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Schließlich wurde Terry auch Joe Cockers erster Manager und Berater. Es war hauptsächlich Terry, der Joe wirklich davon überzeugte, trotz aller Hindernisse weiterzumachen. Mit seiner eigenen Erfahrung gelang es dem Clubbesitzer, die ehrgeizigen Bestrebungen des Stars noch zu verstärken. Später erledigte er auch dessen Finanzgeschäfte und gab ihm die Kraft, weiterzumachen, auch wenn die Dinge gerade einmal nicht so gut liefen.
Nach seinem Debüt trat Joe immer wieder regelmäßig im Esquire auf, und oftmals wurde er von der lokalen Presse überschwänglich gelobt.
An einem nassen Augustabend im Jahr 1963 sorgte Joe Cocker wieder einmal für Schlagzeilen – aber dieses Mal war es nicht seine Schuld. Unter der Überschrift „Chicago-Razzia in Jazz Club“ berichtete die Sheffielder Tageszeitung DAILY NEWS, dass in dem Moment, als Joe Cocker angefangen habe zu spielen, Dutzende Polizisten den Esquire Club gestürmt hätten. „Als Vance Arnold & The Avengers gerade bei ihrer ersten Nummer waren, rauschte die Sheffielder Polizei in den Club mit seinen 400 Teenagern.“ Es hieß weiter, dass die Busladung an Offiziellen, bestehend aus 26 Schutzmännern, drei Wachtmeistern, acht Polizistinnen und einem Inspektor, jeden nach seinem Namen und seiner Adresse befragt habe. Weiter wurde berichtet, dass die Polizei draußen auf der Straße mit Streifenwagen und Motorrollern patrouilliert habe, um sicherzustellen, dass niemand entkommen konnte. Der Clubbesitzer sagte später: „Ich glaube, dass die Polizei das Ganze sehr ungeschickt anging. Es war wie bei einer Razzia in Chicago zur Zeit der Prohibition. Man konnte meinen, dass alle nach der Schließzeit noch trinken würden. Die Polizei stürmte einfach herein und rief: ‚Ihr seid umstellt – rührt euch nicht von der Stelle!‘ Es war völlig irrsinnig. Viele Top-Musiker sind hier aufgetreten und haben das gute Benehmen unserer Mitglieder gelobt. Wir verkaufen keine hochprozentigen Drinks, und die Leute kommen hierher, um eine schöne Zeit zu verbringen und gute Musik zu hören.“
Auf der Titelseite des SHEFFIELD TELEGRAPH stand: „Polizeirazzia in Teenie-Nachtclub.“ Es hieß weiter: „Am Wochenende wurden mehr als 500 Teenager bei einer Polizeirazzia in Sheffields größtem Jazz-Club festgehalten und befragt – manche bis in die frühen Morgenstunden. Drei Stunden lang versperrte die Polizei alle Ausgänge des Esquire Clubs in der Leadmill Road. Niemand durfte das Gebäude verlassen, bis er nicht seinen Namen und seine Adresse zu Protokoll gegeben hatte. Diese wurden dann anhand eines Adressbuches überprüft, und jeder musste einen Fragebogen ausfüllen, in dem er sämtliche Details zu seiner Anwesenheit im Club angeben musste. Der Grund für die Razzia war der, zu überprüfen, wie viele Nicht-Mitglieder sich in das Gästebuch eingetragen hatten, so wie es vom Gesetz verlangt wird. Die Stürmung erfolgte gerade, als Vance Arnold & The Avengers begonnen hatten zu spielen. Während die fünfköpfige Band ihre erste Nummer präsentierte, kam die Polizei herein und verkündete, dass der Club nun unter Polizeiaufsicht stehe.“
„Einer der Avengers – Phil Crookes – erklärte, dass sie in den letzten zwei Monaten bereits fünf Mal im Club aufgetreten seien und dass der Club sehr gut geführt werde. Jeder verneinte die Anspielungen auf Alkoholgenuss und verwies auf die beiden Wirtshäuser, die sich ein bisschen weiter die Straße hinunter befanden.“
Weiter teilte die Zeitung mit, dass der Polizeipräsident Folgendes angegeben habe: „Es wurde gegen das Mitgliedschaftsgesetz verstoßen. Es waren 479 Teenager im Club anwesend, und von diesen waren 345 keine Mitglieder; es gab also in dieser Richtung durchaus Verstöße.“
Der Artikel erwähnte auch den Clubbesitzer, der dazu sagte: „Ich zolle den jungen Leuten aus Sheffield Anerkennung, dass sie die Befragung und die vielen Wartestunden so gut ertragen haben. Die Polizei überprüfte die Mitgliedschaft, ging dabei aber sehr langsam und schwerfällig vor – und manche Leute wurden sogar davon abgehalten, auf die Toilette zu gehen.“
Terry erklärte, dass zwar einige Nicht-Mitglieder an diesem Abend anwesend gewesen seien, sie jedoch von Mitgliedern als Gäste mitgebracht worden seien. Es wurde allerdings behauptet, dass viele Besucher nicht registriert worden seien, da Terrys Frau Audrey sie einfach so hereingelassen habe – schließlich wären sonst die Frisuren der Mädels ruiniert gewesen!
Joe Cocker hatte mit seinen Avengers als Vance Arnold angefangen. Er war der Schlagzeuger gewesen, aber schon bald kam er nach vorne, als die Band sein Talent als Sänger bemerkte, insbesondere bei den Rhythm-’n’-Blues-Stücken. Bassist Bob Everson war ein Shadow-Fan und ganz besonders ein Fan von Jet Harris. Steve McKenna kam als Letzter hinzu und ersetzte Joe dann am Schlagzeug. Graham Hobson an der Rhythmusgitarre war erst 17 Jahre alt und harmonierte gut mit Phil Crookes, der selbst schon bald einen Ruf als ausgezeichneter Gitarrist erlangte. Joes Karriere kam anfangs nur langsam in Gang, da er sich einer harten Konkurrenz von bekannteren und erfahreneren internationalen Künstlern gegenübersah. Oft war er gezwungen, Gigs weiter draußen auf dem Land zu machen.
Terry verhandelte ständig mit Londoner Agenten und versuchte sie davon zu überzeugen, der Band eine Chance zu geben und sie in den südlicheren Regionen auftreten zu lassen. Die meisten der Londoner Agenten hatten etwas gegen den Namen „Cocker“ einzuwenden, und erst als Terry drohte, er würde ihre Künstler im Esquire nur auftreten lassen, wenn sie ihrerseits Joe Cocker auftreten ließen, stimmten sie dem Deal zu.
Terry gab sogar mit Zustimmung von Joe Cocker ein spezielles Demotape von Vance Arnold & The Avengers in Auftrag. Der Clubbesitzer bestätigte: „Es war eigens im Esquire aufgenommen worden. Ich habe alle Kosten getragen, und es sollte Joe helfen, weiterzukommen und zusätzliche Gigs zu finden. Es wurde nur ein ganz einfaches Set verwendet mit einem Mikrofon, das an einer Schnur von der Decke hing. Auf dem Tape waren sechs Stücke, darunter ‚Money‘, ‚Georgia On My Mind‘, ‚You’d Better Move On‘. Der Sound war wirklich großartig und brachte den jungen und frischen Joe Cocker zur Geltung. Die Aufnahme schlummerte 36 Jahre lang in einem Schuppen, bis sie zufällig wiederentdeckt wurde.“
1963 sah die Zukunft für das junge Teenie-Talent trotz einiger anfänglicher Rückschläge indes blendend aus. Er erhielt viele Anfragen für Aufnahmen – und das Vertragsangebot von Terry Thornton und seinem Kollegen Martin Yale. Der Abschluss dieses Vertrages versetzte Joe Cocker, den Handwerker, der bisher lediglich ein paar Pfund die Woche dazuverdient und damit seinen Lohn als Gasinstallateur aufgepeppt hatte, in Hochstimmung.
Die Agentur von Martin Yale regte den Vertrag an, aber Joe bestand darauf, dass auch Terry seinen Namen druntersetzen sollte. Terry zögerte, da er befürchtete, dass seine Verpflichtungen im Club ihn zu sehr fordern würden, und er hatte zudem das Gefühl, dass der Provisionssatz möglicherweise zu hoch sei. Er sagte Joe Cocker, dass er nicht beidem gerecht werden könne, ihm und dem Club, und ließ folglich Martin als einzigen Agenten stehen.
Terry erzählt gerne über diese aufregende Zeit: „Es war für einen Bluessänger ungewöhnlich, den Text zu improvisieren, während die Band den Rhythmus vorgibt. Traditionell haben Bluessongs aus dem tiefen Süden Amerikas bunte Zeilen und Geschichten, und nach einer besonders langen Session auf der Bühne, als Joe im Bluesstil gesungen hatte, fragte ich ihn, worüber er da eigentlich gesungen habe. Bandmitglied Dave Memmott fing an zu lachen und erklärte: ‚Joe singt von seiner Katze. Er liebt diese Kreatur und kann stundenlang davon schwärmen. Er liebt es, von seiner Hauskatze zu singen.‘“
Das war Joe, ein schüchterner, liebenswerter Typ aus der Crookes-Gegend – der singen konnte und sogar damit durchkam, dass er über seine Hauskatze sang!
Im November 1963 war der Esquire Gastgeber für die BBC, die eine besondere Aufnahme mit den Chartstürmern Dave Berry & The Cruisers machen wollte. Die Zeitungen waren voll mit den Geschichten über die New-Wave-Musik, einem Trend, der sich schnell im ganzen Land verbreitete. Eine Zeitung schrieb: „Eine Mischung aus Mods, Beatles, Ravers und langhaarigen Mädchen schüttelten sich, rockten und zuckten nach Herzenslust im Esquire Club, als Dave Berry & The Cruisers all ihren Fans ein großes Dankeschön für die Unterstützung in den vergangenen drei Jahren aussprachen. Im Publikum waren an diesem Abend auch Joe Cocker sowie Ray Stuart und all seine Monster und natürlich auch Frankenstein.“
Terry entwickelte den Club mit vielen anderen verrückten Ideen weiter, und besonders seine „All-Nighters“ liefen richtig gut an. Joe Cocker wurde zu einem der Höhepunkte und änderte den Namen seiner Band, wie gesagt, von Vance Arnold & The Avengers in Joe Cockers Big Blues Band. Joe und seine Band traten bei einer von Terrys besonderen Nächten, die von Mitternacht bis sechs Uhr morgens gingen, am 26. Dezember 1964 auf.
Es wurden für die Mitglieder auch Club-Ausflüge zu Auftritten in anderen Städten organisiert. Joe Cocker und auch einige andere Bands nahmen Teil und schauten sich aufmerksam die Gigs anderer Künstler in größeren Clubs an. Zusätzlich war Joe auch immer in Terrys Club anzutreffen, wenn dort Größen wie Graham Bond, Ginger Baker, Jack Bruce oder Sonny Boy Williamson auftraten.
Im Laufe des Jahres 1963 lehnte Terry ein Auftrittsangebot der Beatles ab. Sie wollten einen Lohn von 30 Pfund, und dies schien Terry für eine noch aufstrebende Band zu viel. Ebenso nutzte er die Chance nicht, eine andere Band aus dem Süden, die sich Rolling Stones nannte, im Club auftreten zu lassen. Ihre Forderung von 75 Pfund wurde zu der damaligen Zeit als astronomische Summe betrachtet!
Aufgrund der Sparsamkeit des Clubbesitzers war Cocker gezwungen, quer durch die Stadt zu reisen, um die Beatles auftreten zu sehen. Das Leben im Esquire war jedoch inzwischen wirklich aufregend geworden, denn die Einladung, im Club aufzutreten, wurde von vielen amerikanischen Top-Blues- und Jazz-Sängern angenommen. Unter den berühmten Gesichtern, die regelmäßig im Club auftraten und die Musikszene dominierten, waren John Lee Hooker, John Mayall, Howling Wolf, Carl Perkins, Memphis Slim, Little Walter, Muddy Waters, Sister Rosetta Tharpe, Alexis Korner und viele andere Künstler.
Die Rock’n’Roll-Stars kamen direkt von den Top-Charts-Shows und anderen Veranstaltungen. Darunter waren The Merseybeats, Billy J Kramer & The Dakotas, die Kinks, die Yardbirds, die Barron Knights, Alan Price & The Animals, die Liverbirds und Joe Cocker’s Big Blues Band. Cocker hatte zu dieser Zeit bereits Höhen und Tiefen. Obwohl er in der Heimat viel Unterstützung fand, schwankte seine Beliebtheit anderswo, und folglich litten seine Finanzen darunter. Er liebte die Auftritte im Esquire, der für ihn ein Ort zum Relaxen war – und wo er sogar ohne Druck neues Material ausprobieren konnte.
Eine der schlimmsten Erinnerungen von Cocker war, als er auf einer Tournee im Empire in Sunderland auftrat. Verschiedene große Namen hatten in letzter Minute abgesagt, und Cockers Band wurde ohne Unterlass ausgebuht und verhöhnt. Wenig später wurde eine Tournee abgesagt. Die Sheffielder Zeitungen schrieben: „Die abgesagte Tournee ist ein Rückschlag für Joe.“ Sie behaupteten, dass Joe Cocker immer noch deprimiert gewesen sei, als er plötzlich die Neuigkeit über die Tournee mit Manfred Mann, den Merseybeats und Little Eva erfuhr. Cocker sagte: „Ich wäre jetzt sehr zurückhaltend bei der Zusage zu einer weiteren Tournee. Man hat mir einen Vertrag angeboten, und in der Konsequenz habe ich viele andere Auftritte abgesagt.“ Er bestätigte, dass er um die 30 Pfund Verlust pro Woche wegen der Absage gemacht habe. Um sein Äußeres ansprechender zu gestalten, beschloss Joe, sich seine Haare richtig kurz schneiden zu lassen. Er sagte: „Ich weiß, zugegebenermaßen, das ist ein Griff in die Trickkiste, aber das schulterlange Haar ist zu schwer zu pflegen, und außerdem kommt es mir immer in die Quere!“
Trotz einiger kleinerer Erfolge außerhalb von Sheffield – meistens war er dabei die Vorgruppe von anderen Bands –, wurde die Situation für Joe Cocker in diesem Jahr kurz nach Weihnachten richtig schlimm. Auf der Rückfahrt von einem Auftritt in Louth, Lincolnshire, während einer Kälteperiode auf vereisten Straßen wurde Cocker endgültig klar, dass er ganz unten angekommen war. Es gab quasi keine Engagements mehr, und er sagte Terry Thornton, dass er die Band auflösen werde. Terry war schockiert und schritt umgehend zur Tat, indem er mit seinen Clubkontakten telefonierte, darunter auch seinem Freund vom Hamburger Star Club und anderen Agenten im Ausland.
Schließlich gelang es Terry, den Jungs ein Engagement für sechs Wochen in Frankreich zu verschaffen. Sie könnten dort auf vielen amerikanischen Luftwaffenstützpunkten auftreten. Das waren gute Nachrichten, aber um die Termine einhalten zu können, mussten sie sofort aufbrechen. Joe wurde zuerst in Kenntnis gesetzt, dann Dave Memmott, Dave Green, Vernon Nash und schließlich Dave Harper. Manche von ihnen wurden regelrecht aus dem Bett geholt …
Joe war jetzt wieder voller Energie, und nachdem sie dem Clubbesitzer für diese neue Chance gedankt hatten, machten sich alle in Dave Memmotts altem Transporter auf zur Südküste. Terry erzählt die Geschichte gerne ausführlich: „Zu dieser Zeit hatte jede Band einen schmutzigen und eher klapprigen alten Transporter. Das war bei Joe und seinen Jungs nicht anders, und Daves Transporter hatte sogar eine klemmende Tür! Ich habe ihnen Geld gegeben für die Überfahrt mit der Fähre und andere Ausgaben. Sie waren unterwegs zu ihrem ersten Gig in Orleans, aber zunächst mussten sie eine eiskalte Winternacht in der Nähe von Dover auf einem matschigen Feld im Transporter verbringen. Allerdings war es so, dass sie, als sie schließlich in Frankreich ankamen, eine Summe von 450 Pfund an den Zoll zu zahlen hatten – denn in diesen Tagen war die Nachfrage nach Bandzubehör sehr groß. Sie hatten dieses Geld nicht und wurden folglich nicht ins Land gelassen. Sie kratzten also gerade noch genug Geld zusammen, um die nächste Fähre zurück nach England zu nehmen. Innerhalb weniger Stunden nach ihrer Abreise befanden sie sich wieder in England und pumpten mich schon wieder um Geld an! Ich sendete es ihnen unter der Bedingung, dass jemand bei ihren Stopps im Transporter bliebe, damit das Equipment nicht verlorengehe. Als Nächstes legte ich ihnen nahe, über Ostende in Belgien einzureisen, da dort der Zoll weniger streng sein sollte.“
Sie mussten also eine weitere kalte Nacht im Transporter auf demselben Feld verbringen, bevor sie schließlich in ein neues Abenteuer aufbrachen, dass bald ihrer aller Leben verändern sollte. Schließlich erreichten sie ihr Ziel und wurden ziemlich überraschend von ihren Gastgebern gefragt, ob sie irgendwelche Lieder der Beatles spielen könnten. Joe erklärte, dass sie dies nicht draufhätten, und er wurde umgehend informiert, dass sie in diesem Fall wahrscheinlich gelyncht werden würden! Joe ging damit allerdings locker um, und schon bald akzeptierten ihn die Soldaten der Luftwaffe. Die Band wurde ständig mit Burgern und kostenlosen Drinks versorgt. Es gab jedoch keine Unterkunft und nur wenig Lohn für die Auftritte, so dass sie die meisten Nächte wieder im Transporter verbringen musste. Cocker telefonierte ständig mit dem Club (sogar per R-Gespräch) und bat um mehr Geld für die Deckung der Ausgaben. „Es kostete mich ein wahres Vermögen“, gesteht Terry Thornton und fügt hinzu: „Später bekam ich von ihm einen weiteren dringenden Telefonanruf. Dieses Mal fragte er nach einem ‚Elch‘! Dies war der amerikanische Ausdruck für eine weibliche Sängerin. Cocker war auf einem weiteren Luftwaffenstützpunkt angekommen, und man teilte ihm rundheraus mit: ‚Keine Sängerin, kein Auftritt!‘“
„Ich habe lange angestrengt nachgedacht“, erinnert sich Terry. „Dann kontaktierte ich Marie Woodhouse. Ihrem Vater gehörte ein Pub in den Randbezirken von Sheffield. Sie war eine sehr gute einheimische Künstlerin und sah außerdem ein bisschen wie Marilyn Monroe aus. Ohne sie wären die Jungs am Ende gewesen. Sie hatte einen sehr breiten Akzent, und die Yankees liebten sie. Sie kam unheimlich gut an! Und mit Marie an Bord bekam die Band auch noch mehr Auftritte anderswo. Diese Tournee formte Cocker, und er kehrte als neuer Mensch zurück. Er war voller Selbstvertrauen, sehr professionell und sehr schlank!“
Joe Cockers Leben war auch weiterhin ein Auf und Ab. Im Anschluss an seine Frankreichtournee hatte er mehrere Auftritte im Fernsehen, darunter bei „Top of the Pops“ und „Dee Time“. Er spielte außerdem in der Royal Albert Hall und bekam dafür beste Kritiken, aber er hatte in der Folge nur unregelmäßig Engagements, und es herrschte wieder eine ziemliche Flaute. Joe war gezwungen, sich nach Alternativen umzusehen, bis er wieder im Aufwind sein würde.
Terry Thornton kämpft weiter für Cocker: „Joe hat immer an seine eigenen Fähigkeiten geglaubt. Er besaß eine ihm ureigene Entschlossenheit. Das ließ ihn immer weitermachen, und so ist er der geworden, den wir heute kennen. Er legt großartige Auftritte hin und ist inzwischen zur Legende geworden.“
Im November 1968 war der Zeitpunkt gekommen, an dem Cocker auf der Karrierelaufbahn alle Stationen durchlaufen hatte, und er wurde endlich mit einem Charts-Erfolg belohnt, „With A Little Help From My Friends“.
Der eigentliche Grund für diesen Erfolg ist dem Esquire Club geschuldet und liegt vielleicht doch in einem Zusammentreffen von Terry Thornton, Ray Stuart, Dave Memmott und Joe Cocker drei Jahre zuvor begründet, als sie nach einem Auftritt zusammensaßen und ein Ouija (Hexenbrett) befragten.
„Es war damals ein ziemlich gängiges Mittel zur Entspannung, und jeder stellte der Reihe nach eine Frage“, sagt Terry hierzu. „Joe trieb zur damaligen Zeit der Wunsch um, seinen Rivalen Dave Berry in Bezug auf einen Charts-Erfolg einzuholen, und er stellte ganz direkt die Frage: ‚Wann bin ich an der Reihe?‘ Erstaunlicherweise gab das Brett Folgendes wieder: ‚With a Little Help From Your Friends.‘“
Der Clubbesitzer ergänzt, dass es irgendwie ein unheimlicher Augenblick gewesen sei: „Wir haben nur herumgealbert, wie wir das oft gemacht haben, aber es hat diese Worte glasklar von sich gegeben. Es erinnerte mich an die alten Zeiten mit dem Geisterthema im Club 60 – doch es sollte erst ein paar Jahre später der Zeitpunkt kommen, an dem wir an die Bedeutung dieses Abends erinnert werden würden.“
Joe ging auf Promotiontour, gab Interviews und Pressekonferenzen, spielte auf Festivals mit Deep Purple, Jethro Tull und Jeff Beck und bekam einen Plattenvertrag, der ihn mit dem Produzenten Denny Cordell zusammenbrachte, der mit Joe das Debüt-Album vorbereitete. Joe war kurz vorm Abheben und fühlte sich in der damals entstandenen Edel-Hippie-Gesellschaft Londons als aufsteigender Stern sehr wohl. Noch im Dezember 1968 wurde er wegen Marihuana-Besitzes festgenommen. Seine Freundin Eileen nahm die Sache schließlich auf sich, um Joes erste Amerika-Reise im April 1969 nicht zu gefährden. Die Amerikaner waren bei Drogenfällen schon immer recht sensibel. Professionell beendete er die Aufnahmen zum ersten Album namens „With A Little Help From My Friends“, das am 23. April 1969 erschien.
Im Februar und März gingen Joe, Chris und die Grease Band noch einmal auf Englandtournee, bevor es dann mit Hilfe von Denny Cordell erstmals nach Amerika ging. Dort präsentierte sich Joe Ende April in der Ed Sullivan Show, wo er und die Grease Band die zweite Single „Feelin’ Alright“ vorstellten. Für damalige amerikanische Verhältnisse wirkte die Performance von Joe aufgrund des etwas unvorteilhaften Äußeren und der Mimik und Gestik vielleicht ein wenig befremdlich, aber es war ein perfekter Start für die Tournee, die darauf folgte, um das Debüt-Album zu promoten.
Dann trat Joe Cocker im Fillmore West in San Francisco auf, dem legendären Club von US-Konzertveranstaltungs-Guru Bill Graham. Das „neue“ Fillmore hatte erst im Juli zuvor aufgemacht. Aufgrund von Problemen in der Nachbarschaft und der bescheidenen Kapazität des Saales zog der zunächst noch Fillmore Auditorium genannte Club in den ehemaligen Carousel Ballroom an der Market Street, Ecke South Van Ness Avenue, und nannte sich fortan, zur Unterscheidung vom mittlerweile gegründeten Fillmore East in New York, Fillmore West. Joe erntete einerseits phänomenale und andererseits zur leicht befremdlichen Performance passende irritierende Kritiken. Die amerikanische Presse war von Joe Cockers Optik ein wenig verunsichert und beschrieb ihn als „hässlichen fetten Jungen mit goldener Seele“. John Mendelsohn von der LOS ANGELES TIMES meinte: „Auf der Bühne ist Joe Cocker ein wahres Wunder, wie er so spastisch herumfuchtelt, seine Arme um seinen Kopf schwingt und Grimassen zieht, als hätte er die allergrößten Schmerzen.“ Und Albert Goldman vom LIFE MAGAZINE ging noch weiter und sogar unter die Gürtellinie: „Man hatte ja schon von seinen seltsamen Bewegungen gehört“, schrieb er, „aber diese Mischung aus Parkinson’scher Krankheit, Muskelschwund und Veits-Tanz, das musste man erst einmal selber gesehen haben, um es zu glauben.“ Der ROLLING STONE bezog sich bei der Kritik über seinen Auftritt im Whisky A Go Go in Los Angeles auf eine kleine Begebenheit während des Konzertes und bescherte ihm damit große Aufmerksamkeit: „Als die Band zu ihrer explosiven Version von ‚With A Little Help From My Friends‘ kam, sprang ein junges Mädchen auf die Bühne und warf sich zwischen Joe Cockers Beine, offensichtlich halb verrückt geworden vor Entzücken über diese heiße Stimme und seine Verrenkungen, und begann, ihn leidenschaftlich zu bearbeiten. Sekunden später entwich Cockers Kehle der Schrei seiner Karriere.“ Das Ganze wurde fotografisch festgehalten, das Foto mitabgedruckt und die Aufnahme später für ein Riesen-Promotion-Poster am Sunset Boulevard, Hollywood, verwendet.
Der Durchbruch mit dem Debüt-Album „With A Little Help From My Friends“, das zwölf Songs versammelte, war geschafft. Fans urteilen noch heute, dass wie bei so vielen anderen Acts, auch bei Joe Cocker Folgendes zutreffe: Das Debüt-Album ist das beste. 90 Prozent der Songs sind zwar gecovert, darunter zwei von Bob Dylan („Just Like A Woman“ und „I Shall Be Released“). Aber sei’s drum. „Don’t Let Me Be Misunderstood“ von den Animals macht Joe viel romantischer als das Original, und seine raue Stimme scheint irgendwie besser zu dem Song zu passen als die von Eric Burdon. Die Band um Joe und Chris ist exzellent, und Jimmy Page bzw. Steve Winwood veredeln die Songs mit ihren Gitarren. Songs wie „Feelin’ Alright“ und „Bye Bye Blackbird“ werden zu wahren Diamanten, die Joe in der Mine zu entdeckender Songs leidenschaftlich abzubauen und aufzupolieren weiß. Bei zwei Songs hat Cocker darüber hinaus selbst mitkomponiert: „Change In Louise“ und „Sandpaper Cadillac“, welche wahrhaft ambitioniert wie auch nachdenklich klingen.
Nach den ersten Club-Konzerten in den USA tourte Joe weiter durch die Staaten und trat bei den mit dem Monterey-Festival 1967 gerade in Mode gekommenen Massenveranstaltungen in Form der Hippie- und Rock-Messen auf. In Northridge, in der Nähe von Kalifornien, fand vom 20. bis 22. Juni das Newport-Rock-Festival statt, wo 33 Bands und Künstler wie Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jethro Tull, Steppenwolf, The Byrds und auch Joe Cocker mit der Grease Band vor etwa 150.000 Menschen auftraten. Eine Woche später war Joe beim Denver-Pop-Festival, und zwei Wochen später spielte er beim Atlanta-Festival mit Janis Joplin, Delaney and Bonnie, Led Zeppelin und Creedence Clearwater Revival vor 140.000 Zuschauern. „Das waren schon tolle Tage. Ich wusste nicht mehr, wo mir der Kopf stand. Wir waren ziemlich neu in der Szene, und so mussten wir uns ständig mit den schlechtesten Terminen zufriedengeben. Im Atlanta Stadion z. B. sollten wir eigentlich um acht Uhr abends auftreten, aber so allmählich wurde unser Auftritt immer weiter für die anderen Star-Bands verschoben, und schließlich spielten wir erst um sechs Uhr am nächsten Abend. Es konnte einem aber auch den Kopf verdrehen, wenn man an die vielen verschiedenen Stimulanzien und Substanzen denkt, die es in Amerika damals so gab.“ Stimulanzien, denen Joe bekanntermaßen ja nie abgeneigt gewesen war.
Joe experimentierte damals zunächst mit einer Droge, das in der Szene als „Heavy Jelly“ bekannt war. „Man nahm ein ganz kleines bisschen davon auf einen Fingernagel und spülte es mit Coca Cola runter. Nach ungefähr einer Dreiviertelstunde war immer noch nichts passiert – und dann war auf einmal die ganze Welt wie Watte um einen herum –, in Technicolor. Das dauerte dann 36 Stunden, und in dieser Zeit schien dein Kopf von deinem Körper total getrennt zu sein, und du konntest dich aus großer Höhe betrachten – außerhalb deiner selbst.“



