- -
- 100%
- +
Was? Gott hat einen Chef? Elias traute seinen Ohren nicht. „Es gibt noch eine höhere Instanz als dich?“ Der Mann lächelte amüsiert. „Ihr Menschen! Glaubt doch wirklich, ihr seid die Krone der Schöpfung! Wenn es unendlich viele Welten gibt, dann muss es auch unendlich viele Instanzen geben! Wie sonst sollte man all die Arbeit erledigen und organisieren, die tagtäglich so anfällt?“
„Ja … das ist wohl wahr!“ sagte Elias gedehnt. „Wie heißt denn dein Vorgesetzter?“ Schelmisch grinsend zog Gott die Schultern hoch. „Ich nenne ihn Chefchen! Weil ich weiß, wie sehr ihn das ärgert! Aber was soll er machen? Personal ist knapp! Da muss man als Chef hin und wieder etwas großzügiger sein.“
Gottes durchaus angenehmer Humor brachte Elias zum Lächeln, wenn auch nur kurz, denn er fiel zurück in sein trostloses Hier und Jetzt, und das Lächeln erstarb. „Ich wünschte, mein Chef wäre auch etwas großzügiger gewesen“, sagte er betrübt. „Nicht doch, Junge! Weine doch nicht diesem Job hinterher! Es gibt Besseres als das! Es gibt große Dinge für dich zu tun!“ Gott reckte erhobenen Hauptes den Oberkörper Achtung heischend empor und stocherte mit dem Zeigefinger in der Luft herum. „Die Rettung der Menschheit!“
Elias prustete: „Was? Ich? Die Menschheit? Retten?“ Er lachte. Doch erneut verging ihm das Lachen, denn der alte Mann wurde sehr ernst: „Ihr habt diesen Planeten furchtbar zugerichtet! Ihr seid die grausamste und gewalttätigste Spezies, die jemals diese Welt bevölkert hat! Während andere Lebewesen nur töten, um sich zu ernähren, bringt ihr nicht nur andere Spezies um, sondern auch noch euch gegenseitig. Ihr vernichtet eure Umwelt allmählich durch Gifte, Müll, Feuer und Rodung. Damit vernichtet ihr andere Lebewesen sogar indirekt, indem ihr deren Lebensgrundlage zerstört.
Ich experimentierte mit verschiedenen Entwürfen herum, um die optimale Mischung aus diversen Lebensformen für diese Welt zu finden. Alles muss perfekt zueinanderpassen, damit die Welt im Gleichgewicht bleibt, das ist nicht einfach! Ich erschuf auch die Dinosaurier, bei denen ich erst dachte, jetzt hab ich’s geschafft! Sie waren prachtvoll, nicht war? Aber ich lag falsch! Es wurden zu viele, das brachte alles ins Kippen. Also fachte ich die Vulkane an, sorgte für ein sich allmählich verschlechterndes Klima und schickte zum finalen Abschuss einen kleinen Asteroiden.“
„Klein? Aber … war der nicht riesig? So um die 15 Kilometer groß?“ unterbrach ihn Elias. Gott schüttelte den Kopf. „Das ist winzig! Fast nichts. Ich habe schon ganze Sonnen geschickt, wenn es gar nicht anders ging. Aber richtige Sonnen! Nicht so eine Faschingsfunzel wie eure hier.“
Elias bekam plötzlich wieder das unangenehme Kribbeln in der Magengegend, eine Ahnung ließ ihn erschaudern. „Hast du mit der Menschheit nun dasselbe vor wie mit den Dinosauriern?“ fragte er furchtsam.
Gott antwortete mit ratloser Stimme: „Was bleibt mir denn übrig, wenn ihr nicht zur Vernunft kommt?“
Elias erinnerte sich: „Die Zerstörung der zwei Städte, wie hießen sie noch gleich … Sodom und … Gomorra, warst du das wirklich? So wie im Alten Testament beschrieben?“ Gott fragte: „Bitte? Sodom? Gomorra? Warte kurz!“ Bei den letzten zwei Worten hob er den Zeigefinger, schloss die Augen und durchsuchte in Gedanken seine Notizen. „Ah, hier: Sodom und Gomorra. Deren Einwohner hatten jegliche moralische Orientierung verloren und wurden unter einem Regen aus Feuer und Schwefel begraben. Äh … nein! Das war ich nicht! Kleiner Betriebsunfall mit einem Meteoriten vor 3728 Jahren. Ich hab ihn nicht kommen sehen! Sorry, kann mal passieren! Doch ich glaube, sie hatten’s verdient!“
„Aber … ich meine … die Menschheit ist deine eigene Schöpfung! Du kannst uns doch nicht einfach so auslöschen!“ Es klang fast schon flehend und weinerlich. „Hast du es nicht selbst so verfügt – du sollst nicht töten?“
Der alte Mann korrigierte: „Ich sagte nicht ,töten‘, ich sprach von ,morden‘! Von was wollt ihr euch ernähren, wenn ihr nicht auch tötet? Von Sand und Steinen?“
„Vielleicht rein vegetarisch?“ schlug Elias vor. Gott runzelte die Stirn. „Vegetarisch? Ach so! Pflanzen sind natürlich keine Lebewesen, richtig?“ Elias schaute betreten.
„Ja, ich habe euch erschaffen! Aber ihr seid nicht mehr als ein genetisches Experiment. Ihr seid nicht mal ein besonders aufwendiger oder komplexer Entwurf. Euch zu vernichten ist für mich nichts anderes, als wenn ihr mit dem Tank voller Gift über ein Feld fahrt, um die darauf lebenden Insekten auszulöschen. Macht ihr euch darüber vielleicht Gedanken? Ich glaube nicht!“
Elias wurden schlagartig die Dimensionen bewusst, um die es hier ging. Dieses Wesen dort vor ihm, in Menschengestalt, war eine universale Kraft von unvorstellbarer Größe, eine Macht mit der Fähigkeit, Leben zu geben und zu nehmen. Wer gigantische Sonnen erschaffen kann, wer in der Lage ist, riesige Planeten um diese Sonnen so zu positionieren, dass sie für Jahrmilliarden umeinander kreisen, ohne sich in die Quere zu kommen, für den sind wir Menschen nicht mehr wert, als ein störender Ameisenhaufen im Garten hinter dem Haus.
„Ich glaube, ich beginne zu verstehen. Sag mir, was ich für dich tun kann!“ Es klang aufrichtig und ehrfürchtig.
„Doch nicht für mich! Für euch Menschen kannst du etwas tun!“ antwortete Gott. „Geh hinaus in die Welt und bringe die Menschen wieder zur Vernunft! Ich sehe durchaus, dass ihr euch in den letzten 8000 Jahren weiterentwickelt habt, deshalb möchte ich nicht gleich zum Äußersten greifen. Ich gebe euch eine weitere Chance!“
„Aber … wie könnte ich denn die Menschheit zur Vernunft bringen? Wer hört denn schon auf mich? Sie hört ja anscheinend nicht mal auf dich!“ Elias ließ ratlos die Schultern hängen.
„Na, ganz einfach: Sorge dafür, dass sie sich an meine Anweisungen erinnern und danach richten!“
„Meinst du die Zehn Gebote?“
„Zehn? Wieso zehn?“ Gott schüttelte den Kopf. „Dreißig Gebote gab ich euch mit auf den Weg, als Orientierungshilfe!“
Ungläubig fragte Elias nach: „Dreißig Gebote? Es waren nicht nur zehn? Das erklärt wohl so einiges!
„Nein, dreißig! Und ganz leicht zu verstehen!“ Der Mann fing an, sie aufzuzählen:
„Erstens: Ich bin dein Gott! Du sollst neben mir keine anderen Götter haben. Denn für diese Welt bin ich zuständig und kein anderer! Gelegentlich kommt es vor, dass ein anderer Gott seine Späßchen treibt und Welten, die von seinem Kollegen verwaltet werden, ein wenig in Unordnung bringt. Die hiesigen Gewitter zum Beispiel stammen gar nicht von mir! Hat ein Kollege dagelassen. Ich habe mich heftig erschrocken, als es das erste Mal blitzte und donnerte!“ Der Mann feixte. „Aber ich fand die Idee ganz witzig, darum habe ich es beibehalten. Als Vergeltung habe ich eine seiner Schöpfungen unter Wasser gesetzt. Das hat ganz schön gezischt, er hatte sie nämlich ursprünglich als Sonne konzipiert! Aber ich schweife ab!
Zweitens: Du sollst dir kein Gottesbild machen. Das würde nämlich nicht klappen, denn euch fehlen, wie vorhin schon erwähnt, siebzehn weitere Sinne, um mich überhaupt wahrzunehmen. Was ihr, damit ausgestattet, zu sehen bekommen würdet, entspräche ganz sicher nicht euren Vorstellungen!
Drittens: Du sollst dich nicht vor Göttern niederwerfen. Denn das mögen wir nicht! Ist uns peinlich! Diese Unterwürfigkeit.“ Er verzog das Gesicht. Elias lächelte.
„Viertens: Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen. Das mögen wir nämlich auch nicht, Herrgott noch mal!“ Grimmig fuchtelte der Mann mit der Faust herum. Elias schien es, als hinterließe sie dabei ein paar kleine Fünkchen in der Luft.
„Fünftens: Gedenke des Sabbats, halte ihn heilig! Am Samstag soll nicht gearbeitet werden. Freitag ist natürlich auch frei, wie der Name schon sagt.“
„Ach so? Beide Tage frei?“ fragte Elias verblüfft. „Ja sicher!“ antwortete Gott.
„Also bei uns muss man freitags arbeiten! Manchmal auch samstags.“
„Ist ja unglaublich!“ empörte sich Gott. „Warte kurz!“ Sein erhobener Zeigefinger gebot Einhalt, als er seine Lider schloss und sich ein paar Gedächtnisnotizen machte. Verwundert sah Elias ihm dabei zu. Nachdem Gott fertig war, öffnete er die Augen und fuhr fort:
„Sechstens: Der siebte Tag ist ein Ruhetag!“
„Ach so? Das wären ja drei freie Tage hintereinander!“ freute sich Elias. „Aber klar! Wozu sich abschuften?“ fragte Gott verständnislos.
„Na, zumindest der Sonntag ist bei uns ein Ruhetag. Außer vielleicht für Kellner. Oder Busfahrer. Oder Piloten … Zugbegleiter … Fitnessstudiomitarbeiter …“
Empört stemmte Gott die Fäuste in die Hüften. Bei jedem weiteren aufgezählten Beruf vertieften sich die Zornesfalten auf seiner Stirn. „Ist ja ungeheuerlich!“ schnaubte er wütend. „Aber gut, das klären wir noch!
Siebtens: Ehre deinen Vater und deine Mutter. Ich meine, das ist ja wohl selbstverständlich!“ Elias hatte kurz wieder das Bild seines Vaters im Gedächtnis und nickte stumm.
„Du sollst nicht morden. Also, wenn ich mich hier auf der Erde so umsehe …“ Vorwurfsvoller Blick. „Aber auch das klären wir noch!
Neuntens: Du sollst nicht die Ehe brechen. Also echt, fremdgehen geht gar nicht! Bist du schon mal fremdgegangen?“ Die Frage kam völlig unerwartet.
„W…w…wer … ich? Aber nöö, nicht doch, das würde ich doch niemals, nie … “ stotterte Elias und wurde rot.
„Du sollst nicht lügen und betrügen!“ fuhr Gott unbeirrt fort. „Aber ich lüge doch gar …“
„Nein, das ist das nächste Gebot“, unterbrach ihn der Mann. Nachdenklich griff er sich an die Schläfe. „Und was kam danach?“ Sinnierend blickte er zur Decke hinauf. Erneut gebot der Zeigefinger Einhalt: „Warte kurz!“ Er schloss die Augen, seine Augäpfel zitterten blitzschnell hoch und runter.
Elias fragte: „Was machst du da?“
„Sssccchhht!“ zischte Gott. „Ich sehe meine Notizen durch.“ Kurz darauf hatte er wohl gefunden, wonach er gesucht hatte.
„Ah ja, genau … du sollst nicht stehlen! Du sollst nicht nach dem Land deines Nächsten verlangen. Du sollst nicht nach dem Haus deines Nächsten verlangen. Auch nicht nach seiner Frau, nach seinem Rind, seinem Esel, seinem Auto, seinem Kommunikationsinstrument oder nach irgendetwas anderem, das deinem Nächsten gehört.“
„Kommunikations… äh …instrument? Ach so, verstehe!“ Elias’ Blick war auf sein Handy gefallen.
„Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen. Ich meine, Leute unberechtigterweise anscheißen, das gehört sich einfach nicht!“ Elias schmunzelte. Hatte Gott soeben ein unanständiges Wort benutzt?
„Vierzehntens: Halte dich fern von vergorenem Traubensaft und den Extrakten von gewissen Pflanzen, also Mohn zum Beispiel. Oder Hanf. Oder Pilzen … Echt, Leute, das ist nichts für euch! Ihr Menschen macht immer so dämliche Sachen, wenn ihr angetütert seid!
Na ja, und dann kommt noch was mit – du sollst die Natur achten. Halte sie am Leben und verunreinige sie nicht. Du sollst Tiere nicht quälen, sondern mit Respekt behandeln. Du sollst anderen gegenüber keine Gewalt anwenden. Du sollst keine Waffen bauen und an andere veräußern. Du sollst dein Geld mit anderen teilen, wenn du viel davon hast. Du sollst keine Wucherzinsen erheben, wenn du Geld verleihst. Du sollst nicht wetten und um Geld spielen. Du sollst Kinder beschützen und dich ihnen nicht in sexueller Absicht nähern. Du sollst Sex nur mit Erwachsenen deiner eigenen Spezies haben. Nach den Erfahrungen mit Sodom hielt ich es für angebracht, diesen Punkt mit aufzunehmen.
Als gewählter Anführer deines Stammes sollst du die Interessen der Menschen vertreten, die dich auserwählt haben, für sie zu sprechen. Du sollst nicht spucken, nicht popeln, deine Umwelt nicht mit lauten Geräuschen belästigen. Nicht schreien, nicht fluchen, nicht beleidigend werden … Ich glaube, das war’s!“
Elias folgte baff Gottes Ausführungen. „Also diese Liste ist ja wirklich komplett, da hast du nichts Wichtiges vergessen!“
„Tja, man macht so seine Erfahrungen. Auch ich habe mal klein angefangen, war naiv und unerfahren.“ Es schien ihm peinlich zu sein.
„Schau, Elias – nach dem Reinfall mit den Dinosauriern erschuf ich die Säugetiere, damals ein brandneues Konzept. Etwas später bastelte ich die Affen zusammen.“ Er tippte mit dem Zeigefinger der einen auf den Daumen der anderen Hand, so als wollte er mitzählen. „Ich musste erforschen, wie sich diese Konstruktion bewährt. Und ich sah, dass sie gut war.
Nach ein paar hunderttausend Jahren wählte ich einen männlichen Vertreter der erfolgreichsten Affenart und gab ihm mittels Gentechnik den Verstand. So erschuf ich Adam. Weil er ganz gut zurechtkam, entnahm ich seiner Rippe etwas Genmaterial und erschuf daraus Eva.“ Er seufzte.
„Eigentlich sollten die beiden sich um die Erde kümmern, Getreide anbauen, Bäume pflanzen, Tiere züchten. Aber als sie in die Pubertät kamen, hatten sie nur noch das eine im Kopf. Da hab ich sie rausgeschmissen. Meine kostbare Zeit war mir echt zu schade, um sie an zwei Sexsüchtige zu verschwenden! Ich hatte gehofft, der Verstand würde sie zu Höherem geleiten. Doch ich hatte wohl die natürlichen Bedürfnisse unterschätzt.“
„In der Bibel steht, mit der Vertreibung aus dem Paradies seien auch Krankheit und Tod über die Menschen gekommen. Ist das wahr?“ Gott schaute Elias fragend an. „In der … was? Äh, warte kurz!“ Der Zeigefinger sprang wieder empor. Oszillierende Augäpfel durchstöberten die Notizen.
„Ah, hier ist es ja! Bibel: Religiöse Textsammlung des Christentums. Warte kurz …“ Gott überflog den Inhalt des Alten und Neuen Testaments in wenigen Sekunden.
„Na, sieh mal an, da sind sogar ein paar historische Ereignisse beschrieben! Aber recht ungenau. Ich muss es wissen, ich war schließlich dabei!
Nein, Krankheiten und früher Tod sind das Ergebnis von genetischen Schäden, verursacht durch Inzucht. Wenn es anfangs nur zwei Menschen gab, von denen alle anderen abstammen, nämlich Adam und Eva, dann müssen sich in der zweiten Generation zwangsläufig Brüder und Schwestern miteinander gepaart haben. Anschließend Cousins und Cousinen. Ich hatte euch für damalige Verhältnisse nahezu perfekt konstruiert: exzellente Zähne, die immer wieder nachwachsen, kein Haarausfall, keine Plattfüße! Aber Adam und Eva mussten ja unbedingt ihren niederen Trieben frönen!“ Selbst nach so langer Zeit war ihm die Enttäuschung noch immer anzumerken.
„Adam wurde 930 Jahre alt! Was ist heute noch davon übrig geblieben? Wenn ihr Menschen 80 Jahre alt werdet, seid ihr schon alt, klapprig und runzelig.“
„Manche werden heute über hundert!“ warf Elias zur Ehrenrettung ein. „Lächerlich!“ konterte Gott. „Ein Mensch, der heute seinen 930sten Geburtstag feiern würde, wäre bereits im Jahr 1090 geboren worden. Er wäre Zeuge vom Bußgang Kaiser Heinrichs des Vierten zum Papst in Canossa geworden. Er hätte die Erfindung des Buchdruckes erlebt, die Eroberung Amerikas, die Entdeckungen Galileo Galileis, die überwältigende Musik von Bach und Mozart. Das ist ein hohes Alter!“
Erneut wurde Elias bewusst, in welch kümmerlichen Ausmaßen sich ein normales Menschenleben doch abspielte. Dann fielen ihm plötzlich Bruchstücke der Schöpfungsgeschichte ein und deren Widerspruch zu Gottes Aussage: „In der Bibel steht irgendwas von einer Schlange, die ähh …“, Elias mühte sich durch seine lückenhaften Kindheitserinnerungen, „… Eva irgendwie überredete, ähh … eine Frucht von, ähh … vom Baum der Erkenntnis zu essen. Oder so ähnlich. Stimmt das?“
Gott erhob sich murrend vom Bett. „Da kannst du mal sehen, wie sehr sich Geschichten verändern, wenn man sie mündlich weitergibt und erst Jahrtausende später schriftlich notiert! Das ist natürlich totaler Quatsch! Eva spielte mit ähh, … nun ja, Adams … ähh …“ Jetzt war er es, der ins Stottern kam, doch eher aus Verlegenheit. Er ruderte mit beiden Händen in der Luft herum, und Elias war sich nun sicher, dabei Fünkchen entstehen zu sehen. „… ähh … Schlange.“
„Was?“ Elias hatte den Faden verloren. „Sie spielte mit einer Schlange?“ Gott druckste herum. „Nein, nicht mit einer Schlange, mit seiner Schlange! Herrgott, muss ich denn wirklich noch deutlicher werden?“ Dabei stellte Gott fest, dass er soeben erneut gegen das vierte Gebot verstoßen und seinen eigenen – den Namen des Herrn missbraucht hatte.
Elias verzog ratlos das Gesicht, bis es endlich Klick machte. „Du meinst, sie hat ihn … sie hat seine Schlange, seinen … ähh …? Oh! Ich verstehe!“
„Genau! So wurden sie sich ihrer Fruchtbarkeit bewusst! Also vielleicht nicht gleich, aber doch kurze Zeit später. Erkenntnis der Fruchtbarkeit, nicht Frucht vom Baum der Erkenntnis. Alles klar?“
„Jaja, verstanden!“ All das scheinheilige Getue um religiöse Themen hatte Elias vergessen lassen, dass die nüchterne Wahrheit meist auf einem schnöden, alltäglichen Kern basierte. So wie auch Gottes Auftrag, die Menschheit zu retten, einen alltäglichen Kern in sich barg.
„Wie genau stellst du dir das vor? Soll ich einfach so durch die Gegend ziehen und Menschen zum Guten bekehren?“ fragte Elias. „Ja, genau so! Mach ihnen klar, dass sie verloren sind, wenn sie sich nicht sofort ändern! Vorgabe dafür, wie sie ihr Leben auszurichten haben, sind meine Dreißig Gebote. Du kennst sie nun. Bring sie unter die Menschen!“
„Okay, aber wer wird mir glauben?“ fragte Elias den alten Mann, während er sich selbst fragte, ob er die Dreißig Gebote aus dem Gedächtnis wieder zusammenbekommen würde. „Du weißt doch selbst, wie Menschen sind – grausam und gewalttätig! Du hast ja schon mal einen Sohn von dir losgeschickt, um Liebe und Frieden zu predigen. Er wurde dafür ans Kreuz genagelt!“
Gott richtete seinen Blick zur Decke. „Sohn von mir? Ans Kreuz genagelt? Wer macht denn so was? Keine Ahnung, wen du meinst!“
„Na, Jesus!“
„Wer?“
Elias ergänzte verwundert: „Jesus Christus? Gottes Sohn?“
Gott grübelte. „Ähh … warte kurz!“ Zeigefinger, Augenzucken. Die unfassbare Menge an Notizen aus Jahrmilliarden raste vor seinem inneren Auge vorbei. „Ah, hier … richtig! Du meinst Jesus von Nazareth! Interessante Geschichte! Mutter, Maria. Vater, ein römischer Soldat. Unehelich gezeugt, was zur damaligen Zeit eine Steinigung der Mutter wegen Ehebruches bedeutet hätte. So kam sie auf die Idee mit der Zeugung durch den Heiligen Geist, was sie auch ihrem Sohn Jesus so beibrachte. Klassischer Fall von Messias-Komplex durch mütterlicherseits induzierte religiöse Wahnvorstellungen.“
„Sie ist fremdgegangen? Er war also gar nicht dein Sohn?“ Der alte Mann schüttelte den Kopf: „Nöö, nicht dass ich wüsste. Maria hatte also gleich gegen zwei meiner Gebote verstoßen: ,Du sollst nicht lügen und betrügen‘ sowie ,du sollst nicht die Ehe brechen‘. Okay, ich versteh’s zwar nicht, aber die Sache mit dem Sex scheint euch Menschen aus irgendeinem mir vollkommen unplausiblen Grund sehr wichtig zu sein. Als sie dann schwanger wurde, was hätte sie tun sollen, außer die Wahrheit ein klein wenig … sagen wir mal … umzudichten? Die Leute damals waren noch recht leichtgläubig. Oder anders formuliert, es war eine religiös sehr angeregte Epoche. Würde deine Freundin heute nach Hause kommen und behaupten, der Heilige Geist hätte sie geschwängert, würdest du es glauben?“
„Sie kommt nicht mehr, fürchte ich. Sie hat kürzlich mit mir Schluss gemacht“, bekannte Elias traurig. Gott lief zum Kopfende des Bettes, setzte sich neben ihn und legte seinen Arm um Elias’ Schulter. Seine Hand fühlte sich ungewöhnlich warm an. „Aber das ist doch prima! Keine Freundin, kein Job, keine Wohnung – bessere Bedingungen für einen Neustart kann man sich gar nicht wünschen! Elias, du bist frei! Du kannst tun, was immer ich will!“ Gott lachte und Elias tat es ihm gleich. „Jaja … was du willst …“
„Also dann los, raus aus dem Bett! Ich verspreche, es wird spannend!“ Gott zog Elias die Bettdecke weg und fand ihn darunter splitternackt vor. „Oh, Verzeihung, das wusste ich nicht! Ich meine, eigentlich wusste ich es schon, ich bin schließlich Gott, nur war ich nicht darauf gefasst, mit deiner … äh … Schlange konfrontiert zu werden.“ Peinlich berührt, wandte er sich ab.
Elias zog sich flink eine Unterhose an: „Darf ich noch duschen und mir die Zähne putzen?“ Gott lächelte: „Ich bitte darum!“
Als Elias aus dem Badezimmer zurückkehrte, fragte er: „Was ist mit frühstücken? Wovon werde ich unterwegs leben? Ich verdiene doch kein Geld mehr! Wie soll ich mir etwas zu essen kaufen? Wo werde ich schlafen?“
Der alte Mann hatte es sich auf dem Bett gemütlich gemacht. Er lag da, lächelnd, den Rücken durch einige Kissen aufgerichtet, die Hände hinter dem Kopf verschränkt und die Beine übereinandergeschlagen. „Mach dir mal darüber keine Gedanken! Ich kümmere mich schon um dich! Es wird dich auch niemand ans Kreuz nageln. Vertrau mir! Vertraust du mir?“
Elias sah ihn stumm an. Wem sollte er sonst vertrauen können, wenn nicht Gott? „Ja … ich vertraue dir!“
„Gut! Dann komm, lass uns gehen!“ Sie stiegen die Treppe hinauf. Als sie auf der Straße standen, fiel Elias auf – er hatte gar nichts eingepackt! Keinen Koffer, keinen Rucksack, das Portemonnaie lag noch unter dem Kopfkissen, die Schlüssel, die Uhr, das Handy und der Mietvertrag, meine Güte, er müsste die Wohnung ja eigentlich in renoviertem Zustand übergeben, und die beiden letzten Möbel, der Schrank und das Bett, waren zwar alt und abgenutzt, aber auf dem Flohmarkt hätten sie vielleicht doch noch ein paar …
„Mach dir keine Sorgen! Ist schon erledigt.“ Gott griff sich Elias’ Hand und legte ein paar Geldscheine hinein. Es waren so um die zweihundert Pfund. Durch das Fenster knapp über dem Boden sah Elias die Wände in makellos weißem Zustand, sie glänzten sogar noch ein wenig, so als wären sie feucht. Die Möbel waren verschwunden, der Fußboden gewischt und gewienert. In den Jackentaschen spürte er rechts sein Handy und links das Portemonnaie. Erstaunt schaute er Gott an. Der lächelte verschmitzt. „Ich sagte doch, ich kümmere mich um dich!“
„Tja, vielen Dank!“ Mit einem Mal war das unangenehme Ziehen im Magen verschwunden. Er wusste, alles würde gut werden. Auch das fehlende Frühstück hatte er schon vergessen.
Aufbruch
Sie durchstreiften Haupt- und Nebenstraßen, anscheinend ziellos in Richtung Südwesten, wie Elias anhand des Sonnenstandes abschätzte. Was wollten sie da? Was befand sich dort? Ach so, das Zentrum Londons!
Der alte Mann kam gut voran, jedenfalls schneller, als es seine menschliche Hülle hätte vermuten lassen. Elias musste sich anstrengen, um mit ihm Schritt zu halten. Sie überquerten einen Friedhof, Tower Hamlets Cemetery Park, wie auf einem Hinweisschild geschrieben stand. Hier war Elias noch nie gewesen, obwohl er fast sein ganzes Leben in der Stadt verbracht hatte. Der Park war sehr verwildert, was ihm etwas Romantisches, Urtümliches verlieh.
Gott warf im Vorbeieilen einen Blick auf die Grabsteine links und rechts des Weges: „Merkwürdig, warum sind auf vielen Steinen Kreuze abgebildet?“ Elias schloss zu ihm auf. „Vermutlich waren sie gläubige Christen.“
„Was sind denn Christen?“ fragte Gott zurück, ohne auch nur eine Sekunde an Tempo zu verlieren. „Na, Anhänger von Jesus Christus. Dein … äh … beziehungsweise doch nicht dein Sohn“, korrigierte sich Elias. „Auch wenn er vorgab, in deinem Auftrag zu handeln.
Hier in London befindet sich übrigens das Grab eines anderen ,Heiligen‘! Er hieß Karl Marx, war dir aber wohl nicht besonders zugetan. Er sagte … äh …“ Elias grübelte. Der alte Mann kam ihm zuvor: „Religion ist das Opium des Volkes.“ Elias fragte verblüfft: „Woher weißt du das? Hast du schnell in deinen Notizen geblättert?“
„Nein, ich habe schnell in deinem Gedächtnis nachgesehen und gefunden, was du gerade gesucht hattest.“ Elias überging den Umstand, dass ihn diese Tatsache beunruhigte und sagte: „Das Verhalten seiner Anhänger hatte teilweise auch fanatisch-religiöse Züge angenommen, doch letzten Endes sind sie gescheitert. Der Kommunismus brach Anfang der Neunzigerjahre zusammen.“
„Siehst du, das kommt davon, wenn man sich nicht an meine Dreißig Gebote hält!“ belehrte der alte Mann. Elias fragte: „Sag mal, wenn ich nun in deinem Auftrag die Menschheit bekehren soll, was … ich meine … wie soll ich mich ihnen vorstellen? Als Gottes Assistent? Stellvertreter? Oder Sekretär?“
Gott blieb abrupt stehen. „Wie nanntest du mich gestern Abend? In deinem Gebet? Vater? Also wenn du mich Vater nennst, nenne ich dich Sohn. Warum also stellst du dich nicht einfach als Sohn Gottes vor? Das würde bei dir besser passen, als bei diesem Jesus, mit dem ich ja nun gar nichts zu tun hatte!“ Er nahm das Tempo wieder auf und verließ den Park durch ein offenstehendes, verrostetes, altes Torgitter. Elias stand noch sinnierend herum: Elias, der Sohn Gottes. Das klang doch irgendwie nett!




