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Pierre runzelte die Stirn. „Wir sind ja eine große Truppe. Wird schon nicht so schlimm werden!“
Pierre hatte die nächsten Tage alle Hände voll zu tun, Vorbereitungen für die Abfahrt zu treffen. Manchmal beobachtete er, wie Charbonneau seine beiden Squaws behandelte, und war nun doch froh, dass dieser Grobian nicht mitkommen würde. Er sah keinen Grund, eine Frau zu schlagen, wenn sie willig war und gehorchte. Es wurde ziemlich kalt, und er frohlockte, als endlich die Zeit des Aufbruchs kam. Der Missouri hatte einen niedrigen Pegel und kaum Strömung, sodass es leicht gewesen wäre, stromaufwärts zu fahren. Er beobachtete, wie ein Boot in Richtung St. Louis aufbrach, in dem sich auch Manuel Lisa und Benito Vazquez befanden. Sie wollten sich in St. Louis um ihre Geschäfte kümmern. Pierre hatte Lisa einen Brief an seine Eltern mitgegeben, damit sie sich keine Sorgen machten. Es wäre das erste Lebenszeichen von ihm seit mindestens zwei Jahren. Er schrieb nur, dass die Geschäfte gut liefen und er sich bester Gesundheit erfreute. Mato-wea erwähnte er lieber nicht. Seine Eltern hätten da wenig Verständnis gehabt. Seine Mutter war gottesfürchtig und wäre mit einer Heidin und Wilden als Schwiegertochter kaum einverstanden gewesen. Manuel Lisa versprach, die Familie von Pierre aufzusuchen und den Brief zu übergeben. Auch er hatte Familie, die sich sicherlich nach ihm sehnen würde. Lisa hatte eine Ehefrau in St. Louis, die er nicht den ganzen Winter allein lassen wollte. Zum Erstaunen von Pierre hatte er den kleinen Jungen von Charbonneau dabei. Er sollte auf Wunsch von William Clark in St. Louis eine Schule besuchen.
Pierre hatte gesehen, wie die Indianerin sich von dem Kind verabschiedet hatte, und sich gewundert, wie ruhig und wenig sentimental dies vonstatten gegangen war. Vielleicht ahnte sie, dass der Junge es in der Obhut von Clark besser haben würde als bei seinem jähzornigen Vater. Der französische Trapper hatte keinen so guten Ruf. Außerdem schien Sacaja-wea nicht bei guter Gesundheit zu sein.
Auch Benito Vazquez, der alte Halunke, freute sich auf sein Zuhause. Er hatte eine Französin geheiratet und mit ihr elf Kinder gezeugt. Der Jüngste war gerade neun Jahre alt … für einen solchen Greis wie Benito eine starke Leistung. Er hatte sich einen hartnäckigen Husten zugezogen und hoffte, in St. Louis einen Arzt aufsuchen zu können. Als „Clerk“, der Leiter des Forts, blieb Reuben Lewis, der Bruder von Meriwether Lewis zurück.
Einen Tag später ließ Pierre endlich ablegen. Er hatte in der Kajüte einen kleinen Platz freigelassen, der Mato-wea vorbehalten war. Es wurde bereits kalt, und der Wind war unangenehm, sodass die Frau ganz froh war, einen geschützten Bereich zu haben. Er hatte ihr Nadel und Faden gegeben, damit sie sein Hemd flickte, und sie arbeitete eifrig daran. Sie hatte bereits einige Worte seiner Sprache gelernt, wobei sie wahllos Englisch und Französisch vermischte. Woher sollte sie auch wissen, dass es zwei Sprachen waren, die sie hörte? Er fand ihr Kauderwelsch ausgesprochen lustig und bestärkte sie darin, neue Worte zu lernen. Bisher hatte er sie noch nie schlagen müssen. Er war sich noch ein wenig unsicher, ob er sie mehr als Sklavin oder eher als Gefährtin sehen sollte, aber das machte hier draußen wohl kaum einen Unterschied. Charbonneau hatte seine Squaws ja auch als Ehefrauen bezeichnet. Er meinte, dass es bei den Indianern üblich sei, für seine Ehefrau zu bezahlen.
Die Reise ging flussaufwärts, wobei sie die Boote oft ziehen mussten. Es war beschwerlich und kostete enorm viel Zeit. Die Landschaft glitt an ihnen vorbei – manchmal Prärie, dann wieder lichte Wälder oder seltsame Gesteinsformationen. Sie sahen jede Menge Wild, das aber verschwand, als sich die Boote näherten. Manchmal schossen sie vom Boot aus auf Gabelbockantilopen, Weißwedelhirsche oder sogar Bären. Einmal erwischten sie eine Bärin mit ihren Jungen und freuten sich auf das leckere Fleisch. Pierre war froh, als sie nach Tagen die Mündung des Yellowstone erreichten, der hier tatsächlich breiter als der Missouri war. Ab hier mussten sie fast nur noch das Boot gegen die Strömung ziehen. Kein Wunder, dass Colter den Landweg genommen hatte. Wahrscheinlich hatte er das Fort schon längst erreicht. Schnee lag in der Luft, und Pierre runzelte besorgt die Stirn. Er hoffte, das Fort zu erreichen, ehe die Flüsse gefroren. Mit gerunzelter Stirn beobachtete er den grau verhangenen Himmel. Unvermittelt setzte der erste Schneesturm ein, und die Männer vertäuten die Boote am Ufer und warteten ab. Frierend bauten sie mehrere Unterschlupfe, entzündeten Feuer und hofften, dass das Wetter sich beruhigte. „So ein Mist“, murrte Andrew Henry. „Der Winter kommt dieses Jahr früh!“
Pierre seufzte tief. „Muss nicht sein. Manchmal klart das Wetter noch mal auf.“ Es war mehr Hoffnung als Wissen.
Henry grunzte abfällig. „Ich spür‘s in meinen Knochen! Der Winter kommt früh. Wir können froh sein, wenn wir es bis zum Fort schaffen.“ Misstrauisch blickte er in den Himmel, als würden dort noch die Schwärme der Zugvögel nach Süden ziehen.
Mato-wea hatte sich in ein warmes Fell gehüllt und saß ebenfalls beim Feuer. Ihr schien die Kälte nichts auszumachen. Sie trug gefütterte Mokassins, warme Leggins, ein langes Kleid, das über den Schultern mit zwei Trägern gehalten wurde, und darüber einen Poncho, der mit Stickerei verziert war. Ein warmes Fell lag locker über ihren Schultern, und erst, als der Wind stärker wurde, zog sie es über der Brust zusammen. Pierre grinste und reichte ihr einen Teller Suppe. Einen Becher Kaffee lehnte sie ab. Seit der Hochzeitsnacht hatte sie nichts mehr getrunken, was er ihr angeboten hatte, sondern lieber das Wasser des Flusses. Er zwang sie nicht mehr, denn nachts war sie willig und anschmiegsam.
Am nächsten Morgen hörte der Schneesturm auf, und der Himmel war wolkenlos blau. Am Ufer knirschte es, als das Eis unter den Tritten der Männer brach. Schnaufend und singend zogen die Voyageure die Boote vorwärts. Auch die Trapper halfen mit, denn jetzt zählte jeder Tag. Die Gegend war flach, sodass sie gut vorankamen. Einmal kamen sie an einer riesigen Herde Bisons vorbei und schossen zwei Kühe. Die Männer freuten sich über das zusätzliche Fleisch. In der Ferne sahen sie wieder Gabelbockantilopen, und eines Morgens schossen sie einen Wapiti-Hirsch, der nichtsahnend ans Wasser gekommen war. Einige Passagen konnten sie mit Rudern zurücklegen, doch je weiter sie stromaufwärts kamen, desto eher griffen sie auf das „Treideln“ zurück.
Im späten November erreichten die Männer schließlich Fort Raymond an der Mündung des Bighorn. „Colonel“ Menard begrüßte sie überrascht, denn er hatte nicht mehr mit Booten gerechnet. „Wo kommt ihr Halunken denn her?“, brüllte er ihnen entgegen.
Pierre grinste von einem Ohr bis zum anderen. „Von Fort Lisa. Die Bosse dachten, dass ihr vielleicht noch ein bisschen Verstärkung braucht.“
Menard kratzte sich unter der Mütze. „Ja, mein Skalp juckt schon sehr. … fühlt sich besser an, wenn ihr da sei!“
Er schüttelte Andrew Henry freundlich die Hand und hieß ihn willkommen. „Was machst du denn hier?“
„Ich will weiter zu den Three Forks … wollte aber bei dir ein bisschen Unterschlupf finden. Geht das?“
„Klar!“ Menard war über die Verstärkung sehr angetan. Fleisch hatten sie genug, nur die Anzahl der Männer, die mit ihm im Fort geblieben war, hatte ihm Sorgen gemacht. „Wir hatten Ärger mit den Blackfeet. Da ist Verstärkung immer willkommen!“
Alle Anwesenden im Fort rannten johlend herbei und halfen den Männern, die Boote zu entladen und anschließend an Land zu ziehen. Besonderes Interesse weckte natürlich die junge Indianerin, die scheu von Bord kam. Pierre machte schnell klar, dass sie ihm gehörte und die Männer die Finger von ihr lassen sollten. Dann verschwand er mit Menard und Henry im Handelsraum des Forts und erstattete Bericht über die geplanten Aktionen der Missouri Fur Company. „Es werden wohl noch mehr Handelsposten aufgebaut. Chouteau ist am Missouri unterwegs, und Henry möchte zu den Three Forks aufbrechen. Wir warten noch auf Colter, der mit Pferden hierher unterwegs ist. Ist er noch nicht da?“ Pierre hob fragend die Augenbrauen.
„Colter kommt auch her?“, fragte Menard interessiert. „Nee, der ist noch nicht hier. Warum ist er nicht mit dir gekommen?“
„Er bringt Pferde für die Expedition mit und wollte daher den Weg über Land nehmen. Er wollte eigentlich schon längst da sein. Hoffentlich ist nichts passiert!“
„Vielleicht wurden sie vom Schnee aufgehalten. Der kommt früh dieses Jahr.“
Pierre schwieg dazu. Wenn es nur der Schnee war, dann würde Colter schon irgendwann auftauchen. Die Männer wussten, wie man auch im Winter hier draußen überleben konnte. Er deutete auf seine Frau, die bescheiden im Hintergrund stand. „Hast du einen Platz für uns?“
Menard musterte die junge Indianerin und nickte freundlich. „Klar! Such dir oben einen Platz. Da ist es schön warm. Nimm dir eine Kammer.“
„Danke!“
„Und was hast du vor?“, erkundigte sich der Anführer.
„Eigentlich wollte ich auf Colter warten und mich dann ihm und Henry anschließen.“
„Three Forks, was?“
Pierre nickte. „Ein oder zwei gute Winter, und ich kann die Farm meiner Eltern noch vergrößern.“
Menard lachte dröhnend. „Wenn dich mal der Pelzhandel erwischt hat, Junge, dann bebaust du garantiert keine Felder mehr. Es gibt entweder Jäger oder Farmer.“
Er schob Pierre in Richtung seiner Frau und klopfte ihm gönnerhaft auf die Schulter. „So, jetzt nimm mal dein Mädel und mach ihr ein paar hübsche braune Kinder. Ich sage dir, nichts ist besser als ein paar Hände, die dir beim Arbeiten helfen. Eigene Kinder kosten nichts. … Musst sie nur ein bisschen füttern.“
Pierre wurde etwas rot, denn an Familienplanung hatte er noch nicht gedacht – zumindest nicht mit einer Squaw.
Menard sah sein Zögern. „Du willst später mal eine Weiße, was?“ Pierre zuckte unentschlossen mit den Schultern. „So weit habe ich noch gar nicht gedacht.“
„Macht nichts! Auch Clark hat einen Sohn mit einer Nez Percé. Bei den Indianern gehören die Kinder zur Frau. Wenn du sie irgendwann zurücklässt, bleiben die Kinder bei ihr – und du kannst deine Auserwählte heiraten.“
Pierre riss erstaunt die Augen auf. „Clark hat einen Sohn mit einer Indianerin?“
„Ja, er war im Winter mit der Frau zusammen. Sie ist die Tochter eines Häuptlings.“
„Und es gab keinen Ärger.“
„Warum? Clark hat wohl großzügig für sie bezahlt. Bei den Indianern ist es kein Hinderungsgrund, wenn die Squaw schon ein Kind hat. Das zeigt höchstens, dass sie fruchtbar ist. Die nehmen das nicht so genau. Das Mädchen hat bestimmt schon den Nächsten …“ Er klang nicht besonders beeindruckt und hatte wohl auch keine hohe Meinung von den Indianern. „Kannst ja mal die anderen an die Kleine lassen … gegen Bezahlung, versteht sich.“ Er machte eine ordinäre Geste in Richtung von Mato-wea.
Pierre schluckte schwer, und seine Lippen wurden zu einem schmalen Strich. „Sie ist doch keine Nutte!“, stellte er klar.
Menard zuckte mit den Schultern. „Ich meine ja nur …. Da kannst du deine Ausgaben kompensieren.“
Pierre sagte lieber nichts mehr, sondern drückte Mato-wea seine Bündel in die Arme und schob sie dann die zusammengezimmerte Holztreppe hoch. Er selbst trug ebenfalls einige Bündel und natürlich sein geliebtes Gewehr. Er fand die beschriebene Kammer, die sonst Manuel Lisa beherbergt hatte, und stellte seine Bündel in eine Ecke. Die Kammer war kaum größer als das Bett, das eine Matratze aus Stroh hatte, aber für Pierre war es geradezu luxuriös. Er legte eine Decke auf das Bett und zog Mato-wea zu sich herab. Seine Hand fasste unter ihren ponchoartigen Umhang und umschloss eine ihrer Brüste. „Jetzt machen wir es uns ein bisschen gemütlich“, raunte er verführerisch. „Warte hier! Ich hole uns etwas zu essen!“
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