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„Ich schaue mal nach, ob ich noch etwas finde, was mir hilft die Aufzeichnungen meiner Mutter besser zu verstehen“, sagte sie.
Damian nickte.
„Willst du mitkommen?“, fragte sie zögerlich.
Damian antwortete ihr nicht. Er trat einfach zu ihr und nahm ihre Hand, als würde er wissen, dass Mali gerade jemanden an ihrer Seite brauchte.
Mali ging langsam auf die Treppe zu, Damian folgte ihr. Sie wusste nicht, wo sie anfangen sollte mit suchen, doch irgendwie schien es ihr richtig, sich das Büro ihrer Mutter vorzunehmen, um einen Hinweis auf die verschlüsselten Papiere zu bekommen.
Als Mali den Treppenabsatz erreichte, zögerte sie. Damian verstärkte kurz den Druck um ihre Hand, um ihr zu zeigen, dass er bei ihr war. Mali holte tief Luft, dann stieß sie vorsichtig die Tür zum Arbeitszimmer ihrer Mutter auf. Sie erinnerte sich an den Tag, als sie die Papiere aus dem Schreibtisch genommen hatte. Der alte, hölzerne Schreibtisch, dessen Schönheit ihr damals so unbedeutend vorgekommen war, stand an einer Wand. Durch das Fenster darüber fiel helles Licht darauf. Damals war sie blind gewesen für seine Schönheit, doch heute empfand sie anders. Der Schreibtisch kam ihr unglaublich schön und wertvoll vor. Außerdem hielt er Erinnerungen für sie bereit. Erinnerungen an ihre Mutter. Doch Mali war nicht bereit sie zuzulassen. Sie wollte nicht anfangen zu weinen. Nicht hier vor Damian.
Mit den Fingern ihrer freien Hand strich sie zärtlich über die Maserungen.
„Er ist wunderschön“, flüsterte sie leise.
Damian nickte.
Mali trat einen Schritt vor und öffnete die dritte Schublade wieder mit dem Schlüssel. Sie hatte ihn die ganze Zeit um den Hals hängen gehabt. Die Schublade war jedoch leer. Auch in den anderen Schubladen, die nicht verschlossen waren, war nichts zu finden. Enttäuscht zuckte Mali mit den Schultern. Sie wusste nicht genau, was sie erwartet hatte.
„Nichts“, meinte sie nur und stand auf.
„Willst du noch bleiben?“, fragte Damian vorsichtig. Sie beide wussten, dass sich diese Frage nicht nur auf das Arbeitszimmer ihrer Mutter bezog, sondern allgemein gemeint war. Wollte sie noch länger in ihrem Haus bleiben? Eine weitere Nacht, bevor sie ihre Aufgabe in die Hand nehmen sollte, diesen Carlos Vendris zu suchen? Wollte sie das wirklich noch länger aufschieben? Irgendwann, das war Mali klar, musste sie sich der Aufgabe widmen, so unerreichbar deren Lösung auch scheinen mag.
Mali zuckte unschlüssig mit den Schultern.
„Ehrlich gesagt, weiß ich es nicht. Eigentlich will ich den Ort hier nicht wieder so schnell verlassen, aber ich habe Angst, dass die Erinnerungen zu stark sind und mich erdrücken werden.“
„Verstehe“ Damian sah zu Boden.
„Nein ich glaube nicht, dass du das verstehst“, antwortete sie eine Spur bissiger als beabsichtigt. Sie war zwar nicht in der Stimmung schon wieder zu streiten, aber sie konnte Damians Art nicht leiden, wie er immer meinte, er würde alles wissen und verstehen. Er hatte nicht so etwas durchgemacht wie sie, er hatte nicht erst vor kurzem seine Mutter verloren. Mali ärgerte sich schon wieder, wie sie hatte so dumm sein können, einzuwilligen, dass er mitkam. Er machte doch bloß Ärger oder nervte sie.
„Gut, vielleicht, habe ich nicht gerade vor ein paar Tagen meine Mutter verloren, aber glaube ja nicht, dass du die einzige bist, die einen geliebten Menschen verloren hat“, schoss Damian zurück. Mali merkte, dass er verletzt war. Er war rot geworden. So viele Gefühle hat er bisher noch nie gezeigt. Noch nie hatte er etwas so Persönliches von sich preisgegeben. Schnell blickte er zur Seite.
„Tut mir leid“ Mali fühlte sich schlecht. Dauernd bildete sie sich Vorurteile über Damian und beurteilte ihn anhand dessen. Dauernd beurteilte und verurteilte sie ihn, obwohl sie ihn kaum kannte.
„Hast du auch deine Mutter verloren?“
Damian sah Mali überrascht an. Dann drehte er wieder den Kopf weg.
„Ich will nicht darüber reden“, murmelte er.
„Damian, wie soll ich dir vertrauen, wenn du dich dauernd vor mir verschließt?“ Mali war wütend. Dauernd wollte dieser Typ etwas über sie erfahren, doch wenn es ihm zu persönlich war, wechselte er sofort das Thema.
Damian raufte sich die Haare.
„Mali, ich verspreche dir, dass ich es dir irgendwann erzähle, aber ich kann es noch nicht. Nicht jetzt, ok?“ Er sah Mali flehend an. „Bitte Mali“
Schließlich willigte Mali ein.
„Gut, wenn du es versprichst.“
„Versprochen.“
Es entstand eine lange Pause. Damian brach das Schwiegen irgendwann.
„Willst du eine Nacht hierbleiben?“
Mali schüttelte den Kopf.
„Nein, ich muss weiter. Ich muss…“ Sie stockte. Sie wusste nicht, wie viel sie Damian anvertrauen konnte. Sollte sie ihm jetzt schon die ganze Wahrheit erzählen? Sie konnte es nicht riskieren. Also entschied sie sich für ein Bruchstück.
„Ich muss in den Wald. Meine Mutter hat mir aufgetragen etwas zu suchen.“ Dass es sich bei diesem Etwas um eine Person handelte, verschwieg Mali.
„Was musst du suchen?“, fragte Damian.
„Ich weiß es nicht“, log Mali.
Damian überlegte.
„Das könnte eine interessante Suche werden, wenn wir nicht mal wissen, wonach wir suchen.“ Er lachte. Mali verstand zwar nicht was an dieser Situation so lustig war, jedoch war sie froh, dass Damian nicht weiter nachfragte.
„Hier finden wir wahrscheinlich nichts mehr“, meinte sie nur und verließ das Zimmer. Damian folgte ihr. Sie gingen wieder nach unten in die Küche. Im Türrahmen blieb Mali kurz stehen. Sie erinnerte sich an ihr letztes Frühstück mit ihrer Mutter. Sie verbannte diese Erinnerung jedoch sofort wieder aus ihrem Kopf. Dafür hatte sie jetzt echt keine Zeit.
„Was ist?“, fragte Damian, der ihr Zögern bemerkt hatte.
„Nichts“, log Mali wieder. Und während sie sich und Damian etwas zu essen machte, fragte sie sich unwillkürlich, ob sie beide jemals an den Punkt kommen würden, dass sie dem anderen so weit vertrauten, dass sie keine Geheimnisse voreinander hatten. Wenn, dann würde das jedoch noch lange gehen, wenn sich Damian weiterhin so benahm, dachte Mali grimmig.
Sie brachen bald auf. Mali holte ihren Rucksack vom Schrank und suchte auch noch den ihrer Mutter. Beide Rucksäcke packten sie voll mit Essen, das sie noch in der Vorratskammer gefunden hatten, vollgefüllten Trinkflaschen und ein paar Wechselklamotten. Mali wusste nicht, wie lange sie unterwegs sein würden, doch sie rechnete mit ein paar Tagen. Hoffentlich nicht mehr, dachte sie verzweifelt.
Gegen Nachmittag standen die Rucksäcke gepackt im Hausflur und Mali und Damian waren gestärkt.
Mali holte ihre Wanderschuhe aus dem Regal und zog sie an. Ein Blick zu Damian zeigte ihr, dass er selbst schon einigermaßen festes Schuhwerk anhatte. Das war gut, so musste sie sich wenigstens nicht auf die Suche nach passenden Schuhen für ihn machen. Mali bezweifelte nämlich stark, dass sie Schuhe in seiner Größe finden würde. Sowohl sie als auch ihre Mutter hatten beide sehr kleine Füße.
Als letztes zog Mali die Papiere ihrer Mutter aus der Jackentasche, faltete sie vorsichtig zusammen und verstaute sie in ihrem Rucksack.
An der Tür blieb sie noch einmal stehen und drehte sich noch einmal um.
„Warte kurz hier“, rief sie Damian schon im Laufen zu. „Ich muss nur noch schnell was holen.“
Zügig lief sie die Treppe hoch und ging in ihr Zimmer. Von ihrem Schreibtisch schnappte sie sich ihr Handy. In einer der komplett überfüllten Schubladen fand sie auch noch ein Ladekabel. Beides in der Hand lief sie wieder nach unten. Dort angekommen stellte sie ihren Rucksack noch einmal ab und packte unter dem kritischen Blick von Damian beides hinein.
„Was willst du denn damit?“, fragte er amüsiert. „Erwartest du, dass es im Wald Steckdosen gibt?“ Er musste grinsen.
„Hältst du mich wirklich für so blöd?“, fragte Mali leicht eingeschnappt. Ohne eine Antwort von Damian abzuwarten, zuckte sie kurz mit den Schultern.
„Wer weiß. Vielleicht sind wir irgendwann froh es doch noch eingepackt zu haben.“
Sie zog den Reißverschluss ihres Rucksackes wieder zu und schulterte ihn. Dann wandte sie sich Damian zu.
„Bereit“, murmelte sie. Damian nickte bloß.
Gemeinsam verließen sie das Haus und Mali zog die Haustür mit einem Ruck hinter sich zu. Sie wusste nicht warum, aber es fühlte sich an, als würde es ein längerer Abschied sein. Sie wusste nicht, wann sie wiederkommen würde. Der Gedanke machte ihr Angst, sodass sie kurz mit dem Gedanken spielte einfach hierzubleiben. Die blöden Papiere waren es vielleicht nicht einmal wert ihren Besitzer zu erreichen. Doch dann zwang Mali sich weiterzugehen. Sie musste die Aufgabe, die ihre Mutter ihr noch gegeben hatte, erfüllen. Sie durfte sie jetzt nicht enttäuschen. Sie musste es zumindest einmal probieren diesen Carlos Vendris zu finden.
Der Stadtteil, in dem Mali wohnte, grenzte direkt an den Wald, weswegen es ein sehr kurzer Fußmarsch bis dahin war. Ein kleiner Weg führte in den Wald hinein, verlor sich jedoch schon bald im Dickicht. Zögerlich machte Mali einen Schritt hinein. Hier war es merklich kühler und dunkler. Es war still. Nur gelegentlich durchbrach ein Knarzen der Bäume die Stille. Das einzige Geräusch waren Malis und Damians Schritte, die sich ihren Weg durch das unebene Unterholz bahnten. Schweigend schlugen sie sich nebeneinanderher durch das Dickicht. Hin und wieder schrammte eine Brombeerranke über Malis Unterarme und hinterließ dort einen Kratzer. So gut es ging wich Mali den Ranken aus. Sie beide konzertierten sich auf den schwierigen Weg. Kleine Äste knackten und Laub stob auf, wo immer sie auch ihre Füße aufsetzten. Gelegentlich hörte man auch noch das Pfeifen eines Vogels oder das beharrliche Pochen eines Spechtes.
Mali gefiel die Stille des Waldes. Seit sie klein war, hatte sie gerne im Wald gespielt. Sie fand es aufregend sich hinter den großen Bäumen zu verstecken und zu warten, ob ihre Mutter sie fand. Meistens hatte sie es aber nicht lange ausgehalten sich zu verstecken und war nach ein paar Minuten schon wieder hinter den Bäumen hervorgesprungen. Ihre Mutter hatte dann jedes Mal so getan, als hätte sie sich fürchterlich erschreckt. Daraufhin hatten sie sich beide immer vor Lachen auf dem Waldboden gewälzt. Bei der Erinnerung an ihre unbeschwerte Kindheit musste Mali schmunzeln. Dann jedoch hatte ihre Mutter ihr eines Tages verboten weiter als hundert Meter in den Wald hineinzugehen. Mali hatte den Grund dafür nie erfahren und würde es wahrscheinlich auch nie erfahren, jetzt da ihre Mutter tot war. Ab dann hatte der Wald an Reiz für sie verloren, weswegen sie nur noch selten hergekommen war.
„Wo sollen wir anfangen zu suchen?“ Damian war stehen geblieben. Auch Mali hielt jetzt an. Sie war so in Gedanken versunken gewesen, dass sie beinahe in ihn hineingelaufen wäre. Mit seiner Frage holte er sie unsanft wieder zurück in die Gegenwart.
„Ich wäre jetzt ins Herz des Waldes gelaufen, um sich dann von innen in Kreisen nach außen zu bewegen“, antwortete Mali. Als Damian nichts antwortete fügte sie noch leise hinzu: „So machen die das zumindest immer in meinen Büchern.“
Damian nickte nur. Dann meinte er: „Der Wald ist groß. Es wird gute drei Stunden dauern, bis wir in der Mitte sind und ab dann wird es erst richtig schwierig, das ist dir klar, oder?“
Mali zögerte, doch dann nickte sie. Was hatten sie für eine andere Wahl. Das war die einfachste Art, den ganzen Wald zu durchkämmen, auch wenn es sehr lange dauern konnte. Aber sie musste das Risiko eingehen. Sie musste es schaffen Carlos Vendris zu finden.
„Also gut“, meinte Damian. Dann zeigte er etwas schräg in den Wald hinein. „Da entlang.“
„Woher weißt du das?“, fragte Mali.
„Da werden die Bäume immer dichter. Ungefähr in dieser Richtung müsste das Zentrum liegen.“ Damian lief los. Etwas verdutzt blieb Mali zurück, doch dann lief auch sie los, immer tiefer in den Wald hinein. Sie hoffte, dass es nicht allzu lange dauern würde, bis sie Carlos gefunden hatte. Auf drei oder mehr Tage hier im Wald mit einer mürrischen Begleitung an ihrer Seite war sie nicht so erpicht, obwohl sie sich immer als kleines Kind vorgestellt hatte, alleine im Wald zu leben und sich durchzuschlagen. Aber in ihrer Vorstellung war sie eben stets alleine unterwegs gewesen. Und wenn sie doch eine Begleitung dabeigehabt hätte, dann wäre es ihre Mutter gewesen und nicht ein Junge wie Damian. Doch jetzt, da sie älter war, fand Mali diese Vorstellung im Wald überleben zu müssen nicht mehr ganz so traumhaft.
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