- -
- 100%
- +
„Geht es Ihnen gut?“ hörte sie den Mann sagen.
Diese Frage holte sie mit einem Schlag zurück ins Hier und Jetzt. „Ja. Es tut mir leid, aber ich war ganz in meine Erinnerungen versunken. Der Geschmack des Scones hat mich mal eben dreißig Jahre zurückversetzt.“
„Dann brauchen Sie jetzt aber dringend einen,Elf-Uhr-Snack‘“, lachte der Mann. „Kann ich Sie dazu verführen?“
Das Kribbeln, das Lacey durch den ganzen Körper fuhr, machte ihr bewusst, dass sie zu allem, was er ihr in seinem lieblichen Akzent und mit seinem freundlichen, verführerischen Blick vorschlagen würde „Ja und Amen“ sagen würde. Und so stimmte sie auch diesem Vorschlag von ihm zu und sei es auch nur weil ihre Kehle plötzlich zu trocken dazu schien ein einziges Wort des Widerspruchs herauszubekommen.
Er klatsche in die Hände. „Hervorragend! Ich werde Ihnen alles zeigen, was ich zu bieten habe. Ihnen sozusagen England kulinarisch zu Füßen legen.“ Er war gerade dabei, sich umzudrehen und in seinen Laden zu gehen, doch dann hielt er kurz inne und sah zu ihr zurück. „Ich heiße übrigens Tom.“
„Lacey“, antwortete sie und fühlte sich dabei ein wenig schwindelig, fast wie ein verknallter Teenager.
Während Tom in die Küche verschwand machte es sich Lacey auf dem Sitz am Fenster bequem. Sie versuchte, sich an weitere Erlebnisse aus ihrem damaligen Aufenthalt hier zu erinnern, doch leider vergebens. Die einzigen Dinge, an die sie sich erinnerte, waren der Geschmack von Scones und das Lachen ihrer Familie.
Einen Augenblick später kam der schöne Tom mit einem Kuchentablett, auf dem sich von der Rinde befreite Sandwiches, Scones und einige bunte Törtchen stapelten, aus der Küche zurück. Außerdem hatte er noch eine Teekanne dabei, die er neben das Kuchentablett auf den Tisch stellte.
„Das kann ich doch nicht alles essen!“, rief Lacey aus.
„Das ist für uns beide“, antwortete Tom. „Und es geht natürlich aufs Haus. Denn es wäre nicht höflich, die Dame beim ersten Date bezahlen zu lassen.“
Er setzte sich direkt neben sie.
Seine Ehrlichkeit überraschte Lacey. Ihr Puls begann erneut zu rasen. Es war schon so lange her, dass sie mit einem Mann geflirtet hatte. Sie hatte schon wieder Schmetterlinge im Bauch wie ein Teenager. Und fühlte sich genauso linkisch. Aber vielleicht lag das alles einfach nur daran, dass Tom Brite war. Vielleicht benahmen sich ja alle Engländer so.
„Beim ersten Date?“ hakte sie nach.
Doch noch bevor Tom antworten konnte bimmelte die Glocke über der Ladentür und eine Gruppe von ungefähr zehn Japanern fiel in den Laden ein. Tom sprang auf.
„Oh, Kundschaft.“ Er sah zu Lacey hinunter. „Macht es Ihnen etwas aus, wenn wir unser Date verschieben?“
Ebenso selbstsicher wie sie ihn bisher erlebt hatte machte sich Tom auf den Weg zur Ladentheke und ließ Lacey ziemlich sprachlos zurück.
Da der Laden nun voller Touristen war, ging es in ihm inzwischen laut und umtriebig zu. Lacey verschlang ihren Elf-Uhr-Snack, hatte dabei aber immer ein Auge auf Tom. Doch der war von seinen Kunden ganz und gar mit Beschlag belegt.
Als sie fertig gegessen hatte wollte sie ihm zum Abschied noch kurz zuwinken, aber er war inzwischen wieder in seiner Küche und konnte sie deshalb nicht sehen.
Ein bisschen niedergeschlagen und extrem satt verließ Lacey die Konditorei und trat wieder auf die Straße hinaus.
Dort blieb sie abrupt stehen. Denn sie hatte direkt gegenüber der Konditorei einen leerstehenden Laden entdeckt. Und dieser leerstehende Laden löste so tiefe Gefühle in ihr aus, dass ihr fast der Atem wegblieb. Da war irgendetwas mit diesem Laden, etwas, das an zutiefst in ihrem Inneren verschütteten Erinnerungen aus ihrer Kindheit rührte. Etwas, das sie dazu zwang, sich den Laden näher anzusehen.
Kapitel vier
Durch das Fenster des leerstehenden Ladens lugte Lacey in diesen hinein und versuchte auf diese Weise die Erinnerungen, die gerade in ihr aufgekommen waren, zu fassen zu bekommen. Aber da kam nichts mehr. Doch das, was sich da in ihr geregt hatte, war mehr als eine normale Kindheitserinnerung, sondern fühlte sich eher an als sei sie frisch verliebt.
Bei ihrem Blick durch das Fenster des Ladens stellte Lacey fest, dass dieser leer war und kein Licht darin brannte. Der Fußboden des Ladens war aus hellen Holzbrettern gefertigt. Die vielen Alkoven in seinem Inneren waren zum größten Teil mit eingebauten Regalen ausgestattet und an einer der Wände stand ein großer, hölzerner Schreibtisch. Der von der Decke hängende Leuchter war aus Kupfer und offensichtlich antik. Teuer, dachte Lacey. Den haben die beim Auszug bestimmt nicht absichtlich zurückgelassen.
Dann bemerkte Lacey, dass die Tür des Ladens nicht abgeschlossen war. So blieb ihr praktisch gar nichts anderes übrig, als hineinzugehen.
Im Laden roch es irgendwie metallisch und dazu nach Staub und Schimmel – eine Kombination, die bei Lacey sofort einen neuen Erinnerungsschub auslöste. Denn genauso hatte es auch im Geschäft ihres Vaters, einem alten Antiquitätenladen, gerochen.
Sie hatte diesen Laden geliebt. Als Kind hatte es nichts schöneres für sie gegeben als sich inmitten der ganzen alten Schätze aufzuhalten, mit den gruseligen alten Porzellanpuppen, die es dort gab, zu spielen und in Sammlerstücken von Kinder-Comics wie „Bunty“ oder „The Beano“ oder den ungeheuer seltenen und wertvollen Originalausgaben von „Rupert the Bear“ zu schmökern.
Doch am liebsten hatte sie in dem ganzen alten Kram herumgestöbert und versucht, sich ein Bild von den früheren Besitzern so manchen Stücks zu machen. Krimskrams aller Art gab es dort wirklich genug und jedem einzelnen Teil davon haftete derselbe metallisch-staubige-schimmelige Geruch an, der ihr auch hier entgegenwehte.
Und ebenso wie der Anblick des auf einer Klippe am Meer gelegenen Craig Cottage den alten Traum aus ihrer Kindheit, später einmal am Meer zu leben, neu entfacht hatte, erweckte dieser Laden ihren alten Traum, einmal einen eigenen Laden zu haben, zu neuem Leben.
Sogar der Grundriss des Ladens ähnelte dem ihres Vaters. Je mehr sie sich umblickte, desto mehr Erinnerungen aus den tiefsten Schichten ihres Gedächtnisses drängten nach oben und überdeckten ihre aktuellen Wahrnehmungen – so als würde man eine Lage Pauspapier über eine Zeichnung legen. Vor ihrem inneren Auge waren die eigentlich leeren Regale des Ladens plötzlich angefüllt mit schönen Dingen, vorwiegend mit Küchenutensilien aus der Zeit der Königin Viktoria, auf die ihr Vater spezialisiert gewesen war. Und dort drüben, auf der Ladentheke, sah sie die große kupferne Registrierkasse – die sperrige mit den schwergängigen Tasten, an der ihr Vater festgehalten hatte, weil sie angeblich „den Geist wachhalte“ und „die Fähigkeiten im Kopfrechnen fördere“ – stehen. Während sie meinte, die Worte ihres Vaters zu hören und immer mehr Bilder aus der Vergangenheit vor ihrem inneren Auge auftauchten schlich sich ein verträumtes Lächeln auf ihre Lippen.
Sie war so sehr in ihren Tagtraum versunken, dass sie nicht hörte, dass sich von der Hinterseite des Ladens Schritte näherten. Sie bemerkte nicht einmal, dass der Mann, dem diese Schritte zuzurechnen waren und der nicht gerade freundlich dreinsah, durch die Hintertür trat und direkt auf sie zukam. Erst als jemand sie auf die Schulter tippte merkte sie, dass sie nicht mehr allein war.
So war es kein Wunder, dass dieses Antippen ihr einen solchen Schreck versetzte, dass ihr Herz einen Moment lang auszusetzen schien und sie beinahe laut aufgeschrien hätte. Als sie sich herumdrehte und das Gesicht des Fremden sehen konnte, sah sie einen älteren Herrn mit schütterem, weißem Haar und dicken Tränensäcken unter seinen strahlend blauen Augen.
„Kann ich Ihnen helfen?“ fragte der Mann in einem schroffen, unfreundlichen Ton.
Lacey war so erschrocken, dass eine ihrer Hände unwillkürlich direkt zu ihrem Herzen hinaufflog. Es dauerte einen Augenblick bis ihr bewusst wurde, dass es nicht etwa der Geist ihres Vaters gewesen war, der ihr gerade auf die Schulter geklopft hatte und auch, dass sie kein Kind mehr war, das sich im Laden ihres Vaters befand, sondern eine erwachsene Frau, die gerade Urlaub in England machte. Eine erwachsene Frau, die sich unbefugten Zutritt zu diesem Laden hier verschafft hatte.
„Oh, es tut mir leid!“ sprudelte sie hervor. „Ich konnte ja nicht ahnen, dass jemand hier ist. Und die Tür war nicht abgeschlossen.“
Der Mann starrte sie misstrauisch an. „Haben Sie denn nicht gesehen, dass der Laden leer steht? Hier gibt es nichts zu kaufen.“
„Das weiß ich“, sprudelte Lacey in dem Versuch sich zu rechtfertigen und das Misstrauen des alten Mann zu beschwichtigen, heraus. „Aber ich musste einfach hier hereinkommen. Denn alles hier erinnert mich sehr an den Laden meines Vaters.“ Zu ihrer eigenen Überraschung füllten sich Laceys Augen plötzlich mit Tränen. „Ich habe ihn seit meiner Kindheit nicht mehr gesehen.“
Das Verhalten des Mannes änderte sich von einer Sekunde zur nächsten. Plötzlich stand er ihr nicht mehr argwöhnisch und ablehnend, sondern eher freundlich gegenüber.
„Ach du meine Güte“, sagte er freundlich und schüttelte mitleidig den Kopf als er sah wie Lacey sich verstohlen die Tränen aus den Augen wischte. „Ist schon in Ordnung, meine Liebe. Ihr Vater hatte also einen Laden wie diesen hier?“
Lacey war es peinlich, dass sie diesen Mann mit ihren Problemen belastet hatte. Darüber hinaus fühlte sich ziemlich schuldig, denn schließlich hatte er nicht nur darauf verzichtet, die Polizei zu rufen und sie von dieser aus seinem Laden entfernen zu lassen. Im Gegenteil: er hatte sich eher wie ein erfahrener Therapeut verhalten, und ihr freundliches Interesse entgegengebracht, und sie nicht verurteilt, sondern vielmehr versucht, sie ein wenig aufzubauen. Doch irgendwie konnte Lacey nicht anders als ihm ihr Herz auszuschütten.
„Er hatte einen Antiquitätenladen“, erklärte sie und obwohl immer Tränen ihre Wangen hinunterliefen huschte gleichzeitig auch ein kleines Lächeln über ihr Gesicht. „Zuerst hat mich nur der Geruch des Ladens hier an die alten Zeiten erinnert, aber dann sind auf einmal noch viel mehr Erinnerungen auf mich eingestürmt. Sein Laden war genauso aufgeteilt wie dieser.“ Sie zeigte zu der Tür des hinteren Zimmers, durch die der Mann in den Laden gekommen sein musste. „Er nutzte sein Hinterzimmer als Lager, wollte aber eigentlich immer einen Auktionsraum daraus machen. Das Zimmer war sehr lang und ging auf einen Garten hinaus.“
Der Mann begann zu kichern. „Dann kommen Sie doch mal mit und schauen sich mein Hinterzimmer an. Es ist lang und geht auf einen Garten hinaus.“
Noch ziemlich angefasst von dem Vergleich, den er gezogen hatte, folgte Lacey dem Mann in das Hinterzimmer. Lang und schmal, wie es war, erinnerte es an ein Zugabteil und sah fast genauso aus wie das Hinterzimmer im Laden von Laceys Vater. Ohne sich weiter umzusehen durchquerte Lacey den Raum und ging direkt in den dahinter liegenden, wunderschönen Garten hinaus. Auch dieser war lang und schmal, erstreckte er sich doch bestimmt 15 Meter nach hinten. Der Garten war voller bunter Blumen und ein paar strategisch angepflanzte Bäume und Büsche spendeten gerade so viel Schatten, wie man brauchte. Nur ein kniehoher Zaun trennte diesen Garten von dem des daneben liegenden Ladens, der im Gegensatz zu dem grünenden und blühenden Paradies, in dem sie gerade stand, nur als Lagerfläche für das Geschäft genutzt zu werden schien; denn anstatt von Pflanzen gab es dort nur ein paar große, hässliche, graue Plastikschuppen und eine Reihe Abfalltonnen, die den Garten endgültig verschandelten.
Da wendete sich Lacey doch lieber wieder dem schönen Garten zu.
„Dieser Garten ist einfach unglaublich“, sprudelte sie hervor.
„Ja, er ist wirklich schön“, antwortete der Mann und hob dabei einen umgefallenen Blumentopf auf. „Die letzten Mieter des Ladens haben hier Einrichtungsgegenstände für Haus und Garten verkauft.“
Bei diesen Worten des Mannes fiel Lacey sofort die Traurigkeit auf, mit der er sie ausgesprochen hatte. Dann bemerkte sie, dass die Türen des großen gläsernen Gewächshauses, vor dem sie sich gerade befand, offenstanden und einige der Topfpflanzen darin anscheinend umgeworfen worden waren, Denn sie lagen mit zum Teil geknickten Stängeln und aus ihren Töpfen gefallener Erde auf dem Boden herum. Dieser Anblick erregte Laceys Neugier, denn es war schon seltsam in einem so gut gepflegten Garten wie diesem hier plötzlich vor einer Reihe umgeworfener Pflanzen zu stehen. So dachte Lacey inzwischen nicht mehr über ihren Vater nach, sondern über das, was wohl hier geschehen sein mochte.
„Was ist denn hier passiert?“ fragte sie.
Der ältere Mann wirkte niedergeschlagen. „Deshalb bin ich überhaupt hier. Ich habe nämlich heute Morgen einen Anruf bekommen, in dem man mir gesagt hat, dass hier alles leergeräumt worden wäre.“
Lacey schnappte nach Luft. „Sie sind ausgeraubt worden?“ Es fiel ihr schwer sich vorzustellen, dass es hier, in dem schönen und ruhigen Badeort Wilfordshire, so etwas wie Verbrechen geben solle.
Das schlimmste Vergehen, das sie sich hier, in einem so netten Ort wie diesem, vorstellen konnte war, dass irgendein Lausbub einen zum Abkühlen auf eine Fensterbank gestellten Kuchen von diesem weg stibitzte.
Der Mann schüttelte den Kopf und sagte: „Nein, nein. Die sind weggezogen. Sie haben ihr ganzes Zeug zusammengepackt und sind einfach gegangen. Haben mir nicht einmal Bescheid gesagt. Und haben mir auch noch ihre ganzen Schulden hinterlassen. Unbezahlte Gas-, Wasser- und Stromrechnungen und dazu noch einen Berg anderer Rechnungen.“ Er schüttelte traurig den Kopf.
Lacey war entsetzt zu hören, dass der Laden erst heute Morgen ausgeräumt und verlassen worden war und sie auf diese Weise unabsichtlich in ein sich gerade entwickelndes Drama hineingestolpert war.
„Das tut mir sehr leid“, sagte sie mit echtem Mitleid für den Mann. Jetzt war es an der Zeit, dass sie in die Rolle der Therapeutin schlüpfte und versuchte, den Mann ebenso zu trösten wie er es vorhin mit ihr gemacht hatte. „Wird es denn gehen?“
„Ich glaube nicht“, sagte er traurig. „Um die Schulden dieser Leute los zu werden, werden wir den Laden wohl verkaufen müssen. Und ehrlich gesagt, denke ich, dass wir, also meine Frau und ich, viel zu alt dafür sind, mit so einem Stress fertig zu werden.“ Dabei schlug er sich leicht gegen die Brust, als wolle er damit sagen, dass er ein schwaches Herz habe. „Es geht mir sehr nahe, den Laden verkaufen zu müssen“, meinte er mit brechender Stimme. „Denn er war jahrelang im Besitz meiner Familie. Ich liebe ihn. Wir hatten über die Jahre einige sehr interessante Mieter hier drin.“ Die Erinnerung an diese scheinbar erlebnisreiche Zeit brachte ihn einerseits zum Träumen und gleichzeitig zu einem melancholischen Lachen. „Aber leider geht es jetzt nicht mehr weiter. Wir sind dem ganzen Stress und den Belastungen, die uns der Laden mittlerweile machen würde, einfach nicht mehr gewachsen.“
Die Trauer, die man seiner Stimme anhören konnte, brach Lacey das Herz. In was für eine missliche Lage hatte man diesen Mann nur gebracht? Und wie schlecht musste es ihm und seiner Frau gehen? Das Mitleid, das sie für den alten Mann empfand war ähnlich stark wie der Jammer über ihre eigene Lage. Denn schließlich war sie damit konfrontiert, dass sie das ganze Leben, das sie sich zusammen mit David in New York aufgebaut hatte, verloren hatte und das ganz ohne jeden Grund. Sie wünschte sich sehr, dass sie das Problem des alten Mannes in ihre Hand nehmen und aus der Welt schaffen könnte.
Und so platzte noch bevor sie eine Sekunde darüber nachgedacht hatte, was sie da eigentlich sagte, aus ihr heraus: „Ich miete den Laden“.
Vor Überraschung schossen die weißen Augenbrauen des Mannes nach oben. „Ich glaube ich habe nicht richtig gehört, was Sie gerade gesagt haben.“
„Ich miete den Laden“, wiederholte Lacey schnell, um zu verhindern, dass ihr logisches Denken zurückkam und ihr einen Strich durch diese blitzartig getroffene Entscheidung machen konnte.
„Sie können den Laden nicht verkaufen. Dafür hat er – wie Sie selbst sagen – eine viel zu lange Geschichte in ihrer Familie. Da hängen doch jede Menge Erinnerungen dran. Und ich bin super vertrauenswürdig. Ich habe Erfahrung. Naja, wenigstens sozusagen.“
In diesem Moment dachte sie wieder an die Kontrolleurin mit den dunklen Augenbrauen vom Flughafen zurück, die ihr gesagt hatte, dass sie, falls sie in England arbeiten wolle, ein Visum bräuchte und wie sie ihr im Brustton tiefster Überzeugung geantwortet hatte, dass arbeiten das letzte wäre, was sie hier tun wolle.
Und wie sollte es dann mit Naomi weitergehen? Und wie mit ihrem Job bei Saskia? Wie sollte es überhaupt mit ihrem ganzen bisherigen Leben weitergehen?
Doch auf einmal spielte das alles keine Rolle mehr. Denn das Gefühl, das Lacey schon beim ersten Anblick dieses Ladens überkommen hatte, war so etwas Liebe auf den ersten Blick gewesen. Uns so war sie gerade dabei ins kalte Wasser zu springen.
„Und? Was sagen sie dazu?“ fragte sie den Mann.
Der alte Mann wirkte ziemlich überrascht, was ihm Lacey aber nicht verdenken konnte. Da stand nun eine seltsame Amerikanerin, die Klamotten trug, die schwer nach Ramschladen aussahen und versuchte ihn zu überreden, dass er ihr seinen Laden vermieten solle. Und das, wo er sich doch schon dazu entschlossen hatte, diesen zu verkaufen.
„Also…ich…“, setzte er zur Antwort an. „Es wäre schon schön, den Laden noch ein wenig länger im Familienbesitz zu halten. Außerdem sind die Preise für den Verkauf von Immobilien zurzeit nicht gerade gut. Aber ich muss zuerst mit meiner Frau Martha über das alles reden.“
„Das ist doch klar“, sagte Lacey. Überrascht darüber, wie sicher sie sich ihrer Sache war kritzelte sie schnell ihren Namen und ihre Telefonnummer auf ein Stück Papier und reichte es dem Mann. „Nehmen Sie sich so viel Zeit wie Sie brauchen.“
Denn sie selbst brauchte ja auch noch etwas Zeit, zum Beispiel um sich ein Visum zu besorgen, einen Businessplan auszuarbeiten, das nötige Geld zum Eröffnen eines eigenen Ladens aufzutreiben und überhaupt für alles.
Vielleicht sollte sie sich zu aller erst einmal das Buch „Einen Laden führen für Dummies“ besorgen.
„Lacey Doyle“, las der Mann von dem Zettel ab, den sie ihm gegeben hatte.
Lacey nickte. Noch vor zwei Tagen war ihr dieser Name noch komplett fremd vorgekommen und jetzt war er wieder ganz der ihre.
„Ich heiße Stephen“, antwortete er.
Sie gaben sich die Hand.
„Ich freue mich auf Ihren Anruf“, sagte Lacey.
Voller Vorfreude verließ sie den Laden. Wenn Stephen ihr diesen vermietete, dann würde sie sehr viel länger in Wilfordshire bleiben, als sie vorgehabt hatte. Eigentlich hätte ihr diese Vorstellung Angst machen müssen, doch stattdessen löste er reine Freude in ihr aus. Denn hier zu bleiben fühlte sich einfach richtig an – nein, mehr als nur richtig: hier zu bleiben fühlte sich an als wäre es ihr Schicksal.
Kapitel fünf
„Ich dachte du wärst auf Urlaub dort!“ schrie ihr Naomi aufgebracht durch ihr zwischen ihrem Ohr und ihrer Schulter festgeklemmtes Handy entgegen.
Seufzend versuchte sie die Tirade ihrer Schwester auszublenden und sich weiterhin auf die Tastatur des für die Nutzer der Bücherei von Wilfordshire bereitstehenden Computers, an dem sie saß, zu konzentrieren. Sie war gerade dabei, den Status ihres Online-Antrages zur Umwandlung ihres Urlaubervisums in ein Visum für Firmengründer zu überprüfen.
Nachdem sie Stephen kennengelernt hatte, hatte sie begonnen sich darüber zu informieren, was man mitbringen musste, wenn man in England ein Geschäft aufmachen wollte. Ihre diesbezüglichen Nachforschungen hatten ergeben, dass ihr als jemandem, der der englischen Sprache sehr gut mächtig war und etwas Geld auf der hohen Kante hatte, nur noch eines fehlte, um hier ein Geschäft aufmachen zu dürfen und dies war ein vernünftiger Businessplan. Doch einen solchen zu erstellen würde Lacey dank Saskia, die immer alle möglichen Arbeiten – auch solche, für die sie bei weitem nicht gut genug bezahlt wurde – auf sie abgewälzt hatte, auch keinerlei Probleme bereiten. Denn dadurch, dass sie im Zuge ihrer Arbeit für Saskia schon so einige Businesspläne erstellt hatte, war diese Aufgabe nichts Neues mehr für Lacey. Und so hatte es Lacey nur wenige Abende und noch weniger Mühe gekostet, einen Businessplan auszuarbeiten und einzureichen, wobei die Mühelosigkeit dieses Unterfangens, wie es Lacey schien, ihr nur ein weiteres Mal beweisen sollte, für wie richtig das Universum es erachtete, dass sie hierblieb und ihr Leben neu ordnete.
Als sie dann in der offiziellen Webseite der britischen Regierung eingeloggt war sah sie, dass ihr Antrag auf Erstattung eines Visums für Firmengründer immer noch unter „in Bearbeitung“ lief. Da sie so sehr darauf brannte, endlich loslegen zu können, zog sie dieses weitere Hängenbleiben in der Warteschlange der Behörden ein wenig herunter. Also konzentrierte sie sich lieber wieder auf Naomi und das, was diese ihr am Telefon zu sagen hatte.
„ICH KANN EINFACH NICHT VERSTEHEN, dass du dort hinziehen willst!“ schrie ihre Schwester gerade. „Und auch noch für immer!“
„Es ist doch gar nicht für immer“, versuchte Lacey sie zu beruhigen. Schließlich hatte sie im Laufe der Jahre genug Erfahrung darin sammeln können, Naomi im Falle der Fälle nur ja nicht noch weiter aufzuregen als sie sowieso schon war. “Das Visum ist auf zwei Jahre begrenzt.“
Oh, das hätte sie wohl besser nicht gesagt.
„ZWEI JAHRE?“ brüllte Naomi, die anscheinend am Zenit ihrer Wut angekommen war.
Lacey rollte mit den Augen. Sie hatte schon von vorne herein geahnt, dass ihre Familie nicht hinter ihrer Entscheidung, ein neues Leben zu beginnen, stehen würde. So hatte sie Naomi, so lange sie in New York gelebt hatte, immer wieder als Babysitterin eingesetzt und für ihre Mutter hatte sie des Öftern als eine Art moralische Unterstützung und/oder Seelentrösterin zur Verfügung stehen müssen. So war ihre von Freude übersprudelnde letzte Nachricht an die Doyle Girlz bei diesen eingeschlagen wie eine Atombombe; und zwar so sehr, dass Lacey auch jetzt – einige Tage später – immer noch mit dem daraus resultierenden Niederschlag zu kämpfen hatte.
„Ja, Naomi“, antwortete sie niedergeschlagen. „Zwei Jahre. Ich denke, die habe ich mir verdient. Ich habe David vierzehn Jahre meines Lebens geopfert und meinem Job fünfzehn Jahre. Ich habe neununddreißig Jahre meines Lebens in New York City verbracht. Mensch Naomi – und das, wo ich bald vierzig werde! Wünschst du dir wirklich für mich, dass ich mein ganzes Leben lang an einem einzigen Ort leben soll? Soll ich, wenn es nach dir geht, mein ganzes Leben lang nur einen Job haben? Und nur einen Mann?“
Kaum hatte sie ihre letzten Worte ausgesprochen, erschien Toms markantes Gesicht vor ihrem inneren Auge und sofort wurden ihre Backen wieder warm.
Sie war so damit beschäftigt gewesen, ihr eventuelles neues Leben zu planen, dass sie bisher noch nicht dazu gekommen war, der Konditorei einen zweiten Besuch abzustatten – und statt eines ausgiebigen, gemütlichen Brunchs in ihrem Garten bestand ihr Frühstück zurzeit aus einer meist unterwegs gegessenen Banane und einem aus einer Instant-Mischung aus dem Lebensmittelladen „gebrühten“ Frappuccino. Und es hatte bis gerade eben gedauert bis es ihr wie Schuppen von den Augen gefallen war, dass sie – wenn sie endlich einmal alle Formalitäten hinsichtlich des Ladens von Stephen und Martha erledigt hätte – in Toms direkter Nachbarschaft arbeiten würde. Dann würde sie nur zum Fenster ihres Ladens hinausschauen müssen, um ihn jeden Tag zu sehen. Bei diesem Gedanken wurde ihr schon wieder ganz schwummerig zu Mute.
„Und was ist mit Frankie?“ jammerte Naomi am anderen Ende der Leitung und holte sie damit zurück in die Realität.
„Ich habe ihm ein paar Toffees geschickt.“
„Er braucht seine Tante!“
„Ich bin immer noch für ihn da! Ich bin ja nicht tot, sondern will nur einmal eine Zeit lang wo anders leben.“
Doch ihre kleine Schwester legte einfach auf.
Oh Mann, wie kann sich jemand, der 36 Jahre alt ist, bloß benehmen als wäre er gerade mal 16, dachte sich Lacey mit einer gewissen Ironie.
In dem Moment als sie das Handy zurück in ihre Tasche steckte bemerkte Lacey ein Flickern auf der geöffneten Bildschirmseite vor ihr. Der Status ihres Antrags auf ein Visum war von „in Bearbeitung“ in „genehmigt“ geändert worden!
Lacey sprang von ihrem Stuhl auf, gab einen Freudenschrei von sich und boxte vor lauter Übermut in die Luft und erschreckte damit die meist älteren Menschen, die an den anderen Computern der Bibliothek saßen so sehr, dass diese ihre Solitaire-Spiele für einen Augenblick unterbrachen und zu ihr herübersahen.




