- -
- 100%
- +
Anton schaute Willem ungläubig an. Auch Jasmin hatte es angesichts der großspurigen Forderung die Sprache verschlagen. Und Bruder Boris hielt sich erschrocken eine Hand vor den Mund.
„Dafür krieg ich bei jedem anderen Mauerspecht die dreifache Menge“, beschwerte sich Schwanz von Brettschuss.
„Bloß nicht von der Sorte“, widersprach Willem nassforsch. „Das ist nämlich Güteklasse eins.“
„Aber sonst geht’s noch?“
„Wofür brauchen Sie eigentlich so viele?“
„Mir ist da beim Spaziergang ein Gedanke gekommen. Ich könnte mir vorstellen, dass ich meinen engsten Freunden und Geschäftspartnern jeweils ein Steinchen als Glücksbringer ins Kuvert mit der Neujahrskarte lege.“
„Fabelhafte Idee!“, lobte Willem.
„Es sind neunzehn Teile“, hatte der Dicke inzwischen festgestellt. „Ich gebe euch zehn Mark und wir sind quitt.“
„Was?“, protestierte Jasmin. „Für ’nen Appel und ein Ei verkaufen wir nicht. Da können wir die ganze Ladung ja gleich in die Spree werfen.“
„Wenn ihr meint, dass ihr dabei besser wegkommt!“
„Wissen Sie, was das für ’ne Schinderei ist?!“ Anton zog die Handschuhe aus und zeigte seine linke Hand vor, die an den Knöcheln von frischem Schorf überzogen war. Der Daumennagel glänzte blau, der kleine Finger und der Ringfinger waren mit Heftpflaster beklebt.
„Soll ich vielleicht für deine Ungeschicklichkeit zahlen?“ Unbeeindruckt winkte Schwanz von Brettschuss ab. „Überlegt euch die Sache, ich habe meine Zeit nicht gestohlen.“
„Sagen Sie zwanzig“, schaltete sich Willem vermittelnd ein, „und die Sache ist geritzt.“
„Keine Chance, Kaiser Willem“, antwortete von Brettschuss schroff und wies mit seinem Regenschirm wie mit einem Zeigestock zu den benachbarten Ständen, an denen die Händler bereits lange Hälse machten. „Das Angebot übersteigt bei Weitem die Nachfrage. Diesmal habe ich die besseren Karten. Und deshalb bestimme ich den Preis.“ Er grinste überlegen. „Aber man ist ja kein Unmensch. Weil du es bist – fünfzehn Mark. Mein letztes Wort!“
„Okay“, willigte Jasmin bekümmert ein, während Anton auf das Pflaster spuckte und halblaut, und zudem sicherheitshalber auf Russisch, eine Verwünschung in den Dezemberhimmel schickte.
„Dann noch einen schönen Tag, die Herrschaften“, verabschiedete sich von Brettschuss, strich Bart und Schal glatt und trug seinen Erwerb in einer zerknautschten Tchibo-Tüte, die er am Nebentisch geschnorrt hatte, davon.
„Scheiß Kapitalist!“, rief Anton ihm hinterher, als er sicher war, dass der aufgebrezelte Ziegenbart ihn nicht mehr hören konnte. „Mensch, Alter, du kennst vielleicht Leute! Schlepp uns ja nicht noch einmal so einen Kotzbrocken an!“ Als er sich halbwegs beruhigt hatte, fing er laut zu dividieren an. „Fünfzehn durch drei – macht …“
„Falsch!“, fuhr ihm Jasmin in die Mathematik.
„ … für jeden fünf“, brachte der große Warkentin sein Rechenstück zu Ende. „Was soll daran falsch sein?“
„Du hast Willem vergessen.“
„Das ist jetzt nicht dein Ernst?!“
„Selber denken macht schlau!“ Jasmin warf herausfordernd die Lippen auf. „Das moppelige Riesentier hat uns zwar voll fett über den Nuckel gezogen, aber ohne Willi wäre das Geschäft gar nicht zustande gekommen“, stellte sie trocken fest. „Wenigstens sind wir alle Steine los. Jeder kriegt zwei Mark fünfzig, der Rest kommt in die Gemeinschaftskasse.“
„Darüber müssen wir abstimmen!“, forderte Anton.
„Müssen wir nicht!“ Jasmin tippte spitzbübisch mit dem Zeigefinger der rechten Hand auf ihr „M“-und-„P“-Stirnband und mit dem Daumen der linken auf ihren Bauch. „Schon vergessen, wer heute im Team Mauer Power die Ansagen macht?“
Während Boris und sein großer Bruder zweisprachig murrten, verteilte Jasmin die Beute und reichte, an Willem gewandt, die Begründung nach. „Wir sparen nämlich auf einen neuen Meißel.“
Willem rieb sich verstohlen die Beule, die er sich beim Sturz von der Mauer eingehandelt hatte und die noch immer an seinem Hinterkopf blühte. „Der alte ist wirklich Schrott.“
„Borja und ich, wir hauen jetzt ab“, erklärte Anton. „Unser Papa hat uns nur einen halben Tag Ausgang genehmigt. Ich soll nachher beim Umzugskistenpacken helfen.“
Der kleine Warkentin zog geräuschvoll Schnodder durch die Nase und nickte bekümmert. „Bruder Boris auch.“
„Wo zieht ihr überhaupt hin?“, wollte Jasmin wissen. „Ich würde ja nie im Leben aus Charlottenburg abhauen.“
Boris und Anton klappten synchron die Unterlippe aus, stiegen aber nicht auf die Frage ein. „Wir sehen uns am Montag um drei?“
„Mauer Power!“, bestätigte Jasmin und hielt den beiden die Handflächen entgegen.
„Mauer Power!“, ratschten die Brüder wie aus einer Kehle, klatschten Jasmins Linke und ihre Rechte ab, wiederholten dabei den Schlachtruf und schlenkerten anschließend, die Hände in die ausgebeulten Hosentaschen vergraben, lässig davon.
„Bei welcher Gelegenheit seid ihr euch eigentlich über den Weg gelaufen?“, wollte Willem wissen.
„Ich gehe mit Toni in eine Klasse. Hoffentlich bleibt es dabei. Falls sie aus Klamottenburg wegziehen, könnte es eng werden. Was machen wir mit dem Rest vom Tag? Hast du Lust auf was Warmes?“
Willem blätterte beiläufig in einem Briefmarkenalbum, das neben einem Stapel Postkarten und unzähligen Sammelbüchern, die historische Zigarettenbilder enthielten, auf einem ausgeklappten Tapeziertisch lag. „Wenn das mein Vater sehen könnte. Briefmarken sind sein Ein und Alles.“
„Ich hab dich was gefragt, Grünfrosch. Wenn du magst, schmeiße ich eine Runde Tee.“
„Super Idee!“
Willem hatte mit einem Mal das Gefühl, dass er beobachtet wurde. Er drehte sich verunsichert um und schaute hinüber zum Tiergarten, wo auf der Lehne einer Parkbank ein Mädchen saß, die Beine baumeln ließ und ihm einen abschätzenden Blick zuwarf.
„Dazu gibt’s einen Muffin.“
„Einen was?“
„Oder von mir aus auch ’nen Hotdog.“
Ja aber, das ist doch! Mit einem Ruck riss er sich die Sonnenbrille von der Nase und atmete tief durch. Mann, Mann, Mann! Das kann ja wohl nicht wahr sein! Das gibt es doch gar nicht!
„Erde an Willem! Bist du noch da?“
Willem spürte, wie sein Herz bis zum Halse schlug. „Paula?“, flüsterte er ungläubig. „Paula Paul!“ Wie elektrisiert drängelte er sich durch die Spaziergänger und Wurstesser, tauchte unter einem Stehtisch durch, jagte über die Straße, wäre beinahe lang hingeschlagen. Als er jedoch die Bank erreicht hatte, war das Mädchen verschwunden. Und als Willem zwei Minuten später wieder vor der Bananenkiste stand, hatte sich auch Jasmin in Luft aufgelöst.
Конец ознакомительного фрагмента.
Текст предоставлен ООО «ЛитРес».
Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию на ЛитРес.
Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.




