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„Ja, das ist es. – Aber sag mal, Wolfgang, gibt es dieses merkwürdige Schloss tatsächlich?“
„Natürlich gibt es das.“
„Wieso natürlich? Weshalb bist du dir so sicher? Hast du es gesehen?“
„Wie sollte ich? Aber der Herr Wohlgemach hat mich eingeweiht. Du kennst ihn und du weißt, dass man ihm hundertprozentig glauben kann.“
Ja, sie kannte ihn. Er war in der Tat ein höchst seriöser und sehr bodenständiger Mensch, alles andere als ein Aufschneider und auch kein Träumer, der die Fantasie mit der Wirklichkeit verwechselte. Sie hob das Glas und stieß mit Wolfgang an. „Claudia ist wirklich dort in diesem Schloss?“
„Ja. Du kannst es ruhig glauben.“
„Hm. Was geschieht in diesem Schloss mit den Frauen, die man dort Mädchen nennt?“
„Genaues weiß ich nicht. Darüber schweigt sich Wohlgemach aus. Ich glaube, er weiß es selbst nicht so ganz genau.“
„Er weiß es nicht?“
„Nicht im Detail. Aber jedenfalls geschieht ihnen nichts wirklich Schlimmes. Sie kommen alle wohlbehalten zurück.“
Klang das beruhigend, nichts wirklich Schlimmes? Was war wirklich schlimm und was nicht, wer setzte die Maßstäbe? Auch der Herr der O hätte behauptet, dass ihr nichts Schlimmes geschehe, und auch sie war wohlbehalten, jedenfalls dann, wenn man den Schmerz und die Demütigung ausklammerte, die sie jeden Tag erlebte. Doch litt sie nicht wirklich, diese O, wurde als zufrieden und ausgeglichen geschildert, glücklicher denn je zuvor. Silvias Blick schweifte hinüber zur Kunsthandlung, in deren Schaufenster ein großes Gemälde hing, eine etwas kitschige südliche Landschaft mit Lavendelfeldern und Olivenbäumen, im Hintergrund sanfte Hügel mit einer Burg aus hellem Stein, vielleicht ein Schloss.
„Wollen wir nach Hause fahren?“ Samten sprach Wolfgang die Worte aus, sein Blick war ein Versprechen.
Zu Hause angekommen, nahmen sie beide noch eine schnelle Dusche und Silvia ging zu Bett. Lange musste sie nicht auf Wolfgang warten. Wohlduftend kroch er unter die Decke und streifte ihr den Pyjama ab, den sie vorsichtshalber angezogen hatte, um nicht wieder in den Verdacht zu geraten, ihm hinterherzulaufen wie ein rolliges Kätzchen. Aber nein, heute gab es keine Missstimmung, heute gab es Harmonie, Zärtlichkeit, feurige Leidenschaft, heute war es so schön in Wolfgangs Armen wie schon lange nicht mehr. Selig erschöpft lagen sie danach eng aneinandergeschmiegt unter der Decke und er schlief nicht gleich ein, wie sonst üblich, sondern streichelte ihr Haar.
„Es war schön, Silvia.“
„Und ich dachte, dass dich Blümchensex nicht mehr reizt?“
„Ach Silvia, ich liebe dich, und das ist wichtiger als Sex.“ Ach, das waren ja ganz unbekannte Worte. Sollte Wolfgang etwa das Interesse an seinem Plan mit ihr verloren haben und würde sie das vielleicht sogar ein ganz klein bisschen enttäuschen? Der Schmelz eines besorgten Therapeuten lag plötzlich in seiner Stimme. „Doch ist es so, dass die Liebe leidet ohne Sex und dass es Vorstellungen gibt, die dem Sex und damit der Liebe neue Kraft geben können.“ Das war nun wieder der Wolfgang, den sie kannte, der von einem Ziel nicht so leicht abrückte und es notfalls auf verschiedenen Wegen zu erreichen versuchte.
Zärtlich glitten ihre Lippen über seinen Hals. „Ist dir dieses Schloss denn wirklich so wichtig?“
„Es wäre für uns beide gut. Fällt es dir denn wirklich so schwer, Ja zu sagen?“
„Ja!“
Wie elektrisiert wandte er ihr das Gesicht zu. „Was bedeutet dieses Ja? Bedeutet es, dass es dir so schwerfällt, oder bedeutet es Ja?“
„Beides.“
„Du bist einverstanden?“
„Ja. Ich bin einverstanden.“
„Abgemacht? Ohne Widerruf?“
„Abgemacht. Oder willst du einen Vertrag aufsetzen?“
„Keine Juristen. Dein Wort genügt.“ Er drückte sie glücklich an sich und seine Hand schob sich zwischen ihre Beine.
Ohne Widerruf! Silvia wurde bang zumute. War sie denn verrückt, sich auf so etwas einzulassen? Die Bedenken schwanden unter seiner zärtlichen Hand und seinen Lippen, die ihre erwartungsvoll festen Brüste liebkosten. Schon lange war es her, dass er sie ein zweites Mal genommen hatte, vielleicht war es ja wirklich gut, dem Sex und damit der Liebe neue Kraft zu geben durch etwas Außergewöhnliches, auch wenn sie davon so gut wie nichts wusste. Glücklich stöhnte sie auf, da er in sie kam und sie schmelzen ließ in wonnigen Gefühlen …
***
Kaum konnte sie Wolfgang entdecken, als er am Montagabend von der Arbeit kam, so groß war der Blumenstrauß vor seinem Gesicht. Es war ein Strauß fröhlich leuchtender Sommerblumen, von frischem Grün umkränzt und mit roten Rosen durchsetzt.
„Vielleicht müssen wir bald einige neue Vasen kaufen“, sagte sie erfreut.
Wolfgangs Lächeln reichte von einem Ohr bis zum andern. „Ja, aber wirklich bald. Viel Zeit ist nämlich nicht mehr dafür.“
„Was soll das bedeuten?“
„Ich habe angerufen. Am Sonntag ist es so weit.“
„Am Sonntag?“ Beklommen trug sie die Blumen in die Küche, von Wolfgang gefolgt. Dahin war die Hoffnung, erst am Sankt-Nimmerleinstag-Tag wieder an ihre Zusage erinnert zu werden. Es herrschte ein atemberaubendes Tempo. „Da kann ich ja bald mit Packen anfangen.“
„Du musst nicht packen.“
„Wieso nicht? Mein Aufenthalt dauert doch vermutlich länger als einen Tag, wie ich fürchte.“
„Allerdings.“
„Wie lange denn?“
Er hob den Blick unschuldig zur Decke. „Drei Monate.“
„Wie bitte?“
„Drei Monate sind schnell vorbei, du wirst sehen.“
„Drei Monate sind eine Ewigkeit. Du wirst verhungern und die ganze Zeit wie ein Heiliger leben müssen …“ Sie unterbrach sich, schaute in seine glitzernd braunen Augen. „Also gut, du wirst dir zu helfen wissen und nicht verhungern und vermutlich auch nicht wie ein Heiliger leben. – Drei Monate, hoffentlich werde ich dich danach noch erkennen.“
„Ich besuche dich hin und wieder.“
„Aber ich kann doch nicht einfach für drei Monate verschwinden! Wie soll ich meinen Eltern meinen Verbleib erklären und deinen Eltern, den Verwandten, meinen Freundinnen?“
„Du fährst in Urlaub, ganz einfach.“
„Aber doch nicht drei Monate lang! Niemand macht so lange Urlaub.“
„Manche schon. Die Gattin des Herrn Wohlgemach zum Beispiel und du jetzt auch. Frauen eben, die es sich leisten können.“
„Ja, aber … aus dem Urlaub schreibt man Briefe und Postkarten, man lässt etwas von sich hören.“
„Sicher. Du schreibst Briefe und Postkarten aus deinem Urlaub, was sonst?“
„Diese Briefe und Postkarten sind aber mit Briefmarken und Stempeln aus dem Urlaubsland versehen!“
„Briefmarken kann man besorgen, Stempel anfertigen und die Briefe und Postkarten bei entsprechender Beziehung zur Post in den normalen Verteilerdienst bringen. Es ist für alles gesorgt, du musst dir nur noch überlegen, in welches Land du zu reisen gedenkst.“
„Woher weißt du das alles?“
„Von der Madame von Sinnenhof.“
„Hm. Und von ihr weißt du auch, dass ich nicht packen muss?“
„Genau. Es ist alles vorhanden, was du brauchst.“
„Und woher weiß diese Madame von Sinnenhof so genau, was ich brauche?“
„Na ja, sie kennt sich halt aus.“
„Ich muss verrückt sein, mich darauf einzulassen.“
„Ach, woher denn. Du bist nicht verrückt, ganz im Gegenteil. Denn immerhin liebe ich dich. Und das ist der Beweis, dass du in Ordnung sein musst.“ Er streichelte zärtlich über ihr Haar und schaute sie liebevoll an. „Eines aber gibt es noch zu tun.“
„Was denn?“
„Ich muss deine Maße nehmen.“ Wie ein Zauberer zog er ein zusammengerolltes blaues Maßband aus der Tasche.
„Welche Maße denn?“
„Na ja, alle.“
Ohne Widerruf! – Warum nur, fragte sie sich, war sie bereit, sich in ihr Schicksal zu fügen? Weshalb begehrte sie nicht auf? Gab es etwa ganz insgeheim eine Anziehungskraft des ominösen Abenteuers, von dem sie nichts Konkretes wusste, nur ahnte, das vermutlich anders war als alles Bekannte, sündhaft, bedrohlich, eigentlich unannehmbar und doch unbegreiflich reizvoll?
Sinnierend schaute Wolfgang sie an. Worauf wartete er? „Es geht so nicht, wenn du angezogen bist.“
„Oh. Ich soll mich ausziehen?“
Wolfgang nickte und sie entledigte sich zögernd ihrer Kleidung vor seinen Augen, fast war es so, als stünde sie einem Fremden gegenüber, und wieder war es zu spüren, das heimliche warme Kribbeln im Bauch oder noch ein bisschen weiter unten. Nur den roten kleinen String behielt sie an. Ganz eindeutig war Wolfgang ein typischer Mann, denn das Erste, das er maß, war ihre Brustweite. Er notierte das Ergebnis fein säuberlich auf einem bereitgelegten Blatt und sie bekam ein Kompliment für ihre vollen festen Brüste, die jedem Vergleich standhalten konnten, wie er meinte, und das ganz ohne die Hilfe von Silikon. Zärtlich berührten seine Lippen die steifen Knospen. Dann aber musste er seine Arbeit fortsetzen und sie spürte, wie sich ihr Körper den warmen Händen entgegenschmiegte, als sie das Band um die Taille und den Hintern legten. Auch diese Werte wurden notiert. Wozu aber brauchte er ihre Halsweite, sollte sie vielleicht ein Hemd tragen dort in diesem Schloss?
Wolfgangs Auskunft geriet sehr einsilbig. „Weiß nicht.“ Auch den Umfang der Handgelenke musste er messen. Zögernd streckte sie den rechten Arm aus und bangen Herzens hielt sie still. Wozu das? Und wieso ging er gar noch vor ihr auf die Knie, um das Band um ihr Fußgelenk zu legen? Wieder war Wolfgangs Antwort sehr knapp gehalten: „Es muss halt alles passen.“
„Was ist dieses alles?“
„Das kann ich dir so genau nicht sagen. Sie will es halt wissen, die Madame von Sinnenhof. Sie wird schon ihre Gründe haben.“
Er richtete sich auf, nahm sie in den Arm und küsste ihren Mund, war sehr zufrieden mit ihr. „Den Ring kannst du jetzt ja annehmen. Du hast ihn verdient.“
„Nein, kann ich nicht.“
„Warum denn nicht?“
„Weil ich es nicht wegen dem Ring tue, sondern dir zuliebe.“
„Irgendwie hast du das Zeug zur Heiligen.“ Das aber konnte nicht ernst gemeint sein.
Ihr Weg führte nach der anregenden Vermessungsarbeit ins Bett, wo Silvia auf sehr angenehme Gedanken kam, ihre Bedenken, die Sorgen und schließlich die ganze Welt vergaß in Wolfgangs Armen, während in der Küche das Essen kalt wurde. Das aber war heute kein Problem. Vielleicht, so dachte sie sonnig, als Wolfgang erschöpft neben ihr lag, vielleicht würde der Aufenthalt in diesem merkwürdigen Schloss ihrer Ehe ja tatsächlich guttun …
Gespräch mit der Herrin
Um ein Haar hätte sich Silvia am Wochenende erleichtert gefühlt beim Gedanken daran, dass sie keinen Speiseplan für nächste Woche erstellen musste, keine Einkäufe zu erledigen hatte und das lästige Putzen der Wohnung entfiel. Es würde die alltäglichen Mühen und Sorgen nicht geben, sie musste keinen Gedanken an die Planung des Tages verschwenden und sich mit keiner Bekannten verabreden, um im Kino, im Theater oder in einem Café ein bisschen Zerstreuung zu finden. Um das, was zu geschehen hatte, würden sich andere kümmern.
Genau dieser Gedanke aber ließ die Erleichterung schwinden und bange Bedenken das Haupt erheben. Was stand ihr eigentlich bevor? Sie wusste es noch immer nicht, erhielt von Wolfgang keine Auskunft, er hütete das Geheimnis eisern wie die Formel eines neuen Medikaments oder war tatsächlich selbst nicht eingeweiht. Mehr bekam sie nicht von ihm zu hören als diesen einen Satz: „Mach dir keine Sorgen. Man wird dir schon sagen, was du zu tun hast.“ Aber genau das war doch das Problem! Was würde man ihr sagen, was würde sie zu tun haben? Was war, wenn sie das Verlangte nicht tun konnte oder es nicht wollte? Unentwegt drehten sich die Gedanken im Kreis.
Den Sonntag verbrachte sie wartend in zäh dahinkriechenden Stunden. Gegen Abend erst sollte sie abgeholt werden, auch darum also kümmerten sich andere, sie selbst musste nur da sein und brauchte keine Pläne zu schmieden und keine Vorbereitungen zu treffen. – Oder doch? Als sie am Nachmittag ins Bad ging, um zu duschen und sich umzuziehen, stand Wolfgang parat und drückte ihr ein Päckchen in die Hand. „Da ist etwas für dich drin. Sei so lieb und zieh es an.“ Leicht lag es in der Hand, wog fast nichts, und geheimnisvoll sah es aus, umwickelt mit schwarzem Papier und geschmückt mit einer purpurnen Schleife.
Sie packte es neugierig aus und fand darin einen spitzenbesetzten schwarzen BH, einen winzigen schwarzen String, schwarze Strümpfe, halterungsbedürftige, wie das Foto auf der Packung verriet, und dazu einen schwarzen Strumpfgürtel, den feine Spitzen zierten. – Strapse! So etwas hatte sie noch nie angehabt, das erschien ihr verrucht, hurenhaft. Für einen Moment überlegte sie, das nicht anzuziehen, sich zu verweigern. Und dann? Wolfgang würde enttäuscht sein, außerdem gehörte es offenbar zum Spiel. Mit spitzen Fingern legte sie den Strumpfgürtel nach dem Duschen um die Taille, zog die hauchzarten Strümpfe über die Beine, klemmte sie ungeschickt an den metallenen Verschlüssen fest, zog ein schwarzes knielanges Kleid darüber.
Nervös betrat sie das Wohnzimmer, begleitet von einem leisen reizvollen Kribbeln. Es war, als würde sie Verbotenes tun. Wolfgang nahm sie in die Arme, sie schmiegte sich an ihn und spürte seine Hände wie suchend über ihre Taille gleiten. Angeregt hielten sie inne, als sie das Gesuchte fühlten, gerade in dem Moment, in dem ihr eine verwunderlich profane Frage in den Sinn kam: „Ist mein Aufenthalt bei dieser Madame eigentlich arg teuer für dich?“
„Ziemlich teuer. Aber das bist du mir wert.“
War diese Logik in sich stimmig? Hatte er nicht etwas durcheinandergebracht? War sie ihm so viel wert oder waren es nicht eher seine Wünsche, für deren Erfüllung er das Geld ausgab, über dessen Summe er lieber schwieg? Sie behielt ihre Fragen für sich, würde ja doch keine vernünftige Antwort bekommen.
Als er wieder von ihr abließ, setzte sie sich an den Sekretär, um sich mit einem vorläufig letzten Eintrag von ihrem Tagebuch zu verabschieden. Längst schon hatte sie ihm das Ansinnen ihres Gatten und ihre skeptische Zustimmung mitgeteilt, nun schilderte sie ihm, in welcher Stimmung sie hier saß und was sie unter dem Kleid trug. Auch das sollte der Erinnerung bewahrt werden. Zuletzt notierte sie ihre Hoffnung, dass sie die kommende Zeit unbeschadet an Leib und Seele überstehen werde, und schenkte sich ein letztes aufmunterndes Wort. Seufzend klappte sie es zu, verstaute es im Fach und schaute durch das Fenster hinaus zu den farbenfrohen Blüten unter einem grau bedeckten Himmel.
„Jetzt müsste sie eigentlich bald kommen“, ließ sich Wolfgangs Stimme vom Sofa her vernehmen.
In diesem Moment läutete es an der Tür und sie zuckten beide erschrocken zusammen.
Es stand keine „sie“ vor der Tür, sondern ein „er“, ein mittelgroßer, mittelalterlicher, mittelschlanker Mann mit weder abschreckenden noch besonders einnehmenden Gesichtszügen. Er trug einen dunkelblauen Anzug, der einer Uniform ähnelte, und auf seinem dunkelblonden schütteren Haar thronte eine blaue Schirmmütze, wie Schiffskapitäne, Marineoffiziere oder Chauffeure sie zu tragen pflegten.
„Guten Tag“, sagte er mit wohlartikulierter präziser Stimme. „Ich komme im Auftrage der Madame von Sinnenhof.“
„Ja“, nickte Wolfgang. „Wir sind so weit, das heißt, meine Gattin ist so weit. Sie wird jeden Moment kommen.“
Sie war schon da, stand hinter ihm, verwundert darüber, dass ihr Wolfgang, leitender Angestellter eines Chemiekonzerns und Vorgesetzter einer ganzen Abteilung, unter dem ruhigen Blick eines Chauffeurs so ungewohnt zappelig wurde. Kaum wagte er sie zu umarmen, flüchtig nur drückte er sie an sich und hilflos tätschelte er ihre Achsel.
„Tja, du hast es so gewollt“, sagte sie.
„Ja, ich habe es so gewollt.“
„Noch gibt es ein Zurück.“
„Ohne Widerruf.“ Er half ihr in die dünne Jacke.
Kein Zurück also. Auch diese letzte winzige Hoffnung erstarb. Sie hängte die Tasche über, auf die sie nicht verzichten wollte, auch wenn sie angeblich nichts benötigte. Ihr Lippenstift aber, das kleine Adressbüchlein, ein Stift zum Schreiben und einige Tampons erschienen ihr doch unentbehrlich. Sie hauchte Wolfgang ein Küsschen auf die Wange, versuchte sich an einem tapferen Lächeln und wandte sich an den geduldig wartenden Chauffeur: „Ich bin so weit. Wir können gehen.“
„Sehr wohl, Madame.“ Würdevoll geleitete er sie hinaus in den Hof. Dort stand eine exklusive schwarze Limousine, die man als Staatskarosse hätte verwenden können. Rote Gardinen hinter den Scheiben des Fonds verwehrten die Sicht nach innen, einladend hielt der Chauffeur die hintere Tür für sie auf. Noch einmal blickte Silvia zu Wolfgang zurück, der reglos an der Haustür stand mit einem unbeteiligten Grinsen, als würde sie nur mal schnell einkaufen gehen. Sie winkte ihm zu, stieg ein – und schreckte verdutzt zurück. Es befand sich bereits jemand im Wagen, eine mondäne attraktive Dame um die vierzig, die entspannt zurückgelehnt und mit übereinandergeschlagenen Beinen in den schwellenden Polstern saß.
„Hallo, Silvia.“ Angenehm rauchig klang ihre Stimme. „Schön, Sie zu sehen.“
Silvia ließ sich ihr gegenüber nieder mit dem Rücken zur Scheibe, die den Fond vom Fahrerplatz trennte, und versuchte sich an einem freundlichen Lächeln. Dass sie es ihrerseits schön fand, diese Frau zu sehen, konnte sie nicht behaupten, zu seltsam waren die Umstände ihrer Begegnung.
„Mein Name ist von Sinnenhof“, stellte sich die Frau vor. Sie hatte dunkles, fast schwarzes Haar, das sie kunstvoll hochgesteckt trug, und dunkle Augen, die selbstsicher und wohlwollend schauten. Hübsch war ihr Gesicht, ernst, aristokratisch, und rot geschminkt waren die elegant geschwungenen vollen Lippen. Auch sie trug ein schwarzes knielanges und hochgeschlossenes Kleid ähnlich dem Silvias, und auch ihre Beine wurden von hauchzarten schwarzen Strümpfen umhüllt. Unwillkürlich fragte sich Silvia, ob auch sie von Strapsen Halt bekamen, dann aber ermahnte sie sich, nicht solch unnützes Zeugs zu denken. Immerhin schien diese Frau nicht die befürchtete knöcherne Gouvernante zu sein, auf den ersten Blick jedenfalls wirkte sie recht umgänglich, fast einnehmend. Der Wagen setzte sich in Bewegung, ohne dass man ein Motorengeräusch hörte, er rollte aus dem Hof und wurde sanft beschleunigt.
Edel und wertvoll, dabei unaufdringlich wirkte der Schmuck der Frau, ein goldenes Ohrgehänge, mit einem rubinroten Stein besetzt, eine Halskette aus lachsfarbenen Perlen und ein goldener breiter Armreif. Dezent duftete sie nach einem blumigen Parfüm. Sie ließ Silvia Zeit, sich einzufinden, während der Wagen einige Male anhielt, an Ampeln wohl, bis er mit mäßiger Geschwindigkeit dahinrollte.
Die Frau schlang beide Hände um ihre Knie und lächelte höflich. „Möchten Sie Ihre Jacke nicht ablegen? Es ist warm hier drinnen.“
Silvia zögerte einen Moment. Auch wenn die Worte wie ein Vorschlag geklungen hatten, beschlich sie doch das Gefühl, einen Befehl erhalten zu haben. Sie aber trotzig anzubehalten, hätte wohl einen sehr seltsamen Eindruck gemacht. Also schälte sie sich heraus und legte sie neben sich auf den Sitz.
„Wie war der Abschied von Ihrem Gatten?“
„Recht kühl, würde ich sagen. Mein Mann war ein bisschen nervös.“
„Und Sie?“
„Ich natürlich auch.“
„Sie haben sich vermutlich Sorgen gemacht, nicht wahr, hatten Zweifel und Bedenken, fragten sich, was Sie erwartet?“
„Natürlich. Das alles ist ja schließlich sehr ungewöhnlich.“
„Allerdings.“ Die erhofften beschwichtigenden Worte, die erklärten, dass es gar zu ungewöhnlich gar nicht sei und es keinen Grund zur Sorge gebe, diese Worte bekam Silvia nicht zu hören. Die Frau schaute ihr direkt in die Augen. „Es macht dir doch hoffentlich nichts aus, Silvia, wenn ich dich fortan mit Du anspreche?“
„Hm … wenn Sie meinen …?“
„Ja, ich meine. Es ist der Situation angemessen. – Was hat dein Mann dir denn erzählt über die kommende Zeit?“
„So gut wie nichts.“ Verstört zupfte Silvia die neben ihr liegende Jacke zurecht, fühlte sich plötzlich hilflos wie ein Kind vor der Lehrerin.
„Hast du ihn denn nicht nach Einzelheiten gefragt?“
„Doch, natürlich. Aber er gab keine richtige Antwort, sagte nur, dass er selbst nichts Genaues wisse.“
„Das stimmt, Genaues weiß er tatsächlich nicht. Was glaubst du, was er von dieser Zeit erwartet, oder von dir, um präziser zu sein?“
„Schwer zu sagen … vermutlich hofft er darauf, dass ich ihm den einen oder anderen Wunsch erfülle.“
„Den einen oder anderen Wunsch …“ Die Frau lächelte, als hätte Silvia einen wenig gelungenen Scherz gemacht. „Ein bisschen mehr wird er schon erwarten, denke ich mal. Aber darüber unterhalten wir uns später. – Und du, was erwartest du?“
„Ich weiß nicht … ich habe mir darüber kaum Gedanken gemacht. Eigentlich gab ich meine Zustimmung nur, um meinem Mann einen Gefallen zu tun.“
„So groß ist die Liebe?“ Die Frau wirkte amüsiert. Unvermittelt aber wurde ihre Stimme kühl, der Blick gebieterisch. „Du hast deine Zustimmung nicht nur ihm zuliebe gegeben. Würdest du es nicht wollen, wärst du nicht hier. Du erwartest dir sehr wohl etwas, auch wenn du es nicht eingestehen willst, mir nicht und dir selbst auch nicht, weil du dich schämst. Habe ich recht, Silvia?“
Silvia senkte die Lider, konnte diesen Blick nicht mehr ertragen, der viel zu tief schaute. Schnell fuhr der Wagen inzwischen, schnell und mit gleichmäßiger Geschwindigkeit, als befände er sich auf einer Autobahn.
Die Frau lächelte nachsichtig. „Du musst dich nicht genieren. Viele fühlen wie du, haben Lust daran, sich fallenzulassen, die Last der Verantwortung abzuschütteln, gehorsam zu sein. Das ist kein Makel, das ist Teil des menschlichen Wesens, ebenso elementar wie Kraft, Stärke, Widerspenstigkeit. Lass einfach los und tu, was von dir verlangt wird, es wird dir guttun und wir beide werden miteinander auskommen. Das willst du doch, dass wir uns verstehen, nicht wahr, Silvia?“
Silvia nickte, eher halbherzig denn überzeugt.
Noch ein bisschen höher hob die Frau den Kopf und legte ihn ein klein wenig schräg. „Hast du einen Slip an?“
„Bitte?“
„Ob du einen Slip anhast. Du kannst es auch Höschen nennen, wenn dir das lieber ist.“
„Ja, natürlich.“
„Was, ja, natürlich?“
„Ich habe ein Höschen an.“
„So natürlich ist das nicht. Aber wie sieht es aus? Beschreibe es mir!“
„Möchten Sie das wirklich wissen?“
„Würde ich dich danach fragen, wenn ich es nicht wissen wollte?“
Wieder wich Silvia dem Blick der Frau aus. Zögernd kamen die Worte von ihren Lippen. „Es ist schwarz. Schwarz und klein.“
„Beschreib es genauer!“
„Nun ja … es ist ein String. Die Säume sind mit Rüschen besetzt, vorn ist er halb durchsichtig. Mein Mann hat ihn mir geschenkt.“
„Wie nett von ihm. – Zieh es aus!“ War diese Frau etwa lesbisch, war das ein Annäherungsversuch? Eher wohl eine Vergewaltigung, wenn keine physische, dann eine der Seele. „Zieh es aus! Zier dich nicht! Gewöhne dich daran, den Anweisungen zu folgen!“
Der Imperativ, ausgesprochen mit suggestiver Kraft, Silvia konnte sich nicht widersetzen. Wie mechanisch, als würden sie von einem fremden Antrieb bewegt und nicht mehr ihrem eigenen Willen gehorchen, lösten sich ihre Beine voneinander. Ihre Hände glitten unter das Kleid, sie stemmte sich hoch und zog das Höschen über die Schenkel, streifte es über die seidigen Strümpfe und zupfte es mit fahrigen Fingern über die hohen Absätze der Schuhe. Ratlos hielt sie es in der Hand.
„Du brauchst es nicht mehr. Wirf es aus dem Fenster.“
Silvia kurbelte die Scheibe einen Spalt weit herunter, hörte den Fahrtwind brausen, raffte die Gardine zur Seite und schob es hinaus. Es blähte sich auf wie eine Fahne im Sturm und war im Nu verweht, als ihre Finger sich öffneten. Für einen Moment wartete sie auf das Kreischen von Pneus, da sie befürchtete, dass es auf der Windschutzscheibe eines hinterherfahrenden Pkws landen könnte, doch nichts geschah. Flaches Land zog draußen vorbei und am Horizont erhoben sich die blauen Kämme eines Mittelgebirges. In Richtung Norden waren sie also unterwegs, wohin auch immer.
Kaum hatte sie das Fenster wieder geschlossen und die Gardine vorgezogen, erteilte die Frau ihr den nächsten Befehl: „Es ist dir von nun an nicht mehr gestattet, auf dem Kleid zu sitzen. Nimm es hoch!“



