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TRIBOLOGIE
SCHMIERUNG, REIBUNG, VERSCHLEIß
Herausgegeben von Dr. Manfred Jungk
Die Tribologie ist ein interdisziplinäres Fachgebiet, mit Schwerpunkten aus den Bereichen Maschinenbau, Chemie, Physik und Werkstoffwissenschaften. Entsprechend vielfältig sind die Forschungsthemen und Anwendungen.
Die Reihe Tribologie – Schmierung, Reibung, Verschleiß behandelt sowohl Grundlagen des Themengebietes für Anwender:innen, Wissenschaftler:innen und Studierende als auch moderne Trends wie Nachhaltigkeit, tribologische Aspekte der Industrie 4.0 und Herausforderungen durch die Elektromobilität.
Markus Grebe
Tribometrie
Anwendungsnahe tribologische Prüftechnik als Mittel zur erfolgreichen Produktentwicklung

Umschlagabbildung: © iStock.com/cturtletrax
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ISBN 978-3-8169-3521-6 (Print) ISBN 978-3-8169-8521-1 (ePDF) ISBN 978-3-8169-0020-7 (ePub)Die tribologische Prüftechnik ist und bleibt das wichtigste Hilfsmittel bei der Optimierung tribologischer Systeme. Modell- und Simulationsprüfungen sind in der tribologischen Forschung und Entwicklung unersetzlich. Sie sind notwendig, um unter Berücksichtigung von Kosten und Nutzen verbesserte tribologische Systeme zu entwickeln. Es ist daher wichtig, sich Gedanken zu den Möglichkeiten und Grenzen der einzelnen Prüfverfahren und deren Aussagefähigkeit zu machen. Hierzu sind aber sowohl Tribologie-Kenntnisse als auch ein guter Überblick über die möglichen Tests, ihrer Vor- und Nachteile sowie ihrer Anwendungsgebiete notwendig.
Leider müssen wir in letzter Zeit feststellen, dass der Gedanken des tribologischen Systems und der Systemanalyse im Umfeld der Tribometrie teilweise verloren geht. Tribologische Versuche werden ohne das nötige Knowhow von unerfahrenen Personen geplant, durchgeführt und ausgewertet. Unter Kosten- und Zeitdruck werden unsinnige Tests mit Alibi-Charakter durchgeführt. Ein Problem, das diesen Trend unterstützt, sind moderne teil- oder vollautomatische Tribometer, bei denen die Nutzer relativ blind den ausgegeben Werten vertrauen, ohne sich die Proben oder Messdaten detailliert anzuschauen und diese ggf. zu hinterfragen. Letztendlich schädigt das den Ruf der Tribometrie, da die Ergebnisse solcher Prüfungen in aller Regel nicht auf die Praxis übertragbar sind. Fehler in der tribologischen Erprobung im Prüffeld, können schnell kostspielige Folgen haben, wenn z. B. eine Produktentwicklung in der Vorserie abgebrochen werden muss oder sogar Rückrufaktionen notwendig werden.
Dieses Buch soll den interessierten Leser aufzeigen, welche Potentiale in der anwendungsnahen tribologischen Prüftechnik stecken. Um diese allerdings wirkungsvoll nutzen zu können, müssen neben den Vorteilen auch die Grenzen der Laborprüfung bekannt und bewusst sein, da es sonst vorkommen kann, dass man Schlussfolgerungen aus einer Prüfung zieht, die über die geprüfte Einzeleigenschaft hinausgehen. Häufig ist auch eine Vielzahl an Prüfungen auf verschiedenen Prüfgeräten notwendig, um unterschiedliche Eigenschaften unter unterschiedlichen Randbedingungen (Beanspruchungskollektive) zu testen, da tribologische Systeme in der Praxis extrem komplex sind und die Funktionalität nahezu nie von einer Einzeleigenschaft abhängt. Eine einzelne Modellprüfung hat somit noch keine Aussagekraft für das reale Bauteil. Auch hierfür sind ein hohes tribologisches Verständnis und breitgefächerte Wissen notwendig.
Dieses Buch soll dazu dienen, den Wert und den wissenschaftlichen Anspruch der modernen Tribometrie darzustellen. Basierend auf der tribologischen Systemanalyse und der darauf aufbauenden Prüfstrategie können durch den Einsatz sinnvoller Laborprüfungen, verschiedene Optimierungsansätze in einem sowohl zeit- als kostentechnisch akzeptablem Rahmen evaluiert werden. Es wird aufgezeigt, wie ein anwendungsnaher Tribometerversuch aufbauend auf der Systemanalyse entwickelt werden kann und was dabei zu beachten ist. Die wichtigsten Modell- und Labortribometer werden ebenso erläutert, wie die in den Prüffeldern eingesetzten Bauteilprüfstände.
Ein weiterer häufig unterschätzter Aspekt ist die wissenschaftliche Planung, Auswertung und Bewertung der durchgeführten Versuche. Hier werden sowohl die eingesetzten Messverfahren und Sensoren beschrieben wie auch Hinweise zur Statistik und Darstellung der Messdaten gegeben. Zusätzlich werden in diesem Buch auch wichtige Randaspekte wie Oberflächenkennwerte und Oberflächenanalytik beleuchtet sowie die Bedeutung die Computersimulation mit ihren Anwendungsgebieten und Grenzen erläutert.
Ein großer Dank geht an dieser Stelle an zahlreiche Kollegen in den Prüffeldern von Firmen und in Forschungsinstituten auf deren Ergebnisse, Bilder und Erkenntnisse ich im Rahmen dieses Buches zurückgreifen konnte. Insbesondere möchte ich hier meinen Co-Referenten beim jährlichen TAE-Tribometrieseminar danken:
Dr. Martin Jech – Austrian Competence Center for Tribology (AC2T)
Dr. Tarek Lutz - Naturwissenschaftliches Institut Reutlingen (NMI)
Dipl.-Ing. Wilhelm Rehbein – Lanxess AG
Dr. Jürgen Rigo – Kompetenzzentrum Tribologie Mannheim (KTM)
Dr. Christian Seyfert - Fuchs Schmierstoffe GmbH
Dipl.-Ing. Mario Witt - KS-Gleitlager GmbH
Obwohl in einem solchen Buch aufgrund des begrenzten Umfangs sicher nicht alle Aspekte eines jeden Themas hinreichend detailliert beschrieben werden können, so hoffe ich doch, dass es ein wichtiges Hilfsmittel und Nachschlagewerk für Personen wird, die sich für die moderne anwendungsnahe Tribometrie interessieren.
Mannheim, 14. Februar 2021 Markus GrebeInhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Tribometrie
1.2 Background: Das Kompetenzzentrum Tribologie Mannheim (KTM) an der Hochschule Mannheim
1.3 Bedeutung und Aufgaben der Tribologie
1.4 Die tribologische Beanspruchung
2 Erläuterung der Systemanalyse
2.1 Definitionen
2.2 Das Beanspruchungskollektiv
2.2.1 Elemente eines tribologischen Systems
2.2.2 Aufbau metallischer Oberflächen
2.2.3 Geometrische und wahre Kontaktfläche
2.2.4 Kontaktzustand
2.2.5 Schmierungszustand
2.2.6 Wechselwirkungen zwischen den Elementen
2.3 Verschleißmechanismen und deren Verschleißerscheinungsformen
2.4 Systemanalyse
3 Tribologische Prüftechnik
3.1 Messtechnik (Theorie)
3.2 Tribologische Messgrößen
3.2.1 Reibung
3.2.1.1 Reibungsmessgrößen
3.2.1.2 Reibungsmesstechnik
3.2.1.2.1 Kraft- und Drehmomentensensoren auf DMS-Basis
3.2.1.2.2 Piezosensoren
3.2.1.2.3 Oberflächen-Dehnungssensoren
3.2.2 Verschleiß
3.2.2.1 Verschleißmessung und Verschleißmessgrößen
3.2.2.2 Verschleißmesstechnik
3.2.3 Temperatur
3.2.3.1 Temperaturmesstechnik
3.2.3.1.1 PT100 / PT1000 (PTC-Sensoren) und NTC-Sensoren
3.2.3.1.2 Thermoelemente
3.2.3.1.3 Infrarot-Thermometer / Thermografie
3.2.3.1.4 Aufgedampfte Temperaturaufnehmer
3.2.3.1.5 Mehrpunkt-Messungen mit Faser-Bragg-Gitter-Sensor
3.2.3.1.6 Allgemein
3.2.4 Schwingungsmesstechnik
3.2.5 Sonstige Sensoren / Kombisensoren
3.3 Tribologische Prüfkategorien
3.3.1 Übersicht Modellprüfsysteme
3.3.1.1 Modellprüfsysteme für Abrasivverschleiß-Untersuchungen
3.4 Modellprüfgeräte / Labortribometer
3.4.1 Vierkugel-Apparat (VKA)
3.4.2 Schwing-Reib-Verschleiß-Prüfgerät (SRV)
3.4.3 Brugger- / Reichert-Prüfung
3.4.4 Bruker Universal Material Tester (UMT)
3.4.5 Timken-Prüfmaschine
3.4.6 Oszillierender Gleitreibungsprüfstand nach „Tannert“ / Tannert-Gleitindikator
3.4.7 Rotationstribometer
3.4.8 Mini-Traction-Machine (MTM)
3.4.9 Zwei-Scheiben-Prüfstände
3.4.10 Rollenprüfstände / Micro-Pitting-Rig (MPR)
4 Modell- und Simulationsprüfung
4.1 Modellprüfung (Kategorie VI)
4.1.1 Vorgehen bei der Modellprüfung
4.1.2 Modellprüfung in der Praxis
4.1.3 Aussagefähigkeit der Modellprüfung
4.2 Simulationsprüfung (beanspruchungsähnlicher Versuch mit Probekörpern, Kategorie V)
4.2.1 Vorgehen bei der Simulationsprüfung
4.3 Wie kann die Aussagekraft einer Laborprüfung verbessert werden?
4.3.1 Optimale Messtechnik
4.3.2 Festlegung der Prüfparameter
4.3.3 Berücksichtigung der Energiedissipation (Tribomutation)
4.3.3.1 Dynamische Einflüsse
4.3.3.2 Festlegung der geeigneten Prüfdauer
4.3.3.3 Statistische Absicherung der Ergebnisse
4.3.3.4 Unvermeidliche Toleranzen
4.3.3.5 Sonstige Einflussquellen
4.3.3.6 Abbruchkriterien
4.3.3.7 Dokumentation
4.3.3.8 Sonstiges
4.4 Auswertung und Interpretation tribologischer Messgrößen
4.5 Beispiele für anwendungsorientierte Bauteilprüfungen in Labortribometern
4.5.1 Kolben eines Klimakompressors im SRV
4.5.2 Kolbenring / Liner-Prüfung im SRV Prüfstand
4.5.3 Ventilschaftprüfung im SRV-Prüfstand
4.5.4 Frettingversuche an Stangenführungen
4.5.5 Prüfung von Kolbenstangendichtungen im SRV-Prüfstand
5 Bauteilprüfung
5.1 Wälzlagerprüfung
5.1.1 FE8 Prüfung (DIN 51819-2)
5.1.2 FE9-Prüfung (DIN 51821)
5.1.3 Komponentenerprobung
5.2 Zahnradprüfung / Getriebeölprüfung im FZG-Prüfstand
5.2.1 FZG-Fresstest (Laststeigerungslauf)
5.2.2 FZG-Langsamlauf-Verschleißtest
5.2.3 FZG-Pitting-Test und Graufleckigkeitstests
5.2.4 FZG-Wirkungsgrad-Test (Energieeffizienz-Test)
5.2.5 Übersicht Norm- und Standard-Prüfungen im FZG-Prüfstand
5.3 Hydrauliköl-Tests
5.3.1 Flügelzellenpumpentests Vickers V104C und Eaton 35VQ25
5.3.2 Denison-Pumpe
5.3.3 Bosch-Rexroth-Hydraulikfluid-Test
5.4 Gleitlager-Prüfung
5.4.1 Fresslasttest
5.4.2 Dauerlauf-Ermüdungstest
5.4.3 Partikelverträglichkeitstest / Test der Einbettfähigkeit
5.4.4 Dauerlauf-Verschleißtest / Start/Stopp-Test
5.4.5 Notlauftest
5.4.6 Sonstige nicht-motorische Gleitlagerprüfung
5.4.6.1 Versuche zur Ermittlung des maximalen pv-Wertes
5.4.6.2 Schwenklagerprüfung
5.4.6.3 Stoßdämpferlagerprüfung
5.5 Kupplungen, Bremsen, Synchronisierungen und Reibbeläge
6 Kunststoffprüfung
6.1 Besonderheiten bei Kunststoffen als Reibpartner
6.1.1 Randzone / Spritzhaut / Orientierung
6.1.2 Elastisch/plastisches Verhalten (Fließen)
6.1.3 Einfluss der Gegenkörperrauigkeit
6.1.4 Thermische Effekte
6.2 Reibungsuntersuchung / Kennlinienfelder
6.3 Verschleißuntersuchung
6.3.1 Versuchsdauer
6.4 Typische Modellprüfsysteme für die Kunststoffprüfung (DIN/ISO 7148)
6.4.1 Stift/Scheibe (Pin-on-Disc, PoD)
6.4.2 Ring/Platte oder Ring/Scheibe
6.4.3 Kugel/Prisma oder Ball-on-three-plates (BOTP)
6.4.4 Block auf Ring (Block-on-Ring, BoR)
6.4.5 Radialgleitlager
6.4.6 Linear-oszillierender Flächenkontakt
6.5 Stick-Slip-Untersuchungen
7 Design of Experiments (DOE) / Statistik
7.1 Grundprinzipien der Statistischen Versuchsplanung
7.2 Verschiedene Experimentier-Methoden
7.2.1 One-factor-at-a-time (OFAT)
7.2.2 DoE: Vollfaktorieller Versuch (auf mind. 2 Stufen)
7.2.3 DoE: Teilfaktorieller Versuch
7.2.3.1 Beispiel Basketball-Experiment
7.3 Statistik
7.3.1 Gauß-Verteilung
7.3.2 Definition von Ausreißern
7.4 Auswertung / Darstellungsarten
7.4.1 Boxplots
7.4.2 Haupteffektdiagramm (Main Effect Plot) und Wechselwirkungen
7.4.3 Kontur-Plot
7.4.4 Pareto-Diagramm
7.4.5 Histogramm
7.4.6 Weibull-Verteilung
7.4.7 Weitere Verteilungsfunktionen
7.5 Zusammenfassung DOE und Statistik
8 Oberflächenmesstechnik
8.1 Grundlagen und Begriffe
8.2 Messverfahren
8.2.1 Autofokussensor
8.2.2 Weißlicht-interferometrie (WLI)
8.2.3 Konfokalmikroskopie
8.2.4 Laserscanning-Mikroskop
8.3 2D-Oberflächenparameter
8.3.1 Amplitudenkennwerte
8.3.2 Traganteilskurve (Abbott-Firestone-Kurve)
8.4 3D-Oberflächenparameter
8.4.1 Vorteile der 3D-Messtechnik und Einteilung der Kennwerte
8.4.2 Amplitudenparameter
8.4.3 Hybridparameter / Mischparameter
8.4.4 Fazit 3D-Kennwerte in der ISO 25178
8.5 Filter und Fehlstellenkorrektur
8.6 Praxisbeispiel mikrostrukturierte Kunststoffgleitfläche
9 Oberflächenanalytik und chemische Analysen
9.1 Rasterelektronenmikroskopie (REM) mit energiedispersiver Röntgenanalyse (EDX) und Focus-Ion-beam-Technologie (FIB)
9.2 Fourier-Transformations-Infrarotspektrometer (FTIR) und Ramanspektroskopie
9.3 Röntgen-Photonen-Spektroskopie (XPS)
9.4 Sekundär-Neutralteilchen-Massenspektrometrie (SNMS) und Sekundär-Ionen-Massenspektrometrie (SIMS)
10 Computersimulation
11 Was zeichnet ein gutes Labor-Tribometer aus?
12 Zusammenfassung
13 Literaturhinweise und Quellenangaben
13.1 Veröffentlichungen und Bücher
13.2 Internet
13.3 Normen
14 Stichwortverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Tribometrie
Die Tribometrie beschäftigt sich mit dem Messwesen auf dem Gebiet der Tribologie.
Dies sind insbesondere die eingesetzten Prüfmaschinen (sog. Tribometer) und die aufgenommenen Messgrößen.
Die tribologische Prüftechnik ist und bleibt das wichtigste Hilfsmittel bei der Optimierung tribologischer Systeme. Obwohl in vielen Bereichen des täglichen Lebens und der Wissenschaft Computer die Arbeit übernommen haben, sind und bleiben mechanisch-dynamische Prüfungen auf Prüfständen in der tribologischen Forschung und Entwicklung unersetzlich. Sie sind notwendig, um unter Berücksichtigung von Kosten und Nutzen tribologische Systeme zu entwickeln und zu optimieren.
Prinzipiell erstreckt sich das Gebiet der Tribometrie von der Erprobung im Feld bis hin zum einfachen Laborversuch. Somit kann man jede Maschine auf der tribologische Fragestellungen untersucht werden, als Tribometer bezeichnen. In der Praxis versteht man unter Tribometer-Versuchen aber meist die relativ einfachen Laborprüfungen der Kategorie VI und V (Modell- und Probekörperversuche). Sowohl auf die unterschiedlichen Prüfmaschinen als auch die Prüfkategorien wird im Rahmen des Kapitels „3.4 - Modellprüfgeräte / Labortribometer“ noch detailliert eingegangen.
Neben der Beschreibung der wichtigsten Modell- und Bauteiltribometer werden auch wichtige Randthemen wie die eingesetzte Messtechnik, Oberflächenkennwerte und -analyse sowie auch Hinweise zur Statistik behandelt, um ein ausreichend breites Basiswissen zu schaffen, das es dem Leser letztendlich erlaubt, das volle Potential der Tribometrie auszuschöpfen.
Ein wichtiges Ziel dieses Buches ist es zu verdeutlichen, dass es in der modernen Tribometrie nicht mehr darum geht, blind Kennwerte zu erzeugen, sondern dass sie das Mittel ist, ein tiefgreifendes Verständnis für tribologische Vorgänge zu generieren.
1.2 Background: Das Kompetenzzentrum Tribologie Mannheim (KTM) an der Hochschule Mannheim
Das Kompetenzzentrum Tribologie verfügt zurzeit über mehr als 50 verschiedene Tribometer für Modell- und Freigabetests und zur Simulation unterschiedlichster tribologischer Systeme. Ergänzt wird der umfangreiche Prüfmaschinenpark durch Geräte und Apparaturen zur hochgenauen Analyse und Dokumentation von Oberflächen sowie für die Viskosimetrie, die Untersuchung des Alterungsverhaltens und die Ermittlung chemisch/physikalischer Kennwerte. Schwerpunkt der Forschungs- und Entwicklungsprojekte sind Untersuchungen unter Grenz- und Mischreibungsbedingungen. Das Kompetenzzentrum Tribologie arbeitet bei der Optimierung von tribologischen Systemen nach einem ganzheitlichen, systemanalytischen Ansatz (Abbildung 1). Das heißt, dass prinzipiell erst einmal alle möglichen Optimierungsansätzen wie Werkstoffe (Metalle, Keramiken, Kunststoffe), Beschichtungen und Schmierstoffe (Öle, Fette, Feststoffe) in Betracht gezogen werden. Ganz wichtig ist aber auch, nach maschinenbaulichen Lösungen zu suchen. Häufig liegt das Problem bereits in einer ungünstigen Konstruktion, ungeeigneter Endbearbeitung oder anderer systematischer Mängel. Mögliche Lösungsansätze werden dann in speziell und individuell geplanten Tribometerversuchen evaluiert. Erst am Ende erfolgt die Bewertung, in die dann auch wirtschaftliche Gesichtspunkte eingehen. Neben den öffentlich geförderten Projekten stellen auch bilaterale Kleinprojekte für KMU sowie der Technologietransfer einen Schwerpunkt der Arbeit dar.

Abbildung 1: Design-Thinking-Ansatz des KTM zur Problemlösung bzw. Optimierung tribologischer Systeme
In Rahmen der täglichen Arbeit stellt sich immer wieder die Frage über den Nutzen von Modell- und Laborprüfungen. Insbesondere die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf die Praxis wird hierbei häufig von skeptischen Kunden angezweifelt. Leider basieren viele dieser Zweifel tatsächlich auf schlechten Erfahrungen. Viele Kunden berichten von vollkommen gegensätzlichen Ergebnissen in den Modelltests und später in der Anwendung. Bei genauerer Betrachtung solcher Fälle muss man häufig feststellen, dass die Laborversuche für die praktische Fragestellung falsch ausgewählt, mit falschen Parametern durchgeführt oder einfach falsch interpretiert wurden.
In den letzten Jahren mussten wir mehrfach feststellen, dass es häufig an einem wissenschaftlichen Ansatz und ausreichend tribologischem Background fehlt. Teilweise kaufen sich Institute oder Firmen, die sich jahrelang mit anderen Themen beschäftigt haben, ein modernes Tribometer und wollen nun „auch noch den tribologischen Kennwert ermitteln“ (Originalzitat einer Firma, die sich zuvor auf chemische Materialanalysen konzentriert hatte). Das gleiche Problem sehen wir bei Instituten oder Abteilungen, die bisher auf die Computersimulation spezialisiert waren und denen nur noch der „tribologische Kennwert“ fehlt, um ein tribologisches System hochgenau im Computer abbilden zu können. Unterstützt wird diese Entwicklung von den Prüfstandsherstellern, die natürlich ein großes Interesse haben, ihre Geräte so zu bewerben, als ob jeder, ohne große Vorkenntnisse, problemlos tribologische Versuche durchführen könne. Das mag für einfache Modellprüfungen nach Norm vielleicht noch gelten. Werden die Versuche aber etwas anspruchsvoller, sind Bediener ohne Tribologie- und Maschinenbaukenntnisse häufig überfordert.




