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»Ich war am Sonntagabend noch am Märchensee spazieren. Da trieben rote Rosen auf den Wasserlinsen am Ufer, und ich wusste, dass du öfters am Märchensee warst, wegen der Geschichte mit Marius Steyn.«
Linda nickte. Marius Steyn; man hatte die Leiche des alten Richters im Märchensee bei Wendelsheim gefunden, wenige Wochen erst war das her; zum selben Zeitpunkt war Alans Hilferuf aus Südafrika gekommen. Sie hatten ihn für schuldig am Tod eines Mannes gehalten, und Linda war, ohne viel zu zögern, nach Johannesburg gereist, um ihm aus der Patsche zu helfen.
»Hast du denn irgendetwas herausgefunden, weshalb er nicht in der Maschine war?«, fragte Babs jetzt, doch Linda verneinte.
»Ich habe alles versucht, was von hier aus möglich ist«, sagte sie. »Ich bekomme nur die Meldung, dass seine Nummer nicht zu erreichen ist, wenn ich ihn auf seinem Handy anrufe; meine SMS bleiben unbeantwortet. Das hat aber nichts zu bedeuten, in vielen Gegenden Kenyas gibt es kein Netz, und wer weiß, wo er sich herumgetrieben hat.«
»Und was ist mit der Farm, auf der er arbeitet?«
»Auf Simba King ist er gewesen, wie verabredet. Er hat seine Klamotten gewechselt, hat dort Bescheid gesagt, dass er für unbestimmte Zeit nach Deutschland wollte und ist dann mit seinem Landcruiser über Nairobi zurück nach Mombasa gefahren, um dort noch einiges zu regeln. Dort liegt ja noch immer sein Boot, und er hat seine Wohnung an der Südküste.«
»Dort, wo du ihn damals kennengelernt hast?«
Linda nickte. »Er hat ein paar Leute, die den Laden dort für ihn schmeißen, mit den Touristen zum Hochseeangeln fahren und die Surfbretter vermieten. Aber die wissen auch nicht, wo er stecken könnte.«
»Weißt du das sicher?«
»Ja. Ich habe Rob gebeten, sich dort mal umzusehen.«
»Du hast deinen Ex angerufen?«
»Ja, warum denn nicht? Er lebt ja noch immer mit Georgia Marsh zusammen, auf der Shamba Kifaru bei Isiolo, wenn er nicht gerade im Ruwenzori nach Gorillas sucht. Rob war vor ein paar Tagen geschäftlich in Ukunda, südlich von Mombasa, und hat sich in dem Hotel umgesehen, für das Alan arbeitet. Seine Hütte war abgeschlossen, der Landcruiser fehlte. Er ist wie vom Erdboden verschluckt, seit er die Simba King Lodge verlassen hat. Ich kann dir sagen, dass mich das ziemlich beunruhigt. Rob hat ihn jetzt offiziell als vermisst gemeldet.«
Babs holte Luft. Es war also mehr als nur Liebeskummer! Linda machte sich ernsthaft Sorgen um Alan Scott.
»Glaubst du denn, dass ihm etwas zugestoßen sein könnte?«, fragte Babs vorsichtig.
Statt einer Antwort rann eine Träne über Lindas Wange.
»Ich sitze hier wie auf Kohlen. Ich weiß nicht, wie ich auf andere Gedanken kommen soll.«
»Hast du dich deshalb aus der Redaktionsschicht und aus dem Moderationsplan rausnehmen lassen, damit du jederzeit weg kannst?«
Linda nickte.
»Okay, das erklärt manches. Jetzt weiß ich, weshalb du nur Kurzbeiträge und Umfragen gemacht hast, und trotzdem Tag und Nacht im Sender warst.«
Linda bemühte sich nicht weiter, ihre Tränen zurückzuhalten. »In Südafrika war alles so … so schön. Wir waren so glücklich. Ich versteh das alles nicht.«
»Du solltest nicht gleich das Schlimmste denken«, sagte Babs, »du musst dich ablenken.«
Linda nickte. »Was glaubst du, warum ich mich so in die Arbeit stürze? Daheim fällt mir nur die Decke auf den Kopf.«
»Und warum kommst du nicht wie früher einfach auf ein Glas zu mir?«
»Ich hatte, ehrlich gesagt, einfach keine Lust auf Frauengespräche, weißt du. Da würde sich doch auch wieder alles um Männer drehen.«
»Kann schon sein. Apropos: Du hast Clemens ja immer noch nicht kennengelernt!«
»Deinen Neuen?« Linda zögerte. »Stimmt. Soll ja ziemlich gut aussehen.«
Babs konnte ein Grinsen nicht unterdrücken. »Wer hat dir das denn erzählt? Der übliche Flurfunk wahrscheinlich. Aber lassen wir das. Was ist jetzt mit dir? Wie soll das denn weitergehen?«
Linda seufzte.
»Ich hätte große Lust, nach Afrika zu fliegen und nach ihm zu suchen, aber Rob meinte, dass das nichts bringt. Ich könnte dort auch nicht mehr ausrichten als er.«
»Ich bin jetzt erst mal froh, dass wir miteinander gesprochen haben«, meinte Babs.
»Du hattest recht. Dieses Abschotten hat nichts gebracht. Es hat gut getan, alles mal loszuwerden. Jetzt weißt du Bescheid. Und ich muss versuchen, wieder in ein normales Leben zurückzufinden – was machen wir heute Abend?«, fragte Linda gespielt unternehmungslustig.
»Ach, heute Abend ist ziemlich schlecht«, warf Babs ein, »Clemens ist seit zwei Tagen für die Bücherschau in Karlsruhe unterwegs und will heute Abend zurückkommen. Und heute Nachmittag hab ich noch einen Termin am See.«
»Du fährst an den Bodensee?«, fragte Linda interessiert. »Wie kommt’s?«
»’ne PK. Der Dossenberg hat mich gefragt.«
»Unser neuer Redakteur?«
»Genau. Ist eigentlich ganz nett. Ich hatte noch nicht viel mit ihm zu tun. Und du?«
»Auch nicht. Ist mir außerdem ’ne Nummer zu groß.« Linda spielte auf die 1,92 Meter an, die Dossenberg dazu zwangen, vor jeder Tür im Sender den Kopf einzuziehen. »Und wieso an den See?«
»Wegen dieser Baumleiche.«
»Baumleiche?«
»Ja. Hast du heute noch keine Nachrichten gehört?«
»Nein. Keine Zeit gehabt.«
»Man hat in Friedrichshafen einen Toten gefunden, ziemlich dubios, die Leiche lag auf einem Baum. Kein Mensch weiß, wie sie da hinaufgekommen ist, entweder ist der Tote da hinaufgeklettert, oder der Mörder war ein Affe!« Babs lachte über ihren Witz, doch Linda blieb ernst. »Wie bei ›Mord in der Rue Morgue‹ von Edgar Allan Poe!«, sagte Babs noch und bemerkte erst jetzt Lindas nachdenklichen Gesichtsausdruck.
»Seltsam …« Ihre Stimme war zu einem Flüstern abgesenkt und ihr Blick ging hinaus zu den Platanen, deren Astwerk schon Blätter verlor. »Eine Leiche auf einem Baum.« Sie stellte sich den gekrümmten Körper eines Toten vor, wie er dort in der Krone einer Platane hing, drei Meter über dem Boden, von unsichtbaren Flügeln dorthin getragen …
»Linda, hast du was?« Babs’ Frage holte sie in die Realität zurück.
»Ja?«
»Du hast eben so komisch reagiert. Ist was?«
»Nein, nichts«, entgegnete sie. »Mir fiel nur gerade ein, dass mir Rob heute Morgen am Telefon was erzählt hat, von einem Toten im Tsavo. Der lag auch auf einem Baum. Vermutlich hat ihn ein Leopard …«, sie brach ab.
»Könnte denn ein Leopard einen Menschen auf einen Baum schleppen?«
»Oh ja. Leoparden machen das immer. Beute, die oft schwerer ist als sie selbst.«
»Wann hat man die Leiche gefunden?«
»Heute Nacht. Rob wusste nichts Näheres. Er hat im Radio davon gehört.«
»Und der Tote? Was weiß man über ihn?«
»Rob sagte, man hat ihn noch nicht identifiziert. Ein Weißer, hatte keine Papiere bei sich. Lag wohl auch schon ein paar Tage im Baum.«
»Und der Leopard? Hatte er ihn schon …« Babs beendete den Satz nicht, zu grausam kam ihr der Gedanke vor.
»Du meinst, ob er ihn schon angefressen hatte? Offensichtlich schon. Die Geschichte wird jetzt Tagesgespräch in den Touristenhotels sein, und jeder wird noch ein bisschen was dazudichten. Die Menschen sind schnell dabei, aus einem Raubtier einen Menschenfresser zu machen. Das hat’s in Kenya schon lange nicht mehr gegeben. Doch die ›Maneater von Tsavo‹ sind immer noch Legende.«
»Aber das waren Löwen damals?«
»Ja. Zwei alte Männchen. Haben die Bahnarbeiter gleich dutzendweise aus den Zugwaggons geholt, so wurde es jedenfalls überliefert. War um die Jahrhundertwende, als man die Bahnlinie von Mombasa nach Nairobi baute. Ein englischer Jäger namens Patterson hat die beiden Löwen dann zur Strecke gebracht. Wurde übrigens verfilmt die Geschichte, mit Michael Douglas, ein super Film. Ich hab ihn daheim auf Video.«
»Das ist ja echt komisch …«
»Was?«
»Na ja, dass in Kenya fast dasselbe passiert wie am Bodensee. Ich meine, mit der Leiche auf dem Baum.«
Babs zögerte. Ihr fiel ein, was Clemens gesagt hatte, als sie von Lindas Problemen sprachen. Die muss mal wieder raus, was anderes machen …
»Was ist?«, fragte Linda.
»Ich dachte nur, das schreit doch nach einer Recherche in beide Richtungen. Vielleicht möchtest du ja …?«
»Ich? Aber Dossenberg hat doch dich beauftragt.«
»Na und? Das wär’ doch endlich mal wieder ’ne spannende Recherche! Nicht bloß die Wirtschaftsstatistiken aus der Region und die Umfragen in der Tübinger Fußgängerzone: ›Was halten Sie vom Klimawandel …?‹. Ich finde, das kannst du ruhig wieder unseren Hospitanten überlassen. Wird Zeit, dass du mal wieder ein richtig gutes Thema anpackst!«
Linda schwieg.
»Was ist?«, fragte Babs, »hast du Lust?«
»Du meinst, an den Bodensee?« Sie sah die blaue Wasseroberfläche vor sich, die barocke Fassade der Birnau inmitten herbstlich leuchtender Rebhänge, drüben im Dunst die Umrisse der Mainau, die Unteruhldinger Pfahlbauten, die Fähre, die von Meersburg nach Konstanz übersetzte und die Segler, die ihr immer einen Hauch von Urlaub und Süden vermittelten. Sie dachte an den Zeppelinflug, den sie vor wenigen Wochen dort gemacht hatte, und an ihr Abenteuer mit dem Luftschiff in Südafrika. Sie könnte vielleicht noch mal einen Flug buchen, diesmal die andere Route, über Wasserburg und Lindau Richtung Bregenzerwald. Ein Flug in die Berge, wie damals in den Felsschluchten der Luiperdskloof.
Sie würde den See genießen, die alte Heimat wiedersehen, jetzt, wo die Touristenmassen ausblieben; endlich mal abschalten, ein, zwei Tage nur. Ja, dazu hatte sie Lust! Weg, weg von hier, fort aus Tübingen, wo sie so vieles an Alan Scott erinnerte, weil sie dort schon mal mit ihm gesessen hatte, hier mit ihm entlanggeschlendert war, er sie in ihrer Wohnung geküsst und in ihrem Bett geliebt hatte. Fort mit der verteufelten Erinnerung, weg mit der Illusion, das Leben neu beginnen. Und sie sagte: »Okay.«
Babs sah sie groß an. Damit hatte sie nicht gerechnet, und sie freute sich über Lindas spontan gefassten Entschluss.
»Du willst?«, fragte sie zur Vorsicht noch mal nach.
»Ich will. Wann beginnt die PK?«
»Heut Nachmittag um vier.«
»Und wo?«
»In Friedrichshafen. Kennst du das Polizeigebäude in der Ehlersstraße?«
Linda nickte.
»Die haben einen neuen Pressesprecher«, fügte Babs hinzu. »Er soll gut aussehen und geschieden sein …« Sie lächelte ihr spitzbübisches Lächeln und die Sommersprossen schienen in ihrem Gesicht zu tanzen. Sie beobachtete Lindas Reaktion und stellte erfreut fest, dass ihre Freundin wieder zugänglich für solche Anspielungen war.
»Na dann«, sagte sie, »noch ein Grund, den Termin zu machen!« Und zum ersten Mal seit Tagen umspielte ein Lächeln ihre Lippen.
»Kannst du nach Sarah sehen, falls es spät wird heute Abend?«
»Klar, wie immer.«
Zwei Stunden später verließ Linda Roloff Tübingen und fuhr durch das spätsommerliche Neckartal über Hirschau und Wurmlingen auf den Autobahnzubringer zur A 81 Stuttgart – Singen. Am Rasthof Hegau genehmigte sie sich einen Espresso und freute sich beim Anblick der Hegauvulkane auf den Nachmittag am Bodensee.
Sie dachte nicht, dass sie länger bleiben würde.
Sie ahnte nicht, was sie erwartete.
12
Der Uaso Nyiro, den die Weißen Brauner Fluss nennen, gleicht einer trägen Riesenschlange, die das Land der Samburu in zahlreichen Schleifen und Bögen durchquert, der Weg gesäumt von Dumpalmen und roten Sandbänken, ursprünglich und wild, schroff und schön zugleich. Die Ufer Heimat der großen Grevyzebras, deren enge Streifenzeichnung sie von ihren südlicheren Artgenossen unterscheidet.
Die kleine Herde war auf dem Weg zum Fluss hinunter und trabte zielstrebig über die Akaziensavanne am Farmhaus der Shamba Kifaru vorbei. Die gestreiften Wildpferde mit der aufgestellten Nackenmähne und ihren großen Fledermausohren hatten den heißen Tag im Schatten des Buschlands verbracht, das sich in sanften Hügeln ansteigend bis zum Horizont erstreckt, wo es in den mächtigen Felsbrocken der Sambururange seine Grenzen findet.
Drüben, am jenseitigen Ufer des Uaso Nyiro, waren die Hälse der Netzgiraffen zu entdecken, deren feine Zeichnung sie anmutiger erscheinen lässt als die größeren Massaigiraffen, die in der Serengeti und am Mara leben. Drei Dutzend der prähistorisch anmutenden Langhälse zogen in zwei Linien am Fluss entlang, die einen unten im trockenen Randbereich des Betts, die anderen eine Etage höher in der Böschung, wo grüne Feigen reichlich Nahrung boten. Einige der Tiere näherten sich vorsichtig dem Ufer, spreizten umständlich die Beine und reckten ihre Hälse zum Wasser, um zu trinken. Verzerrt spiegelte sich ihr Bild an der Oberfläche, und der graugrüne Baumstamm, dessen gezackte Rinde aus der braunen Flut ragte, trieb fast regungslos auf die Giraffen zu. Plötzlich war er verschwunden, untergetaucht im trüben Sud. Die Schnauzen der Giraffen erhoben sich, Wasser triefte von ihren Lefzen, da verriet ein leichter Strudel die Gefahr. Mit einem Ruck fuhren die Hälse nach oben, die Beine streckten sich durch und mit zwei raschen Sprüngen, die man den behäbigen Tieren nie zugetraut hätte, begaben sie sich aus der Gefahrenzone.
Das Krokodil schoss aus dem Wasser, schäumende Gischt peitschte ans Ufer und überschwemmte die Stelle, wo die Hufe der Giraffen kleine Löcher im Schlamm hinterlassen hatten. Eine Schar Gelbkehlfrankolins flatterte erschrocken auf, doch der gepanzerte Räuber war zu schnell. Gewaltig packten die zahnbewehrten Kiefer zu, schlossen sich um einen der hühnergroßen Vögel und zogen die Beute, die jetzt nicht mehr war als ein Knäuel aus Federn, Knochen, Fleisch und Blut, in das braune Wasser. Sekunden später war nichts mehr von dem Angreifer zu erkennen, kein Strudel, keine Bewegung auf dem ruhig dahingleitenden Strom. Zögernd kehrten die Frankolins zurück, um erneut ihren Durst zu löschen, nur die Giraffen trauten sich nicht mehr heran.
Ein paar Meter stromabwärts ragte jetzt die gezackte Rinde des graugrünen Baumstamms aus dem Fluss, wie von Zauberhand in der Strömung festgehalten. Das Licht der langsam über den Dumpalmen sinkenden Sonne zauberte Farbenspiele auf Land und Wasser, bronzen leuchteten die kurzhaarigen Felle der Impalas und fast schwarz glänzte die borstige Haut des kapitalen Warzenschweinkeilers, der mit eingeknickten Vorderläufen im morastigen Uferschlamm nach Nahrung suchte.
Die Frau, die auf der Terrasse der Shamba Kifaru die letzten Sonnenstrahlen genoss, setzte das Fernglas ab und blickte zu der Dunstsäule, die das näher kommende Fahrzeug schon von Weitem ankündigte. Ein Besucher um diese Zeit?, dachte sie und sah auf ihre Armbanduhr. Von den Fahrern war keiner mehr mit Touristen auf der Farm unterwegs, die nächsten Neuankömmlinge wurden erst in zwei Tagen erwartet, und Freunde und Nachbarn kamen nur aus ganz besonderen Gründen noch so spät auf die abgelegene Shamba, da es auch in ruhigen Zeiten riskant war, sich hier im Gebiet somalischer Shiftas nachts allein auf den Straßen herumzutreiben.
Auch sie hatten nach Sonnenuntergang Patrouillen laufen, junge Samburus, die sich lieber auf diese Weise ihr Geld verdienten als bei traditionellen Stammestänzen für die Touristen der Lodges im Reservat. Doch sie waren nicht etwa zur Sicherheit der Gäste angeheuert worden, sondern wegen der vierbeinigen dickhäutigen Bewohner der Shamba Kifaru, die hier besonderen Schutz genossen, denn die Farm im Norden war eines der letzten Refugien für Schwarze und Weiße Nashörner in Kenya.
Jede Bewegung der Tiere wurde mittels im Horn versteckter Mikrochips per GPS überwacht und von einem Computer aufgezeichnet. Die Chips wurden, von außen nicht sichtbar, in die Hörner eingepflanzt, und so war es nicht nur möglich, lebende Tiere ständig zu beobachten, sondern auch die Auftraggeber und Hintermänner des internationalen Handels mit gewildertem Nashorn aufzudecken. Jedes Tier, das auf der Farm von Georgia Marsh mit einem Minisender ausgestattet und anschließend ausgewildert wurde, barg ein Risiko für die Wilderer in sich, denn um den Sender zu entfernen und unbrauchbar zu machen, musste das Horn aufgebrochen werden und zerstörtes Horn war für den Handel wertlos.
Auf die stattliche Zahl von 15 Schwarzen und fast 30 Weißen Nashörnern war die Anzahl der Schützlinge von Georgia Marsh inzwischen angewachsen, die in den letzten Jahren erfolgreich ausgewilderten Tiere nicht mitgezählt.
Auf der Nashornfarm waren die Tiere sicher, die wenigen Mitarbeiter Georgias waren zuverlässig und kontrollierten täglich das Gelände. Touristen, die sie auf die Safaris mitnahmen, sorgten für eine sichere Einnahmequelle. Das über 250 Quadratkilometer umfassende Gebiet der Farm war durch einen 5000-Volt-Zaun geschützt und hier im Norden bildete der Uaso Nyiro die natürliche Grenze.
Shamba Kifaru – Moses Kyalo Nderi las die großen weißen Buchstaben, die über der Zufahrt zur Farm auf ein morsches graues Brett gemalt worden waren. Die holprige Fahrt im Nissan hatte über eine Stunde gedauert, die Shamba der weißen Frau lag weitab der üblichen Verbindungsstraßen und war nur über waschbrettartige Holperpisten, meist ehemalige Wanderwege der Samburu, zu erreichen. Vereinzelt grasten die halbwilden Dromedare der Nomaden am Rand der Piste, sonst gab es wenig Abwechslung in der staubigen Steppe.
Inmitten einer akazienbestandenen Buschlandschaft fand er am späten Nachmittag das Farmhaus und stieg die breite Treppe hinauf, die über drei Stufen zu der schmalen, schattigen Veranda führte. Die Frau stand auf und trat ihm entgegen. Sie hatte eine feine, leicht gebogene Nase und große blaugrüne Augen. Unter dem Schlapphut quirlten braune Haare hervor, in denen sich erste graue Strähnen zeigten. Der Mund war blass und schmal, die Haut im Gesicht wettergegerbt und von feinen Fältchen durchsetzt. Sie hatte eine zierliche Figur, doch er sah ihren schwieligen Händen an, dass sie harte Arbeit gewohnt war.
Er nahm Haltung an, stellte sich als Constabler der Isiolo Police Station vor und fragte nach Rob Roloff.
»Mister Roloff ist in Mombasa«, sagte sie und fragte: »Darf ich wissen, was Sie von ihm wollen?«
»Sie sind Georgia Marsh, die Mama Kifaru?«, fragte er statt einer Antwort. Die Frau lächelte und nickte. Mutter des Nashorns, so hatten sie die Samburu genannt, als sie vor vielen Jahren, von ihrem Mann verlassen, allein mit zwei Kindern, diese Farm am Uaso Nyiro übernommen und aufgebaut hatte. Inzwischen standen Sohn und Tochter auf eigenen Beinen, Mike arbeitete im Serenahotel in Nairobi, Dianne promovierte gerade in Deutschland und würde als Ärztin nach Kenya zurückkehren. Sie hatte ihr Leben selbst in die Hand genommen, damals – und es nie bereut. Moses Kyalo Nderi riss sie aus ihren Gedanken:
»Mister Roloff hat eine Vermisstenanzeige aufgegeben. Ein gewisser Alan Scott. Kennen Sie ihn?«
»Alan Scott? Natürlich kenne ich ihn. Er ist einer der besten Freunde, die wir hier auf der Farm haben. Hat uns erst vor wenigen Jahren geholfen, eine Wildererbande zu überführen. Er wollte eigentlich zu einer Freundin nach Deutschland fliegen, ist dort aber nicht angekommen. Wir haben seither nichts von ihm gehört und daher hat ihn Mister Roloff vermisst gemeldet.« Georgia schluckte trocken. Wenn sich ein Constabler der Isiolo Police Station wegen eines vermisst gemeldeten Mannes extra auf den Weg zur Shamba Kifaru machte, konnte das nichts Gutes bedeuten.
»Haben Sie ihn gefunden?«, fragte sie und ihre Stimme zitterte.
»Nun …« – der Constabler zögerte – »wir haben einen Toten, auf den die Beschreibung passt, die uns Mister Roloff von Mister Scott gegeben hat. Außerdem wurde ein Schlüsselbund mit den Buchstaben AS gefunden.« Georgia Marsh schrie auf und hielt sich die Hand vor den Mund. »Nein! Das kann nicht sein!«
Der Polizist schwieg und sah die Frau bekümmert an. Er hatte nur seinen Auftrag zu erfüllen und konnte mit dieser Situation nicht umgehen.
»Haben Sie vielleicht ein Bild dieses Toten?«, fragte Georgia Marsh, nachdem sie sich wieder gefasst hatte.
»Leider nein«, der Constabler schüttelte den Kopf. »Es würde aber auch nichts nützen. Der Leopard hat nicht viel vom Gesicht des Mannes übrig gelassen.«
»Ein Leopard?«, fragte Georgia nach.
Der Polizist nickte. »Offensichtlich ein Menschenfresser. Im Tsavo. Wie vor 100 Jahren die Löwen. Sie wissen …« – seine Stimme klang geheimnisvoll – »man nannte sie den Geist und die Dunkelheit.« Er schien nicht zu spüren, was ihr im Augenblick wirklich Sorgen bereitete. Alan Scott tot. Von einem Leoparden gerissen? Das konnte, das durfte nicht sein!
»Sie wollen, dass Rob ihn identifiziert?«, fragte sie noch einmal nach. Ein stummes Nicken war die Antwort.
»Mein Gott, es kann noch Tage dauern, bis Rob aus Mombasa zurückkommt. Wo befindet sich die Leiche jetzt?«
»In Nairobi«.
»Ich könnte«, überlegte sie laut, »versuchen, Rob unterwegs zu erreichen. Aber das ist mir zu unsicher. Besser ich mach das selbst. Mit zwei Fahrzeugen sollten wir auch in der Nacht sicher sein.«
Diese Äußerung war an den Constabler gerichtet. Er sah sie mit großen Augen an. Natürlich hatte er damit gerechnet, über Nacht auf der Farm bleiben zu können und erst am nächsten Morgen mit dem Zeugen nach Nairobi aufzubrechen. Jetzt sah er sich damit konfrontiert, den langen Weg noch in der Finsternis fahren zu müssen, als Begleiter für eine Frau, die verrückt genug war, ein solches Wagnis einzugehen.
»Es reicht noch, wenn wir morgen fahren«, wandte er daher ein, doch sie überhörte ihn einfach.
»Ruhen Sie sich noch etwas aus, dann fahren wir los. Ich muss am Mittag wieder hier sein«, sagte sie und verschwand im Innern des Hauses.
In der Nacht verließen zwei Fahrzeuge die Shamba Kifaru. Georgia hatte vergeblich versucht, Rob Roloff in Mombasa zu erreichen. Er schien keine Handyverbindung zu haben, und so hinterließ sie ihm eine Notiz in der Küche.
Wie ein Schatten folgte sie dem Nissan des Constablers, achtete darauf, die roten Rücklichter in keiner Kurve aus den Augen zu verlieren. Sie bogen südlich von Buffalo Springs auf die A2 ein, die sie über Isiolo und Nanyuki, am Mount Kenya vorbei nach Karatina und Thika und schließlich nach Nairobi führte.
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