- -
- 100%
- +

Sheffield in den 50ern / Aus John Robert wird Joe (1951) / Skiffeln auf dem Waschbrett (1955) / Joe gründet mit elf die erste Skiffle-Band namens „The Headlanders“ (1956) / Die Schule verliert an Reiz (1957) / Bilder von Ray Charles in Joes Schulheften und was daraus wurde (1959)
Sheffield in den 50ern befand sich im Aufbau. Nach dem Krieg war die gesamte Innenstadt stark zerstört. Die Kinder der Stadt spielten entweder in der Schule oder danach auf der Straße bzw. in Hinterhöfen und Gärten. John Robert war eines dieser Kinder, das auf der Straße aufwuchs.
Oft wurde John Robert alias „Joe“ gefragt, woher der „Nickname“ komme. „Das ergab sich so, einfach so beim Spielen als Kind, bei Cowboy- und Indianerspielen. Jeder gab sich einen Namen. Ich war ‚Cowboy Joe‘, und das blieb ich auch, einfach ‚Joe‘. Wir riefen uns irgendwann nur noch bei unserem ‚Spielnamen‘.“ Aber es gibt noch eine andere Version, die auf einen alten Fensterputzer namens „Joe“ verweist, über den sich die Kinder lustig machten. Sie nannten dann alle Spielkameraden „Joe“ Miller, „Joe“ Smith und eben auch „Joe“ Cocker. Doch egal, welche Version die richtige ist, bei kaum einem anderen blieb der Name „Joe“ so haften wie bei John Robert, der sogar recht schnell auch von seiner Mutter nur noch „Joe“ gerufen wurde. Joe gefiel das. Und seine Mutter freute es, wenn sie ihrem Sohn eine Freude machen konnte. Sein Bruder brauchte ein wenig, bis er die Verwandlung akzeptierten konnte, nur sein Vater machte das Spiel nicht mit und rief ihn bis zuletzt bei seinem Geburtsnamen.
Joe wuchs an einem Ort auf, den man ein „wohlbehütetes“ Elternhaus nennen könnte. Sein Vater bekam nach dem Krieg eine Anstellung beim National Assistance Board, was einem Job beim Arbeitsamt in Deutschland gleichkommt: öffentlicher Dienst, Festanstellung, geregelte Arbeitszeiten und sozusagen unkündbar. Nach der Arbeit verbrachte er viel Zeit im kleinen Garten der Doppelhaushälfte. Musikalisch war er von Oper und Klassik fasziniert, liebte Caruso und andere berühmte Tenöre. Von der aufkommenden Popmusik, vom Rock’n’Roll, Blues und Jazz wollte er nichts wissen. Dafür nahm er den jungen John Robert mit ins Kino, wo Vater und Sohn den Film „Der große Caruso“ sahen, ein Erlebnis, an das sich Joe bis zuletzt erinnerte, ohne dass er genau wusste, wie alt er damals gewesen war.
Joes Vater war eher ruhig und introvertiert, seine Mutter dagegen eher etwas extrovertiert. Sie war diejenige im Haus, die bei den Späßen des kleinen Joe mit herumalberte, sang und pfiff. Vic, Joes älterer Bruder, erzählte im englischen Fernsehen, dass „alle, die sie kannten, von ihr mit großer Zuneigung sprachen. Egal, wer bei ihr in ihrem Haus in der Tasker Road 38 vorbeikam, Freunde, Musiker und sogar Joes Fans aus aller Welt, die einfach nur mal schauen wollten, wo und wie Joe aufgewachsen ist, bekamen Tee und Kuchen angeboten. Meine Mutter hat sowohl Joe als auch mich stets dazu ermutigt, die Dinge im Leben zu tun, die wir tun wollten. Es gab nie Beeinflussung, immer nur Unterstützung.“
Musikalisch gab es zu Beginn der 50er-Jahre viele Veränderungen. Den Rock’n’Roll, wie man ihn aus den USA kannte, gab es im vom Weltkrieg geplagten Europa zunächst noch nicht. Das europäische Pendant zum Rock’n’Roll entstand in England mit dem Skiffle. Alexis Korner war einer der ersten britischen Vertreter dieser Aufbruchszeit. Die simpelste Form des Skiffles war eine Mischung aller bisher bekannten Musikformen der letzten Jahre, auf selbstgemachten Instrumenten wie etwa Waschbrettern, Kämmen mit Seidenpapier und Wäschekübeln dargeboten. Jene, die das Banjo-Spiel nicht beherrschten, obwohl aufgrund von nur vier anstatt den sechs Saiten einer Gitarre leichter zu erlernen, simulierten das Gitarrenspiel auf einem Tennisschläger.
Joe war begeistert vom Skiffle. Die Zeit des Zuhörens war bald vorbei, die Zeit des Selbermachens begann. Lonnie Donnegan und seine Skiffle-Band waren Joes erste Helden. Er gab sein ganzes Taschengeld für dessen Platten aus und besuchte ihn sogar einmal backstage, als der in Sheffield gastierte. Joe hatte übrigens immer Geld. Mal mähte er den Rasen für Nachbarn, mal trug er Zeitungen aus. Joe war immer bei Kasse.
Mit elf verließ er die Lydgate Lane Schule und wechselte zur Western Road Secondary Modern, aufs Gymnasium. Im Juli 1955, dem letzten Tag auf seiner alten Schule, demonstrierte er erstmals schauspielerisches Talent und mimte den Prinzen in einer Operette.
Joe galt überall als warmherzig und freundlich, manchmal als zu sorglos, aber immer schien er fröhlich und überschwänglich zu sein, und manchmal auch besitzergreifend, auf jeden Fall aber galt er als Persönlichkeit. In der Schule war er immer der, der am lautesten schrie oder vorneweg rannte.
„Er schien bei allen Kindern sehr beliebt zu sein, sowohl in der Schule als auch daheim“, erinnerte sich sein Vater bei einem Interview mit dem englischen Fernsehen.
Zwei Jahre besuchte er das Western-Road-Gymnasium, wechselte dann mit 13 an die Central Technical School und entdeckte zunehmend seine Leidenschaft für Rhythmus und Harmonien. 1956, als knapp Zwölfjähriger, gründete er schließlich seine erste Skiffle-Band namens „The Headlanders“. Sein Bruder Vic am Waschbrett, zwei Gitarristen und Banjo-Spieler sowie Joe. Seitdem war er wie besessen davon, Musiker zu werden. Zu Hause spielten er und seine Freunde im Wohnzimmer, da sie keinen Proberaum hatten und in dem kleinen Haus auch sonst kein Platz war, wo sie unbehelligt üben konnten. Seine Mutter erfreute sich an der Musik. Sein Vater ging derweil in den Garten.
Dem deutschen SPIEGEL antwortete Joe 1997 auf die Frage: „Wann haben Sie eigentlich zum ersten Mal bemerkt, dass Sie eine ganz besondere Stimme haben?“ mit der Bemerkung: „Daran erinnere ich mich noch genau. Ich war zwölf Jahre alt, saß in der Küche, und im Radio lief ein Lied von Lonnie Donnegan, dem König des Skiffles. Pure Energie. Ich war so außer mir, dass ich mich auf den Boden warf und laut mitgrölte. Junge, Junge, Adrenalin pur, das erste Mal in meinem Leben. Danach fing ich an, Platten zu kaufen, und ich konnte jede davon mitsingen. Eines Tages fragte mich dann mein großer Bruder, der eine Skiffle-Band hatte, mit Waschbrett und so, ob ich Lust hätte zu singen.“
Joes Vater war weniger begeistert: „Er mochte meinen Gesang nicht, obwohl, der war harmlos gegen mein Schlagzeug-Getrommel. Ich hatte eins, das nicht besonders gut war, aber sehr, sehr laut. Wenn ich übte, lief mein Vater Amok. Er sagte: ‚Rock’n’Roll, was soll das? Lern was Anständiges, mein Junge.‘ Tagsüber, wenn mein Vater nicht zu Hause war, konnte ich treiben, was ich wollte, meine Mutter war nämlich begeistert.“
Ganz so unwillig war Joes Vater dann aber doch nicht. Er schenkte seinem Sohn ein kleines Aufnahmegerät, mit dem er seine Skiffle-Songs aufzeichnen konnte. Denn Joe versuchte damals alles, was mit der da aufkommenden „neuen“ Musik zu tun hatte, zu sammeln und zu archivieren. Und er war stolz darauf, Künstler wie Buddy Holly und Jerry Lee Lewis live gesehen zu haben: „Buddy hat mich wirklich umgehauen!“
Doch irgendwann hörte er nur noch die Musik eines schwarzen Pianisten namens Ray Charles. Joe war völlig hin und weg von ihm und seiner Art zu singen. „Ich habe halt immer Ray Charles geliebt. Und Stevie Wonder. Und die haben sich auch immer so abgefahren bewegt. Natürlich lag das wohl auch an ihrem Blindsein. Zum Teil liegt es an meiner Frustration, selbst nicht Gitarre oder Klavier spielen zu können, dass mich diese Bewegungen durchlaufen konnten. Daher nutzte ich diese Bewegung, um meine Band anzufeuern, dass die Leute die Energie mitbekommen. Ich benutzte meinen Körper, um mich auszudrücken. Doch später ließ ich das, denn die Presse wurde darauf aufmerksam und fragte, ob ich vielleicht ‚spastisch‘ wäre. Was ich nicht als besonders freundliche Bemerkung empfunden habe“, kommentierte Joe seine Liebe zu Ray Charles und den Umgang mit seiner zeitweise als befremdlich empfundenen Bühnenperformance.
Niemand beeinflusste Joe mehr als dieser „eine Mischung aus Sex und Erlösung, aus Heiligem und Weltlichem, dem Jubel der Gospelsongs und der Bodenständigkeit des Blues“ fabrizierende Ray Charles, wie Arnold Shaw Rays Verbindung von Soul mit Blues und Big-Band-Begleitung oder dessen Performance alleine am Klavier einmal beschrieb. Er war so von Ray begeistert, dass er sogar seine Schulhefte mit Bildern von ihm vollmalte. Joe Cocker malte viele Bilder von Rockstars, aber von Ray malte er am meisten. „Er malte ein Ölporträt von Ray Charles“, erinnert sich Harold Cocker. „Er malte es auf eine Faserplatte, Kopf und Schultern … ich weiß nicht, wo es geblieben ist.“ Die Leidenschaft Joes für das Malen, die er in seiner Jugend entdeckt hatte, lag lange brach, aber im Alter habe er sie wiederaufleben lassen, erzählte er kurz vor seinem 70. Geburtstag: „Privat habe ich gerade das Malen für mich entdeckt. Es macht mir unheimlichen Spaß, mit Farben zu arbeiten, seit ich nach einer Augenoperation wieder richtig sehen kann.“
1959 eroberte Ray Charles mit seiner Eigenkomposition „What’d I Say“ die Hitparaden der Welt. „Ich stand eigentlich mehr so auf Rock’n’Roll-Platten, aber dann war da auf einmal diese magische Stimme, die aus meinem Transistorradio kam. Seine Stimme hatte es mir angetan. Ich raste los und kaufte mir die Scheibe, und auch Songs wie ‚I’m Moving On‘ und auch ‚I Believe To My Soul‘ machten mir klar, dass Ray Charles ‚es‘ hatte, und dass das, was er machte, nicht nur ‚smash‘ und ‚bang‘ war, sondern dass zum Rock’n’Roll ein wenig mehr gehörte.“ Der LOS ANGELES TIMES versuchte er seine Faszination einmal so zu erklären: „Wenn man das lange genug tut, dann erreichst du einen Punkt, wo du es plötzlich im Hinterkopf hast, wo der Einfluss ein Teil von dir selber wird und du anfängst, in einer ganz bestimmten Art zu singen, ohne besonders darüber nachzudenken. Wenn ich heute singe, dann kommt es so raus, wie es kommt, ohne dabei bewusst wie Ray Charles klingen zu wollen.“
1959 könnte man dementsprechend als Geburtsjahr desjenigen Künstlers bezeichnen, der später als Joe Cocker eine Weltkarriere machen sollte …

Joes erste Band „The Cavalliers“ (1960) / Joe verlässt die Schule und beginnt eine Lehre als Klempner (1960) / „Vance Arnold & The Avengers“ (1961) / Als Lokalmatador in Sheffield (1962) / Die erste große Liebe (1963) / Der erste Plattenvertrag mit der Single „I’ll Cry Instead“ von den Beatles (1964) / Joe schmeißt die Ausbildung zum Gasinstallateur (1964) / Mit Chris Stainton Gründung von „The Grease Band“ (1966) / Rückkehr in die Musikszene und so manches Mysteriöse im Esquire Club (1967) / Joe erstmals in Amerika (1968) / Studio-Album Nr. 1: „With A Little Help From My Friends“ (1969) / Legendenbildung im August 1969 mit Love, Peace & Music in Woodstock (1969) / Studio-Album Nr. 2: „Joe Cocker!“ (1969) / Erster Kontakt mit Leon Russell (1969)
Um die Jahreswende 1959/1960 gründete Joe mit seinen Freunden seine erste richtige Band namens „The Cavalliers“. John Mitchell, ein Freund und Nachbar, spielte Banjo und Rhythmus-Gitarre, Phil Crookes Solo-Gitarre und Bob Everson Bass. Joe kaufte sich eine Snare-Drum und ein paar Becken. Er übernahm sowohl die Rolle des Schlagzeugers als auch des Sängers in der Band. Den ersten Song, den sie eingespielt hatten, „Johnny B. Goode“, performten sie auch als Opener beim ersten öffentlichen Auftritt im Jugendclub in der Wesley Hall in Crookes Mitte 1960. Ray Capewells, ein Freund und der Einzige, der einen Firmenwagen zum Transport der Instrumente auftreiben konnte, wurde quasi auch zum Manager der Truppe und damit zu Joes erstem Vertrauten in dessen musikalischer Karriere.
1960 verließ Joe die Schule, die er im letzten Jahr so gut wie nicht mehr besucht hatte, weshalb er relegiert worden war. Im Alter von 16 Jahren trat er im Sommer 1960 schließlich seine erste Arbeitsstelle beim East Midlands Gas Board an, wo er eine Ausbildung zum Gasinstallateur begann. Diesen Job behielt er bis zum 21. Lebensjahr.
Aus „The Cavalliers“ machte Joe 1961 „Vance Arnold & The Avengers“. Er war der Meinung, dass dieser wesentlich „pfiffiger“ klingende Name klarmachte, dass die Gruppe einen Solosänger hatte: nämlich ihn. Auf den Namen sei er beim Lesen der Sheffielder Lokalzeitung gekommen, erklärte er: „Joe Cocker war damals kein so annehmbarer Name. Es war immer mein großes Geheimnis, dass niemand außer mir selbst dafür verantwortlich war, dass ich mich ‚Vance Arnold‘ nannte“, gestand er 1982 in einem Interview bei RADIO HALLAM.
Anfang 1963 lernte Joe Cocker dann seine spätere Freundin Eileen Webster kennen, die fortan zu den Auftritten der Band mitreiste. Eileen, die zwei Jahre jünger war als er, traf er bei einem Konzert mit den Cavalliers. Sie arbeitete als Sekretärin für das National Coal Board und lebte noch bei ihren Eltern. Eileen bedeutete ihm ziemlich viel, aber sie spielte anfangs nur mit ihm, worunter er sehr litt. Zeitweise hatte sie sogar neben ihm noch einen zweiten Freund. Dennoch, Eileen war alles für Joe und seine erste große Liebe, die mit richtig großen Hochs und heftigen Tiefs bis Ende der 70er-Jahre hielt.
1963 kamen auch einige Größen der späteren Musikszene nach Sheffield, deren Konzerte Joe natürlich besuchte, etwa Eric Clapton, Jack Bruce oder The Beatles. Aber er fuhr im selben Jahr auch nach Manchester, wo er ein Konzert von Ray Charles miterlebte. All das Gesehene ließ er in seine eigene Performance einfließen, die sich als Melange aus ungewöhnlichem Gesangsstil und seiner unnachahmlichen Art, sich auf der Bühne zu bewegen, beschreiben ließ. „Ich zuckte und wand mich, als ob ich unter Strom stand. Oft spielte ich eine imaginäre Gitarre, die ich trotz intensiver Anleitung durch Phil Crookes nie richtig zu spielen lernte. Vielleicht verkrampft sich mein Körper deshalb irgendwie“, analysierte Joe später. „Eigentlich hätte ich eine Gitarre zum Festhalten gebraucht.“ Später würde man das als „cockeresque“ bezeichnen.
Die Band kleidete sich stets, der damaligen Zeit gemäß, seriös in Anzug mit Fliege und trat außer in den In-Pubs auch in Arbeiterclubs auf. Damals gab es tatsächlich noch Pubs für Angehörige des Mittelstands und Pubs für Arbeiter.
1964 wurde zum Jahr von Joes erstem Plattenvertrag bei Decca Records. In den Decca Studios in West Hampstead nahm Joe seine erste Single „Georgia On My Mind“ auf. Die Aufnahme ist seinerzeit nicht veröffentlicht worden. Dick Rowe – dem Produzenten, der schon die Beatles abgelehnt hatte – gefiel die Aufnahme nicht. Am 28. Juli 1964 nahm Joe dann noch einmal in einer dreistündigen Session den Lennon/McCartney-Titel „I’ll Cry Instead“ auf. Der spätere Led-Zeppelin-Gitarrist Jimmy Page begleitete ihn an der Gitarre. Joe hatte diesen ersten Plattenvertrag noch als Vance Arnold abgeschlossen, legte aber zur Veröffentlichung seiner ersten Single den Künstlernamen ab und wurde wieder zu „Joe Cocker“.
„Ich hätte damals nicht gedacht, dass es mich länger als fünf Wochen geben würde. 1964 hatte ich meine erste Platte gemacht – eine Beatles-Coverversion von ‚I’ll Cry Instead‘. Plötzlich stand ich im Rampenlicht –
so wie heute Künstler einer Castingshow. Aber die Platte lief nicht gut, und so fand ich mich ganz schnell am Boden wieder. Mein Vater riet mir, wieder in meinen alten Beruf zu gehen, als Gas-Wasser-Installateur zu arbeiten. Doch es war zu spät. Ich hatte Geschmack am Showbusiness gefunden. Ich hätte damals nicht gedacht, dass ich jetzt noch Musik machen würde“, erzählte er 46 Jahre später im NDR Radio.
Im Oktober 1964 war er zum ersten Mal im britischen Fernsehen zu sehen, in der ITV-Show „Stars & Garters“. Joe wurde zu einer musikalischen Lokalgröße in Sheffield. 1965 wurde der erste Plattenvertrag wieder gekündigt, und Joe ging auf eine sechswöchige Frankreich-Tournee durch Clubs für amerikanische GIs auf US-Stützpunkten. Bei dieser Tour kam Joe, der schon immer gerne ein Bier mehr getrunken hatte, erstmals mit einer neuen Droge in Kontakt: Haschisch. Joe rauchte im Dunstkreis des afroamerikanischen Publikums seinen ersten Joint.
Wenig später folgte ein Angebot, bei Manfred Mann im Vorprogramm aufzutreten. Joe gründete dafür extra die „Joe Cocker’s Blues Band“, die sich zeitweise auch „Joe Cocker’s Big Blues Band“ nannte. Die Joe Cocker’s Blues Band stand auch auf den bereits gedruckten Plakaten – doch Manfred Mann trat nie auf, da es vertragliche Probleme gab.
Nach diversen Kleinauftritten zog sich Joe anschließend für ein halbes Jahr von Live-Auftritten zurück. 1966 machte er erst einmal seinen Führerschein und ging im zweiten Halbjahr mit neuem Elan nach London. Zwischenzeitlich hatte er seine Kündigung als Gasinstallateur wahrgemacht und zur Überbrückung der Zeit ohne Engagements einen Nebenjob in einem Pressevertrieb angenommen. Alles hinwerfen für seinen Traum, um allein von der Musik zu leben, wollte er nie. „Ich habe gelernt, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Und zwar jeden Tag. Ich habe die Schule schon mit 16 Jahren verlassen und nie eine Universität besucht. Stattdessen bin ich jede Nacht in den Clubs von Sheffield aufgetreten. Die Straße war meine Schule“, resümierte Joe Cocker und erinnerte dabei gleichzeitig daran, dass er Ende 1966 Chris Stainton aus Sheffield traf, den er als Musiker und Mehrfachinstrumentalisten sofort zu schätzen wusste. Mit ihm traf er eine Art „Brother in Soul“, einen Freund und Weggefährten fürs Leben, der ihn sowohl motivierte wie auch inspirierte, ja, mit dem er sogar begann, gemeinsame Songs wie z. B. „Sandpaper Cadillac“ oder „New Age Of The Lily“ zu schreiben.
1967 und 1968 verbrachten Joe und Chris mit Live-Auftritten und dem Schreiben von weiteren Songs. 1968 zog er mit Chris dann nach London und suchte in den Studios nach Kontakten. Dort nahm er auch den Beatles-Song „With A Little Help From My Friends“ auf. John Lennon und Paul McCartney hatten den Titel für ihren Drummer Ringo geschrieben, der ihn auf dem Kultalbum „Sergeant Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ sang. Joe legte das Lied als schmerzerfüllte, gefühlsbetonte Tragödie an, in die er all seine Gefühle hineinlegte. „Der Song ging mir nicht mehr aus dem Kopf, aber ich wollte einen ¾-Walzer sowie ein klassisches Bach-ähnliches Orgelintro. Die 13. Aufnahme war dann die, die für die Veröffentlichung am 2. Oktober genommen wurde. Wir wussten sofort: Das ist sie. Es war, als hätte Gott die Regie übernommen“, erinnerte sich Joe an die Entstehung der Aufnahme, die ihn weltberühmt machen sollte. 13 Wochen lang hielt sich die Single in den Charts, mehrere davon auf dem ersten Platz. „Die Beatles schickten mir ein Glückwunsch-Telegramm mit dem Inhalt ‚Thanks, you are far too much‘, und es veränderte sich alles.“
Rückblende ins Jahr 1962: Dass sich alles verändern würde – und das alles auch noch mit „With A Little Help From My Friends“ – wurde schon sechs Jahre zuvor quasi „vorausgesehen“. Terry Thornton und Don Hale erinnern sich in ihren „Geistergeschichten über Joe Cocker, Gespenster und Geister-Nachtclubs“ noch gut an die Jahre 1962–1968, in denen Terry Thornton Joe Cocker bis zu seinem Durchbruch 1968 begleitete und unterstützte. Aus seiner Sicht sahen diese sechs Jahre so aus: Terry war entschlossen, für den jungen großspurigen Cocker, einem unberechenbaren Wildfang, das Management zu übernehmen. Es war oftmals ein Kraftakt, Joe rechtzeitig nüchtern auf die Bühne zu bekommen. Viele Male kämpfte er, um den jungen Blender davon abzubringen, den Selbstzerstörungsknopf zu drücken. Der tüchtige Unternehmer Terry Thornton eröffnete im Keller des alten Acorn Pub in Shalesmoor einen bizarren neuen Ort für Live-Musik, den er „Club 60“ nannte. Seine Entscheidung war eine Herausforderung für die Bürokratie dieser sich dem gegenüber unwillig gebenden Stadt. Aber sein Club wurde bald zu einem einzigartigen Schaukasten für junge Talente und bekannte schon etablierte Showgrößen, die er in diesen beinahe vergessenen nördlichen Außenposten lockte.
Nach zwei sehr erfolgreichen Jahren zogen Terry und sein Team von Unterstützern in die nahegelegene Leadmill-Straße um, wo der Club umbenannt wurde in „The Esquire Club“. Einer ganzen Schar zukünftiger Jungstars wie Joe Cocker, Dave Berry, Frank White, Jimmy Crawford, Eric Clapton, Rod Stewart, Elton John, Georgie Fame und vielen anderen half er dort zwischen 1962 und 1967 dabei, sich zu etablieren, indem er sie promotete und sie bei ihrer Weiterentwicklung unterstützte. Als der Club eröffnete, da hatte er bereits ein wahres Staraufgebot zu bieten: Johnny Dankworth & Cleo Laine, Dave Berry & The Cruisers, Tubby Hayes, Ronnie Ross, Don Rendall sowie Shane Fenton (später Alvin Stardust) & The Fentones.
Für die jungen Künstler galt: Wenn man einmal im Esquire gespielt hatte, konnte man auch überall anders einen Job bekommen! Die Presse blieb dem Club stets gewogen und schrieb: „Er hatte die richtige Musik und die richtige Atmosphäre.“
In nur wenigen Jahren war es dem Unternehmer Terry Thornton gelungen, Sheffield auf die Karte mit den Veranstaltungsorten zu setzen. Auf einmal kam eine ganze Horde internationaler Top-Sänger und Entertainer in die Stadt – in den Esquire!
Und es war höchstwahrscheinlich dieser ungewöhnliche, unorthodoxe und phantasiereiche Rahmen, der mit Joe Cocker auch einem weiteren jungen und äußerst vielversprechenden Sänger gefiel. Joe hatte sich bereits schnell einen Namen durch Auftritte in den örtlichen Pubs und kleineren Clubs gemacht – und dann wandte er sich an Terry und fragte ihn einfach geradeheraus, ob er einen Gig bekomme! Es sollte sich herausstellen, dass dieses Zusammentreffen einträglich für beide Seiten sein würde, denn in späteren Jahren verließ sich Joe sehr stark auf Terrys Unterstützung, sowohl musikalisch als auch finanziell. Cocker bestand sogar darauf, dass Terrys Name dem Managementvertrag hinzugefügt wurde.
Der Teenager entwickelte schnell ein Interesse an amerikanischer Blues-Musik und fing an, nach seltenen Import-Platten von John Lee Hooker, Muddy Water, Lightning Hopkins und Howling Wolf zu suchen –
viele von diesen waren bereits im Esquire aufgetreten oder waren bereits gebucht.
Terry erinnert sich noch an das erste Mal, als er auf Joe Cocker traf: „Ich unterhielt mich eines Samstagabends an der Bar des Esquire, kurz nachdem wir den Laden aufgemacht hatten, als dieser pausbäckige junge Teenager mich höflich unterbrach. Er stellte sich mir vor und erklärte, dass er mit einer Band namens ‚Vance Arnold & The Avengers‘ auftrete. Dann erläuterte er, dass er eine Lehre zum Gasinstallateur mache, aber gerne einen Gig in meinem Club als Sänger hätte. Ich sah ihn mir an und dachte – ein Sänger? In Millionen von Jahren nicht! Er sah so gar nicht nach einem Sänger aus. Joe sagte, dass er bereits in ein paar örtlichen Clubs und Pubs in der Gegend gespielt habe und gut angekommen sei. Ich sah ihn mir noch einmal genauer an. Hier stand er und erzählte mir, dass er und seine Band beide gut seien. Joe bat mich immer wieder, ihm die Gelegenheit zu geben, und schließlich – nach so viel Hartnäckigkeit und Überzeugungskraft – willigte ich ein und sagte, dass ich es für eine Fünfpfundnote mit ihm versuchen würde! Joe strahlte vor Freude.“
Und Terry fährt fort: „Ich dachte an Bobby Vee, der auch ein kleiner schüchterner Typ war, aber wenn man ihn auf die Bühne stellte, wurde er plötzlich lebendig, als hätte man einen Schalter umgelegt. Joe war genau der gleiche Typ. Ich entschied mich schließlich dafür, eine andere Band zusammen mit der von Joe spielen zu lassen – eine wirklich gute Band für den Fall der Fälle –, und beschloss, dass ‚Vance Arnold & The Avengers‘ als Vorband spielen sollten. Die Band war jedoch grandios! Und Joes Auftritt war sicherlich auch eine ganz schöne Überraschung. Noch wichtiger, er kam gut bei den Mitgliedern an – insbesondere bei den R&B-Fans, und ich bot ihm schnell einen festen Auftrittstermin im Esquire an.“
Terry erklärte verschiedentlich, dass er es zu diesem Zeitpunkt als seine Pflicht ansah, jungen lokalen Newcomer-Bands eine Chance zu geben. Er wusste noch von seinen eigenen früheren Auftritten, dass es äußerst angsteinflößend sein kann, wenn man das erste Mal vor Publikum spielt, auch wenn man, wie Joe, absolut selbstbewusst war und davon überzeugt, alles gleich beim ersten Mal zu schaffen. „Joe gefiel mir auch als Mensch. Er war so ein netter Kumpel!“




