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In ihrem Kopf lieferten sich zwei Gedanken eine Rauferei darum, welcher ihren Kopf besetzen würde. Der erste war: Spring, du schaffst das. Glaub an dich. Der zweite eher nicht ermutigend, nämlich, du wirst dir alle Knochen brechen, wenn nicht sogar sterben.
Bevor eine der Gedanken gewonnen hatte, beschloss Mali zu springen. In ihrem Kopf zählte sie bis drei. Eins. Zwei. Drei. Auf drei stieß sie sich so kräftig vom Fenstersims ab, wie sie nur konnte. Im Flug streckte sie die Arme aus, um nach dem Regenrohr, das immer schneller auf sie zugeflogen kam, zu greifen. Wie von selbst schlossen sich ihre Hände um das Rohr und klammerten sich daran fest. Mali hatte etwas zu viel Schwung geholt. Verzweifelt diesen Schwung abzufedern, so dass sie nicht am Rohr vorbeiflog, rutschten ihre Hände ein Stück an dem Regenrohr herunter. Mit einem Schrei, unfähig ihren Fall entlang des Regenrohrs zu verhindern, rutschte Mali immer weiter in die Tiefe. Ihre Handflächen, die sie immer noch an das Regenrohr gepresst hielt, brannten, als sie daran herunterrutschten. Jedoch bremsten sie Mali so weit, dass sie fast sanft von Damian unten aufgefangen wurde. Mali keuchte erleichtert auf.
„Das müssen wir noch mal üben“ Damian lachte leise. Dann stellte er Mali auf ihre eigenen Füße und nahm sie bei der Hand. Er zog sie hinter sich her die Straße hinunter.
Plötzlich hörten sie einen Schrei. Es war Damians Vater. Er hatte ihre Flucht bemerkt und stand jetzt im Türrahmen. In der Hand hielt er zu Malis Entsetzen eine Pistole. Sie hatte nur kurz einen Blick über die Schulter geworfen, was jedoch nicht stehen geblieben. Sie musste es bis zu der Ecke da vorne schaffen, dann könnte Damians Vater nicht auf sie schießen.
„Bleibt sofort stehen, oder ich schieße“, schrie er ihnen hinterher. Doch sie beide dachten gar nicht daran.
Plötzlich knallte es direkt neben Mali. Sie schrie laut auf. Damians Vater hatte tatsächlich auf sie geschossen. Er hatte tatsächlich auf seinen eigenen Sohn geschossen. Die Kugel hatte sie beide nur knapp verfehlt.
Damian zog an Malis Arm und sie rannten nur noch etwas schneller. Damian fluchte leise, als die nächste Kugel neben ihnen einschlug. Sie liefen jetzt im Zick Zack, um ein nicht so leichtes Zeil für die Pistole abzugeben.
„Das werde ich dir nie verzeihen, du Verräter“, schrie Damians Vater jetzt. „Ich bring dich um, wenn ich dich in die Finger kriege!“
Er schoss noch wieder. Zwei Kugeln schlugen in die Hauswand neben ihnen ein.
Da die Ecke, es waren noch fünf, vier, drei Meter.
Sie bogen gerade um eine Ecke, als eine Kugel in die Hauswand hinter ihnen einschlug und kleine Splitter regnen ließ. Die Schreie von Damians Vater wurden leiser, und obwohl sie sich sicher waren, dass er sie nicht verfolgte, rannten sie immer noch.
Um eine Ecke, dann um eine weiter, dann noch eine. Mali hatte die Orientierung verloren, doch sie ließ sich von Damian leiten. Scheinbar hatte er ein Ziel.
Mali keuchte schwer. So ein Sprint war ihre Ausdauer nicht gewohnt und sofort zogen sich ihre Lungenflügel krampfhaft zusammen, um nach Luft zu schnappen. Damian machte jedoch erst langsam, als sie vor einer kleinen baufälligen Scheune standen. Sie mussten sich inzwischen schon etwas außerhalb der Stadt befinden, denn Mali hatte diese Scheune noch nie bewusst wahrgenommen. Es war ein Schuppen, in der Größe eines kleinen Unterstandes für Tiere. Und genauso roch er auch. Als Damian die quietschenden Scheunentore öffnete schlug Mali sofort der Geruch von Bauernhof ins Gesicht. Die Scheune war jedoch leer. Überall lag Stroh und Heu, auch auf dem kleinen Heuboden. Die kleine Leiter, die auf den Boden hinaufführte, sah vertrauenerweckender aus als das Regenrohr fand Mali und kletterte beruhigt hinauf als Damian ihr offenbarte, dass das ihr Nachtlager werden würde.
Mali wunderte sich inzwischen über fast nichts mehr. In weniger als ein paar Tagen war ihr Leben so aus den Fugen geraten, dass es ihr nur recht war, wenn jemand anderes die Entscheidungen traf. Sie war sehr müde und freute sich darauf, schlafen zu können, auch wenn es nur ein paar Stunden auf einem Heuhaufen bedeutete. Damian folgte ihr, als er sich vergewissert hatte, dass das Scheunentor verriegelt war. Er setzte sich neben Mali ins Heu.
„Hier wird uns niemand finden“, sagte er. Dessen war sich Mali ebenfalls sicher.
Auch wenn sie gerne sofort die Augen geschlossen hatte, war sie doch neugierig, wie es weitergehen sollte.
„Was ist der Plan?“, fragte sie deshalb.
Damian schwieg eine Weile. Mali erwartete schon wieder keine Antwort zu bekommen, als er sich schließlich doch noch räusperte.
„Der eigentliche Plan war, dich hier abzuliefern, dann kannst du dorthin gehen, wohin du willst und ich würde wieder zu meinem Vater zurückkehren. Er würde nie etwas davon bemerken, dass ich dir zur Flucht verholfen hätte. Ich hätte am Morgen einfach gesagt, dass ich keine Ahnung hätte, wo du seist und, dass du wohl aus dem Fenster abgehauen bist. Jetzt, wo mein Vater durch deinen Schrei auf deine Flucht aufmerksam geworden ist, muss ich wohl oder übel hierbleiben. Zurück kann ich jetzt jedenfalls nicht mehr. So viel ist klar. Mein Vater reißt mir den Kopf ab, wenn ich mich wieder blicken lasse, das hast du ja gehört.“
Mali sah betreten zu Boden.
„Tut mir leid“, murmelte sie leise.
„Ist schon ok.“ Damian zuckte mit den Schultern. „Ganz ehrlich, so toll ist es bei meinem Vater auch nicht, dass ich unbedingt zurück möchte. Hier erlebe ich wenigstens Abenteuer. Oder so etwas wie ein Abenteuer. Kommt ganz darauf an.“
„Worauf?“, fragte Mali neugierig.
„Darauf, was du jetzt vorhast. Wenn du zurück nach Hause gehst, wird das ziemlich langweilig für mich, denke ich. Dann muss ich mir irgendwas suchen, wo ich blieben kann. Wenn du jedoch irgendeinen geheimen Auftrag zu erledigen hast, dann denke ich würde das schon spannender werden.“
Mali fasste sich ertappt an die Jackentasche. Dort hatte sie die Papiere ihrer Mutter versteckt. Es war, wenn man es genau nahm, schon eine Art Geheimauftrag, den sie da zu erledigen hatte. Und da sie keine Ahnung hatte, wie sie diesen Carlos Vendris finden sollte, kam es ihr nur Recht, dass sie etwas Hilfe hatte.
„Du willst mich also begleiten, bei dem was ich tun muss?“
„Du hast also tatsächlich einen Geheimauftrag?“, fragte Damian mit einem Grinsen. „Das passiert einem nicht alle Tage, dass da ein Mädchen angelaufen kommt, mit dem man aus dem dritten Stock springen muss, um dann eine geheime Mission zu erledigen. Ich dachte sowas gibt es nur in Büchern“, sagte er immer noch grinsend. Mali fand, dass es tatsächlich komisch klang, wenn Damian die Ereignisse so kurz zusammenfasste. Und doch war es genauso passiert.
Damian wurde wieder ernster und dachte über Malis Frage nach.
„Kommt drauf an, was dein Geheimauftrag ist.“, antwortete er ihr dann, wobei er wieder grinste, als er das Wort Geheimauftrag mit Gänsefüßchen untermalte.
Mali erinnerte sich daran, dass sie ihm vertrauen wollte. Also entschied sie sich für die Wahrheit.
„Ich muss eine Art Geheimbotschaft von meiner Mutter überbringen.“
„Ah eine Geheimbotschaft also. Und was steht da drin? Wie man eine Atombombe baut, oder irgendwelche Rachepläne?“
Mali musste ebenfalls grinsen, es machte Spaß mit Damian herumzualbern. So war die Wahrheit, die sich immer hinter ihren Sätzen verbarg, besser zu ertragen.
„Um ehrlich zu sein, ich habe keine Ahnung“, gab Mali zu. Sie zog die inzwischen schon verknitterten Aufzeichnungen ihrer Mutter aus ihrer Jackentasche und breitete sie vor Damian aus. Du kannst es dir mal anschauen. Ich kann mir jedenfalls keinen Reim darauf machen.“
Damian überflog die Zettel schnell. Dann ließ er sie sinken und dachte nach. Mali kam diese plötzliche Stille unangenehm vor. Also fragte sie ungeduldig: „Und? Irgendeine Idee?“
Damian schüttelte den Kopf.
„Tut mir leid, Holmes, da kann ich Ihnen leider nicht behilflich sein.“ Damian grinste wieder.
„Da enttäuschen Sie mich aber, Watson“, erwiderte Mali ebenfalls mit einem Grinsen.
„Was machen wir jetzt?“ Es war das erste Mal, dass Mali Damian ratlos erlebte.
„Ich wollte noch mal zurück in unser Haus. Vielleicht finde ich da noch etwas, was mich weiterbringen könnte. Und sei es nur um ein paar Klamotten zu holen, für den Fall, dass ich dort nicht bleiben werde.“
„Also dann“, meinte Damian schläfrig. „Für morgen haben wir ja schon mal einen Plan. Das klingt gut.“ Er ließ sich rückwärts ins Heu fallen und blickte an die Scheunendecke. Er schien schon wieder in Gedanken versunken.
Auch Mali rollte sich auf die Seite und dachte nach. Sie erinnerte sich noch glasklar an die letzten Worte ihrer Mutter. Sie soll die Aufzeichnungen zu einem Carlos Vendris in den Wald bringen. Das war schon seltsam kryptisch gewesen, und dann erst die Aufzeichnungen selber. Auf nichts von beidem konnte Mali sich einen Reim machen, weswegen sie froh war so etwas, wie einen Verbündeten zu haben. Allerdings konnte sie nicht genau sagen, warum sie Damian das mit Carlos Vendris verschwiegen hatte. Vielleicht war das Vertrauen zwischen ihnen noch nicht groß genug und Damian musste sich diesen letzten Vertrauensbeweis erst noch erarbeiten, oder aber ihr Unterbewusstsein hielt ihn immer noch für den Mörder ihrer Mutter, so dass es immer damit rechnete, dass er einfach wieder verschwinden und sie seinem Vater ausleifern würde. Nein. Sie konnte sich noch nicht sicher sein, wer Damian war, weshalb es nur selbstverständlich war, weshalb sie ihm diese Informationen vorenthielt. Wenn es an der Zeit wäre, würde sie ihn schon noch einweihen.
Mali hörte ein Rascheln neben sich. Sie drehte sich zu Damian um. Er hatte sich aufgesetzt und sah sie jetzt fragend an.
„Ähm, das klingt jetzt vielleicht komisch, aber wie heißt du eigentlich?“
Mali sah ihn erstaunt an, dann aber wurde ihr bewusst, dass sie ihm ihren Namen tatsächlich noch gar nicht verraten hatte. Sie schämte sich augenblicklich dafür. Ständig verlangte sie Antworten, doch sie selbst hatte ihm noch weniger gesagt als er ihr. Dabei war es nur verständlich, dass sie das in all der Aufregung der letzten Stunden komplett vergessen hatte.
„Mali“, murmelte sie leise. „Also eigentlich Amalia, aber jeder nennt mich nur Mali“, fügte sie vollständigkeitshalber noch hinzu.
„Macht es dir was aus, wenn ich dich auch Mali nenne?“, fragte Damian.
„Nein, das macht mir gar nichts aus. Das ist voll ok. Wie gesagt, jeder nennt mich so, auch meine Mutter.“
Damian nickte. Dann schwiegen sie wieder eine Zeit lang.
„Mali?“
„Ja?“
„Du hast vorhin gesagt, dass es schwer ist mir zu vertrauen, weil mein Vater deine Mutter umgebracht hat und so. Du erinnerst dich?“
Mali nickte. Sie wusste nicht worauf Damian hinauswollte.
Die nächste Frage schien ihm schwer zu fallen.
„Meinst du…du könntest mir vertrauen, wenn ich dir die ganze Wahrheit erzähle?“
Mali wunderte sich etwas über die Frage. Doch schließlich nickte sie.
„Ich denke schon, dass ich das könnte, wenn du komplett ehrlich bist.“
Damian nickte ebenfalls. „Ich verspreche es.“
Dann schwieg er wieder eine Weile, bevor er leise zu sprechen begann. Mali verstand ihn kaum, wagte es jedoch nicht ihn zu unterbrechen.
„Das was du gesagt hast, stimmt nicht komplett. Mein Vater hat deine Mutter nicht umgebracht. Das war mein Onkel.“
„Dein Onkel?“, fragte Mali ungläubig. Jetzt hatte sie Damian doch unterbrochen. „Seht ihr euch also alle so ähnlich?“
Damian zuckte mit den Schultern.
„Mein Onkel ist, wie du eigentlich wissen müsstest bei dem Tod deiner Mutter ebenfalls gestorben. Mein Vater, hat dich dann nur herausgeholt. Aber ja es stimmt, er will auch dich umbringen.“
„Warum?“
„Ich weiß es nicht“, meinte Damian ausweichend.
„Damian, du hast versprochen ehrlich zu sein.“
Damian nickte gequält.
„Also gut, er will die komplette Linie deiner Mutter auslöschen, mehr kann ich dir nicht sagen.“ Er schluckte schwer.
„Warum kannst du nicht?“ Malis Stimme war nun nicht mehr als nur noch ein leises Flüstern.
Damian schien mit sich zu ringen. Wahrscheinlich verfluchte er sich selbst dafür ihr versprochen zu haben, ehrlich zu sein, dachte Mali grimmig.
„Ich kann es dir nicht sagen“, auch Damians Stimme war nur noch ein Flüstern. „Ich weiß nicht, ob ich dir genug vertrauen kann, dass du dieses Geheimnis bewahrst. Solange ich mir da nicht sicher bin, kann ich es dir nicht sagen.“
„Du erwartest von mir, dass ich dir voll und ganz vertraue, aber selber vertraust du mir nicht genug, um mir anzuvertrauen, warum dein Vater mich tot sehen möchte? Findest du das nicht auch ein bisschen kindisch?“ Mali versuchte sich ihre Gekränktheit nicht anmerken zu lassen. Sie hatte sich empört aufgesetzt und blickte Damian jetzt von oben an. Er wich ihrem Blick aus.
„Mali, ich weiß, dass ich dich damit verletzt habe. Aber…“
„Was aber?“ Mali war jetzt erst richtig sauer. Was konnte er ihr jetzt noch für eine Erklärung für sein Verhalten liefern, ohne es noch schlimmer zu machen.
„Aber…es tut mir leid.“ Damian sah sie flehend an. Was wollte er? Dass sie ihm vergab?
„Ach ja es tut dir leid.“ Mali lachte verächtlich. „Bist du wirklich so naiv zu glauben, dass es das jetzt wiedergutmacht?“
„Nein bin ich nicht.“ Damian senkte den Blick. „Gute Nacht Mali, schlaf gut.“ Er legte sich wieder hin und drehte sich mit dem Rücken zu Mali.
Mali sah ihn nur verdutzt an. Was war das denn bitte schön wieder gewesen. Damian verhielt sich manchmal echt seltsam. Langsam und immer noch verwirrt legte auch sie sich hin. Doch einschlafen konnte sie jetzt nicht mehr so schnell. Dafür schwirrten ihr zu viele Fragen durch den Kopf.
20.07
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Kapitel 7
Mali beobachtete wie die ersten Sonnenstrahlen durch das kleine Scheunenfenster fielen. Sie musste wohl doch etwas geschlafen haben, denn sie fühlte sich fast fit. So leise wie möglich stand sie auf. Sie würde sich jetzt auf den Weg nach Hause machen, und zwar ohne Damian. Mit einem Blick zu ihm vergewisserte sie sich, dass er immer noch schlief. Sie klopfte sich das Heu aus der Kleidung und stieg dann rückwärts die Leiter hinab. Eine der Stufen knarzte etwas, als Mali darauf trat. Mit angehaltenem Atem sah sie zu Damian. Er regte sich jedoch nicht einen Zentimeter. Sein Atem ging immer noch gleichmäßig.
Mali öffnete das Scheunentor einen Spalt breit. Es gab ein leises Quietschen von sich. Sie atmete die frische Luft ein, die ihr draußen entgegenschlug. Dann machte sie sich auf in die Richtung, aus der sie in der Nacht gekommen waren. Ihr Plan war, dass sie jetzt erstmal in Richtung Stadtmitte laufen würde, bis sie wieder wusste, wo sie eigentlich war.
„Ich würde in die andere Richtung laufen, wenn du nach Hause willst“, ertönte plötzlich eine Stimme hinter Mali. Sie fuhr erschrocken herum. Damian.
„Was machst du denn hier?“, fauchte Mali. „Ich brauche dich nicht. Ich gehe alleine.“
„Mali, du hast versprochen mir zu vertrauen.“ Damian stand jetzt direkt vor ihr und blickte ihr in die Augen.
„Erstens habe ich es dir nicht versprochen und zweitens war die Bedingung, dass du ehrlich bist, was du nicht warst.“ Mali war sauer. Was dachte der eigentlich, was für Spielchen er mit ihr spielen konnte.
„Wenn das, was ich gestern gesagt habe nicht ehrlich war, dann weiß ich auch nicht“, meinte Damian.
Mali knirschte mit den Zähnen. Sie musste zugeben, dass er Recht hatte. Er war wirklich ehrlich gewesen. Er konnte ja nichts dafür, dass ihr die Wahrheit nicht gefiel.
„Also gut.“ Mali zuckte mit den Schultern. „Aber du leistest keinen Widerspruch und ich entscheide, was wir machen, bis wir wieder aus dem Haus raus sind, auch welchen Weg wir dahin nehmen, ist das klar?“
Damian nickte. „Ja, aber ich würde den anderen Weg…“
Mali schnitt ihm das Wort ab.
„Also dann gehen wir.“
Sie schlug ihren Weg ein. Sie wusste nicht, ob es ihr Trotz oder mangelndes Vertrauen war, sie wollte jedoch auf keinen Fall den Weg gehen, den Damian vorgeschlagen hatte. Zügig liefen sie nebeneinanderher, keiner von beiden sagte ein Wort. Sie beide waren in ihre eigenen Gedanken versunken.
Nach ein paar Minuten kamen sie wieder in die Stadt. Mali erinnerte sich an die dunklen Gassen, die sie gestern Nacht entlang gerannt waren, die unheimlichen Schatten, die durch das diffuse Licht der Straßenlaternen auf die Hauswände geworfen wurden, die alles umfassende Stille. Doch jetzt war alles anders. Die Gassen sahen freundlich aus, nicht mehr bedrohlich. Es herrschte reges Treiben. Es war zwar noch früh am Morgen und doch liefen schon einige Menschen zügig durch die Straßen. Die Stille war dem leisen Gemurmel der Leute gewichen. Die Leute schienen fröhlich.
Mali sah eine kleine Traube Leute dicht beieinanderstehen. Sie redeten miteinander. Scheinbar ging es um Klatsch und Tratsch, so wie die Leute ihre Köpfe zusammensteckten.
Mali und Damian stürzten sich in das Labyrinth der Gassen. Plötzlich blieb Mali stehen. Am Ende der Gasse, die sie gerade betreten hatten, sah sie den alten Marktplatz. Er war leer. Wie immer. Seit Mali denken konnte, hatte niemand den Platz betreten. Die Leute mieden ihn und gingen mit gesenktem Kopf daran vorbei, um ihn nicht ansehen zu müssen. In der Mitte des großen, runden Platzes stand ein Brunnen. Der Brunnen war seit Jahren nicht mehr in Betrieb, über dem Rand hingen angetrocknete Algen. Das Rohr, das sich aus einem Steinquader über den Brunnen erstreckte und aus dem früher vermutlich immer das Wasser rausgelaufen war, rostete inzwischen schon. Die Steinwände des Brunnens waren mit Moos bewachsen und die schönen, in den Stein gemeißelten Figuren schon fast nicht mehr zu sehen. Hinter dem Brunnen stand eine große Steintafel. Auf einem kleinen Sockel davor, lagen ein paar, inzwischen schon zu Staub zerfallene, Blumensträuße. Niemand schien sie wegzunehmen. Niemand schien neue, frische dazuzulegen. Auch die Steintafel war schon mit Moos bewachsen, wenn auch nicht so stark wie der Brunnen. Nur wenige der Namen, die auf die Tafel geritzt waren, konnte man gerade noch so entziffern. Alle anderen waren schon komplett verwittert. Es waren viele Namen, sehr viele. Sie standen unter einer Inschrift mit den Worten: Die Verstorbenen. Daneben prangte ein Datum. Die Jahreszahl war ebenfalls zu verwittert, um sie noch lesen zu können, doch den Tag konnte Mali gut lesen. Es war der zweite Juli gewesen.
Mali war schon oft vor dem Platz stehen geblieben. Sie hatte sich jedoch nicht getraut ihn zu betreten. Die Tafel jedoch hatte sie sich immer von der Weite angeschaut, weswegen sie viele der Namen, die hineingeritzt und noch nicht verwittert waren, kannte. May Abraham, Sina Bauer, Max und Cloe Belfour, waren nur die ersten Namen von den insgesamt 518. Mali kannte fast niemanden von diesen Personen. Belfour hieß ein Mädchen aus ihrer Stufe mit Nachnamen, wenn sie sich recht erinnerte, aber der Zusammenhang war ihr unklar. Emma Belfour war ein sehr schüchternes Mädchen. Mali hatte kaum etwas mit ihr zu tun.
Das Denkmal auf dem Platz war sicher schon sehr alt. Es zeugte von irgendeinem Krieg. Mali hatte es jedoch nie gewagt jemanden danach zu fragen. Die Leute wurden komisch, wenn man auf das Thema zu sprechen kam. Sie mieden den Blick auf das Denkmal, sie mieden das Thema und Mali wollte nicht diejenige sein, die das Thema auf den Tisch brachte. Auch ihre Mutter hatte sie nie nach dem Denkmal gefragt. Ihr war schon mehrfach aufgefallen, dass ihre Mutter immer das Gesicht verzog, wenn sie an dem Denkmal vorbeigingen, ganz so, als ob sie Schmerzen hätte. Mali wollte sie nicht auch noch damit belästigen und danach zu fragen. Und alle jüngeren Leute schien es entweder nicht zu interessieren, was damals vorgefallen war, oder die, die es doch interessierte, wussten ebenso wenig wie Mali darüber Bescheid.
Da Mali so abrupt stehen geblieben war, wäre Damian fast in sie hineingelaufen.
„Was ist?“, fragte er.
Mali schüttelte nur den Kopf. Sie wusste jetzt endlich, wo sie waren. Von hier würde sie den Weg nach Hause finden. Es war nicht mehr allzu weit, jedoch musste sie sich eingestehen, dass Damian wirklich recht gehabt hatte. Der Weg, den er davor vorgeschlagen hatte, wäre wirklich kürzer gewesen.
„Du hattest Recht“, gab Mali kleinlaut zu. „Deiner war wirklich der kürzere Weg.“
Sie blickte Damian an. Halb rechnete sie schon mit einer bissigen Bemerkung von wegen, ich habe es dir doch gesagt, oder hättest du mal besser auf mich gehört, doch Damian schwieg nur. Die einzige Regung war ein kurzes Nicken. Dann nahm er Malis Arm und zog sie weiter.
Mali wusste nicht genau, was sie von dieser Reaktion halten sollte, doch sie war froh darüber, dass Damian ihr nicht unter die Nase rieb, dass er doch Recht gehabt hatte. Sie mochte es nicht, wenn sie Fehler machte und jemand ihr dann deutlich zu verstehen gab, dass er besser war als sie.
Als sie dann endlich vor der Haustür ihres Hauses standen, kamen bei Mali die ersten Zweifel. War es eine gute Idee, wieder zurückzukommen? Würde der Leichnam ihrer Mutter immer noch da liegen? Bei dem Gedanken daran drehte sich Malis Magen um. Ihre Hand verkrampfte sich um die Türklinke.
Damian schien ihr ihre Gedanken ansehen zu können. Er legte seine Hand auf Malis und sah sie abwartend an.
„Bereit?“
Mali nickte nur. Dann drückte Damian die Klinke gemeinsam mit Malis Hand herunter. Die Tür war nicht abgeschlossen und schwang nach innen auf. Im Flur war es dunkel. Nur das wenige Licht, das durch den Türspalt zur Küche fiel, warf einen leuchtenden Streifen auf den alten Teppich. Mali tastete nach dem Lichtschalter. Mit einem Flackern ging das Licht an. Alles sah aus wie immer. Die Türen zur Küche und zum Wohnzimmer waren angelehnt. Hinten bei der Treppe stand der alte Wandschrank. Er war aufgestellt worden. Die beiden Leichen waren verschwunden. Mali atmete erleichtert auf. Nichts zeugte mehr von dem Tag. Keine Blutspuren, gar nichts mehr. Nur der Wandschrank stand nicht mehr auf seinem alten Platz. Er thronte mitten im Eingangsbereich. Eine Ecke war abgebrochen. Ansonsten hatte der Schrank seinen Sturz die Treppe hinunter unbeschadet überlebt. Mali wunderte sich immer noch, wie ihre Mutter es geschafft hatte, ihn die Treppe hinunterzustoßen. Sie versuchte sich gegen die aufkommende Erinnerung zu wehren, doch die Bilder zogen an ihrem inneren Auge vorbei: Der herunterfallende Schrank, einer Pistole, der Postbote, ihre Mutter Blut. Um sich abzulenken, ließ Mali ihren Blick wieder durch das Zimmer schweifen. Reste von rot-weißem Absperrband lagen auf dem Boden, ansonsten zeugte nichts mehr von der Arbeit der Polizei. Die Spurensicherung war schon fertig mit ihrer Arbeit.
Mali bückte sich und sammelte alle Reste davon ein. Damian half ihr schweigend dabei. Gemeinsam versenkten sie die Fetzen des Absperrbands in einem Mülleimer. Mit einem lauten Knall ließ Mali den Deckel zufallen, wie als würde sie die Erinnerung darin einsperren.
Mali blieb noch kurz im Wohnzimmer stehen. Sie sah sich um, um zu sehen, ob noch irgendwo Spuren von der Polizei übrig waren, die sie übersehen hatte. Als das nicht der Fall war ging sie wieder hinaus in den Flur. Das Lämpchen von ihrem Anrufbeantworter blinkte rot. Mali drückte auf die Wiedergebetaste. Es ertönte die hohe Stimme einer Polizistin, die Mali darum bat zur Wache zu kommen, um eine Zeugenaussage zu machen. Als der Anrufbeantworter mit einem Piepen zu verstehen gab, dass die Aufnahme zu Ende war, drückte Mali auf die Löschtaste. Sie hatte keine Zeit irgendwelche Zeugenaussagen abzugeben.
Sie drehte sich um und ging zurück ins Wohnzimmer. Halb hatte sie schon vergessen, dass Damian ebenfalls noch da war.




