- -
- 100%
- +
»Mörderin!«, zischt Romana.
»Hast eigentlich ein Zimmer reserviert? Ich kann mir nicht vorstellen, dass während der Festspiele irgendwas frei ist.«
Sein Telefon klingelt, und Martin hält am Straßenrand.
Fassl: »Hast die Romana schon ins Hotel gebracht?«
»Nein. Noch unterwegs«, antwortet er kryptisch.
»Du, das vorläufige Obduktionsergebnis ist da.«
Martin war noch nie so froh, keine Freisprecheinrichtung zu haben, wechselt mit dem Handy zum anderen Ohr, damit seine Beifahrerin nichts hört, und schaltet die Lautstärke auf minimal.
»Und, alles okay?«, fragt er nach.
»Ich weiß nicht. Der Herzschrittmacher hat offenbar ausgesetzt, weil die Batterie leer war. Und der Leichenaufschneider meint, dass dadurch der Herzstillstand ausgelöst wurde.«
Jetzt ist das Telefon wieder zu leise, und er versteht nur Herzschrittmacher. »Schlechter Empfang, ich ruf wieder an«, würgt er das Gespräch ab.
Doch Romana hat dem Telefonat gar keine Aufmerksamkeit geschenkt, sondern auf ihrem Handy ein Foto von Hugo in Badehose am Wörthersee betrachtet. »Schau, er war schon irgendwie fesch, auch in seinem Alter noch.« Sie hält Martin das Bild hin. Der murmelt Unverständliches, legt den Gang ein und fährt weiter in Richtung Giselakai. Romana liest derweil die Zeitungen, die er gekauft hat. Die Schlagzeilen hauptsächlich, und sie sieht sich auf der Titelseite der Salzburger Nachrichten. Bildunterschrift: »Die unbekannte Begleiterin des Wörthersee-Milliardärs auf dem Weg zur Jedermann-Premiere.« Sie findet, dass sie gut getroffen ist, Blitzlicht ist immer günstig gegen Falten. »Hast das Foto gesehen, Martin? Da waren wir noch glücklich, der Hugo und ich. Bevor die Mordwitwe zugeschlagen hat!«
Martin sagt nichts und fährt vor dem Hotel Stein vor. Wartet im Wagen und beobachtet mit leichtem Unbehagen die Touristenmassen, die sich auf dem Makartsteg über die Salzach wälzen. Er ist froh, im ruhigen Maxglan zu wohnen. Auf der rechten Uferseite, gleich nach den Hotels Stein und Sacher reißt der Besucherstrom dann abrupt ab. Lediglich ein paar Jogger und Radfahrer bevölkern den autofreien Uferweg. Eine schöne Laufstrecke mit Blick auf die Altstadt am anderen Salzachufer. Er hat Lust, in den nächsten Tagen hier eine Runde zu laufen.
Schnell checkt er auf dem Handy seine Mails. Eine ist von Barbara, seiner Wiener Assistentin. Es sei noch keine Antwort der Postdirektion auf seine Anfrage eingetroffen. Könnte dauern, bis die den Namen des Postfachbesitzers herausgeben, über das die Anabolikabestellungen laufen. Verdammte Datenschutzverordnung! Nun, dann wird er morgen eben Plan B in die Tat umsetzen.
***
Martin hat sich nicht getraut, Fassl am Telefon darum zu bitten. Also sind sie nach abenteuerlichen Wegen durch Salzburg und zahllosen Telefonaten auf der Suche nach einem Zimmer vor dem Wohnhaus des Freundes gelandet. Nicht nur Romanas romantische Vorstellung von einer Suite im »Verlobungshotel« Stein ist dahin, es gab überhaupt kein einziges freies Zimmer in einem guten oder zumindest akzeptablen Hotel. Zunächst wollte er Romana überreden, nach Kärnten zurückzufahren. Dann aber ist ihm eingefallen, dass man sie hier noch als Zeugin brauchen wird. »Vielleicht hat ja die Polizei noch eine Ausnüchterungszelle zum Übernachten frei.« Sein Scherz wurde mit eisigem Schweigen beantwortet.
Jetzt sitzen sie erschöpft, hungrig und Romana sogar etwas kleinlaut im Auto. Schließlich entscheidet sich Martin, erst einmal allein zu Fassl raufzugehen.
»Schau, ich weiß, Franz, es ist eine Zumutung in der kleinen Wohnung. Aber es wär nur für eine Nacht. Und ich schlaf halt auf dem Fußboden. Morgen suchen wir in der Umgebung von Salzburg was für sie.«
Wie immer erweist sich Fassl als echter Freund, der auch Freunden des Freundes hilft. »Eh klar, wir können sie ja nicht auf der Straße übernachten lassen. Überlass ihr dein Sofa im Wohnzimmer, musst dann halt zu mir ins Ehebett ziehen.« Er zwinkert vielsagend, dann müssen beide lachen.
»Danke, Franz, das vergess ich dir nie.« Martin umarmt ihn.
»Na, na, spar dir die Zärtlichkeiten für später auf.« Fassl muss immer Witze machen, wenn er gerührt ist. »Aber eine Bedingung hab ich schon: Sie soll nur eine Tasche mit heraufbringen, der Rest vom Gepäck muss im Auto bleiben. Hier ist wirklich kein Platz.« Das kann Martin bestätigen. In den Kästen und Laden hat keine Büroklammer mehr Platz, er selbst hat seine Habseligkeiten an eine Garderobenstange gehängt und den Rest im Koffer gelassen.
Martin ist schon halb aus der Tür, um Romana zu holen. Da fällt ihm noch etwas ein: »Du, Franz, was war das heute mit der Obduktion vom Flock? Ich hab nur ›Herzschrittmacher‹ verstanden.«
»Na, die Batterie war leer, haben sie festgestellt, als sie das Gerät untersuchten. Schon seltsam. Wird so was denn nicht rechtzeitig angezeigt?«
Martin spürt ein undefinierbares Kribbeln im Bauch, das Gefühl kennt er: »Die Batterie leer? Das gibt’s ja gar nicht. Der Flock war Freitag bei seinem Salzburger Kardiologen zur Kontrolle, hat Romana gesagt. Und da war noch alles in Ordnung mit dem Herzschrittmacher.«
Die beiden sehen einander an. Sie sagen nichts, doch denken das Gleiche: Und wenn Flock doch ermordet wurde? Aber wie, zum Teufel? Wie?
***
»Hast da Steine drin?« Martin schleppt Romanas größten Koffer die zwei Stockwerke zu Fassls Wohnung hinauf.
»Nur das Allernötigste. Hast lang nicht trainiert, gell, Bub?«
Martin verkneift sich eine Antwort. Typisch Romana, ihre demütigen Phasen sind immer sehr kurz.
Als sie oben ankommen, steht Fassl in der Tür, umarmt den Überraschungsgast und nimmt Martin anschließend den Koffer ab. Nachdem Romana »ihr« Zimmer bezogen hat und Martin ins Schlafzimmer übergesiedelt ist, setzen sie sich am Küchentisch zusammen. Der Gastgeber kredenzt ein Willkommensschnapserl und Brot mit Grammelschmalz. »Wisst ihr was? Nach der ganzen Odyssee heute habtʼs ihr beide sicher einen Mordshunger. Ich übrigens auch. Also hab ich einen Tisch im Gasthaus Zur Einkehr gleich um die Ecke reserviert. Schöner Gastgarten, super Gulasch, Kaspressknödel, und auch sonst gute Hausmannskost.« In seiner Vorfreude auf die Köstlichkeiten schiebt sich Franz zwei Grammelschmalzhappen gleichzeitig in den Mund.
Romanas und Martins Blicke treffen sich auf Fassls Körpermitte. Romana setzt gerade zu einer Bemerkung an, überlegt es sich aber im letzten Moment. Kein Bett frei in Salzburg, da muss man den Gastgeber behandeln wie ein rohes Ei.
Die Umgebung von Fassls Wohnung entpuppt sich als Vorstadtidylle frei vom Festspieltrubel. Die drei spazieren vorbei an kleinen Einfamilienhäusern und gepflegten Gärten, machen Radfahrern und Hunden samt deren Besitzern Platz. Der Bach plätschert, die Vögel zwitschern. Ab und zu stört ein Auto. Romana ächzt, obwohl sie keine zehn Minuten gehen. Aber sie trägt auch Stöckelschuhe, die alles andere als bequem sind. Schließlich hakt sie sich bei ihrem rohen Ei unter und beschließt, einen Abend lang nur charmant zu sein, auch wenn sie unendlich wütend ist. Wütend auf Hugo, der sich einfach so davongemacht hat.
Bei Wein und Bier nach dem Essen kommt das Gespräch natürlich auf Flock. Romana beharrt auf ihrer Mordtheorie, und diesmal widersprechen die beiden nicht. Fassl fragt nach: »Wie kommen S’ denn drauf, dass er ermordet wurde? Gibt’s irgendwelche Anhaltspunkte?«
Jetzt ist Romana in ihrem Element, sie sprudelt förmlich über vor Insiderwissen. Erzählt von der untreuen Ehefrau, die es mit dem Tod-Einspringer aus dem Jedermann getrieben hat. Schon länger. »Der Hugo war eh schon misstrauisch geworden und hat dann den Wolf, seinen Bodyguard, darauf angesetzt. Als er die Wahrheit über die zwei erfahren hat, ist grad sein Sohn Christian im Sterben gelegen. Das war alles zu viel für ihn, obwohl der Hugo eigentlich hart im Nehmen ist – war. Der einzige Sohn und Erbe! Er hat zwar noch eine Tochter, aber die lebt irgendwo in Südamerika und züchtet Lamas. Oder Alpakas? Wurscht, irgendwelche exotischen Viecher halt. Der arme Hugo! Ich war in dieser schrecklichen Zeit seine einzige Stütze.« Sie schluckt und hält die Tränen zurück. »Und dann noch die Drohbriefe.«
»Welche Drohbriefe?« Franz und Martin gemeinsam.
Sie mag es, im Mittelpunkt des Interesses zu stehen. »Eigentlich waren es ja SMS. Natürlich anonym. Aber ich bin sicher, dass die von der Tussi und diesem Paul Neumann, ihrem Liebhaber, kamen. Die Iris war ja ganz panisch, als der Hugo ihr eröffnet hat, dass er die Scheidung will. Es gab da einen Ehevertrag, im Fall der erwiesenen Untreue hätt die Schlampe gar nix gekriegt. Wollt ihr die SMS sehen? Ich hab nämlich Hugos Handy … Ja, ich weiß, hätt ich nicht behalten dürfen, aber ich war so außer mir. Es war ja in meiner Handtasche, weil in seinem Smoking kein Platz dafür war …«
Kein Wort des Tadels, Franz und Martin wollen Flocks Handy unbedingt sehen. Und weil Romana auch noch das Passwort kennt, finden sie unter den Nachrichten zwei SMS, die schon bedrohlich klingen. »Wenn du deine Absicht nicht änderst, wirst die Reis alsbald antreten!« Und eine zweite Nachricht: »Und der Tod mir grausam die Kehle zuschnürt.«
»Das ist aus dem Jedermann«, weiß Romana, und ihre Zuhörer sind beeindruckt. Ihre Stimme klingt triumphierend: »Die SMS können nur vom Neumann stammen. Liebhaber, Schauspieler und Ersatztod im Jedermann. Ist doch ein Klassiker, oder?«
Fassl nimmt das Handy an sich. »Vielleicht können unsere Techniker da mehr rauskriegen.«
Alle drei fahren erschrocken in die Höhe, als Martins Telefon plötzlich läutet. Rüdigers Stimme, und er bereut sofort, dass er das Gespräch angenommen hat.
»Du, Martin, ich hab gehört, dass du in Salzburg bist. Perfektes Timing! Meine Recherchen führen mich nämlich auch in die schöne Stadt an der Salzach. Ich komm morgen Mittag an. Wir müssen uns unbedingt treffen. Ich hab da über den Medikamentenhandel total Brisantes erfahren. Da sollten wir unbedingt zusammenarbeiten. Ich meld mich, sobald ich da bin. Vale, mein Lieber.« Noch bevor Martin antworten kann, hat Rüdiger aufgelegt.
Martin ist sauer. So eine blöde Angewohnheit von Rüdiger, lateinische Brocken einzustreuen. Den Teufel wird er tun, mit Rüdiger zusammenzuarbeiten!
***
»Der Liebhaber wird doch nicht so blöd sein und solche Nachrichten schicken, wenn er den Alten wirklich umbringen will«, flüstert Fassl, als sie nebeneinander im Ehebett liegen.
Martin, genauso leise: »Oder er ist besonders clever! Aber andererseits, wie kann der denn die Batterie von dem Herzschrittmacher ausschalten? Das funktioniert ja gar nicht!«
»Vielleicht doch? Ich geh morgen jedenfalls einmal zu seinem Kardiologen, der wird da ja Genaueres wissen.«
»Wieso? Bist du jetzt doch für den Fall zuständig, Franz?«
»Bisher warʼs ja kein Fall, und da hat sich ein Kollege drum gekümmert. Der ist aber krank geworden, Sommergrippe, hat mich heut Nachmittag angerufen. Jetzt werd ich schauen, dass ich ihn krieg, diesen Fall. Kannst mich ja unterstützen, Martin, wenn du neben deiner Anabolika-g’schicht noch Zeit hast. Schließlich hängt deine Freundin da auch mit drin.«
Aus dem Wohnzimmer hören sie Romanas durchdringendes Schnarchen. Während Martin trotzdem irgendwann einschläft, träumt Fassl noch eine Zeit lang, wie es wäre, wenn statt Martin jetzt seine Jutta neben ihm läge. Dann schnarcht auch er.
Kapitel 5
Er ist froh, dass er den Freund überreden konnte, mit ihm eine kleine Runde zu laufen. Schließlich hat Fassl den Termin bei Flocks Kardiologen erst um zehn, da bleibt nach dem Frühstück noch Zeit. Die Laufrunde wird dem Franz guttun, denkt Martin, und dass er vielleicht wieder Lust auf Bewegung kriegt. Außerdem haben sie dann Gelegenheit, über Flock zu reden, ohne dass Romana sich einmischt. Franz hat von seinem Chefinspektor grünes Licht bekommen, die Causa Flock ganz vorsichtig auszuleuchten. Promi-Alarm, und kein Wort zu den Medien! Der Glück aus Wien könnte da ja die Taschenlampe halten, meinte Fassl.
Martin trabt absichtlich langsam den Mühlbach entlang. »Fassen wir zusammen: Wer hätte ein Motiv, Flock umzubringen? Vorausgesetzt, dass die leere Schrittmacherbatterie nicht nur ein technisches Versagen war.«
Franz spürt schon nach wenigen Metern eine gewisse Kurzatmigkeit. »Die Ehefrau und ihr Liebhaber, würd ich sagen. Andererseits kommt mir das auch sehr aufgʼlegt vor. Zu offensichtlich. Auf jeden Fall schau ich mir die zwei genauer an.« Er legt einen kurzen Stopp ein, um Luft zu holen.
Martin bleibt brav stehen. »Es könnt ja auch jemand aus dem geschäftlichen Umfeld sein. Ein Konkurrent, ein gʼschasster Angestellter, was immer. Vielleicht hat er auch unsaubere Geschäfte gemacht und jemandem geschadet. Wär ja nicht der Erste in der Branche.«
Fassl nickt zustimmend und setzt sich wieder in Bewegung. »Und das Testament muss man sich auch anschauen, wer davon profitiert. Wer weiß, ob nicht die Romana …«
»Jetzt hörst aber auf!« Martin legt an Tempo zu und läuft dem Freund davon. Franz hechelt hinterher und unterdrückt ein Lachen, als Martin über eine Wurzel stolpert und beinah hinfällt. »Du bist befangen, Martin, und ich glaubʼs ja auch nicht. Aber ausschließen darf man gar nix.«
»Ja, spinnst du? Die Romana hätt doch viel mehr Vorteile gehabt, wenn er sie geheiratet hätt. Glaubst, die murkst ihn ab, bevor sie Frau Flock ist?« Er dreht sich zu Franz um, den er abgehängt hat. »Na, wo bleibst denn jetzt? Hast wohl zu viele Salzburger Nockerl verputzt?« Während die Worte seinen Mund verlassen, bereut er sie schon und schämt sich. Er bleibt stehen und wartet auf den Freund. »Entschuldige, das war gemein von mir.«
»Is scho gut. Mir schmecken die halt. Ich weiß übrigens, wo sie besonders gut sind. Wir könnten …«
Martin winkt ab. Er mag sie nicht, schon beim Anblick könnt ihm schlecht werden. Und irgendwo hat er gelesen, dass die Einheimischen einen weiten Bogen um die Eiweiß-Zucker-Bomben machen.
Sie laufen weiter, obwohl Franz fast am Ende seiner Kräfte ist. Keuchend: »Aber jetzt ehrlich, woher weißt denn, dass das mit dem Heiratsantrag überhaupt stimmt? Die Information haben wir doch nur von der Romana. Und so was ist doch normalerweise immer mit einem Ring verbunden. Und, hat er ihr einen gegeben? Hast du einen gesehen?«
Hat er nicht, das ist allerdings ein Argument. Trotzdem kann Martin sich Romana nicht als Mörderin vorstellen. Intrigen traut er ihr zu, Diebstahl, Betrug, sogar, dass sie eine Nebenbuhlerin im Affekt vors Auto stößt. Aber den Flock töten, ihre Lebensliebe? Nein, auf keinen Fall. »Blödsinn! Wenn der sich schon mit ihr in der Öffentlichkeit zeigt, dann wird das wohl stimmen. Und warum hätte sie sonst drauf gedrängt, dass eine Obduktion gemacht wird?«
»Die wär sowieso g’macht worden.« Franz schaut auf seine Uhr und denkt, dass Tage nicht damit beginnen sollten, dass man sich verausgabt. »Dreh ma jetzt endlich um? Ich muss zur Arbeit!«
Als sie in der Wohnung ankommen, finden sie eine Notiz von Romana. Sie sei in der Stadt, um ein angemessenes Witwenoutfit zu kaufen. »Also, da hätt ma uns die Anstrengung sparen und hier alles gemütlich besprechen können, wenn die eh weg ist«, murmelt Franz und verschwindet im Bad.
***
»Univ.-Prof. Dr. Ferdinand Pongauer, Facharzt für Kardiologie und Interne Medizin. Keine Kassen« steht auf der Messingtafel. Vornehm, das Haus respektive die Villa im eleganten Vorort Anif. Gründerzeit im Topzustand mit manikürtem Parkgarten und Teich. Allein der Zaun, über den er jetzt späht, dürfte mehr gekostet haben als ein Kontrollinspektor in zwei Jahren verdient, denkt Fassl mit einem seltenen Anflug von Neid.
Auf sein Läuten öffnet sich das Gartentor geräuschlos, und vor dem Eingang wartet der Hausherr auf den Besucher. Er begrüßt Fassl mit einem herzlichen Händedruck. »Guten Morgen, Herr Inspektor – oder heißt das Kommissar? Ich kenn mich da nie so genau aus. Hab ja auch wenig zu tun mit der Kriminalpolizei.«
»In meinem Fall Kontrollinspektor – Franz Fassbinder.« Auf den ersten Blick erscheint der Hausherr eher jovial als professoral. Vielleicht Anfang fünfzig, blond-grau meliertes, sehr kurz geschnittenes Haar, randlose Brille, mittelgroß, ein schlanker, athletischer Typ mit gepflegter Oberklassenbräune. Ein Sportler, denkt Fassl und tippt auf Segeln und Skifahren, vielleicht noch Golf. Obwohl Pongauer mit Jeans und hellblauem Polohemd leger angezogen ist, umgibt ihn eine Aura von Geld und Macht. Er wirkt grundsätzlich sympathisch, wenn auch seine Freundlichkeit eine kleine Spur herablassend daherkommt. Fassl kennt diesen Typus, für den es ein Polizist halt nie auf Augenhöhe schafft. Hättest in der Schule besser gelernt, denkt er, und dass es super wäre, wenn er den Fall Flock quasi im Alleingang lösen würde. Große Presse in Österreich, die den Helden von Salzburg feiert. Und dann würde ihn seine Ex anflehen, sie wieder in sein Herz zu schließen …
Franz stolpert beinah über den Perserteppich und erwacht aus Tagträumen. Professor Pongauer führt den Besucher in sein Besprechungszimmer. Sie durchqueren den Warteraum, der mit englischen Fauteuils, Designertischen und offenem Kamin eher an einen Salon erinnert. So einen Arzt würde Franz sich nie leisten können. Aber hoffentlich auch nie brauchen. Schnell schickt er ein Versprechen ans Universum, in Zukunft wieder gesünder zu leben. Immerhin war er heute früh schon joggen.
»Sie kommen wegen der schrecklichen Sache mit Hugo Flock, sagten Sie am Telefon. Wie kann ich Ihnen helfen?«, eröffnet Pongauer das Gespräch und bedeutet dem Kontrollinspektor, auf einem Ledersofa Platz zu nehmen. Er gießt ihm ungefragt stilles Mineralwasser ein, bevor er sich seinem Gast gegenübersetzt.
Fassl räuspert sich. Anfangs schüchtern ihn solche Leute immer ein bisserl ein; erst wenn er was gegen sie in der Hand hat, wächst sein Selbstvertrauen. »Wie Sie ja sicher gehört haben, ist Ihr Patient Hugo Flock während der Jedermann-Premiere an Herzversagen gestorben.«
Der Professor zeigt einen Hauch von Erschütterung. »Ja, das habe ich gelesen. Schrecklich. Und wirklich total überraschend. Hugo, also Herr Flock war in einem guten Allgemeinzustand, wir haben erst am Freitag hier einen Check-up gemacht und seinen Herzschrittmacher kontrolliert.«
»Und da war alles okay? Auch die Batterie?«
Der Tonfall gleitet in leichte Arroganz: »Ja natürlich, was denken Sie denn?«
Wie man denn trotz Schrittmacher an Herzversagen sterben kann, will Fassl jetzt wissen.
Professor Pongauer seufzt, weil er die Fragen von medizinischen Laien dann doch gelinde gesagt lästig findet. »Er wirkt zwar gegen Rhythmusstörungen, kann aber ein Herzversagen, das aus einem anderen Grund auftritt, nicht verhindern. Auf gut Deutsch: Ein Schrittmacher ist ein Hilfsmittel, keine Wundertüte.«
Franz nippt an seinem Glas und stellt es vorsichtig zurück auf den Untersetzer. »Wie funktioniert denn so ein Schrittmacher?«
»Wie eine Zündung, die bei Rhythmusstörungen dem Herzmuskel einen Impuls gibt. Versagt der Herzmuskel selbst, so kann auch der Schrittmacher den Tod nicht verhindern.« Der Professor steht auf und geht zu seinem Schreibtisch. Von dort nimmt er das Modell eines etwa zwei Zentimeter großen Schrittmachers in die Hand und zeigt es seinem Besucher. Der darf das Minigerät sogar anfassen Sieht aus wie ein winziger Schlüsselanhänger, denkt Fassl, spricht es aber nicht aus.
»Der Schrittmacher ist praktisch ein Taktgeber, der von einer Batterie betrieben wird und einen elektrischen Impuls an das Herz übermittelt. Er kommt bei Rhythmusstörungen zum Einsatz, also wenn sich der Herzmuskel nicht regelmäßig zusammenzieht und daher nicht ausreichend sauerstoffreiches Blut in den Organismus pumpt.«
Franz legt das Ding vorsichtig zurück auf den Tisch. »Und das war bei Hugo Flock der Fall?«
»Ja, er hatte einen zu langsamen Herzschlag, sein Gehirn bekam fallweise zu wenig Sauerstoff, daher litt er immer wieder unter Anfällen von Vertigo, Schwindel, ist einmal sogar in Ohnmacht gefallen. Schwindel kann Folge vestibulärer, zentral- oder peripher-nervöser Störungen, aber auch von Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems sein. Bei ihm war die Bradykardie, der verlangsamte Herzschlag, die Ursache, was bei alten Menschen häufig vorkommt. Daher musste sein Herzmuskel stimuliert werden – mit einem Schrittmacher. Den hat ihm ein Kärntner Kollege, der inzwischen in Pension ist, vor acht Jahren implantiert. Seit einigen Jahren war Hugo Flock nun Patient bei mir. Er kam regelmäßig zu Kontrollen nach Salzburg.«
Franz wundert sich. »Vor acht Jahren? Ja, wie lang hält denn so ein Ding normalerweise?«
»Zwischen sieben und zehn Jahren.« Jetzt betont der Professor jedes Wort: »Die letzte Überprüfung, also die von Freitag, hat eine weitere Lebensdauer der Batterie von mindestens einem Jahr ergeben. Vollkommen funktionstüchtig. Wir haben regelmäßige Kontrollen vereinbart und einen Wechsel des Schrittmachers in circa einem Jahr. Das ist ein kleiner Eingriff, der unter Lokalanästhesie vorgenommen wird …«
»Und was passiert, wenn der Schrittmacher schon vorher ausfällt?«, unterbricht Fassl.
Pongauer sitzt jetzt sehr aufrecht: »Das ist praktisch unmöglich, da der Batteriestand ja regelmäßig vom Arzt kontrolliert wird.« Dann erklärt der Professor, dass die Überprüfungen mit Hilfe eines Steuergeräts durchgeführt würden. Das Steuergerät sei ein Computer mit spezieller Software. »Für die Kontrolle wird eine Elektrode auf die Haut des Patienten aufgelegt, die dem Computer alle Daten übermittelt: Ob es Störungen des Schrittmachers gab, ob die individuell auf den Patienten eingestellte Herzfrequenz immer noch stimmt, wie der Batteriestand ist …«
Franz ist seinem Handy dankbar, dass es das Gespräch aufnimmt, denn mit den Notizen käme er nicht nach. »Gibt es denn für jeden Schrittmacher ein eigenes Steuergerät?«
Pongauer lächelt. »Nein, natürlich nicht. In dem Gerät sind mehrere Schrittmacher gespeichert. Man ruft sie mit der jeweiligen Herstellernummer ab.«
Jetzt ist Franz elektrisiert: »Könnte jemand so einen Schrittmacher hacken?«
Der Professor sieht ihn erstaunt an. »Sie meinen, ob man jemanden durch Manipulation des Schrittmachers umbringen kann?« Er legt eine Pause ein und sieht sein Gegenüber forschend an. »Ja, gibt es denn da einen Verdacht?«
Fassl weicht aus. »Kann man – theoretisch?«
Der Arzt wirkt zum ersten Mal verunsichert, ringt nach Worten: »Sehr unwahrscheinlich. Ich meine, also, es gibt angeblich Handy-Apps, die das Gerät stören könnten. Dadurch würde der Patient aber nicht sterben, sondern der Schrittmacher liefe auf einer Basisfunktion weiter. Die Einstellungen der Herzfrequenz und Ähnliches kann man aber nur über das Steuergerät verändern. Und dazu hat niemand außer dem Arzt Zugang. Von außerhalb geht das nicht.« Pongauer schaut auf seine Uhr. Das Kolloquium für den Polizisten dauert jetzt aber schon sehr lang. Es ist schließlich sein freier Tag, und er hat noch eine Tennis-Verabredung.
»Und Ihr Gerät hat am Freitag bei Herrn Flocks Schrittmacher den Batteriestand definitiv richtig gemessen?« Fassl ignoriert den Blick zur Uhr.
Der Arzt denkt, dass er jetzt gerne eine Zigarette rauchen würde, doch das tut er grundsätzlich niemals vor anderen, seine Frau ausgenommen, die kennt ihn schließlich mit all seinen Schwächen. Er findet die Fragen des Polizisten langsam penetrant. »Ja, das haben wir gemessen, und wie ich bereits sagte, war die Batterie definitiv und zweifelsfrei ausreichend für ein weiteres Jahr! Wenn Sie mich jetzt entschuldigen …« Der Professor erhebt sich, um zu zeigen, dass die Audienz beendet ist.
Конец ознакомительного фрагмента.
Текст предоставлен ООО «ЛитРес».
Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию на ЛитРес.
Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.




