraten nach Lampert das Haus.
Es roch muffig.
Kaum waren diese offen, konnten sie erkennen, wie es im
Inneren des Hauses aussah.
Hatten sie befürchtet, dass es im Inneren genauso schlimm aussehen würde, wie das Äußere es vermuten ließ, so waren sie überrascht, welchen gemütlichen Eindruck es machte, kaum das Licht hereinzufallen begann.
„Ich weiß“, begann Lampert. Es ist alles ziemlich staubig und es riecht muffig. Aber mit ein bisschen Wasser und einem Besen haben wir das schnell wiederhergerichtet.“
Bogwin sah sich mit Edna an der Hand weiter interessiert um.
Als Erstes fiel ihm der große gemauerte Kamin auf, der in die rückwärtige Wand des Hauses eingebaut war. Er konnte sich gut vorstellen wie an kalten Abenden, Menschen davorgesessen waren, um sich nach getaner Arbeit davor zu wärmen.
Ein Glas Wein in der Hand und sich dabei Geschichten erzählend.
Das Haus verfügte über einen ersten Stock, zu dem eine hölzerne Treppe führte.
Lampert hatte den Blick seines Freundes bemerkt.
„Ja, da oben befinden sich ein paar Zimmer, in denen wir schlafen können. Die Küche hier unten ist zwar etwas veraltet, doch ich bin mir sicher, dass es nicht schwer sein wird, eine Gasflasche zu bekommen, die es uns erlauben wird, uns etwas zu kochen. Miguel hier – er klopfte den neben ihm stehenden Mann anerkennend auf die Schultern, ist ein begeisterter und guter Koch!“ Miguel hatte offensichtlich von den Lippen Lamperts abgelesen. Zufrieden lächelte dieser Lampert an und nickte dabei.
„Mein lieber Freund“, sagte schließlich Bogwin. „Das sieht alles hervorragend aus. Und mit ein bisschen Arbeit lässt es sich hier mit Sicherheit gut aushalten.“
„Gut“, sagte Bogwin. „Dann wollen wir uns mal an die
Arbeit machen“.
„Sehr gut“, erwiderte Lampert daraufhin.
„Dann wird sich Miguel daran machen uns eine Gasflasche aus dem Ort zu besorgen, um uns etwas Gutes zu kochen.“ Miguel zeigte mit einem Lächeln, das er verstanden hatte und machte sich sogleich daran Dinge aus der von Lampert mitgebrachten Kiste zu nehmen.
„Aber sagen sie“, sagte Bogwin. „Woher kennen sie denn diesen Ort, dieses Haus?“
Lampert sah sich, mit wehmütigem Blick im Haus um. Schließlich sagte er mit einem Seufzer: „Dieses Haus gehört seit Generationen meiner Familie. Ich habe hier eine wundervolle Kindheit verbracht. Doch irgendwann, ich war noch sehr klein, hat mein Vater beschlossen, dass wir in der Stadt besser aufgehoben wären.“ Sein Blick glitt durch das Haus. Plötzlich schien er wieder, in jene Zeit zurückversetzt, in der er hier gelebt hatte.
„Manchmal wünschte ich mir, wir wären von hier nie weggegangen!“
Bogwin konnte ihn nur zu gut verstehen.
Nachdem alle Hand angelegt hatten und ein einfaches, aber wohlschmeckendes Abendessen genossen hatten, saßen die drei Männer vor einem offenen Feuer, dass sie im Kamin angemacht hatten. Lampert hatte eine Flasche Wein mit in die Kiste gepackt, die er aus Prudencia mitgebracht hatte und die sie nun gemeinsam tranken. Im oberen Stock hatte man drei Zimmer gefunden, die ebenso danach verlangt hatten, vom Staub befreit zu werden. Nachdem sie auch diese Zimmer soweit gesäubert hatten, dass man sie benutzen konnte – in den Kisten, die sich in den Schlafzimmern befanden, waren fein säuberlich und in Plastik eingewickelt, Bettwäsche gefunden worden, machten sie sich daran schlafen zu gehen. Die Wäsche roch miefig, doch hatten sie entschieden, diese vorzuziehen, anstatt im Heu zu schlafen.
Die Aussicht, diesen mit Mäusen und anderen Getier zu teilen und auf halb verfaulten Stroh schlafen zu müssen, schien ihnen wenig verlockend.
Edna hatte fleißig mit angepackt.
Bogwin war erstaunt, woher das kleine, so abgemagerte Mädchen die Energie nahm, doch ließ sie es sich, trotz seiner Einwände, nicht nehmen mitzuhelfen.
Alsbald hatten die Strapazen des Tages auch auf sie Wirkung gezeigt. Bogwin schlug ihr nach dem Abendessen vor, dass sie nach oben gehen könnte, um sich hinzulegen, welches sie nur zu gerne annahm. Die Aussicht die zweite Nacht und wie es aussah, noch mehrere Nächte, in einem warmen weichen Bett schlafen zu dürfen, bedurfte keiner großen Überredungskunst.
Zuvor, Edna war bereits nach oben gegangen um sich hinzulegen, saßen die drei Männer, jeder mit einem Glas Wein in der Hand vor dem offenen Kamin. Auch ihnen steckte der Tag in den Knochen und so sehr sie auch die Müdigkeit dazu drängte, wollten sie nicht auf den Genuss verzichten mit den anderen zusammen zu sitzen.
Das Feuer knisterte leise vor sich hin und hatte den großen Raum schnell aufgewärmt.
Keiner der drei sagte für lange Zeit ein Wort.
Schließlich war es Lampert, der zum Sprechen anhob.
„Lieber Freund“, begann er vorsichtig.
„Ich möchte ihnen nochmals mein herzlichstes Beileid ausdrücken für den Verlust, den sie heute erlitten haben.“
Bogwin sah zu ihm hinüber.
„Danke“, sagte er nur und nachdem er tief Luft geholt hatte: „Um ehrlich zu sein, habe ich noch immer nicht verstanden was heute …, wie das alles passieren konnte. Ich fürchte, es wird eine Zeit dauern, bis es vollends zu mir durchgedrungen ist.“
Er nahm einen Schluck von seinem Rotwein, so als müsse er von dem wenigen das er gesagt hatte, seine Kehle anfeuchten.
„Ich verstehe das und ich weiß auch, dass was ich auch sage, sie nicht trösten wird. Aber seien sie versichert, dass ich jederzeit für sie da bin, sollten sie das Bedürfnis verspüren, sich aussprechen zu wollen.“
Lampert hatte seine Hand auf den Arm Bogwins gelegt der sich, für die Worte und Geste seines Kollegen und Freundes mit einem dankbaren Lächeln bedankte.
Wieder sahen sie in das Feuer, dass ihnen nicht nur Wärme, sondern auch Trost zu spenden vermochte.
Fragen türmten sich in den Köpfen der beiden auf. Fragen die, so wussten sie, nicht so einfach verschwinden würden. Nur mit Mühe und Not gelang es ihnen, diese nicht an dem heutigen Abend, nicht jetzt aufzubringen.
Bogwin sagte, nachdem er einen weiteren Schluck von seinem Wein genommen hatte: „Ich bin ihnen außerordentlich dankbar für all das was sie für mich …, und das kleine Mädchen getan haben, lieber Freund. Wer weiß, was alles passiert wäre, wären sie nicht gewesen.“
„Sie wissen, sie waren mir immer ein treuer Freund, und ihr Wohlergehen liegt mir am Herzen“, erwiderte
Lampert.
„Mir zu danken ist nicht nötig.“
Lamperts Worte wärmten ihm das Herz.
„Ich schlage vor, dass wir uns ein paar Tage von all dem Erholen was in den letzten Tagen vorgefallen ist und überlegen uns dann, wie wir weiter vorgehen.“, schlug Lampert vor.
Bogwin nickte zustimmend.
„Miguel wird uns alles aus der Stadt besorgen, das wir brauchen. Es ist das Beste, wenn wir uns für eine Zeit nicht in der Stadt blicken lassen, denke ich. Und ihm können wir vollends vertrauen.“
„Sie haben sicher recht.“ Nachdem er den restlichen Wein getrunken hatte, bemerkte er, dass es auch für ihn Zeit war schlafen zu gehen.
„Ich denke, es wird auch für mich Zeit“, sagte Bogwin. Damit stand er auf, ging zu der kleinen Küchenecke und stellte sein Glas in die Spüle.
„Sagen sie Miguel, dass ich mich herzlich für all seine
Mühen bedanke.“
„Oh, glauben sie mehr. Er weiß das, er weiß das.“
Als er vorsichtig die Zimmertür öffnete, sah er, dass
Edna tief schlief. Vorsichtig trat er ein, schloss die
Tür und ging zu seinem Bett. Er setzte sich auf die
Bettkante und war bereits im Begriff sich seiner Kleider zu entledigen, als er bemerkte wie das Mädchen sich bewegte. Seelenruhig hatte sie sich umgedreht so dass er nun ihr kleines, viel zu mageres Gesicht sehen konnte. Er konnte das zarte friedliche Lächeln auf ihrem Gesicht erkennen.
In diesem Moment, so sehr er den Anblick des friedlich schlafenden Mädchens auch genoss, fiel ihm wieder ein, dass er heute an diesem Tag jenen Menschen verloren hatte, der ihn die letzten 37 Jahre seines Lebens begleitet hatte.
Ein Gedanke der ihn, trotz all der Aufregung und Mühen der letzten Stunden nicht verlassen hatte. Endlose Müdigkeit und Traurigkeit begann ihn zu überwältigen. Tränen füllten seine Augen, liefen ihm die Wangen hinab und er begann zu schluchzen. Etwas das Edna anscheinend gehört haben musste, denn sie begann sich umzudrehen, zog im Schlaf die Augenbrauen hoch, um sich sogleich wieder zu entspannen.
Er unterdrückte weitere Schluchzer, hielt sich die Hand vor den Mund. Doch konnte er nichts gegen die Tränen tun, die immer zahlreicher wurden. So wie er war angezogen, legte er sich aufs Bett, presste sein Gesicht in das Kissen und weinte, wie er noch nie in seinem Leben geweint hatte.
Neues aus der Stadt
In den ersten Tagen nach der Flucht aus Prudencia, versuchten sie, sich ihr momentanes Zuhause so gut es ging einzurichten. Die Beschäftigung half ihnen, über den Verlust ihres bisherigen Lebens hinwegzukommen, und Edna tat mit ihrem Kind sein das ihrige, dass sie davor bewahrte, in Verzweiflung zu stürzen.
Doch war es ihnen, allen voran Bogwin anzusehen, dass er mit dem Verlust, den er erfahren hatte, schwer zu kämpfen hatte. Bisweilen schlich er sich davon, um im Stillen seiner Frau zu gedenken die ihm mehr fehlte wie sein Haus oder das zuletzt doch recht bescheidene Leben, dass sie geführt hatten.
Trotz der Beschäftigungen, denen sie nachzugehen hatten, schwebte immer wieder die Angst über ihnen, entdeckt zu werden. So überließen sie es Miguel dann und wann in die Stadt fuhr, um nötige Besorgungen zu machen.
Die Sorge um ihr Land, ihre Stadt, in der sie ihr ganzes Leben verbracht hatten, schien mit der Zeit in weite Ferne gerückt zu sein. Doch die Frage, wie ernst es Hauptman mit seinen Plänen tatsächlich gemeint hatte, konnten sie auch hier an diesem einsamen Ort nicht verdrängen.
Bis eines Tages Miguel wieder einmal spätabends aus Prudencia zurückkam. Kaum hatte er den Wagen am Hof abgestellt, sprang er schon aus dem Wagen, um mit aufgeregten Gesten auf das Haus zuzulaufen. Bogwin und Lampert hatten es sich auf zwei der alten Stühle auf der Terrasse gemütlich gemacht. Lampert, der den guten Mann, seit seiner Kindheit kannte, sah das irgendetwas nicht in Ordnung war.
Er stand auf und lief Miguel entgegen, der ihm mit hektischen Gesten etwas klarzumachen versuchte. Bogwin, der ebenso aufgestanden war, konnte nur ahnen, was dieser seinem Freund erzählte. Nach ein, zwei Minuten hielt Miguel endlich inne.
Er sah, wie Lamperts Körper in sich zusammenfiel. Es war, als wäre jede Energie aus ihm gewichen. Langsam drehte er sich um, den Kopf gesenkt und seine Miene zeigte, eine Bedrücktheit die Schlimmes ahnen ließ. Mit langsamen Schritten ging er zurück zur Terrasse. Bogwin machte einen Schritt von der Terrasse herab und fragte ihn: „Mein Freund, was ist denn los? Was ist passiert?“
Langsam hob Lampert den Kopf und sah Bogwin an. Dieser schien direkt durch ihn hindurch zu sehen.
„Etwas ganz Furchtbares geht in Prudencia vor“, sagte dieser.
„Was meinen sie? Was geht in Prudencia vor?“
Lampert antwortete ihm nicht gleich. Er ging zu dem Stuhl, auf dem er kurz zuvor noch gesessen hatte und setzte sich.
„Es scheint, dass Hauptman seinen Plan tatsächlich in die Tat umsetzt.“
Lampert sah mit starren Blicken geradeaus.
„Das kann doch nicht sein“, erwiderte Bogwin.
„Miguel hat mir gerade erzählt das in der ganzen Stadt, ja selbst in den kleineren Städten und Dörfern um Prudencia herum, ältere und kranke Menschen plötzlich wie die Fliegen sterben. Zu hunderten werden sie aus den Häusern geholt und dort begraben, wo Platz ist.“ Lampert sah ihn mit vor Schreck erstarrten Augen an. „Aber wie kann denn das sein“, fragte ihn Bogwin, der sich ebenfalls wieder hingesetzt hatte. Erschrocken sah er Lampert von der Seite her an.




