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Und es wäre auch nicht schwer zu begreifen gewesen, dass Wolfgangs Vorschlag zum Aufenthalt in diesem obskuren Schloss eine Falle war, in der sie nun saß, rettungslos verloren. Auch das hätte sie wissen müssen. Aber vielleicht hatte sie es ja gewusst, vielleicht hatte diese andere, die neue oder neu entdeckte Frau in ihr, die ihren Gefallen fand an diesem perversen Dildo, am Gehorsam, sogar an der Furcht, vielleicht hatte diese die Bedenken zur Seite gedrängt. Und vielleicht würde diese sogar dann, wenn sich die Uhr wirklich zurückdrehen ließe, wieder zur Zusage drängen und erneut gewinnen, weil sie stärker war als die bekannte Silvia, die nichts als ereignislose Gleichförmigkeit zu bieten hatte und die Tiefe der Gefühle nicht kannte. Seufzend hängte sie den Slip an den Haken, richtete den Phallus auf, wie es sich gehörte, und dachte furchtsam an morgen …
Die Freuden des Lehrmeisters
Pünktlich um acht Uhr waren die Mädchen oben im Kaminzimmer zum Unterricht versammelt. Sie saßen auf Sesseln und Sofas ohne festgelegte Ordnung, unglaublich. Als ihr „Lehrmeister“ den Raum betrat, erhob sich der Aufseher von seinem Platz, nickte ihm zu und ging hinaus, wurde offenbar nicht gebraucht. Für einen Moment fühlte sich Silvia erleichtert, da sie ihn noch immer herausfordernd neben sich stehen sah, der ganze Mann einzige Erwartung. Hätte sie doch nur … Aber sie hatte nicht, nun war es zu spät.
Mit ihm gingen diese Gedanken, denn Neues verlangte die Aufmerksamkeit. Der Lehrer gab sich zufrieden mit dem undifferenzierten Gemurmel, das ihn begrüßte, er verlangte keinen artigen Chor, schien auf die sonst übliche Disziplin des Hauses keinen Wert zu legen, strahlte eine nachsichtige, wohlgesinnte Sanftheit aus. Er trug einen dunklen Cordanzug mit Weste, ein weißes Hemd und eine schreiend farbenprächtige Krawatte, unter seinem Arm klemmte eine prall gefüllte Aktentasche, wie es sich für einen Lehrer gehörte. Er stellte sie auf einem der Tische ab, entnahm ihr einige Blätter und verteilte sie an die Mädchen. Darauf fanden sie die aktuellen Wetterdaten ihrer Urlaubsländer, damit ihre Briefe und Karten auch plausibel klangen.
In Finnland, wo sich Jasmin befand, war es für die Jahreszeit recht kühl und zudem regnerisch. „Gut, dann kann ich nicht allzu viel erleben und muss auch nicht viel schreiben“, kommentierte sie zufrieden. In Tunesien, Isabels Urlaubsland, war es dagegen heiß und trocken, wie nicht anders zu erwarten. „Dann darf man halt nicht so viel anziehen“, meinte sie.
Auch in der Mongolei, wo sich Claudia aufhielt, war es trocken, wenn auch wesentlich kühler.
„Wie bist du eigentlich auf Mongolei gekommen?“, fragte Silvia.
„Ach, zuerst dachte ich, dass Sibirien als angeblicher Aufenthaltsort für diese Zeit am sinnigsten wäre. Da mir das aber niemand geglaubt hätte, entschied ich mich halt für die Mongolei.“
Silvia seufzte schwer. „Ich hätte dir auch Sibirien abgenommen. Und den Mond auch. Anscheinend glaube ich wirklich alles …“ Doch durfte man nicht zu viel reden. Der seltsame Lehrer guckte schon komisch.
In Italien, Marias Urlaubsland, und in Südfrankreich, wohin Silvia gereist war, entsprach das Wetter mit relativ kühlen zwanzig bis zweiundzwanzig Grad und einer dichten Wolkendecke keinesfalls den Erwartungen.
Auch Postkarten wurden verteilt, damit sie beschrieben werden konnten mit all den Lügen, die ihnen über ihre Urlaubserlebnisse einfielen. Damit sie bei Bedarf mit Fakten angereichert werden konnten, gab es allgemeine Informationen über die Länder ihrer Wahl. Die Mädchen erfuhren, dass es in Finnland circa fünf Millionen Einwohner gibt, von denen über neunzig Prozent finnisch, der Rest schwedisch spricht, und dass sechsundneunzig Prozent der Bevölkerung der evangelisch-lutherischen Religion angehören, dass Rinder, Schafe, Schweine und Pferde gezüchtet werden und im Norden etwa einhundertfünfundvierzigtausend Rentiere leben. – Auch über Frankreich wusste der gütige Lehrmeister einiges zu berichten, nämlich dass es in der Nähe von Roussillon, der Stadt des berühmten Ockerfelsens, einen malerisch verwinkelten Ort namens Lacoste gibt, über dessen granitgrauen Mauern sich eine Burg erhebt. In dieser hatte einst das Geschlecht des Marquis de Sade residiert und hier hatte er, so flüsterten Gerüchte, einige seiner Untaten begangen. – Natürlich, eine solche Information durfte ja nicht fehlen.
Überhaupt war der ganze „Unterricht“ sehr auf die herrschenden Gegebenheiten ausgerichtet, so musste Silvia bald bemerken. Im Fach „Griechische Mythologie“ lernte sie, wer die ersten Prostituierten waren, nämlich die Kerasten, die frechen Töchter des Propoitos, die es wagten, die Göttlichkeit der Venus zu leugnen, und deshalb zur Strafe unter dem Zorn der Göttin als Erste Leib und Schönheit öffentlich preisgeben mussten. Das hatten sie nun davon. „Und als sie alle Scham verloren hatten und ihre starren Gesichter nicht mehr erröten konnten, da wurden sie – der Unterschied war gering – in kalte Steine verwandelt.“ Das waren Aussichten! Allen Ernstes fragte sich Silvia, ob die Herrin einverstanden sein könne mit einem Unterricht, der ihren Mädchen solch trübe Prognosen stellte. Und wie kam dieser Lehrer eigentlich damit zurecht, den ganzen Abend lang umringt von kaum bekleideten Mädchen über solche Dinge zu sprechen? Ob ihn das nicht erregte und ob es hier im Haus eine Möglichkeit für ihn gab, diese Erregung, falls vorhanden, zu befriedigen? Das waren Fragen! Sie bewiesen immerhin, dass Silvia nicht ständig an dieses schreckliche Abendessen und die drohende Peitsche dachte. Ihr Geist war klug genug, sich anderen Dingen zuzuwenden.
Zum Beispiel dem Deutschunterricht, der den griechischen Sagen folgte. O nein, nicht so etwas Langweiliges, dachte Silvia mit einem geplagten Seufzen. Aber es musste sein, da der Lehrer es so wünschte. Benötigt wurde dazu das Buch ohne Titel, von dem jedes der Mädchen ein Exemplar besaß. Sie holten es aus ihren Schubladen und ließen sich wieder nieder, nicht ohne das Gewand zu lüpfen und die Knie zu öffnen, wurde darauf doch auch während des ansonsten entspannten Unterrichts nicht verzichtet. Auch ihr Lehrer, der während der ganzen Zeit schon auf und ab ging, also ein Peripatetiker im eigentlichen Sinn des Wortes war, hielt ein Exemplar des Buches in der Hand. Er blieb nun stehen, blätterte darin und sagte nach kurzer Suche: „Schlagt bitte Seite achtunddreißig auf.“ Sie taten, wie ihnen geheißen, und rasch überflog Silvia die ersten Zeilen. – Oh. Was war das? Nach Deutschunterricht klang dieser Text aber nicht.
„Wer liest denn mal …?“ Sinnierend schweifte der Blick des Lehrers über die Mädchen. „Ach, unsere Neue, unsere Silvia, die Widerspenstige, deren Zähmung noch ansteht.“ Also wusste auch er schon Bescheid. Offenbar hatte sich die Szene bei Tisch im ganzen Haus herumgesprochen. „Lies doch mal den zweiten Abschnitt von oben.“
Herrje, jetzt sollte sie dieses pornografische Geschreibsel auch noch laut zu Gehör bringen? Aber nur nicht schon wieder eine Anweisung verweigern. Sie räusperte sich und trieb die Worte zaudernd von ihren Lippen.
„Nackt war die junge hübsche Schlampe mit dem langen goldenen Haar und den prächtigen Titten. Sie kauerte auf allen vieren und schaute furchtsam hoch zu vier Männern. „Steck dir den rein, Miststück“, befahl einer von ihnen, der eine lange Peitsche in der Hand hielt, und ein anderer warf ihr einen Dildo zu, der einige Schritte von ihr entfernt zum Liegen kam. Sie wollte aufstehen und ihn holen, doch klatschte die Peitsche auf ihren Rücken. „Bleib schön auf den Knien!“ Schluchzend kroch sie hin, nahm den Dildo zur Hand und schob ihn in ihre rasierte feuchte Möse.“
„Genug“, unterbrach der Lehrer ihre Lesung. „Du hast eine schöne Stimme und hast auch ganz passabel betont. – Aber lassen wir den Text noch einmal Revue passieren: Claudia, was meinst du, was er zum Ausdruck bringt?“
„Die Angst des Mädchens.“
„Und wovor hat sie Angst, Isabel?“
„Vor dem Mann und vor seiner Peitsche.“
„Und was bewirkt diese Angst, Silvia?“
„Sie bringt das Mädchen dazu, das zu tun, was der Mann von ihr will.“
„Ist es nur die Angst, die sie dazu bringt, Maria?“
„Nein, es ist auch der Schmerz, den sie spürt.“
„Aber der Schmerz ist schon da, wegen diesem muss sie die Wünsche des Mannes nicht mehr erfüllen. Was also ist es genau, das sie auf allen vieren kriechen lässt?" Seine Frage galt nun allen, die sie allesamt Expertinnen waren in Sachen Versklavung.
„Es ist die Angst vor dem nächsten, vor dem drohenden neuen Schmerz“, sagte Maria.
„Genau das ist der Punkt. Vor dem erlittenen Schmerz muss man keine Angst haben. Der tut zwar weh, ist aber keine Bedrohung, da der Vergangenheit angehörend. Nur wenn er als Möglichkeit seiner Erneuerung in die Zukunft weist, kann er Angst erzeugen und Gefügigkeit bewirken. – Mit welchem Kasus aber haben wir es zu tun beim Ausdruck in ihre rasierte feuchte Möse? Weißt du das, Silvia?“
Rasch und stumm stellte sich Silvia die aufschlussgebende Frage, die man ihr seinerzeit in der Schule beigebracht hatte. „In wen oder was steckte sie den Dildo?“ Ja, das passte, grammatikalisch jedenfalls, aber natürlich auch in der Imagination. „Es handelt sich um einen Akkusativ, würde ich denken.“
„Ach, du scheinst ja in Grammatik gar nicht so schlecht zu sein.“ Er klang überrascht, als habe er das nicht für möglich gehalten, und setzte das gewichtige Wandern auf und ab wieder fort. Wie suchend schweifte sein Blick dabei über die Mädchen hinweg und blieb bei Isabel hängen. „Sie ist blond wie du, die Protagonistin der Geschichte. Wie ich dich kenne, hast du bestimmt schon ein bisschen weiter gelesen. – Erzähle mir doch, was sie als Nächstes tut.“
Wie bei einem Vergehen ertappt, senkte Isabel den Blick und wickelte eine Locke ihres Haares um den Finger. „Sie macht es ihnen mit dem Mund.“
„So ist es. Sie macht es ihnen mit dem Mund.“ Er hielt im Schritt inne, verschlang sie mit seinem Blick. „Komm her, Isabel. Es soll nicht alles nur Theorie bleiben.“ Sie erhob sich vom Sessel, ging zu ihm hin, wusste offenbar genau, was er wollte, ließ sich vor ihm mit gespreizten Schenkeln auf die Knie nieder und öffnete den Reißverschluss seiner Hose, brachte einen runzligen, halb aufgerichteten Penis hervor. Sie legte die Hände auf die Knie, was sie schrecklich devot aussehen ließ, beleckte ihn mit kreisender Zungenspitze und sog ihn in den Mund, begann an ihm zu lutschen, als sei so etwas völlig normal. Einige von Silvias Fragen waren damit also beantwortet. Der Unterricht erregte ihn und er musste nicht leiden am unbefriedigten Verlangen, denn die Mädchen linderten, was sie schufen.
Jasmin musste weiterlesen:
„Gerufen von den Männern, kroch die Schlampe stöhnend zu ihnen hin. Sie bildeten einen Kreis um sie und sie musste jedem einen blasen. Der Erste spritzte sein Sperma in ihren Mund, der nächste in ihr Gesicht. Der Dildo glitt aus ihr heraus und sie erhielt einige Peitschenhiebe, steckte ihn wimmernd wieder hinein, lutschte am nächsten Schwanz, der sich wieder in ihren Mund ergoss, während der letzte ihre Titten besudelte. Sie musste den Saft mit den Fingern abwischen und sie abschlecken, während sie sich unter der Peitsche wand. Die Schlampe hatte es nicht besser verdient, denn sie war ungehorsam gewesen.“
Isabel wurde weniger missbraucht, musste ja nur den famosen Lehrmeister empfangen. Er packte sie am blonden Haar und ergoss sich ächzend in ihren Mund, streichelte ihren Kopf, während sie ihn geduldig aussaugte.
„Das hast du schön gemacht“, lobte er. „Du kannst dich setzen.“
Ihre Lippen ließen von ihm ab, sie verschloss seine Hose, erhob sich von den Knien und kehrte zu ihrem Platz zurück, vergaß nicht das Gewand zu lüpfen, ihre Knie öffneten sich und ihre Zungenspitze glitt über die glänzenden Lippen.
Versonnen ruhte des Lehrers Blick auf ihr. „Ich liebe diesen Unterricht mit euch. Könnte ich ihn doch nur mit den Mädchen meines Gymnasiums ähnlich gestalten.“ Er schaute auf die Uhr und sah, dass es gleich halb elf war. „Die Zeit vergeht hier wie im Flug.“ Er nahm seine Tasche zur Hand, verabschiedete sich freundlich und zufrieden. „Bis morgen dann. Träumt etwas Schönes.“ Sachte zog er die Tür hinter sich ins Schloss.
Verstört schaute Silvia ihm nach. „Ist das bei ihm immer so?“
Jasmin, die in ihrer Nähe saß, zuckte wie gleichgültig mit den Achseln. „Immer nicht, er ist ja nicht mehr der Jüngste. Aber immer wieder mal.“
So diente also auch dieser Unterricht der Vorbereitung, wie alles hier, Claudia hatte es prophezeit und recht behalten. Vorbereitung auf einen fremden Mann und den vertrauten Gebieter. Wie selbstverständlich wurde hier praktiziert, was Wolfgang seinerzeit verlangt und sie entrüstet abgelehnt hatte: Du kannst mir mal schnell einen blasen. Nach diesen Wochen hier würde ihr ein solches Ansinnen wohl ganz normal erscheinen. Ihr Gatte konnte sich freuen.
Kurz nur blieben die Mädchen unbeaufsichtigt, gleich kam der Blonde herein und führte sie hinunter in ihr Gewölbe. Sie machten sich wie üblich für die Nacht bereit und wurden in die Zellen gesperrt. Suchend nach Wärme verkroch sich Silvia unter der Decke. Welch ein Tag! Welch ein Leben! Anstrengend war das Dasein als Sklavin, viel Kraft raubten diese Tage voller Furcht, voller Demütigung und Schande, gnädig fielen ihre Augen zu, keine neue Träne benetzte das geduldige Kissen.
Vom Schmerz und seiner Linderung
Verwirrende Träume erfüllten Silvias flachen Schlaf, wovon sie handelten, wusste sie nicht mehr, ihre Stimmung aber, Furcht, Scham, Sorglosigkeit, blieben zurück als Gruß an den neuen Tag. – Sorglosigkeit? Es war der Tag der Peitsche, fiel ihr siedeheiß ein und eine kalte Hand umfasste ihr Herz. Das Schlüsselklappern des dunkelhaarigen Aufsehers und seine rostige Stimme hatten sie geweckt: „Zeit zum Aufstehen, alles raus aus den Federn.“ Aber es gab keine Federn, kein bequemes Bett, nur die dünne Decke auf einer Pritsche, ringsum die Gitterstäbe und daran die Belagerer, von denen sie auch heute wieder erobert würde. Nein, dieser eine Traum, an den sie sich ganz klar erinnern konnte, der war gar keiner, der war ihr neues Leben.
Sie erhob sich wie gerädert, zupfte das bisschen Hemd zurecht und trottete gähnend zur Toilette. Sie war müde, als hätte sie den gestrigen Tag und die halbe Nacht bei schwerer Arbeit zugebracht, in einem Steinbruch vielleicht oder beim Lernen deutscher Grammatik und Textinterpretation. Überdies fühlte sie sich verkatert, als hätte sie zu viel Alkohol getrunken, den es hier in diesem Haus für sie doch gar nicht gab, womit sie auch Sklavin des gesunden Lebenswandels war, wie unbarmherzig man sie doch behandelte. Das kalte Wasser brachte Belebung und allmählich nahm sie ihre Umgebung wahr. Das aber war kein Fortschritt. Sie sah die roten Striemen auf Marias Rücken und Hintern, sie waren ordentlich gezeichnet, einer über dem andern in gleichmäßigem Abstand, etwas blasser geworden, aber immer noch erschreckend.
„Nein, es tut kaum noch weh.“ Flüsternd beantwortete Maria beim Abtrocknen Silvias besorgte Frage. „Es sieht schlimmer aus, als es ist.“
Ein Trost, aber nur ein schwacher. „Hätte ich es doch nur schon überstanden. Oder hätte ich doch gegessen oder getan, was die Herrin verlangte.“
Achselzuckend hängte Maria das Handtuch zurück. „Früher oder später wärst du sowieso dran gewesen.“
Claudia, die neben ihnen stand und Zahncreme auf ihre rosafarbene Bürste gab, schenkte Silvia ein verständnisvolles Lächeln. „Aber dein Tempo ist schon enorm. So schnell hat es keine von uns geschafft.“
Sie blickte besorgt zum Aufseher hin, der sich an ihren Worten aber nicht störte. Er stand mitten im Raum, hielt die Arme vor der Brust verschränkt und beschaute sich wie abwesend Marias geschundenen Rücken. Sein Werk. Der Anblick schien ihm kein schlechtes Gewissen zu bereiten, wie sollte es auch, er tat ja nur seine Pflicht, und das war ein Argument, das schon immer jede Untat gerechtfertigt hatte. Oder huschte etwa doch ein Ausdruck von Mitgefühl über seine Miene? Vermutlich hatte sich Silvia getäuscht. Gleich wandte sie den Blick zur Seite, ihn nur nicht wieder anstarren wie ein Kind den ehrfurchtgebietenden Parkplatzwächter.
Ein freundlich helles Aquamarin war die Farbe des Dienstags, so sah Silvia beim Anblick der „Schürzen“, die der ältere der beiden Jungs für alles ihnen brachte. Mit dieser Farbe dürfte sie das einzig Freundliche dieses Tages gesehen haben, dachte sie und ließ sich von Claudia die Schleife am Rücken binden. So tief glitt deren Hand dabei, dass die Regel, welche „unkeusche Berührungen“ verbot, sehr in Gefahr schwebte, verletzt zu werden. Ob ihr die Verletzung wehtun würde? Und welche war es noch mal? Ach ja, Regel acht. Mancher Regelverstoß war sehr angenehm, stellte Silvia fest. Wenn nur nicht der Preis so hoch wäre. – Bevor der Aufseher sie entdeckte, ließ die Hand wieder von ihr ab. Blieb als Zärtlichkeit nur ein liebevolles Lächeln.
Das wohlige Gefühl wurde von Silvias Kummer nicht vertrieben, ebenso wenig der Appetit beim Frühstück. Sie verzehrte die beiden ihr zugedachten Brötchen und das Croissant, dann noch ein halbes, das Isabel ihr überließ. Die Hälfte der halben Semmel, die ihr danach Maria anbot, lehnte sie allerdings dankend ab: „Ich sollte mal aufhören. Ich weiß gar nicht, weshalb ich heute Morgen so hungrig war.“
„Das kommt davon, wenn man abends nichts isst.“ Ein unterschwelliger Tadel in Jasmins Worten war nicht zu überhören.
„Ich werde mich bessern und fortan alle Leckereien klaglos hinunterschlingen, mit oder Pimentkerne.“ – O Gott, der Aufseher! Besorgt huschte Silvias Blick zu ihm hinüber. Er aber rührte geduldig in seinem Kaffee, lächelte verstohlen in sich hinein und schien die Unterhaltung nicht zu hören. Sie musste sich vor ihm nicht ständig fürchten, dachte sie beruhigt. – Aber wieso beruhigt? Natürlich musste sie sich vor ihm fürchten! Angstvoll schweifte ihr Blick hinauf zur Peitsche, die bedrohlich an der Wand hing, wartend darauf, dass eine grobe Aufseherhand sie zum Leben erwecke. Bald würde Silvias Rücken so aussehen wie der Marias, und vermutlich würde dieser Camus lesende und amüsiert lächelnde Folterknecht höchstpersönlich dafür sorgen.
Für weitere Ablenkung von ihrer Furcht sorgte oben in der Küche beim Geschirrspülen und unten beim Reinigen der Toiletten und des Duschraums der Poformer mit seiner aufreizenden Dicke. Immer wieder ließ er sie erzittern, immer wieder vertrieb ein Gefühl wohliger Lust die quälenden Gedanken; an diesem Vormittag lernte Silvia ihn zu schätzen.
Weniger hilfreich wirkten die Ketten, die sie nach dem Duschen und dem Schminken von Claudia angelegt bekam, der heutigen „Helferin“. Diese boten kein Vergessen, erinnerten ganz im Gegenteil daran, dass die Zeit verstrich und die Vollstreckung des Urteils bald bevorstand. Beim Mittagessen fehlte ihr der Appetit, kaum einen Bissen brachte sie hinunter, zum Glück aber gab es niemand, der sich daran störte. Die Herrin befand sich nicht im Raum und dem Aufseher war es egal, ob sie aß oder nicht. Der saß schweigend wie immer auf seinem Platz, schien weit entrückt, mit den Gedanken irgendwo, wohin niemand ihm folgen konnte, vielleicht auch niemand folgen mochte. Ob es eine schöne Welt war, in der er sich befand? Silvia bezweifelte es schwer. Vermutlich träumte er von Kerkern, Peitschen und anderen, raffinierteren Foltermethoden. Ganz sicher allerdings war sie sich ihres geringschätzigen Urteils nicht …
Als er von seiner imaginären Welt in den Raum zurückkehrte, Leben ihn erfüllte und er sich vom Stuhl erhob, begann ihr Herz aufgeregt zu pochen. Nun also war sie fast am Ende des Kreuzweges angelangt; bald musste sie sich nicht mehr fürchten, sondern nur noch leiden. Zögernden Schrittes verließ sie mit den anderen den Speisesaal und schwer nur trugen die weichen Knie sie über den Flur und die Stufen hinunter. Unten wurden sie vom blondhaarigen Aufseher und von der Herrin erwartet. Diese trug wieder ein schwarzes Kleid und schwarze Stöckelschuhe; ihr Haar war hochgesteckt wie bei ihrer ersten Begegnung, die Silvia unendlich lang zurückzuliegen schien. Kühl war der Blick, mit dem sie Silvia musterte, steinern war ihre Miene, ausdruckslos und unerbittlich. Silvia musste zwei Schritte vortreten, stand ganz alleine da, eine Angeklagte ohne Verteidigung.
„Du weißt, weshalb du bestraft wirst“, durchschnitt die Stimme der Herrin die atemlose Stille.
„Ja, meine Herrin, ich weiß es.“
„Dann sage es mir!“
„Weil ich mich Eurem Befehl widersetzte, meine Herrin.“
Die Herrin nickte, fast wohlwollend, wie man hätte meinen können. „Du warst aufsässig. Und du warst schockiert, nicht wahr, konntest nicht vor aller Augen an einem Schwanz lutschen. Hast zu viel gute Erziehung hinter dir.“ – Zu viel gute Erziehung? Gab es das? Und wie passte diese Gossensprache zur edlen Herrin? Und hörte man in ihren Worten nicht den Anflug eines ironischen Verständnisses? Gleich aber klang sie wieder kühl. „Du solltest dich daran gewöhnen. Es ist besser für dich.“
Woran sollte sie sich gewöhnen? Ans Schwanzlutschen vielleicht? Silvia fragte lieber nicht nach. „Ja, meine Herrin, ich gewöhne mich daran.“
„Wir werden sehen.“ Auffordernd nickte die Herrin dem blonden Aufseher zu.
Dieser näherte sich Silvia, nahm ihr die Ketten ab und streifte ihr die Träger des Gewandes von den Achseln. Ein kalter Schauer rieselte über ihren Rücken. Sie sah die Kette von der Decke herabsinken, sah die beiden Enden dicht über ihrem Kopf, dachte nicht daran, die gelähmten Arme zu heben. Doch wurden sie hochgehoben und silberhell rasteten die zierlichen Haken in den Verschlüssen der Armbänder ein. Langsam, doch unaufhaltsam schwebte die Kette nach oben, spannte ihren Körper und hielt erst still, als sie auf den Fußballen stand. Ein banges Seufzen entrang sich ihren Lippen. Wie Maria gestern, so wandte auch sie den Kopf zur Seite, als der Blondhaarige dicht vor sie trat, nicht weil sein Atem unangenehm war, sondern um der viel zu intimen Nähe auszuweichen. Er öffnete die Schlaufen ihres Gewandes und kraftlos sank es hinab. Silvia schloss die Augen. Wie still es war in ihrer Nacht des Schreckens, kein Laut ließ sich vernehmen, doch zitterte die Luft, als werde sie gleich zerreißen.
Dann sprach die Herrin die Formel des Schmerzes: „Zwanzig Hiebe.“
Noch bevor Silvia angstvoll die Zähne zusammenbeißen konnte, spürte sie eine Explosion auf dem Rücken, glühendes Feuer, ihr Körper bäumte sich auf, von den Lippen brach ein qualvolles Schluchzen. Es war, als fiele ein wildes Tier sie an. Wieder biss es zu und verzweifelt zerrten die Hände an den Ketten, wollten sich befreien, dann könnte sie fliehen. Beim nächsten Hieb drehte sie sich halb zur Seite, mit der Folge, dass die Peitsche auch auf den Rippen Feuer entfachte. Wieder kam der Biss des Tieres, immer und immer wieder im gleichbleibenden Rhythmus, der ihr Zeit ließ zur Furcht vor jedem neuen Hieb. Dann endlich blieb der nächste Biss aus, das Tier belauerte sie stumm, sprang sie nicht mehr an, kaum konnte sie es glauben. Ihr Rücken stand in Flammen, loderndes Feuer, das ihre Widerspenstigkeit verzehrte und nur die Asche des Gehorsams übrig ließ. Kein zweites Mal wollte sie so etwas erleben, jedem Ansinnen würde sie fortan Folge leisten, alles tun, was man von ihr verlangte. – Die Spannung wich aus ihrem Körper, stöhnend kam sie auf den Absätzen der Schuhe zu stehen. Ihre Armbänder wurden von den Ketten befreit und die Hände sanken herab.
Geleitet vom blonden Aufseher, ging sie zu ihrer Zelle, ließ sich bäuchlings auf die Pritsche sinken. Peitschenhiebe! Als sei sie ein wildes Tier, vom wilden Tier gezähmt. Sie zitterte am ganzen Körper, fühlte ihre Ohnmacht. Man konnte sie peitschen, wann immer man wollte, es gab keine Rettung, es gab nur Fügsamkeit, bedingungslose, erlösende Unterwerfung.
Sie fühlte eine Hand zärtlich über ihr Haar streicheln, roch den Duft eines dunklen, geheimnisvollen Parfüms und vernahm tiefe Atemzüge. Mühsam schaute sie hoch und sah Claudia neben der Pritsche stehen. Ihr Gewand war hochgeschlagen und am Halsband befestigt, aus dem wollig braunen Schamhaar lugte das silberne Kettchen hervor. Sanft schob sie Silvias Hände zu den Pritschenecken und kettete sie fest. Silvia fühlte ein tröstliches Streicheln am Kopf, dann kitzelndes Haar auf dem Po, warme Lippen zwischen den Beinen, eine Zungenspitze am Schoß. Sinnlichkeit mischte sich in den Schmerz wie Balsam, der das brennende Feuer kühlte. Sie hörte ein gedämpftes Klacken, spürte, wie die Kugeln in sie gedrängt wurden, empfing sie stöhnend. Noch einmal wurde ihre Scheide von der zärtlichen Zunge liebkost und von warmen Lippen geküsst, dann mussten sie Abschied nehmen, glitten sanft über den Po und zur Taille, liebkosten die geschundene Haut und zogen sich zurück.




